Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

Goldene Gans am Wenzelsplatz

Die goldene Gans, die goldene Eier legt, ist nicht nur Blickfang. Sie ist auch Namensgeberin des Hotels zur Goldenen Gans (Hotel Zlatá Husa), das sich in bester Lage auf dem Wenzelsplatz (Václavské náměstí 839/7) befindet.

Das Hotel ist nach dem gegenüber liegenden Hotel Adria (vormals Neptun) das zweitälteste Hotel am Platze. Es wurde in den Jahren 1909/10 durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha nach den Plänen des berühmten Architekten Emil Králíček (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier) erbaut. Im Jahre 1912 wurde das Hotel dann feierlich eröffnet. Möglicherweise war es dann doch keine Gans, die für den Besitzer goldene Eier legte. Jedenfalls: Im Jahre 1924 übernahm das daneben gelegene Hotel Ambassador, das im Jahre 1922 seine Pforten eröffnet hatte, den Hotelbetrieb der Goldenen Gans, der jetzt quasi in zwei Gebäuden stattfindet.

Emil Králíček war damals einer der großen aufstrebenden Stars unter den Prager Architekten. Das Zlatá Husá ist noch ein Frühwerk im strengen geometrischen Spät-Jugendstil, den er sich zu Beginn noch verpflichtet fühlte (frühere Beispiele hier und hier). Wirkliche Bekanntheit erreichte er aber später als Pionier des Kubismus – zum Beispiel mit dem Diamant Haus von 1912. Die Jugendstil-Reliefs und -ornamente, sowie die ägyptisierenden Skulpturen unter dem Dachgiebel machen aber auch dieses noch etwas konventionellere Werk zu einer Besonderheit. (DD)

Schule unter Denkmalschutz – leerstehend…

Jan Amos Komenský, den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt, war der große Vordenker der Pädagogik, dessen moderne Konzepte bis heute als bahnbrechend gelten (wir berichteten u.a. hier). Kein Wunder, dass der Theologe aus dem 17. Jahrhundert gerne als eine Art Schutzpatron von Bildungseinrichtungen verewigt wurde. Und so sieht man hier Comenius in Stuck auf der Fassade der Neuen Strašnicer Schule (Nová strašnická škola), wie er einem lesenden Schüler geistige Inspiration zukommen lässt.

Das im Stadtteil Strašnice an der Hauptstraße V Olšinách 200/69 gelegene Schulgebäude gehört zu den schönsten in Prag überhaupt. Die Freude über den Anblick wäre ungetrübter, wenn die Schule nicht öde und verlassen wäre und elendig vor sich hin verfallen würde. Dabei hatte alles gut begonnen, als sie im Jahre 1909 von dem Bauunternehmer Antonín Belada nach den Plänen des lokalen Architekten Josef Domek, dem Strašnice unter anderem auch die schöne Villa Miramare verdankt, erbaut wurde. Das Gebäude, das in einem historisierenden Jugendstil dekoriert ist, fungierte zunächst als Grundschule von Strašnice, das damals noch eine selbständige Stadt war und erst 1922 von Prag eingemeindet wurde.

Das auf dem großen Bild oben gezeigte Relief von Comenius ist nicht das einzige, das man jeweils unterhalb der Dachkante des Gebäudes findet. Ein anderes zeigt ebenfalls Comenius, und zwar seinen Tod. Als Protestant war er nach dem Sieg der katholischen Seite im Dreissigjährigen Krieg ins Exil geflohen, um dort seine pädagogischen Ideen zu verbreiten. Als sich 1670 der Tod nahte, bat er, am Ufer sitzend, das Meer beobachten zu dürfen, um so sein Leben friedvoll zu beenden. Das Bild ging tief in die tschechische Nationalmythologie ein.. Und so sieht man ihn auf dem rechts abgebildeten Relief mit segnender Gebärde zusammen mit einem trauernden Begleiter an der Nordsee sitzen.

