Familienbrauerei zwischen Industrieruinen

Ein Geheimtipp für Freunde guten Bieres: Beroun ist als Ausgangspunkt für überaus schöne Tagestouren durch das idyllische Tal der Berounka (Tipps brachten wir hier und hier) bei Ausflüglern aus dem nahen Prag zwar beliebt, aber ansonsten eine Industriestadt. Man muss Kenner sein, um an einer der unschönsten Ecken des Ortes, inmitten verfallender Fabrikhallen und einem Schrottplatz, in dem sich sogar abgewracktes Kriegsmaterial aus der Zeit des Warschauer Pakts befindet, eine richtig sensationelle und äußerst ungewöhnliche Biergaststätte zu finden: Die Rodinný pivovar Berounský medvěd (Familienbrauerei Berauner Bär).

Hat man sich nach rund drei Minuten Fußmarsch vom etwas gesichtlos modern gestalteten Bahnhof der Stadt durch die Öde des heruntergekommenen Fabrikareals in den Innenhof des Schrotthandels in der U Cukrovaru 135 gekämpft, steht man plötzlich davor. Wie ein properes und zünftiges Landgasthasthaus sieht es aus, wenn man sich die Umgebung wegdenkt. Und auch die bekommt nun irgendwie einen pittoresken und auch surreal inspirierenden Charakter, wenn man sie wiederum im Kontext der Brauereigaststätte sieht. Kurz: Der Weg lohnt sich. Was viel, aber nicht nur etwas mit den (mindestens) sieben Sorten Bier zu tun hat, die man hier frisch gezapft und gebraut genießen kann.

Zur Geschichte: Dokumentiert ist das Bierbrauen in Beroun (das es dort aber wohl schon vorher gab) seit dem Jahr 1295, als der böhmische König Wenzel II. Beroun der Stadt nicht nur königliche Stadtrechte verlieh, sonder -wichtiger noch! – den Bürgern das Recht zum Brauen und Mälzen. Das ließen sich die Bürger – gute Tschechen allesamt! – nicht zweimal sagen. Im 15. Jahrundert gab es alleine drei städtische Brauereien, von denen sich eine im Rathaus befand, damit die Ratsherren sich beim mühsamen Regieren der Stadt schnell erfrischen konnten. Daneben gab es viele nebenberufliche Brauereien in Bürgerhäusern, die meist von Frauen betrieben wurden. Im frühen 17. Jahrhundert beendete die Stadtregierung die Freiheit der Hausbrauereien und führte eine Stadtbrauerei mit einem hauptberuflichen Brauer ein. Sämtliche Gerätschaften und Vorräte dieses Betriebes wurden 1648 (dem letzten Jahr des Dreissigjährigen Krieges) von den einfallenden Schweden weggeschleppt und eine zeitlang war die Stadt nicht nur grausam „trockengelegt“, sondern auch pleite, da die Biersteuer auf gebrautes Bier ausblieb. Aber das renkte sich nach dem Frieden bald wieder ein. Jedenfalls war man in Beroun immer auf die eigene Brautrdition stolz, weshalb auch heute in der Familienbrauerei das Stadtwappen prangt.

Der nächste Schritt vorwärts kam 1871, als auf Initiative des Rates eine große Brau-Aktiengesellschaft geschaffen wurde, die im Jahr darauf in Betrieb ging. Das Zeitalter der Großbrauereien war angebrochen. Die Brauerei in Beroun war ein guter Regional-Champion. Allerdings in dieser Form nur bis zur Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948, die die Aktienbrauerei umgehend verstaatlichten. Verdursten musste man in der Stadt nicht, denn es wurde zunächst einmal irgendwie sozialistisch weitergebraut. Aber nur bis 1978. Im Zuge der planwirtschaftlichen Zentralisierung wurden immer mehr lokale Braustätten geschlossen. Die in Beroun wurde zu einer Abfüllanlage für urquelliges Industriebier umfunktioniert. Nach dem Ende des Kommunismus ergab auch das keinen Sinn und im Jahr 1997 wurden die letzten Mitarbeiter entlassen. Das alte Brauereigebäude wich Wohnblöcken. War das das Ende? Nein!

Auftritt Hana Mayerová und ihr Mann Václav! Die beiden kauften das Areal einer alten Zuckerfabrik, das verfiel und Schrottplatz geworden war, und fingen an. Eine neue, wiederauferstandene Lokalbrauerei musste her! Professionelle Brauer waren beide nicht, aber gerade das eröffnete Möglichkeiten, wie Václav Mayer etliche Jahre später feststellte: “ Wir waren damals ein Unternehmen mit einem Haufen erfahrener Handwerker und handelten mit ‚Schrott‘. Dank dessen gelangten wir zu ausrangierten Geräten aus verschiedenen Lebensmittelbetrieben. Wir haben daraus die Brautechnik ein bisschen komponiert nach dem Motto, dass ein Laie alles kann, denn im Gegensatz zu einem Experten weiß er nicht im Voraus, dass es nicht geht.“ Und siehe da: Es ging! Einige der alten Braukessel sieht man sogar draußen am Wegesrand, wenn man noch zwischen den Industrieruinen die Brauerei sucht.

Es geradezu selbstgebastelte Ansatz führte zu einer irgendwie gleichzeit innovativen und traditionellen Braukunst. Man legte zusätzlich sogar eine eigene Mälzerei im nahen Dorf Suchomasty an. Und das Brauen in der Brauerei (die auf Wunsch besichtigt werden kann) erfolgt auf technisch einfachem und daher grundsolide bodenständigem Niveau. Der Sud wird zum Beispiel nicht computergesteuert elektronisch erhitzt, sondern wie früher mit einem Kaminofen. „Der größte technische Komfort in unserem Betrieb ist ein Sensor, der die Temperatur in der Brauerei misst und dem Brauer auf einer Messuhr anzeigt. Dadurch muss er nicht ständig mit einem Handthermometer herumlaufen“, erklärt Václav Maier. Aber genug zu Technik: Am Ende ist es ja die Qualität des Bieres selbst, die zählt.

