Und das Beste kommt noch!

In der Umgebung gibt es viele schöne Ausflugsziele für Spaziergänge. Und, wenn man es will, können sie alle hier enden: Bei der Brauerei Perron in Roztoky u Prahy, gleich hinter der nördlichen Stadtgrenze Prags am Ufer der Moldau. Und wenn man klug ist, will man auch. Wegen der tschechischen Braukunst vom Feinsten, die es hier gibt. Aber so richtig!

Perron, das ist sowohl im Tschechischen als auch im Deutschen ein altertümliches, aus dem Französischen kommendes Wort für Bahnsteig. Der ist nämlich nicht fern des Braubiergartens, der so günstig in der Nähe des kleinen schmucken Bahnhofs von Roztoky liegt, dass man nicht nur die gemächlich vorbeifahrenden Züge vom Biertisch beobachten kann (trainspotting, nennt man das heute), die die romantische Moldauroute entlangfahren, sondern auch gut und bequem zurück nach Prag kommt, wenn man zuviel des Guten zu sich genommen hat. Die Zugfahrt ist zudem äußerst günstig und schnell.

Aber fangen wir von vorne an. 2016 packte es den jungen Bierbegeisterten Pavel Šnajdr auf einmal und er beschloss für sich, ein „Heimbrauer“ mit einer kleinen Hausbrauerei zu werden, um – ohne vorherige Ausbildung als Brauer, aber mit Begeisterung – mit dem Brauen aller möglichen Biersorten zu experimentieren. Offensichtlich ein Naturtalent! Denn die 20 Liter pro Tag deckten bald nicht annähern die Nachfrage in der Umgebung. Ein 50-Liter-Equipment musste her. Die Qualität wurde besser und schließlich schloss er 2019 noch erfolgreich eine Ausbildung bei der Prager Beer Academy in Sachen Theorie der Bier- und Malzherstellung ab. In die Praxis der professionellen Bierbrauerei wurde er anschließend in der Prager Kunratický pivovar eingeführt und am Ende erwarb er noch ein europaweit gültiges Zertifikats als Brauer und Mälzer.

Als nunmehr auch vollprofessionell ausgebildetes Naturtalent gründete 2020 gründete er die Firma Pivovar Roztoky s.r.o., die seine Biere vertreiben sollte. Möglicherweise waren es die Covid-bedingten Beschränkungen, mit der die damalige Regierung gerade in dieser Zeit den Gaststättensektor gängelte, die erst einmal nur einen kleinen Start als eine sogenannte Fliegende Brauerei (Létající pivovar) ratsam zu machen schienen. Bei einer solchen „Brauerei“ schaffen sich begabte Bierbrauer keine teueren eigenen Apparaturen, etwa grosse Braukessel, an. Vielmehr nutzen sie Leerlaufzeiten existierender Brauereien, um dort (gegen vergleichsweise geringe Gebühr) ihre eigenen Bierrezepte realisieren zu können. Eine besonders originelle hatten wir schon hier vorgestellt.

Und man brauchte eine Braugaststätte. Auch hier galt das Motto, dass man sich gerade in schweren Zeiten nicht vorher finanziell überheben darf. In der bahnhofsnahen Nádražní 56/0 in Roztoky eröffnete man zunächst einen schicken offenen Biergarten. Der ist an schönen Tagen eine wahre Wucht. Das Ganze ist tiptop modern und auf lange Sicht angelegt. Es hat eine wunderbare Strandbar-Atmosphäre. Besonders junge Leute – aber nicht nur sie – fühlen sich hier sauwohl und lassen den hochwertigen Hopfensaft die Kehle hinunterlaufen und essen dazu moderne und originelle Braugaststättenkost. Vom wahrhaft exzellenten Bier gibt es frisch gezapft bis zu sechs unterschiedliche Sorten – vom traditionellem Hellen bis zum modischen Pale Ale. Das Angebot wechselt natürlich auch öfters.

Das konstante Schaustück des Sortiments ist das Lager mit dem Stammwürzegehalt von 12°, dem man gleich den passenden Namen „Cult“ gegeben hat, und das man oben im großen Bild sieht. Zurecht beschreibt Brauer Šnajdr die Sache auf der Website so: „Ich halte tschechisches Lagerbier (Ležák) schlichtweg für ein Phänomen, das für mich absolut unantastbar ist. Aus Respekt vor diesem Bier habe ich daher das Perron Cult 12, das ich zwei Jahre in meiner Hausbrauerei verbracht habe, als erstes auf den Markt gebracht. Dies ist ein klassisches tschechisches Lagerbier, das auf traditionelle Weise mit drei Maischen gebraut wird. Es ist die traditionellste und zugleich anspruchsvollste Art des Bierbrauens, die wir von unseren großen Braukunst-Vorvätern geerbt haben.“

Das ist alles schon super. Aber mit dem, was ist, gibt sich Šnajdr nicht zufrieden Natürlich nicht! Er will bald mit neuen Biersorten experimentieren, etwa das in Tschechien seltene Obergärige. Wer weiß, vielleicht gibt es hier bald sogar die Krönung des Biers im Angebot – ein süffiges Kölsch. Aber auch das mit dem nur im Sommer sinnvollen Biergarten und das mit der „fliegenden Brauerei“ werden nicht das letzte Wort sein. Denn längst wurde das zwischen Bahnhof und Biergarten liegende Gebäude einer ehemaligen Bahnhofsgaststätte erworben. Das ist arg baufällig und wird nun von Grund auf saniert. Das kann eine Weile dauern, bis das soweit ist, und solange wird die Außenwand zur Bahnhofseite noch als Werbefläche für den Biergarten benutzt. Doch bald soll hier eine vollumfängliche Braugaststätte mit allem Drum und Dran entstehen. Wenn man sieht, was Šnajdr schon mit minimalen Mitteln – „fliegende Brauerei“ mit Biergarten – auf die Beine kriegt, dann kann man es kaum noch erwarten, was da in Bälde an grandioser Bierkultur offeriert werden wird. Das Beste kommt noch! (DD)

Die Brauerei des neuen Holešovice

Klingt schon nobel, der Name: Brauerei Marina (pivovar Marina). Marina, das klingt nach einem mediterranen Yachthafen. Und irgendwie stimmt das auch. Das Areal, in dem diese elegante und propere Brauerei liegt, ist ein positives Musterbeispiel für Gentrifizierung. Hier lag dereinst der Holešovicer Hafen (Holešovický přístav) , der Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Moldaufrachthafen Prags, der sich in den 1990er Jahren aber als unrettbar unrentabel erwies und geschlossen wurde. Danach kam Verfall und sozialer Niedergang für das ganze Stadtviertel.

Aber die Uferpromenade ist schön. Es gab viel Potential für hochwertigen Wohn- und Büroraum. Die alten Fabriken um den ehemaligen Hafen konnten sich in schöne Lofts, Büros oder Studios umwandeln lassen. Es war daher kein Wunder, dass ab der Jahrtausendwende der Wiederaufstieg begann. Fast nirgendwo steigen seither Grundstückspreise so wie hier im Stadtteil Holešovice (Prag 7). Und tatsächlich wurden hier und am gegenüberliegenden Ufer in Libeň kleine Yachtanlegestellen und Clubs angelegt, gesäumt von riesigen modernen Wohn- und Bürokomplexen mit Flusssicht und alten pittoresken Überbleibseln der Hafenarchitektur. Das Ganze hat tatsächlich den Flair einer Marina am Mittelmeer (jedenfalls, wenn die Sonne scheint).

