Historischer Wasserstandsanzeiger

Das Rašín-Ufer (Rašínovo nábřeží) wurde ab 1875 mit einer Kaimauer und Promenade versehen. Das arme Fischer- und Flößerviertel wich vornehmen Mietshäusern mit Burgblick. Nur das alte Podskalí-Zollhaus am Výtoň blieb – heute ein Museum beherbergend, das an frühere Zeiten erinnert. Aber es zogen dafür auch neue Wunderwerke der Moderne in der unmittelbaren Nähe ein. Eines davon ist der Wasserstandsanzeiger von Výtoň (Limnigraf na Výtoni).

Er wurde hier im Jahre 1907 – drei Jahre nach Fertigstellung der Kaimauer – errichtet. So wie die Mauer das Symbol der Bändigung des einst wilden Flusses (die natürlich nicht immer gelang) sein sollte, stand der Wasserstandsanzeiger für seine Messbarkeit und Vorhersehbarkeit. Bevor der Fluss durch die Altstadt floss, wurde er rundum wissenschaftlich analysiert. An jeder Seite befindet sich eine uhrförmige Füllstandsanzeige. Aber es wurden auch andere technische Apparaturen eingebaut: Eine Uhr (Zeit), ein Barograph (Luftdruckmesser), ein Hygrometer (für die Messung der Luftfeuchtigkeit), ein Thermometer (Temperaturmessung) und ein Thermograph (zur Aufzeichnung des längerfristigen Temperaturverlaufs). Das war Wissenschaft auf neuem Stand und passte zum Fortschrittsoptimismus der Zeit.

Man sollte auch auf die Details achten: Denn da ist zum Beispiel noch der Windanzeiger auf der kupfernen Dachkuppel, der recht archaisch wirkt, und die Gestalt eines Hundekopfes, der äußerst keck seine Zunge herausstreckt, hat.

Nicht von außen sichtbar ist das Gerät, das die gemessenen Daten mit einer Tintenfeder kontinuierlich im Sekundentakt aufzeichnet. Ein Uhrwerk sorgt für den regelmäßigen Lauf. Ebenfalls nicht sichtbar ist das Gerät zur Messung der Strömungsgeschwindigkeit, die durch einen Schwimmer unter Wasser erfasst wird.

Das Gebäude ist für die Wasseringenieure und -experten betretbar, aber normalerweise leider nicht für die breite Öffentlichkeit.

Wie ebenfalls typisch für die Jahrhundertwende, erlag man auch hier der Versuch, das technische Fortschrittswerk ein wenig mit historisch romantisierender Ästhetik zu kaschieren. In einem leicht vom Jugendstil beeinflussten Neobarockstil gehalten thront der Wasserstandsanzeiger über einer prachtvollen doppelten Treppe hinunter zur Uferpromenade. Das könnte auch im Park einer alten Schlossanlage stehen, so majestätisch wirkt es.

Über die Zeit nagte der Zahn der Zeit ein wenig an Gebäude und Apparaturen. Deshalb wurde das Ganze 2003 gründlich renoviert und restauriert. Seither erstrahlt sie im neuen Glanze.

Der damalige Glaube an die Beherrschbarkeit des Flusses veranlasste die Stadtväter seinerzeit übrigens dazu, das Wasser nicht nur beim Eintritt in Altstadt zum messen, sondern auch beim Verlassen derselben. Einige Kilometer weiter stromabwärts befindet sich am ebenfalls 1904 vollendeten Kai des Dvořák Ufers (Dvořákovo nábřeží) noch ein Wasserstandsanzeiger. Er wurde ebenfalls 1907 errichtet und ist fst völlig baugleich gestaltet. (DD)

Molosserpracht!

Die Tschechen lieben ihre Hunde. Das weiß man ja. Deshalb wundert man sich auch nicht, wenn man Hunde auf den Fassaden prachtvoller Häuser verewigt sieht. So wie hier beim Eingangsportal des fünfstöckigen Mietshauses am Rašínovo nábřeží (Rašín-Ufer) 409/34.