Aber in Sachen Bildung dreht sich in Böhmen ja historisch gesehen nicht alles nur um Comenius. An der seitlichen Fassade findet man einen anderen Bildungshelden des Landes: Kaiser Karl IV. Der hat ja bekanntlich 1348 die erste Universität im Lande, die nach ihm benannte Karlsuniversität, gegründet, worüber wir u.a. hier berichteten. Das links abgebildete Relief zeigt ihn in der Mitte des Bildes neben einem Studenten beim Gründungsakt mit Urkunde. Es begleitet ihn dabei der erste Erzbischof Prags, Ernst von Pardubitz (rechts im Bild). Der umtriebige Erzbischof, der auch als Gründer des  Veitsdoms (auch hier) in die Geschichte einging, wurde als Vertrauter des Kaisers auch zugleich der erste Kanzler der Universität.

Beim vierten der Reliefs, das sich ebenfalls an der Seitenfassade befindet, zeigt kein Kapitel der Bildungsgeschichte, sondern ein Sück Nationalmythologie, dass damals im Jahre 1909 fester Bestandteil des tschechischen Bildungskanons war. Wir dehen drei Gestalten aus der vorgeschichtlichen Legendenwelt. Man sieht Fürstin  Libuše, die Stammmutter des Herrschergeschlechts der Přemysliden, das Böhmen zu historischer Größe verhalf. Man sieht sie hier in der Mitte ihrer Schwestern, der Heilerin Kazi und der Priesterin Teta.) siehe u.a. unseren Beitrag hier) bei einer ihrer berühmten Weissagung auf der alten Burg des Vyšehrad, das Prag dereinst eine große und bedeutende Stadt werde – da lag sie richtig. Hellseherei ist eben nicht immer Aberglaube…

Über Jahre fungierte das Gebäude als Grundschule von Strašnice. Den Zweck des Gebäudes zelebrierte man schon über dem Haupteingang mit der Inschrift Našim dětem (Unseren Kindern) – über einer pastoralen Szene platziert.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs rückte das Gebäude kurz in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte. Während des Prager Aufstandes gegen die Nazibesetzer im Mai 1945 (siehe auch hier, hier und hier), waren hier kurz Truppen der Aufständischen untergebracht. Dessen gedenkt man mit einer (für tschechische Verhältnisse recht unauffälligen) Gedenktafel neben dem Eingang.

Anderer Helden gedachte man auch dem Schulgelände mit größerem Aufwand. Auf der Grünfläche davor steht seit 1921 ein großes Denkmal für die Tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg. Bei den Legionen (wir berichteten u.a. hier und hier), die der zentrale Nationalmythos der Ersten Republik waren, handelte es sich um Kampftruppen von Tschechen, die nicht auf Seiten des Habsburgerreichs (dessen Bürger sie ja waren), die auf Seiten der gegnerischen Entente (Russland, Italien und Frankreich) in autonomen Einheiten kämpften, um ihr Land (d.h. Böhmen und später auch die slowakischen Gebiete Ungarns) in die Unabhängigkeit zu führen. Das stattliche Denkmal wurde von dem Bildhauer Josef Jílek gestaltet. Es zeigt eine etwa lebensgroße, muskulöse Männergestalt auf einem Sockel, die einen Kranz über einen Helm legt. Als Modell für den Soldaten hatte Jílek sein Bildhauer-Kollege František Duchač-Vyskočil gestanden, der selbst in Italien bei der Legion gedient hatte. Das Denkmal aus Kunststein war über die Jahre ein wenig verfallen und wurde 2020 wieder sorgfältig restauriert.

