Symbolismus für das Gaswerk

Industrialisierung, Wohlstand und Technik. Darauf war man vor Zeiten noch stolz. Jedenfalls kann man sich in unseren heutigen, von Fortschrittspessimismus geprägten Zeiten kaum mehr vorstellen, dass man eine profane Industrieanlage so voller Pathos künstlerisch zelebriert wie damals das neue Gaswerk von Michle (Michelska plynarna).

Die Skulptur, die eine modern-funktionalistische Ummauerung abschließt, stammt von keinem Geringeren als dem Bildhauer Ladislav Šaloun. Der gehörte zu den Großen seines Fachs im Lande und hatte 1915 sein gigantisches Denkmal für Jan Hus auf dem Altstädter Ring aufgestellt, das so etwas wie einen Status als Nationalmonument in Tschechien innehat. Nur dieses Mal ehrte der Künstler keinen Religionsreformator und Nationalhelden, sondern eben ein Gaswerk. aber auf das war man eben damals auch stolz!

In Teilen von Prag wurde bereits in den 1840er Jahren Straßenbeleuchtung mit Gaslicht eingeführt (wir berichteten hier). Ab den 1860er Jahren begann man in Städten Žižkov, Holešovice und Smíchov, die damals noch nicht zu Prag gehörten, mit dem Bau von eigenen Gaswerken. In den 1920er Jahren waren diese – und andere! – Städte in die sich rapide vergrößernde Stadt Prag integriert, die ein enormes Bevölkerungswachstum erfuhr. Die bestehenden drei kleinen „Stadtteil-Gaswerke“ reichten nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken, zumal die Ansprüche an den Gaskonsum gewachsen waren. Es ging nicht mehr nur um Straßenbeleuchtung. Heizungen und Herde in den Wohnungen wurde zunehmend mit Gas betrieben und nicht mehr mit der luftverschmutzenden Kohle, die zu einem veritablem Problem für die Lebensqualität geworden war. Schon 1911 kaufte die Stadt Prag in Michle ein rund 190.000 m2 großes Areal zum Bau eines zentralen Gaswerks.

Der Erste Weltkrieg verhinderte erst einmal die Realisierung aller Pläne. Das alte Habsburgerreich ging, die Erste Republik kam. 1921 bis 1923 lief unter neuen Bedingen eine Ausschreibung, wer denn die Anlage auf dem Grundstück aufbauen und betreiben dürfe. Den Zuschlag bekamen am Ende das französische Unternehmen Compagnie des Compteurs und das englische Unternehmen West’s Gas Improvement Ltd, die beide für das recht aufwendige Projekt fusionierten. Die moderne Anlage wurde von dem Architekten Josef Kalous, der in den 1920er Jahren u.a. durch die hoch-avantgardistische Messehalle in Brno (Brünn) berühnt wurde – einem Meisterwerk des Funktionalismus. Die feierliche Eröffnung (zugegebenermaßen nur eines Teilstücks) erfolgte im März 1925. Die weiteren Bauabschnitte wurden 1927 bis1930 (was die Produktion auf 40 Millionen Kubikmeter pro Jahr steigerte) und 1941 bis 1944 eröffnet.

Die Eigentümer wechselten fortan öfters. Die französischen und britischen Investoren waren unter den Nazis nicht geduldet. Und unter den Kommunisten war alles Staatseigentum. Große kommunale Gaswerke wurden ab den 1960er Jahren überall – in Ost und West – immer mehr durch Verbundsysteme ersetzt. Diese Entwicklung ging auch an der Anlage in Prag nicht vorbei. Das Bewusstsein für die Problematik wurde unfreiwillig im Januar 1961 verstärkt, als ein 84 Meter hoher Gastank mit 147.000 Kubikmetern Gas Feuer fing und explodierte. Der Stadtteil musste wegen des ausbrechenden Feuers evakuiert werden. Nur dem Glück verdankte man, dass niemand ums Leben kam. Große Gastanks inmitten einer Stadt – nun ja… Auf jeden Fall: 1975 wurde hier in Michle die Gasproduktion eingestellt.

Die Tanks und Teile des Werks wurden nach und nach abgerissen. Verwaltungsgebäude blieben. Ein Teil des Gases für Prag kam nun aus einem Verbund. Ein kleineres Gaswerk wurde im etwas außerhalb gelegenen Horní Měcholupy erbaut. Das Areal gehört den seit Ende des Kommunismus wieder einem privaten Gasversorger, der Pražská plynárenská, die hier ihre Verwaltung für das Verbundnetz eingerichtet hat. Einige Bürogebäude sind auch an andere Firmen vermietet. Pražská plynárenská hat große Teile der Gebäude renoviert oder grundlegend umgebaut sowie neue Gebäude hinzugefügt. Behutsam hat man die neue Architektur an die funktionalistische Architektur der Ursprungszeit angepasst.

Und die wird immer noch durch die bronzene Skulptur am Eingang repräsentiert, die den sich über die Hauptstraße nähernden Besucher schon von weitem begrüßt. Das sehr pompös und ein wenig traditionalistisch daherkommende Kunstwerk wurde 1937 aufgestellt. Ladislav Šaloun war der wohl wichtigste Vertreter des Symbolismus und in der Tat handelt es sich hier um eines der Spätwerke dieses Kunststils. Wissenschaft und Arbeit (Věda a Práce), wie der Künstler das Werk betitelte, ist eine Allegorie, die eine Männergestalt mit nacktem Oberkörper (Arbeit) und eine Frauengestalt im Gewand (Wissenschaft) zeigt, die eine Fackel in der Hand hält. Letztere hielt nachts, wenn es dunkel war, einen besonderen optischen Effekt bereit. Aus der Fackel strömte nämlich eine helle Gasflamme, die die Umgebung erleuchtete. Das wird anscheinend nur noch selten vorgeführt.