Welche Geschichte sich dahinter verbirgt, oder warum der Auftraggeber des Hauses diese beiden kraftstrotzenden Tiere hier anbringen ließ, weiß man heute nicht mehr. Aber die machen etwas her!

Was man jedoch weiß: Das Mietshaus wurde 1913 im späten, sogenannten geometrischen Jugendstil erbaut, und zwar von dem Architekten Jan Kožušníček. Die einfach gestaltete Fassade ist durch zwei gewölbte Erker symmetrisch strukturiert. Aber natürlich ist das Portal der Grund, weshalb dieses Haus so besonderrs auffälltt.

Und das wiederum liegt an den beiden Hunden, die zu Füßen der ansonsten recht konventionell in die Ästhetik des Spätjugendstils passenden Atlanten an beiden Seiten des Eingangs liegen. Die skulpturale Ausstattung hat man sich etwas kosten lassen, denn die beiden Bildhauer, die das Caniden-Meisterwerk schufen, waren damals sehr gefragt: Methoděj Kocourek und Jindřich Václav Čapek. Der Hundefreund wird sich allerdings mehr dafür interessieren, was das für Hunde sind. Es handelt sich offensichtlich um Molosser – große doggenartige Hunde. Die strahlen eine große Würde aus. Sollten die Skulpturen damals angezeigt haben sollen, welche Hunde drinnen Wache halten, dürfte das Ganze auch Einbrecher abgeschreckt haben.

Das Haus wurde im übrigens im Zuge der Neugestaltung des Uferbereichs der Stadt errichtet, die das alte Elendsviertel der Fischer und Flößer in ein wohl-gentrifiziertes Luxusviertel verwandelte (wir berichteten darüber bereits hier). Von dem alten Viertel kann man heutzutage fast gar nichts mehr erkennen. Das Gebäude, das wir jetzt hier sehen, ersetzte dabei ein früheres Barockhaus, das den Namen U Zlaté lodi (Beim Goldenen Schiff) trug. Ob das damals auch mit so schönen Hundendarstellungen ausgeschmückt war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. (DD)

Perseus, Hus und ein wenig Freimaurerei?

Wenn sich berühmte Architekten selbst ihre Villa entwerfen, dann fühlen sie sich naturgemäß bemüßigt, ihr neues Domizil auch ein wenig als Werbung für ihr eigenes Können zu nutzen. Das gilt auch für den Erbauer dieser Villa in der Dykova 1039/6 in Vinohrady (Prag 2).

Es geht um Alois Dryák, über den wir ja schon hier, hier, hier, hier und hier berichtet haben. Und der gehörte zu jenen Architekten, die das „neue“ Prag des frühen 20. Jahrhundert geradezu archetypisch repräsentierten. In den 20er Jahren war er den modernsten Baustilen der Zeit wie Kubismus oder Frühfunktionalismus – vor allem bei öffentlichen Großbauten – äußerst aufgeschlossen, wenngleich er sie gerne mit einer kleinen Dosis traditionellerer Gestaltungselemente ein wenig gefälliger erscheinen ließ.

Seine eigene Villa fällt da allerdings aus dem Rahmen, denn sie ist ein Frühwerk, das er in den Jahren 1898 bis 1900 entwarf und bauen ließ. Damals war er noch dem Historismus und dem Jugendstil verpflichtet (ein anderes Beispiel dafür hier), denen auch sein Lehrmeister Friedrich Ohmann (siehe u.a. hier und hier) gefrönt hatte. Was Dryáks Villa so besonders macht, ist der wilde Eklektizismus, bei dem sich der Architekt wohl so richtig austoben wollte.

Die Silhouette erinnert ganz und gar an norddeutsche Renaissancegebäude. Und unter dem Dachgiebel sieht man ein gigantisches Relief (großes Bild oben), das den griechischen Sagenhelden Perseus darstellt, der gerade die Gorgone Medusa (bei deren Anblick man bekanntlich versteinerte) erledigt hat, deren abgeschlagenen Kopf er in der Hand hält. War Dryák schlichtweg ein Klassizist mit Vorliebe zur mediterranen Antike und ihren Mythen? Irgendwie nicht, denn ansonsten strotzt das Haus nur so von bodenständiger oder auch weniger bodenständiger tschechischer Symbolik.