2009 endete jeglicher Schulbetrieb. In einem etwas undurchsichtigen Verfahren schloss die Stadtregierung von Prag 10 die Schule, um das Gebäude angeblich für sinnvollere Projekte zu nutzen, aus denen aber nie etwas wurde. Dazu gehörte irgendwann, dass es Sitz eines neuen Rathauses werden sollte. Stattdessen wählte man aber die teurere Lösung, ein Neues Rathaus zu bauen. Alles scheint dubios zu sein. Auf jeden Fall steht die Schule seither leer. Eine Bürgerinitiative hatt sich gegründet, um die Stadt zu einer sinnvollen Nutzung des überaus schönen Gebäudes zu drängen. Ab und an wird es für Kulturveranstaltungen genutzt. Ende 2016 wurden hier zum Beispiel Szenen der amerikanischen Serie Genius über Albert Einstein (einen anderen Drehort der Serie stellten wir hier vor) gedreht.

Die ungewöhnlich langen und vielen Jahre des Leerstands beginnen sich langsam in katastrophaler Weise bemerkbar zu machen. Als „Warnschuss“ an die Stadtregierung hat die Denkmalschutzbehörde das Gebäude 2014 zu erhaltenswerten Denkmal erklärt. Bewirkt hat das noch wenig. Besonders beim Anblick der langsam überwucherten Rück- und Schulhofseite (die insgesamt weniger schön gestaltet wurde als die Vorderseite) könnte man ins Heulen geraten. Das muss nicht sein, was da geschieht. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen bald einmal einen Ruck geben, und das Gebäude fesch renoviert einer sinnvollen Nutzung zuführen. (DD)

Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

Knuffiger Hund

Hat die Erbauer des Hauses seinem eigenen Hund hier ein Denkmal gesetzt? Oder sollten hier nur allgemein die Tugenden der Spezies der Canidae gepriesen werden? Klar ist nur, dass dieses Relief eines gemütlich fläzenden Hundes über dem Eingang des fünfstöckigen Miets- und Wohnhauses in der Gorazdova 1995/11 im Süden der Neustadt den hundenärrischen Tschechen immer noch aus dem Herzen sprechen dürfte.

Wie die ganze Fassade, so ist auch die Hundeskulptur in feinstem Jugendstil gehalten, was man besonders schön an den Ornamenten erkennen kann, die die putzige Fellnase umrahmen. Das Haus entstand in den Jahren 1907/08 nach den Plänen des Architekten Jan Petrák, der auch das direkt daneben liegende Haus (Nr. 1996/13) gestaltet hatte (wir berichteten hier). Petrák ist einer der weniger bekannten, aber nichtsdestoweniger bedeutenden Architekten des frühen, sogenannten floralen Jugendstils in Prag.

Das reich verzierte Haus hat eine durch zwei sich vom ersten zum fünften Stock ragenden Erker strukturierte Fassade, die oben und unten durch Balkone verbunden sind, die mit schnörkeligen Metallgittern geschmückt sind. Petrák war übrigens nicht nur der Architekt, sondern auch der stolze Besitzer des Hauses. War es möglicherweise sein Hund, den wir da sehen? Das lässt sich allerdings wohl nur schwer überprüfen. Aber denkbar ist es natürlich schon.

Über dem Hund sieht man links und rechts ein Fenster umrahmend eine Frauen- und eine Männergestalt. Sie sehen aus, als ob sie zum dem Hund (Herrchen? Frauchen?) gehören. Beide tragen historisierende Kostüme, die ein wenig an Trachten aus der Zeit der Hussiten erinnern mögen. Das war ein thematisches Sujet, das in der Zeit des Baus des Hauses unter Tschechen sehr beliebt war und als Zeichen von Patriotismus galt. Manchmal spielten in dieser Zeit solche Darstellungen auf neueren Fassaden auf die Geschichte früherer Häuser an, die an diesem Ort fanden (ein Beispiel präsentierten wir bereits hier), aber dafür habe ich keinen Beleg gefunden.

Wo wir gerade bei den skulpturalen Elementen der Fassadengestaltung sind: Oben auf der linekn und rechten Seite des Giebels sieht man zwei allegorische Frauengestalten. Die linke erscheint in der Gestalt der Klugheit mit den Attributen des Spiegels (Selbsterkenntnis) und einer Schlange (Anpassung an konkrete Umstände), die rechte Gestalt hält einen Mond in der Hand, was oft als Symbol für Nacht oder Unerklärliches diente. Der Jugendstil hatte eben auch immer eine mystische und symbolistische Dimension.