Und in genau solch einem alten pittoresken Hafengebäude, genauer in einer frisch umgebauten und renovierten alten Zollstation aus dem späten 19. Jahrhundert eröffnete am 13. Februar 2013 Besitzer Carlo Gojka seine neue Brauereigaststätte. Das mit großzügig zugeschnittenen Räumlichkeiten ausgestattete Gebäude im historisierenden Jugendstil mit seinem gemütlich wirkenden Fachwerk wirkte nun so, als ob es nie für einen anderen Zweck gebaut worden wäre. Und dazu gibt es noch einen Vorplatz, auf dem ein schicker Biergarten aufgebaut wurde, der im Sommer einfach unschlagbar sein muss. Der Kontrast zu den modernen Luxushochhäusern erhöht das mediterrane Gefühl dabei eher.

Das üppig dimensinierte Gebäude ist sehr lang und verfügt über zwei Flügel, zwischen denen die Küche und die eigentliche Brauanlage liegt. Das ermöglichte die Aufteilung des Komplexes in zwei verschiedene Gastbetriebe. In der nördlichen Hälfte gibt es ein italienisches Restaurant, das recht nobel ausgestattet ist (Bild links). Zum Zeitpunkt unseres Besuchs war es aber geschlossen. Diese Räumlichkeiten können auch für Hochzeiten oder andere private Events gemietet werden. Und interessiert aber hier primär die eigentliche Brauereigaststätte im südlichen Teil des Gebäudes.

Betritt man die, so fallen erst einmal die großen und glänzenden Braukessel aus Kupfer hinter dem Thekenbereich auf (großes Bild oben). Die sind aber mehr Staffage, weil diese altertümlichen Kessel schicker aussehen, als moderne Edelstahlkessel. Die findet man hinter dem Gastraum und sie sind technisch State-of-art, wie es sich für eine Brauerei mit diesem Anspruch gehört. Womit wir beim Bier sind.

Das Bier wird vor Ort gebraut. Aber man „leiht“ sich die Brauern von anderen bekannten Brauereien aus (was durchaus üblich ist), die dort aber spezielle Rezepte für die Pivovar Marina umsetzen. Bei der Eröffnung war dies Martin Vávra, der damalige Chefbrauer der bekannten Břevnov-Klosterbrauerei (Břevnovský klášterní pivovar), über die wir schon hier berichteten, der zuvor u.a. bei der Großbrauerei Staropramen gearbeitet hatte. Der gründete 2021 seine eigene Prager Kleinbrauerei namens Bad Flash. Seitdem braut im Marina Aleš Potěšil, der Vávra als Chefbrauer in Břevnov nachfolgte.

Es gibt meist vier Sorten im Angebot. Je ein Helles mit 10° und 12° Stammwürze, ein Weizenbier und ein Dunkelbier. Die Hellen fallen durch ihren mild-samtigen Gschmack auf und sind nicht überhopft. Man findet sie schon auf dem Bierdeckel des Hauses (Bild rechts) aufgelistet, bevor man die Speise- und Getränkekarte überhaupt aufgeschlagen hat. Und das Bier hier wird dem gehobenen Anspruch des Lokals voll gerecht.

Noch ein Wort zum Essen. Während es beim Italiener vornhmer zuzugehen scheint, liefert die Küche in der Biergaststätte die heute als klassisch geltende und weit verbreitete Speiseauswahl zur Begleitung des Biergenusses. Und das ist ein Mix aus den tschechischen Bierkellerspezialitäten, wie etwa der links abgebildete Tatarák und amerikanischen Klassiker wie Burger oder Chicken Wings. Alles grundsolide, für den Bierumtrunk absolut geeignet, lecker, aber vielleicht dann doch nicht ganz in der erwarteten Spitzenklasse angesiedelt.

Ja, und dann sind da noch die Räumlichkeiten selbst. Für die Einrichtung hat man unter anderem die Deckenbalken des alten Fachwerkhauses freigelegt. Obwohl alles sehr großräumig ist, wirkt durch das Dachgebälk und die Holzvertäfelungen die Braugaststätte außerordentlich gemütlich und behaglich. Und das, ohne dabei in traditionellen und überladenen Bierkellerkitsch zu verfallen. Geschmackvoll modern eben. Genauso, wie man es erwarten darf. Und wie es in das neue Holešovice und die neu erstandene Marina an der Moldau passt. (DD)

Hotel für den Klassenfeind

In der leichten postmodernen Glasfassade des erst 2018 entstandenen Büroblocks Main Point spiegelt sich der solide Rohbeton des berühmten Panorama Hotels im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Das wiederum gehört zu den bekanntesten Meisterwerken des späten realsozialistischen Brutalismus in Prag, der ja bekanntlich (nach langem Verpöntsein) immer mehr Freunde unter den Architekturliebhabern findet.

Es steht hier seit 1983, als es nach vierjähriger Bauzeit feierlich eröffnet wurde. Auch diejenigen, die sich mit dem Baustil nicht anfreunden konnten, übernachteten hier bald gerne, weil man von hier aus alles sehen kann, was man von Prag sehen muss – von der Burg bis zur Altstadt. Damals war dieses Vergnügen noch ungetrübter, denn das in der Milevská 1695/7 gelegene Gebäude mit seinen 24 Stockwerken und 79 Metern Höhe war erst das zweite Hochhaus hier in der Umgebung. Und das erste, das 1977 errichtete und rund 220 Meter entfernte Bürohaus City Empiria, versperrte nicht die Sicht zu den touristischen Highlights der Stadt. Heute nennt man die Hochebene von Pankrác gerne das „Prager Manhattan“, in dem es von Hochhäusern nur so wimmelt. Obwohl sie architektonisch oft höchsten avantgardistischen Ansprüchen genügen, gibt es dennoch Traditionalisten, die das Ganze für eine Stadtverschandelung halten und es gibt Versuche, Prag deshalb seines Status‘ als Unesco-Kulturerbe zu berauben – was aber bisher gottlob keinen Erfolg hatte, zumal Pankrác recht weit außerhalb der alten Stadtteile liegt.

Die Pläne für das Hotel Panorama wurden von den mährischen Architekten Alois Semela, Vlado Alujevič und František Antl entworfen, die allesamt Spezialisten für Hotelgebäude waren. Semela hatte zum Beispiel schon beim Bau des berühmt-legendären Hotels Continental in Brno (eröffnet 1964) planerisch mitgewirkt. Auftraggeber war die Prager Niederlassung der staatlichen Hotelkette Interhotel, die sich mit guten Viersterne-Hotels vor allem an eine zahlungs- und devisenkräftige Kundschaft aus dem westlichen Ausland wandte. Der Klassenfeind wurde im Kommunismus dann doch ein wenig besser untergebracht als das eigene Proletariat. So etwas gab es übrigens auch in der „DDR“. Die Durchführung des Bauprojekts oblag übrigens einer Baufirma aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die ja bekanntlich damals ihren eigenen (und lockereren) sozialistischen Weg ging und nicht einmal zum Warschauer Pakt gehörte. Kurz: Vom offiziellen Klassenstandpunkt aus betrachtet war das Panorama Hotel möglicherweise nicht so linientreu wie man es hätte erwarten können. Aber was tut man nicht alles für das Geld der Kapitalisten!

