Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Jugendstil auf dem Sprung zur Moderne

Selbst das Stuckrelief der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind über der Tür – ein durchaus konventionelles Sujet – kann nicht über die Modernität des Gebäudes hinwegtäuschen. Wie sehr der Jugendstil die funktionalistische Moderne vorbereitete, kann man an dem Wohnhaus in der Ondříčkova 1177/3 im Stadtteil Žižkov (Prag 3) beobachten. In der „geometrischen“ Spätphase hatte sich der Jugendstil von den üppigen floralen Schmuckelementen der Frühphase gelöst und ging allmählich in neue Stilformen über.

Das vierstöckige Gebäude wurde im Jahre 1907 nach den Plänen des Architekten Bohuslav Homolač durch den Bauunternehmer František Jareš gebaut. Sieht man die Fensterumrahmungen und das Marienbild nebst der es umgebende Ornamentik, kann man das Haus natürlich ganz eindeutig dem Jugendstil zuordnen. Aber schon der dreieckig nach vorne ragende Dachvorbau über Tür und Maria könnte nahtlos in jedes Gebäude der auf den Jugendstil folgenden Stile des Art déco oder des Prager Kubismus eingefügt werden.

Dabei spielt die Fassadenstruktur mit den säulenhaft geordneten Fenstern und Balkonerkern und dem Giebel durchaus auch klassizistische Vorbilder an. Aber in seiner Strenge und weitgehenden Schnörkellosigkeit (der ursprüngliche Plan, über dem Giebel eine Skulpturengruppe zu platzieren, wurde fallengelassen) passt sich das in eine fast schon funktionalistische Ästhetik ein. Umbauten im Jahr 1935 (als in Prag der „echte“ Funktionalismus in Mode kam), die auch die Fassade betrafen, unterstrichen diesen Eindruck noch einmal. Dabei wurde unter anderem das ursprünglich zweigeteilte Fenster im Giebel in die heutige einfache Gestalt gebracht, ohne dass das zu einem Stilbruch führte. (DD)

Schlachtgetümmel, fürchterlich

Das Schlachtgetümmel ist fürchterlich… Und auf dieser Fassade gleich dreimal! Wer denkt, der militärscheue brave Soldat Schwejk sei tatsächlich der typische Tscheche, der wird immer wieder erstaunt sein, wie gerne und stolz die Tschechen ihr Militär und seine Geschichte feiern. Man sollte keinen Klischees aufsitzen.

Wir befinden uns vor dem Haus in der Ječná 508/10. Das hat in den Jahren 1905/06 der Architekt Jan Voráček erbaut, der auch das gegenüber liegende Haus Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), über das wir bereits berichtet haben, entworfen hatte. Es handelt sich um ein vierstöckiges Miets- und Wohnhaus, das in einem opulenten floralen Jugendstil mit historischen Elementen ausgestaltet ist. Beeindruckend ist nicht zuletzt die im Stil der böhmischen Renaissance gehaltene Giebelkonstruktion.

Dort dominieren auch florale Malereien mit ornamentalem Charakter. Über dem zweiten Stock befindet sich jedoch die eigentliche Attraktion, nämlich drei große Fresken, die kriegerische Heldentaten aus der tschechischen Geschichte darstellen. Nicht nur das Thema, sondern auch der historisierende Stil, der der böhmischen Frührenaissance nachempfunden ist, passen zu dem ansteigenden Nationalbewusstsein, dass in dieser Zeit von den Tschechen im Habsburgerreich gerne auch auf Fassaden zur Schau getragen wurde. Diese Art von Neorenaissancestil wurde in Böhmen zur Zeit des Baus vor allem von den Historienmalern Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) und Adolf Liebscher (hier und hier) repräsentiert. Liebscher hat einige Gebäude in der Nähe gestaltet. Ob er für die Fresken hier in der Ječná verantwortlich war, lässt sich aber nicht belegen.

Die Schlachtgetümmel sind von links nach rechts chronologisch geordnet. Es beginnt mit der Zeit der frühen slawischen Geschichte – eine Zeit, von der nur Legenden überliefert sind. Links sieht man frühe Slawen im Kampf gegen die Feinde. Solche Schlachtlegenden fand man damals in der vermeintlich mittelalterlichen Königinhofer Handschrift, wo die Sagenhelden Záboj and Slavoj, gegen böse Germanen Siege grandiose errungen. Das passte ins nationalistische Weltbild der Zeit – auch wenn sich leider die Handschriften als neuzeitliche Fälschungen erwiesen (wir berichteten hier). Der Tscheche von damals fühlte sich aber von solchen Bildern in seinem anti-habsburgischen (und somit leicht anti-deutschen) Nationalismus bestätigt.

