Gefälliger Spätjugendstil

Jugendstil – das bedeutete ursprünglich Protest gegen die historisierende Wiederholung des Immergleichen. Man sprach von Secession, der Trennnung von alten Konventionen.

Ein Beispiel dafür, wie sehr sich dieser revolutionäre Elan am Ende abnutzte und wie man wieder zu mehr konservativer Gefälligkeit fand, bietet dieses Doppelhaus in der Londýnská 575/48. Das Mietshaus verbindet eine zurückhaltenden Jugendstilornamentik mit einer an den französischen Barock angelehnten Architektur – insbesondere der Mansarde. Ursprünglich stand hier ein 1876 erbautes Haus im Stil der Neorenaissance. In den Jahren 1912/13 ließ der neue Besitzer, ein Hotelier namens Josef Beránek, das Haus durch den Architekten Jaroslav Pelc völlig neugestalten. Dadurch wurde es das, was es heute ist: Eine Mischung von Jugendstil (der damals gerade vom Kubismus als Modetrend abgelöst wurde) und Neobarock.

Nicht mehr so avantgardistisch wie sich die Pioniere der Secession des Jugendstils gedacht haben, aber durchaus originell und hübsch anzusehen, ist ds Haus. Beránek hatte übrigens gleichzeitig das Haus daneben (576/46) erworben, das er 1924 bei einer Neugestaltung des Inneren mit dem anderen Haus verband. Allerdings nahm er hier keinen grundlegenden Umbau vor, so dass Haus 576 heute einen Eindruck davon vermittelt, wie Haus 575 ursprünglich ausgesehen mag, denn beide Häuser waren ursprünglich aus „einem Guss“ gebaut worden. (DD)

Beim besten König

Die Tschechen halten ihn in gutem Andenken, ihren guten alten König Jiří z Poděbrad, auf Deutsch Georg von Podiebrad genannt. Wo sonst sollte man dafür Beweise sammeln als an jenem großen Platz in Prag Vinohrady, der nach ihm benannt ist, dem Náměstí Jiřího z Poděbrad?

Der König, der von 1458 bis 1471 Böhmen regierte, war der letzte Tscheche auf dem Thron. Zudem war er der einzige Hussit, der es zum Könistitel brachte, und damit – rund 100 Jahre vor der Reformation – der erste Herrscher, der sich von der katholischen Kirche abwandte. Zudem gilt er mit seinem Friedensmanifest von 1462 als der erste große Visionär eines vereinten Europas. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Tschechen auf ihn besonders stolz sind.

Belege findet man (nicht nur) hier an seinem“ Platz genug und wir haben hier und hier schon Beispiele genannt. Aber zu den gelungensten gehört zweifellos das vierstöckige Wohnhaus Jiřího z Poděbrad 1552/3 (Ecke Mánesova). Das Gebäude wurde in den Jahren 1909/10 durch den Baumeister und späteren stellvertretenden Bürgermeister von Vinohrady, Jindřich Břeněk, erbaut. Es trägt den passenden Namen „U naseho nejlepšího krále“ – Zu unserem besten König! Das passte zu dem damals unter Tschechen aufkommenden Nationalpatriotismus, der mehr Autonomie und Freiheit gegenüber den Habsburgern einforderte, die eben irgendwie im Gegensatz zu König Georg Fremdherrscher waren. Die entsprechende Aufschrift mit dem Hausnamen ist leider irgendwann verloren gegangen.

Während des Baus wurden anscheinend die Pläne geändert und dem Wechsel des Zeitgeist angepasst. Jedenfalls zeugt das Haus von einem ungewöhnlichen Stilmix aus Historismus (Neorenaissance) und dem damals neu aufkommenden Jugendstil. Letzterer macht sich vor allem bei den Stuckaturen bemerkbar. Die Malereien sind jedoch ganz und gar der Kunst der böhmischen Renaissance nachempfunden. Auch das war unter den Nationalbewegten der Zeit zu dieser Zeit sehr populär.

