Känguruverein

Ein Känguru als Vereinslogo? Die hüpfenden Beuteltiere leben doch gar nicht in Tschechiens Wäldern! Und dann der Namen Bohemians statt „Die Böhmen“ oder „Češi“? Für einen lokalen Fußballverein? Zurecht vermutet man dahinter eine interessante Geschichte.

In der Tat hieß der Verein, als er 1905 gegründet wurde, noch AFK Vršovice und war, wie der Name sagt, nur ein Stadtteil-Sportverein in Prag Vršovice (heute Prag 10). Man spielte in den untersten Fußball-Ligen. Aber 1926 hatte man eine witzige Idee. Warum nicht mal nach Australien fahren und dort Fußball spielen? Das tat man im nächsten Jahr. Die Schiffsreise dauerte von Neapel aus 23 Tage. Unterwegs stoppte man in Colombo (damals Ceylon, heute Sri Lanka), um eine Auswahl britischer Kolonialsoldaten 4:2 zu schlagen. In Australien zog man durch alle Provinzen. Als erstes schlug man am 5. Mai die Mannschaft von Perth 11:3. Am Ende schaffte man am 25. Juni sogar gegen die Nationalmannschaft des Landes ein ehrenhaftes 4:4. Die Australier fanden das extrem exotisch und machten zweierlei: (1) Da sie ein Wort wie „Vršovice“ nicht aussprechen konnten, nannten sie die Mannschaft einfach Bohemians, und (2) gaben sie der Mannschaft zum Abschied ein niedliches Kängurupaar mit auf den Weg als Geschenk für Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk (der es dann dem Zoo spendete). Die Bohemians und ihr Logo waren geboren.

Mit dem durch den Erfolg der Tour gestärkten Selbstbewusstsein wuchs auch die Spielleistung. Man stieg in die erste Liga des Landes auf und blieb seither die meiste Zeit dort. 1983 wurde man sogar tschechoslowakischer Meister! Auch im Ausland reüssierte man immer wieder. Nur gegen eine wirkliche Gigantenmannschaft verlor man einmal 1986 beim UEFA-Pokal schlapp mit 2:8. Aber man kann ja auch von den Leuten nichts Unmögliches verlangen. Vielleicht hat man damals danach diskutiert, ob nun Kängurus oder Geißböcke die besseren Vereins-Maskottchen sind. Vielleicht auch nicht.

Ja, und 2005 kam die dunkle Zeit, da der Verein insolvent war. Danach zankten sich zwei aus der Konkursmasse hervorgegangene Mannschaften darum, wer sich denn nun Bohemians nennen dürfe. Das hat man inzwischen gelöst und heute spielt man wieder in der ersten Liga. Die Vršovicer lieben jedenfalls ihren Verein innig.

Zurück zur Geschichte: Mit dem Erfolg kam auch die Notwendigkeit eines Stadions. Bei der Gründung 1905 spielte man auf irgendwelchen Spielfeldern, die gerade frei waren. 1914 legte man auf einem Feld in der Nähe einer Fabrik einen kleinen Platz an, der wegen seiner Muldenform Ďolíček (kleine Grube) genannt wurde. Als man dann aufgestiegen war und 1932 ein richtiges Stadion bauen ließ, behielt es diesen Namen, den es heute noch trägt. Der Architekt A. Vejvoda gestaltete das Stadion im funktionalistischen Stil mit dem Känguru-Logo am Eingang (großes Bild). Ursprünglich fasste das Stadion, das mit einem Spiel der Bohemians gegen Slavia Prag eingeweiht wurde, rund 18.000 Zuschauer – fast alle auf Stehplätzen. Heute passen rund 6.300 hinein, was unter anderem mit der Umwandlung der meisten Steh- in Sitzplätze bei der Renovierung 2007 zu tun hatte. Immer wieder wurde das Stadion im Laufe der Zeit modernisiert (1955 wurde zum Beispiel das Flutlicht eingeführt). Inzwischen wird es nicht nur für den Fußball, sondern auch für Rockkonzerte (das mit Tina Turner 1996 blieb in besonders guter Erinnerung) genutzt. Ach ja, gegen australische Mannschaften scheinen die Bohemians schon lange nicht mehr gespielt zu haben. (DD)

Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle

Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.

Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.

Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.

Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden (DD)

Baba-Haus näher betrachtet

Es sollte die Mustersiedlung der Moderne werden, was in den Jahren 1928 bis 1932 von einer Gruppe avantgardistischer Architekten unter der Führung von Pavel Janák (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier) sorgfältg geplant wurde: die Werkbundsiedlung Baba (Výstavní kolonie na Babě, Osada Baba) im Nordosten des Stadtteils Dejvice (Prag 6). Und in der Tat strahlt das, was dann in den Jahren 1932 bis Anfang 1940 hier erbaut wurde, noch heute eine Aura von Modernität aus, die ihresgleichen sucht.

Die innovative Architektur wird natürlich in vollem Umfang erst sichtbar, wenn man die Häuser von innen betrachten kann, was angesichts der Tatsache, dass sie in Privatbesitz sind, natürlich normalerweise unmöglich ist. Bei der Vila Matějská in der Matějská 1985/19 hat sich die Möglichkeit für uns ergeben, weil wir die die Bewohner, Lucie Fejklová (Besitzerin) und Lebensgefährte Hans Weber, gut kennen und schätzen.