Sieben Sorten Bier aus eigener herstellung gab es hier gezapft als wir hierher kamen. So zum Beispiel das herrlich herb-samtige Berounský medvěd – polotmavý speciál (Berauner Bär Spezial Halbdunkel), das man auf dem großen Bild oben vor dem wunderschön aus holzgeschnitzten Bären-Logo an der Wand der Bierhalle der Brauerei sehen kann. Oder das etwas hopfigere Berounský medvěd – tmavý speciál (Berauner Bär Spezial-Dunkel) oder das Berounský medvěd – Zlatý kůň (Berauner Bär – Goldenes Pferd), ein sehr leichtes Helles mit mildem Geschmack und nicht überhopft. Man sieht sie beide im Bild links nebeneinander. Man sieht dass ich nicht schnell genug geknipst habe, und die Biere bereits angetrunken waren – ein Beweis für die hohe und unwiderstehliche Qualität des Bieres. Die lässt zweifeln, ob es bei dem in der Gründungsgeschichte der Mayers als „Laien“ nicht um eine geschickte und werbewirksame Selbstmystifizierung handelt. Jedenfalls kann kein Profi das besser machen. Die Betreiber rühmen sich zudem, dass sie die Zutaten sehr schonend zubereiten, und dass sie unfiltrierte Hefe mit einem hohen Gehalt an Vitamin B verwenden. Biertrinken ist hier also nicht nur Genuss, sondern etwas Gutes für die Gesundheit. Menschen mit größeren Gesundheitsproblemen, bei denen normales Qualitätsbier nicht mehr wirkt, sei die stärkere Dosis empfohlen, der hauseigene Bierbrand mit 50 Prozent Alkoholgehalt.

Ja, und wer gut trinkt, soll wenigstens nicht schlecht essen. Und auch das ist garantiert in der Familienbrauerei Berounský medvěd! Natürlich findet man auf der Speisekarte die großen tschechischen Bierhaus-Klassiker, wie gegrillte Entenbrust, eingelegten Hermelin (eine Art tschechisches Camembert-Imitat, oder haben die Franzosen etwa den Hermelin nachgemacht?) oder die rechts abgebildete Fleischplatte mit einer Variation böhmischer Knödel. Aber es gibt auch eine etwas internationaler anmutende Steak-Karte. Die Qualität des Fleisches ist exzellent. Die tschechische Küche bekommt in ihrer Schlichtheit dadurch einen erhöhten und edlen Charakter. Wer (was in Tschechien gottlob eher selten ist) lieber vegetarisch genießt, der kann sich sogar an einer kleinen Salatplatte delektieren. Jedenfalls korrespondiert der hohe Standard des Bieres mit der des Essensangebots.

Und wohlfühlen kann man sich drinnen. Denn der Gastraum ist so gemütlich, wie es in einem Braurestaurant sein muss. Aber so richtig! Der Schrott und Verfall draußen (der sowieso eine großartige Kulisse für das Ganze bildet) ist in der ersten Sekunde vergessen. Denn tatsächlich ist die alte Industiriearchitektur ausgesprochen geeignet, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die man für ein zünftiges Biervergnügen braucht. Dazu wurde das Ganze richtig hübsch dekoriert. Überall wurden sorgfältig Hopfengirlanden (Bierstimmung!) angebracht. Es gibt klassische, aber schon höherwertige Holzmöbel und alte Werbetafeln von Brauereien wurden an den Wänden angebracht. Die Räumlichkeiten sind groß genug für ab und an stattfindende Kulturveranstaltungen oder auch Festlichkeiten wie Hochzeiten.

Dazu wurden einige Wände mit entzückenden, teilweise geradezu humoristischen Wandmalereien geschmückt, die teilweise Szenen aus dem Brauerleben zeigen, aber auf bisweilen Überraschendes. Zum Beispiel das Sgraffito, das wir im Bild rechts sehen. Da wurde ein altes Waschbecken genutzt, um drumherum einen Brunnen mit der Statue des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk zu malen. Nach hinten verliert sich das Ganze perspektivisch als Straßenzug. In das Gemälde wurden jedoch ein nicht als Sgraffito, sondern plastisch/realistisch gemaltes Portrait eines sitzenden Hundes und eine ebenso angefertige Katze eingefügt. Auf den ersten Blick denkt man, hier säße wirklich der Hund eines Gastes (in Tschechien ist das ja nicht unwahrscheinlich). Lady Edith, die mit dabei war, als wir hier einkehrten, fiel allerdings auf die optische Illusion nicht herein.

Wer nach einer längeren Wanderung entlang der Berounka nach einem geeigneten Abschluss eines schönen Erlebnistages sucht, kann sich wohl kaum etwas Besseres vorstellen. Lange Rede (dazu lädt die Brauerei ein!), kurzer Sinn: Ja die Familienbrauerei Berounský medvěd des Ehepaars Mayer ist ein absolutes „Muss“ für den Freund tschechischen Bieres! (DD)

Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Bier im Bischofspalast

Gute Bildungsbürger sollten sich das Gebäude des Vojanův Dvůr (Vojan Hof) natürlich wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung für Prag anschauen. Es spricht dabei aber nichts dagegen, dort in der kleinen Brauereigaststätte gleichen Namens einzukehren und selbige näher zu inspizieren.