Auch ein wenig patriotisch kommt der steinerne Adler daher, der den auch im Stil der Neorenaissance gestalteten Dachgiebel schmückt. Man sieht, dass der Architekt auch an öffentlicher Architektur mit Präsentationscharakter geschult war – was man übrigen an seinen anderen Gebäuden sehen kann, etwas das Bürgerhaus (1896) in seinem Heimatort Vanovice in Südmähren.

Die optische Besonderheit, die von weitem zuerst auffällt, sind jedoch die beiden zum Platz ausgerichteten Balkone auf Höhe des dritten Stocks. Sie sind als aus Holz konstruierte Altane konzipiert, die wiederum auf dem Erker des Stockwerks darunter ruhen. Die ungewöhnliche Materialwahl und der feingliedrige Jugendstil macht die Balkone in ihren architektonischen Umfeld schon zu etwas Besonderem. Und von oben hat man eine schöne Aussicht auf den Platz. Sieht man die Blumenpracht auf dem Balkon, hat man das Gefühl, dass hier ein wahrhaft heimeliges Wohngefühl geschaffen wurde.

Aber es sind ist natürlich nicht die Balkone, die dem Haus den Namen gegeben haben, sonder der gute König Georg von Podiebrad. Seine, auf einem kunstvollen Jugendstilpodest stehende Büste befindet sich über dem ersten Stock in der Mitte der Platzfassade. Das „Portrait“ folgt – vor allem bei der Kopfbedeckung – der Darstellung auf dem Reiterdenkmal des Königs in seiner Heimalstadt Poděbrady, das 1896 von dem Bildhauer Bohuslav Schnirch errichtet wurde. Vertrauenerweckend schaut der gute Herrscher auf die Passanten herab, die unter ihm vorbeigehen. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)

Bunte Maria

Darstellungen der Heiligen Jungfrau Maria an Häuserfassaden waren in Prag um die Jahrhundertwende recht populär. Unter den vielen, die es in zu sehen gibt, ragt diese allerdings als besonders farbenfroh heraus.

Man findet sie auf dem Giebel des vierstöckigen Miets- und Wohnhaus in der Nad štolou 950/12 im Stadtteil Holešovice. Der war damals ein im Wachsen begriffener Industriestandort, an dessen Stadtrand (abseits der Fabriken) sich wohlhabende Bürger gerne niederließen. Auf jeden Fall wuchsen damals ganze Straßenzüge mit äußerst prachtvollen Wohnhäusern für das gehobene Bürgertum empor.

Dieses Haus entstand im Jahre 1906 und basiert auf den Plänen des Architekten Antonín Zámek, über den ich sonst nicht viel herausfinden konnte. Die Fassade im Jugendstil (voller barocker Zitate) ist mit vielen skulpturalen Details wie Putten, Maskaronen und floralem Girlandenschmuck versehen. Das bunte Mosaik der Jungfrau mit dem Kinde (umgeben von kleinen Engeln in den Wolken) ist jedoch zweifellos der „Hingucker“. Wer der Künstler war, der sie so liebevoll anfertigte, ließ sich bisher nicht herausfinden. (DD)

Wenzel und mehr

Heute ist der Tag des Heiligen Wenzel, den die säkularen Tschechen irgendwie in den Tag der Tschechischen Staatlichkeit umgetauft und zum Feiertag erklärt haben. Nun gut, der Heilige Wenzel (Václav) mag zu den Begründern des böhmischen Staates gehören, aber primär geht es um den Jahrestag seiner Ermordung am 28. September 935 (oder 929; genau weiß man es wohl nicht).