Das Gebäude besteht im wesentlichen aus einem zwei-etagigen Sockelbau mit Rezeption, Restaurants, Foyer, etc., auf den ein unten etwas verbreiteter Turmbau steht, in dem sich die rund 440 Zimmer befinden. Es handelt sich um eine klassisch brutalistische Stahlkonstruktion mit dicken Rohbetonplatten. Bemerkenswert ist, dass ansonsten die Optik störende funktionale Nebenbaustrukturen wie Belüftungsschacht oder Garage irgendwie in das ästhetische Konzept integriert wurden. Das links abgebildete Tiefgaragenareal wurde zum Beispiel (tiefergelegt) begrünt und gleichzeitig kühn mit Rohbeton ummauert. Damit entstand die witzige Idee, dass man das Hotel von vorne über eine kleine Fußgängerbrücke erwandert. Es handelt sich um eine geradezu spielerisch-leichte Variante brutalistischer Architektur.

Innen soll es immer wieder zu stilistischen Anpassunngen gekommen sein, so dass es nicht mehr ganz so aussieht wie dereinst 1983. Das heißt, dass einige der künstlerischen Ideen, die hier verwirklicht wurden, nicht mehr so deutlich sichtbar sind. Die Inneneinrichtigung eines Hotels muss sich schließlich entwickeln und modernisieren. Aber Spuren der damals übrigens nicht nur im sozialistischen Osten populären brutalistischen Ästhetik kann man immerhin außen bewundern.

So findet man direkt neben dem Haupteingang eine aus Rohbeton gegossene Reliedarstellung des Emblems des Hotels (mit zwei Erdhälften, die die Internationalität des Hotel betonen und einem leuchtenden Stern). Die Skulptur ist das Werk der beiden Bildhauer Slavoj Nejdl und Osvald Špelina. Seit dem Jahr 1992 steht das Panorama Hotel übrigens unter Denkmalschutz. (DD)

Kleiner Bruder in Jugendstil

Es wirkt wie der kleine Bruder des direkt daneben stehenden Grandhotel Evropa, über das wir schon berichteten: Das Meran Hotel am Václavské náměstí 825/27 (Wenzelsplatz).

Obwohl es sich um zwei verschiedene Hotels handelt, wirken sie tatsächlich so, als ob sie irgendwie miteinander verwandt wären. Und tatsächlich wurden beide Hotels – das Meran und das Evropa – fast zum gleichen Zeitpunkt vom selben Architektenteam erbaut. In den Jahren 1895 bis 1906 bauten die Architekten Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier), Bedřich Bendelmayer und Jan Letzel das Meran im feinsten floralen Jugendstil, worin es dem ungleich berühmteren Evropa nicht nachsteht. Weil das Innere authentischer erhalten ist, gilt das Meran sogar bei Kennern bisweilen als das schönere von beiden.

Jedenfalls kann kein Zweifel bestehen, dass das Meran seinen Beitrag dazu leistet, dass Prag als eine der großen Metropolen des Jugendstil gilt.

Dass dem Betrachter seine Schönheit auf den ersten Blick nicht so auffällt, liegt vielleicht daran, dass der große Bruder nebenan eben so viel größer ist. Den Architekten stand für das Meran Hotel damals nur eine ausgesprochen winzige Grundstücksparzelle zur Verfügung. Dadurch wirkt das Hotel wie ein kleiner Annex des Nachbargebäudes, was es aber nicht ist.

Aber mit 20 Zimmern fällt es in die Kategorie eines Familienhotels und nicht die eines Grand Hotels. Und tatsächlich ist es auch seit Urzeiten im Besitz der Familie Hájek. Nur während der Nazi-Okkupation nach 1939, als des deutschen „Besitzern“ übereignet wurde und eine kurze Zeit Hotel Luna hieß, und während des Kommunismus mussten die Hájeks zurücktreten. Nach dem Ende des Kommunismus bekam die Familie das Hotel restituiert und musste – da die Kommunisten ja bekanntlich mit Kulturgütern selten pfleglich umgingen – kräftig renovieren und modernisieren, so dass heute Besitzer Julius Hájek ein hochqualitatives state-of-the-art Hotel mit historischem Ambiente präsentieren kann.

Immerhin macht es der markante metallene Jugendstil-Schriftzug auf dem Dach dann doch ein wenig aus der Ferne bemerkbar. Hat man es erst einmal im Blickfeld, kann man die Fassade mit ihrer reichen floralen bemalten Stuckornamentik bewundern, die keinen Vergleich mit der des Evropa zu scheuen braucht. Daneben verdienen Details wie die erwähnte Schriftreklame und der prächtige Eingangsbereich eine positive Erwähnung. Der kleine Bruder kann sich am Ende durchaus mit dem großen messen. (DD)

Ort zum Heiraten

Der Altan: Hier zu sitzen und über seinen großen Weinberg zu schauen… Das war wohl der Traum, den sich Moritz Gröbe gönnen wollte und auch gönnen konnte. Der große Eisenbahnunternehmer hatte sich an diesem Ort in den Jahren 1871 bis 1888 eine riesige Gartenanlage mit pittoresker Grotte (wir berichteten hier) und einer riesigen Villa (auch hier) bauen lassen.

Und in dem Garten, dem Grébovka Park (auch Havlíček-Garten oder Havlíčkovy sady), legte er einen Weinberg an, denn wir befinden uns ja im Prager Stadtteil Vinohrady, wo früher die königlichen Weinberge gediehen. Und in dem Weinberg baute er sich wiederum den hier vorgestellten Weinberg-Altan (Viniční altán). Für die Planung des ganzen Komplexes – vom Park über die Villa zum Altan – hatte Gröbe zwei der bedeutendsten Architekten des Neo-Renaissancestils (der damals dernier cri war) angeheuert, nämlich Anton Viktor Barvitius (wir erwähnten ihn bereits u.a. hier und hier) und Josef Schulz (der u.a. das Nationalmuseum entworfen hatte). Dadurch sollte alles aus „einem Guss“ erscheinen. Das ist auch der Fall, wenngleich sich der Altan schon von den den etwas pompösen Repräsentativbauten der Grotte und der Villa unterscheidet. Hier sollte wohl eher eine pastorale Idylle entstehen.

Der Altan wirkt dagegen rustikaler, vielleicht weil er für Gröbe und seine Familie, die ihn ja privat nutzte, ein wenig die innerliche Flucht aus dem schweren Industriellenalltag ermöglichen sollte. Und tatsächlich vermittelt die größtenteils (mit Ausnahme des Fundaments) aus dunklem Holz bestehende Konstruktion so etwas wie ein Gefühl von Gemütlichkeit und Ruhe. Hier verweilt man gerne an einem schönen Sommertag!