Der Name täuscht. Das Gebäude an der U Lužického semináře 119/21 auf der Kleinseite wurde zwar – genau wie der sich anschließende Vojan Park (Vojanovy sady) im 20. Jahrhundert nach dem Schauspieler Eduard Vojan benannt (früherer Bericht hier), der in der Gegend wohnte, aber es verdankt ihm keineswegs seinen Ursprung. Erstmals wurde das Gebäude 1248 erwähnt. Da war es nämlich der Palast oder Hof des Bischofs von Prag. Damals war das Nikolaus von Újezd, der sich vor allem durch den Ausbau der Prager Burg hervorgetan hatte. Als im 14. Jahrhundert die Prager Bischöfe zu Erzbischöfen aufstiegen, blieben sie weiterhin hier. Erst im 17. Jahrhundert zog es die Erzbischöfe in ein neues Domizil in die Altstadt. Der Hof fiel in den Besitz eines Klosters des Ordens der Karmelitinnen. Erst in den 1920er Jarhen wurde das Areal säkularisiert.

Entscheidend ist jedoch das Jahr 2018. Da eröffnet die Brauereigaststätte ihre Pforten. Die ist enorm beliebt bei den Unmengen von Touristen (aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl Einheimischer), die sich hier vorbeidrängen und im Sommer vor allem den Biergarten lieben. Ja, und obwohl das Vojanův dvůr mitten in einem touristischen Hotspot residiert, bekommt man für sein Geld hier reelle Qualität. Es handelt sich gewiss um eines der Top-Braulokale Prags.

Das liegt daran, dass die Betreiber schon wussten, wie man Qualität und Massentourismus verbinden kann. Schon 2014 hatten sie mitten im Gewühl der Altstad auf der anderen Moldauseite die Braugaststätte U tří růží (Bei den Drei Rosen) in der immer belebten Husova 10/232 (wir berichteten hier) gegründet und dort gezeigt, was sie konnten. Beide Lokale teilen sich Profi-Braumeister Tomáš Tuchyňa, der in beiden Brauereien durchaus für ein unterschiedliches Bierangebot sorgt – und zwar mit höchsten Qualitätsansprüchen. Hier sieht man das milde Halbdunkle (rechts) und das rötliche Rubín, ein leicht hopfiges Lagerbier.

Die Brauanlage kann man übrigens auf Anfrage besichtigen. Um das Trinken leichter zu machen, sollte man sich auch etwas zu Essen gönnen. Wie im U Tří růží bekommt man auch hier, was man von einer böhmischen Gaststätte so erwartet – deftige Küche mit Knödeln, Fleisch und was dazugehört. Uns schien die Zubereitung sogar ein wenig hochwertiger als im Schwesterlokal drüben auf der anderen Flussseite.

Nicht nur demjenigen, der wissen will, wie Bier in einem alten Bischofssitz schmeckt, sei diese Gaststätte empfohlen. (DD)

Steak à la française in Vinohrady

Der Tscheche liebt Fleisch, wovon in Prag viele spezialisierte Fleischrestaurants zeugen. Die gibt es in unzählichen Varianten – mal deftig tschechisch, mal lateinamerikanisch und dann auch noch französisch. Und damit sind wir beim Bílá Kráva in der Rubešova 83/10 Praha-Vinohrady.

Um zu sehen, worum es geht, braucht man gar nicht erst hineinzugehen und die Speisekarte lesen, denn der Kopf eines Rindes ist bereits als Mosaik mit Kopfsteinen in den Gehweg gepflastert. Ein weißer Kopf, natürlich, denn Bílá Kráva heißt auf Deutsch soviel wie „weiße Kuh“. Das bezieht sich auf die Rindersorte, deren Fleisch hier ausschließlich serviert wird, das Charolais – eine uralte Rinderrasse, die in Frankreich traditionell vor allem in der Bourgogne gezüchtet wird, und die immer weiß ist. Die Rinder, deren Fleisch man im Bílá Kráva genießen kann, sind allerdings auf Tschechiens grünen Weiden groß geworden, was den Genuss nicht mindert.

Man beherrscht hier die klassische französische Methode, das Rind in 32 Teilstücke zu zerlegen und kann dann auf der Speisekarte auswählen, ob man ein Lendenstück, das klassische Rumpsteak, das netzförmig von Fettadern durchzogene Steak Arachnee oder eine ganz andere Sorte haben möchte. Auf dem großen Bild oben sieht man die Variante für Entscheidungsschwache, auf die dann letztlich meine Wahl fiel: Drei Sorten auf einmal – Faux filet, Rumpsteak, Onglet (Hanger). Alles wird mit sehr fein zubereiteten Beilagen nach Wahl (hatte mich gegen Frittiertes entschieden) serviert. Auch die kleine Desertkarte kann sich sehen lassen (oberhalb rechts das herbfeine Schokoladenfondant). Ein Lob für Chefköchin Víťa Bajčanová!

Massenabfertigung muss man nicht befürchten. Das Restaurant ist in drei kleine Räume aufgeteilt, wodurch das Ganze sehr gemütlich und intim wirkt. Dazu trägt auch die Holztäfelung bei, die dem Bílá Kráva den atmosphärischen Anstrich eines alten französischen Landgasthauses verpasst. Überall an den Wänden schmücken irgendwie geartete Rindermotive (etwa der links gezeigte Rinderschädel).

Das gilt selbst für die Toilette, wo man (zumindest in der Herrenabteilung) noch kleine Zitatensammlungen über gutes Essen im allgemeinen und Rind im speziellen präsentiert bekommt. Das ist eben der hintersinnige Humor der Tschechen, den man so liebt.