Für die Tschechen wurde er nach seiner Ermordung zum Nationalmythos, der vor allem im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert auch private Häuser als Ausdruck patriotischer Gesinnung zierte (etwa hier). Zum heutigen Tag sei dieses hübsche Beispiel vorgestellt. Die farbenfrohe Jugendstilmalerei befindet auf der Fassade des dreistöckigen Wohnhauses in der Sezimova 402/11 im Stadtteil Nusle (Prag 4). Der Heilige reitet mit seinen typischen Attributen (Fahne, Wappen mit Adler) hoch oben unter dem Dach auf den Zuschauer zu. Das ist schon dramatisch gestaltet. Umrahmt ist er dabei übrigens von den Wappen der Landesteile Böhmen (zweischwänziger weißer Löwe), Mähren (rot-weiß karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond).

Das Haus wurde 1905 von dem Architekten Antonín Fric im Stil der böhmischen Renaissance erbaut. Fric war in dem damals stark wachsenden Stadtteil Nusle ein für das neue Stadtbild besonders definierender Architekt und Baumeister. Beispiele finden sich hier und hier).

Und auf der Fassade ist noch mehr los. Unter dem Heiligen Wenzel befindet sich noch eine Statue der Mutter Gottes in einer Muschelnische. Darüber steht ein gemalter Engel, der ein Tuch mit der stilisierten Inschrift „Maria“ in den Händen hält. Alles in allem ein Gebäude, das dem Auge viel bietet. (DD)

Historischer Wasserstandsanzeiger

Das Rašín-Ufer (Rašínovo nábřeží) wurde ab 1875 mit einer Kaimauer und Promenade versehen. Das arme Fischer- und Flößerviertel wich vornehmen Mietshäusern mit Burgblick. Nur das alte Podskalí-Zollhaus am Výtoň blieb – heute ein Museum beherbergend, das an frühere Zeiten erinnert. Aber es zogen dafür auch neue Wunderwerke der Moderne in der unmittelbaren Nähe ein. Eines davon ist der Wasserstandsanzeiger von Výtoň (Limnigraf na Výtoni).

Er wurde hier im Jahre 1907 – drei Jahre nach Fertigstellung der Kaimauer – errichtet. So wie die Mauer das Symbol der Bändigung des einst wilden Flusses (die natürlich nicht immer gelang) sein sollte, stand der Wasserstandsanzeiger für seine Messbarkeit und Vorhersehbarkeit. Bevor der Fluss durch die Altstadt floss, wurde er rundum wissenschaftlich analysiert. An jeder Seite befindet sich eine uhrförmige Füllstandsanzeige. Aber es wurden auch andere technische Apparaturen eingebaut: Eine Uhr (Zeit), ein Barograph (Luftdruckmesser), ein Hygrometer (für die Messung der Luftfeuchtigkeit), ein Thermometer (Temperaturmessung) und ein Thermograph (zur Aufzeichnung des längerfristigen Temperaturverlaufs). Das war Wissenschaft auf neuem Stand und passte zum Fortschrittsoptimismus der Zeit.

Man sollte auch auf die Details achten: Denn da ist zum Beispiel noch der Windanzeiger auf der kupfernen Dachkuppel, der recht archaisch wirkt, und die Gestalt eines Hundekopfes, der äußerst keck seine Zunge herausstreckt, hat.

Nicht von außen sichtbar ist das Gerät, das die gemessenen Daten mit einer Tintenfeder kontinuierlich im Sekundentakt aufzeichnet. Ein Uhrwerk sorgt für den regelmäßigen Lauf. Ebenfalls nicht sichtbar ist das Gerät zur Messung der Strömungsgeschwindigkeit, die durch einen Schwimmer unter Wasser erfasst wird.

Das Gebäude ist für die Wasseringenieure und -experten betretbar, aber normalerweise leider nicht für die breite Öffentlichkeit.

Wie ebenfalls typisch für die Jahrhundertwende, erlag man auch hier der Versuch, das technische Fortschrittswerk ein wenig mit historisch romantisierender Ästhetik zu kaschieren. In einem leicht vom Jugendstil beeinflussten Neobarockstil gehalten thront der Wasserstandsanzeiger über einer prachtvollen doppelten Treppe hinunter zur Uferpromenade. Das könnte auch im Park einer alten Schlossanlage stehen, so majestätisch wirkt es.