Die Villa gehört zu den letzten, die hier im Rahmen des Projekts der Werkbundsiedlung überhaupt gebaut wurden. Und sie repräsentiert in ihrer Art den Prager Spät-Funktionalismus in seiner reinsten und kompromisslosesten Ausprägung.

Worum ging es überhaupt bei dem Siedlungsprojekt Baba (über das wir übrigens schon hier berichteten)? Dessen treibende Kraft war der 1914 gegründete böhmische (bzw. ab 1918 tschechoslowakische) Werkbund (Svaz československého díla). Das war eine Vereinigung, die vom 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbund inspiriert war. Es handelte sich um eine „wirtschaftskulturelle“ Vereinigung von Architekten, Künstlern und Unternehmern, die sich der Förderung fortschrittlicher und sozialer Ideen im Bereich von Architektur und Kunsthandwerk widmete. Praktischer und den Kriterien avantgardistischer Ästhetik genügender Komfort und Lebensqualität für alle Menschen war das Programm. Und die Siedlung Baba sollte zeigen, wie man effizient, preisgünstig und kunsthandwerklich wertvoll geradezu luxuriösen Wohnraum für jedermann schaffen konnte. Die Initiative zur Gründung des Werkbundes stammte von dem berühmten Architekten Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichteten). Kotěra wiederum gilt als der eigentliche Vater der modernen Architektur im Lande.

Pavel Janák, der die Rahmenplanung für die Baba-Siedlung übernahm, war Mitbegründer des Werkbundes und ein Schüler Kotěras. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit kubistischer Architektur begonnen (der damals die höchste Avangarde darstellte), hatte sich aber in späten 1920er Jahren in Richtung Funktionalismus entwickelt.

Als Gelände suchte er sich das Baba genannte Gebiet aus, das hoch über der Moldau liegt und sich auf der anderen Seite neben dem schönen Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (Divoká Šarka) befindet. Die einzelnen Häuser hatten jedoch eigene Bauherren und vor allem autonom arbeitende Architekten.

Die Gruppe von Architekten, Künstlern, Stadtplanern, Bauunternehmern und Designern, die sich hier unter dem Dach des Werkbunds zusammenfand, war sich jedoch über die wesentlichen Grundsätze völlig einig. Das (und natürlich die Leitung durch Janák) garantierte in Sachen Ästhetik und Zielsetzungen eine deutliche Einheitlichkeit, die trotzdem vielfältig ist. Immer wieder setzten sie sich – auch nach Baubeginn – zusammen, um die Gesamtkonzeption zu modifizieren und anzupassen. Und das Resultat konnte sich am Ende definitiv sehen lassen.

Zu den Architekten und Designern, die hier mitwirkten, gehörten einige der großen Namen der tschechoslowakischen Architektur. Dazu gehörte unter anderem Josef Gočár, der – wie Janák – zuvor zu den Pionieren des Kubismus gehört hatte (wir berichteten u.a. hier und hier), aber sich nun ebenfalls dem Funktionalismus zugewandt hatte. Andere Architekten der Werkbundgruppe, die die Baba-Siedlung gestalteten, waren etwa František Kavalír, Josef Fuchs, František Zelenka und viele andere, Insbesondere Hana Kučerová-Záveská, die zugleich Architektin und Designerin war, entwickelte viele Ideen für maßgerechte und raumsparende Einbaumöbel. Gerade bei der Gestaltung von Küchen leisteten die Erbauer der Baba-Siedlung Bahnbrechendes.

Und dann war da noch der Architekt František Kerhart, der sich bereits früh einen Namen als führender Architekt des Funktionalismus einen Namen erworben hatte, etwa durch seine Entwürfe für das Gebäude der Sparkasse in Poděbrady im Jahr 1926. Kerhart hatte in der Baba Siedlung bereits zwischen1932 und 1936 fünf Häuser entworfen, und er war auch für die Planung des hier vorgestellten Hauses in der Matějská 1985/19 verantwortlich. Es handelte sich um eine Art „Nachzügler“. Die ersten 20 Häuser der Siedlung wurden schon 1932 fertiggestellt. Acht weitere folgten 1933/34 und zwei 1935/36. Es sollten danach eigentlich neben den Villen noch vier Reihenhäuser erstellt werden, die dann aber im Zuge einer der vielen Neuplanungen durch sechs Einzelvillen ersetzt wurden. Und zu diesen gehört die 1939 gebaute Vila Matějská.

Der im Mai 1939 fertiggestellte Plan des Hauses, das von Außen noch weitgehend im Urzustand erhalten ist, folgt funktionalistischen Grundideen. Man kann das an den Plänen (Bild rechts) studieren, die Kerhart für den Auftraggeber und Besitzer der Villa, einem gewissen Bohuslav Dušek, entworfen hat, denn sie blieben gottlob über die nachfolgenden Eigentümerwechsel hinweg erhalten und befinden sich im Besitz der gegenwärtigen Eigner.

Das Haus ist in klassisch-funktionalistischer Manier aus Quadern zusammengesetzt, die sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Das wird durch die assymetrisch angeordneten Fenster unterstrichen, von denen das vertikale Fenster aus Glasziegel über dem Eingang optisch besonders herausragt (siehe Bild oberhalb links). Das Ganze ist freistehend von einem geräumigen Garten umrahmt.

