Ort zum Heiraten

Der Altan: Hier zu sitzen und über seinen großen Weinberg zu schauen… Das war wohl der Traum, den sich Moritz Gröbe gönnen wollte und auch gönnen konnte. Der große Eisenbahnunternehmer hatte sich an diesem Ort in den Jahren 1871 bis 1888 eine riesige Gartenanlage mit pittoresker Grotte (wir berichteten hier) und einer riesigen Villa (auch hier) bauen lassen.

Und in dem Garten, dem Grébovka Park (auch Havlíček-Garten oder Havlíčkovy sady), legte er einen Weinberg an, denn wir befinden uns ja im Prager Stadtteil Vinohrady, wo früher die königlichen Weinberge gediehen. Und in dem Weinberg baute er sich wiederum den hier vorgestellten Weinberg-Altan (Viniční altán). Für die Planung des ganzen Komplexes – vom Park über die Villa zum Altan – hatte Gröbe zwei der bedeutendsten Architekten des Neo-Renaissancestils (der damals dernier cri war) angeheuert, nämlich Anton Viktor Barvitius (wir erwähnten ihn bereits u.a. hier und hier) und Josef Schulz (der u.a. das Nationalmuseum entworfen hatte). Dadurch sollte alles aus „einem Guss“ erscheinen. Das ist auch der Fall, wenngleich sich der Altan schon von den den etwas pompösen Repräsentativbauten der Grotte und der Villa unterscheidet. Hier sollte wohl eher eine pastorale Idylle entstehen.

Der Altan wirkt dagegen rustikaler, vielleicht weil er für Gröbe und seine Familie, die ihn ja privat nutzte, ein wenig die innerliche Flucht aus dem schweren Industriellenalltag ermöglichen sollte. Und tatsächlich vermittelt die größtenteils (mit Ausnahme des Fundaments) aus dunklem Holz bestehende Konstruktion so etwas wie ein Gefühl von Gemütlichkeit und Ruhe. Hier verweilt man gerne an einem schönen Sommertag!

Als Gröbe 1891 starb, hatte er seiner Witwe ein Erbe hinterlassen, das extrem viel Unterhaltskosten verschlang. 1896 versuchte sie noch, durch die Öffnung des Parks für ein allgemeines Publikum gegen ein Eintrittsgeld die Lage zu retten – aber vergebens. 1905 verkaufte sie das gesamte Anwesen mit allem Drum und Dran an die Stadt Vinohrady (die erst ab 1922 zu Prag gehörte). Der Park wurde nun öffentlich, aber die ganze Anlage machte auch schwere Zeiten durch. Insbesondere unter der kommunistischen Herrschaft verfiel der Park etwas. Die Tatsache, dass er aus Holz gebaut war, machte den Altan besonders vulnerabel. Immerhin gab es für die Gesamtanlage ab 1958 des Status als geschütztes Denkmal und von 1973 bis 1975 wurde eine große Renovierungsaktion durchgeführt.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 änderte sich zunächst wenig, aber dann – in den Jahren 2002 bis 2004 – schritt man zur Tat und verband die gründliche Restauration mit einer neuen Zweckbestimmung. Der Altan war ja dereinst quasi zum privaten Amusement gebaut worden. Das konnte wohl größere Ausmaße annehmen, den der obere Teil der zweistöckigen Konstruktion war eine überdachte Tanzfläche (Bild rechts) mit Platz für eine Musikkapelle. Aber als normales öffentliches Restaurant und Weinkeller war es nicht konzipiert. Und genau das wurde es jetzt.

Am Ende wurde der untere Steinsockel modernisiert und ein Weinkeller (parallel zum Zugangsweg in der Mauer) in den Hügel getrieben. Gäste können nun bei miesem Wetter drinnen sitzen. 2020 wurde – weil das Holz doch ständig erneuert werden muss – noch einmal gründlich renoviert und seit diesem Jahr läuft der gepachtete Gastbetrieb unter dem Namen Altán Grébovka. Hier kann man zum Wein kleine Gerichte zu sich nehmen, wobei man wissen sollte, dass die reichhaltige Weinkarte viele wirklich gute tschechische und etliche internationale Weine führt, aber nicht Wein aus dem Weinberg, auf dem der Altan steht, selbst. Um den zu trinken, muss man (nur Freitags ab 14 Uhr) in den Grébovka Weinkeller (vinny sklep grébovka) am anderen Ende des Weinbergs gehen, über den wir schon des öfteren berichtet haben (z.B, hier und hier).

Es gibt im Altan auch Sonderangebote für das Feiern von Hochzeiten, denn der Altan wird auch für standesamtliche Heiraten verwendet. Und zwar wohl oft und gerne. An einem sonnigen Tag oben auf der ehemaligen Tanzfläche mit Blick auf den Weinberg vermählt zu werden – das stellt man sich ja schon theoretisch recht schön vor. Realiter ist es aber noch doller. Wir durften hier die wunderschöne Hochzeit unserer Tschechischlehrerin Eliška ihren bis dato Verlobten Robert miterleben. Das und dann an diesem Ort: Da wurde das Herz schon gewärmt vor Freude! Also: Nicht nur, wer einfach mal einen netten Schoppen in schöner Umgebung genießen will, sollte sich den Altan nicht entgehen lassen, sondern auch der, der weitreichendere Pläne hat – denn der Altan ist einer der schönsten Orte zum Heiraten in Prag! (DD)

Das Kloster, das nicht fertig wurde

Es sieht aus wie ein großes Landgasthaus am Straßenrande. Und tatsächlich wird das Gebäude in der Karlovarská 1/4 in Řepy im Nordwesten Prags meist als Große Gaststätte beim Weißen Berge mit der Kapelle des Heiligen Martin (Velká hospoda na Bílé Hoře s kaplí sv. Martina) bezeichnet. Aber ursprünglich war der arg heruntergekommene Bau einmal zu Höherem bestimmt.

Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1628 war sogar Kaiser Ferdinand II. in Begleitung des Prager Erzbischofs und Kardinals Ernst Adalbert von Harrach mit dabei. Und die Leitung des Servitenordens. Denn hier wurde das Prager Kloster des Servitenordens (klášter servitů s kaplí sv. Martina) ins Leben gerufen. Direkt in der Nachbarschaft wurde fast gleichzeitig mit dem Ausbau der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), über das wir hier berichteten, zu einem Kloster begonnen. Der Grund: Man befand sich nahe beim Schlachtfeld der Schlacht zum Weißen Berg von 1620. Die wurde von den siegreichen Habsburgern als ein Sieg des Katholizismus über die Protestanten gewertet und entsprechend mit triumphalistisch prunkvollen Barocksakralbauten gefeiert.

Weder das Marien-, noch das Servitenkloster haben es trotz des imperialen Aufwandes, der da betrieben wurde, je zur Betriebsaufnahme geschafft. 1631, als die Bauarbeiten noch im gange waren, besetzten die protestantischen Sachsen im Zuges des Dreissigjährigen Kriegs Prag. Die Lage außerhalb der Stadtmauern und in einem auch noch wasserarmen Areal schien plötzlich ungeeignet zu sein. Die Serviten verkaufte Teile des Klosterlandes und zog kurzerhand in ein neues Kloster in der Nähe der Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) in der Altstadt von Prag.