Über die Zeit nagte der Zahn der Zeit ein wenig an Gebäude und Apparaturen. Deshalb wurde das Ganze 2003 gründlich renoviert und restauriert. Seither erstrahlt sie im neuen Glanze.

Der damalige Glaube an die Beherrschbarkeit des Flusses veranlasste die Stadtväter seinerzeit übrigens dazu, das Wasser nicht nur beim Eintritt in Altstadt zum messen, sondern auch beim Verlassen derselben. Einige Kilometer weiter stromabwärts befindet sich am ebenfalls 1904 vollendeten Kai des Dvořák Ufers (Dvořákovo nábřeží) noch ein Wasserstandsanzeiger. Er wurde ebenfalls 1907 errichtet und ist fst völlig baugleich gestaltet. (DD)

Molosserpracht!

Die Tschechen lieben ihre Hunde. Das weiß man ja. Deshalb wundert man sich auch nicht, wenn man Hunde auf den Fassaden prachtvoller Häuser verewigt sieht. So wie hier beim Eingangsportal des fünfstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží (Rašín-Ufer) 409/34.

Welche Geschichte sich dahinter verbirgt, oder warum der Auftraggeber des Hauses diese beiden kraftstrotzenden Tiere hier anbringen ließ, weiß man heute nicht mehr. Aber die machen etwas her!

Was man jedoch weiß: Das Mietshaus wurde 1913 im späten, sogenannten geometrischen Jugendstil erbaut, und zwar von dem Architekten Jan Kožušníček. Die einfach gestaltete Fassade ist durch zwei gewölbte Erker symmetrisch strukturiert. Aber natürlich ist das Portal der Grund, weshalb dieses Haus so besonderrs auffälltt.

Und das wiederum liegt an den beiden Hunden, die zu Füßen der ansonsten recht konventionell in die Ästhetik des Spätjugendstils passenden Atlanten an beiden Seiten des Eingangs liegen. Die skulpturale Ausstattung hat man sich etwas kosten lassen, denn die beiden Bildhauer, die das Caniden-Meisterwerk schufen, waren damals sehr gefragt: Methoděj Kocourek und Jindřich Václav Čapek. Der Hundefreund wird sich allerdings mehr dafür interessieren, was das für Hunde sind. Es handelt sich offensichtlich um Molosser – große doggenartige Hunde. Die strahlen eine große Würde aus. Sollten die Skulpturen damals angezeigt haben sollen, welche Hunde drinnen Wache halten, dürfte das Ganze auch Einbrecher abgeschreckt haben.

Das Haus wurde im übrigens im Zuge der Neugestaltung des Uferbereichs der Stadt errichtet, die das alte Elendsviertel der Fischer und Flößer in ein wohl-gentrifiziertes Luxusviertel verwandelte (wir berichteten darüber bereits hier). Von dem alten Viertel kann man heutzutage fast gar nichts mehr erkennen. Das Gebäude, das wir jetzt hier sehen, ersetzte dabei ein früheres Barockhaus, das den Namen U Zlaté lodi (Beim Goldenen Schiff) trug. Ob das damals auch mit so schönen Hundendarstellungen ausgeschmückt war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. (DD)

Perseus, Hus und ein wenig Freimaurerei?

Wenn sich berühmte Architekten selbst ihre Villa entwerfen, dann fühlen sie sich naturgemäß bemüßigt, ihr neues Domizil auch ein wenig als Werbung für ihr eigenes Können zu nutzen. Das gilt auch für den Erbauer dieser Villa in der Dykova 1039/6 in Vinohrady (Prag 2).