Wie dieser Beitrag bereits andeutet, ist das Kapitel Gasversorgung durchaus eines der interessanteren in der Stadtgeschichte Prags. Es gibt seit 1999 ein kleines Museum, das über die Gasproduktion im allgemeinen und die Gasversorgung in Prag im speziellen aufklärt und unter anderem ein Modell der gesamten Anlage bereithält, wie sie im Jahre 1937 aussah, als Šalouns große Skulptur das erste Mal seine Gasflamme erleuchten ließ. Über das Museum werden wir vielleicht später berichten. Aber auch ohne das Museum ist das, was von der Anlage übrig blieb – zuvörderst die Allegorie! – schon eine veritable Erinnerung daran, wie sehr die Geschichte der Gasversorgung auch die Geschichte Prag geprägt hat, und dass die Prager einen gewissen Stolz für dieses Kapitel menschlichen Fortschritts in ihrer Stadt empfinden. Und so hat es sich Ladislav Šaloun auch nicht nehmen lassen, am Fuß der Säule mit der Skulptur das Stadtwappen Prags in Bronze zu verewigen. (DD)

Das Schmuckstück unter den Feuerwehrgebäuden

Die einzelnen Stadtteile Prag, die bis ins 20. Jahrhundert hinein meist noch selbständige Gemeinden waren, verfügen oft über eine eigene gewachsene Infrastruktur, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht. Dazu gehören natürlich auch die öffentlichen Feuerwehrgebäude. Unter ihnen ist der sogenannte Gemeindehof der Neustadt (Novoměstský obecní dvůr) in der Sokolská 1595/62 schon alleine wegen seiner Dimensionen herausragend.

Eine professionalisierte öffentliche Feuerwehr gibt es noch nicht so lange. Noch in der frühen Neuzeit hatten sich die Bürger bei Bränden mit Eimerketten mehr oder weniger selbst ums Löschen zu kümmern (wir berichteten hier). Wie zum Beispiel das  Feuer von 1541 auf der Kleinseite zeigte, konnte ein einzelner Hausbrand oft dazu führen, dass ganze Stadtviertel mit abgefackelt wurden. Die Gegenwehr bestand darin, dass man irgendwann die im Mittelalter üblichen Häuser in Holz- oder Fachwerkbauweise durch solide Steinbauten ersetzte. Aber je bevölkerungsreicher die Stadt wurde, desto weniger reichte auch das aus.

1821 hatte man immerhin öffentliche Feuerpatrouillien eingerichtet, damit es immerhin eine Früherkennung von Gefahren gab. Aber man brauchte mehr. 1853 kamen die Ratsherren der Neustadt zu dem Schluss, dass die Stadt nun ein wenig mehr öffentliche Infrastruktur benötigte. Man erkannte, dass echte Feuerbekämpfung immer wichtiger wurde, aber dass das Problem der Verdreckung der Straßen (den Pferdekutschen geschuldet) noch dringlicher war. Man kam zu einem Kompromiss. Es wurden 30 Straßenkehrer eingestellt, die aber beim Reinigen gleichzeitig nicht nur aufmerksam die Brandlage observieren sollten, sondern auch in der Bekämpfung kleinerer Brände geschult wurden. Acht von ihnen bekamen sogar kleine Feuerspritzen. Gottlob kam es in dieser Zeit in der Neustadt zu keinem Großbrand, um die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu testen. Aber vielleicht verhinderte die Löschung von Kleinbränden oft das Schlimmste. Und die Anzahl der Straßenkehrfeuerwehrleute wurde auch ständig vergrößert und immer mehr von ihnen beschäftigten sich nur noch mit der Brandbekämpfung. Trotzdem begann man 1857 mit Plänen, eine organisatorisch eigenständige Feuerwehr zu gründen, die sich ausschließlich mit der Brandbekämpfung befassen sollte. Aber es dauerte bis 1866 bis der letzte Feuerwehrmann nicht mehr Straßen fegen bzw. der letzte Straßenfeger nicht Feuer löschen musste.

Unterbezahlt und schlecht ausgerüstet stellten sich nun die tapferen Feuerleute wacker den lodernden Flammen entgegen – zum Wohle des bedrohten Bürgers. Im Dezember 1872 mussten sie das erste Opfer beklagen, als der brave Feuerwehrmann Václav Budějický beim Löschen eines Brandes im Gebäude der örtlichen Filiale Slavia Bank von einstürzenden Trümmern begraben wurde. Kurz: Die Feuerwehr musste weiter professionalisiert und erheblich besser ausgerüstet werden. Also schritt der Rat zur Tat. Klotzen, hieß die Devise. In den Jahren 1879/80 ließ das Bauamt in der heutigen Sokolská ein riesiges Gebäude mit Büros, Unterkünften und viel, viel Platz für moderne, pferdegetriebene Feuerwehrwagen nebst Ausrüstung (Pumpen etc.) bauen. Und das Prager Stadtwappen in Stuck und von allegorischen Statuen gerahmt schmückte das Ganze.

Es handelt sich um ein Gebäude im Neo-Renaissancestil. Die Gebäudestruktur (mit alten Läden, Werkstätten und Ställen) ist u-förmig und in der Mitte der Struktur steht ein separates zweistöckiges Haus, das den Hof in zwei Teile aufteilt, die durch Tore zu betreten sind. Genauso baute man übrigens 1883 auch den Gemeindehof im benachbarten und damals noch selbständigen Vinohrady, worüber wir hier berichteten. Nur eben viel größer! Schon 1881-83 setzte man noch eins drauf. Auf der Rückseite des Hofs und mit Front zur Straße Legerová wurde ein ebenfalls im Stil der Neorenaissance gehaltenes dreistöckiges Gebäude (Bild rechts) mit Mittelrisalit und zwei Ecktürmen (und ohne große Toreinfahrten) gebaut, das sich sich noch opulenter ausnahm und zusätzliche Raum- und Stallkapazität schuf.

So blieb es natürlich nicht, denn in den 1920er Jahren wurden die Pferde immer mehr durch Pferdestärken ersetzt. Im Jahre 1926 ging das letzte Feuerwehrpferd in Rente. Die Kutschen wurden durch moderne Automobile mit Pumpen und Wassertanks ersetzt. 1925/26 wurden darob innen imm Gebäude Umbauten vorgenommen, die im wesentlichen Ställe in Garagen umwandelten. Und die Wägen wurden immer größer und besser ausgestattet, sodass man irgendwann wieder Modernisierungsbedarf hatte. Wer heute von Sokolská durch eines der Tore in den Innenhof schaut, wird nicht mehr allzuviel Neorenaissance Architektur entdecken. Denn im Innenhof wurden zusätzlich in den Jahren 1940 bis 1942 durch den Architekten Václav Kolátor moderne Lager und Garagen im modernen funktionalistischen Stil eingebaut. Sie wurden vor das höhere Gebäude von 1881-83 gesetzt (und sogar einigermaßengut stilistisch angepasst), was den Hof etwas verkleinerte.

Das Feuerwehrgebäude hatte dadurch eine ungeheuere Kapazität bekommen und war zu diesem Zeitpunkt schon das eigentliche Zentralgebäude der Feuerwehr für ganz Prag (und nicht nur der Neustadt). In den anderen Stadtbezirken gibt es aber unterstellte Filialen, die eine ortsnahe Brandbekämpfung garantieren. aber der Neustädter Gemeindehof ist immer noch das Schmuckstück unter den Feuerwehrgebäuden.

Ach ja, der Beruf des Feuerwehrmannes (inzwischen auch der Feuerwehrfrau) erfordert schon eine Menge Mut. Kein Wunder, dass sich auch viele von ihnen im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch u.a. hier und hier) gegen die Nazis beteiligten. Eine Gedenkplatte aus Bronze neben einem der Tore erinnert an fünf Feuerwehrmänner, die hier im Gemeindehof ihren Dienst taten, und bei den Kämpfen als Widerstandskämpfer ihr Leben verloren. (DD)

Synomym für Luxus

Als es 1956 eröffnet wurde, galt es als das „Synomym für Luxus“ – was per se eine Seltenheit in den Zeiten des Kommunismus war. Und das Dům Módy (Haus der Mode) an der östlichen Hälfte des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí 804/58) ist seither geblieben, was es war: Der Ort, wo man wertvolles Textil einkaufen kann.

Der Architekt Josef Hrubý hatte Glück gehabt. Ein Jahr vor dem Beginn der Planungen war Stalin gestorben. Das politische Tauwetter setzte allmählich ein. Kleine Freiräume im Bereich des Künstlerischen taten sich auf und niemand wurde mehr gezwungen, im realsozialistischen Zuckerbäckerstil (ein Beispiel dafür findet sich in Prag hier) zu bauen. Und so konnte Hrubý bei seinen Plänen wieder an der avantgardistischen Funktionalismus der Ersten Republik anknüpfen. So steht nun neben dem Pomp des alten Wenzelsdenkmals ein modernes Gebäude, dessen Fassade mit Panelen aus heimischem gelbem Granit und graubraunem Travertin klar strukturiert wird.

Drinnen gab es Technik vom Feinsten. Ein zentrales Ventilationssystem sorgte für gute Belüftung, eine automatische Feueralarmanlage und drei Hochgeschwindigkeits-Aufzüge für den Transport der Kunden zu den einzelnen Etagen. Dazu gab es noch ein Café. Ganz oben auf dem Dach wurde eine Dachterrasse eingerichtet, auf der bis heute Modeschauen veranstaltet werden. Vor allem, wenn man daran denkt, dass das Modehaus in kommunistsichen Zeiten entstanden ist, wirkt es auch heute noch ausgesprochen mondän.

Nun ja, ein wenig Realsozialismus musste man 1956 natürlich schon vorgeben. Dazu brachte man über dem Eckeingang ein Relief des Bildhauers Vladimír Janoušek an. Der dürfte möglicherweise darunter geltten haben, dass er das so machen musste. Janoušek war nämlich ein moderner Avantgardist und beeinflusst von Henry Moore. Er liebte die abstrakte Kunst definitiv mehr als den Brutalklassizismus des Stalinismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 galt er sogar als verfemter Künstler, der nicht mehr öffentlich ausstellen durfte.

Aber bei diesem Relief wird das glückliche Leben der (Textil-) Arbeiterklasse in naturalistischer Weise idealisiert, wie das damals halt so üblich sein musste. Trotzdem ist das Ganze irgendwie putziger (vielleicht sogar ironischer) als das sonst bei diesem Genre der Fall ist. Der Schäfer, der das blökende Schaf in den Armen trägt, konstrastiert in seiner Pastoralität mit einer modernen Textilverarbeitungsmaschine. Die wird wiederum von einer Frau mit Schutzbrille bedient. Die für „Realsoz“ so typische Verbindung von ideologischem Modernismus und reaktionärer Ästhetik wirkt hier so seltsam wie sie ja eigentlich auch grundsätzlich ist.

2019 wurde das Gebäude innen modernisiert. Wie es sich für ein Modehaus gehört, bleibt man modern. Der Kommunismus, unter dem es entstanden war, ist inzwischen passé. Und zur neuen, kapitalistischen Welt passt das Modehaus heute auch wesentlich besser. (DD)

Und der Architekt zog gleich selbst ein…

Prag – nicht nur Altstadtromantik. Man ist immer wieder überrascht, welche Schätze des zwischenkriegszeitlichen Funktionalismus Prag für den Besucher bereithält. Bei einem Hundespaziergang in der engen kleinen Straße Apolinářská, die steil von der Neustadt hoch nach Vinohrady führt, stießen wir unerwartet auf diese Villa mit der Hausnummer 436/3.

Eine kühne und sehr expressionistisch gestaltete Konstruktion, fürwahr! Hinzu kommt die Lage. Wer hier wohnt, hat auf der einen Seite einen wundervollen Ausblick auf den Alten Botanischen Garten (wir berichteten hier) und auf der anderen Seite zum Areal der barocken Klosterkirche der Schmerzensreichen Mutter Gottes (klášterní kostel Panny Marie Bolestné), über die wir hier berichteten. Man kann schlechter wohnen…

Und das ließ sich darüber herausfinden: Das Wohn- und Mietshaus wurde im Jahr 1932 erbaut, und zwar direkt verbunden mit dem unmittelbar benachbarten Städtischen Heil-Bad des Ortsteils. Der Grund war nachvollziehbar, denn das Haus wurde für Dr. Josef Malík gebaut, der der Chefarzt des Heilbades war. Als Architekten für seine neue Villa heuerte Malík Jan Jarolím an. Der wiederum war Schüler und Mitarbeiter des ungleich berühmteren funktionalistischen Stararchitekten Ludvík Kysela, mit dem er zum Beispiel bereits 1929 den Palác U Stýblů am Wenzelsplatz entworfen hatte.