Die Bemühungen um französische Cuisine und Lebensart sind auch den Franzosen selbst nicht verborgen geblieben, die ja normalerweise auf Versuche, ihrem Savoir-vivre nachzueifern, eher müde belächeln. Die Französische Botschaft in Prag (früherer Bericht hier) hat auf ihrer Website jedenfalls eine klare Empfehlung für das Restaurant ausgegeben, was einem wahren l’adoubement gleichkommt. (DD)

Bieravantgarde

Eine Adresse, aber zwei Einkehrmöglichkeiten – das findet man wohl nur in der Táborská 389/49 im Stadtteil Nusle (Prag 4).

Eine der beiden ist das Restaurant U Bansethů. Das ist eine sehr alte Traditionsgaststätte mit etwas gehobenerer tschechischer Cuisine, in der es aber nur urquelliges Industriebier gibt. Immer auf der Suche nach originellen böhmischen Biersorten zog es uns zunächst einmal durch den Nebeneingang. Dort befindet sich die Nachbarschaftsbrauerei Bašta (Sousedský pivovar Bašta). Die sollte sich der Bierkenner nicht entgehen lassen.

Aber wie kommt es, dass sich hier irgendwie zwei Gastbetriebe unter einem Dach scheinbar Konkurrenz zu machen scheinen? Das kam so: Im Jahre 1900 wurde hier nur das U Bansethů durch einen Wirt namens Alois Banseth eröffnet. Das wechselte mehrfach im Laufe der Jahrzehnte den Besitzer, aber nie den Namen. Im Jahre 2007 – das war das Restaurant schon ein wenig heruntergekommen – erwarb es Vladimir Bašta, ein gestandener Veteran der Brauerszene, der die Gaststätte wieder aufmöbelte. Aber er war, so ließ er in der Lokalpresse verlauten, nicht zufrieden damit, nur eine Gaststääte mit traditionellem Urquellausschank zu betreiben. Also teilte er die Räumlichkeit und gründete seine eigene Kleinbrauerei.

2017 ging Vladimir Bašta in den wohlverdienten Ruhestand und in der Person von Tomáš Bašta kam die nächste Generation der familie zum Zuge. Wie das U Bansethů entwickelt sich die Brauerei Bašta wohl langsam zum Traditionsbetrieb. Und Konkurrenz machen sie die beiden Gaststätten sowieso nicht, da sie der gleichen Familie gehören. Aber mit unterschiedlichen Zielgruppen. Das Bašta, dessen Name sogar in die Tische eingebrannt ist (Bild oberhalb rechts), ist dabei das Mekka der Bieravantgardisten.

Dazu tragen natürlich die originellen und geradezu avantgardistischen Bierkreationen von Brauer Jan Kroužek bei, mit dem sich Bašta jr. zusammengetan hat. Man sieht es im großen Bild oben. Der leicht rötliche Ton deutet es an, dass es sich um ein mit roter Johannisbeere angereichertes Bier. Das klingt zunächst einmal nicht nach jedermanns Sache. Aber der zusätzliche Geschmack ist dem Bier in so zarter Dosis beigefügt, dass man nur einen Hauch verspürt, der dem Ganzen tatsächlich eine interessante Note verleiht. Man sollte sich sich im Bašta für Experimente offen zeigen, wofür man dann auch belohnt wird.

Aber selbstredend gibt es auch immer konventionellere, aber nicht minder gute Biersorten im Angebot, vom klassischen Hellen bis zum Halbdunklen. Die kleine, aber feine Bierkarte, die als handbeschriebene Tafel an der Wand hängt, offeriert in sehr dichter Folge immer wieder neue Sorten. Mal könnte wöchentlich hingehen und immer wieder Neues finden.

Nun ja, und um gut trinken zu können, sollte man auch angemessen gut essen. Das Bašta offeriert eine kleine Speisekarte, die auf den ersten Blick genau das offeriert, was man in einer tschechischen Braugaststätte so an Deftigem erwartet. Das gibt es auch qualitativ nichts zu meckern. Aber es gibt kleine originelle Variationen. Der Gulasch mit Knödeln (ein Standardklassiker der nationalen Kochtradition) ist etwa nicht nur ein einfacher Gulasch, in dem Knödel schwimmen. Es handelt sich um einen Gulasch aus Entenherzen. Das war lecker und mal etwas anderes.

Bleibt noch das gediegene und gemütliche Interieur und auch der natürlich nur im Sommer geöffnete kleine Sommer-Biergarten zu erwähnen. Ein wenig abseits der Touristenströme kann man hier in der schönen Brauerei Bašta in Nusle tatsächlich die tschechische Bierbraukunst von ihrer besten Seite kennenlernen. (DD)

Treff mit Brunnen

So richtig entspannt und geradezu mediterran ist die Stimmung auf diesem Platz an einem schönen Sommertag. Mit seinen Restaurants, Bistros, den prächtigen Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert und vor allem seinem witzigen Brunnen. der in die Mitte des Kreisverkehrs auf dem Platz gebaut wurde, machen ihn zu einem kleinen urbanen Juwel.

Am Abend als wir gerade 2016 nach Vinohrady umgezogen waren, gingen wir die Americká, wo wir seither wohnen, ein wenig hinauf, um ein Restaurant zu suchen. Schon nach wenigen Metern stießen wir auf den kleinen Platz, wo sich Americká und Záhřebská treffen. Hätten wir uns nicht schon vorher in Prag verliebt, hätten wir es hier getan. Damals war der Kreisverkehr noch Kreisverkehr. Seit dem Sommer 2020 ist er nur noch teilweise befahrbar, was mehr Platz um den Brunnen für die Außengastronomie einiger Restaurants schuf.