Das zentrale Bild zeigt ein Schlachtgetümmel aus den Hussitenkriegen nach 1420, in denen die Böhmen tapfer und mit tatsächlich großem militärischen Geschick (die Hussiten waren zumindest keine Schwejks!) sich gegen fremde Kreuzritter verteidigten und so ihre Glaubensfreiheit bewahrten. Ja, und die Szene im großen Bild oben zeigt uns die Schlacht am Weißen Berg von 1620, in der sich die Böhmen ein letztes Mal – doch erfolglos – gegen die Habsburgerherrschaft wehrten. Aber der tapfere Versuch zählte und das Bild erinnerte immerhin daran, dass man den Habsburgern mal wieder den Verlust der eigenen Freiheit vorwerfen konnte. (DD)

Symbolistischer Jugendstil

Die meditative Pose, der seltsame Lendenschurz, die wallende Barttracht und der (heute wieder moderne) rasierte Scheitel – auf den Zeitgenossen dürften die überlebensgroßen Herren in Stuck einen zutiefst mysteriösen Eindruck hinterlassen haben. Das dürften die Erbauer des vierstöckigen Wohnhauses in der Bílkova 132/4 (Ecke Elišky Krásnohorské) im Stadtteil Josefov (Prag 1) auch bezweckt haben.

Das Haus wurde in den Jahren 1910-13 von dem Architekten und Bauunternehmer František Kavalír gebaut. Der galt damals als Avantgardist. Er hatte bei dem Urvater der tschechischen Moderne,  Jan Kotěra (wir berichteten u.a. hier), studiert und war Mitgründer der Künstlervereinigung Artěl, die sich für moderne Kunst und modernes Design stark machte. In den 1930er Jahren machte er sich als Funktionalist einen Namen. Zusammen mit seinem älteren Bruder Václav gründete er nach 1906 das Bauunternehmen Bratří V a F Kavalírové. Der Bruder starb 1911, aber im Firmennamen lebte er weiter. So sieht man es auch bei diesem Haus, wo eine kleine Tafel die Firma der beiden Brüder als Erbauer kennzeichnet, obwohl der eine die Fertigstellung nicht mehr erlebte.

Das Haus in der Bìlkova repäsentiert die letzte, geometrische Phase des Jugendstils. Architektonisch ist das Gebäude damit auf der Höhe der Zeit, der Spätjugendstil kommt aber noch ohne Anleihen an den Kubismus aus, der damals ihm den Rang ablief (ein Beispiel für einen Übergangsstil, der diesem Haus recht ähnlich sieht, sahen wir hier). Für diese geometrische (d.h. auf die spielerischen floralen Elemente des frühen Jugendstils verzichtende) Stilvariante ist auch ein deutlicher Hang zum Mystizismus charakteristisch. Und so sieht man hier eine Fusion von Jugendstil und Symbolismus am Werke, wir man sie in der Prager Architektur der Zeit öfters antrifft.

Später sollte sich der Symbolismus vom Jugendstil lösen und zur eigenständigen Kunst und Architekturform werden – was man in Prag zum Beispiel bei der Bílek-Villa (wir berichteten hier) studieren kann. Das ist hier in der Bílkova noch nicht der Fall. Ein typischeres Beispiel für Jugendstil-Symbolismus als die fünf als Atlanten für den Eck-Erkerturm des Gebäudes fungierenden Männergestalten, von denen sich drei in der Mitte clustern und je zwei am Rande stehen, kann man sich kaum vorstellen. Ein ovales Relief über einem Seiteneingang mit einem weiblichen Halbakt, der zunächst wie das Bild einer Seejungfrau aussieht, bevor man die Füße erkennt, rundet die Gestaltung ab. (DD)

Das Haus für den Bruder

Heute nur den wenigsten Menschen bekannt, war Jaroslav Hilbert um die Jahrhundertwende ein beliebter böhmischer Schriftsteller, der die Welt unter anderem mit 22 modernen Theaterstücken beglückte, die (geprägt von Henrik Ibsen) als wilde psychologische Dramen gedacht waren. So einer braucht auch ein extravagantes Haus. Da ist es gut, wenn man einen älteren Bruder hat, der so etwas bauen kann.

