Kaiser-, Wilson-, Haupt-Bahnhof

 

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Man muss einfach näher herangehen, um die Schönheit des Prager Hauptbahnhofs (Praha hlavní nádraží) schätzen zu lernen. Sein Umfeld ist so sehr durch sozialistische Stadtplanung verbaut, dass man erst weiter drinnen seine Jugendstilpracht in ganzer Fülle erblühen sehen kann.

IMG_28091871 fing es an. Da erbaute man an dieser Stelle einen Bahnhof, den man nach  Kaiser Franz Josef benannte. Dieser Ursprungsbau war im Neorenaissancestil gehalten und zu seinen Architekten gehörte einer der großen Meister dieses Stils in Prag, Anton Viktor Barvitius.

Der Bahnhof unterschied sich von dem bisher größten (und ersten) Bahnhof der Stadt, dem heutigen Masaryk-Bahnhof (siehe früheren Beitrag hier), dadurch, dass er kein Kopfbahnhof war. Die Idee eines Durchfahrtsbahnhofs erwies sich als die verkehrspolitisch langfristig bessere Lösung, weshalb der neue Bahnhof dem alten schnell den Rang ablief.

Jedenfalls wurde der Bahnhof schon bald vergrößert und zugleich auch völlig umgebaut. Jugendstil statt Neorenaissance war nun angesagt. Der Architekt Josef Fanta gestaltete in IMG_2806den Jahren 1901 bis 1909 das Gebäude komplett um und gab im letztlich seine heutige Form.

Hat man alle Sichthindernisse überwunden, erkennt das schon von außen. Der heute nicht mehr so oft für diesen Zweck genutzte alte Haupteingang ist Teil einer Fassade, die von einem großen Thermenfenster gekrönt und von zwei jugendstiligen, aber doch ein wenig an orientalische Sakralbauten erinnernden Türmen symmetrisch umrahmt ist. Dahinter befindet sich die Bahnhofhalle, die heute Dank der späteren Umbauten etwas vom allgemeinen Betrieb abgehängt ist, weshalb sich kaum Bahnreisende, aber nicht selten etliche Kulturinteressierte dort einfinden. Dort befindet sich auch ein stilistisch passendes Café, das nach dem Archtitekten Café Fanta (Fantova kavárna) genannt ist.

Die Bahnhofshalle ist gemäß vielen Reiseführern für alle Jugendstilliebhaber das Mekka schlechthin. Damit liegen sie möglicherweise nicht falsch, denn der Saal ist schlichtweg umwerfend. Die allegorische und symbolische Ornamentik – meist zu Ehren der Stadt Prag und der böhmischen Länder – ist geradezu grenzenlos (siehe großes Bild oben) und lässt vergessen, dass das kein Palast, sondern ein Nutzgebäude ist. IMG_2801Ganz versteckt oben in einem Fries findet man dabei als Kuriosum auch das Logo der damaligen k.k. Staatsbahnen, ein geflügeltes Rad, das später in designerisch leicht veränderter Form von den Tschechoslowakischen Staatsbahnen übernommen wurde – und dadurch seine Aktualität noch eine gewisse Zeit bewahrte.

Kurzum: Man findet, wenn man in und um den Bahnhof schlendert, eine Unmenge interessanter witziger Details, die zeigen, mit welchem Einfallsreichtung die Künstler hier am Werke waren – etwa die versteckte und recht IMG_2804wild anmutende Schlangensymbolik an einem der Eingänge des südlichen Flügels des Hauptbaus.

Kaiser Franz Josef hatte als Namenspatron natürlich ausgedient als der Erste Weltkrieg endete und die unabhängige Erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde. Die wollte vor allem einem ausländischen Politiker danken, der sich besonders eifrig für diese Unabhängigkeit eingesetzt hatte, nämlich dem US-Präsidenten Woodrow Wilson. Nach ihm benannte man den Bahnhof 1918 und stellte davor sogar später ein Denkmal für ihn auf (siehe früheren Beitrag hier).

Weder Wilsons Demokratieideale noch die tschechoslowakische Unabhängigkeit gefielen den Nazis, die 1939 einmarschierten. Sie gaben dem Wilson-Bahnhof daher nunmehr den prosaischen Namen Hauptbahnhof. Trotz der in diesem Falle höchst ominösen Herkunft behielt man den eher phantasielosen (aber immerhin ideologisch unverseuchten) Namen fortan bei – bis zum heutigen Tage.

IMG_27901970 verband man den Hauptbahnhof mit der U-Bahn, was die Kommunisten gleich mit einem hohen Aufwand an städtebaulichem Verschandelungspotential kombinierten. Eine neue Vorhalle in Beton und Stahl,  über die eine riesige Autoverkehrsachse gelegt wurde, versperrte nun den direkten Zugang. Man muss nunmehr durch Tunnel von der neuen Halle zu den Gleisen gehen, dabei die schöne alte Halle meidend. Und von der Altstadtseite her verhindert der Neubau auch die Aussicht auf das alte architektonische Schmuckstück. Diese Wunde, die man in die Stadt gerissen hatte, verheilt bis heute nicht so recht. Optisch nicht ganz so brisant, und wohl verkehrstechnisch notwendig war die 1994 vorgenommene Erweiterung um drei weitere Bahnsteige. Dadurch gewann der Bahnhof an Kapazität. Rund 76.000 Reisende werden nunmehr täglich abgefertigt.

Seit einigen Jahren werden am Hauptbahnhof, dessen Status als Kulturdenkmal unbestritten ist, umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt. (DD)

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