Ja, und dann ist dann noch das Innere. Das ist wohl nur noch bei vier Häusern der Siedlung – darunter die von Gočár 1932 fertiggestellte Vila Maule – absolut vollständig im Original enthalten. Die Vila Matějská gehört leider nicht dazu. Deshalb wurden im Laufe der Zeit vereinzelt Veränderungen vorgenommen, die etwas verfremdend wirken – etwa die braunem Fußbodenkacheln im Flur, die ganz nach dem Geschmack der frühen 1980er Jahren aussehen. Aber das hält sich alles in allem in Grenzen. In den meisten Räumen ist das alte Originale Parkett im Fischgrätenmuster (das in den 1930er Jahren Mode wurde) in hervorragendem Zustand erhalten. Der Parkettboden wurde damals von vielen modernen Funktionalisten als eine Art wohnliches Gegengewicht zu der ansonsten eher „industriellen“ Ästhetik ihrer Architektur gesehen.

Ähnliche Wirkung sollten auch die dunkelbraunen Kacheln entfalten, die Treppenstufen (Bild oberhalb rechts) und Fensterbretter säumen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die maßgefertigte Einbauküche noch weitgehend erhalten ist. Dazu gehören die praktischen kleinen gläsernen Schubladen in Greifhöhe, die heute fast nostalgisch wirken, aber damals das Modernste vom Modernsten waren. Funktionalismus hat schließlich etwas mit praktischem „Funktionieren“ zu tun. Ähnliches gilt natürlich auch für die kleine Durchreiche, die das effiziente Servieren von der Küche direkt in das Esszimmer ermöglicht. So etwas gab es auch früher (etwa in Klöstern mit Zellen), aber der Funktionalismus erkannte sie als praktisches Element zur Raumersparnis und -nutzung. Kein Geringerer Le Corbusiers hat diese Idee 1927 bei den Wohnhäusern der Berliner Weißenhofsiedlung (ein Projekt des DeutschenWerkbundes) weiterentwickelt.

Und so findet man viele Dinge im Haus, die den Geist des Funktionalismus atmen. Auch die Geländerkonstruktion im Treppenhaus ist raumsparend und leicht aus Stahl und gewelltem Draht zusammengesetzt.

Diese zukunftsweisende Architektur verlangte natürlich nach kompetenter Umsetzung. Die besorgte die Prager Baufirma Freiwald und Böhm. Die Firma (mit Architekturbüro) wurde 1921 von Jindřich Freiwald zusammen mit seinem Kompagnon Jaroslav Böhm gegründet. Freiwald war als Architekt selbst für einige bahnbrechende funktionalistische Entwürfe für Gebäude verantwortlich, etwa das Jirasek Theater (Jiráskovo divadlo) in Hronov von 1931, das Stadttheater von Kolín (Městské divadlo v Kolíně) von 1939 oder die Hussitische Kirche in Nové Město nad Metují (1936)

Er sollte den Bau der Vila Matějská leider nur wenige Jahre überleben. Als Freiwilliger nahm er im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) im Offizierrang eines Hauptmanns der Tschechoslowakischen Armee teil. Deutsche Truppen nahmen ihn auf ihrem Rückzug gefangen und erschossen ihn kurzerhand standrechtlich. Eine schreckliche Tragödie. Es war der 8. Mai – der letzte Tag des Krieges.

Und die Grundidee der Siedlung Baba? Die war ja gewesen, funktionalen, raumsparenden und preisgünstig zu erstellenden Wohnraum zu erschaffen. Trotzdem hatten wir es schon von Anfang an nicht mit einem Stück „sozialen Wohnungsbaus“ zu tun. Janák selbst, der gewiss kein Sozialfall war, zog in eines der von ihm geplanten Häuser ein. Man muss nur kurz von der kleinen Grünanlage vor der Vila Matějská die grandiose Aussicht auf die Burg genießen, um zu erahnen, dass hier de facto ein eher großbürgerliches Publikum bedacht wurde. Von Terrasse auf dem Dach des Hauses kann man das auch tun. Überhaupt wurde für fast jedes Haus eine schöne Aussicht garantiert. Moderner Wohnraum in schöner Lage. Auch heute ist das keine billige Wohnlage. In kommunistischer Zeit galt das, was hier zuvor als avantgardistisch angesehen war, unter regimetreuen Kunstkritikern als zu „bürgerlich“.

Aber trotzdem entsprach die Grundidee, des funktionalen Wohnungsbau doch einigen ihrer eigenen Ideen. Gewiss, in der Siedlung Baba war alles individuell maßgefertigt, aber die raumsparenden Einrichtungsideen und die zu Grunde liegende Stahlbautechnik ließen sich im Grunde sehr gut in die spätere Plattenbauarchitektur übersetzen. Auch wenn man die Baba-Siedlung schön und Plattensiedlungen (zu Recht) meist scheußlich findet, ist es nicht völlig falsch, das eine als die Fortführung des anderen zu sehen. Und tatsächlich beriefen sich die kommunistischen Stadtplaner in Prag später auf das „bürgerliche“ Vorbild. In den 1970er Jahren wurden in dem im Süden Prags (und damit am anderen Ende der Stadt) gelegenen Stadtteil Modřany zwei neue Plattensiedlungen erbaut, die Baba II und Baba III genannt wurden und so sind, wie man sich sozialistische Plattenarchitektur eben vorstellt. Der Wohnraum dort ist erschwinglicher als der der Originalsiedlung, dafür aber auch nicht ganz so schön. (DD)

Wo Pan Tau und der kleine Maulwurf herkommen

Im Jahre 1953 ging noch recht improvisiert und ohne volles Programm das Tschechoslowakische Fernsehen (Československá televize) auf Sendung. Um so richtig loszulegen, brauchte man aber ein großes Sendegebäude mit vielen Studios. 1956 hatten die beauftragten Gutachter die Auswahl der möglichen Standorte auf zwei reduziert – das etwas außerhalb gelegene Örtchen Dívčí hrady (auch hier) und der sich gerade entwickelnde Stadtteil Pankrác. Letzterer machte das Rennen.

