Wenzel über der Räucherei

Der typische Adler auf dem Schildwappen ist vom Mantel überdeckt. Das Banner, das er sonst mit sich trägt, hat er wohl zu Hause bei seiner Frau, deren Namen nicht überliefert ist, liegen gelassen. Aber es handelt sich dennoch eindeutig um den Heiligen Wenzel. Und damit passt das Bild hier zum heutigen Wenzelstag.

Von seinen klassischen Attributen in der künstlerischen Darstellung ist im Prinzip nur der Herzogshut deutlich erkennbar, der für den Heiligen allerdings so erst im 14. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV. in Form der sogenannten Wenzelskrone herbeiimaginiert wurde. So eine Kopfbedeckung hat er möglicherweise in Wirklichkeit nicht getragen. Aber der Herzogsrang, der mit dem Hut versinnbildlicht wird, stimmt bei Wenzel und entspricht der festgelegten Ikonographie. Und so thront der heilige Herzog nun in sehr würdiger Pose und mit ausgesprochen frommen Blick oben auf einer Säule an der Ecke des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Svobodova 138/5, Ecke Vinařického im Talbereich des Stadtteils Vyšehrad (Prag 2) stehend.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist img_8540.jpg.

Der Herzogshut wurde hier übrigens wesentlich schlichter und weniger mit Schmuck besetzt dargestellt als es bei der Wenzelskrone Karls IV. der Fall ist, womit man dem guten Wenzel eine Aura christlicher Bescheidenheit geben wollte. Sich den Heiligen Wenzel in die Hausfassade einzubauen, war damals durchaus nicht unüblich (einige Beispiele zeigten wir hier und hier). Da Wenzel der böhmische Nationalheilige schlechthin ist, diente sein Abbild um die Jahrhundert als ein Stück Zuschaustellung einer tschechisch-nationalistischen Gesinnung, die möglicherweise ein wenig Kritik am österreichischen Habsburgertum implizierte.

Das Haus, vor dem er hier nun steht, wurde in den Jahren 1902/03 von dem Architekten und Bauunternehmer Jan Klecanský erbaut, der am ehesten durch den Bau des Rathauses der mittelböhmischen Stadt Kolín bekannt geworden ist. 1906 erfolgte noch ein größerer Umbau, als der Architekt František Hodek im Souterrain eine Räucherei einbaute, die es aber nicht mehr gibt.

Es handelt sich bei dem Gebäude (das ein wenig Farbauffrischung gebrauchen könnte) im einem sehr zurückhaltend und geschmackvoll gestaltetes Beispiel für die Architektur des Jugendstil, der – vor allem durch die überlebensgroße Wenzelsstatue – mit einigen historistischen Elementen versetzt ist. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die sehr geometrischen Jugendstilfenster. Der Heilige Wenzel fällt allerdings (zumindest auf den ersten Blick) mehr auf. Er ist Nationalheiliger geblieben, weshalb heute auch sein Feiertag ist. Allerdings sind die Tschechen nicht mehr so fromm, wie sie es früher mal gewesen sein mögen. Deshalb heißt der Wenzelstag in seiner Eigenschaft als Nationalfeiertag „Tag der tschechischen Staatlichkeit“ (die der Heilige im 9. Jahrundert bekanntlich mitbegründet hat). (DD)

Vom Jugendstil zum Kubismus

Fast schon düster, aber doch faszinierend wirkt der Eingang dieses Hauses. Die grau-schwarzen geometrischen Formen, die ineinander geschachtelt auffällig vom Rest des Gebäudes hervorstechen, machen das Mietshaus am Rašín-Ufer (Rašínovo nábřeží 407/36) zu etwas Ungewöhnlichem.

Das vierstöckige (plus Mansarde) Gebäude wurde im Jahr 1912 von dem Architekten Miroslav Buriánek für den Fabrikbesitzer Alois Všetečka erbaut. Ab 1875 war dieser Teil des Moldauufers befestigt und mit einer steinernen Promenade versehen worden. Zuvor gehörte dieser Teil der Neustadt zu den Armenvierteln der Stadt, wo vor allem Fischer und Flößer lebten (früherer Beitrag hier). Jetzt „gentrifizierte“ sich das Viertel. Prachthäuser mit schöner Aussicht auf Fluss und Burg wurden errichtet. Im Zuge der Umgestaltung wurde ein vorher an dieser Stelle befindliches Barockhaus mit Namen U černého orla (Zum schwarzen Adler) abgerissen und dafür Buriáneks Haus erbaut.

Der Architekt verfolgte in einer Zeit architektonischen Wandels bei dem Haus durchaus eine avantgardistische Linie. Gerade in dieser Zeit um1912/13 begann der Kubismus den Jugendstil als den führenden Stil der aufbrechenden Moderne abzulösen. Im Prinzip kann man dieses Wandel auf der Fassade des Hauses genau beobachten. Der Eingang mit seinen kristallinen geometrischen Formen ist schon eindeutig, wenn nicht gar geradezu archetypisch kubistisch. Die skulpturalen Elemente unmittelbar darüber sind noch klar als Spätjugendstil identifizierbar. Sie bilden einen ungewöhnlichen Kontrast zum Erdgeschoss.

Und weiter oben erinnern ionische Säulen ein wenig daran, dass hier vorher eine barockes Haus stand. Der Stil-Mix, den sich Buriánek hier erlaubte, mit seiner geradezu chronologischen Anordnung – unten progress/modern und oben antikisierend klassisch – macht das Haus zu einer auffälligen Attraktion auf dem Rašín-Ufer, das an architektonischen Attraktionen nicht arm ist. (DD)

Schleuse und Elektrizitätswerk in Miřejovice

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert wurde die bis dato unberechenbare und wegen ihrer Untiefen fast unbeschiffbare Moldau durch Schleusen reguliert und gebändigt. Schrittweise wurden etliche der Stauwerke bald auch für die Stromerzeugung genutzt. Es entstanden dabei nicht nur kleine technische Meisterwerke, denn meist vernachlässigte man die ästhetische Seite nicht völlig. Ein hübsches Beispiel dafür ist die rund 25 Kilometer nördlich von Prag gelegene, im Spätjugendstil gestaltete Schleuse von Miřejovice (Zdymadlo Miřejovice) mit ihrem recht einzigartigen kubistischen Elekrizitätswerk.