Das, was vom Klostergebäude fertiggestellt worden war, wurde dem Verfall anheimgegeben. 1673 erlaubte der Erzbischof, dass die Gebäude an Maximilian Valentin, Graf von Martinitz, den Oberstburggrafen der Prager Burg, verkauft werden durfte. Der Graf baute hier nun ein Kranken- und Armenhaus, das 1689 fertiggestellt war. Zu dem Komplex gehörte nun auch eine große Kapelle, die dem Heiligen Martin gewidmet war. Auch sonst wurde das Gebäude im barocken Stil neu gestaltet, wie zum Beispiel der Eingang im Bild oberhalb rechts belegt.

Ja, und eine große Gaststätte für vorbeiwandernde Pilger wurde auch eingerichtet. Im 18. Jahrhundert wurden – vor allem nach Bränden in den Jahren 1740 und 1757 – immer wieder Renovierungen und Ausbaumaßnahmen getroffen. Desgleichen passierte nach einem größeren Feuer 1842. Dann, im Jahre 1862 wurde der Krankenhausbetrieb eingestellt. Jetzt bleib ein landwirtschaftlicher Betrieb, der mit einem gastwirtschaftlichen verbunden war. Die Kapelle, die inzwischen deskiert worden war, wurde in ein Wohngebäude. Es wurden Stockwerke eingezogen. Die großen Fenster wurde verkleiner. Das ist vor allem bei den heutigen Fenstern nicht unbedingt schön anzusehen.

Da sie an einer Hauptverkehrsader gelegen ist, war die Gaststätte lange durchaus lukrativ. Heute ist alles geschlossen und sieht armselig und verfallen aus. 1948 hatten die frisch an die Macht gekommenen Kommunisten das ganze enteignet. Im Gebäude wurde das Welthauptquartier der Internationalen Organisation der Journalisten (IOJ)untergebracht, ein ursprünglich Gewerkschaften nahestehende, aber bald völlig kommunistisch gesteuerter Verband. Die nicht-kommunistischen westlichen Untereinheiten bildeten 1952 ihre eigene Internationale Journalisten-Föderation (IJF), aber die IOJ blieb in Prag und operierte von hier aus weiter. Außerdem gab es eines der wenigen argentinischen Steakhäuser, die man im Kommunismus finden konnte. Das machte den Ort bei den kulinarisch unter roter Herrschaft nicht gerade verwöhnten Prager populär.

1989 endete der Kommunismus und wurde an vier Miteigentümer restitutiert. Die konnten sich auf keine Nutzung einigen. Schon seit langem wird der Ort, der hohen denkmalspflegerischen Wert hat, dem Verfall überlassen. Wie es drinnen aussieht kann man nur erahnen. Immerhin kann man durch einen Spalt am Hoftor Teile des im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil gebauten Kutschenunterstand sehen, der recht beeindruckend aussieht. Umso mehr verspürt man den Wunsch, dass das Gebäude bald irgendeinem Nutzen zugeführt und grundlegend saniert wird. Es hätte Besseres verdient als das, was ihm gerade wiederfährt. (DD)

Cheesus Crust meets Goostav Husa

Ja, die sich nahenden Weihnachtstage sind die Zeit, in der man der Geburt von Jesus Christus gedenkt. Aber nicht deshalb geht es heute um das amerikanische Restaurant Cheesus Crust, dessen Name ja gerade in dieser Saison zu irritierenden Verwechslungen einladen könnte. Denn nicht nur der Name ist bis zum Punkt des leicht frivolen originell, sondern vor allem das, was man hier kulinarisch und in Sachen Ambiente geboten bekommt.

Um das zu genießen, muss man in die Záhřebská 634/13 im Stadtteil Vinohrady gehen. Hier öffnete das Bistro im American Style im Mai 2021 seine Tore. Der Gründer war in der kulinarischen Szene schon lange kein Unbekannter mehr: Erik Zlámal. Der hatte eine zeitlang sogar die Regionale Leitung von Starbucks in ganz Tschechien und Südpolen unter sich. Danach leitete er Tschibo in ganz Tschechien. Bei solch einem Lebensweg stellt man sich irgendwann die Frage, ob man Karriere machen will, oder ob es einem um das Essen und die Kochkunst geht. Zlámal entschied sich für kreative Kulinarik. Unter dem Firmennamen Take Eat EZ American BBQ & Deli machte er 2016 einen Lieferservice auf und betrieb einem Foodtruck (mit Räucherwagen als Anhänger), der ihn auf allen Straßen- und Uferfesten der ihn bereits zur Legende machte. Bei Foodtruck-Wettbewerben gewann er immer wieder Preise. Mit Ehefrau Petra zog er so durchs Land. Vor allem auf Open-Air-Rock- und Pop-Festivals wurden die beiden als Sensation gefeiert. „Auf dem Festival kamen die Leute ruhig sogar dreimal am Tag zu uns“, sagte vor einiger Zeit rückblickend der Presse.

Und die Presse lobte ihn nun zurecht, dass er den Mut aufgebracht hatte, noch während der Covid-Pandemie sein neues nicht-fahrbares Restaurant zu eröffnen, als es die Regierung geradezu leidenschaftlich darauf anlegte, Gastronomiebetriebe zu piesacken. Das scheint man auch sonst zurecht zu honorieren. Restaurant und Lieferservice/Foodtruck sind übrigens unter seiner Dachfirma Wod & Rest zusammengefasst.

Und dann kam dazu die köstlich-blasphemische Idee, das neue Restaurant Cheesus Crust zu nennen. Man denkt das gleich an Jesus Christ Superstar. Aber es geht um die käsigen Krusten (Cheese Crust) und krustigen Käse, die man zum Beispiel bei denn unzähligen Varianten an Burgern findet, die man hier bestellen kann. Der Name als solches ist eine Idee, die es zugegebenermaßen schon in Amerika gab, sich dort aber nur auf die typische Pizza mit Käserand bezog. Hier in Prag versteht man es, sehr originelle Käsekrusten auch in andere Spezialitäten einzubauen, inbesondere in Burger.

Bei den Burgern zum Beispiel. Im Burgergewerbe, das ja in den letzten Jahren einen qualitativen Höhenflug durchgemacht hat, brilliert das Cheesus Crust, aber nicht nur dort. Alles, was Southern Style oder sonstwie traditionell amerikanisch ist, gibt es in fulminanter Auswahl. Sandwiches (oft mit Pastrami), Ribs, Chicken Wings. Die Karte ist ständig im Fluss. Selten findet man noch das, was es vor zwei Wochen noch gab. Daran merkt man, dass hier kreative Handarbeit und keine normierte Produktion am Werke ist. Alles ist immer frisch gemacht! Spezielle Festtage erfordern spezielle Gerichte, etwa den Truthahn zum Thanksgiving, die Kürbis-Kokosnuss-Suppe für Halloween oder die Gans zu Sankt Martin, die in Form eines Riesenburgers namens Goostav Husa einherkommt -nach Cheesus Crust wieder ein ikonoklastisch verballhornter Namen, anspielend auf den ehemaligen kommunistischen Staatschef Gustav Husák (Anm.: das tsch. Wort „Husa“ heißt im Dt. „Gans“).