Als Gröbe 1891 starb, hatte er seiner Witwe ein Erbe hinterlassen, das extrem viel Unterhaltskosten verschlang. 1896 versuchte sie noch, durch die Öffnung des Parks für ein allgemeines Publikum gegen ein Eintrittsgeld die Lage zu retten – aber vergebens. 1905 verkaufte sie das gesamte Anwesen mit allem Drum und Dran an die Stadt Vinohrady (die erst ab 1922 zu Prag gehörte). Der Park wurde nun öffentlich, aber die ganze Anlage machte auch schwere Zeiten durch. Insbesondere unter der kommunistischen Herrschaft verfiel der Park etwas. Die Tatsache, dass er aus Holz gebaut war, machte den Altan besonders vulnerabel. Immerhin gab es für die Gesamtanlage ab 1958 des Status als geschütztes Denkmal und von 1973 bis 1975 wurde eine große Renovierungsaktion durchgeführt.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 änderte sich zunächst wenig, aber dann – in den Jahren 2002 bis 2004 – schritt man zur Tat und verband die gründliche Restauration mit einer neuen Zweckbestimmung. Der Altan war ja dereinst quasi zum privaten Amusement gebaut worden. Das konnte wohl größere Ausmaße annehmen, den der obere Teil der zweistöckigen Konstruktion war eine überdachte Tanzfläche (Bild rechts) mit Platz für eine Musikkapelle. Aber als normales öffentliches Restaurant und Weinkeller war es nicht konzipiert. Und genau das wurde es jetzt.

Am Ende wurde der untere Steinsockel modernisiert und ein Weinkeller (parallel zum Zugangsweg in der Mauer) in den Hügel getrieben. Gäste können nun bei miesem Wetter drinnen sitzen. 2020 wurde – weil das Holz doch ständig erneuert werden muss – noch einmal gründlich renoviert und seit diesem Jahr läuft der gepachtete Gastbetrieb unter dem Namen Altán Grébovka. Hier kann man zum Wein kleine Gerichte zu sich nehmen, wobei man wissen sollte, dass die reichhaltige Weinkarte viele wirklich gute tschechische und etliche internationale Weine führt, aber nicht Wein aus dem Weinberg, auf dem der Altan steht, selbst. Um den zu trinken, muss man (nur Freitags ab 14 Uhr) in den Grébovka Weinkeller (vinny sklep grébovka) am anderen Ende des Weinbergs gehen, über den wir schon des öfteren berichtet haben (z.B, hier und hier).

Es gibt im Altan auch Sonderangebote für das Feiern von Hochzeiten, denn der Altan wird auch für standesamtliche Heiraten verwendet. Und zwar wohl oft und gerne. An einem sonnigen Tag oben auf der ehemaligen Tanzfläche mit Blick auf den Weinberg vermählt zu werden – das stellt man sich ja schon theoretisch recht schön vor. Realiter ist es aber noch doller. Wir durften hier die wunderschöne Hochzeit unserer Tschechischlehrerin Eliška ihren bis dato Verlobten Robert miterleben. Das und dann an diesem Ort: Da wurde das Herz schon gewärmt vor Freude! Also: Nicht nur, wer einfach mal einen netten Schoppen in schöner Umgebung genießen will, sollte sich den Altan nicht entgehen lassen, sondern auch der, der weitreichendere Pläne hat – denn der Altan ist einer der schönsten Orte zum Heiraten in Prag! (DD)

Das Kloster, das nicht fertig wurde

Es sieht aus wie ein großes Landgasthaus am Straßenrande. Und tatsächlich wird das Gebäude in der Karlovarská 1/4 in Řepy im Nordwesten Prags meist als Große Gaststätte beim Weißen Berge mit der Kapelle des Heiligen Martin (Velká hospoda na Bílé Hoře s kaplí sv. Martina) bezeichnet. Aber ursprünglich war der arg heruntergekommene Bau einmal zu Höherem bestimmt.

Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1628 war sogar Kaiser Ferdinand II. in Begleitung des Prager Erzbischofs und Kardinals Ernst Adalbert von Harrach mit dabei. Und die Leitung des Servitenordens. Denn hier wurde das Prager Kloster des Servitenordens (klášter servitů s kaplí sv. Martina) ins Leben gerufen. Direkt in der Nachbarschaft wurde fast gleichzeitig mit dem Ausbau der Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné), über das wir hier berichteten, zu einem Kloster begonnen. Der Grund: Man befand sich nahe beim Schlachtfeld der Schlacht zum Weißen Berg von 1620. Die wurde von den siegreichen Habsburgern als ein Sieg des Katholizismus über die Protestanten gewertet und entsprechend mit triumphalistisch prunkvollen Barocksakralbauten gefeiert.

Weder das Marien-, noch das Servitenkloster haben es trotz des imperialen Aufwandes, der da betrieben wurde, je zur Betriebsaufnahme geschafft. 1631, als die Bauarbeiten noch im gange waren, besetzten die protestantischen Sachsen im Zuges des Dreissigjährigen Kriegs Prag. Die Lage außerhalb der Stadtmauern und in einem auch noch wasserarmen Areal schien plötzlich ungeeignet zu sein. Die Serviten verkaufte Teile des Klosterlandes und zog kurzerhand in ein neues Kloster in der Nähe der Kirche des Heiligen Erzengels Michael (Kostel svatého Michaela archanděla) in der Altstadt von Prag.

Das, was vom Klostergebäude fertiggestellt worden war, wurde dem Verfall anheimgegeben. 1673 erlaubte der Erzbischof, dass die Gebäude an Maximilian Valentin, Graf von Martinitz, den Oberstburggrafen der Prager Burg, verkauft werden durfte. Der Graf baute hier nun ein Kranken- und Armenhaus, das 1689 fertiggestellt war. Zu dem Komplex gehörte nun auch eine große Kapelle, die dem Heiligen Martin gewidmet war. Auch sonst wurde das Gebäude im barocken Stil neu gestaltet, wie zum Beispiel der Eingang im Bild oberhalb rechts belegt.

Ja, und eine große Gaststätte für vorbeiwandernde Pilger wurde auch eingerichtet. Im 18. Jahrhundert wurden – vor allem nach Bränden in den Jahren 1740 und 1757 – immer wieder Renovierungen und Ausbaumaßnahmen getroffen. Desgleichen passierte nach einem größeren Feuer 1842. Dann, im Jahre 1862 wurde der Krankenhausbetrieb eingestellt. Jetzt bleib ein landwirtschaftlicher Betrieb, der mit einem gastwirtschaftlichen verbunden war. Die Kapelle, die inzwischen deskiert worden war, wurde in ein Wohngebäude. Es wurden Stockwerke eingezogen. Die großen Fenster wurde verkleiner. Das ist vor allem bei den heutigen Fenstern nicht unbedingt schön anzusehen.

Da sie an einer Hauptverkehrsader gelegen ist, war die Gaststätte lange durchaus lukrativ. Heute ist alles geschlossen und sieht armselig und verfallen aus. 1948 hatten die frisch an die Macht gekommenen Kommunisten das ganze enteignet. Im Gebäude wurde das Welthauptquartier der Internationalen Organisation der Journalisten (IOJ)untergebracht, ein ursprünglich Gewerkschaften nahestehende, aber bald völlig kommunistisch gesteuerter Verband. Die nicht-kommunistischen westlichen Untereinheiten bildeten 1952 ihre eigene Internationale Journalisten-Föderation (IJF), aber die IOJ blieb in Prag und operierte von hier aus weiter. Außerdem gab es eines der wenigen argentinischen Steakhäuser, die man im Kommunismus finden konnte. Das machte den Ort bei den kulinarisch unter roter Herrschaft nicht gerade verwöhnten Prager populär.