Also reden wir hier von Kamil Hilbert und dem Hilbert-Haus (Hilbertův dům) am Masarykovo nábřeží 234/26 (Masaryk Ufer), von dem aus man einen umwerfenden Blick über die Moldau zur Burg genießen kann. Kamil Hilbert war schon ein renommierter Architekt und Spezialist für Historismus als er 1899 der Nachfolger von Josef Mocker als Dombaumeister des Veitsdoms wurde, und mit der Ernennung wurde er noch renommierter. Ohne ihn sähe der Veitsdom heute nicht so aus, wie er heute aussieht. Aber auch sonst findet man überall in Prag (und an vielen anderen Orten im Lande) Spuren seines architektonischen Wirkens (etwa hier).

Hilbert d.Ä. war ein akademischer historistischer Purist, der sich an die meist mittelalterlichen Stilvorgaben hielt, die Mocker noch recht frei inerpretiert hatte, um sie seinen eigenen/subjektiven Vorstellungen von Gotik anzupassen (weshalb er gerne auch nicht-gotische Gebäude phantasievoll umgotisierte; Beispiel hier). Aber für seinen wildromatisch-modernen Schriftsteller-Bruder wäre das wohl zu langweilig gewesen und hätte nicht seine persönliche Botschaft an die Welt ausgedrückt. Aber Hilbert d.Ä. konnte auch anders. Und das Haus seines Bruders ist ein Beleg dafür. Hier war der damals hochmoderne (und eigentlich gegen den Historismus, den Hilbert d.Ä. repräsentierte, gerichtete) Jugendstil gefragt.

Bei dem Unterfangen kam ihm Karel Novák zur Hilfe, ein Bildhauer und Verfechter eines exaltierten und mystisch angehauchten Jugendstils, der geradezu perfekt zu Hilbert d.J. Stücken passte. Wir hatten ihn schon u.a. hier vorgestellt. Der gestaltete die skulpturalen Elemente der Fassade so, dass man nicht weiß, wo mystischer Ernst aufhört und phantasievolle Spielerei beginnt. Vor allem sieht man eine wimmelnde Tierwelt, deren Symbolik sich nicht unmittelbar erschließt.

Einfach mag es ja mit den beiden Eulen sein, die über der düsteren Eingangsportal (großes Bild oben)wachen – sie könnten tiefere Weisheit symbolisieren. Aber was sind das für mottenähnliche Insekten, die unter dem Fenster des ersten Stocks maskenhaft auf uns herabschauen, während sie sich an der Wand festklammern? Ihre ikonographische Einordnung wird schon schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Zumal sie an Fische erinnernde Gesichter haben…

Wesentlich eindeutiger ist wiederum die Symbolik des Motives des Lebensbaums. Sie ist christlich fundiert (etwa in der Bibel Genesis 3,22-24 und Offenbarung 2,7), findet sich aber auch in vielen Naturreligionen als Schöpfungsmythos wieder.

Novák verwendete das Motiv des Lebensbaums bei Häusern gerne und oft (wie wir hier bereits zeigten). Es passte zu seiner mystizistsichen Grundhaltung. Hier beim Hilbert-Haus hat er es so geschickt mit Akanthusornamenten (Pflanzenzierat) umrahmt, dass der optische Eindruck eines Herzen entsteht – was den Symbolgehalt noch einmal deutlich verstärkt.

Endgültig mysteriös wird es bei den vier großen Vogelskulpturen auf dem Dach. Es sind dies von links nach rechts: Geier, Adler, Truthahn und Pelikan. Der Adler ist ist als Wappentier so symbolgeladen, dass seine Präsenz wenige ikonographische Rätsel bietet. Er steht für Macht und Göttlichkeit. Dass er sich hier direkt neben dem Geier befindet, der in der Bibel explizit als Symbol der Unreinheit (Levitikus 11,13) verschrieen ist, gibt dann aber doch ein Rätsel auf.

Auch der Pelikan hat sich im Mittelalter als Symbol für Christus etabliert, weshalb man ihm hier allegorischen Gehalt zubilligen muss. Weil aus Amerika kommend (also erst nach Kolumbus ins Blickfeld der Europäer geriet), spielte der Truthahn in der klassisch-antiken oder christlichen Ikonographie eigentlich keine Rolle. Während Novák mit seinem Lebensbaummotiv ganz symbolistisch kam, mag er sich bei der ornithologischen Ansammlung auf dem Dach möglicherweise nichts Tiefsinniges gedacht haben, sondern die Vögel nur witzig gefunden haben.

Dafür könnte auch die wilde Sammlung von Tieren, die sich in den Steingeländern der kleinen Erkerbalkone im fünften Stock tummelt. Zu denen gehört der kleine Affe im Bild links oder auch die etwas ratlos dreinschauende Katze im Bild rechts. Ein Löwenbaby und einen Wachhund findet man ebenfalls, wenn man genau hinschaut. Umrahmt sind sie eher von historistischen Motiven (Akanthus, gotische Spitzbögen) und nicht von Jugendstilornamentik.