Es war dies nicht der erste Versuch, die Moldau an dieser Stelle zu zähmen. Die Anlage befindet sich direkt bei dem barocken Schloss und Landschaftspark Veltrusy (wir berichteten hier). Die Besitzerfamilie, das Adelsgeschlecht Chotek, ließ hier (auch zum Schutz des Parks) im Jahre 1755 eine Brücke mit einem Holzwehr erbauen. Die wurde jedoch beim großen Hochwasser von 1784 restlos zerstört. Aufgebaut wurden danach weder das Stauwehr noch die Brücke. Stattdessen verkehrte hier eine kleine Fähre, die Veltrusy mit dem gegenüber am westlichen Ufer liegenden Ort Nelahozeves (das erwähnten wir hier), zu dem Miřejovice gehört, verband. Ende des 19. Jahrhunderts war klar, das das nicht so bleiben würde. 1896 wurde die staatliche Commision für die Canalisierung des Moldau- und Elbe-Flusses in Böhmen (Komise pro kanalisování Vltavy a Labe v Čechách) ins Leben gerufen, die ein Gesamtprojekt der Schiffbarmachung und Bändungung des Flusses erarbeite, mit dessen Umsetzung man umgehend begann.

Und so wurde in den Jahren 1900 bis 1903 bei Miřejovice (genauer: Moldau-Kilometer 18) nach den Plänen des Architekten und Ingenieurs František Sander ein neues Schleusenwehr erbaut, das an Größe und technischem Standard seinen Vorgänger bei weite übertraf. Mit der Durchführung wurde die Maschinenfabrik Breitfeld-Daněk beauftragt, die später mit dem heute noch existierenden Maschinenbauer ČKD zusammenging. 288 Meter ist das Wehr breit. Es gibt zwei Schleusenkammern, die größere ist 133,4 Meter lang und 20 Meter breit und die kleinere Kammer ist 73 Meter lang und 11 Meter breit. Der Höhenunterschied des Wasserspiegel beträgt 3,45 Meter. Auch wenn heute meist nur Paddler und Kanuten den Fluss hier passieren und keine Frachtschiffe, ist das Ganze also für etwas größere Schiffe ausgelegt. Zudem dient das Wehr auch der Wasserregulierung.

Der eigentliche Clou war jedoch die Brücke, die über die ganze Länge des Stauwehrs führte. Sie ist ganze 7 Meter breit und war damals für den Fahrzeugverkehr (erst Pferdefuhrwerke, später Autos) geöffnet. Erst 1974 wurde sie in eine reine Fußgänger- und Fahrradbrücke umgewandelt. Kleine Barrieren versperren den Autos nun den Weg. Die Pläne für die Brücke stammten von dem Ingenieur Professor Jan Záhorský, der es später – im Jahre 1920 – sogar zum Parlamentsabgeordneten bringen sollte. Es handelt sich um eine Stahlgitterkonstruktion, die damals modernsten technischen Ansprüchen genügte. Die luftige Gitterstruktur, die die Fahrbahn fast wie ein Dach überspannt,erlaubt dem den Fluss querenden Pasanten eine schöne Aussicht auf die umliegende Landschaft. Eine ähnliche Brücke baute Záhorský später auch in Česká Lípa (die Poklopový most)

Die Brücke ist als Wehr-Brücke nicht freitragend. Vielmehr ruht sie statisch auf fünf großen Türmen, die zugleich auch als Pfeiler dienen. Sie haben zur Fahrbahn hin je 3,5 Meter Breite. Vom Wasserspiegel bis zum Dachgiebel beträgt die Höhe 12 Meter, wobei die beiden äußeren Türme etwas niedriger sind als die drei mittleren.

Sie erfüllen dabei nicht nur eine Trage- und Stützfunktion für die Brücken-Fahrbahn. Innen befinden sich nämlich (und mag der Grund sein, warum überhaupt Türme gebaut wurden) hydrauliche Mechanismen für Zylinder, die die Höhe des Stauwehr in fünf Abschnitten verändern können. Auch das neueste Technik vom Feinsten! Befugte Mitarbeiter (aber wohl nur die) können die Türme von der Fahrbahn aus über ein Gittertörchen betreten, um die Technik in Ordnung zu halten.

Die Türme geben der Anlage trotz aller Modernität (die bei späteren Renovierungen noch verstärkt wurden) ein fast schon an Burganlagen aus dem Mittelalter erinnerndes archaisch-historisierendes Aussehen. Optisch gehört die ganze Anlage dadurch jedenfalls zu den imposantesten unter den Stauwehren und Schleusen an der Moldau.

Was thematisch zu der ästhetischen Dimension des Stauwehrs und der Brücke führt: Die Brückenauffahrten (insbesondere die auf dem östlichen Ufer bei Veltrusy), auf denen vor allem die Stahlbrücke seitlich aufgehängt ist, sind natürlich ganz traditionell aus solidem Stein gebaut.

Während die Brücke selbst nur stählernes Material und Funktionalität für sich sprechen ließ, wurde hier 1903 auf skulpturale Ausgestaltung geachtet. Die zierenden Pfeiler an den Fahrbahnrändern sind im späten Jugendstil gehalten, dem sogenannten geometrischen Jugendstil, der im Gegensatz zu frühern Stilformen auf florale Ornamentik verzichtet. Jedenfalls wird hier mit sehr abstrakten und strengen Formen operiert, die dadurch wiederum mit der technischen Grundidee korrespondieren. Es sieht so aus, als ob hier aus Stein Maschinenteile nachgebildet worden wären.

Ein wenig deutet das vielleicht darauf hin, dass damals der Jugendstil schon aus der Mode zu fallen schien. Schon kurze Zeit später wurde er von dem noch experimentelleren und abstrakteren Kubismus verdrängt, mit dem das Ganze schon gewissen Ähnlichkeiten aufweist.