Die gastronomische Szenerie ist vielfältig. Es seien hier nur die auf Rum spezialisierte Bar, die hunderte von Sorten aus aller Herren Ländern offeriert, oder ein Italiener der gehobenen Art erwähnt. Drinnen ist es immer gemütlich, aber draußen ist es im Sommer am schönsten. Wege ndes Brunnens. Der wurde hier am 30. August 2020 eingeweiht und ist das Werk des Bildhauers und Restaurators Miroslav Beščec, der u.a. durch die Gestaltung des Kreuzwegs im Stadtteil Modřany bekannt wurde. Der Brunnen besteht aus einem granitenen Steinring bzw. -becken, in den sonderliche Tieren, die der Phantasie entsprungen sind, Wasser hineinspeien. Einige Tiere stehen im Brunnen oder am Brunnenrand, aber ein drachenähnliches Wesen steht weiter abseits, um über eine lange Distanz mit seinem Wasserstrahl das Becken zu treffen.

Die Verkehrsberuhigung von 2020 hat die schon vorher sichtbare Tendenz verstärkt, dass der Platz selbst eine erweiterete Gastronomie- und Spaßzone wird. Schon früher haben Leute, die in der Außengastronomie einer Restaurants oder Bars saßen, ihren Stuhl einfach in die Platzmitte getragen, um dort nahe beim Brunnen im Schatten von Bäumen ihren Drink zu sich zu nehmen. Die Gäste mehrerer Etablissements vermischen saich dabei. Gerade für junge Leute ist das Ganze zu einer Art Treff geworden. Durch die Veränderung der Verkehrsführung vermischt sich dies mit dem tatsächlichen Bereich der Gastronomie. (DD)

Stundenhotel im Windsor-Stil

Heute büffeln hier Schüler. Die hätte man zu anderen Zeiten wohl eher von diesem Haus, dessen Name „Miramare“ auf der Fassade prangt, ferngehalten, um die Moral junger unschuldiger Menschen nicht sündigen Versuchungen auszusetzen. Denn der Ort in der Na Výsluní 150/6 in Prag-Strašnice, wo sich heute die Weiterführende und höhere Berufsschule für Kunst und Handwerk (Střední škola a vyšší odborná škola umělecká a řemeslná; kurz: SOU) befindet, war vor Zeiten einmal als ein eher verruchter Ort verschrien.

So war es natürlich zunächst nicht geplant. Der recht stattliche, an ein Schloss erinnernde Bau im Stil der englischen Windsor-Gotik, entstand im Jahre 1907 nach Plänen des Architekten Josef Domek. Auftraggeber war ein Friseur namens Jan Švec, der beim Schneiden, Föhnen und Rasieren anscheinend so fleißig war und so viele Prominente als Kunden hatte, dass er genügend Geld für diese Rieseninvestition aufbringen konnte. Villa Miramare nannte er das geradezu gigantische Bauwerk. Name und Baustil waren inspiriert vom berühmten Castello di Miramare, dem bei Trieste gelegenen Schloss von Maximilian von Habsburg, der 1867 als Kaiser von Mexiko sein Leben ließ. Die Namensgebung hier in Prag dürfte weniger etwas mit Mexiko zu tun gehabt haben, sondern mit der Tatsache, dass Maximilian zwischen 1854 und 1861 ein zupackender Kommandant der k.k. Kriegsmarine war, der sich als großer Modernisierer erwies, und als solcher nicht nur bei der Marine, sondern generell im Habsburgerreich überaus populär war (mehr jedenfalls als bei den Mexikanern, die ihn hinrichteten).

Es handelte sich nicht um eine Privatvilla, sondern es sollte ein Luxushotel daraus werden. So ganz klappte das nie. 1909 baute man um. Der Architekt Josef A. Smolík fügte einen Weinkeller und ein Restaurant mit Sommerveranda hinzu. 1921 wurde von einem Architekten namens A. Dvořák noch ein Ausflugslokal mit Bar angebaut. Mit dieser zusätzlichen geschäftlichen Fokussierung versuchte man anständige Gelegenheitsausflügler als Kunden zu gewinnen. Denn der Hotelbetrieb hatte inzwischen eine etwas andere Richtung genommen. In der Umgebung waren zahlreiche Militärs stationiert und nach dem Ersten Weltkrieg auch Teile der Handelsmarine, die über Moldau und Elbe in Hamburg den territorial zur Tschechoslowakei gehörenden Moldauhafen als einzigen Meereszugang nutzte (ab 1953 gab es in Strašnice sogar den Sitz der Československá námořní plavba – Tschechoslowakischen Ozeanschiffereigesellschaft). Kurz: Die Art des Hotelbedarf war bei dieser Zielgruppe spezieller Art. Rundherum galt es bald als ein Stundenhotel, wo sich sittenlose Herren mit käuflichen Damen verabredeten. So heißt es jedenfalls. Auf jeden Fall blieb es als Image hängen und die entsprechende Infotafel des (übrigens ausgezeichneten!) Strašnicer Kulturwanderwegs hat es in einer sehr bildlichen Nachstellung (Bild oberhalb rechts) recht plastisch präsentiert.