Hilbert d.Ä. und Novák müssen ein kongeniales Team gewesen sein, das sich gegenseitig zu Höchstleistungen anstachelte. Viele der Motive, die man auf der wimmelbildhaften Fassade findet, befanden sich wohl gar nicht auf den Originalplänen. Die beiden legten also während der Bauarbeiten immer wieder noch einmal kräftig nach. Hilberts Historismus und Nováks überbordender Jugendstil gingen dabei eine hübsche Symbiose (Neudeutsch: Stilmix) ein, was man besonders schön an dem recht streng im Stil der Neorenaissance gehaltenen Portal sehen kann, aus dem von hinten Jugenstilornamentik herausschimmert.

Und was die Symbolik angeht, ob das welche ist oder nicht, oder ob es irgendeinen verborgenen Bezug zum schriftstellerischen Werk von Hilbert d.J. gab, so werden wir vielleicht nie wirklich dahintersteigen. Aber das macht nichts. Es ist jedenfalls ein Spaß, sich die Fassade lange anzuschauen und nach Sinn oder Unsinn darin zu suchen. Kamil Hilbert war jedenfalls stolz auf das Haus, das er mit Novák zusammen für seinen Bruder Jaroslav erbaut hatte. Warum sonst hätte er über einem Fenster im Ergeschoss seine Initialen KH in Stuck angebracht? (DD)

Hier wohnte Kafka zweimal

Es ist ein nicht besonders auffälliges Haus im späten Jugendstil. Auch findet sich keine Gedenkplakette daran, aber etwas ist an dem vierstöckigen Wohnhaus in der Bílkova 868/10 in der Altstadt dennoch bemerkenswert. Hier wohnte der Schriftsteller Franz Kafka nicht nur einmal, sondern zweimal.

Das Gebäude muss noch recht neu gewesen sein, als Kafka hier im August 1914 zum ersten mal – recht kurz! – wohnte. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Da man seine Arbeit bei der Versicherung Assicurazioni Generali (wir berichteten hier) für kriegswichtig hielt, wurde er nicht zur Armee eingezogen. Seine beiden Schwäger, die Ehemänner seiner Schwestern Elli und Valli, mussten jedoch in den Krieg ziehen. Kafka musste aus dem elterlichen Haus, in der mit 31 immer noch wohnte, ausziehen, weil Elli mit ihren beiden Kindern hier nun einzog und die Wohnung dadurch zu klein wurde. Und Kafka zog provisorisch in die Wohnung von Schwester Valli in der Bílkova ein – aber nur so lange, bis deren Familie aus dem Sommerurlaub zurück war. Richtig glücklich war er hier nicht, war doch gerade seine Verlobung mit Felice Bauer in die Brüche gegangen. In der neuen Wohnung begann er mit dem Roman Der Process, der dieses für ihn einschneidende Ereignis verfremdet aufarbeitet.

Schon zu Beginn des Septembers zog er in die neue Wohnung von Schwester Elli in der heutigen Polská 1532/48 im Stadtteil Vinohrady (wir berichteten hier). Obwohl er hier eher gegen seinen Willen für die väterlichen Asbestwerke Hermann und Co. arbeiten musste, vollendete er hier den Process. Im Februar 1915 zog er wieder in die Wohnung in der Bìlkova ein, dieses Mal als richtiger alleiniger Mieter. Aber Kafka war nun einmal ein übersensibler Mensch. Dass die Hausvermieterin in einer Nebenwohnung ab und an Französischunterricht gab, störte ihn in seiner Kreativität und brachte ihn aus dem Gleichgewicht: „Die Wohnung verdirbt alles.“ Schon einen Monat später, im März 1915, kündigte er den Vertrag, um in das ebenfalls in der Altstadt gelegene Haus U Zlaté Štiky (Zum Goldenen Hecht) an der Ecke Masná 705/1 und Dlouhá 705/16 zu ziehen. Obwohl er auch hier sich immer wieder beklagte, dass die Menschen um ihn herum zu laut/aufdringlich waren, hielt er es hier immerhin bis zum Februar 1917 aus.