Der hatte dann seinen großen Auftritt als in den Jahren 1928 bis 1930 einige Meter unterhalb auf dem westlichen Ufer (als bei Miřejovice) ein Wasserkraftwerk für Stromgewinnung erbaut wurde. Architektonisch und in der Ausführung war für das Gebäude die Baufirma Kapsa und Müller zuständig. Insbesondere Mitgründer Lumír Kapsa hatte an etlichen kubistischen Gebäuden mitgewirkt, wetwa bei der Masaryk-Brücke (Masarykův most) in Pilsen. Und als er das Elektrizitätswerk hier in Miřejovice baute, war gerade der sogenannte Rondokubismus en vogue, eine originär tschechische Variante des Kubismus, die den eigentlich abstrakten, auf geometrischen Formen basierenden Stil so umformte, dass sich eine pseudo-flokloristische oder -klassische Formensprache ergab (Beispiele stellten wir bereits u.a. hier, hier und hier vor). Man betrachtete das damals eine eine Art modernen und zugleich traditionalistischen Nationalstil für die Tschechoslowakei.

Und so sieht man es auch hier. Ob die an Burgenarchitektur erinnernden „Schießscharte“ oder die klassizistisch anmutenden Halbbogenfenster am Bauwerk selbst oder die schwungvoll gestalteten Beleuchtungen draußen – alles ist sehr konsequent rondokubistisch designt. Obwohl durchaus modern, käme man auf den ersten Blick nicht darauf, dahinterein funktionales Gebäude wie ein Elektrizitätswerk zu erwarten.

Und das ist es ja natürlich auch: Das eigentliche Kraftwerk in dem rechteckigen Gebäude wurde durch die Firma von František Křižík entworfen. Der war Pionier der Elektrifizierung im Lande und ein Erfindergeist von solchen Ausmaßen, dass man ihn als den „tschechischen Thomas Edison“ in Erinnerung hat. Das Kraftwerk ist mit fünf sogeannnten Francis-Turbinen ausgerüstet. Die Wasserrinne, die die die Turbinen betreibt, ist rund 700 Meter lang. Die Gesamtleistung betrug satte 3,57 Megawatt. Allerdings befinden sich nicht mehr nur die alten Originalausrüstungen (was angesichts der Bedeutung von Křižík natürlich reizvoll wäre), denn das Kraftwerk wurde immer wieder renoviert, insbesondere Anfang der 1990er Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Immerhin kann man noch auf einem Vorplatz einen Teil einer alten Turbine bewundern.

Nach Abschluss der Renovierung 1992 begann man über eine Privatisierung der als Kleines Wasser-Elektrizitätswerk (Malá vodní elektrárna, MVE) eingestufte Anlage nachzudenken. Seit dem Jahr 2006 gehört das Elektrizitätswerk dem Stromkonzern Energo-Pro, der zahlreiche kleine und große Wasserkraftwerke an der Moldau betreibt, etwa das bei der weiter flussaufwärts befindlichen Talsperre Slapy.

Mit Hilfe von EU-Fördergeldern renovierte die Firma in den Jahren 2009 bis 2012 die Anlagen noch einmal (mittlerweile produziert sie 4,8 Megawatt) gründlich und besserte sie auch technisch auf. Es leistet dadurch einen wichtigen Beitrag für die Stromversorgung des Prag umgebenden Mittelböhmischen Kreises (Středočeský kraj).

Und obendrein ist das Gebäude auch äußerlich in allerbestem Zustand und sieht wie gelackt aus. Das rondokubistische Design kommt nun voll zum Tragen. Insbesondere der Eckturm, der harmonisch zum Design der Türme am Stauwehr passt, sieht todschick aus. Das wird auch dem Status als ein schützenswertes Denkmal gerecht, den Schleuse und Elektrizitätswerk schon seit 1958 (also kommunistischen Zeiten) innehaben, und der 2010 noch einmal bekräftigt und verstärkt wurde. Die Anlage gehört zuden kleinen Attraktionen der Umgebung (von denen natürlich das nahegelegene Schloss Veltrusy das kulturhistorische bedeutendste ist), die von Ausflüglern bewundert werden kann und auch wird. Dazu trägt auch der gut ausgebaute, grenzübergreifende Moldau- und Elbe-Radweg bei, der hier vorbeiführt.

Im Jahre 1984 hatte übrigens der schon 1960 gegründete Kanuverein der nahen kleinen Stadt Kralupy Grund zum Jubeln. Damals wurde im östlichen Ablaufkanal eine 600 Meter lange Slalomstrecke für Kanuten aufgebaut, die vom Verein betreut wird, aber auch für andere Nutzer offen ist. Zwischen 9 und 12 Kubikmeter pro Sekunde fliesst hier das Wasser, was hinreichend für ein schönes und spannendes Wassersporterlebnis ist. In der Tat beschränkt sich der Flussverkehr in diesem Abschnitt der Moldau trotz der großen Schleuse hauptsächlich auf Kanuten und Paddler. Die bekommen hier allerdings viel geboten. (DD)

Žižka-Zelebration

Heute vor 602 Jahren, am 14. Juli 1420, errang er bei der Schlacht am Veitsberg (Vítkov) seinen ersten großen Sieg: Der große Hussitenfeldherr Jan Žižka, der hier von der Fassade des fünfstöckigen Wohn- und Mietshaus in der Italská 1580/26 ausgesprochen trutzig herunterschaut. Der einäugige Kämpe, der bis zu seinem Tod 1424 als Heerführer in den Hussitenkriegen unbesiegt blieb und so den Sieg der katholischen Kreuzritter über die Böhmen verhinderte, war um die Jahrhundertwende für patriotische und latent anti-Habsburgische Tschechen so etwas wie eine nationale Kultfigur (wie wir schon hier feststellten). Deshalb widmete man ihm allerorten Denkmäler und auf vielen bürgerlichen Häuserfassaden war er in Stuck gerne gesehener Gast.

So auch hier. Das Haus in der Italská ragt aber in der Intensität des Žižka-Kults über das Normalmaß hinaus. Der in der nationalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zum Nationalmythos Verklärte erscheint uns nicht nur in Form des Portraitreliefs im großen Bild oben, sondern überall auf der Fassade. Es handelt sich um eine wahre Zelebration. Gebaut wurde das Haus im Jahre 1910 nach den Plänen des Jugendstilarchitekten Bohuslav Homoláč (wir erwähnten ihn bereits hier). Entsprechend handelt es sich auch um ein Gebäude in einem leicht historisierenden Jugendstil.Das Gebäude fällt dem Passanten schon wegen der durch Erker und Balkone belebten Fassadenstruktur auf.