Es geht um Alois Dryák, über den wir ja schon hier, hier, hier, hier und hier berichtet haben. Und der gehörte zu jenen Architekten, die das „neue“ Prag des frühen 20. Jahrhundert geradezu archetypisch repräsentierten. In den 20er Jahren war er den modernsten Baustilen der Zeit wie Kubismus oder Frühfunktionalismus – vor allem bei öffentlichen Großbauten – äußerst aufgeschlossen, wenngleich er sie gerne mit einer kleinen Dosis traditionellerer Gestaltungselemente ein wenig gefälliger erscheinen ließ.

Seine eigene Villa fällt da allerdings aus dem Rahmen, denn sie ist ein Frühwerk, das er in den Jahren 1898 bis 1900 entwarf und bauen ließ. Damals war er noch dem Historismus und dem Jugendstil verpflichtet (ein anderes Beispiel dafür hier), denen auch sein Lehrmeister Friedrich Ohmann (siehe u.a. hier und hier) gefrönt hatte. Was Dryáks Villa so besonders macht, ist der wilde Eklektizismus, bei dem sich der Architekt wohl so richtig austoben wollte.

Die Silhouette erinnert ganz und gar an norddeutsche Renaissancegebäude. Und unter dem Dachgiebel sieht man ein gigantisches Relief (großes Bild oben), das den griechischen Sagenhelden Perseus darstellt, der gerade die Gorgone Medusa (bei deren Anblick man bekanntlich versteinerte) erledigt hat, deren abgeschlagenen Kopf er in der Hand hält. War Dryák schlichtweg ein Klassizist mit Vorliebe zur mediterranen Antike und ihren Mythen? Irgendwie nicht, denn ansonsten strotzt das Haus nur so von bodenständiger oder auch weniger bodenständiger tschechischer Symbolik.

An der Ecke auf Höhe des ersten Stocks befindet sich um eine Nische geschlungen eine typische Jugendstilmalerei mit Pflanzengirlande (kleines Bild oberhalb links), die von der Aufschrift „Pravda vítězí“ (Die Wahrheit siegt) – ein Ausspruch des böhmischen Frühreformators Jan Hus, der in Dryáks Zeiten ein Lieblingsslogan aller tschechischen Patrioten war, die der Habsburgerherrschaft kritisch gegenüber standen. Inzwischen hat er es sogar zum tschechischen Wappenmotto gebracht. Man kann Dryák damit immerhin politisch einigermaßen einordnen, wenngleich man nicht so recht nachvollziehen kann, was denn Perseus damit zu tun haben könnte. Und ebenfalls recht lokal gedacht ist die um ein Fenster gewundene Stadtansicht Prags mit Burg und Veitsdom vorne auf der Fassade.

And now for something completely different: Nämlich der gestuckte Zirkel und das Winkelmaß an der westlichen Hausecke. Beides sind natürlich nützliche Utensilien für den aufstrebenden Architekten, der Dryák zu dieser Zeit war, aber in der Kombination kann man sie eigentlich nur so deuten, dass Dryák ein Freimaurer war. Die Freimaurerei war in Prag seinerseit sehr verbreitet und gerade progressive Kreise unter den tschechischen Patrioten waren für sie sehr empfänglich. Obwohl die Freimaurerei formell im Habsburgerreich bis zu dessen Ende 1918 verboten war (wenngleich irgendwie doch toleriert), gehörte es in diesen Kreisen geradezu zum „radical chic“, Freimaurersymbole so ostentativ zur Schau zu tragen, wie es Dryák hier tat.

Der auffällige Hahn am westlichen Giebel erschließt sich mir nicht ganz, könnte aber auch ein Freimaurersymbol sein. Er taucht als Teil der symbolischen Ausstattung des Raumes in einer Loge auf, in dem ein Kandidat vor der Initiierung im großen Logensaal noch einmal den Schritt meditativ überlegen soll.

