Revolutionäre Kirchenarchitektur

IMG_0913

Unter den Kirchen Prags gilt sie als das Meisterwerk des Funktionalismus: Die Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel sv. Václava) im Stadtteil Vršovice. Ihre Vorgeschichte reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück als man erstmals die Notwendigkeit für einen neuen IMG_0909und besonders großen Kirchenbau sah. Schon 1896 hatte die katholische Gemeinde ihre bisherige Kirche, St. Nikolaus ausgebaut, aber das Stadtwachstum war in dieser Zeit so rapide, dass sie schon bald aus den Nähten platzte. Es musste etwas Neues her und 1902 gründete man einen Förderverein, der 1904 ein Grundstück kaufte, das sich aber schon bald als ungeeignet erwies. Inzwischen waren die Grundstückspreise so gestiegen, dass der Verkauf des Grundstücks im Jahre 1907 enorm viel Geld für ein besser geeignetes und größeres Grundstück auf einem ehemaligen Friedhofgelände erbrachte. 

Es gab bald erste Entwürfe, von denen der des Architekten Václav Materka besonders herausragte – ein prachtvoller Neorenaissancebau mit einer IMG_0910Kuppel, die an den Petersdom in Rom erinnern sollte. Das wäre zu teuer geworden, befand die Gemeinde, und so wurde der Plan auf Eis gelegt. Es folgten die Jahre des Ersten Weltkriegs und der daraus folgenden Turbulenzen. Erst 1925 nahm man einen neuen Anlauf und bereitete einen Archtitektenwettbewerb vor, der 1927 stattfand und an dem 50 Architekten teilnahmen.

Der Sieger war am Ende Josef Gočár. Zurecht! Denn der Architekt, der eigentlich als Kubist bekannt war (siehe frühere Beiträge hier, hier und hier), hatte einen atemberaubenden und geradezu revolutionären Entwurf vorgelegt. Es war eine kühne Stahlbetonkonstruktion, die auf eine geradezu glasklar rationalistische Art und Weise mit mit den Formmöglichkeiten des IMG_0912Materials umging und die Funktion zum Schönheitsprinzip erhob. So etwas gelingt selten (die sozialistische Plattenbauweise verdeutlichte am Ende das Scheitern der Idee, dass Funktionelles per se schön sein müsse), aber hier gelang es vortrefflich.

Das Gebäude wurde 1929 errichtet – gerade rechtzeitig zum 1000. Todestag des (National-) Heiligen Wenzel, der – ganz patriotisch – zum Namenspatron der Kirche erkoren wurde. 1930 erfolgte dann auch die Weihung.

Die funktionalistische Idee, Zweck, Gegebenheiten und Material für sich wirken zu lassen, hat Gočár auf die umgebende Landschaft ausgedehnt. Er nutzte den offenen Park (der Čechovo náměstí) an einem Abhang, IMG_4860um die Wirkung der  Stahlbetonkonstruktion visuell voll zur Wirkung zu bringen. Von unten betrachtet läuft das Ganze Dank des rund 50 Meter hohen Turms (mit einem nachts beleuchteten Kreuz) fast unendlich in die Höhe – hin zu geradezu himmlichen Dimensionen. Von der Seite betrachtet verengt sich zwar das Schiff zum Altar hin, dafür erhöht es sich aber stufenweise nach hinten, wo es in einer Art Apsis endet. Der Höheneffekt des Abhangs verstärkt sich dadurch noch einmal. Davon träumten die Architekten der Gotik und Gočár setzte es mit den Mitteln der Moderne unkonventionell um. Das macht sich wohl auch im Innenraum bemerkbar, der durch die zum Altar hin immer größer werdenden Fenster äußerst hell wirkt. Schon von außen ist IMG_0911das kolossale Fenster, das die Apsis abschließt, beeindruckend (Bild rechts). Es zeigt den Heiligen Wenzel hoch zu Pferde reitend.

Im schlicht gehaltenen Innenraum befinden sich nicht nur in den Glasfenstern, sondern auch auf zahlreichen Mosaiken und figuralen Darstellungen die böhmischen Heiligen (Wenzel, Ludmilla etc.) abgebildet. Die Statue des Heiligen Wenzels an der Hauptfassade hoch über dem Eingang wurde allerdings erst 2010 dort angebracht. Erstellt hat sie der Bildhauer Jan Roith, allerdings nach einem Entwurf, den Bedřich Stefan schon 1929 für die Kirche erstellt hatte – also definitiv stilistisch passend und die Harmonie des Kirchenbaus nicht beeinträchtigend, sondern in ihrem Sinne. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s