Der eigentliche Clou neben den Stuckaturen sind jedoch die Fresken, die die Fassade von oben bis unten überziehen. Dabei steht primär der Hussitenheld Žižka im Mittelpunkt. Die Ausnahme ist das Giebelgemälde, das aber immer noch ein sehr patriotisches Motiv, allerdings aus der Legendenwelt, präsentiert. Es zeigt die weise Wahrsagerin Libuše, die der Sage nach im 8. Jahrhundert durch ihre Heirat mit dem Pflüger Přemysl das Herrschergeschlecht der Přemysliden gründete, das Böhmen zu ungeahnter Größe verhalf. Hier sieht man sie umrahmt von ihren Schwestern Kazi und Teta, wie sie (korrekt!) den kommenden Ruhm der Stadt Prag prophezeit – ebenfalls ein Motiv, das in der nationalpatriotischen Malerei einen Dauerruhm-Platz einnimmt.

Die Freskengmälde des Hauses wurden wahrscheinlich von dem damals außerordentlich populären Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier, hier und hier) entworfen, der einen Faible für den Stil der Neorenaissance hatte, der aus patriotischen Gründen meist der böhmischen Früh-Renaissance nachempfunden war. Die Ausführung überließ er wohl dem ebenfalls damals sehr bekannten Maler Láďa Novák, mit dem er häufiger zusammenarbeitete – etwa bei dem stilvollen Haus bei Rott (Dům U Rotta) in der Altstadt, über das wir schon hier berichtet hatten. Novák galt als Spezialist für Fassadenmalerei und hat in Prag – nicht nur für Aleš -rund 100 von ihnen gestaltet. Rechts sieht man ein Gemälde über dem zweiten Stock des Hauses in der Italská, das Žižka von seinen Kriegern umgeben in die Schlacht ziehen sieht.

Ein anderes Bild, das man links sieht, bildet so etwas wie den thematischen Abschluss der Fresken. Ein berittener Hussitenkrieger ist nach vollendeter Schlacht (?) still unter dem Symbol des Kelches, das auch seinen Schild schmückt, ins Gebet versunken. Der Kelch war nämlich das immer wiederkehrende theologische Symbol der Hussiten (und heute aller evangelischen Kirchen im Lande), die in ihren Gottesdiensten den von der katholischen Kirche als häretisch betrachteten Laienkelch ausgaben. Das leere, auf mittelalterlich getrimmte Stuck-Wappen daneben unterstreicht den für ein Jugendstilgebäude ausgesprochen historistischen Charakter des Ganzen.

Das Haus wurde 2002 gründlich renoviert und umgebaut, was aber primär den Innenbereich betraf. Dort wurde nun auch für Büros einer Versicherungsvertretung Raum geschaffen. Der renommierte Restaurator und Bildhauer Jiří Živný sorgte dafür, dass dies minimal-invasiv zuging und außen vor allem die Fassade mit den Fresken und den fein ziselierten Stuckarbeiten in altem Glanz wieder auferstand. Insbesondere der Eingangsbereich, wo bei der Hausnummernstuckatur der Jugendstil-Charakter des Hauses besonders gut sichtbar ist (Bild rechts), zeugt davon, dass dies recht gut gelungen ist.

Und noch ein interessantes Stück Stuck findet man, wenn man sorgfältig hinschaut: Denn auch der ursprüngliche Auftraggeber und damalige Besitzer, der das Haus 1910 erbauen ließ, ist auf der Fassade mehr oder minder diskret verewigt – allerdings nicht so auffällig als Reliefbüste oder Fresko wie es bei dem von ihm anscheinend sehr bewunderten Jan Žižka oder der guten Libuše und ihren Schwestern der Fall war. Dieser Besitzer war ein gewisser Josef Chadim, über den ich sonst eigentlich nichts habe herausfinden können. In einer Kartusche unterhalb des Balkons des mittleren Erkers findet man seine Initialen “ J.Ch“ – in einer besonders schnörkeligen und sehr jugendstiligen Schrift.

Jugendstilschleuse

Nur noch wenige hundert Meter und die Moldau löst sich in der Elbe auf. Man sieht hier die Schleuse von Hořín (Zdymadlo Hořín), die sich schon in Sichtweite des Zusammenflusses der beiden Flüsse befindet. Und man kann nur sagen, dass dieser Abschluss architektonisch hübsch gelungen ist.

Mit dem Schleusenbau begann man erst systematisch Ende des 19. Jahrhunderts. Zuvor war die Moldau an vielen Stellen zu flach für regulären Schiffsverkehr. Es reichte allenfalls für Flößerei (wir berichteten hier und hier). Zudem gab es unzählige Untiefen, die die Sache gefährlich machten. 1896 wurde deshalb die staatliche Commision für die Canalisierung des Moldau- und Elbe-Flusses in Böhmen (Komise pro kanalisování Vltavy a Labe v Čechách) ins Leben gerufen, die ein Gesamtprojekt für die wirtschaftliche Nutzbarkeit vorlegte, das die Kanalisierung und den Aufbau von Schleusen und Stauwerken vorsah. Und das wurde umgehend umgesetzt. Bis 1906 wurde der Fluss gebändigt, so dass im Prinzip eine Schiffsverbindung zwischen Prag und dem Seehafen von Hamburg (via Elbe) entstand. Im Zuge dieses Projektes wurde in den Jahren 1902 bis 1905 die Schleuse von Hořín, einem kleinen Ort am Ufer gegenüber von Mělník, erbaut.

Der Architekt, der die Schleuse entworfen hatte, war František Sander, ein Spezialist für technische Bauten, der schon 1903 die 10 Kilometer entfernte Schleuse von Miřejovice gebaut hatte – die dritte Schleuse von der Mündung aus gesehen. Dazwischen liegt nur noch die rund sieben Kilometer oberhalb liegende Schleuse Vraňany.