Wie dem auch sei: Dryák hat anscheinend wahllos alles, was ihm sehr am Herzen lag, auf die Fassade seines Hauses gepackt – griechische Sagen, Hussitentum, Prag, Freimaurerei und möglicherweise noch mehr. Möglicherweise ist das nicht sein architekturhistorisch bedeutsamstes Gebäude (es ist ja, wie gesagt, ein Frühwerk), aber es bietet viel Stoff zum Entdecken. (DD)

Beeindruckender Hauseingang, beeindruckender Jugendstil

Es mag in Prag noch beeindruckendere Hauseingänge geben, aber man muss schon sehr suchen. Und es mag auch beeindruckenderen Jugendstil geben, aber auch hier muss man den erst einmal finden.

Die Rede ist vom Mottl Haus (Mottlův dům), benannt nach dem Architekten Karel Mottl und dem Besitzer (und Bruder des Architekten), dem Textilunternehmer Vendelín Mottl. Es ist zentral in der Neustadt am Jungmann Platz (genauer: Jungmannovo náměstí 761/1) gelegen und bildet den optischen Abschluss der großen Nationallee (Národní Třída) – und verbindet sie mit dem Zugang zum Wenzelsplatz. Dieser optische Abschluss musste natürlich spektakulär ausfallen. Und Architekt Mottl hat die Chance genutzt, hier einen sogenannten „Hingucker“ zu schaffen.

In einer Umgebung, in dem 1905/06, als das Haus erbaut wurde, noch ein konservativer Historismus vorherrschte, war Mottls Entwurf so etwas wie eine sanfte Revolution, die heute nicht mehr so auffällt wie damals, weil es inzwischen zahlreiche deutlich modernere avantgardistische Bauten dort gibt – etwa der benachbarte Palác ARA (ARA Palast), ein Kaufhaus im Art Déco-Stil, das wir bereits hier besprachen. Aber damals war der Jugendstil revolutionär und repräsentierte die Moderne schlechthin. Mottl passte ihn aber harmonisch durch etliche neobarock anmutende Elemente in in das bisherige architektonische Umfeld ein.

In die strukturell barock anmutende Fassade des fünststöckigen Mietshauses, in dessen Erdgeschoss sich Läden befinden, hat der Architekt immer wieder typische Jugendstil-Motive eingebaut – etwa den Lebensbaum, ein von Jugendstilkünstlern gerne verwendetes Thema, das die enge Symbiose mit dem Symbolismus verdeutlichte. Diese Pflanzenthematik kehrt auch bei der Eingangspforte (großes Bild oben) immer wieder auf.

Dieser Eingang (großes Bild oben) fasst wiederum das Programm des Hauses geschickt zusammen, in dem die vertikalen Achsen ganz konventionell durch korinthische Säulen herbeigeführt werden, während die extrem ungewöhnliche, längliche Ovalform der Umrahmung eine seltsame horizontalere Dimension gibt und den konventionellen Charakter der Barocksäulen relativiert. Daneben gibt es noch Skurrilitäten, die klassische Motive zu parodieren scheinen. Auf der Fassade kriechen unter dem Flügelhelm des Hermes zwei putzige Schlangen hervor, die sich irgendwie von ihrem Hermesstab entfernt zu haben scheinen.

Karel Mottl war sich als Architekt wohl sehr bewusst, was für einen Prachtbau in bester Umgebung er da hingelegt hatten. Jedenfalls verewigte er sich selbst recht stolz dabei. Über dem Giebel der Gaube hin zum Jungmann Platz hat er seine Initialen MK zusammen mit dem Baudatum 1906 in einer Kartusche in Stuck platziert – ebenfalls von üppigen Lebensbäumen Karel flankiert.

Karel Mottl, der sich dann noch einmal auf einer Plakette neben dem schönen Plakette in abermalige Erinnerung brachte, leitete wohl 1908 und 1913 noch einige Umbauten durch, die aber vor allem wohl die Innenräume (z.B. die Einfügung von Wendeltreppen) betrafen. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 befand sich das einst so prachtvolle Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, aber vor einigen Jahren fand eine umfassende Renovierung statt. Es sieht nun so blitzblank aus wie zu jener Zeit als die beiden Mottls es einweihten. (DD)

Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)