Am Wochenende veranstaltet man leckere Brunches, wobei ab und an (also nicht immer) das von Elvis Presley so geliebte Erdnussbutter-Banane-Bacon-Sandwich serviert wird, eine Kalorienbombe, deren regelmäßiger Genuss erklärt, warum der große Sänger nur 42 Jahre alt wurde. Leider haben wir immer den richtigen Zeitpunkt verpasst, um dieses Sandwich genießen zu können. Gibt es nämlich nicht immer. Aber wir versuchen es immer mal wieder. Aber auch, wenn er mal nicht im Angebot ist, gibt es Frühstücke (Beispiel im Bild links), die reichhaltig an Genusspotential und Kalorien sind.

Und zum guten Essen gehört natürlich auch gutes Trinken. So gut amerikanisch hier die Esskultur ist, beim Bier hört der Spaß auf. Das geht nur lokales tschechisches Bier, und zwar nicht irgendeines. Das Bier im Cheesus Crust stammt von der bekannten, nördlich von Prag gelegenen Kleinbrauerei Únětický pivovar, über die wir bereits hier lobend berichteten. Aber man kann auch amerikanische Whisky oder äußerst originelle hausgemachte Kalt- und Heißgetränke (zu Halloween z.B. den Kürbis Latte) jeder Art probieren. Und natürlich auch Cocktails wie diese exzellente Bloody Mary, die passend zum Gesamtangebot mit einem schönen Stück Gebratenen Speck garniert ist…

Das ganze kann man im Sommer draußen an gemütlichen Holztischen genießen oder drinnen im kleinen Gastraum. Man kann sich natürlich auch etwas liefern lassen oder ein Take-away mitnehmen (was in covid-Zeiten immer häufiger der Fall ist). Aber dann verpasst man die urige Gaststube, die dem Besucher noch einmal vor Augen führt, dass es sich um einen echten tschechischen Familienbetrieb im „American style“ handelt. Die Tocher von Ehepaar Zlámal hat wohl die gemalten Wanddekorationen erschaffen, die die holzgetäfelten (daher gemütlich wirkenden) Wände zieren.

Wer meint, amerikanische Populär-Küche könne nicht originell, hyperdelikat und vielseitig sein, der kann sich außerhalb Amerikas wohl nirgendwo mehr eines Besseren belehren lassen als hier. Möglicherweise nicht einmal in Amerika selbst…Das Cheesus Crust ist ein Hort der Kreativität und gehört – vergleichbar mit dem ganz in der Nähe gelegene Burger-Restaurant Kaiser Franz (wir berichteten hier), das auch aus einem Foodtruck-Stand hervorging – zu den absoluten Top-Adressen in Sachen Burger und Co.! Guten Appetit! Enjoy your meal! Dobrou chuť! (DD)

Im Lada-Land

Ladův kraj – pohádkový region (auf Deutsch: Lada-Land – die Märchenregion) nennt man die romantisch bewaldete Gegend um die Ortschaften Hrusice, Mnichovice Velké Popovice und 21 anderen Gemeinden, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihn zu feiern: Josef Lada. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. In Tschechien liebt ihn Jung und Alt auch, weil er sie um eine wahre Märchenwelt bereichert hat. In diese Welt kann man direkt vor den Toren Prags – etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – bei schönen Wanderungen eintauchen.

Geboren wurde er 1887 im Dorf Hrusice, wo man ihm 1951 ein von dem Bildhauer Zdeněk Šejnost entworfenes Denkmal setzte. Mit 14 zog es den Schusterjungen nach Prag, wo er sich als Autodidakt zum Maler, Illustrator, politischen Karikutaristen, Schriftsteller, Biographen, Theater-Szenographen, Dichter und Saufkumpan von Hašek, mit dem er sich eine zeitlang aus Geldmangel eine kleine Wohnung teilte (und später darüber humorig lesenswerte Erinnerungen schrieb), weiterentwickelte. 121 Bücher für Kinder 197 Bücher für Erwachsene verfasste er. Ein Weihnachten ohne Karten oder Kalender nach seinen Motiven ist in Tschechien undenkbar. Aber seine große Liebe schien dem Genre des Märchens zu gehören, wie er nicht nur in seinen Pohádky naruby (Verdrehte Märchen) von 1938 zeigte. Ob Nachempfindungen tradtioneller Märchen, selbst erfundene oder parodierte Märchen – hier lief er zu Hochform auf. Ein Grund dafür, dass das in Deutschland nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele seiner Märchen nur in indirekter Form hierhin kamen. Denn eigentlich kennt in Deutschland fast jedermann einige von Ladas Kreationen. So zum Beispiel den berühmten Vodník von 1939, eine alte Legende, die man in Deutschland durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt.

Und wer kennt ihn nicht, den Kocour Mikeš, den Lada im Jahre 1936 veröffentlichte? In Deutschland heißt er Kater Mikesch und wurde dort ebenfalls zunächst nur durch die gelungene Nachempfindung Otfried Preußlers (1962) berühmt – und dann noch viel berühmter durch die putzige Fernsehadaption der Augsburger Puppenkiste (1964; in Farbe 1976), durch die ich ihn zum Beispiel kennen lernte. Durch diese – zugegebenermaßen recht genialen – Adaptionen geriet Lada in Deutschland als Originalautor ein wenig ins unverdiente Abseits. Aber nicht in Tschechien, wo man vor allem die lokale Gebundenheit der Ladaschen Geschichten viel deutlicher vor Augen hat. Das sieht man hier im oben erwähnten Lada-Land in der Umgebung seines Geburtsortes Hrusice. Dort wurde vor einigen Jahren zwischen Hrusice und Mnichovice ein Kater-Mikesch-Wanderweg (Cesta kocoura Mikeše) angelegt. Denn in Ladas Buch lebt der sprechende Kater in tatsächlich Hrusice. Nachdem er aus Versehen den Rahmtopf der Großmutter kaputtgemacht hat, zieht er aus Angst in die Welt hinaus. Der rechts abgebildeten Tafel auf dem Wanderweg entnimmt man, dass er genau an dieser Stelle, der Lederhöhe (Kožený vrch), noch einmal sehnsüchtig hinunter auf das Dorf schaute, bevor er weiter ging. Man sieht, das Lada den Kater in eine reale Welt eingebettet hat.

Und davon findet man überall Spuren im Lada-Land. Und der Wanderweg bzw. Lehrpfad ist nur ein Beispiel, wie die lokale Tourismusbehörde die Berühmtheit Ladas für ihr Marketing nutzt. Aber nicht nur die Behörde. Der Name Lada wirkt hier so inspirierend für jedermann, dass die Privatinitiative blüht. Kaum aus Mnichovice in den Wald gekommen, kommt man zum Beipiel an der links abgebildeten Gartenfront eines Hauses vorbei, dessen Besitzer wohl ein wahrer Lada-Enthusiast ist, und handgemachte überlebensgroße Figuren aus Ladas Märchenwelt. Man ist beeindruckt, ob der Kreativität und des Einsatzes!

Lada-Garten (Ladova zahrádka) hat der Besitzer das Ganze getauft, was mittlerweile zur lokalen Sensation geworden ist. Und so trifft man hier alte Bekannte aus verschiedenen Märchen. Neben den Charakteren aus dem Kater Mikesch etwa auch den kleinen Wassermann (Vodnik), den man hier seine Pfeife rauchend beim Angeln zusehen kann. Das Gesamtkunstwerk steht nicht in den Reiseführern, gehört aber zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend, weshalb es hier ausführlich erwähnt werden muss.