1989 endete der Kommunismus und wurde an vier Miteigentümer restitutiert. Die konnten sich auf keine Nutzung einigen. Schon seit langem wird der Ort, der hohen denkmalspflegerischen Wert hat, dem Verfall überlassen. Wie es drinnen aussieht kann man nur erahnen. Immerhin kann man durch einen Spalt am Hoftor Teile des im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil gebauten Kutschenunterstand sehen, der recht beeindruckend aussieht. Umso mehr verspürt man den Wunsch, dass das Gebäude bald irgendeinem Nutzen zugeführt und grundlegend saniert wird. Es hätte Besseres verdient als das, was ihm gerade wiederfährt. (DD)

Cheesus Crust meets Goostav Husa

Ja, die sich nahenden Weihnachtstage sind die Zeit, in der man der Geburt von Jesus Christus gedenkt. Aber nicht deshalb geht es heute um das amerikanische Restaurant Cheesus Crust, dessen Name ja gerade in dieser Saison zu irritierenden Verwechslungen einladen könnte. Denn nicht nur der Name ist bis zum Punkt des leicht frivolen originell, sondern vor allem das, was man hier kulinarisch und in Sachen Ambiente geboten bekommt.

Um das zu genießen, muss man in die Záhřebská 634/13 im Stadtteil Vinohrady gehen. Hier öffnete das Bistro im American Style im Mai 2021 seine Tore. Der Gründer war in der kulinarischen Szene schon lange kein Unbekannter mehr: Erik Zlámal. Der hatte eine zeitlang sogar die Regionale Leitung von Starbucks in ganz Tschechien und Südpolen unter sich. Danach leitete er Tschibo in ganz Tschechien. Bei solch einem Lebensweg stellt man sich irgendwann die Frage, ob man Karriere machen will, oder ob es einem um das Essen und die Kochkunst geht. Zlámal entschied sich für kreative Kulinarik. Unter dem Firmennamen Take Eat EZ American BBQ & Deli machte er 2016 einen Lieferservice auf und betrieb einem Foodtruck (mit Räucherwagen als Anhänger), der ihn auf allen Straßen- und Uferfesten der ihn bereits zur Legende machte. Bei Foodtruck-Wettbewerben gewann er immer wieder Preise. Mit Ehefrau Petra zog er so durchs Land. Vor allem auf Open-Air-Rock- und Pop-Festivals wurden die beiden als Sensation gefeiert. „Auf dem Festival kamen die Leute ruhig sogar dreimal am Tag zu uns“, sagte vor einiger Zeit rückblickend der Presse.

Und die Presse lobte ihn nun zurecht, dass er den Mut aufgebracht hatte, noch während der Covid-Pandemie sein neues nicht-fahrbares Restaurant zu eröffnen, als es die Regierung geradezu leidenschaftlich darauf anlegte, Gastronomiebetriebe zu piesacken. Das scheint man auch sonst zurecht zu honorieren. Restaurant und Lieferservice/Foodtruck sind übrigens unter seiner Dachfirma Wod & Rest zusammengefasst.

Und dann kam dazu die köstlich-blasphemische Idee, das neue Restaurant Cheesus Crust zu nennen. Man denkt das gleich an Jesus Christ Superstar. Aber es geht um die käsigen Krusten (Cheese Crust) und krustigen Käse, die man zum Beispiel bei denn unzähligen Varianten an Burgern findet, die man hier bestellen kann. Der Name als solches ist eine Idee, die es zugegebenermaßen schon in Amerika gab, sich dort aber nur auf die typische Pizza mit Käserand bezog. Hier in Prag versteht man es, sehr originelle Käsekrusten auch in andere Spezialitäten einzubauen, inbesondere in Burger.

Bei den Burgern zum Beispiel. Im Burgergewerbe, das ja in den letzten Jahren einen qualitativen Höhenflug durchgemacht hat, brilliert das Cheesus Crust, aber nicht nur dort. Alles, was Southern Style oder sonstwie traditionell amerikanisch ist, gibt es in fulminanter Auswahl. Sandwiches (oft mit Pastrami), Ribs, Chicken Wings. Die Karte ist ständig im Fluss. Selten findet man noch das, was es vor zwei Wochen noch gab. Daran merkt man, dass hier kreative Handarbeit und keine normierte Produktion am Werke ist. Alles ist immer frisch gemacht! Spezielle Festtage erfordern spezielle Gerichte, etwa den Truthahn zum Thanksgiving, die Kürbis-Kokosnuss-Suppe für Halloween oder die Gans zu Sankt Martin, die in Form eines Riesenburgers namens Goostav Husa einherkommt -nach Cheesus Crust wieder ein ikonoklastisch verballhornter Namen, anspielend auf den ehemaligen kommunistischen Staatschef Gustav Husák (Anm.: das tsch. Wort „Husa“ heißt im Dt. „Gans“).

Am Wochenende veranstaltet man leckere Brunches, wobei ab und an (also nicht immer) das von Elvis Presley so geliebte Erdnussbutter-Banane-Bacon-Sandwich serviert wird, eine Kalorienbombe, deren regelmäßiger Genuss erklärt, warum der große Sänger nur 42 Jahre alt wurde. Leider haben wir immer den richtigen Zeitpunkt verpasst, um dieses Sandwich genießen zu können. Gibt es nämlich nicht immer. Aber wir versuchen es immer mal wieder. Aber auch, wenn er mal nicht im Angebot ist, gibt es Frühstücke (Beispiel im Bild links), die reichhaltig an Genusspotential und Kalorien sind.

Und zum guten Essen gehört natürlich auch gutes Trinken. So gut amerikanisch hier die Esskultur ist, beim Bier hört der Spaß auf. Das geht nur lokales tschechisches Bier, und zwar nicht irgendeines. Das Bier im Cheesus Crust stammt von der bekannten, nördlich von Prag gelegenen Kleinbrauerei Únětický pivovar, über die wir bereits hier lobend berichteten. Aber man kann auch amerikanische Whisky oder äußerst originelle hausgemachte Kalt- und Heißgetränke (zu Halloween z.B. den Kürbis Latte) jeder Art probieren. Und natürlich auch Cocktails wie diese exzellente Bloody Mary, die passend zum Gesamtangebot mit einem schönen Stück Gebratenen Speck garniert ist…

Das ganze kann man im Sommer draußen an gemütlichen Holztischen genießen oder drinnen im kleinen Gastraum. Man kann sich natürlich auch etwas liefern lassen oder ein Take-away mitnehmen (was in covid-Zeiten immer häufiger der Fall ist). Aber dann verpasst man die urige Gaststube, die dem Besucher noch einmal vor Augen führt, dass es sich um einen echten tschechischen Familienbetrieb im „American style“ handelt. Die Tocher von Ehepaar Zlámal hat wohl die gemalten Wanddekorationen erschaffen, die die holzgetäfelten (daher gemütlich wirkenden) Wände zieren.

Wer meint, amerikanische Populär-Küche könne nicht originell, hyperdelikat und vielseitig sein, der kann sich außerhalb Amerikas wohl nirgendwo mehr eines Besseren belehren lassen als hier. Möglicherweise nicht einmal in Amerika selbst…Das Cheesus Crust ist ein Hort der Kreativität und gehört – vergleichbar mit dem ganz in der Nähe gelegene Burger-Restaurant Kaiser Franz (wir berichteten hier), das auch aus einem Foodtruck-Stand hervorging – zu den absoluten Top-Adressen in Sachen Burger und Co.! Guten Appetit! Enjoy your meal! Dobrou chuť! (DD)

Im Lada-Land

Ladův kraj – pohádkový region (auf Deutsch: Lada-Land – die Märchenregion) nennt man die romantisch bewaldete Gegend um die Ortschaften Hrusice, Mnichovice Velké Popovice und 21 anderen Gemeinden, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihn zu feiern: Josef Lada. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. In Tschechien liebt ihn Jung und Alt auch, weil er sie um eine wahre Märchenwelt bereichert hat. In diese Welt kann man direkt vor den Toren Prags – etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – bei schönen Wanderungen eintauchen.