Es gab in der Folge noch einige Umbauten. So wurde zum Beispiel 1937 eine Kegelbahn eingebaut. Aber die Blüte des Hotels und Restaurants ging allmählich vorüber. 1938 wurde rund 100 Meter entfernt unterhalb des auf einer Anhöhe liegenden Miramare ein neues Restaurant im funktionalistischen Stil erbaut, das Kunden abwarb – vor allem die verbliebenen „Anständigen“. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls in der Nähe ein modernes Großhotel gebaut, das heute Fortuna City heißt. Das Militär reduzierte sich in der Umgebung auch, was den entsprechenden Bedarf an Stundenhotelkapazität minderte. Der Pleitegeier kreiste oben in der Luft…

1948, im Jahr der kommunistischen Machtergreifung, übernahm die Stadtregierung das Gebäude. Das tat dem Gebäude, das doch recht beindruckend war, nicht sonderlich gut. 1957 wurden einige Teile, darunter ein großer Saal, abgerissen. 1979 fúhrte der Machinenbaukonzern ČKD größere Umbauten durch, um hier eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge einzurichten, die im Jahr darauf eröffent wurde. Dabei gingen innen viele und außen manche feine schnörkelige Architekturdetails zu Bruch. Immerhin war aber der Grundstein zu einer anderen Nutzung des Gebäudes gelegt. So, wie es nun war, konnte hier nach wenigen Umbauten 1997 ein anderer Bildungsbetrieb einziehen, nämlich die bereits erwähnte Kunst- und Handwerksschule SOU. Ja, die Nachkriegszeit hat dem Gebäude übel mitgespielt und manches schöne Detail ging verloren, seitdem es als (Stunden-) Hotel ausgedient hat. Aber mit seinen Zinnen und nach nunmehr sorgfältiger Renovierung kann man sich dem Bann des Bauwerks nicht entziehen, das zu den bemerkenswertesten Windsorstil-Häusern der Stadt gehört. (DD)

PS: Die Urenkelin von Jan Švec, Jana Garbová, die hier noch bis zum Einzug der ČKD 1980 wohnte, hat 2016 in einem Beitrag energisch bestritten, dass ihr Urgroßvater hier ein Stundenhotel betrieben oder auch nur unsittliches Treiben erlaubt hätte. Er sei ein großer Patriot, engagierter Stadtrat und anständiger Mensch gewesen. Die üblen Gerüchte seien erst in den 1950er Jahren entstanden – vermutlich als Folge von Fernsehsendungen, die so etwas verbreiteten. Die Mehrheit der Lokalhistoriker scheint sich dem nicht anzuschließen – möglicherweise, weil die Geschichte vom Stundenhotel ganz klar die lustigere Story ist, selbst wenn sie nicht unbedingt die wahre ist. Wie heißt es so schön am Ende des Western-Films The Man Who Shot Liberty Valance? „When the legend becomes fact, print the legend.“ Jedenfalls: Aus diesem Streit halten wir uns schön heraus. (DD)

Goldene Gans am Wenzelsplatz

Die goldene Gans, die goldene Eier legt, ist nicht nur Blickfang. Sie ist auch Namensgeberin des Hotels zur Goldenen Gans (Hotel Zlatá Husa), das sich in bester Lage auf dem Wenzelsplatz (Václavské náměstí 839/7) befindet.

Das Hotel ist nach dem gegenüber liegenden Hotel Adria (vormals Neptun) das zweitälteste Hotel am Platze. Es wurde in den Jahren 1909/10 durch den Architekten und Bauunternehmer Matěj Blecha nach den Plänen des berühmten Architekten Emil Králíček (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier) erbaut. Im Jahre 1912 wurde das Hotel dann feierlich eröffnet. Möglicherweise war es dann doch keine Gans, die für den Besitzer goldene Eier legte. Jedenfalls: Im Jahre 1924 übernahm das daneben gelegene Hotel Ambassador, das im Jahre 1922 seine Pforten eröffnet hatte, den Hotelbetrieb der Goldenen Gans, der jetzt quasi in zwei Gebäuden stattfindet.

Emil Králíček war damals einer der großen aufstrebenden Stars unter den Prager Architekten. Das Zlatá Husá ist noch ein Frühwerk im strengen geometrischen Spät-Jugendstil, den er sich zu Beginn noch verpflichtet fühlte (frühere Beispiele hier und hier). Wirkliche Bekanntheit erreichte er aber später als Pionier des Kubismus – zum Beispiel mit dem Diamant Haus von 1912. Die Jugendstil-Reliefs und -ornamente, sowie die ägyptisierenden Skulpturen unter dem Dachgiebel machen aber auch dieses noch etwas konventionellere Werk zu einer Besonderheit. (DD)

Slivovitz und Denkmalschutz

Die tschechische Küche ist bekanntlich recht schwer. Da braucht man nach dem Essen schon ab und an einen Magenaufräumer. Der echte Tscheche kennt da nur ein Rezept, den Slivovitz.

Das dem deutschen Pflaumenbrand oder Zwetschgenwasser ähnelnde hochprozentige (mindestens 37,5%) Getränk ist ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der tschechischen Kultur. Ob weiß (flaschengelagert) oder gelb (faßgelagert), eines ist klar: Prag hat schon zu lange ohne ein Museum auskommen müssen, das dieses Nationalgetränk gebührend würdigt. Seit 2019 ist dieser Missstand gottlob beendigt.

In diesem Jahr eröffnete in der U Lužického semináře 116/48 auf der Kleinseite und so nahe an der Metrostation Malostranská gelegen, dass man es auch nach ein paar ordentlichen Kostproben auch wankend noch bis dahin schafft, das Muzeum Slivovice R. Jelínek. Auch wenn die Firma R. Jelínek, die das Museum betreibt, als größter Obstbrandhersteller nicht nur in Tschechien, sondern in der Welt, ein gewisses Verkaufsinteresse damit verbinden mag, bekommt man hier einen didaktisch hochwertigen, informativen und unterhaltsamen Ausstellungsbesuch mit modernster Museumstechnik geboten. Einfach großartig und empfehlenswert!