An der Ecke auf Höhe des ersten Stocks befindet sich um eine Nische geschlungen eine typische Jugendstilmalerei mit Pflanzengirlande (kleines Bild oberhalb links), die von der Aufschrift „Pravda vítězí“ (Die Wahrheit siegt) – ein Ausspruch des böhmischen Frühreformators Jan Hus, der in Dryáks Zeiten ein Lieblingsslogan aller tschechischen Patrioten war, die der Habsburgerherrschaft kritisch gegenüber standen. Inzwischen hat er es sogar zum tschechischen Wappenmotto gebracht. Man kann Dryák damit immerhin politisch einigermaßen einordnen, wenngleich man nicht so recht nachvollziehen kann, was denn Perseus damit zu tun haben könnte. Und ebenfalls recht lokal gedacht ist die um ein Fenster gewundene Stadtansicht Prags mit Burg und Veitsdom vorne auf der Fassade.

And now for something completely different: Nämlich der gestuckte Zirkel und das Winkelmaß an der westlichen Hausecke. Beides sind natürlich nützliche Utensilien für den aufstrebenden Architekten, der Dryák zu dieser Zeit war, aber in der Kombination kann man sie eigentlich nur so deuten, dass Dryák ein Freimaurer war. Die Freimaurerei war in Prag seinerseit sehr verbreitet und gerade progressive Kreise unter den tschechischen Patrioten waren für sie sehr empfänglich. Obwohl die Freimaurerei formell im Habsburgerreich bis zu dessen Ende 1918 verboten war (wenngleich irgendwie doch toleriert), gehörte es in diesen Kreisen geradezu zum „radical chic“, Freimaurersymbole so ostentativ zur Schau zu tragen, wie es Dryák hier tat.

Der auffällige Hahn am westlichen Giebel erschließt sich mir nicht ganz, könnte aber auch ein Freimaurersymbol sein. Er taucht als Teil der symbolischen Ausstattung des Raumes in einer Loge auf, in dem ein Kandidat vor der Initiierung im großen Logensaal noch einmal den Schritt meditativ überlegen soll.

Wie dem auch sei: Dryák hat anscheinend wahllos alles, was ihm sehr am Herzen lag, auf die Fassade seines Hauses gepackt – griechische Sagen, Hussitentum, Prag, Freimaurerei und möglicherweise noch mehr. Möglicherweise ist das nicht sein architekturhistorisch bedeutsamstes Gebäude (es ist ja, wie gesagt, ein Frühwerk), aber es bietet viel Stoff zum Entdecken. (DD)

Beeindruckender Hauseingang, beeindruckender Jugendstil

Es mag in Prag noch beeindruckendere Hauseingänge geben, aber man muss schon sehr suchen. Und es mag auch beeindruckenderen Jugendstil geben, aber auch hier muss man den erst einmal finden.

Die Rede ist vom Mottl Haus (Mottlův dům), benannt nach dem Architekten Karel Mottl und dem Besitzer (und Bruder des Architekten), dem Textilunternehmer Vendelín Mottl. Es ist zentral in der Neustadt am Jungmann Platz (genauer: Jungmannovo náměstí 761/1) gelegen und bildet den optischen Abschluss der großen Nationallee (Národní Třída) – und verbindet sie mit dem Zugang zum Wenzelsplatz. Dieser optische Abschluss musste natürlich spektakulär ausfallen. Und Architekt Mottl hat die Chance genutzt, hier einen sogenannten „Hingucker“ zu schaffen.

In einer Umgebung, in dem 1905/06, als das Haus erbaut wurde, noch ein konservativer Historismus vorherrschte, war Mottls Entwurf so etwas wie eine sanfte Revolution, die heute nicht mehr so auffällt wie damals, weil es inzwischen zahlreiche deutlich modernere avantgardistische Bauten dort gibt – etwa der benachbarte Palác ARA (ARA Palast), ein Kaufhaus im Art Déco-Stil, das wir bereits hier besprachen. Aber damals war der Jugendstil revolutionär und repräsentierte die Moderne schlechthin. Mottl passte ihn aber harmonisch durch etliche neobarock anmutende Elemente in in das bisherige architektonische Umfeld ein.