Im Laufe seiner Geschichte hatte das Haus auch einige prominente Bewohner. Im 5. Stock wohnte dereinst Václav Jan Staněk, eine Naturforscher und 1938/39 zeitweiser Direktor des Prager Zoos (wir berichteten hier). Berühmt wurde er später aber vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Tierbücher, von denen das 1943 erschienene Buch O lvíčku Simbovi (dt. 1959: Simba das Löwenjunge) ein Weltbeststeller wurde. Er schrieb aber nicht nur über exotische Tiere, sondern auch über heimische Arten und viele Photos von urböhmischen Vögeln hatte er vom Balkon des Haus aus geknipst.

Und im Dachgeschoss hatte in den 1960er Jahren der damals sehr beliebte Maler Václav Kiml sein Atelier, ein preisgekrönter Künstler, der besonders durch seine abstrahierenden Stadt- und Landschaftsbilder bekannt wurde.

Kurz: Ein Haus mit Geschichte. Trotzdem wird es auf die meisten Passanten wegen des knuffigen Hundes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. (DD)

Von der Nobeldruckerei zum Hotel

Die Eule – die Verkörperung der Weisheit. Wo mehr kann man Weisheit finden als zwischen den Deckeln eines schönen Buches? Deshalb ist die Eule, die auf einem großen Buch steht, auch kein schlecht gewähltes Symbol für eine renommierte Druckerei mit gehobenem Anspruch.

Das gefiederte Tier befindet sich über dem Eingang eines großen, vierstöckigen Gebäudes in der Svobodova 1961/1 in der Neustadt (Prag 2) unterhalb des Vyšehrad. In den Jahren 1906–1907 wurde es nach den Plänen des Architekten František Bohumír Zvěřina und es handelt sich um ein besonders hübsches Beispiel von Industriearchitektur im späten Jugendstil/frühen Art Déco. Im Jahre 1899 hatte sich ein Konsortium bekannter böhmischer Verleger wie Jan Otto, Jan Vilím,  František Topič (früherer Beitag hier) und anderen, gebildet, um eine Druckerei zu gründen, die ihren hohen Anspüchen genügte: Die Tiskárna Unie (Druckerei Union).

1905 erwarb man neben Vilíms bisheriger Druckerei in der Svobodoba noch ein riesiges Gründstück, um dort eine Druckerei von bisher kaum bekannten quantitaven und qualitativen Ausmaßen zu bauen. Das Konsortium hatte dafür genügend Kapital aufgebracht. Durchgeführt wurden die Arbeiten unter der Leitung des Architekten J. Libanský und dem Bauunternehmer Antonín Belada, die beide durch eine kleine Gedenktafel im Erdgeschoss der von Karel Hermann entworfenen Fassade verewigt wurden.

Zweck des Unternehmens, dessen Logo unter dem Dach an jder Ecke prangt, war es, höchste Druckkunst – besonders im Bereich der Bildreproduktiuon – in Massenproduktion zu ermöglichen. Das war ein geradezu ästhetisch-volkserzieherisches Unterfangen. Das Unternehmen florierte. Ende des Ersten Weltkriegs hatte man 560 technische Mitarbeiter und einen Verwaltungsapparat von 60 Personen. Es gab 73 moderne und elektrifizierte Druckmaschinen, die für Spezialbereiche wie Buchdruck, Lithographie und Heliogravure konzipiert waren. Eine zeitlang ließ der Staat hier sogar Banknoten und andere Wertdokumente anfertigen. 1920-21 und 1936-37 erweiterte und vergrößerte man den Komplex in der Svobodova sogar noch einmal.

Die Kommunisten verstaatlichten den Betrieb nach ihrer Machtergreifung 1948 und führten ihn unter staatlicher Kontrolle weiter. Im Jahre 1960 wurde das Unternehmen in Polygrafia umbenannt. Es domonierte in dieser Zeit die etwas einfachere Offsetdruck-Technik, aber im Kontext des Sozialismus waren die Produkte recht anspruchsvoll. Das Ende des Kommunismus überlebte das Unternehmen nicht. 2007 bis 2009 wurde das riesige Gebäude zu einem Hotel der Kette Park Inn umgebaut. Dazu wurde notwendigerweise das Innere vollständig umgestaltet und sogar (denkmalschutzkonform) im Hinterhof ein neuer Flügel erbaut. Die geschützte Fassade wurde in aller Pracht wieder aufgemöbelt. Mit ihrer klaren Struktur, den Verlagssymbolen und Sgrafitti trägt sie dazu bei, dass das Hotel gerade wegen seiner Industriearchitektur zu den schönsten in Prag zählt. (DD).

Vielseitiges Talent

Als man sie noch nicht auf Film bannen konnte, war es nicht so leicht, die Leistungen großer Schauspieler und ihr künstlerisches Erbes der Nachwelt zu vermitteln. Zu vergänglich sind das gesprochene Wort und die wirkungsvolle Geste auf der Bühne. Nimmt man allerdings die die Größe und Opulenz der Gedenkplakette am Wohn- und Sterbeort als Maßstab, dann ist auch heute noch eindeutig klar, dass Josef Jiří Kolár, der heute vor 125 Jahren (am 31. Januar 1896) starb, zu den ganz Großen seiner Zunft in Böhmen gehörte.

Die im Jahre 1912 auf Höhe des ersten Stocks des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Na Zderaze 2007/7 (Ecke Záhoranského) in der Neustadt angebrachte Gedenktafel ist jedenfalls überdurchschnittlich monumental ausgefallen. Sie ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Karel Opatrný. Über dem Portraitrelief Kolárs mit dem Hinweise, er habe hier zuletzt gelebt und sei hier gestorben, hat Opatrný noch eine kleine antikisierende Allegorie auf das Theater eingefügt – mit einer trauernden Muse über einem Putto, der eine klassische Theatermaske in der Hand hält. Als die Bronzeplakette an dem 1907 im feinsten Spätjugendstil erbauten Haus angebracht wurde, war Kolár (geb. 1812) bereits 16 Jahre tot, aber nicht vergessen.

Nun ja, der Mann hatte auch einfach was auf dem Kasten, wie man so salopp sagt. Schon als kleines Kind konnte er fließend Altgriechisch und Latein lesen und verstehen. Später kam die bühnenreife Beherrschung von Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch (für das er wohl einen besonderen Faible hatte) hinzu. Nach einem erfolgreichen Studium in Naturwissenschaften und Philologie an der Prager Karlsuniversität, kam noch Ungarisch dazu, da er 1833 als Hauslehrer einer Adelsfamilie nach Budapest ging, und dort gleich noch ein abgeschlossenes Medizinstudium dranhängte. Wie viele Intellektuelle der Zeit begann er, einem tschechischen Patriotismus zu entwickeln, weswegen er mit einem ungarischen Adligen in einen Streit über den Vergleich der ungarischen und tschechischen Sprache ein Duell ausfocht, bei dem er verletzt wurde, aber gottlob überlebte.

Ein nationalistischer Chauvinist war er aber nicht, was nicht nur seine Liebe zur internationalen Weltliteratur, sondern auch die Tatsache, dass er schon ein Jahr nach dem Duell die aufstrebende junge, aber deutschstämmige Schauspielerin Anna Manetínská ehelichte.