Geboren wurde er 1887 im Dorf Hrusice, wo man ihm 1951 ein von dem Bildhauer Zdeněk Šejnost entworfenes Denkmal setzte. Mit 14 zog es den Schusterjungen nach Prag, wo er sich als Autodidakt zum Maler, Illustrator, politischen Karikutaristen, Schriftsteller, Biographen, Theater-Szenographen, Dichter und Saufkumpan von Hašek, mit dem er sich eine zeitlang aus Geldmangel eine kleine Wohnung teilte (und später darüber humorig lesenswerte Erinnerungen schrieb), weiterentwickelte. 121 Bücher für Kinder 197 Bücher für Erwachsene verfasste er. Ein Weihnachten ohne Karten oder Kalender nach seinen Motiven ist in Tschechien undenkbar. Aber seine große Liebe schien dem Genre des Märchens zu gehören, wie er nicht nur in seinen Pohádky naruby (Verdrehte Märchen) von 1938 zeigte. Ob Nachempfindungen tradtioneller Märchen, selbst erfundene oder parodierte Märchen – hier lief er zu Hochform auf. Ein Grund dafür, dass das in Deutschland nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele seiner Märchen nur in indirekter Form hierhin kamen. Denn eigentlich kennt in Deutschland fast jedermann einige von Ladas Kreationen. So zum Beispiel den berühmten Vodník von 1939, eine alte Legende, die man in Deutschland durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt.

Und wer kennt ihn nicht, den Kocour Mikeš, den Lada im Jahre 1936 veröffentlichte? In Deutschland heißt er Kater Mikesch und wurde dort ebenfalls zunächst nur durch die gelungene Nachempfindung Otfried Preußlers (1962) berühmt – und dann noch viel berühmter durch die putzige Fernsehadaption der Augsburger Puppenkiste (1964; in Farbe 1976), durch die ich ihn zum Beispiel kennen lernte. Durch diese – zugegebenermaßen recht genialen – Adaptionen geriet Lada in Deutschland als Originalautor ein wenig ins unverdiente Abseits. Aber nicht in Tschechien, wo man vor allem die lokale Gebundenheit der Ladaschen Geschichten viel deutlicher vor Augen hat. Das sieht man hier im oben erwähnten Lada-Land in der Umgebung seines Geburtsortes Hrusice. Dort wurde vor einigen Jahren zwischen Hrusice und Mnichovice ein Kater-Mikesch-Wanderweg (Cesta kocoura Mikeše) angelegt. Denn in Ladas Buch lebt der sprechende Kater tatsächlich in Hrusice. Nachdem er aus Versehen den Rahmtopf der Großmutter kaputtgemacht hat, zieht er aus Angst vor Bestrafung in die Welt hinaus. Der rechts abgebildeten Tafel auf dem Wanderweg entnimmt man, dass er genau an dieser Stelle, der Lederhöhe (Kožený vrch), noch einmal sehnsüchtig hinunter auf das Dorf schaute, bevor er weiter ging. Man sieht, das Lada den Kater in eine reale Welt eingebettet hat.

Und davon findet man überall Spuren im Lada-Land. Und der Wanderweg bzw. Lehrpfad ist nur ein Beispiel, wie die lokale Tourismusbehörde die Berühmtheit Ladas für ihr Marketing nutzt. Aber nicht nur die Behörde. Der Name Lada wirkt hier so inspirierend für jedermann, dass die Privatinitiative blüht. Kaum aus Mnichovice in den Wald gekommen, kommt man zum Beipiel an der links abgebildeten Gartenfront eines Hauses vorbei, dessen Besitzer wohl ein wahrer Lada-Enthusiast ist, und handgemachte überlebensgroße Figuren aus Ladas Märchenwelt. Man ist beeindruckt, ob der Kreativität und des Einsatzes!

Lada-Garten (Ladova zahrádka) hat der Besitzer das Ganze getauft, was mittlerweile zur lokalen Sensation geworden ist. Und so trifft man hier alte Bekannte aus verschiedenen Märchen. Neben den Charakteren aus dem Kater Mikesch etwa auch den kleinen Wassermann (Vodnik), den man hier seine Pfeife rauchend beim Angeln zusehen kann. Das Gesamtkunstwerk steht nicht in den Reiseführern, gehört aber zu den großartigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend, weshalb es hier ausführlich erwähnt werden muss.

Weiter geht es nach Hrusice selbst. Da steht das Geburtshaus Ladas (/Bild links), das ein wenig so aussieht, als ob es seit Ladas Zeiten mehrfach renoviert, ausgebaut und stark verändert wurde. Aber man kann trotzdem erahnen, dass Lada nicht aus sehr reichem Elternhaus kam. Hier ein von Lada gemaltes Bild des Hauses im Ursprungszustand. Als arrivierter Künstler, der dann etwas wohlhabender war, kaufte er sich ein Sommerhaus im Orte, in dem sich heute ein kleines Museum befindet. Gestorben ist er allerdings 1957 in Prag, wo er seine Karriere begonnen hatte und berühmt wurde. Aber weder Geburtshaus noch Museum sind für die meisten Ausflügler, die sich meist zum Wochenende hier einfinden, die Hausptattraktion des Ortes.

Das ist ohne Zweifel die Hrusická Hospoda (Hrusicer Gasthaus). Die ist – wie das meiste an Gebäuden im Orte – zunächst einmal architektonisch recht unscheinbar. Es ist ein einstöckiges Gebäude schlichter Bauart, dass er möglicherweise hier 1943 zeichnerisch verewigte. Lada ist hier zu Lebzeiten oft eingekehrt und kannte den Wirt und die Gäste, die ihn vielleicht zu seinen Zeichnungen inspirierten.

Nicht nur das verbindet das Gebäude mit dem großen Künstler, sondern vor allem die üppige Bermalung mit Lada-Themen im Lada-Stil. Außen sind das vor allem Motive aus den Ladaschen Märchen – allen voran der Mikeš als die populärste Figur, die hier gerade einzukehren scheint. Nach ein paar Schluck Bier wird er weiter in die Welt ziehen, und – wie uns die Geschichte lehrt – Geld als sprechender Kater beim Zirkus verdienen, um nach der Rückkehr den Rahmtopf der Oma zu ersetzen. Happy End.

Und natürlich sind auf die tierischen Freunde des Katers dabei, denen er auch das Sprechen beigebracht hat, wie die Geiß Bobeš (bei Preußler: Bobesch) und der junge Kater Nácíček (dt.: Maunzerle), der die Menschensprache noch nicht ganz so gut beherrscht wie Mikeš. Die wichtigste Figur ist jedoch Mikeš‘ bester Freund Pašík (Paschik), ein Schwein, das nicht nur sprechen, sondern auch auf der Ziehharmonika lustig musizieren kann. Möglicherweise ist er sogar der beliebteste Charakter der Ladaschen Märchenerzählung. Entsprechend findet man das Schwein an prominenter Stelle auf die Außenwand der Hrusická Hospoda gemalt.

Im Inneren der Gaststätte half bei der Ausgestaltung die Tatsache, dass Lada neben Märchenmotiven auch liebend gerne raue Kneipen- und Gaststättenszenen festhielt. Aus einer davon entstammt im großen Bild oben sichtbare herrlich in die Holzeinrichtung eingepasste Blaskapelle, die in einer Gaststätte zum Tanz aufspielt. Es handelt sich um die vergrößerte Kopie eines Ausschnitts aus dem 1929 von Lada gemalten Bild Tancovačka (Tanzvergnügen). Die ganze Gaststätte ist drinnen mit überlebensgroßen Kopien dieser Kneipenbilder Ladas bedeckt. Verantwortlich zeichnete sich der Miloslav Milostný, der sie im Jahre 2008 (mit späteren Ergänzungen) liebevoll anfertigte. Milostný war kein Berufsmaler, sondern eigentlich Wirtschaftsingenieur. Aber die Hobbymalereien sind einfach kongenial!

Im Mittelpunkt der Milostnýschen Malereien gemäß Lada steht wohl dessen bekannteste Wirtshausszene, die Rvačka v hospodě (Schlägerei in der Kneipe) aus dem Jahr 1943. Das war für die Tschechen eine traurige Zeit und nichts in der Szenerie, in der die Obrigkeit in Form eines Nachtwächters mit Hellebarde erscheint, an die Nazibesetzung. Es ist die gute alte Habsburgerzeit, die man hier fast schon putzig verklärt sieht (und für die Lada wohl früher nicht viel übrig hatte). Hier sieht man die lustigste Szene, in der ein Hund sein Herrchen verteidigt, während der Nachtwächter dabei ist, jemandem möglicherweise mit der Hellebarde die Hose herunterzuziehen.

Schlägereien waren in früheren Zeit, die Lada noch mit erlebt hat, in Wirtshäusern auf dem Lande anscheinend noch sehr verbreitet. Das kann man jedenfalls mutmaßen, wenn man sich vor Augen führt, wie oft der Künstler das Thema (mit sichtbar verschiedenen Lokalitäten) in seinen Bildern verarbeitet hat. Auch in den Geschichten seines Freundes Hašek wird ja häufig darauf rekurriert. Die Wirte schienen das ob der hohen Reparaturrechnungen, die dabei anfielen, nicht so recht goutiert habe.Deshalb gehört zu meinen Lieblingsszenen hier der in den Gastraum eintretende und wutentbrannte Wirt, der mit aufgekrämpelten Armen und einem Knüppel in der Hand jetzt für Ruhe sorgen will.

Der Fairness halb sollten an dieser Stelle nicht nur die genialen Lada-Bilder von Milostný, sondern auch das Wirtshaus Hrusická Hospoda an sich gewürdigt werden, dass seit langem erfolgreich von Wirt Pavel Mach geführt wird. Es ist, wie gesagt, kongenial im Lada-Stil für alle Lada-Fans, die das Lada-Land erwandern, eingerichtet. Man könnte vom eigentlichen Herz des Lada-Landes reden. Es scheint gleichermaßen die Dorfkneipe der einheimischen und der Anlaufort für Ausflügler zu sein, die aber meist aus der Umgebung Prags kommen (Ausländer verirren sich hier eher selten hin). Es gibt gutes Markenbier und klassisch deftiges tschechisches Wirtshausessen (manchmal sogar heute rare Traditionsgerichte wie die Prdelačka, eine Schweineblutsuppe). Alles in allem: Man wird reell und preisgünstig bewirtet und das Essen passt wie maßgeschneidert zu Lada-Land und Lada-Ambiente.

Aber die Hospoda mag in Hrusice ein Höhepunkt-Erlebnis für alle lada-Fans sein, aber keineswegs die einzige Attraktion, die der Geburtsort bietet. Jeder macht hier mit beim Lada-Kult. Läden und Bauernhöfe mit Verkauf werben überall mit Mikeš und Co.. Und es gibt überall an den Wanderwegen innerhalb des Ortes kleine Statuen mit den Lada-Märchenhelden wie Vodnik, Pašik oder eben Mikeš. Im Bild links sieht man einen seltenen Schnappschuss, wie die bronzene Figur des kleinen örtlichen Mikeš-Denkmals auf eine echte Katze zu schauen scheint – vielleicht ein Nachfahre von Nácíček/Maunzele?

Kurz: Es gibt noch viel zu sehen im Lada-Land, und das, worüber an dieser Stelle berichtet wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. In der ganzen Umgebung wird auf Lehrpfade und auch andernorts (in Velké Popvice ist sogar eine Schule nach Lada benannt) wimmelt es nur so von Lada -Memorabilia und -Attraktionen, die auch noch in eine so schöne Landchaft eingebettet ist, dass sich gleich mehrere Ausflüge hierhin lohnen.

Die traumhafte bewaldete Landschaft mit ihren sanften Hügeln, erklärt vielleicht auch, warum bei der örtlichen Präsentation des Lada-Landes die Märchengeschichte so sehr das Bild bestimmen. Und nicht der in Deutscland bekanntere Soldat Švejk. Aber ganz unter den Tisch fällt er dennoch nicht. In der Hrusická findet er sich als Gipsrelief im Lada-Stil (von unbekannter Hand geschaffen) versteckt in einer Ecke neben dem Gang zur Toilette. Immerhin: Besser als nichts. Und Josef Lada selbst, der volkstümlichste aller tschechischen Künstler hätte diese Art volkstümlichen Humors sicher auch zu schätzen gewusst. (DD)

Coole Brauerei, gut gemanagt

Ja, es sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Maschinenhalle aus. Aber es ist sorgfältig designt und soll ein wenig an amerikanischen Retro-Look erinnern Und es ist richtig cool. Schaut man sich im Publium um, merkt man, dass man alt geworden ist. Der Brauereiausschank Dva Kohouti (Zwei Hähne) ist nämlich ohne Zweifel das Paradies für die Jungen und die Hipsters im Stadtteil Karlín. Selten sieht man einen Laden, der so brummt.Und außerdem erinnern die gleißenden modernen Braukessel daran, dass man hier zurecht frischen und exzellenten Gerstensaft erwarten darf.

Karlín – das war einmal ein etwas heruntergekommenes Industrie- und Arbeiterviertel. Das änderte sich recht abrupt durch das Hochwasser von 2002. Das richtete (wegen der ungünstigen Lage an einer Moldau-Uferebene) so ungeheuere Schäden an, dass man von der Pike an kräftig wiederaufbauen und renovieren musste. Alles erstrahlte danach in neuem Glanz. Und Dank der schönen alten Altbauten (viele Jugendstil!) wurde es darob so richtig gentrifiziert. Nicht jedermann kann sich mehr leisten, hier zu wohnen. Das veränderte wiederum die Kneipenkultur des Viertels. Denn genau deshalb, weil Karlín nun das hippe und leicht alternative Trendviertel wurde, bedurfte es auch einer authentisch dazu passenden Szenekneipe.Und mit dem im Dezember 2018 eröffneten Dva Kohouti in der Pobřežní 81/32 hat das Publikum sie nun zweifellos gefunden!

Das verdanken wir dem Brauunternehmer Adam Matuška, der auch Mitbesitzer der kleinen, aber bereits landesweit bekannten, Familienbrauerei Matuška (Pivovar Matuška) ist, die 2009 von seinem Vater Martin Matuška im 30 Kilometer westlich gelegenen Ort Broumy gegründet wurde. Die ist mittlerweile ein Star der Kleinbrauerei-Szene. Diese Herkunft verpflichtete zu Qualität. Adam Matuška tat sich dazu mit dem Super-Profi-Zapfer Lukáš Svoboda zusammen, der es zuvor im Jahre 2017 sogar zum offiziellen Weltmeister im Pilsner-Zapfen gebracht hatte – eine Meldung, die damals landesweit Schlagzeilen machte.

Der eine kümmert sich um das Bier, der andere um die Organisation des Ausschanks. Das hat sich schon in dem Logo niedergeschlagen, ein diagonal in eine rote und blaue Hälfte aufgeteilter Kreis mit dem Namenszug. Sonst nichts. Das „warme“ Rot symbolisiert die Hitze des Brauens (das tschechische Wort dafür ist vařit, was soviel wie kochen bedeutet). Das „kalte“ Blau steht für den Ausschank bzw. das Zapfen des nunmehr kalten Getränks. Ausgedacht hat sich das die bekannte Agentur Studio Najbert. Das Logo ist einprägsam und sieht modern aus. Weil es rund ist, passt es auch gut auf den werbewirksamen Bierdeckel (Bild oberhalb links).

Das Konzept dem Dva Kohouti sieht zunächst so simpel aus, wie die spartanisch anmutende Einrichtung auf glänzendem Metall und einfachen Holzbänken- und -tischen. Aber es ist hochprofessionell. Anspruch ist es, das Bier, das morgens gebraut ist, ultrafrisch schon am Nachmittag zu servieren. Dazu wurde unter Svobodas Anleitung eine große Zapfanlage an der langen Theke entwickelt, die 9 Zapfhähne hat und zum Industriedesign des ganzen Lokals passt. Hier wird mit Power gezapft.

Und Svobodas Zapfmanagement ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Braugaststätte. Innen im Saal gibt es rund 100 Sitzplätze, aber das sagt gar nichts über den Bierkonsum aus, denn die Gäste stehen auch in Massen mit ihrem Bier in der Hand und unterhalten sich köstlich. Der Laden ist normalerweise zum Bersten voll. Aber niemand muss lange auf sein Gezapftes warten. An der langen Zapftheke ist alles arbeitsteilig organisiert – erst Bestellung machen und Coupon bekommen, Coupon abgeben, Bier wird gezapft und am Ende hat der Gast ein neues volles Glas in der Hand. Ruckzuck geht das. Selbst wenn lange Schlangen warten. Ja, Bierlogistik muss gekonnt sein!

Kommen wir zum Bier selbst: Dafür hat Adam Matuška den Brauer Lukáš Tomsa angeheuert, der sich für das stets angebotete eigene Hausbier Místní Pivo (das heißt übersetzt ungefähr „örtliches Bier“) verantwortlich zeigt. Das ist ein sehr angenehm samtiges Lagerbier. An besonderen Feiertagen wird noch eine Spezial-Hausmarke hinzugefügt. Darüber hinaus bietet das Dva Kohouti zusätzlich immer etliche Biere aus dem Sortiment der (ja irgendwie familär verbundenen) Brauerei Matuška, die wir bereits oben erwähnten. Und dann gibt es immer wieder temporär angebotene Biere aus richtigen kleinen, aber kultigen Kleinstbrauereien. Diese Mischung aus Kleinbrauerei und Craft Beer-Kneipe macht die Dva Kohouti zum Renner. Es gibt immer Abwechslung.

Effizienter wird die Bierausschänkerei, die voll mit der Trinkgeschwindigkeit mithält, durch den Verzicht auf Nebensächliches. Essen zum Beispiel. Das gibt es hier nicht. Nicht einmal ein Tütchen Erdnüsse können Sie hier bestellen. Das heißt, sie können es bestellen, aber Sie bekommen keins. Vom Bierhaus-typischen Gulasch mit Knödeln ganz zu schweigen. Normalerweise wäre das absatzschädigend, weil man ohne Zwischensnack auch weniger trinkt, was nicht im Interesse einer Brauerei sein kann. Aber keine Sorge: Auch dieses Problem wurde Dank geschickter und professioneller Arbeitsteilung gelöst. Dazu muss man sich die Sache aber von außen anschauen.

Das Dva Kohouti ist nämlich in einem hufeisenförmigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert untergebracht. Dadurch hat es einen schönen abgeschlossenen Innenhof. Wenn die sonnigen Jahreszeiten einsetzen, können hier noch einmal rund 150 Gäste auf einer Holzbank an einem Holztisch sitzen. Aber natürlich gibt es auch hier die vielen Stehtrinker, sodass auch hier alles bald proppenvoll ist. Und gegenüber am Hof findet man eine kleine Gaststätte namens Bufet. Drinnen kann man einkehren, weil es ein Restaurant mit gehobener tschchischer Küche ist. Zugleich gibt es aber auch kleiener Imbisse, die zur Straße außen hin sogar durch Fenster gereicht werden. Warum gräbt das Restaurant, in dem auch Dva-Kohouti-Bier servert wird, dem Dva Kohouti nicht das sprichwörtliche Wasser ab? Richtig! Das Ganze – Brauerei und Restaurant gehören ein- und demselben Besitzer, der Gastronomiegruppe Ambiente, die sich auf innovative Kneipen- und Restaurantformate spezialisiert hat.

Und dann ist da noch der Zusatzvorteil eines schönen Innenhofes. An besonderen Tagen (meist Wochenenden und Feiertage) gibt es hier lustige Feste und Parties. DJ treten auf, aber auch Live-Bands. Dann wird die Kulinarik-Palette noch einmal um exotische Food-Trucks bereichert. Wir sind auf das Dva Kohouti in jenem günstigen Moment, als kürzlich das große Oktoberfest stattfand. Dös war a b’suffane Gaudi! Viel Umpa-Musik und Tschechen als das verkleidet, was sie so als Bayern wahrnehmen. Und das in Zeiten, da der unsägliche Ministerpräsident in Bayern dafür gesorgt hat, dass das Oktoberfest im Ursprungsort München dieses Jahr wegen Covid-Panik nicht stattfinden durfte. Münchner, wenn ihr noch richtig feiern wollt, kommt nach Prag!

Was dann neben einem Bierzelt aufgefahren wurde zur Stärkung von Leib und Seele, konnte sich sehen lassen. Es wurde von Brauer Tomsa zum Tage ein besonderes Festbier gebraut, das sich in keiner Weise vor dem verstecken musste, was man in München auf der Wiesn serviert bekommt. Und es wurde, wiederum professionellst organisiert, ein Fressstand mit echt authentischen bayerischen Spezialitäten u.a. wie Leberkäse, Brezeln (eine Rarität in Prag!) oder Bratwurst.aufgebaut Auf dem Photo links sieht man das Festbier mit einem herrlich aromatischen Obazda und einer Currywurst. OK, letztere ist nicht wirklich eine bayerische Spezialität, aber immerhin deutsch. Und richtig lecker war sie. Man sieht, Deutschland kriegt auf breiter Front Konkurrenz in Prag!

Keine Frage: Das Dva Kohouti ist eine Top-Adresse, wenn man sich im hippen Stadtteil Karlín mal so richtig gut amüsieren will. Die coole Ausgesaltung des Gastraums (nur aufgelockert durch die in einer Ecke neben der Theke versteckte lustige Karikatur zweier Hähne – Kohouti), das Bier, die Stimmung – das Dva Kohouti hat sich durch Qualität und gutes Management den Kundenzuspruch wohl verdient. (DD)

Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)