Das alles spielte sich während der Zeit des Ersten Weltkriegs ab. Kafka schien, so er sich überhaupt tiefer für den Krieg (in den viele seiner Freunde wie etwa sein Schriftstellerkollege Max Brod eingezogen wurden) interessierte, eher auf habsburgischer und deutscher Seite positioniert gewesen zu sein. Aber er hatte in einer Zeit, da in Böhmen der Konflikt zwischen der deutschsprachigen und der tschechischen Bevölkerung eskalierte, ein immer noch positives Verhältnis zu den Tschechen. Dennoch scheint er für viele Tschechen, trotz des Rummels, der an touristischen Plätzen um Kafka gemacht wird, irgendwie immer „Deutscher“ geblieben zu sein. Wie sonst ist zu erklären, dass an dem Haus in der Bìlkova, aber auch an den anderen genannten Wohnorten, keine Plakette angebracht wurde, die daran erinnert, dass hier sogar zweimal der bekannteste Schriftsteller Prags lebte? (DD)

Ein Industriebau, der ins Stadtbild passt

Prag – das ist nicht nur Altstadt; das ist auch Industriearchitektur vom Feinsten. Ein schönes Beispiel dafür ist das vierstöckige Fabrikgebäude in der Plzeňská 213/11 (Ecke Kováků) im Stadtteil Smíchov (Prag 5). Smíchov nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Aufschwung als hier die Firma des Einbahnwaggonbauers Ringhoffer ihre Fabriken aufbaute (wir berichteten hier). Andere Firmen folgten, etwa das Unternehmen MeWa (eine Abkürzung für „Metallwaren“), dessen Gebäude wir hier sehen.

Das Gebäude wurde in den Jahren 1913 und 1914 von der Baufirma Josef und Bohdan Bečka auf einem neu erworbenen Grundstück errichtet, auf dem zuvor ein Lager der Handelsgesellschaft der Unternehmer Josef Kutzer und Karl Entz (der auch Ratherr war) gestanden hatte. Die Entwürfe stammten von dem deutsch-jüdischen Architekten Max Spielmann (wir erwähnten ihn schon hier). Der galt als Spezialist für große und prunkvolle Unternehmervillen und Bankpaläste. Das mag der Grund sein, warum beim Bau des Firmengebäudes der MeWa so sehr auf gepflegte, klassische Ästhetik geachtet wurde – in diesem Falle in einem gepflegten Spätjugendstil, der schon deutlich ins Art Déco übergeht.

Die Firma MeWa, die 1898 als Aktiengesellschaft gegründet worden war, befand sich damals auf dem Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Erfolges. Zur vielfältigen Produktpalette gehörten unter anderem Badewannen, Gaslampen und Heizkörper. Mit 2500 Beschäftigten gehörte sie zu den großen Firmen Böhmens. Man hatte Niederlassungen und Werke in Deutschland mit insgesamt, aber vor allem im ganzen alten Habsburgerreich. Dieser Markt brach 1918 zusammen mit dem Habsburrgerreich ein und die Firma erlebte in der Tschechoslowakischen Republik einen allmählichen Niedergang, der durch die Weltwirtschaftskrise nach 1929 so verstärkt wurde, dass man das Gebäude in Smíchov aufgab. MeWa konnte sich danach nur noch einen Firmenwerkssitz in Roudnice nad Labem leisten, wo die Firma heute (nach der kommunistischen Verstaatlichung 1948 und der Privatisierung 1989) immer noch residiert.

Das MeWa-gebäude in Smíchov wurde 1934 an die 1917 gegründéte aus dem ehemaligen Unternehmen des genialen Erfinders František Křižík hervorgegangene Elektrofirma, die Aktiengesellschaft Křižík- Chaudoir verkauft. Dafür mussten im Inneren die Räumlichkeiten verändert werden, wozu man den Architekten und Bauunternehmer Miroslav Smlsal anheuerte. Die von Spielmann entworfene Außengestaltung blieb jedoch gottlob erhalten. Die Firma Křižík- Chaudoir wurde 1945 (noch von der demokratischen Regierung) verstaatlicht und erlangte auch nach 1989 keine eigenständige Existenz mehr, wenngleich im Smíchover Gebäude unter staatlicher Kontrolle immer noch Elektrogeräte produziert wurden. Das bleibende Erbe der Firma wurde daher der Name, den das Gebäude seither trägt: Palác Křižík (Křižík-Palast).