Es handelt sich bei der Schleuse von Hořín um ein wunderschönes, etwas historisierend daherkommendes Stück Jugendstil – wie er damals modern war. Grobe Rustizierungen zieren Bögen und die Pilaster im Zyklopenmauerstil, die wie Stützsäulen aussehen sollen. Fast wie der Eingang eines Mausoleums sieht der zentrale Treppengang zum Fluss (ebenfalls nicht öffentlich). In der Mitte zwischen den beiden Schleusenbögen befindet sich ein antikisierender Kontrollturm mit Walmdach auf denen eine Aussichtsplattform (nicht öffentlich) mit Fahnenmast ist. Formschöne Laternen zieren die beiden das Ensemble umrahmenden Pfeiler am Geländer. Die äußere Fassade ist mit Medaillons geschmückt; in der Mitte ist eine rechteckige steinerne Plakette, auf der in großen Lettern das Einweihungsjahr 1905 vermerkt ist. Das Ganze wirkt archaisch und wuchtig. Und es macht schon etwas her. Bei einem Schönheitswettbewerb unter den Moldauschleusen könnte die Schleuse von wohl ganz Hořín definitiv eine Favoritenrolle übernehmen.

Hinter den beiden Schleusenbögen befinden sich die Schleusenbecken. Das größere ist 137 Meter lang und 20 Meter breit;. Man sieht esim Bild links. Im Hintergrund kann man das Schloss über Stadt Mělnik sehen, das schon auf dem anderen Ufer der Elbe liegt. Das kleinere Schleusenbecken ist 73 Meter lang und 11 Meter breit. Die Tiefe betrug ursprünglich 4,50 Meter, was die Schiffsgröße der passierenden Boote (heute hauptsächlich Ausflugsboote aus Prag und Kanus und Paddelboote) arg begrenzte. Der dadurch eingeschränkte Nutzen war ein Problem, dessen Lösung man sich 2019 annahm, indem man die Schleuse sperrte und einer grundlegenden Erneuerung unterzog. Seit dem Abschluss der Bauarbeiten im Mai 2021 können hier auch Schiffe mit 7 Metern Tiefgang passieren.

Die damalige Schleusen-Technik aus der Zeit der Eröffnung lässt sich wenigstens teilweise erschließen. Auf dem östlichen (rechten) Ufer neben der Schleuse befindet sich eine kleine Ausstellung oder auch Open-Air-Museum mit den alten Hebezuvorrichtungen und Teilen eines kleinen Kraftwerks, das früh dort installiert wurde. Aber die Technik hat natürlich inzwischen Fortschritte gemacht und die alte war irgendwann nicht mehr hinreichend. Da das Schleusenwerk seit 1958 ein Kulturdenkmal ist und der Status im Denkmalschutz 1985 sogar noch einmal erhöht wurde, musste man bei einer allfälligen Modernisierung der Technik genau darauf achten, dass das Gesamtbild dieses technischen Denkmals nicht in irgendeiner Weise beschädigt wurde. Das hat man in der Tat souverän gemeistert.

Man hat es nämlich vermocht, moderne Technik in großem Maße in den „Körper“ der Schleuse einzubauen, ohne dass man es von außen zunächst sieht. Eine normale Straße mit passendem Kopfsteinpflaster führt in Normalzeiten über den Damm. Nur wenn die Schleuse geöffnet wird, sieht man, wie der ganze Fahrweg plötzlich hydraulich gehoben wird. Man bekommt dann einen Blick ins moderne Innenleben. Dann senkt sie sich wieder (Bilderfolge oberhalb) und man kann hinübergehen (hier Lady Edith und meine Frau) oder -fahren (einspurig). Dann sieht alles wieder so aus, als ob das 21. Jahrhundert niemals seinen Einzug gehalten hätte.

Zu der erneuerten Technik gehört übrigens schon seit dem Jahr 1996 auch das kleine Elekrizitätswerk der Schleuse. Das ist mit einer einzigen Francis Turbine ausgerüstet. Die erbringt 30 Kilowatt Strom. Das sind recht wenig, wenn man das etwa mit der Leistung des oberhalb gelegenen Kleinkraftwerks der Schleuse Miřejovice vergleicht, die 48 Mega-Watt beträgt. Aber Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist. Die ursprüngliche Turbine (ebenfalls eine Francis Turbine) wurde übrigens ins Technische Museum von Brno (Brünn) in Mähren gebracht, wo sie von den Besuchern bewundert werden kann. (DD)

Architekt und Baumeister

Dieser elegante Schwung der Formen! Vinohrady – in dieser Zeit noch außerhalb Prags gelegen – ist eine Schatztruhe für die Freunde elegantester Jugendstil-Architektur.

Ein grandioses Musterbeispiel ist das vierstöckige Wohnhaus in der Římská 1199/35 (Prag 2). Es steht hier seit 1903 und wurde damals auf dem Gebiet eines ehemaligen Gartens erbaut, Eichmanka genannt. Eigentümer, Bauherr und Architekt waren ein und die elbe Person, nämlich ein gewisser Karel Horák. Der war in Vinohrady wohl etabliert und angesehen – vor allem als lokaler Vorsitzender des Turnerbunds Sokol (Falke), über den wir schon hier berichtet hatten. Da versammelten sich auch Unsportliche, denn im Grunde war der Sokol die große Sammelbewegung aller patriotischen und liberal gesinnten Tschechen, die sich für eine größere demokratische Selbstbestimmung Böhmen im Habsburgerreich einsetzten.

Die Verbindung von kommunalpolitischer Vernetzung, Architektenbüro und Baufirma war profitabel und Horák war wohl ein reicher Mann. Das zeigt sich nicht nur darin, dass er sich gleich nebenan, in der Římská 1222/33, noch ein großes Mietshaus bauen konnte, sondern auch in der luxuriösen Gestaltung. So steht schon über dem Eingang in großen vergoldeten Jugendstil-Lettern der Schriftzug: „Karel Horák – Architekt a Stavitel“, d.h. Architekt und Baumeister.

Damit nicht genug der Selbstdarstellung, denn das Thema tauch noch einmal auf der Höhe des ersten Stocks auf, wo zwei allegorische Plastiken in Stuck die Architektur (eine weibliche Figur mit einem Gebäude in der Hand) und die Baumeisterei (eine männliche Figur mit Hammer und Maschinenrad) symbolisch darstellen. Beide sind künstlerisch hochwertig und Kritiker finden bisweilen, sie kämen denen des damals überaus bekannten Bildhauers Stanislav Sucharda im Geiste nahe, der unter anderem das große Palacký-Denkmal am Moldauufer erschaffen hatte (früherer Beitrag hier).