Ab 1960 begannen die eigentlichen Planungen für einen riesigen Gebäudekomplex, für die der Architekt Jiří Holý zuständig war. Zwischendurch gab es noch einmal Finanzierungsprobleme, dann politische Querelen aller Arten (Stichwort: Prager Frühling), so dass er nach vielen Verzögerungen die Arbeiten erst im Jahre 1971 abschließen und das Gebäude eingeweiht werden konnte. Aber so etwas gibt es ja auch andernorts. Seither befindet sich jedenfalls das Hauptquartier des staatlichen Fernsehens (nicht das des staatlichen Rundfunks, der hier residiert) auf der Hochebene von Pankrác in einem Areal, das Krähenberge (Kavčí hory) genannt wird; genaue Adresse: Na hřebenech II 1130/6 in Prag 4.

Das Gebäude ist nun ein großer rechteckiger Komplex, in dessen Mitte das oben im großen Bild zu sehende Betriebsgeschoss setzte. Alles im damals modernen realsozialistischen Funktionalismus. Und auf den innovativen Zweck angepasst war dieses Zentralgebäude. Man sieht auf dem Bild zwischen unterhalb des obersten Geschosses eine gewellte weiße Wand. Sie besteht aus Laminat. Dieses Material erwies sich als zweckmäßig, weil es zwar wärmeisolierend ist, aber die elektromagnetischen Strahlen für den Sendebetrieb problemlos durchlässt.

Hier produzierte der Staatssender in Studios seine Sendungen und übrtrug sie von dort auf die Bildschirme. 1984 wurde noch ein kleineres Nebengebäude aufgebaut, denn das Fernsehen nahm einen immer wichtigeren Platz in Staat und Gesellschaft ein. Der Sender beglückte das Land – und später auch das Ausland – unter anderem mit wunderschönen Kinderserien wie Pan Tau oder Der kleine Maulwurf (Krteček), die sogar im Westen beliebt waren, diente aber in der Hauptsache aul Propagandaeinrichtung zur Vermittlung des richtigen Klassenbewußtseins in der bereits quasi vor der Tür stehenden klassenlosen Gesellschaft.

1989 endete der Kommunismus und es herrschte fortan eine freiere Geisteshaltung im Sender. Und Ende 1992 zerlegte sich die Tschechoslowakei in die beiden separaten Staaten Tschechien und Slowakei. Seither residiert hier nicht mehr ein tschechoslowakisches, sondern das Tschechische Fernsehen (Česká televize). Und die Slowaken haben jetzt auch ihr eigenes Staatsfernsehen Slovenská televízia, dessen Zentrale in Bratislava ist. In Tschechien gab es nun für den Sender zwar weniger Empfänger (auch weil es nun Privatfernsehen gab), aber der Bedarf an Sendeprogramm schien trotzdem zu steigen.Zumindest erweiterte man die Kapazitäten noch einmal.

Und so kam es, dass 1997 ein neues Nebengebäude erbaut wurde, und nach den Plänen von Architekt Václav Aulický, dem man u.a. auch den thematisch dazu passenden Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž) verdankt – wir berichteten bereits hier. Beide Gebäude sind von einer breiten Straße getrennt, so dass nund ein großer verglaster Füßgänger-Gehweg die beiden verbindet. Und das Hauptquartier strahlt immer noch einen gewissen realsozialistischen Charme aus, der aber trotzdem doch noch recht modern wirkt. Dazu tragen auch die neueren riesigen Sendeanlagen mit ihren Schirmen bei, die der Umgebung ein sehr innovatives Flair verleihen. (DD)

Alter Held am neuen Haus

Ein wenig wundert sich der alte Jan Žižka vielleicht, wohin und in welche Zeit er hier geraten ist. Denn es ist schon ein merkwürdiger Kontrast, den dieses vierstöckige Miets- und Bürohaus in der Chlumova 605/32, Ecke Koněvova, bietet: Oben funktionalistischer Modernismus in Reinform, unten historistischer Traditionalismus.

Es handelt sich um einer Gebäude für die Filiale der Prager Stadtsparkasse (Městská spořitelna pražská), das in den Jahren 1937/38 erbaut wurde. Der Architekt war Leo (Lev) Lauermann, der in der gleichen Zeit (1936-38) an einem der ultrafunktionalistischsten Gebäude der Stadt mitarbeitete, einem mehrere Hundert Meter langen rechteckigen Beton- und Stahlwohnklotz im Stadtteil Bubeneč, der zur Urmutter aller späteren Plattensiedlungen wurde, und der auch heute noch meist Molochov (Moloch – eine zunächst abwertende Bezeichnung) genannt wird.