Nach 1989 wurde der Palác Křižík privatisiert und 2007 vom Architekturstudio AHK-Ateliers nach Entwürfen der Architekten Zdeněk Hölzel und Jan Kerel innen nochmals grundlegend umgebaut. Jetzt handelt es sch bei der ehemaligen Fabrik um ein Mehrzeck-Bürohaus. Größter Nutzer ist die tschechische Sektion des französischen Kosmetikherstellers L’Oréal, deren Logo auch über dem Dach prangt. Ansonsten wurde das Äußere authentisch beibehalten. Das Spielmannsche Gebäude ist daher in all seiner Pracht bewunderbar – die elegant sparsame Ornamentik, die geometrisch strukturierte Fassade, die Art Déco-Leuchtlaternen (Bild rechts) über dem Eingang und die Laterne (Turmaufsatz). In das mittlerweile sehr gentrifizierte Smíchov, das schon seit einiger Zeit kein Industrie- und Arbeiterviertel mehr ist, sondern eine Einkaufsmeile asst es mit seiner Eleganz hervorragend ins Stadtbild. (DD)

Fische, Gewehre und ein Mord

Die großmäuligen Fische als Erkerstützen, die seltsamen Echsen und die Grimassen der Maskaronen auf der Fassade der unteren Geschosse wirken so putzig, dass man beim Anblick des großen vierstöckigen Wohn- und Geschäftshauses in der Spálená 284/1, Ecke Myslíkova, nichts Böses zu denken vermag. Gewehre oder gar ein Mord kommen einem nicht in den Sinn.

Es begann harmlos. Ursprünglich standen hier seit 1383 zwei gotische Häuser, die im Jahre 1808 von Wilhelm I. Fürst von Auersperg erworben wurden, der an ihrer Stelle ein großes Gebäude errichten ließ, das auch gewerblich und öffentlich nutzbar war, und dessen Fassade reich mit den Insignien der Adelsfamilie Auersperg geschmückt war. Zu den gewerblichen Mietern gehörte die Waffen- und Gewehrfabrik A.V. Lebeda. Immerhin baute die Firma kein Kriegsgerät, sondern Prunk- und Jagdwaffen im obersten Preissegment.

Anton Vinzenz Lebeda, der die Firma im Jahre 1820 gegründet hatte, belieferte sogar den kaiserlichen Hof. Kaiser Franz Josef war von den Lebeda’schen Gewehren so begeistert, dass er nach einer Vorführung 1852 gleich 21 Schießeisen verschiedenen Typs bei ihm kaufte. Lebeda achtete auch auf Ästhetik. Bedeutende Künstler der Zeit, etwa Josef Mánes, gestalteten die Gewehrschafte und -kolben. Antiquitätenhändler können heute riesige Geldsummen für ein altes Lebedagewehr verlangen. Lebeda selbst war übrigens mit der Neuadelsfamilie von Starck verwandt, deren Wappen er führte. Das kann man heute noch oben an der Ecke des Hauses unter dem Dach bewundern.

Später (Lebedas Firma, die nach seinem Tod von den anscheinend weniger geschäftsbegabten Erben betrieben wurde, schloss 1888 ihre Pforten) zog in das Haus noch das Institut für Chemie der Tschechischen Universität und das Labor für Pharmazeutische Chemie ein. Dann kam in den Jahren der Abriss und Neubau 1905 bis 1906. Das neue Gebäude nahm die Traditionen des neobarocken Vorgängerbaus auf und kombinierte sie vorsichtig mit dem damals ganz neuen und modernen Jugendstil.

Als Architekt zeichnete sich der Bauunternehmer František Buldra aus, dem wir unter anderem auch das Gebäudes des berühmten Café Louvre (wir berichteten hier) verdanken. Es gibt wohl Anhaltspunkte dafür, dass auch der renommierte Jugendstilarchitekt Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten) an den Plänen mitwirkte. Dafür spräche, dass in seinen früheren Werken Polívka gerne Barock und Jugendstil kombinierte (ein Beispiel zeigten wir bereits hier). Man sieht es unter anderen hier an dem wunderschönen Eingangsportal an der Myslíkova (Bild rechts).

In dem neuen Wohn- und Mietshaus gab es im Erdgeschoss einige Geschäfte, darunter das des Goldschmieds Václav Havrda. Am 12. Juni 1930 drang hier ein unbekannter Mann mit einer Pistole in der Hand ein. Im Laden war nur der Sohn des Inhabers, Rudolf Havrda, der sich zu wehren versuchte. Der Täter erschoss ihn kaltblütig und floh. Havrda starb noch bevor der Arzt kam, den vorbeikommende Passanten herbeiriefen. Der Fall erregte Aufsehen in den Medien ob seiner Brutalität. Mit Regierungsrat Josef Vaňásek nahm sich allerdings einer der berühmtesten tschechoslowakischen Kriminalpolizisten und Detektive seiner Zeit des Falles an. Er hatte zuvor die erste Drogenabteilung der tschechoslowakischen Polizei aufgebaut – eine Pionierleistung (auch wenn man der Drogenprohibiton skeptisch gegenüber steht). Er stand für die Einführung moderner wissenschaftlicher Methoden in die Kriminalistik.