Weiter geht es nach Hrusice selbst. Da steht das Geburtshaus Ladas (/Bild links), das ein wenig so aussieht, als ob es seit Ladas Zeiten mehrfach renoviert, ausgebaut und stark verändert wurde. Aber man kann trotzdem erahnen, dass Lada nicht aus sehr reichem Elternhaus kam. Hier ein von Lada gemaltes Bild des Hauses im Ursprungszustand. Als arrivierter Künstler, der dann etwas wohlhabender war, kaufte er sich ein Sommerhaus im Orte, in dem sich heute ein kleines Museum befindet. Gestorben ist er allerdings 1957 in Prag, wo er seine Karriere begonnen hatte und berühmt wurde. Aber weder Geburtshaus noch Museum sind für die meisten Ausflügler, die sich meist zum Wochenende hier einfinden, die Hausptattraktion des Ortes.

Das ist ohne Zweifel die Hrusická Hospoda (Hrusicer Gasthaus). Die ist – wie das meiste an Gebäuden im Orte – zunächst einmal architektonisch recht unscheinbar. Es ist ein einstöckiges Gebäude schlichter Bauart, dass er möglicherweise hier 1943 zeichnerisch verewigte. Lada ist hier zu Lebzeiten oft eingekehrt und kannte den Wirt und die Gäste, die ihn vielleicht zu seinen Zeichnungen inspirierten.

Nicht nur das verbindet das Gebäude mit dem großen Künstler, sondern vor allem die üppige Bermalung mit Lada-Themen im Lada-Stil. Außen sind das vor allem Motive aus den Ladaschen Märchen – allen voran der Mikeš als die populärste Figur, die hier gerade einzukehren scheint. Nach ein paar Schluck Bier wird er weiter in die Welt ziehen, und – wie uns die Geschichte lehrt – Geld als sprechender Kater beim Zirkus verdienen, um nach der Rückkehr den Rahmtopf der Oma zu ersetzen. Happy End.

Und natürlich sind auf die tierischen Freunde des Katers dabei, denen er auch das Sprechen beigebracht hat, wie die Geiß Bobeš (bei Preußler: Bobesch) und der junge Kater Nácíček (dt.: Maunzerle), der die Menschensprache noch nicht ganz so gut beherrscht wie Mikeš. Die wichtigste Figur ist jedoch Mikeš‘ bester Freund Pašík (Paschik), ein Schwein, das nicht nur sprechen, sondern auch auf der Ziehharmonika lustig musizieren kann. Möglicherweise ist er sogar der beliebteste Charakter der Ladaschen Märchenerzählung. Entsprechend findet man das Schwein an prominenter Stelle auf die Außenwand der Hrusická Hospoda gemalt.

Im Inneren der Gaststätte half bei der Ausgestaltung die Tatsache, dass Lada neben Märchenmotiven auch liebend gerne raue Kneipen- und Gaststättenszenen festhielt. Aus einer davon entstammt im großen Bild oben sichtbare herrlich in die Holzeinrichtung eingepasste Blaskapelle, die in einer Gaststätte zum Tanz aufspielt. Es handelt sich um die vergrößerte Kopie eines Ausschnitts aus dem 1929 von Lada gemalten Bild Tancovačka (Tanzvergnügen). Die ganze Gaststätte ist drinnen mit überlebensgroßen Kopien dieser Kneipenbilder Ladas bedeckt. Verantwortlich zeichnete sich der Miloslav Milostný, der sie im Jahre 2008 (mit späteren Ergänzungen) liebevoll anfertigte. Milostný war kein Berufsmaler, sondern eigentlich Wirtschaftsingenieur. Aber die Hobbymalereien sind einfach kongenial!

Im Mittelpunkt der Milostnýschen Malereien gemäß Lada steht wohl dessen bekannteste Wirtshausszene, die Rvačka v hospodě (Schlägerei in der Kneipe) aus dem Jahr 1943. Das war für die Tschechen eine traurige Zeit und nichts in der Szenerie, in der die Obrigkeit in Form eines Nachtwächters mit Hellebarde erscheint, an die Nazibesetzung. Es ist die gute alte Habsburgerzeit, die man hier fast schon putzig verklärt sieht (und für die Lada wohl früher nicht viel übrig hatte). Hier sieht man die lustigste Szene, in der ein Hund sein Herrchen verteidigt, während der Nachtwächter dabei ist, jemandem möglicherweise mit der Hellebarde die Hose herunterzuziehen.

Schlägereien waren in früheren Zeit, die Lada noch mit erlebt hat, in Wirtshäusern auf dem Lande anscheinend noch sehr verbreitet. Das kann man jedenfalls mutmaßen, wenn man sich vor Augen führt, wie oft der Künstler das Thema (mit sichtbar verschiedenen Lokalitäten) in seinen Bildern verarbeitet hat. Auch in den Geschichten seines Freundes Hašek wird ja häufig darauf rekurriert. Die Wirte schienen das ob der hohen Reparaturrechnungen, die dabei anfielen, nicht so recht goutiert habe.Deshalb gehört zu meinen Lieblingsszenen hier der in den Gastraum eintretende und wutentbrannte Wirt, der mit aufgekrämpelten Armen und einem Knüppel in der Hand jetzt für Ruhe sorgen will.

Der Fairness halb sollten an dieser Stelle nicht nur die genialen Lada-Bilder von Milostný, sondern auch das Wirtshaus Hrusická Hospoda an sich gewürdigt werden, dass seit langem erfolgreich von Wirt Pavel Mach geführt wird. Es ist, wie gesagt, kongenial im Lada-Stil für alle Lada-Fans, die das Lada-Land erwandern, eingerichtet. Man könnte vom eigentlichen Herz des Lada-Landes reden. Es scheint gleichermaßen die Dorfkneipe der einheimischen und der Anlaufort für Ausflügler zu sein, die aber meist aus der Umgebung Prags kommen (Ausländer verirren sich hier eher selten hin). Es gibt gutes Markenbier und klassisch deftiges tschechisches Wirtshausessen (manchmal sogar heute rare Traditionsgerichte wie die Prdelačka, eine Schweineblutsuppe). Alles in allem: Man wird reell und preisgünstig bewirtet und das Essen passt wie maßgeschneidert zu Lada-Land und Lada-Ambiente.

Aber die Hospoda mag in Hrusice ein Höhepunkt-Erlebnis für alle lada-Fans sein, aber keineswegs die einzige Attraktion, die der Geburtsort bietet. Jeder macht hier mit beim Lada-Kult. Läden und Bauernhöfe mit Verkauf werben überall mit Mikeš und Co.. Und es gibt überall an den Wanderwegen innerhalb des Ortes kleine Statuen mit den Lada-Märchenhelden wie Vodnik, Pašik oder eben Mikeš. Im Bild links sieht man einen seltenen Schnappschuss, wie die bronzene Figur des kleinen örtlichen Mikeš-Denkmals auf eine echte Katze zu schauen scheint – vielleicht ein Nachfahre von Nácíček/Maunzele?