Oben unter dem Giebel findet man eher ein pastorales Motiv als Stuckrelief. Je eine männliche und eine weibliche (kleines Bild links) Figur können beim Pflücken von Früchten beobachtet werden. Stilistisch passt das harmonisch zu den beiden Allegorien weiter unten.

An der Fassade hat sich gottlob seit 1903 wenig nichts geändert – außer dass sie nach der Wende 1989 wieder ein wenig restauriert wurde. Ansonsten gab es innen noch einige Umbauten. Horák konnte die Frucht seiner Arbeit nur ein Jahr genießen; er starb 1904. Schon im Jahr darauf ließ seine Witwe und Erbin Marie Horáková (beide Häuser gehörten ihr nun) von dem Architekten Jindřich Břeněk insbesondere den Hof vergrößern und im obersten Stock ein Fotoaltelier einrichten. Weitere Umbauten erfolgten 1928 und 1930.

Und so fehlt heute ein klassisches Merkmal vieler der damals in Vinohrady gebauten Miets- und Wohnhäuser, nämlich dass sich im Erdgeschoß ein einziger großer Wohnungsbereich befand. Das ist heute nicht mehr so. Das Erdgeschoss wird heute gewerblich genutzt. Ein kleiner Buchladen hat hier vor einigen Jahren seine Pforten aufgemacht.

Anscheinend hat der Denkmalschutz hier so seine strikten Auflagen gemacht. Jedenfalls hat die kommerzielle Nutzung den optischen Eindruck kein bisschen beeinträchtigt. Die schönen Stuckaturen und die schnörkeligen Balkon- und Türgitter erfreuen immer noch das Auge des Betrachters. Horák sei Dank! (DD)

Bären und Kleinrussen

Heute ist der der 26. Juni, an dem man gemeinhin mit Trauer erfüllt den Bärengedenktag begeht. Was wäre ein besseres Motiv für diesen Tag, als dieses schöne Stuckrelief eines Bären auf der Fassade in der Pařížská 125/16 (Ecke Široká) im Herzen Prags?

Bevor wir zu diesem Gebäude kommen, ein Wort zum Bärengedenktag: Mit ihm gedenkt man des Mordes an „Problembär“ Bruno, der am 26. Juni 2006 in der Nähe von Bayrischzell auf Befehl des Umweltministers der Bayerischen Landesregierung (CSU) stattfand. Ausgerufen wurde der Trauertag von der Stiftung für den Bären im Gedenken an diese Bluttat. Der Braunbär war ein mittelloser Migrant aus Norditalien und hatte illegal über Österreich die Grenze zu Bayern überschritten, wo er sich eine bessere Zukunft erhoffte. Alle kleinen Kinder im Lande, die durch ihre Teddybären zur Liebe zum Bären erzogen waren, fanden Bruno süß, als er in den Medien auftauchte. Und dass er Schafe riss, sich an Menschen gewöhnte und zu clever war, sich fangen zu lassen, waren schließlich keine irgendwie triftigen Gründe, das putzige Zotteltier für gefährlich zu halten. Die kleinen Kinder, die vor dem Fernseher heulten als die Nachricht kam, dass Bruno erschossen worden sei, sind heute erwachsen und wahlberechtigt. Wenn sich die CSU fragt, warum ihre Wählerbasis schrumpft, dann kann die Antwort nur in den lang anhaltenden Traumata liegen, die das Meucheln des armen Ursiden damals auslöste, und die jetzt erst ihre elektorale Wirkung entfalten.

Kommen wir zurück nach Prag und zu dem Gebäude mit dem Bären über der Fensterreihe im dritten Stock: Das große vierstöckige Miets- und Wohnhaus liegt mitten in der Laden- und Luxusmeile, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Areal des früheren Judenviertels Josefov entstand. Wie man der großen Inschrift auf dem Hausschild über dem zweiten Stock entnehmen kann, wird es dům U Dvou Malorusek genannt, was soviel wie Haus zu den Zwei Kleinrussen bedeutet. Das bedarf einer Erklärung, denn wenn heute von „Kleinrussland“ die Rede ist, dann denkt man an den Teil der Ukraine, den von Russlands Autokraten Wladimir Putin gesteuerte Aufrührer als „selbständigen“ Staat ausgerufen haben, um die Ukraine zu demontieren und Russland einen recht durchsichtigen Vorwand für den brutalen Überfall des Landes im Februar 2022 zu liefern. Diese Leute gab es noch nicht, als das Haus gebaut wurde. Eigentlich geht der Begriff Kleinrussland auf das Mittelalter zurück, als der südwestliche Teil Russlands noch eigenständig war und von Kyiv (nicht Moskau!) aus regiert wurde.

Wie dem auch sei: Die Legende, die auch von Wikipedia verbreitet wird, besagt, dass das Haus für Eigner gebaut wurde, die eine zeitlang in dem damals immer noch nominell Kleinrussland genannten Teil des damaligen Russischen Reiches gelebt hatten, und sich mit dieser Region nach ihrer Rückkehr nach Prag anscheinend so sehr identifizierten, dass sie das Gebäude entsprechend so tauften. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass das Haus seinem Namen der 1888 erschienenen Geschichte Dvě Malorusky (Zwei Kleinrussen) des damals populären romantischen Schriftstellers Josef Václav Frič verdankt, der politisch einem panslawistischen Romantizismus frönte. Zu dieser politischen Orientierung passte das Thema der zwei Kleinrussen, denen das Haus gewidmet ist. Den Auftraggebern ging es also eher um Literatur und um eine politische Erneuerung. Die „Kleinrussen“ aus Fričs Geschichte sind auch eher ukrainische Exilanten und wären heute gewiss vehemente Gegner Putins, der russischen Aggression und des heutigen Missbrauchs des Begriffs „Kleinrussland“.

Gesichert ist jedoch, dass das Gebäude nach den Plänen des Architekten Jiří Justich (den wir schon hier und hier erwähnten) durch den großen Bauunternehmer  Matěj Blecha (erwähnt z.B. hier und hier) in den Jahren 1905/06 erbaut wurde. Damals war es Mode, den damals gängigen Jugendstil mit allerlei historistischen Elementen zu bereichern. Hier in der Gegend um die Pařížská nahm das ganz besondere Dimensionen an – und das dům U Dvou Malorusek ist eines der großartigsten Beispiele dafür. Das Haus zeichnet sich durch überbordende Ornamentik aus, die sich teilweise auf das „Generalthema“ Kleinrussland beziehen. Auf den ersten Blick fallen dabei schon aus der Ferne die auf Höhe des dritten Stocks am Erker befestigten und überlebensgroßen Statuen von Bauernmädchen in ukrainischer Tracht auf, die beide Körbe mit Früchten oder Gemüse tragen.

Und dann ist es auch ganz augenscheinlich die Fauna, die der Stuckkünstler auf der Fassade verewigt hat, die einen exotisch-kleinrussischen Eindruck erwecken soll. Für die Annahme, dass das Haus nicht für Besitzer gebaut wurde, die Kleinrussland tatsächlich kannten, sondern dass die Geschichte von Frič die Inspiration lieferte, spricht, dass sich der Künstler da nicht so recht auskannte. Irgendwie schien er zu erahnen, dass der Bär ein russisches Symboltier sein muss, und dass es in Russland oft kalt ist. Folglich handelt es sich bei dem großen Stuckursiden, den wir oben im großen Bild sehen, um einen Eisbären. Da das hier beschworene Kleinrussland im Südwesten Russlands (eben weitgehend in der heutigen Ukraine) liegt, der sich weitab der Polarregion befindet, ist diese Bärenart eigentlich fehl am Platze. Immerhin scheinen die kleinen und putzigen Bären, die man oben unter dem Dach auf dem Erkerturm findet, echte ortsübliche Braunbären zu sein. Man muss aber gute Augen haben, um die kleinen Stuckbärchen am First dort hoch oben zu erkennen.

Kurz: Das Ganze repräsentiert wohl eher ein künstlerisch imaginiertes Bild von Kleinrussland, denn ein reales. Gerade die „kleinrussische“ Fauna ist äußerst phantasievoll und mit einem leichten Schuss tschechischem Humor gelungen. Ausgesprochen seltsam muten die beiden spechtartigen Vögel an, die neben dem Haupteingang Wache zu halten scheinen, und die keck hinter ihren überproportionierlichen Flügeln herauslauern. Ob die wirklich typisch „kleinrussisch“ sind, weiß ich nicht, aber zumindest irgendwie für Tschechen ortsunüblich genug, um dafür gehalten zu werden. Wenn man schon einmal da ist, sollte man sich den ganzen Eingangsbereich (sieht man drei Bilder oberhalb) anschauen, nicht zuletzt wegen der schönen Schnitzereien.

Auch sonst gibt es viel zu sehen, was die Stuckarbeiten angeht. Überall wuchern rästselhafte und botanisch schwer einzuordnende florale Motive. In der Mitte der Fassade hin zur Široká sieht man ein rechteckiges Motiv mit viel Vergoldung, das sehr an traditionelle ukrainische Teppiche erinnert. Und die mit Stuck angedeutete architektonische Struktur darüber erinnert mit ihren halbrunden Formen an griechisch-katholische Kirchendächer, wie man sie in Kleinrussland bewundern kann. Das haus wurde immer wieder im Laufe der Zeit renoviert und in Schuss gehalten – nach dem Ende des Kommunismus noch einmal besonders. Huete befinden sich hier Büros und Mietswohnungen im höchsten Priessegment und im Erdgeschoss haben sich einige einge Luxusgüterläden eingerichtet.

Unsereins gefällt am meisten der Bär auf der Fassade. Als das Gebäude mit dem Bären erbaut wurde, ging es den Bären in Europa nicht gut. Der letzte Braunbär in Bayern war 1835 im bayerischen Ruhpolding erlegt worden und der Versuch von Bruno 2006, es mit einer zaghaften Wiederansiedlung zu versuchen, ertrank in seinem eigenen Blute. In Tschechien (damals noch Böhmen) wurde 1856 der letzte Braunbär erlegt. In den letzten Jahren haben immer wieder Bären von den Karpaten her den Weg nach Tschechien gefunden, aber keiner wurde bisher getötet wie in Bayern. Die Tschechen sind halt tierlieb und erfreuen sich lieber an Geschichten wie die vom Tierschützer, Tierphotographen und Bärenpapa (Medvědí táta) Václav Chaloupek, der 2013 zwei im Wald gefundene Bären-Waisenkinder fand und aufzog. Das Haus in der Pařížská mag man daher als eines der frühen Zeugnisse für die damals erwachende und heute voll ausgereifte Bärenliebe der Tschechen würdigen – an jenem heutigen Gedenktag. (DD)

Kotěras Frühwerk

Als man in den 1870er Jahren den ehemaligen Pferdemarkt Prags zu dem großen Wenzelsplatz (Václavské náměstí) ausbaute, den wir heute kennen, konnten sich Architekten aller Richtungen im großen Stile selbst verwirklichen. Das Haus mit der Nummer 777/12 gehört zu den Pionierbauten am Orte.

Es handelt sich um das Peterka-Haus (Peterkův dům), das in den Jahren 1898/99 von dem Architekten Jan Kotěra (siehe auch hier) erbaut wurde. Der wurde in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg so etwas wie der große Vorläufer der funktionalistischen Moderne in Böhmen. Das Peterka-Haus ist allerdings ein Frühwerk und ein ebenfalls bedeutendes Werk des frühen Jugendstils. Entworfen hatte es Kotěra für einen Bankier namens Peterka, der sich eine erstklassige Lage für sein Haus ausgesucht hatte. Von der Rückseite hat man heute noch einen Blick auf den Franziskanergarten und die schöne Barockirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné), über die wir hier berichteten.

An der Stelle stand zuvor ein barockes Gebäude aus der Zeit um 1732, von dem nur wenig im Untergeschoss erhalten sein soll. Bei der Gestaltung des fünfstöckigen Wohn- und Bürohauses lehnte sich Kotěra noch an Vorbilder an, die von dem Architekten Vilém Tierhier entworfen waren. Das Haus ist horizontal dadurch optisch aufgeteilt, dass es einen gewerblichen Teil in den unteren zwei Stockwerken (mit unterschiedlichen Deckenhöhen, Bogenfenstern und Rustifizierungen) und den regelmäßiger und schlichter gestalteten oberen Wohnteil gibt. Der untere Teil zeichnet sich dazu noch durch einen burgartigen Toreingang aus, über dem sich eine vergoldete Marienskulptur befindet.

Die Fassade der oberen drei Geschosse ist mit floralen Motiven in Stuck geschmückt. Die sind das Werk des Architekten und Bildhauers Josef Pekáreks, der später durch seine allegorische Skulptur der Moldau am Janáček-Kai (Janáčkovo nábřeží) am westlichen Moldauufer nahe der Schützeninsel (Střelecký ostrov) berühmt wurde. Im gegensatz zu anderen Werken des „floralen“ Frühjugendstil ist das ganze aber nicht überladen, sondern kultiviert zurückhaltend. Dieser Stil setzt sich wohl auch im inneren Teil des Gebäudes fort.

Die Krönung des Gebäudes ist jedoch der im großen Bild oben gezeigteSkulturenschmuck auf Höhe des obersten Stockwerks – eine weibliche Allegorie des Ruhms und eine männliche Allegorie des Arbeitsfleißes. Sie sind das Werk des Bildhauers Stanislav Sucharda, der später durch das Denkmal für den Nationalhistoriker František Palacký am Moldauufer berühmt wurde.

Architekt Kotěra hat sich übrigen selbst im Erdgeschoss mit einer kleinen, sehr jugendstiligen Plakette am Gebäude verewigt…. (DD)

Fast schwebend

Mit welcher Leichtigkeit das junge Mädchen mit Engelsflügeln fast schwebend den hohen Erkerturm zu tragen scheint – man ist beeindruckt! Ein Blickfang, in der Tat.

Wir stehen vor dem vierstöckigen Apartmenthaus in der Lesnická 1155/8, das der Maler und Architekt Karel Vitězlav Mašek, der dem Jugendstil und einem tiefsinnigen Symbolismus verpflichtet war (wir berichteten hier), im Jahre 1907 erbaute.

Was bedeutet diese fast übernatürliche Mädchenfigur im leichten Gewande? Der Spiegel in der Hand könnte suggerieren, dass es sich um eine Allegorie der Vanitas handelt. Aber die Engelsflügel passen dazu nicht, weshalb auch die Deutung, sie sei eine Allegorie auf den Nationalgeist der Tschechen (so etwas war in dieser Zeit beliebt!) – etwa hier – aufgekommen ist. Und Mašek liebte in seinen Werken generell eine nationale Symbolik.

Das im Vergleich zu anderen Werken Mašeks an sich gar nicht einmal so überbordend opulent gestaltete Haus hat neben der geflügelten Dame unter dem Erker auch noch sonst so einiges an schöner Ornamentik zu bieten, vor allem den Tympanon des Haupteingangs mit seinen floralen Mustern.

Nur die Satellitenantenne am Erker über der schwebenden Dame stört ein wenig. Irgendwer hat es da an Feingefühl vermissen lassen. (DD)

Kuriose Jugendstilhunde

Man wünscht sich, der Besitzer würde doch einmal einige Eimer Farbe aufwenden, um seinem Haus wieder zu dem Glanz zu verhelfen, das es verdient. Das gilt besonders für die kleinen Stuckreliefs, auf denen kleine biedermeierlich gekleidete Mädchen mit ihrem Hund spielen. Der kleine Canide hat sich ein wenig spielerisch in die Krinoline des Kleides eines der Mädchen verbissen, was aber lässig genommen wird. Schon damals liebten die Tschechen ihre Hunde und ließen sie gewähren.

Das imposante vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Polská 1618/9 in Prag-Vinohrady wurde im Jahre 1911 von den Architekten Josef Pospíšil und Jan (Josef) Rokos. Besonders Pospíšil hatte sich zu diesem Zeitpunkt einen internationalen Ruf als Gestalter prachtvoller Fassaden gemacht (Beispiele präsentierten wir u.a. schon hier und hier), zunächst meist im Stil des Neobarock, aber hier bereits im Jugendstil. Und wenn man in Vinohrady nach einem besonders gelungenen Beispiel für einen sehr opulenten floralen Jugendstil sucht, dann ist dieses Haus, dessen Auftraggeber und Besitzer ein gewisser Karel Svoboda war, so etwas wie die erste Wahl.

Insbesondere die beiden Erker im zweiten und dritten Stock (mit je einem Balkon darüber) und die Giebelaufbauten auf dem Dach sorgen für eine sehr abwechslungsreiche und geradezu spielerisch wirkende Ästhetik. Diese wird noch einmal duch die bunten/vergoldeten Verzierungen aus Schmiedegitter unter dem Dachfirst unterstrichen. In dieser Form findet man das bei normalen Wohnhäusern eher selten in Prag.

Vor allem fällt das Haus aber durch die Prise Humor auf, die man sich bei den Stuckaturen gegönnt hat.Dazu gehört auch die witzige Spielszene mit Hund im ersten Stock, die man oben im großen Bild bewundern kann. Es gibt auch noch eine zweite Szene dieser Art – mit einem kleinen Hund, der vor einem sitzenden Kleinkind mit biedermeierlicher Schute und einem etwas größeren Mädchen, das eine Puppe im Arm trägt, steht..Auffallend ist, dass bei beiden Bildern eines der beiden Mädchen scheinbar unbeteiligt ins Publikum – also Richtung Passanten – guckt. Was war die Idee dahinter? Man weiß es nicht. Es wirkt jedenfalls sehr huintergründig.

Das gilt auch für die beiden Reliefs, bei denen jeweils kleine Putten oder Zwerge (ganz klar ist das nicht) mit Blasinstrumenten nebeneinander vor einem reich geschmückten kleinen Portal stehen, um ein kleines Konzert zu geben. Was mag sie hinter der Tür dazu veranlassen. Sicher ist nur, dass das Haus in der Polská nicht nur zu den schönsten Jugendstilhäusern der Umgebung, sondern auch zu den kuriosesten gehört. Schon deshalb täte ein wenig Fassadenauffrischung gut. (DD)