In die strukturell barock anmutende Fassade des fünststöckigen Mietshauses, in dessen Erdgeschoss sich Läden befinden, hat der Architekt immer wieder typische Jugendstil-Motive eingebaut – etwa den Lebensbaum, ein von Jugendstilkünstlern gerne verwendetes Thema, das die enge Symbiose mit dem Symbolismus verdeutlichte. Diese Pflanzenthematik kehrt auch bei der Eingangspforte (großes Bild oben) immer wieder auf.

Dieser Eingang (großes Bild oben) fasst wiederum das Programm des Hauses geschickt zusammen, in dem die vertikalen Achsen ganz konventionell durch korinthische Säulen herbeigeführt werden, während die extrem ungewöhnliche, längliche Ovalform der Umrahmung eine seltsame horizontalere Dimension gibt und den konventionellen Charakter der Barocksäulen relativiert. Daneben gibt es noch Skurrilitäten, die klassische Motive zu parodieren scheinen. Auf der Fassade kriechen unter dem Flügelhelm des Hermes zwei putzige Schlangen hervor, die sich irgendwie von ihrem Hermesstab entfernt zu haben scheinen.

Karel Mottl war sich als Architekt wohl sehr bewusst, was für einen Prachtbau in bester Umgebung er da hingelegt hatten. Jedenfalls verewigte er sich selbst recht stolz dabei. Über dem Giebel der Gaube hin zum Jungmann Platz hat er seine Initialen MK zusammen mit dem Baudatum 1906 in einer Kartusche in Stuck platziert – ebenfalls von üppigen Lebensbäumen Karel flankiert.

Karel Mottl, der sich dann noch einmal auf einer Plakette neben dem schönen Plakette in abermalige Erinnerung brachte, leitete wohl 1908 und 1913 noch einige Umbauten durch, die aber vor allem wohl die Innenräume (z.B. die Einfügung von Wendeltreppen) betrafen. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 befand sich das einst so prachtvolle Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, aber vor einigen Jahren fand eine umfassende Renovierung statt. Es sieht nun so blitzblank aus wie zu jener Zeit als die beiden Mottls es einweihten. (DD)

Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

Goldene Gans am Wenzelsplatz

Die goldene Gans, die goldene Eier legt, ist nicht nur Blickfang. Sie ist auch Namensgeberin des Hotels zur Goldenen Gans (Hotel Zlatá Husa), das sich in bester Lage auf dem Wenzelsplatz (Václavské náměstí 839/7) befindet.

Das Hotel ist nach dem gegenüber liegenden Hotel Adria (vormals Neptun) das zweitälteste Hotel am Platze. Es wurde in den Jahren 1909/10 durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha nach den Plänen des berühmten Architekten Emil Králíček (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier) erbaut. Im Jahre 1912 wurde das Hotel dann feierlich eröffnet. Möglicherweise war es dann doch keine Gans, die für den Besitzer goldene Eier legte. Jedenfalls: Im Jahre 1924 übernahm das daneben gelegene Hotel Ambassador, das im Jahre 1922 seine Pforten eröffnet hatte, den Hotelbetrieb der Goldenen Gans, der jetzt quasi in zwei Gebäuden stattfindet.