Vaňásek, bekannt für sein methodisches Vorgehen, fand schnell heraus, dass sich der Verwalter des Hauses mit einem gewissen Anton Volovik zusammengetan hatte, der den Überfall ausführte. Beise Missetäter wurden der ihrer Strafe überantwortet. Das war einer der Fälle, die das Haus, aber vor allem auch Vaňásek berühmt machten. Vaňásek bekam 1968 in der populären (auf den Krimigeschichten von Jiří Marek basierenden) Fernsehserie Hrísní lidé mesta prazského (in Englisch: Sinful People of Prague; im Fernsehen der „DDR“ verkürzt: „Alte Kriminalfälle“) ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt, denn die Hauptfigur, der Kriminalrat Karel Vacátko, wurde wohl ihm nachempfunden.

Heute ist hier alles friedlich. Unten residiert unter anderem ein Friseursalon und ein Pfandleiher. Es ist weder von Gewehren, noch von Mord die Rede. Die meisten Passanten werden wohl am ehesten von den niedlichen Fischen aus Stuck beindruckt sein. (DD).

Kleiner Bruder in Jugendstil

Es wirkt wie der kleine Bruder des direkt daneben stehenden Grandhotel Evropa, über das wir schon berichteten: Das Meran Hotel am Václavské náměstí 825/27 (Wenzelsplatz).

Obwohl es sich um zwei verschiedene Hotels handelt, wirken sie tatsächlich so, als ob sie irgendwie miteinander verwandt wären. Und tatsächlich wurden beide Hotels – das Meran und das Evropa – fast zum gleichen Zeitpunkt vom selben Architektenteam erbaut. In den Jahren 1895 bis 1906 bauten die Architekten Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier), Bedřich Bendelmayer und Jan Letzel das Meran im feinsten floralen Jugendstil, worin es dem ungleich berühmteren Evropa nicht nachsteht. Weil das Innere authentischer erhalten ist, gilt das Meran sogar bei Kennern bisweilen als das schönere von beiden.

Jedenfalls kann kein Zweifel bestehen, dass das Meran seinen Beitrag dazu leistet, dass Prag als eine der großen Metropolen des Jugendstil gilt.

Dass dem Betrachter seine Schönheit auf den ersten Blick nicht so auffällt, liegt vielleicht daran, dass der große Bruder nebenan eben so viel größer ist. Den Architekten stand für das Meran Hotel damals nur eine ausgesprochen winzige Grundstücksparzelle zur Verfügung. Dadurch wirkt das Hotel wie ein kleiner Annex des Nachbargebäudes, was es aber nicht ist.

Aber mit 20 Zimmern fällt es in die Kategorie eines Familienhotels und nicht die eines Grand Hotels. Und tatsächlich ist es auch seit Urzeiten im Besitz der Familie Hájek. Nur während der Nazi-Okkupation nach 1939, als des deutschen „Besitzern“ übereignet wurde und eine kurze Zeit Hotel Luna hieß, und während des Kommunismus mussten die Hájeks zurücktreten. Nach dem Ende des Kommunismus bekam die Familie das Hotel restituiert und musste – da die Kommunisten ja bekanntlich mit Kulturgütern selten pfleglich umgingen – kräftig renovieren und modernisieren, so dass heute Besitzer Julius Hájek ein hochqualitatives state-of-the-art Hotel mit historischem Ambiente präsentieren kann.

Immerhin macht es der markante metallene Jugendstil-Schriftzug auf dem Dach dann doch ein wenig aus der Ferne bemerkbar. Hat man es erst einmal im Blickfeld, kann man die Fassade mit ihrer reichen floralen bemalten Stuckornamentik bewundern, die keinen Vergleich mit der des Evropa zu scheuen braucht. Daneben verdienen Details wie die erwähnte Schriftreklame und der prächtige Eingangsbereich eine positive Erwähnung. Der kleine Bruder kann sich am Ende durchaus mit dem großen messen. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks VI: Großes Kino bei den Vierzehn Nothelfern

Das Hausschild über der Tür nennt die Vierzehn Heiligen Nothelfer als Namensgeber des Gebäudes. Und eine kleine Bronzetafel mit einer Himmelsallegorie erklärt, wer diese Heiligen sind. Man könnte meinen, dieses Haus sei eine Stätte des Glaubens. In Wirklichkeit war es eine Kneipe mit einem kleinen Kino. Hier kehrte kein Geringerer als Jaroslav Hašek, der Autor des „Braven Soldaten Schwejk“ (Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války) ein und trieb allerlei Schabernack.