Ende der 1830er wieder in Prag, überzeugte ihn dort der Dramatiker Josef Kajetán Tyl (der Dichter des Textes der tschechischen Nationalhymne, worüber wir hier berichteten), ins Theatergeschäft einzusteigen. Dort überzeugte er nicht nur als Darsteller in Stücken von Goethe, Schiller und Shakespeare, sondern wurde vor allem als Übersetzer Shakespeares in Tschechische berühmt. Dem Erfolg seiner Hamlet-Übersetzung (1853) folgte das Projekt einer ersten tschechischen Gesamtausgabe des Stratforder Barden, das 1872 abgeschlossen war. Englische Literatur liebte er sowieso, was auch erklärt, warum er sich Josef Jiří Kolár nannte, obwohl er eigentlich nur Josef Kolár hieß. Er hatte einfach den Vornamen seines Idol Lord George Byron ins Tschechische übersetzt – eben Jiří! – und in seinen Namen eingefügt. Nebenbei schrieb er noch einige eigene Stücke, die meist nationalpatriotische Themen hatte, etwa Žižkova smrt von 1851 über den Tod des Hussitenfeldherren Jan Žižka. Heute meist vergessen, waren sie damals große Erfolge. Um das Bild dieses vielseitigen Talents abzurunden, sei noch erwähnt, dass er auch als Theatermanager erfolgreich war. Ab 1862 leitete er das Provisorische Theater, aus dem sich dann 1881 das heutige Nationaltheater (Národní divadlo) entwickeln sollte. Dessen Chefdramatiker wurde er dann auch sogleich. Kurzum: Kolár brauchte den Film nicht, um seinen Nachruhm zu sichern. Sein Platz in der Geschichte der Bühne ist hierzulande für immer gesichert. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Buuredanz in Vršovice

Wenn man so etwas sieht, denkt man als Rheinländer natürlich sofort an die Bläck Fööss und den Buuredanz. Aber wir sind hier nicht in Birkesdorf, sondern im Prager Stadtteil Vršovice, wo man noch ein ganz klein wenig daran arbeiten muss, um den Bläck Fööss zu ihrer überall verdienten Popularität zu verhelfen.

Die stilvolle Hausfassade mit dem Bauerntanz (für Rheinländer: Das ist „Hochdeutsch“ für Buuredanz) findet sich in der Žitomirská 595/35 in ebenjenem Vršovice, das sich in den letzten Jahren von einem etwas abgehängten Stadtteil zu einem als „total hip“ eingestuften Viertel hinaufgentrifiziert hat. Und bei dem dazugehörigen Haus handelt es sich um ein Miets- und Wohnhaus im späten Jugendstil feinster Ausprägung.

Erbaut wurde es in den Jahren 1910 bis 1911 vom Architekten und Baumeister Václav Šourek. Das fünsfstöckige Haus zeichnet sich durch seine Balkone im ersten und zweiten Stock, die das Gebäude horizontal, und den große Mittelerker, der es vertikal zu teilen scheinen, und die zurückhaltenden floralen und geometrischen Stuckaturen auf der gesamten Fassade aus. Das Haus wurde immer gut in Schuss gehalten, aber die Renovierungen von 1935, 1978, 1981 und 1991 haben den Grundcharakter der Architektur nicht elementar verändert.

Der Hingucker sind natürlich die hübschen bunten Reliefs aus Keramik, die fröhliche Szenen des Landlebens beim Dorffest zeiegn. Man sieht in verschiedenen Varianten auf Höhe des ersten Stock und des Dachgiebels. Das Sujet war populär bei Gebäuden in dem zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhundert, vor allem in Orten, die sich – wie Vršovice – gerade vom ländlichen Dorf zum urbanen Vorort entwickelten. Vršovice bekam 1902 sein eigenes Stadtrecht verliehen und wurde 1922 völlig in Prag eingemeindet und integriert. Aber auf der Fassade lebt das Dorf von dereinst noch immer weiter.

In dem Haus lebte von 1939 bis zu seinem Tode 1981 der in Prag wohl recht bekannte Marathonschwimmer und Ausdauersport-Trainer Oldřich Liška, an den eine Gedenkplakette aus dem Jahr 1997 erinnert. Aber die fällt beim Betrachten des Hauses nicht annähernd so auf wie die ländlichen Pärchen, die in ihrem Liebesglück den böhmischen Buuredanz genießen. Auch ohne die Musik der Bläck Fööss. (DD)