Das Ganze kann sich sehen lassen. Die expressionistische Architektur im Eingangsbereich, die man oben im großen Bild sieht, wird durch stilistisch passende Metallgitter ergänzt (da es ein Privathaus ist, kann man leider nicht das wohl überwältigende Art-Déco-Interieur bewundern). Durchaus konservativer wirken Obergeschoss und Spitzdach mit ihrer Ziegelgestaltung (das übrigens nach dem Fall des Kommunismus rekonstruiert werden musste, da es unter dem Regime 1970 abgerissen wurde). Auf diese Weise passt sich der damals hoch avangardistisch-moderne Stil des Hauses in die Ästhetik der Umgebung ein, ohne dass das allerdings wie ein Stilbruch wirkt.

Dem Architekten gefiel das von ihm entworfene Haus wohl sehr. Da der gute Doktor Malík sich hier ein sehr großes Haus mit Mietmöglichkeiten hatte bauen lassen, konnte Architekt Jarolím kurzerhand in die oberen Stockwerke ziehen, um dort zu wohnen und ein Architektenstudio einzurichten. In den Zeiten des Kommunismus wurden Villa und benachbartes Bad arg vernachlässigt. Nach dem Ende des Spuks 1989 fand sich wohl lange Zeit kein zahlungswilliger oder -fähiger Besitzer, weshalb es mit der Bausubstanz steil bergab ging. 2009 übernahmen Hausbesetzer baufällige und einsturzgefährdete Bad und das Haus, wurden aber von der Polizei wieder vertrieben. Das Bad sieht heute immer noch ein wenig verfallen aus. Aber die Villa hat einen Besitzer gefunden, der das Gebäude tipp-topp in Stand setzte. Es hätte auch erstaunt, wenn ein solch schönes Haus in solch einer Lage keinen Liebhaber gefunden hätte, der es wieder auf Vordermann bringen wollte. (DD)

Barocker Pfau davor, Funktionalismus dahinter

Man braucht kein Hellseher zu sein, um den Namen dieses Hauses in der Celetná 557/10 in der Altstadt zu erraten: Haus zum Weißen Pfauen (dům U Bílého páva). Das schöne, in eine Stuck-Kartusche gefasste Hausschild mit einem weißen Pfau lässt dies allzu offenkundig erscheinen.

Aber sonst ist das Haus definitiv nicht mehr, was es äußerlich zu sein vorgibt. Bis auf Stücke der schönen Fassade mit dem Pfauen stammt es nämlich aus dem Jahr 1949. Aussehen tut es aber wie ein Barockhaus.Denn als der Architekt Pavel Moravec mit seinen Planungen für den Bau des Hauses anfing, befand sich hier im wesentlichen nur noch ein Trümmerhaufen. Gerade in diesem Teil der Altstadt tobten Anfang Mai 1945 besonders heftige Kämpfe zwischen Nazitruppen und den am Ende siegreichen tschechoslowakischen Aufständischen während des Prager Aufstands (wir berichteten u.a. hier und hier).

Das alte Haus, das hier stand wurde fast völlig zerstört und musste wieder fast vollständig aufgebaut werden. Da ein Teil der Fassade erhalten geblieben war und der Rest sich rekonstruieren ließ, kann man das von der Straßenseite aus nicht erkennen. Der Denkmalschutz hätte an dieser Stelle – dort, wo die Altstadt geradezu am altstädtischsten ist – auch nichts anderes zugelassen.

Geht man durch die kleine Passade, die zu einer Stichstraße von der Celetná zur Kamzíková führt, bemerkt man, dass der Architekt Moravec eigentlich kein Spezialist für historistische Gebäude war, sondern einer der bekannten Vertreter des mordernen Funktionalismus im Prag der Vorkriegszeit (ein Beispiel dafür zeigten wir hier). Von hinten handelt es sich nämlich um ein eher unauffälliges, einfach geometrisch und schmucklos gestaltetes modernes Wohnhaus. Man kann gar nicht glauben, dass man sich wirklich noch in der Altstadt befindet. Auf in den Innenräumen findet man nur moderne Sachlichkeit.

Der heutigen Nutzung mag dies zu Gute kommen. Im Erdgeschoss und dem flachen funktionalistsichen Hinterbau befindet sich ein modernes Schokoladenmuseum mit einem dazugehörigen Schokoladenladen (der belgische Schokolade verkauft) und sich an eine touristisches Publikum wendet. Alles ist hier sehr zweckmäßig eingerichtet. In den Etagen darüber befinden sich kleinere Firmenbüros und Wohnungen.

Aber: Die überlebende Fassade weist schon zurecht darauf hin, dass sich hinter dem Haus mehr Geschichte verbirgt. In den Kellergewölben befinden sich noch Fragmente von drei Häusern, die an dieser Stelle im Mittelalter standen. Sie sind auch im Archiv der Stadt dokumentiert. Das eine Haus wird 1354 erstmals erwähnt, die beiden anderen 1363.Für eines der Letztgenanntzen wurde 1514 zum ersten Mal der Name U Bílého páva erwähnt, den später das Gesamtensemble der Häuser bekam. In der Renaissance gab es Umbauten. Zu dieser Zeit dürften die Häuser schon zu einem zusammengelegt gewesen sein. Man weiß auch, dass das Haus ab 1713 einem Maler namens Jan Ungers gehörte, und dass es zu dieser Zeit eine Bierschenke hier gab, bei der die Altstädter einkehren konnten. Dann, um 1750 wurde das Haus schließlich in jenem hochbarocken Stil umgebaut, den man heute auf der Fassade bewundern kann. Der äußere Schein ist jedenfalls wieder gewahrt. Die hübschen Stuckrocaillen und natürlich der Pfau repräsentieren ein richtiges Stück Altstadt – auch wenn sich dahinter moderne Architektur verbirgt. (DD)

Freude mit Kacheln

Es ist vermutlich nicht jedermanns Lieblingsgebäude in Prag. Meins auch nicht, ehrlich gesagt. Der erste Eindruck ist der einer freudlosen Scheußlichkeit aus der Zeit des Kommunismus. Und dann heißt das Ding auch noch Dům Radost – Haus „Freude“.

So steht es in mageren Neon-Lettern auch auf dem Dach. Doch dann lernt man schnell, dass sich manche Dinge oft schon recht früh ankündigen. Denn dieses Gebäude stand bereits, als man an eine Machtübernahme durch die Kommunisten noch gar nicht ernsthaft nachdachte. Es hat deren architektonisches und städteplanerisches Wirken (Stichwort: Plattenbauten) irgendwie bereits vorweggenommen.

Nach dem berühmten Haus der Feuerwehr (Dům U hasičů) im nahem Vinohrady, das 1929 eingeweiht wurde, ist das Dům Radost, am heutigen Winston-Churchill-Platz (nám. Winstona Churchilla 1800/2) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), eines der ältesten Hochhäuser Prags überhaupt. In den Jahren 1932 bis 1934 wurde es von den Architekten Karel Honzík und Josef Havlíček als Büro- und Wohnhaus (mit einigen Geschäften drinnen) erbaut. Und zwar im damals blitzmodernen funktionalistischen Stil. Das Gelände, auf dem man es aus viel Stahl, Beton und Glas erbaute, beherbergte vorher ein städtisches Gaswerk aus dem Jahr 1867, das nun abgerissen wurde. Die Architekten ließen bei Bau des Dům Radost einer vielfältig rechtwinklig angeordneten Kombination von Quadern als ästhetisches Prinzip freien Lauf. Großzügig verglaste Treppenhäuser lockern das Ganze ab und an auf. Das Gebäude beinhaltet rund 700 Büroräume – ein Gigant!

Der Clou war aber die gleichförmige Überziehung der gesamten Fassade mit kleinen, 20x40cm großen hellbeigen Keramikkacheln der heute noch in Betrieb befindlichen Fliesenfabrik RAKO. Die kleinteilige Bekachelung war in den 1930er Jahren im modernen Prag geradezu dernier cri und sie hilft dem Betrachter bisweilen dabei, ein funktionalistisches Gebäude zeitlich einzuordnen (Merksatz: Mit den kleinen Kacheln sind sie eigentlich nie kommunistischen Ursprungs). Aber in so großem Stil war die Kachelei selbst damals ungewöhnlich. Schon bald nannten die Prager Bürger das satte 52 Meter hohe Gebäude etwas respektlos „kachlíkárna“ – Kachelbude.

Im Jahre 1951 schlug hier die von den Kommunisten 1947 gegründete Revolutionäre Gewerkschaftsbewegung (Revoluční odborové hnutí) ihre Zentrale auf und man nannte das Gebäude nunmehr auch Haus der Gewerkschaften (Dům odborových svazů). Als kurz darauf der Gewerkschaft die Institution der staatlichen Rentenversicherung übertragen und in das Gebäude verlegt wurde, nannte man es bisweilen auch hochtrabend Palast des Allgemeinen Renteninstituts (palác Všeobecného penzijního ústavu). Inzwischen hat es aber wieder seinen ursprünglichen Namen – Haus „Freude“ – zurück bekommen. Die Büros innen blieben nach dem Ende des Kommunismus 1989 in Besitz des (allerdings demokratisch gezähmten) Rechtsnachfolgers der Revolutionären Gewerkschaftsbewegung, dem 1990 gegründeten Böhmisch-Mährischen Gewerkschaftsbund (Českomoravská konfederace odborových svazů).

In den Zeiten, in denen noch die Kommunisten bestimmten, wurde auch der Vorplatz nach ihrem Willen gestaltet. Der wurde 1955 zwei Jahre nach dessen Tod nach dem kommunistischen Industrieminister Gustav Kliment benannt. 1977 stellte man eine Statue von Antonín Zápotocký auf, der hier als (ein ausgesprochen stalinistischer) Gewerkschaftsführer wirkte, bevor er 1953 (ein ausgesprochen stalinistischer) Präsident des Landes wurde.

Das Denkmal des Unbeliebten verschwand mit dem Ende des Kommunismus 1989 schnell und wurde 1999 durch ein Denkmal für Winston Churchill (wir berichteten hier) ersetzt. Der hierzulande beliebte bullige britische Kriegpremier ist nun auch Namensgeber des gesamten Platzes und starrt nun geradewegs das Gebäude an, damit sich hier auch ja nicht wieder kommunistische Umtriebe herausbilden.

Im Jahr 2012 beschloss man, der unendlichen Kachelwüste einen kleinen Farbtupfer zu verleihen. In diesem Jahr stellte man vor den überdachten Eingang die über 3 Meter hohe Skulptur Pegasus auf, die – wie der Name sagt – einen Pegasus darstellt, der aus verschiedenen Materialien zusammengefügt wurde. Der Pegagus, der hier tatsächlich ein wenig Freude ins Haus „Freude“ bringt, stammt von dem jungen, in Deutschland aufgewachsenen Bildhauer Štěpán Čapek. Das Dům Radost wurde übrigens 2018 an die Immobilien-Aktiengesellschaft Dům Žižkov verkauft, die hier auch ihre Zentrale aufmachte. Das Gebäude soll in Bälde renoviert werden. Die Dachterrasse wurde bereits eröffnet und erlaubt einen weiten Blick auf Altstadt und Burg. (DD)

Avantgarde für die Expo

Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: Das Tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel. Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat (Beispiele zeigten wir u.a. hier und hier).

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr (wir erwähnten ihn bereits hier), Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

Das Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungeschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist).Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat im das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln, wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen.

Aber die schöne Aussicht in eine Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich im dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden. (DD)

Nationalkirche mit Mietwohnungen

Der vergoldete Kelch auf dem Dach ist von weithin sichtbar und wohl fast so etwas wie ein Wahrzeichen des Stadtteils Holešovice (Prag 7). Überhaupt ist das Gemeindehaus der Hussitischen Kirche (Husův sbor) dort ein ungewöhnliches Gebäude. Das zeigt sich nicht zuletzt auch im Inneren des Gebetsraums, wie man hier sieht.

Aus der Nähe betrachtet weiß man nicht, ob man es bei dem Gebäude in der Farského 1386/3 mit einem funktionalistischen Wohnhochhaus oder einem hyper-modernistischen Gotteshaus zu tun hat. Tatsächlich ist es beides und noch viel mehr. Blicken wir erst einmal zurück in die Geschichte: Im Mai 1927 wurde in Holešovice die örtliche Gemeinde der Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá, CČS) gegründet. Die CČS, die sich ab 1971 Tschechoslowakische Hussitische Kirche (Církev československá husitská) war 1920 vondem ehemals katholischen Theologen Karel Farský (nach dem die Straße Farsého benannt ist) als eine Art tschechischer Nationalkirche mit reformerischen Modernitätsanspruch gegründet worden. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, waren die Kirchenneubauten der CČS oft in jeder Hinsicht – sowohl in Funktion als auch Architektur – ausgesprochen avantgardistisch (ein Beispiel stellten wir u.a. hier vor).

Soweit war man in Holešovice 1927 noch nicht. Ein Gotteshaus hatte man noch nicht und die Gründung der Gemeinde fand erst einmal im Freien statt. Man musste zunächst für das erste eine ehemalige kleine Turnhalle für Gottesdienste anmieten. Später diente ein Raum in einer Realschule demselben Zweck. Aber so konnte es natürlich nicht weitergehen. Schon im Juni 1927 gründete die neue Gemeinde eine Baugenossenschaft, die die Finanzierung eines Gotteshauses organisieren sollte. Man wählte als potentiellen Architekten Karel Truksa aus, der schon einige Erfahrung mit Kirchen der CČS hatte (ein Beispiel zeigten wir hier), den man allerdings nach den ersten Projektentwürfen durch František Kubelka ersetzte. Aber auch dessen Pläne ließen sich ohne Geld nicht umsetzen. Erst als der Abgeordnete Bohuš Rodovský, ein wohlhabendes Gemeindemitglied und Freund von Präsident Masaryk (dessen Familie er unterstützte, als sich dieser ab 1915 im Exil befand), eine günstige Hypothek vermittelte, konnte es losgehen. Und so wurde das Gebäude nach Kubelkas Entwürfen in den Jahren 1935 bis 1937 ganz und gar im Stil des Funktionalismus realisiert.

Nun waren Kirchen der Tschechoslowakischen Kirche nie nur Kirche, sondern auch Gemeinde-, Sozial- und Kulturzentrum für die Gemeinde. Das war auch hier so. Das Gebäude enthält neben dem Gebetsraum auch Räume der Kirchenverwaltung, Sozialeinrichtungen, einen Kindergarten und mehr. Typisch für Zentren der CČS ist auch die Einrichtung eines Kolumbariums, einer Urnenbegräbnisstätte, im Keller. Originell war hingegen, dass man das Ganze finanziell tragbar machte, indem es dort auch Mietwohnungen gab. Zu den prominenteren Bewohnern, die hier schon bald einzogen, gehörte der Dichter und Schriftsteller František Hrubín (der sich nach 1948 so gegen die Vereinnahmung von Schriftstellerei durch die Kommunisten wehrte, dass er Publikationsverbot erhielt). Das erklärt, warum das Gemeindehaus ohne den um ein Patriarchenkreuz ergänzten Kelch auch dem Dach (das Symbol aller reformerischen Kirchen im Lande) wohl eher wie ein bloßes Miets- oder Bürohaus aussähe.

Spätestens, wenn man sich dem Eingang nähert, verfliegt aber dieser Eindruck. Schon die weiten Eingangstüren sind mit dem roten Kelchsymbol der Hussiten geschmückt. Schon durch das Foyer sieht man die unglaublichen Lichteffekte des Gebetsraums, der das Kernstück des Ganzen bildet. Dessen Apsis wurde von dem Maler und Glaskünstler Čeněk Otakar Jandl mit Buntglasfenstern versehen. Das Halbrund beleuchtet den Altar mit dem großen Kreuz mit Christus, das ein noch nach Entwürfen des berühmten verstorbenen Bildhauers Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der berühmten Reisterstatue des Heiligen Wenzels auf dem Wenzelsplatz. Unter der Glasapsis befindet sich im Halbrund ein Relief des Bildhauers Ladislav Novák. Es stellt Szenen aus dem Leben von Karel Farský und der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche dar.

An den Seiten des Gebetsraums finden sich weitere Glasfenster von Jandl, diesmal aber nicht abstrakt gehaltene, sondern an jeder Seite je drei Portraits bedeutender historischer Persönlichkeiten des böhmischen Christentums und des Hussitentums. Das sind v.l.n.r. der Nationalheilige Wenzel, der Hussitenfeldherr Jan Žižka, der Frühreformer Jan Hus (auf dem Scheiterhaufen) auf der einen Seite, den (einzigen hussitischen) böhmischen König Jiří z Poděbrad, die Slawenapostel Kyrill und Method, der reformatorische Pädagoge Jan Amos Komenský (Comenius) auf der anderen. Dass ein Nicht-Heiliger und Kriegsherr wie Žižka hier auf einem Kirchenfenster abgebildet ist, unterstreicht, dass es bei der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche nicht nur um Religion, sondern vor allem auch um eine politische – also tschechisch-nationalistische – Angelegenheit ging. (DD)

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal II: Palast mit Automatenrestaurant

Alles ist zugenagelt. Das Gebäude zu betreten, um seine damals berühmte Innenarchitektur zu bewundern, ist unmöglich. Überall sieht man Verfall. Und der geht bereits an die Substanz. Wenn nicht bald etwas Einschneidendes passiert, könnte der Svět-Palast (Palác Svět) im Stadtteil Libeň (Prag 8) bald seine Zukunft hinter sich haben. Dabei handelt es sich um ein Kulturgut ersten Ranges. Denn kein Geringer als der Schriftsteller Bohumil Hrabal hat ihm ein literarisches Denkmal gesetzt.

Vielleicht hat man schon schönere Gebäude gesehen, was ja Geschmacksache ist. Vielleicht denkt mancher, es handle sich um ein brutalistisches Relikt des Kommunismus, was zu Recht meist negative Abwehrhaltungen hervorruft. Aber das ist nicht der Fall. Der Palác Svět war ursprünglich ein überaus interessantes funktionalistisches Experiment für eine neue städtische Wohnkultur und stammt aus den Zeiten der Ersten Republik. Zuvor stand hier ein barockes Landhaus, das Mitte des 19. Jahrhunderts vom damaligen Bürgermeister Libeňs (damals noch kein Teil von Prag!), Jan Svět, gekauft wurde. Einer seiner Nachfahren, Ladislav Svět, der als Investor zu Geld gekommen war, ließ es kurzer Hand abreißen und ließ in den Jahren 1932 bis 1934 durch den Bauunternehmer und Architekten František Havlena (wir berichteten auch hier) das heute hier am Elsnicovo náměstí 41/6 (Ecke Zenklova) zu sehende Gebäude errichten.

Das Konzept war neu. Der „Palast“ sollte Miets- und Wohnhaus, Ladenmeile, Kino und Kulturzentrum sein – alles integriert an einem Ort. Neueste Technik kam ins Spiel; nicht nur die im Funktionalismus ja meist übliche kühne Stahl- und Betonkonstruktion, sondern auch neue technische Maßnahmen gegen die Naturgewalten. Das Gebäude reichte mit seinen mehreren Kellern nämlich tief unter den Grundwasserspiegel des nahegelegenen Moldau-Nebenflusses Rokytka, weshalb es komplett in eine dicke Bleiwanne eingesetzt wurde. Hier wurden ingenieurstechnische Weltmaßstäbe gesetzt. Und um das Weltstädtische noch zu unterstreichen, erlaubte sich der Besitzer beim Namen auch ein Wortspiel, das natürlich nur im Tschechischen funktioniert. Das Wort „Svět“ ist nicht nur ein Name, sondern bedeutet auch so viel wie „Welt“. Vielleicht sollte „Palác Svět“ nicht nur Besitzverhältnisse markieren, sondern „Welt-Palast“ bedeuten. Deshalb erkor man auch eine tschechoslowakisch (heute tschechisch) beflaggte Weltkugel zum hoch über dem Eingangsbereich anmontierten Symbol des Gebäudes.

Da es sich eben nicht um billige kommunistische Plattenbauweise handelte, waren die Wohnungen hier durchaus beliebt. Die Konstruktion mit den beiden fünfstöckigen Flügeln, die im schrägen Winkel auf den zweistöckigen Eingangsbereich zulaufen, ist ja auch kühn gedacht und ebeidruckend. Und direkt neben dem hübschen Schloss von Libeň (Libeňský zámek) mit seinem schönen Park (wir berichten hier) gelegen, befand es sich ja auch in schönster Wohnlage. Kein Geringerer als der berühmte Schriftsteller Bohumil Hrabal wohnte lange Zeit in der Nähe. Etliche seiner Romane weisen daher Bezüge zum Palác Svět auf. Eine Kurzgeschichte von 1966 unter dem Titel Automat Svět beschreibt das ebenso genannte Büffetrestaurant im Palác Svět, in dem er tatsächlich oft und regelmäßig einkehrte. In der Geschichte geht es um einen Selbstmord während einer Hochzeitsfeier im Restaurant. Das Selbstmordthema ließ sich rückwirkend als „vorausschauend autobiographisch“ deuten, weil Hrabal tatsächlich wohl 1997 Selbstmord beging. Die Musikgruppe Jablkoň besang noch 1997 das im Gebäude befindliche berühmte Kino svět als ihren Sehnsuchtsort. So wunderbar es anscheinend die Musen inspirierte, so schlecht meinte es das Schicksal sonst mit dem Gebäude. Unter dem Nazi-Protektorat wurde die Familie Svět enteignet. Eine Versicherung kam nun hier unter. 1947 wurde das Gebäude restituiert, aber schon 1962 unter den Kommunisten abermals enteignet und der staatlichen Bezirkswohnungsverwaltung unterstellt. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 misslang die Privatisierung, weil das von Mietern des Gebäudes initiierte Projekt, das den Zuschlag bekam, nicht genug Kapital zur Sanierung des unter den Kommunisten arg heruntergekommen Bauwerks einsammeln konnte.

Seither hat der Staat es schon an etliche andere Investoren verkauft. Der heutige Besitzer, die Firma Crispino nemovitosti erwarb das Gebäude 1998 begann aber erst 2012 mit dem Wiederaufbau nachdem die Stadt ihm eine Strafe für Nichteinhaltung von Verträgen aufgebrummt hatte. Inzwischen hatten Risse in der Bleiwanne und das Hochwasser von 2002 dem Gebäude zugesetzt. Seit 2011 ist der Palast samt Kino geschlossen. Brisanz gewann die substanzzerstörende Vernachlässigung auch dadurch, dass das Gebäude 2003 unter Denkmalschutz gestellt wurde, was den Investor nicht davon abhielt, bei Baubeginn 2012 wertvolle Teile der Inneneinrichtung zu zerstören. Inzwischen sind die Bauarbeiten wieder weitgehend erlahmt. Einen anberaumten Treffen der Firma mit dem verantwortlichen Stadtrat blieb die Firma fern. Selbst über Abriss wird nun geredet. Möglicherweise hat sich der Investor finanziell verhoben (alleine die Reparatur oder der Neubau der Bleiwanne dürfte Unsummen verschlingen). Wie dem auch sei: Der Verfall geht weiter. Ein Trauerspiel. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Moderne Schuhe, modernes Gebäude

Dass man auf den ersten Blick denkt, das sei lediglich ein relativ kommunes Gebäude aus den 1970er oder 1980er Jahren, bestätigt nur, dass es sich um ein echtes Stück Avantgarde-Architektur handelt. Denn das große Schuhgeschäft von Baťa (Obchodní dům Baťa) wurde bereits in den Jahren 1928/29 erbaut.

Heute kommt es einem angesichts der nüchternen funktionalistischen Architektur etwas fehlplatziert vor, aber damals nannte man das Gebäude sogar liebevoll Baťův palác – auf Deutsch: Baťa Palast. Neben dem Autobauer Škoda dürfte die Schuhfirma Baťa wohl weltweit die bekannteste Industriemarke der Tschechoslowakei bzw. Tschechiens sein. Die 1894 von Tomáš Baťa in der mährischen Stadt Zlín (damals noch Österreich-Ungarn) gegründete Firma weitete 1909 das Geschäft international aus. Die Idee, die ausländischen Filialen autonom zu organisieren, half dem Großunternehmen, den Ersten Weltkrieg (in dem man durch Militärstiefel viel Geld verdiente) und auch die Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg zu überstehen.

Unter dem Kommunismus wurde Baťa sogar in Svit umbenannt, genau wie die Stadt Zlín nach dem Statthalter Stalins Klement Gottwald in Gottwaldov umgetauft wurde. Außerhalb der Tschechoslowakei existierte die Firma aber weiter und wurde unter ihrem Originalnamen von aus Kanada gesteuert. Sie war weiterhin als die Marke bekannt und beliebt, die zu den ersten gehörte, die erschwingliche Qualitätsschuhe für die Massen produziert, und blieb wohl deshalb ein international erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen, das aber in der Wahrnehmung vieler Kunden immer noch als tschechoslowakisches Produkt war.

Ein Teil des tschechechoslowakischen Besitzes wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 restituiert und seither gibt es auch wieder das Familienunternehmen Baťa mit Hauptsitz im heimischen Zlín – wenngleich nicht mehr als Produzent, sondern als Vertrieb. Insgesamt gibt es aber 40 Produktionsstätten der Firma in 26 Ländern (nur eben nicht Tschechien, das kein Billiglohnland mehr ist). Dazu gehören 4600 Läden und 30.000 Mitarbeiter – ein tschechischer Weltkonzern!

In seiner tschechoslowakischen Blütezeit zwischen den Weltkriegen sah sich die Firma als Motor des Fortschritts. Der schicke Schuh in Industrieproduktion war eine soziale Tat, die mit Henry Fords Popularisierung des Autos für die Massen vergleichbar war. Dazu führte der Betrieb viele soziale Leistungen ein und die Arbeitsplätze waren auch in der Zeit der Wirtschaftskrise 1929, in der die Firma sogar wuchs, sicher. Dazu passte auch, dass repräsentative Bauten der Firma, die man in den Zeiten der Ersten Republik errichtete, ultra-modern und fortschrittlich gestaltet sein mussten – eine Frage des Images! Das strikt funktionalistische Hauptgebäude in Zlín, das Baťa-Hochhaus, das von 1936 bis 1938 von dem Architekten Vladimír Karfík gebaut wurde, ist das Primärbeispiel. Dank der Sozialwerke, der Arbeiterwohnungen und vielem anderen gestaltete Bat’a am Ende Zlín zur „ersten amerikanischen Stadt“ im Lande um, wie man stolz verkündte.

Und genauso modern sollte auch die wichtigste Verkaufsfiliale in der Hauptstadt der jungen Republik sein. Am unteren Teil des Wenzelsplatzes (Václavské nám. 774/6), der seit der Jahrhundertwende einen ungeheueren Modernisierungsprozess durchlief, entstand schon in den Jahren 1928/29 das von dem Architekten Ludvík Kysela entworfene siebenstöckige Großkaufhaus für Schuhe – ein Gebäude, das es in dieser Art zuvor im ganzen Lande noch nicht gegeben hatte, ja man rühmte es als eines der fortschrittlichsten Kaufhäuser in ganz Europa überhaupt.

Für das neue Gebäude wurde ein dreistöckiges klassizistisches Haus aus den 1830er Jahren abgerissen, in dem sich zunächst ein bekanntes Café („Boulevard“) befand, dem 1919 für eine Weile eine Kosmetikfirma folgte – bis dann die Firma Bat’a das Grundstück kaufte.

Kysela war in 1920ern viel damit beschäftigt, den Prachtboulevards der Umgebung einen modernistischen Anstrich zu geben. Zu seinen anderen Werken hier gehört unter anderen das 1929 fertiggestellte Dětský dům (Kinderhaus; ursprünglich ein Versicherungsgebäude) in der nahen Na Příkopě 583/15. Und dann ist das das unmittelbare Nachbargebäude, das Warenhaus des Schweizer Chocolatiers Lindt (Obchodní dům Lindt), das er schon 1927 fertiggestellt hatte. Das Bat’a-Haus wurde der Fassadenstruktur das Lindt-Hauses intelligent angepasst, was sich vor allem an den beiden obersten Stockwerken zeigt, die fast terrassenförmig nach hinten zurückversetzt wurden. So entsteht eine gewissen bauliche Harmonie in Vielfalt.

Das lockert die schon so streng wirkende riesige Stahl- und Glasfläche des Gebäudes geschickt auf. Durch die durchlaufende Glasfassade sieht man nur freischwebende Deckenstrukturen – eine Bautechnik, die zuvor nicht umsetzbar gewesen wäre. Auch innen kam man mit vergleichsweise wenig Stützpfeilern aus, was die werbewirkasame Sicht auf die Verkaufsflächen begünstigte. Das Stahlskelett macht es möglich. Der Funkionalismus in Kyselas Zeiten verdankte seine Entstehung neben ästhetischen Erwägungen auch den neuen technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen. Drinnen war das Gebäude hypermodern eingerichtet, mit Rolltreppen und Aufzügen.

In den Zeiten des Kommunismus, als es Bat’a im Lande nicht mehr wirklich gab, erging es auch dem einst als Prunkstück des unteren Teils des Wenzelsplatzes gefeierten Bauwerks nicht gut. Im Erdgeschoss wurde 1978 auf der Seite zum Lindt-Haus ein Eingang der gerade eröffneten Metro Station Mustek durchgebrochen – und das, obwohl das Gebäude noch 1971 zum Baudenkmal erklärt worden war. Als der kommunistische Spuk vorbei war, begann man aber umgehend mit einer sorgfältigen Renovierung des nunmehr wieder dem Bat’a-Konzern gehörenden Gebäudes. Schon prangte wieder das originale 1920er-Jahre-Logo auf dem Dach und den Eingang (bzw. den Aufzug der Metro) verlegte man vor den „Palast“. So kann man heute wieder ein historisches Gebäude – links sieht man die Rückseite zum Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) – in fast originalem Zustand sehen, das überhaupt nicht „historisch“ aussieht, sondern so, als ob es ganz und gar neu sei. Das Bat’a Haus ist irgendwie jung geblieben. (DD)