Ein kompromissloser Modernist also, was vom ersten Stock des Hauses in der Chlumova an auch kaum unbemerkt bleiben kann. Es sind mehrere Kuben, die ineinandergeschachtelt sind. sodass zum Beispiel der größere Kubus der ersten drei Stockwerke vor dem kleinen Kubus des vierten Stocks einen Balkon ermöglicht. Und dann ist da dser dreistöckige Erker auf der Seite zur Koněvova, der wie ein aufgesetzter Kubus aussieht. Die Stahlbetonkonstruktion ist eben, glatt und weiß. Dazu passt die Steinskulptur auf Höhe des ersten Stocks, eine männliche Allegorie, die stilistisch dem modischen Zeitgeist der 1930er entspricht. Im Gegensatz zum Moloch auf der anderen Moldauseite (der die Plattenbauten der 1970er vorwegnimmt) wird hier noch die ästhetische Dimension des Funktionalismus sichtbar.

Das Parterre hingegen, das Teile eines früheren Gebäudes integriert, Mauerwerk mit Rustifizierungen, eine Arkade und runde Bögen dominieren hier die Szenerie. Und darüber sind steinerne Köpfe mit den Anlitzen von Kriegern aus den Zeiten der Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts. Und mitten unter ihnen Jan Žižka, unschwer zu erkennen an seiner Augenklappe (großes Bild oben). Lauermann konnte wahrscheinlich gar nicht anders als die zu seinem modernen Rigorismus eigentlich nicht passenden Relikte hier beizubehalten.

Denn: Wir befinden uns ja hier im Jan Žižka benannten Stadtteil Žižkov. Das Haus steht am Fuße jenes Berges an dem der alte Recke im Juli 1420 seine erste Schlacht – die Schlacht am Vítkovberg – gewonnen hatte. Hier an diesem Ort wäre es ein besonderes Sakrileg gewesen den Helden vom Ort seines Triumphes zu entfernen. Und so bleibt uns sein Anblick und ein seltsam zusammengesetztes Gebäude an dieser Stelle erhalten. (DD)

Nationalkirche

Der Katholizismus wurde in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreiches von vielen Tschechen mit der österreichischen Fremdherrschaft verbunden. Daraus erwuchs nach der Gründung der Ersten Republik ein gewisses Bedürfnis nach einer eigenen tschechoslowakischen Nationalkirche.

Diese Bestrebungen fanden fast vollkommen architektonischen Ausdruck in der Kirche der Tschechoslowakischen Hussitengemeinde in Smíchov (Prag 5), direkt neben dem schönen Park Santoška an der Na Václavce 117/1. Der Sakralbau stammt aus dem Jahr 1935 und wurde von den Architekten E. Sobotka und Stanislav Vachata entworfen – letzterer ein Spezialist für avantgardistische Sakralbauten, der 1939 in Zbraslav einen ähnlich modernen Kirchenbau gestalten sollte. Es handelt sich um ein nach damaligen Maßstäben hypermodernes funktionalistisches Gebäude.

Die Modernität und die architektonische Formenstrenge der Kirche entsprechen den Grundsätzen des ersten Patriarchen und Gründers der 1920 gegründeten Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá), Karel Farský, die sich erst seit 1971 Tschechoslowakische bzw. ab 1993 Tschechische Hussitische Kirche nennt. Man wollte modern, republikanisch und national sein und dem Prunk der katholischen Kirche eine Absage erteilen. Die Kirche ist auch bekannt unter dem Namen Dr. Karel Farskýs Gemeinde der Hussiten (Husův sbor dr. Karla Farského).

Farský steht hier deshalb so besonders in Ehren, weil Smíchov am 8. Januar 1920 der Gründungsort dieser Kirchengemeinschaft war, woran ein Denkmal vor dem Gebäude erinnert. Wenngleich heutzutage die Nikolauskirche auf dem Altstädter Ring formell die tschechische Hauptkirche der Hussitenkirche ist, sieht man sich hier in Smíchov irgendwie immer noch als die eigentliche Stammkirche. Und Farský wird hier noch immerhoch in Ehren gehalten. Seine Büste befindet sich ganz prominent direkt neben dem Altar im Kirchen- bzw. Gemeinderaum.

Auch sonst präsentiert das Kirchengebäude die Botschaft ausgesprochen sichtbar für die Welt. Das beschränkt sich nicht nur auf die streng formale Bauweise mit ihren einfachen Rechteckformen, dem 21 Meter hohen Turm mit seinen in alle vier Richtungen zeigenden minimalistisch gestalteten Uhrblättern. Weithin erkennbares Symbol für die Glaubensrichtung ist der Kelch auf dem Turm. Seit die Hussiten im Mittelalter den Laienkelch als Kern ihres kirchlichen Ritus einführten, ist das Kelchsymbol Kennzeichen aller reformierten Gemeinden (auch der lutherisch-evangelischen).

Ungewöhnlicher als der Kelch ist vielleicht das Patriarchenkreuz (mit zwei Querbalken) oben auf dem Dach des Schiffes. Es hat – ebenso wie die Kreuze der russischen Orthodoxen Kirche – noch einen Schrägbalken hinzugefügt, was man auf dem großen Bild oben erkennen kann. Das erinnert daran, dass es in der Tschechoslowakischen Kirche auch immer eine panslawistische Strömung gab, die sich von der grundsätzlich westlich-liberalen Reformtheologie Farskýs im konservativen Sinne absetzte.Ein Teil spaltete sich daher 1921 ab und gründete eine eingene Tschechoslowakische Orthodoxe Kirche.