Emil Králíček war damals einer der großen aufstrebenden Stars unter den Prager Architekten. Das Zlatá Husá ist noch ein Frühwerk im strengen geometrischen Spät-Jugendstil, den er sich zu Beginn noch verpflichtet fühlte (frühere Beispiele hier und hier). Wirkliche Bekanntheit erreichte er aber später als Pionier des Kubismus – zum Beispiel mit dem Diamant Haus von 1912. Die Jugendstil-Reliefs und -ornamente, sowie die ägyptisierenden Skulpturen unter dem Dachgiebel machen aber auch dieses noch etwas konventionellere Werk zu einer Besonderheit. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Knuffiger Hund

Hat die Erbauer des Hauses seinem eigenen Hund hier ein Denkmal gesetzt? Oder sollten hier nur allgemein die Tugenden der Spezies der Canidae gepriesen werden? Klar ist nur, dass dieses Relief eines gemütlich fläzenden Hundes über dem Eingang des fünfstöckigen Miets- und Wohnhauses in der Gorazdova 1995/11 im Süden der Neustadt den hundenärrischen Tschechen immer noch aus dem Herzen sprechen dürfte.

Wie die ganze Fassade, so ist auch die Hundeskulptur in feinstem Jugendstil gehalten, was man besonders schön an den Ornamenten erkennen kann, die die putzige Fellnase umrahmen. Das Haus entstand in den Jahren 1907/08 nach den Plänen des Architekten Jan Petrák, der auch das direkt daneben liegende Haus (Nr. 1996/13) gestaltet hatte (wir berichteten hier). Petrák ist einer der weniger bekannten, aber nichtsdestoweniger bedeutenden Architekten des frühen, sogenannten floralen Jugendstils in Prag.

Das reich verzierte Haus hat eine durch zwei sich vom ersten zum fünften Stock ragenden Erker strukturierte Fassade, die oben und unten durch Balkone verbunden sind, die mit schnörkeligen Metallgittern geschmückt sind. Petrák war übrigens nicht nur der Architekt, sondern auch der stolze Besitzer des Hauses. War es möglicherweise sein Hund, den wir da sehen? Das lässt sich allerdings wohl nur schwer überprüfen. Aber denkbar ist es natürlich schon.

Über dem Hund sieht man links und rechts ein Fenster umrahmend eine Frauen- und eine Männergestalt. Sie sehen aus, als ob sie zum dem Hund (Herrchen? Frauchen?) gehören. Beide tragen historisierende Kostüme, die ein wenig an Trachten aus der Zeit der Hussiten erinnern mögen. Das war ein thematisches Sujet, das in der Zeit des Baus des Hauses unter Tschechen sehr beliebt war und als Zeichen von Patriotismus galt. Manchmal spielten in dieser Zeit solche Darstellungen auf neueren Fassaden auf die Geschichte früherer Häuser an, die an diesem Ort fanden (ein Beispiel präsentierten wir bereits hier), aber dafür habe ich keinen Beleg gefunden.

Wo wir gerade bei den skulpturalen Elementen der Fassadengestaltung sind: Oben auf der linekn und rechten Seite des Giebels sieht man zwei allegorische Frauengestalten. Die linke erscheint in der Gestalt der Klugheit mit den Attributen des Spiegels (Selbsterkenntnis) und einer Schlange (Anpassung an konkrete Umstände), die rechte Gestalt hält einen Mond in der Hand, was oft als Symbol für Nacht oder Unerklärliches diente. Der Jugendstil hatte eben auch immer eine mystische und symbolistische Dimension.

Im Laufe seiner Geschichte hatte das Haus auch einige prominente Bewohner. Im 5. Stock wohnte dereinst Václav Jan Staněk, eine Naturforscher und 1938/39 zeitweiser Direktor des Prager Zoos (wir berichteten hier). Berühmt wurde er später aber vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Tierbücher, von denen das 1943 erschienene Buch O lvíčku Simbovi (dt. 1959: Simba das Löwenjunge) ein Weltbeststeller wurde. Er schrieb aber nicht nur über exotische Tiere, sondern auch über heimische Arten und viele Photos von urböhmischen Vögeln hatte er vom Balkon des Haus aus geknipst.

Und im Dachgeschoss hatte in den 1960er Jahren der damals sehr beliebte Maler Václav Kiml sein Atelier, ein preisgekrönter Künstler, der besonders durch seine abstrahierenden Stadt- und Landschaftsbilder bekannt wurde.

Kurz: Ein Haus mit Geschichte. Trotzdem wird es auf die meisten Passanten wegen des knuffigen Hundes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. (DD)