Kurz: Es gibt noch viel zu sehen im Lada-Land, und das, worüber an dieser Stelle berichtet wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. In der ganzen Umgebung wird auf Lehrpfade und auch andernorts (in Velké Popvice ist sogar eine Schule nach Lada benannt) wimmelt es nur so von Lada -Memorabilia und -Attraktionen, die auch noch in eine so schöne Landchaft eingebettet ist, dass sich gleich mehrere Ausflüge hierhin lohnen.

Die traumhafte bewaldete Landschaft mit ihren sanften Hügeln, erklärt vielleicht auch, warum bei der örtlichen Präsentation des Lada-Landes die Märchengeschichte so sehr das Bild bestimmen. Und nicht der in Deutscland bekanntere Soldat Švejk. Aber ganz unter den Tisch fällt er dennoch nicht. In der Hrusická findet er sich als Gipsrelief im Lada-Stil (von unbekannter Hand) versteckt in einer Ecke neben dem Gang zur Toilette. Immerhin: Besser als nichts. Und Josef lada selbst, der volkstümlichste aller tschechischen Künstler hätte diese Art volkstümlichen Humors sicher auch zu schätzen gewusst. (DD)

Coole Brauerei, gut gemanagt

Ja, es sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Maschinenhalle aus. Aber es ist sorgfältig designt und soll ein wenig an amerikanischen Retro-Look erinnern Und es ist richtig cool. Schaut man sich im Publium um, merkt man, dass man alt geworden ist. Der Brauereiausschank Dva Kohouti (Zwei Hähne) ist nämlich ohne Zweifel das Paradies für die Jungen und die Hipsters im Stadtteil Karlín. Selten sieht man einen Laden, der so brummt.Und außerdem erinnern die gleißenden modernen Braukessel daran, dass man hier zurecht frischen und exzellenten Gerstensaft erwarten darf.

Karlín – das war einmal ein etwas heruntergekommenes Industrie- und Arbeiterviertel. Das änderte sich recht abrupt durch das Hochwasser von 2002. Das richtete (wegen der ungünstigen Lage an einer Moldau-Uferebene) so ungeheuere Schäden an, dass man von der Pike an kräftig wiederaufbauen und renovieren musste. Alles erstrahlte danach in neuem Glanz. Und Dank der schönen alten Altbauten (viele Jugendstil!) wurde es darob so richtig gentrifiziert. Nicht jedermann kann sich mehr leisten, hier zu wohnen. Das veränderte wiederum die Kneipenkultur des Viertels. Denn genau deshalb, weil Karlín nun das hippe und leicht alternative Trendviertel wurde, bedurfte es auch einer authentisch dazu passenden Szenekneipe.Und mit dem im Dezember 2018 eröffneten Dva Kohouti in der Pobřežní 81/32 hat das Publikum sie nun zweifellos gefunden!

Das verdanken wir dem Brauunternehmer Adam Matuška, der auch Mitbesitzer der kleinen, aber bereits landesweit bekannten, Familienbrauerei Matuška (Pivovar Matuška) ist, die 2009 von seinem Vater Martin Matuška im 30 Kilometer westlich gelegenen Ort Broumy gegründet wurde. Die ist mittlerweile ein Star der Kleinbrauerei-Szene. Diese Herkunft verpflichtete zu Qualität. Adam Matuška tat sich dazu mit dem Super-Profi-Zapfer Lukáš Svoboda zusammen, der es zuvor im Jahre 2017 sogar zum offiziellen Weltmeister im Pilsner-Zapfen gebracht hatte – eine Meldung, die damals landesweit Schlagzeilen machte.

Der eine kümmert sich um das Bier, der andere um die Organisation des Ausschanks. Das hat sich schon in dem Logo niedergeschlagen, ein diagonal in eine rote und blaue Hälfte aufgeteilter Kreis mit dem Namenszug. Sonst nichts. Das „warme“ Rot symbolisiert die Hitze des Brauens (das tschechische Wort dafür ist vařit, was soviel wie kochen bedeutet). Das „kalte“ Blau steht für den Ausschank bzw. das Zapfen des nunmehr kalten Getränks. Ausgedacht hat sich das die bekannte Agentur Studio Najbert. Das Logo ist einprägsam und sieht modern aus. Weil es rund ist, passt es auch gut auf den werbewirksamen Bierdeckel (Bild oberhalb links).

Das Konzept dem Dva Kohouti sieht zunächst so simpel aus, wie die spartanisch anmutende Einrichtung auf glänzendem Metall und einfachen Holzbänken- und -tischen. Aber es ist hochprofessionell. Anspruch ist es, das Bier, das morgens gebraut ist, ultrafrisch schon am Nachmittag zu servieren. Dazu wurde unter Svobodas Anleitung eine große Zapfanlage an der langen Theke entwickelt, die 9 Zapfhähne hat und zum Industriedesign des ganzen Lokals passt. Hier wird mit Power gezapft.

Und Svobodas Zapfmanagement ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Braugaststätte. Innen im Saal gibt es rund 100 Sitzplätze, aber das sagt gar nichts über den Bierkonsum aus, denn die Gäste stehen auch in Massen mit ihrem Bier in der Hand und unterhalten sich köstlich. Der Laden ist normalerweise zum Bersten voll. Aber niemand muss lange auf sein Gezapftes warten. An der langen Zapftheke ist alles arbeitsteilig organisiert – erst Bestellung machen und Coupon bekommen, Coupon abgeben, Bier wird gezapft und am Ende hat der Gast ein neues volles Glas in der Hand. Ruckzuck geht das. Selbst wenn lange Schlangen warten. Ja, Bierlogistik muss gekonnt sein!

Kommen wir zum Bier selbst: Dafür hat Adam Matuška den Brauer Lukáš Tomsa angeheuert, der sich für das stets angebotete eigene Hausbier Místní Pivo (das heißt übersetzt ungefähr „örtliches Bier“) verantwortlich zeigt. Das ist ein sehr angenehm samtiges Lagerbier. An besonderen Feiertagen wird noch eine Spezial-Hausmarke hinzugefügt. Darüber hinaus bietet das Dva Kohouti zusätzlich immer etliche Biere aus dem Sortiment der (ja irgendwie familär verbundenen) Brauerei Matuška, die wir bereits oben erwähnten. Und dann gibt es immer wieder temporär angebotene Biere aus richtigen kleinen, aber kultigen Kleinstbrauereien. Diese Mischung aus Kleinbrauerei und Craft Beer-Kneipe macht die Dva Kohouti zum Renner. Es gibt immer Abwechslung.

Effizienter wird die Bierausschänkerei, die voll mit der Trinkgeschwindigkeit mithält, durch den Verzicht auf Nebensächliches. Essen zum Beispiel. Das gibt es hier nicht. Nicht einmal ein Tütchen Erdnüsse können Sie hier bestellen. Das heißt, sie können es bestellen, aber Sie bekommen keins. Vom Bierhaus-typischen Gulasch mit Knödeln ganz zu schweigen. Normalerweise wäre das absatzschädigend, weil man ohne Zwischensnack auch weniger trinkt, was nicht im Interesse einer Brauerei sein kann. Aber keine Sorge: Auch dieses Problem wurde Dank geschickter und professioneller Arbeitsteilung gelöst. Dazu muss man sich die Sache aber von außen anschauen.

Das Dva Kohouti ist nämlich in einem hufeisenförmigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert untergebracht. Dadurch hat es einen schönen abgeschlossenen Innenhof. Wenn die sonnigen Jahreszeiten einsetzen, können hier noch einmal rund 150 Gäste auf einer Holzbank an einem Holztisch sitzen. Aber natürlich gibt es auch hier die vielen Stehtrinker, sodass auch hier alles bald proppenvoll ist. Und gegenüber am Hof findet man eine kleine Gaststätte namens Bufet. Drinnen kann man einkehren, weil es ein Restaurant mit gehobener tschchischer Küche ist. Zugleich gibt es aber auch kleiener Imbisse, die zur Straße außen hin sogar durch Fenster gereicht werden. Warum gräbt das Restaurant, in dem auch Dva-Kohouti-Bier servert wird, dem Dva Kohouti nicht das sprichwörtliche Wasser ab? Richtig! Das Ganze – Brauerei und Restaurant gehören ein- und demselben Besitzer, der Gastronomiegruppe Ambiente, die sich auf innovative Kneipen- und Restaurantformate spezialisiert hat.

Und dann ist da noch der Zusatzvorteil eines schönen Innenhofes. An besonderen Tagen (meist Wochenenden und Feiertage) gibt es hier lustige Feste und Parties. DJ treten auf, aber auch Live-Bands. Dann wird die Kulinarik-Palette noch einmal um exotische Food-Trucks bereichert. Wir sind auf das Dva Kohouti in jenem günstigen Moment, als kürzlich das große Oktoberfest stattfand. Dös war a b’suffane Gaudi! Viel Umpa-Musik und Tschechen als das verkleidet, was sie so als Bayern wahrnehmen. Und das in Zeiten, da der unsägliche Ministerpräsident in Bayern dafür gesorgt hat, dass das Oktoberfest im Ursprungsort München dieses Jahr wegen Covid-Panik nicht stattfinden durfte. Münchner, wenn ihr noch richtig feiern wollt, kommt nach Prag!

Was dann neben einem Bierzelt aufgefahren wurde zur Stärkung von Leib und Seele, konnte sich sehen lassen. Es wurde von Brauer Tomsa zum Tage ein besonderes Festbier gebraut, das sich in keiner Weise vor dem verstecken musste, was man in München auf der Wiesn serviert bekommt. Und es wurde, wiederum professionellst organisiert, ein Fressstand mit echt authentischen bayerischen Spezialitäten u.a. wie Leberkäse, Brezeln (eine Rarität in Prag!) oder Bratwurst.aufgebaut Auf dem Photo links sieht man das Festbier mit einem herrlich aromatischen Obazda und einer Currywurst. OK, letztere ist nicht wirklich eine bayerische Spezialität, aber immerhin deutsch. Und richtig lecker war sie. Man sieht, Deutschland kriegt auf breiter Front Konkurrenz in Prag!

Keine Frage: Das Dva Kohouti ist eine Top-Adresse, wenn man sich im hippen Stadtteil Karlín mal so richtig gut amüsieren will. Die coole Ausgesaltung des Gastraums (nur aufgelockert durch die in einer Ecke neben der Theke versteckte lustige Karikatur zweier Hähne – Kohouti), das Bier, die Stimmung – das Dva Kohouti hat sich durch Qualität und gutes Management den Kundenzuspruch wohl verdient. (DD)

Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)

Klassisch böhmisch und total hip

Wenn man eintritt, sollten die Augen nach oben gerichtet sein. Die Decke ist einzigartig. Von oben hängen Schweine in Stuck herab, so als ob die Schwerkraft für sie nicht gelte. Auch Hühner, grasende Kühe, Forellen, Enten, Hirsche und anderes Getier sieht man. Ja, im Grunde sieht man schon, was man gleich zum Essen bekommt (es sei denn, man ist Veganer)..

Wir befinden uns im Restaurant Vinohradsky Parlament in der Korunni 820/1, direkt am Náměstí Míru (Friedensplatz) im Stadtteil Vinohrady (Prag 2). Warum das Restaurant behauptet, das Parlament des Stadtteils Vinohrady zu sein, konnte ich noch nicht herausfinden. Das große Národní dům (Nationalhaus) von 1894, in dem das Restaurant residiert, ist zwar ein kommunales Kulturzentrum, aber keine Volksvertretung.

Auf jeden Fall ist das Vinohradsky Parlament eines der originellsten Restaurants in Prag, was die Innenarchitektur und -ausstattung angeht. Das gilt nicht nur für den Hauptraum, sondern auch für die Nebenräume, wenngleich auch ohne den animalischen Stuck. Jedenfalls trägt es dazu bei, dass das Restaurant zurzeit bei jung und alt total angesagt und hip ist.

Das Vinohradsky Parlament gibt es eigentlich schon seit 2014, aber erst nach einem größeren Umbau in der ersten Hälfte des Jahres 2019 bekam es den modernen Schliff, der es jetzt so einzigartig macht. Dafür sorgte das Architekturbüro Atelier PH5 unter der Leitung des bekannten Architekten und Designers Václav Červenka, der sich in Prag schon öfters der Gestaltung von Restaurants angenommen hatte (Beispiel: das Bistro Sisters), aber sich selten so wild austoben konnte wie hier im Vinohradsky Parlament.

Dabei ist das eigentliche kulinarische Angebot durchaus eher konservativ. Den umtriebigen Besitzern Viktor Kaplan und David Petřík, die übriges ein ganzes Netzwerk unterschiedlicher Restaurants unter dem Namen Together betreiben, ging es darum, traditionelle böhmische Küche ein wenig zu modernisieren (das macht Chefkoch Jan Pipal) und einem jüngeren Publikum, das mehr auf hippe Sachen steht, imagemäßig schmackhaft zu machen. Im Bild sieht man den Klassiker Tatarák s topinkou a česnekem in hauseigener Weise zubereitet. Das Konzept scheint voll auzugehen.

Der Grund mag sein, dass es halt ein alleinstellendes Merkmal als böhmisch-hip hat und daher nicht mit dem anderen Restaurant einen existenziellen Wettbewerb führt, das Kaplan und Petřík unmittelbar angrenzend im selben Gebäude betreiben, nämlich das Bruxx (wir berichteten bereits hier), das beweist, das Tschechen immer noch die besten Belgier sind und daher auch das beste belgische Restaurant überhaupt betreiben können. (DD)

Bestes Bier im alten Bahnhof

Draußen vor den Toren der Stadt findet man nicht selten Kleinbrauereien, die wahre Perlen der Braukunst hervorbringen. Es wäre eine schmähliche Unterlassung, in diesem Zusammenhang die Brauerei von Řevnice (Pivovar Řevnice) nicht zu erwähnen.

Etwas südwestlich Prags fließt der kleine Fluss Berounka in die Moldau. Er ist in eine wunderschöne felsige Landschaft eingebettet, die zurecht bei Pragern als Naherholungs- und Wochenendausflugsgebiet populär ist. Eine Wanderung durch das Flusstal kann einen auch durch den malerischen Ort Řevnice führen, und dann sollte man unbedingt in der Brauereigaststätte halt machen. Wenn man dann ob des guten Trunkes und der guten Speisen des Wanderns müde ist, kann man bequem mit dem Regionalzug nach Prag zurück fahren, denn der kleine Bahnhof des Ortes liegt ganz nahe. Offenbar wurde er in den 1990er Jahren einige hundert Meter verlegt, denn ursprünglich befand sich der Bahnhof in ebenjenem Gebäude, in dem sich heute die Braugaststätte befindet. Das hübsche Gebäude aus dem Jahr 1862 stand eine Weile ungenutzt als der Bahnbetrieb hier aufhörte. 2018 gründete der Unternehmer und Investor Petr Kozák, der ein besonderes Faible für die Wiedernutzbarmachung historischer Gebäude hat, eine Aktiengesellschaft für die Brauerei, deren Vorsitzender er wurde. Dann begann man nach den Plänen des Architekten Tomáš Šantavý mit dem Umbau des Gebäudes, das nunmehr auf gelungene Weise den ursprünglichen Charakter eines Bahnhofs mit den Bedürfnissen eines modernen Gastbetriebs vereinte.

Und 2020 konnte man in dem neu gestalteten Gebäude (Adresse: Pod Lipami 71/0) die Eröffnung feiern. Die Leitung des Betrieb übernahm der aufstrebende junge Brauer Roman Řezáč, der neben seinem Talent für die Braukunst auch eine Managementausbildung mitbrachte. Ihm stellte man noch den erfahrenen lokalen Braumeister Ladislav Chládek zur Seite. Das professionell agierende Team machte die Gaststsätte und Brauerei umgehend zum Erfolg. Im ersten Jahr gingen immerhin 900 Hektoliter über die Theke – nicht schlecht für eine Brauerei, die nur ihre eigene Gaststätte bedient. Die örtliche Bevölkerung der Umgebung und die vorbeipassierenden Wanderer und Radler bilden das ökonomische Rückgrat der Brauerei – was aber nur funktioniert, wenn sich der gute Ruf hoher Qualität hinreichend herumspricht.

Und über die Qualität kann man sich nicht beschweren. Da ist natürlich an erster Stelle das hervorragende Bier zu nennen, das höchsten Standards entspricht. Es gibt eine Art „Grundangebot“ von drei Sorten. Dazu gehört das leichte helle Bier mit 10° Stammwürze (Desítka) mit seienm milden Geschmack, das wir im Bild weiter oberhalb bewundern können. Dazu gibt es etwas herbere und rötlichere Bier mit 12° Stammwürze (Bild links) und ein Pale Ale (Golden Ale) mit ebenfalls 12° Stammwürze. Pale Ales sind – obwohl keine traditionell heimische Biersorte – in den letzten Jahren vor allem unter jüngeren Menschen sehr populär geworden. Aber eigentlich stehen nie nur drei Sorten Bier auf der Getränkekarte. Denn die Pivovar Řevnice legt wert auf schnell wechselnde Tagesangebote. man kann in relativ schneller Folge hier einkehren und bekommt wieder etwas neues. Rund sechs Sorten sind es fast immer. Ab und an wird auch ein Bier einer nahegelegenen Kleinbrauerei auf die Liste gesetzt. Variatio delectat! Das könnte das Motto der Brauerei sein. Und man erlebt bei keinem der Biere eine Enttäuschung.

Man scheut sich auch nicht, geradezu ulrta-leichte Biere mit geringer Stammwürze von 7 oder 8° zu brauen, die Tschechen normalerweise etwas belächeln, weil das das Marktsegment der fitness-bewussten Radfahrer das zu schätzen weiß, für die das Berounkatal ein wahres Ausflugsparadies ist. die Vielseitigkeit im Genuss zeigt sich nicht nur in der Bierauswahl, sondern auch bei der Speisekarte. Die präsentiert nicht nur die tschechischen Klassiker wie eigelegten Käse oder Gulasch mit Knödeln, sondern auch Gerichte internationaler Provenienz. Und das auch in ständigem Wechsel des vielseitigen Angebots. Das ist weder Bier noch Essen von der Stange, sondern frisch zubereitete Cuisine – deftig, aber gut!

Der Hefeknödel mit Pflaumenmus und geriebenen Quark (eine tschechische Spezialität), den wir beim letzten Besuch aßen (Bild links) war dann noch der krönende Abschluss. Zugegebenrmaßen recht reichhaltig und somit nur bedingt für den Beginn einer Wanderung zu empfehlen. Aber schöner kann man sich den Abschluss eines Ausflugs dafür kaum vorstellen. Der Bahnhof mit den Regionalzug nach Prag ist ja in unmittelbarer Nähe.

Und der alte Bahnhofsbau hat eine mehr als würdige Nutzung bekommen Dank Roman Řezáč und seinem Team in der Pivovar Řevnice. Die kann man übrigens auch bei schlechtem Wetter besuchen, denn sie verfügt nicht nur über den großen und einladenden Außenbereich, den wir oben im großen Bild sehen können. Auch innen wird die Braugaststätte ihrem Anspruch gerecht. Die hohe Bahnhofshalle wurde zu einer sehr modernen, aber auch sehr gemütlichen Gaststätte umgestaltet, die jederzeit zum Besuch einlädt. Alles in allem: Der Besuch wird empfohlen! (DD)

Liberales Stammlokal

An einen Ort zur gastlichen Einkehr mit diesem Namen kann man als Berufsliberaler nicht einfach vorbeigehen: Kavárna liberál – übersetzt: Café Liberal.

Wir befinden uns in der Heřmanova 1209/6 im sich immer mehr gentrifizierenden und manchmal etwas „alternativen“ und „hipsterigen“ Stadtteil Holešovice. Die Kavárna liberal gibt es hier schon seit 2012 und sie blieb seither so etwas wie ein fest etabliertes echtes Szenelokal. Das liegt womöglich an Gründer und Besitzer Jakub Štorek, der der eigentlich ganz schlicht und traditionell anmutenden Gaststube (d.h. einfache Holztische- und -stühle) irgendwie ein Flair von Intellektualität und Weltoffenheit zu verpassen verstand. Optisch genügte dafür eine einigermaßen gut ausgestattete Bar (Bild links) und ein paar lifestylige Langspielplattencover prätentiöser Musiker aus den 1960er und 1970er Jahren – oft französische Chansoniers – an den Wänden.

Und dann ist da noch der Name. Während man in westlichen Städten – etwa Berlin – in eher alternativhipsterigen Gegenden die Selbsbezeichnung „liberal“ besser unterlassen sollte, wenn man nicht neue Arten der Beleidigung auf sich ziehen will, ist Prag eben tatsächlich recht liberal. Und deshalb kommt der Name wohl an. Und er entspricht wohl auch teilweise dem Selbstverständnis von Gründer Štorek, der seine Kavárna als Ort freien kulturellen und politischen Austausches sieht. Immer wieder gibt es daher hier kleine Ausstellungen und Vernissagen oder auch (politische) Diskussionsveranstaltungen. So etwas macht in der Regel szenige Lokale noch szeniger.

Wobei Štorek, der ab und an wohl die „politische Korrektheit“ herausfordern will, durchaus bereit ist, Risiken einzugehen. Es ging noch an, als er sehr medienwirksam und mit Boykottdrohungen 2017 gegen das Rauchverbot, protestierte, dass die Regierung für Restaurantbetriebe verhängt hatte. Auch in der „Szene“ gab es schließlich Raucher. Im gleichen Jahr erlaubte er aber in seiner Kavárna eine Diskussionsveranstaltung mit dem rechten Agitator Martin Konvička, dem wild xenophoben Gründer und Chef des Anti-Islamischen Blocks (Blok proti islámu). Das hatte dann doch einiges Befremden in der hippen Szene von Holešovice und vor allem viele böse Kommentare in den Medien ausgelöst. Da er aber glaubwürdig versichern konnte, dass es ihm nicht um Sympathiebekundungen für Rechtsradikale, sondern um das in seinem Etablissement geltende Prinzip der Meinungsfreiheit für jedermann ging, vergab man ihm wohl schnell. Und die Szene, die hier übrigens recht vielfältig ist, blieb ihm treu. Wiederholt hat er das Manöver allerdings seither nicht mehr.

Aber kommen wir zum Kern der Sache: Was gibt es eigentlich zu Essen und zu Trinken? Die Speisekarte ist nicht lang, wechselt aber ständig. Es gibt die klassischen tschechischen Klassiker zum Bier. Die Wurstwaren sind überdurchschnittlich delikat und stammen von einem Hausmetzger. Aber auch ein paar nicht-tschechische Dinge findet man jedesmal auf der Karte. Und dazu gibt es (neben anderem) Bier von der Únětický pivovar (über die Brauerei berichteten wir bereits hier), die zu den populäreren Kleinbrauereien der Prager Umgebung gehört. Eigentlich alles im oberen Segment dessen, was man von einer Szenekneipe (also kein Haute-Cuisine-Restaurant) erwarten kann.

Wie schon gesagt: Der Name alleine verfügt schon über eine hohe Anziehungskraft für Freiheitsliebende. Und da es sich auch sonst ein ausgesprochen gut betriebenes, gemütliches und hochwertiges Lokal handelt, kehrt man auch sonst recht gerne hier ein. Im Sommer kann man an sonnigen Tagen auch draußen die Stimmung des Lokals genießen. Draußen auf dem Gehweg und vor allem auf dem Platz gegenüber, dem Řezáčovo náměstí, der von alten Bäumen beschattet ist, gibt es reichlich Tische und Sitzplätze. Im Sommer kann der Andrang recht groß sein (siehen den Blick aus dem Fenster im Bild links).

Nomen est omen. Die Kavárna liberál strahlt tatsächlich eine anziehend liberale Atmosphäre aus, die – wenn man dem Selbsttest glauben darf – tatsächlich Liberale wie unsereins (aber nicht nur die) anlockt. Was man an den glücklichen Gesichtern des Prager Teams (plus Regionalleiter aus Brüssel) der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit entnehmen kann, die man im Bild rechts sieht. Die zeigen, wie man sich von einem strapaziösen Arbeitstag hier in der Kavárna liberál bei Bier und Speisen bestens wieder rekreieren kann. (DD)

Mehr als nur eine Brauerei

Im letzten Beitrag berichten wir über das hübsche Landschloss Dolní Počernice mit seinem großen Park. Aber wer über Schloss Dolní Počernice (wir berichteten hier) spricht, darf vom Bier nicht schweigen!

Es ist natürlich aus historischer Sicht nichts Ungewöhnliches, dass zu einem Schloss, das ja ursprünglich immer so etwas wie ein Wirtschaftsbetrieb mit Selbstversorgung war, selbstredend auch eine Brauerei gehörte. Aber nicht alle von ihnen gibt es noch. Dafür, dass es die pivovar Počerňák (Počernicer Brauerei) gibt, kann und muss man auf jeden Fall dankbar sein. Das Gründungsdatum ist der Juni 2016, was nicht besonders alt und traditionsreich klingt. Aber die Brauerei baut auf viel Geschichte auf.

Die ursprüngliche Schlossbrauerei, die wohl schon im Mittelalter bestand, wurde 1884 zu einem größeren Wirtschaftsbetrieb erweitert, der dann die trinkfreudigen Bürger der Umgebung mit gutem Bier versorgte. In dieser Form bestand sie bis 1936. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Schloss, dessen integraler baulicher Bestandteil sie war und ist, bereits der Gemeinde Dolní Počernice. Pünktlich zum 70. Jahrestag der Schließung erstand die Brauerei wieder auf. Als Brauer war zunächst Marcel Jelínek für die Produktion des guten Gerstensafts zuständig, der bereits für etliche andere maßgeschneiderte Biersorten kreiert hatte. 2017 folgte ihm David Urban, der u.a. schon bei der Únětický pivovar (wir berichteten hier), einer der profiliertesten Kleinbrauerein in Prag, seine Sporen verdient hatte.

Rund drei hervorragende Sorten Bier sind fast immer im Angebot, etwa ein sehr süffiges Lager (tsch.: ležák), das quasi immer erhältlich ist. Nun darf man sich das ganze nicht als schlichte kleine Braugaststätte vom Lande vorstellen. Im Grund ist heute der ganze östliche Flügel des Schlosses ein einziger, aber vielschichtiger biergastronomischer Komplex. Der besteht aus drei Grundkomponenten. Die erste ist das eigentliche Braulokal an der Národních hrdinů 3 (Prag 9), was geradezu die Hauptstraße des kleinen Ortsteils Dolní Počernice. Obwohl in einem barocken Gebäude befindlich, ist es innen modern, aber gemütlich eingerichtet. Zum Bier kann man tschechische Bierlokalküche in guter Art genießen. Hier befindet sich auch die eigentliche Brauerei.

Komponente Nummer zwei ist das Restaurant Léta Páně (das heißt: Im Jahres des Herrn oder Anno Domini). Da kriegt man das Bier natürlich auch. Braugaststätte und Restaurant verbindet ein Innenhof, der oft im Sommer für Hochzeiten u.ä. genutzt wird. Das Restaurant, das am auf der anderen Seite der alten Burg am Schlosspark (daher auch eine große Terrasse!) gelegen ist, ist riesig und mit vielen Räumen ausgestattet, die für jede Feier geeigent sind. Die Einrichtung ist modern und geschmackvoll. Alles macht einen gediegenen Eindruck.

Auch die Kulinarik darf nicht unerwähnt bleiben. Die ist durchaus gehoben. Neben einigen tschechischen Klassikern gibt es auch internationale Cuisine. Rundum tiptop! Das gilt nicht nur, aber vor allem auch für die Deserts. Die Gebackenen Pflaumen mit Lebkuchen und Marzipaneis, die man links sehen kann, hatten es jedenfalls in sich!

Wie gesagt: Der Gebäudekomplex, der auch Panský Dvůr (Herrenhof) genannt wird, der zu Brauerei und Umfeld gehört, ist groß. Mit seinem Turm ist das alte Schlossgebäude fast ein Wahrzeichen der Gemeinde. Deswegen war auch noch eine Übernachtungsmöglichkeit für alle, die nach vielen guten Bieren nicht mehr nach Hause gehen können oder wollen, drin, die Penzion u Hastrmana, die ebenfalls dem höheren Qualitätssegment angehört. Für den lebensbejahenden Biertrinker ist die Brauerei in Dolní Počernice eben mehr als nur eine Brauerei. (DD)