Vielleicht erst einmal zu Firma selbst, deren spannende Geschichte in der Ausstellung ausführlich dargestellt wird: Die hat ihren Ursprung und Hauptsitz im mährischen Vizovice, wo man die Kunst der Obstbranddestillation schon bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. 1882 tritt hier erstmals die Familie Jelínek auf, zunächst als Pächter einer bestehenden Brennerei, dann ab 1891 als Besitzer einer eigenen Destillerie, deren Gründer Zikmund Jelínek wurde. Dessen Söhne Vladimír und Rudolf Jelínek übernahmen die Firma 1919, zerstritten sich aber bald, so dass sich 1926 die Wege trennten und Rudolf die Firma nach sich benannte.

Rudolf Jelínek hatte 1934 eine geniale Idee, die dazu beitrug, dass aus der mährischen Provinzfirma eine Weltmarke wurde. Ein Jahr zuvor endete in den Vereinigten Staaten die unselige Prohibition. Jelínek, der selbst jüdischer Herkunft war, erkannte, dass es gerade in den USA nun einen großen Markt für koscheren Slivovitz gab – ein Produkt, das er erstmals auf den Marktgebracht hatte. So begann der internationale Durchbruch. Zudem verbesserte er den Geschmack des an sich oft recht kratzigen Getränks so, dass es einen milderen und vielschichtigeren Abgenag bekam. Dazu beriet er sich mit dem französischen Cognac-Hersteller Denis-Mounié. Mit dem Qualitätswachstum kam auch das Umsatzwachstum.

Dann kam die Katastrophe. 1938 musste die Tschechoslowakei große Teile ihres Staatsgebietes an Hitler-Deutschland abtreten und 1939 marschierten deutsche Truppen im Land ein. Die Firma wurde „arisiert“, d.h. gestohlen und einem naziloyalen Deutschen übertragen, und die gesamte Familie Jelínek wurde ins Konzentrationslager deportiert. Rudlof Jelínek, seine Frau (Bild links) und fast seine ganze Familie wurden ermordet. Zwei Söhne überlebten, von denen einer 1946 an den Folgen des ihm zugefügten Leids starb. Rudolfs zweiter Sohn Jiří übernahm jedoch die Firma und schien sie wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Doch 1948 folgte der zweite Akt im totalitären Trauerspiel: Die Kommunisten übernahmen die Macht. Den Jelíneks wurde die Firma abermals gestohlen. Der Name wurde behalten, aber die Firma war nun Teil eines Staatskonglomerats, was die Qualität senkte – außer für den Auslandsmarkt, denn der sozialistische Pleitestaat brauchte westliche Devisen, um überhaupt irgendwas recht und schlecht auf die Beine zu kriegen.

Die einzige bahnbrechende Neuerung der kommunistischen Zeit, die bleibenden Wert hatte, war die Gestaltung der Flasche als Markenzeichen, die 1950 erfolgte. Die nutzt man heute noch und ist so stolz darauf, dass im Museum sogar die Waschbecken in den Toiletten die charakteristisch unregelmäßige Form der Flasche haben. Womit wir beim Hier und Jetzt sind: Das Museum ist das Projekt einer wieder privat betriebenen Firma.

Mit der Samtenen Revolution von 1989 endete der kommunistische Schrecken und man entflocht erst einmal das große staatliche Brennereikonglomerat, so dass R. Jelínek erst einmal ein eigenständiger Staatsbetrieb wurde, der dann in einem zweiten Schritt privatisiert werden konnte, was 1994 dann auch geschah. 1998 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die nach und nach immer mehr Gewinn abwarf. Es wurden Niederlassungen im Ausland gegründet und heute ist niemand so dick im Obstbrandgeschäft wie die Firma Jelínek. Und deshalb kann sie sich neben dem schon länger bestehenden Museum in Vizovice nun auf ein besonders modernes Museum in Prag leisten.

Das ist hyper-modern konzipiert. Man bekommt eine Audio- und Multimediatour ersten Ranges geboten, die keine Fragen offen lässt – sei es, was die Geschichte der Firma, der seit 2003 wieder entstehenden Obstplantagen, der vorschriftsgerechten Produktion des koscheren Slivovitz, des Destillationsvorgangs, der Fassherstellung, der Abfüllung und des Vertriebs angeht. Die wissenschaftliche Fundierung kommt auch nicht zu kurz. Das Highlight ist wohl die 5D-Kinovorführung mit Videobrille über den Lebensweg einer Plaume vom Baum bis zur Bar, in der sie als Slivovitz serviert wird. Spannend, spektakulär und lehrreich!

Aber zwischendurch gibt es natürlich auch handfeste originale Gegenstände aus der Jelínek-Sammlung, wie etwa die rechts abgebildete alte Abfüllstation. Das macht die Sache eben noch abwechslungsreicher. Auf jeden Falls geht man informierter aus der Ausstellung heraus. Aber natürlich nicht nur informierter, sondern (was vermutlich der Hintersinn der Betreiber ist) auch durstiger.

Und so kommt man zum Abschluss des Ganzen nicht nur einen einen bestens ausgestatteten Alkohol- und Souvernirladen, der nicht nur den Slivovitz der Firma anbietet, sondern auch die anderen von ihr hergestellten Obstbrände (ich mag besonders den Aprikosenbrand) und Spirituosen wie Gin und Whisky. Vor allem aber landet man in einem kleinen, aber feinen kleinen Restaurant. Im Preis inbegriffen ist der kleine Degustationsset, den man nun serviert bekommt, und den man im großen Bild oben sieht. Zu jedem der drei verschiedenen Obstbrände (darunter die goldene und die koschere Variante des Slivovitz) bekommt man noch ein kleine, raffiniert gemachtes Häppchen. Man kann darüberhinaus auch noch selbst auf eigene Kosten nachbestellen, um die Produktpalette einmal kennenzulernen. Man verlässt das Museum beschwipster, als man sich vorgenommen hatte. Aber es hat sich gelohnt.

Und wenn man vom Museum spricht, darf man über sein Gebäude nicht schweigen. Das ist nämlich auch von historischem Interesse. Es handelte sich ursprünglich um ein Renaissancehaus, das aber Anfang des 17. Jahrhunderts umfassend barockisiert wurde. Das dům U Bílé botky (Haus zu den Weißen Schuhen) genannte Gebäude wurde dabei für Studenten am nahegelegenen Lausitzer Seminar ( Lužický seminář) einegrichtet, die als katholische Priester ausgebildet werden sollten (wir berichteten hier).

Das zentral gelegene Haus wurde 1966 von der bekannten Schauspielerin Slávka Budínová, die u.a. an so berühmten Filmen wie Noc na Karlštejně (1973) mitwirkte, erworben. Sie starb kurz vor der Großen Moldauflut von 2002, die das Haus verwüstete. Danach kümmerte sich niemand mehr so recht darum und das Bild des Verfalls, das es bis vor kurzem noch bot, war herzzereißend. Man kann der Firma Jelínek nur dankbar sein, dass sie das Gebäude 2011 kaufte, um ein Museum daraus zu machen, sodass es nach aufwendigen Renovierungsmaßnahmen nunmehr in neuem Glanz erstrahlt. So können wir hier heute nicht nur ein unterhaltsames Museum besuchen, sondern uns auch daran erfreuen, dass ein Baudenkmal vor dem Niedergang gerettet wurde. Ein schöner Beitrag zum Denkmalschutz! (DD)

Freiheit/Bier

Noch kurz bevor gestern in Tschechien der Corona-Notstand ausgerufen wurde, mussten wir dann doch ein wenig die Freiheit genießen, die uns danach genommen wurde. Besser als in einer Brauerei, die den Namen der Freiheit trägt, geht das wohl kaum.

Brauerei Libertas (Pivovar Libertas) heißt die in der Škvorecká 725 in Úvaly, einer schön im Grünen gelegenen Ortschaft östlich des Prager Zentrums. Und libertas ist ja bekanntlich das lateinische Wort für Freiheit. Um sich richtig den Durst anzutrinken, bietet die Umgebung viele schöne Ausflugs- und Wandermöglichkeiten. Selten sieht man auswärtige Touristen, aber dafür Unmengen tschechische Familienausflügler. Die Brauerei mit ihrer Gaststätte liegt etwas außerhalb des kleinen Ortskerns nahe eines Einkaufszentrums.

Das Gebäude sieht ultra-modern aus und ist es auch. Denn die Brauerei gibt es erst seit 2019. Sie hat sich allerdings schnell einen Namen gemacht. Kleinbrauereien liegen ja zur Zeit im Trend und mittlerweile ist Libertas-Bier auch in zahlreichen Restaurants und Kneipen in Prag und außerhalb erhältlich. Man kann daher die Hoffnung hegen, dass die Brauerei Libertas die Zeit des Corona-Autoritarismus irgendwie übersteht (Also: Hingehen und dort etwas trinken, solange es noch geht!!!) Am besten genießt man das natürlich an einem schönen Sonnentag im überdachten Biergarten der Brauereigaststätte selbst.

Obwohl, wie gesagt, ultra-modern eingerichtet, ist die Gaststätte der Brauerei sehr gemütlich und einladend, aber eben nicht im Sinne alt-böhmischer Gemütlichkeit. Modern mit Geschmack eben. Die Ästhetik bezieht das „Fabrikhafte“ einer Bier-Produktionsstätte clever mit ein.

Aber man geht ja hauptsächlich wegen des Bieres und nicht wegen der Architektur zu einer Kleinbrauerei. Gründer Jaroslav Weis, der die tragende Firma schon 2016 als kleine Aktiengesellschaft ins Leben rief, heuerte für die Herstellung des Bieres den Braumeister Robert Franěk an, der sich schon zuvor bei der Brauerei Kamence einen Namen gemacht hatte. Der ist experimenterfreudig. Neben Klassikern wie dem traditionellen Hellen bietet er ach die gerade unter jüngeren Menschen beliebten Pale Ales an. Insgesamt gab es acht verschiedene Biere als wir die Brauerei besuchten, darunter das rechts abgebildete Himbeerbier.

Einen besoneren Schwerpunkt legt Franěk anscheinend aber auf eher deutsche Biertypen. Weizenbier ist etwas, das erst seit kurzem in Tschechien Einzug gehalten hat. Meist stimmt dann die Qualität nicht so ganz. Aber das Hefeweizen von Libertas (großes Bild oben, neben einem 12%-stammwürzigen Hellen stehend) muss den Vergleich mit keiner bayerischen Spitzenmarke scheuen! Auch eine Berliner Weiße wurde angeboten, die gut, aber eher wie ein klassisches Sauerbier (tsch.: Kyselka) schmeckte, und daher auch ohne den typischen Berliner Sirupzusatz serviert wurde. Gut schmeckte es allerdings!

Dazu gibt es deftige Küche in altböhmischer, aber auch etwas originellerer Variante. Hier eine Bratwurst vom Hirsch! Kriegt man nicht alle Tage! An warmen Tagen, an denen der Biergarten geöffnet ist, wird das Ganze von einer eigenen Grillstube draußen serviert. So kann man den Abschied von der Freiheit bei einem Libertas wenigstens einigermaßen glücklich überstehen! (DD)