Die neuartige Stahl- und Betonbauweise (Skelettbau) ermöglichte 1935 auch eine besonders luftige Konstruktion, die viel Raum für stockwerkübergreifende Fenster ließ, besonders sichtbar bei den langen Fenster an allen vier Seiten des Turms. Und gerade bei den leicht zu übersehenden Fenstern kann man noch einmal den theologischen Grundgedanken, der hinter der Kirche steht, erkennen. Dazu gehören der Rückgriff auf das hussitische Kelchsymbol, die modern-abstrakte Darstellung und die Verwendung der 1920 eingeführten Farben der Tschechoslowakischen Fahne – rot/weiß/blau. Das es sich um eine nationale Kirche handelte, daran wollte man wohl keinen Zweifel aufkommen lassen. (DD)

Gigantomanie für Massenturnen

Noch im allmählichen Verfall strotzt dieses Gebäude nur so von dem gigantomanen Selbstbewusstsein, das zu seiner Entstehung beitrug. Geht man die Fassade entlang, so sieht man rohen Beton und Stahl in brutalistischer Manier kühn geformt. Das zunehmend zerbröselnde Material verleiht dem Ganzen den Eindruck eines Relikt einer längst vergangenen sozialistischen Zukunft.

Dieser erste Eindruck stimmt zwar, aber doch eben nicht ganz. Das große Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov kann auf eine Geschichte zurückschauen, die lange vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 begann. Der nach außen getragene Eindruck sozialistischen Brutalismus ist das Ergebnis von größeren Umbauten in den Jahren 1962 bis 1972, die von den Architekten Zdeněk Kuna, Zdeněk Stupka und Oliver Honke-Houfek durchgeführt wurden, aber nicht das ganze Gebäude betrafen. In dieser Zeit war Brutalismus allerdings auch im Westen der letzte Schrei. Man muss diesen Stil nicht mögen, aber zumindest ist es schwer, von den aberwitzigen Treppenkonstruktionen der Ostseite nicht fasziniert zu sein.

Allerdings sind größere Teile des Stadions älter und lassen sich nicht in diese Kategorie pressen, was man erst bei genauerem Hinsehen bemerkt. Die südliche und die nördliche Seite wurden zum Beispiel in dieser Form in den Jahren 1938/39 (nach der Kriegsunterbrechung 1947/48 fortgesetzt) erbaut und basieren auf den Plänen der Architekten Ferdinand Balcárek und Karel Kopp. Man kann schön erkennen, dass es sich hier eindeutig um frühe funktionalistische Gebäude handelt.

Im Grunde sind Süd- und Nordflügel sogar recht konventionell gebaut, denn man behielt bei den Stützpfeilern für die großen Tribünen sogar den klassizistischen Säulenrhythmus bei. Alles ist geradlinig strukturiert; kein Experiment in Formbarkeit von Materie. Das war in den 1930er Jahren gerade bei Stadionbauten ein allgemein zu beobachtender Trend. Die Tatsache, dass aber auch hier schon Stahl und Beton verwendet wurden, sorgt dafür, dass die Unterschiedlichkeit der Stile nicht unmittelbar auffällt. Allerdings war auch diese Materialwahl nicht die ursprüngliche, denn die Bauspase von 1938/39 war nicht die erste gewesen.

Schon 1926 hatten die Planungen für das Stadion begonnen, für die sich der damalige Stararchitekt Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier) verantwortlich zeigte. Der Originalbau hatte an der Süd- und Nordseite noch Holztribünen, die dann eben in den 1930er Jahren durch die heute sichtbaren Betonbauten ersetzt wurden. An der Westseite kann man immer noch sehen, dass die Höhendimensionen des ersten Stadions deutlich geringer sind als die neueren Bauteile.

Auch die Ziegelbauweise deutete noch auf eine bescheidenere Außendarstellung hin. Was nicht heißen soll, dass das Stadion damals bescheiden in seinen Ausmaßen war. Im Gegenteil: Die Fläche des Stadions war damals wie heute gigantisch. Die Fläche umfasst in ihren Maßen mehr als sieben konventionelle Fußballfelder. In seiner Blütezeit konnte das Stadion fast 250.000 Zuschauer fassen.

Warum so groß? Nun, das Sportfeld wurde in der Zeit der Ersten Republik (1918-1939) vor allem vom Turnerbund Sokol (Falke) genutzt. Der diente nicht nur der Körperertüchtigung, sondern war in den Zeiten des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert eine durchaus politische Organisation, die sich dem Ziel der Selbstbestimmung Böhmen und der Tschechen verschrieben hatte. Dazu organisierte der Sokol immer wieder Turnfeste mit Massenbeteiligung und synchroner Gymnastik, was als demokratische Demonstration der Stärke gedacht war.

In der Republik waren diese Turnerfeste, die immer gigantischere AUsmaße annahmen, ein Teil der Staatsfolklore. Präsident Masaryk besuchte die Feste regelmäßig. Eine zeitlang wurde das Stadion sogar bisweilen Masaryk Stadion (Masarykův stadion) genannt. Auch hier blieben die Spiele im republikanischen Sinne politisch. 1938 standen sie unter dem Motto, dass man sich dem drohenden Krieg und den Nazis entgegenstellen wollte; die Spiele 1948 waren ein letztes Aufbäumen gegen die Diktatur der Kommunisten, die gerade die Macht ergriffen hatten.

Die Kommunisten nahmen an dem republikanischen und bürgerlichen Geist der Sokolnationalfeste natürlich Anstoß und verboten sie einfach, nachdem sie in den ersten Jahren noch versucht hatten, sie zu „übernehmen“. Allerdings passte das Massenturnen und die Synchronisation von Menschen im gleichen Rhythmus doch irgendwie in die ästhetische Werbemasche der neuen roten Herren. Also führten sie stattdessen eine ideologisch kompatible Variante der Feste ein, die Spartakiaden. Die nochmalige Vergrößerung des Stadions im brutalistischen Stil passte hier klar ins Konzept. Die Feste fanden alle vier Jahre Fest und beim Fest von 1985 kündigte man bereits frohgemut die Spiele von 1989 an. Aber da kam schon das Ende des Kommunismus durch die Samtene Revolution. Da war es wieder vorbei mit den Spartakiaden.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, Václav Havel, ließ es sich 1994 nicht nehmen, das erste große Sokolfest zu eröffnen. Und nach dem Kommunismus gab es ja auch Grund zum großen Feiern. 1990 spielten hier die Rolling Stones vor 100.000 Menschen, darunter Václav Havel daselbst. Das Stadion war der Ort, wo man Spaß hatte.

Aber, schon damals bemerkte man das Abbröckeln des Betons. Es wurde immer riskanter, riesige Menschenmassen auf die Tribünen zu lassen. Die zugelassenen Sportevents (etwa Polo) wurden immer kleiner und es gab eine Diskussion, ob man das Stadion nicht abreißen sollte. Teile wurden immerhin 2003 mit Geldern der Stadt Prag für den Fußballverein AC Sparta Praha (Athletic Club Sparta Praha fotbal a.s.) renoviert, aber eben nur Teile. Es diente nun als Trainungszentrum. Seit 2014 gehört das Stadion der Stadt. Neben den Trainings gibt es dort nun einige Läden. Nur noch kleine Jugendsportveranstaltungen finden hier statt, meist mit nur wenigen hundert Zuschauern.

Vor dem Stadion steht ein Turm, den (wohl nicht nur) ich zunächst für einen organischen Teil des Ganzen hielt, weil er eine ebensolche Beton- und Stahl-Ausstrahlung hat wie das Stadion. Er hat aber nichts damit zu tun. Unter dem Stadion verläuft nämlich seit 1997 der Strahov Tunnel (Strahovský tunel), der eine schnelle Umfahrungsmöglichkeit für Autofahrer bietet, die sich nicht durch die enge Innenstadt quälen möchten. Der riesig dimensionierte Turm ist in Wirklichkeit nur ein Belüftungsschacht für den Tunnel – allerdings einer, der zu der Gigantomanie des Stadions passt. (DD)

Funktionalismus für Eigengebrauch

Mit wundervoller Aussicht über dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5) thronend, mit Blick auf die Altstadt, liegt ein Juwel des frühen Funktionalismus: Die Říha Villa (Říhova vila).

Zur Zeit scheint sich das Gebäude in der Na Pavím vrchu 1911/1 leer und im Zustand der Renovierung befinden. Selbst mit dem etwas bröckelnden Putz auf der Fassade sieht es immer noch recht beeindruckend aus. Jedenfalls erfreut die Aussicht, dass sich das Gebäude schon bald wieder in properem Zustand befinden wird. Es wirkt – was bei modernem Funktionalismus nicht selbstverständlich ist – ausgesprochen wohnlich.

Eine Erklärung dafür ist, dass der Architekt selbst darin wohnen wollte. Es wurde nämlich in den Jahren 1929/1930 von dem Architekten Josef Karel Říha für seinen eigenen Gebrauch erbaut. Říha war einer der tschechischen Pioniere des Funktionalismus im Geiste des großen Le Corbusier – vergleichbar nur mit dessen Schüler Karel Stráník, über den wir hier berichteten. Říha selbst wiederum war Schüler von Jan Kotěra (auch hier), der zu den Pionieren der Moderne im Lande gehörte.

Das Haus erfüllt die meisten der Kriterien der Architektur von Le Corbusier. Dazu gehören Fenster, die die Breite des Gebäudes und auch Rundungen der Fassade bedecken, was erst durch die Entwicklung der Skelettbauweise möglich wurde. Auch die viertelrunde Terrasse ist typisch. Sie und die Flachdachbauweise ermöglichte eine großzügigere Begrünung. Das lag dem an Fragen der Landschaftsplanung interessierten Říha besonders am Herzen. Architektur, Gartenbau und Natur sollten für ihn immer eine Einheit sein – ein Anspruch, dem er mit seinem Haus gerecht werden wollte. (DD)

Jakobsleiter in Kobylisy

Roher Beton und Stahl. Brutalistisch ragt der Turm 26 Meter in die Höhe. Nähert man sich von der Ferne, weiß man nicht, ob es sich bei ihm und dem dazugehörigen Gebäude nicht doch um eine Sendestation oder ähnliches handelt. Tatsächlich haben wir es aber mit einem besonders interessanten modernen Kirchenbau zu tun.

Es handelt sich um die Kostel U Jákobova žebříku (Kirche zur Jakobsleiter) in der U Školské zahrady 1 im Stadtteil Kobylisy (Prag 8), die Gemeindekirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) in diesem Stadtteil. Ihr auf den ersten Blick merkwürdiges oder zumindest unkonventionelles Aussehen (das durch die architektonische Öde drumherum noch einmal herausgehoben wird) verdankt sie den zwei Bauphasen, die sie in ihrer spannenden Geschichte durchlief.

Als eigenständige Kirchengemeinde gibt es die in Kobylisy erst seit 1939. Das ehemalige Dorf war nach seiner Eingemeindung im Jahre 1922 stark gewachsen. In den 60er und 70er Jahren wurden zusätzlich große Plattensiedlungen erbaut, Nun wurde auch die seit den 50er Jahren als Gotteshaus genutzte ehemalige Schreinerei zu klein. Ein Ausbau wurde vom kommunistsichen Staat nicht genehmigt. Im Gegenteil: Das Areal sollte ebenfalls mit Plattenbauten überzogen werden. Es gelang der Gemeinde, die Behörden, die in dieser Zeit eine gewisse Entspannung des Verhältnisses zu den Kirchen suchten, zu überzeugen, dass ein neues Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Dank einer Teilfinanzierung aus dem Ausland seitens des Hieronymus-Vereins war der Bau 1968 gesichert.

So wurde die Kirche nun in den Jahren 1968 bis 1971 von dem renommierten Schweizer Architekten Ernst Gisel erbaut. Es handelte sich um ein modernes rechteckiges Gebäude, dessen funktionalistischer Stil durch die Holzarchitektur über dem ersten Stock unkonventionell aufgelockert wurde. Wie bei modernen evangelischen Kirchen üblich, fungierte der Bau nicht nur als bloßes Gotteshaus, sondern auch als soziales Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher. Ursprünglich hieß das Gebäude Heiliggeistkirche, der aber 1997 in Kirche zur Jakobsleiter geändert wurde. Der nunmehr gewählte Name der Kirche bezieht sich auf die im Alten Testament überlieferte Traumvision Jakobs in Genesis 28, 11-19, in der eine in den Himmel führende Leiter erscheint, auf der Engel auf- und absteigen.

Die schlechte Bauqualität (bedingt durch sozialistische Mangelwirtschaft) ließ die Kirche schon in den 80er Jahren leicht baufällig werden. Zudem stießen sich viele Gemeindemitglieder daran, dass die Kirche optisch durch nichts an eine Kirche erinnerte. Im Jahr 2000 ließ man die beiden tschechischen Architekten Radovan Schaufler und Jakub Roskovec die Kirche umfassend renovieren und umbauen. Ihre große Neuerung war der Turm mit zwei Glocken, der ein wenig durch seinen Stahlaufbau an das Motiv einer Leiter erinnerte. Architektonisch war dies eher ein Rückgriff auf den sozialistischen Brutalismus als der Ursprungsbau. Aber er passte und ließ die Kirche etwas kirchlicher aussehen, die nunmehr von vielen Architekturkritikern als ein besonderes Meisterwerk der Moderne in Prag hervorgehoben wird. (DD)

Modernes Verlagshaus

Über dem Globus schwebt ein offenes Buch, gehalten von zwei Adlern. Eigentlich sagt diese Skulptur, von der es über dem Eingang zwei identische gibt, alles über den Zweck des Gebäudes aus.

Das Haus des Orbis Verlags (nakladatelství Orbis) in der Vinohradská 1896/46 (Prag 2) wurde nämlich 1925 von dem Architekten und Universitätsprofessor Alois Dryák für den vom Außenministerium der Tschechoslwakischen Republik gegründeten Buch- und Presseverlag Orbis und dessen Druckerei gebaut. Den Verlag gibt es nicht mehr und heute residiert hier CzechTourism, der Verband öffentlicher Tourismusagenturen. Aber die Attribute des ursprünglichen Zecks sind erhalten geblieben, nicht nur die Adler, sondern auch der große Schriftzug O.R.B.I.S. über dem dritten Stock.

Dass möglichst viel vom ursprünglichen Zustand des sechsgeschossigen Bauwerks erhalten geblieben ist, dafür sorgt schon der seit 1964 bestehende Denkmalschutz. Unter dem steht es natürlich zu Recht. Denn es gehört zu dem Trio bedeutender Gebäude, die Dryák dicht beieinander hier in Vinohrady hinterlassen hat. Dazu gehört der unmittelbar benachbarte Radiopalast (früherer Beitrag hier) und den nahen Hauptsitz der nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (Beitrag hier). Von einem Dryákschen „Triptychon“ spricht man manchmal.

Dryák war ein mit einer großen Freude am Experiment begabter Architekt, der eine Vorliebe für ausgesprochen originelle Fassadengestaltung hatte. In seiner Frühphase dem Jugendstil verpflichtet (früheres Beispiel hier), versuchte er sich bald in frühfunktionalistischen oder kubistischen Entwürfen (Beispiel hier). Den Einfluss des Kubismus erkennt man besonders schön an dem aus Dreiecksformen gebildeten Dachgiebel.

Das fünfstöckige Gebäude schuf Platz für viele Büros (nicht nur des Verlages), ein Papierlager, Druckereien und Redaktionsräume. In modernster Skelettbauweise konstruiert, beinhaltet das Gebäude auch viele funktionalistische Elemente, was vor allem auch für den Erweiterungsbau, den Dryák 1927/28 innen im Hof errichtete. Das Orbis-Gebäude hat jedenfalls viel dazu beigetragen, dass Dryák unter Kennern als eine der großen modernen Architektengestalten Prags gilt.(DD)