Das schmucke vierstöckige Jugendstilhaus in der Ječná 547/15 (Neustadt) wurde im Jahre 1908 nach Plänen des Architekten Jan Voráček erbaut. Vorher befand sich hier neben etlichen Mietwohnungen ein Gasthaus mit dem Namen Zu den Vierzehn Nothelfern (U čtrnácti pomocníků), das ab 1900 auch als Kantine für die nahe Technische Universität Prag (wir berichteten hier) fungierte. Das Gebäude wurde aber 1907 abgerissen. Voráčeks neues Haus beherbergte wieder eine Gaststätte, die – wie man sieht – den Namen der Vierzehn Heiligen beibehielt. Es gab eine überdachte Veranda und eine Kegelbahn.

1916 wurde das Haus, auf dessen Fassade man bezeichnenderweise keine sonstige religiöse Symbolik findet, sondern eher eine historisierende Ornamentik, im Erdgeschoss noch einmal durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha ausgebaut. Dabei wurde auch ein Kino eingerichtet. Das Kino wurde wohl gerne von Jaroslav Hašek frequentiert, wenn man den Schilderungen Josef Ladas glauben darf. Der Zeichner, Schriftsteller (dem wir den berühmten Kater Mikesch/Kocour Mikeš verdanken) und Illustrator des „Schwejk“ war ein guter Freund Hašeks und die beiden immer in Geldnot befindlichen Künstler teilten sich eine zeitlang sogar dieselbe Wohnung.

„Zu den Vierzehn Nothelfern“, schrieb Lada (Quelle hier, S. 312) später über die gemeinsamen Kinobesuche, „zog uns… das interessante Publikum. Dort wurden zwar nur lauter alte Filme gezeigt, manchmal so abgespielt, dass man kaum erkennen konnte, worum es ging, doch das Publikum war zufrieden und reagierte äußerst lebhaft auf die jeweils vorgeführte Handlung. Bei einer Szene, in der ein grimmiger Bandit ein Kind ins Feuer werfen wollte, sprang ein in den vorderen Reihen sitzender Junge auf, drohte dem Räuber mit geballter Faust und rief hysterisch: ‚Wohin willst du es werfen, du Galgenstrick!‘ Ein andermal wieder, als ein Zug anscheinend unmittelbar ins Publikum raste, zogen die Kinobesucher in den vorderen Reihen die Köpfe ein und krochen fast unter die Sitze, und einige Frauen schrien erschrocken auf. Damals erläuterten die Erklärer noch die einzelnen Phasen der Handlung, und das Publikum hatte das Recht, nach Einzelheiten zu fragen. Das nutzte Hašek weidlich aus und hatte dann die Lacher auf seiner Seite.“

Offenbar war der Schriftsteller oft eine größere Attraktion als es die Filme waren. Das Kino gibt es leider hier nicht mehr. Zusammen mit der Gaststätte (die heute durch eine kleine Imbissbude ersetzt ist) verschwand es mit einer der Renovierungen des Wohnhauses 1937 oder 1948. Was bleibt, ist eine schöne historisierende Jugendstilfassade (die nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch einmal aufgefrischt wurde)) zu einem großen Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich heute auch noch ein kleiner Laden befindet.

An Ladas und Hašek gemeinsame Kinobesuche, ja auch an das Kino selbst erinnert hier rein gar nichts mehr.

Ach ja, vielleicht am Schluss doch noch ein paar aufklärende Worte zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern – auch wenn sie hier eigentlich nur für den Namen einer Kneipe standen. Die sind für Katholiken eine Art Sammelpackung von Heiligen, die man in cumulo anrufen kann, wenn man irgendein größeres Problem hat, für das man himmlischen Beistand braucht. Zusammen decken sie tatsächlich einen Großteil der möglichen Varianten von Missgeschicksverhütung ab. Es sind dies die Heiligen Achatius (gegen Todesangst und Zweifel), Ägidius (Beichte), Barbara (Sterben), Blasius (Halsleiden), Christophorus (überraschender Tod), Cyriacus (Glaubenszweifel in der Todesstunde) Dionysius (Kopfschmerzen), Erasmus (Leibschmerzen), Eustachius (schwierige Lebenslagen), Georg (gegen Seuchen bei Haustieren), Katharina (logopädische Probleme), Margareta (Gebärende), Pantaleon, (für Ärzte), Veit (Epilepsie).

Mehr zu Hašek: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

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Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Nicht zu vergessen: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel