Avantgardistische Sportarchitektur

Nein, zu den schönsten Bauwerken Prags würde ich es vielleicht nicht zählen: Das Sokol-Gebäude (Sokolovna) in Vinohrady (Prag 2). Aber Architekturhistoriker zählen es zu Recht zu den bedeutenderen Großbauten des tschechoslowakischen Funktionalismus der Ersten Republik. Und es sagt etwas über die Bedeutung des Auftraggebers aus.

Das Gebäude an der Polská 2400/1a, direkt am Rande des Rieger-Parks (Riegrovy sady), gehörte bzw. gehört heute (nach Unterbrechung in den Zeiten von Nationalsozialismus und Kommunismus) immer noch dem Turnerbund Sokol (Falke). Die 1862 von Miroslav Tyrš gegründete Massenorganisation hatte zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur die allgemeine Leibesertüchtigung zum Ziel. Vielmehr war es die mitgliederstärkste Organisation der tschechischen Nationalbewegung, die sich u.a. mit spektakulären Massenveranstaltungen im 19. Jahrhundert für die Rechte und die Selbstbestimmung der Tschechen im österreichischen Habsburgerreich einsetzte. Fast alle Väter der tschechoslowakischen Unabhängigkeit – Tomáš Garrigue Masaryk, Edvard Beneš, Alois Rašín, Karel Kramář u.v.v.a. – waren Mitglieder gewesen. In der Ersten Republik war der Sokol daher eine der tragenden Säulen des Gemeinwesens.

Das galt für alle Ebenen des Staates, so auch für die kommunale. Und unter den Kommunen war das erst ab 1922 zu Prag gehörende Vinohrady eine der aufstrebendsten und reichsten. Folglich war der örtliche Sokol auch besonders finanzstark. Deshalb ist das dortige Sokol-Gebäude eines der größten unter den in der Republikzeit gebauten.

1936 beschloss man eine Ausschreibung mit Wettbewerb um den besten Entwurf für ein multidisziplinäres Sportzentrum. Den Wettbewerb gwannen die Architekten František Marek und Václav Vejrych (beide Schüler des kubistischen Architekten Josef Gočár) sowie Zbyněk Jirsák für ihren gemeinsamen Entwurf. Der setzte Maßstäbe in der modernen Sportarchitektur, ja, war geradezu avantgardistisch und passte somit zu dem progressiven Image des Sokol. 1938 begann man mit der Umsetzung durch den Bauunternehmer Karel Skorkovský, der ein Pionier der Stahlbeton-Technik war. Doch die Umsetzung stand aus politischen Gründen unter einem unglücklichen Stern .

Im selben Jahr begann mit dem Münchner Abkommen die Demontage der Tschechoslowakei und Anfang 1939 marschierten die Nazis in Prag ein. Für den liberal und demokratisch ausgerichteten Sokol begannen schwere Zeiten. Ursprünglich hätte der Bau noch größer werden sollen, aber das Geld wurde knapper, so dass man auf ein Stockwerk verzichtete. Als das Gebäude fertig war, beschlagnahmten es die Deutschen (die u.a. den großen Treppenaufgang im typischen Nazi-Brutalklassizismus anfügten) und 1941 wurde es in ein Lazarett für SS-Leute umgewandelt. Im Juni 1946 konnte der örtliche Sokol endlich für sich die Einweihung des Gebäudes für sich feiern. Doch auch dieses Glück währte nur kurz. 1948 übernahmen die Kommunisten im Lande die Macht, die ebenfalls wenig von der liberaldemokratischen Ausrichtung des Vereins hielten, und im Jahr darauf wurde der Komplex Sportabteilungen der Maschinenbaufabrik ČKD übertragen. Erst 1991, zwei Jahre nach dem Fall des Kommunismus, bekam der Sokol sein Eigentum zurückerstattet.

Ansonsten gilt immer noch das Motto: Think big! Das im Stil der damaligen Zeit von außen von Keramikkacheln überzogene Gebäude verfügt mehrere Turnhallen, zwei Hallenfußballfelder, ein großes Schwimmbad, einen Parkettsaal (für den Tanzsport), Saunen, sowie Sitzungs- und Konferenzräume Davor ist noch ein recht großer Sportplatz für alle, die Sport am liebsten an der frischen Luft treiben. Auch nach heutigen Maßstäben ist das ein allen Standards genügendes, modernes Großzentrum des Sports.

Und eines mit Geschichte! Die feiert man drinnen wie draußen. Drinnen befindet sich in der Eingangshalle eine Statue von Miroslav Tyrš, und zwar die Kopie der 1926 von dem berühmten Bildhauer Ladislav Šaloun geschaffene Bronzefigur, die im Original vor dem nationalen Sokol-Hauptquartier, dem Tyršův dům (Tyrš-Haus) auf der Kleinseite steht. Drumherum gibt es eine kleine Ausstellung über die Geschichte, die den Beitrag des Sokol zur Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, zur Stützung der Ersten Republik und zum Widerstand gegen Nazis und Kommunisten zum Thema hat.

Und draußen vor dem Eingang steht seit 2012 ein Denkmal zum 150. Jahrestag der Gründung des Sokol im Jahre 1862. Gestaltet wurde es von der Bildhauern Karel Holub und Petr Holub (Vater und Sohn). Drei Betonstufen, die den Weg des Sokol durch die Geschichte symbolisieren sollen, führen zu einer Metallplatte, aus der die Silhouette eines kurz-behosten Sokol-Turners in Grundpositiongeschnitten ist, Der Betonsockel wird hinter der Statue noch ein wenig weitergeführt, so wie der Fortschrittsweg des Sokol weitergeführt werden wird. Der nationale Pathos, der den Sokol umgibt, hat hier einen modernen Ausdruck gefunden.

Bevor man es vergisst: Es gibt auch eine kleine Gastronomie, die sich modisch-keck SoKool Bar & Restaurant nennt, und deren Außenbereich mit ihrem irgndwie sehr traditionell wirkenden Blumenschmuck einen lustigen Kontrast zu dem kalten Funktionalismus des Gebäudes bildet. Das ist natürlich wichtig, denn ohne ein frisch gezapftes Bier danach ist ja die sportliche Betätigung kaum zu bewältigen. (DD)

Unendlich viel Technik

Ehrlich gesagt, man weiß gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll, wenn man über das Technische Nationalmuseum (Národní technické muzeum) in der Kostelní 1320/42 in Holešovice (Prag 7) schreibt. Auf jeden Fall sollte man sich beim Besuch viel, viel Zeit nehmen. Da gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Und eins ist aufregender als das andere.

Fangen wir doch einfach mit der Geschichte des Museums an. Vielleicht mit der Prager Landes-Jubiläumsausstellung von 1891. Vieles, was damals bei dieser großen Industriemesse hätte nur kurzfristig ausgestellt werden sollen, blieb Prag dauerhaft erhalten – der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg, die Standseilbahn, das Spiegelkabinett, der Hanavský Pavilon und etliches mehr. Das war so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris, der ja auch nach der Weltausstellung von 1889 hätte abgerissen werden sollen, aber bis heute als Wahrzeichen der Stadt erhalten ist. Niemand möchte ihn mehr missen. Und auf der Prager Jubiläumsausstellung von 1891 gab es schließlich auch eine Technik- und Industrieschau von riesigen Ausmaßen, die man nicht einfach wie Abfall nur entsorgen wollte. Im Jahre 1908 nutzte man die Gelegenheit und gründete deshalb einen Verein zur Förderung eines Technischen Museums.

Mit kundiger Hilfe der Technischen Universität (wir berichteten hier) wurden bereits bestehende kleine Sammlungen mit den Restbeständen der Ausstellung zusammengestellt und schon im Jahre 1910 zunächst im Palais Schwarzenberg in der Burgstadt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war aber auf die Dauer zu klein. Und der rasende technische Fortschritt, zu dem nicht zuletzt tschechische Erfinder wie der „tschechische Edison“ František Křižík beitrugen, ließ erahnen, dass der Platzmangel in Zukunft eher schmerzlicher werden würde. 1921 begann man mit einer Gekdsammlung für ein neues Gebäude, für das der Stadtrat ein großes Grundstück auf der Letnáhöhe bereitstellte. 1935 gewann der Architekt Milan Babuška, der uns auch den Palác ARA bescherte, einen Architekturwettbewerb und 1938 begann man mit den Bauarbeiten für das riesige Gebäude, die 1941 abgeschlossen waren.

50.000 Inventarstücke hat das Museum, von denen etwas über 10% ausgestellt sind. Wo fängt man da an? Am besten im großen Hauptsaal, der hinter dem Foyer liegt, und in dem alle möglichen Fortbewegungsmittel ausgestellt sind. Autos, Motorräder, Fahräder, Flugzeuge, Lokomotiven und so weiter. Die beiden Bilder ganz oben vermitteln einen Eindruck. Das schöne ist, fast alle Items haben eine echte personalisierte Geschichte. Die Spitfire, die man oben sieht, war Teil jener Flugstaffeln von tschechoslowakischen Piloten, die 1939 rechtzeitig vor den Nazis geflohen waren, und den Briten 1940/41 heldenmutig halfen, die Luftschlacht um England zu gewinnen (früherer Beitrag hier). Auch das oberhalb links abgebildetete Auto, das Modell RK/M der Firma Laurin & Klement (eine Vorgängerfirma von Škoda) von 1913, hatte einen ilustren Besitzer. Es handelte sich um Alexander Graf Kolowrat. Der war Filmpionier, aber auch begeisterter Rennfahrer, der mit dem Auto etliche europäische Rennen und Rallyes gewann. Die Presse nannte ihn deshalb meist nur „Graf Kilowatt“.

Aber auch ohne illustre Vorbesitzer faszinieren viele der Ausstellungsstücke. So etwa dieses putzig anmutende dreirädrige Motorrad der Firma De Dion Bouton aus dem Jahr 1900. Die französische Firma kennt heute fast niemand mehr, aber damals war das der größte Automobilhersteller der Welt, der zudem auch noch eine große Nummer im Eisenbahnbau war!

Aber Technik ist mehr als motorisierte Mobilität. Im vorderen Gebäudeteil befinden sich deshalb auf vier Stockwerken und etlichen Kellerräumen (die teilweise für Sonderausstellungen reserviert sind) etliche Abteilungen zu speziellen Aspekten. Sie stellen teilweise natürlich die tschechischen Leistungen der Ingenieurskunst in den Mittelpunkt, aber das, was an internationaler Technik aus allen Epochen geboten wird, reicht schon für mehr als nur einen ersten Eindruck zu gewinnen. Man findet didiaktisch wohl aufbereitete Einführungen in die wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Beispiel. In Englsich und Tschechisch! So erfährt man viel über Optik und kann danach wunderschöne Kameras aus alten Zeiten bewundern (oben links).

Spaß macht aber vor allem das Alltägliche. Das sieht man bei der Abteilung zu Haushalts- und Küchengeräten. Manches von dem, was man da an Staubsauger-, Waschmaschinen- und Rührquirlmodellen sieht, erweckt Kindheitserinnerungen (ja, das ist ein Museum für Babyboomer!). Aber manches ist schon so antik, dass es wie eine Neuentdeckung auf einen zukommt. Diese pedalgetriebene Nähmaschine mit dem stolzen Löwen, zum Beispiel, ist ein Kunstwerk, wie man es heute nicht mehr findet. Dieser Typus kam um 1870 auf den Markt und wurde von der schottischen Firma Kimball & Morton entwickelt.

Passend im Keller untergebracht findet man Räume zur Verarbeitung von Metall (insbesondere Eisen) und zum Bergbau. Hier sieht man didaktisch aufgebaute Nachempfindungen frühzeitlicher Schmelzöfen mit noch recht archaischer Technik. Schrittweise wird man von hier in die moderne Gegenwart geführt….

An dieser Stelle ist es kaum möglich, auch nur alle Abteilungen und Aspekte von Technik zu erwähnen, die man in diesen Hallen findet – geschweige denn, sie detailliert zu beschreiben. Die rechts zu sehende Abteilung zur Technik des Druckens sei erwähnt, aber auch der Raum für astronomische Instrumente. Auch Architektur und Bauwesen haben ihren Platz. Unzählige Baupläne füllen das Archiv. Einfach sich einen ganzen Tag (mindestens) frei nehmen und alles anschauen!

Darüber sollte man aber auch nicht die Architektur übersehen. Das Gebäude, das Architekt Milan Babuška (ein Spezialist für Industriebauten) entwarf, gehört zu den Meisterwerken des Funktionalismus der späten Ersten Republik und beeindruckt durch seine klare, fast klassische Fassadenstruktur. Das Ende der Republik und die Besetzung durch die Nazis führten übrigen dazu, dass das Museum zunächst nicht seiner Bestimmung zugeführt wurde. Es diente zunächst einmal als Gebäude des Postministeriums. Erst 1948 begann der reguläre Ausstellungs- und Museumsbetrieb. Innen bildet die ebenfalls sehr strenge und minimalitsiche Ausstattung eine harmonische Einheit mit der ausgestellten Technik (man siehe nur die stählerne Treppe im Bild oberhalb, die sich im Obergeschoss befindet). Auch das macht den Besuch zu einem Erlebnis. (DD)

Känguruverein

Ein Känguru als Vereinslogo? Die hüpfenden Beuteltiere leben doch gar nicht in Tschechiens Wäldern! Und dann der Namen Bohemians statt „Die Böhmen“ oder „Češi“? Für einen lokalen Fußballverein? Zurecht vermutet man dahinter eine interessante Geschichte.

In der Tat hieß der Verein, als er 1905 gegründet wurde, noch AFK Vršovice und war, wie der Name sagt, nur ein Stadtteil-Sportverein in Prag Vršovice (heute Prag 10). Man spielte in den untersten Fußball-Ligen. Aber 1926 hatte man eine witzige Idee. Warum nicht mal nach Australien fahren und dort Fußball spielen? Das tat man im nächsten Jahr. Die Schiffsreise dauerte von Neapel aus 23 Tage. Unterwegs stoppte man in Colombo (damals Ceylon, heute Sri Lanka), um eine Auswahl britischer Kolonialsoldaten 4:2 zu schlagen. In Australien zog man durch alle Provinzen. Als erstes schlug man am 5. Mai die Mannschaft von Perth 11:3. Am Ende schaffte man am 25. Juni sogar gegen die Nationalmannschaft des Landes ein ehrenhaftes 4:4. Die Australier fanden das extrem exotisch und machten zweierlei: (1) Da sie ein Wort wie „Vršovice“ nicht aussprechen konnten, nannten sie die Mannschaft einfach Bohemians, und (2) gaben sie der Mannschaft zum Abschied ein niedliches Kängurupaar mit auf den Weg als Geschenk für Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk (der es dann dem Zoo spendete). Die Bohemians und ihr Logo waren geboren.

Mit dem durch den Erfolg der Tour gestärkten Selbstbewusstsein wuchs auch die Spielleistung. Man stieg in die erste Liga des Landes auf und blieb seither die meiste Zeit dort. 1983 wurde man sogar tschechoslowakischer Meister! Auch im Ausland reüssierte man immer wieder. Nur gegen eine wirkliche Gigantenmannschaft verlor man einmal 1986 beim UEFA-Pokal schlapp mit 2:8. Aber man kann ja auch von den Leuten nichts Unmögliches verlangen. Vielleicht hat man damals danach diskutiert, ob nun Kängurus oder Geißböcke die besseren Vereins-Maskottchen sind. Vielleicht auch nicht.

Ja, und 2005 kam die dunkle Zeit, da der Verein insolvent war. Danach zankten sich zwei aus der Konkursmasse hervorgegangene Mannschaften darum, wer sich denn nun Bohemians nennen dürfe. Das hat man inzwischen gelöst und heute spielt man wieder in der ersten Liga. Die Vršovicer lieben jedenfalls ihren Verein innig.

Zurück zur Geschichte: Mit dem Erfolg kam auch die Notwendigkeit eines Stadions. Bei der Gründung 1905 spielte man auf irgendwelchen Spielfeldern, die gerade frei waren. 1914 legte man auf einem Feld in der Nähe einer Fabrik einen kleinen Platz an, der wegen seiner Muldenform Ďolíček (kleine Grube) genannt wurde. Als man dann aufgestiegen war und 1932 ein richtiges Stadion bauen ließ, behielt es diesen Namen, den es heute noch trägt. Der Architekt A. Vejvoda gestaltete das Stadion im funktionalistischen Stil mit dem Känguru-Logo am Eingang (großes Bild). Ursprünglich fasste das Stadion, das mit einem Spiel der Bohemians gegen Slavia Prag eingeweiht wurde, rund 18.000 Zuschauer – fast alle auf Stehplätzen. Heute passen rund 6.300 hinein, was unter anderem mit der Umwandlung der meisten Steh- in Sitzplätze bei der Renovierung 2007 zu tun hatte. Immer wieder wurde das Stadion im Laufe der Zeit modernisiert (1955 wurde zum Beispiel das Flutlicht eingeführt). Inzwischen wird es nicht nur für den Fußball, sondern auch für Rockkonzerte (das mit Tina Turner 1996 blieb in besonders guter Erinnerung) genutzt. Ach ja, gegen australische Mannschaften scheinen die Bohemians schon lange nicht mehr gespielt zu haben. (DD)

Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle

Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.

Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.

Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.

Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden (DD)

Baba-Haus näher betrachtet

Es sollte die Mustersiedlung der Moderne werden, was in den Jahren 1928 bis 1932 von einer Gruppe avantgardistischer Architekten unter der Führung von Pavel Janák (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier) sorgfältg geplant wurde: die Werkbundsiedlung Baba (Výstavní kolonie na Babě, Osada Baba) im Nordosten des Stadtteils Dejvice (Prag 6). Und in der Tat strahlt das, was dann in den Jahren 1932 bis Anfang 1940 hier erbaut wurde, noch heute eine Aura von Modernität aus, die ihresgleichen sucht.

Die innovative Architektur wird natürlich in vollem Umfang erst sichtbar, wenn man die Häuser von innen betrachten kann, was angesichts der Tatsache, dass sie in Privatbesitz sind, natürlich normalerweise unmöglich ist. Bei der Vila Matějská in der Matějská 1985/19 hat sich die Möglichkeit für uns ergeben, weil wir die die Bewohner, Lucie Fejklová (Besitzerin) und Lebensgefährte Hans Weber, gut kennen und schätzen.

Die Villa gehört zu den letzten, die hier im Rahmen des Projekts der Werkbundsiedlung überhaupt gebaut wurden. Und sie repräsentiert in ihrer Art den Prager Spät-Funktionalismus in seiner reinsten und kompromisslosesten Ausprägung.

Worum ging es überhaupt bei dem Siedlungsprojekt Baba (über das wir übrigens schon hier berichteten)? Dessen treibende Kraft war der 1914 gegründete böhmische (bzw. ab 1918 tschechoslowakische) Werkbund (Svaz československého díla). Das war eine Vereinigung, die vom 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbund inspiriert war. Es handelte sich um eine „wirtschaftskulturelle“ Vereinigung von Architekten, Künstlern und Unternehmern, die sich der Förderung fortschrittlicher und sozialer Ideen im Bereich von Architektur und Kunsthandwerk widmete. Praktischer und den Kriterien avantgardistischer Ästhetik genügender Komfort und Lebensqualität für alle Menschen war das Programm. Und die Siedlung Baba sollte zeigen, wie man effizient, preisgünstig und kunsthandwerklich wertvoll geradezu luxuriösen Wohnraum für jedermann schaffen konnte. Die Initiative zur Gründung des Werkbundes stammte von dem berühmten Architekten Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichteten). Kotěra wiederum gilt als der eigentliche Vater der modernen Architektur im Lande.

Pavel Janák, der die Rahmenplanung für die Baba-Siedlung übernahm, war Mitbegründer des Werkbundes und ein Schüler Kotěras. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit kubistischer Architektur begonnen (der damals die höchste Avangarde darstellte), hatte sich aber in späten 1920er Jahren in Richtung Funktionalismus entwickelt.

Als Gelände suchte er sich das Baba genannte Gebiet aus, das hoch über der Moldau liegt und sich auf der anderen Seite neben dem schönen Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (Divoká Šarka) befindet. Die einzelnen Häuser hatten jedoch eigene Bauherren und vor allem autonom arbeitende Architekten.

Die Gruppe von Architekten, Künstlern, Stadtplanern, Bauunternehmern und Designern, die sich hier unter dem Dach des Werkbunds zusammenfand, war sich jedoch über die wesentlichen Grundsätze völlig einig. Das (und natürlich die Leitung durch Janák) garantierte in Sachen Ästhetik und Zielsetzungen eine deutliche Einheitlichkeit, die trotzdem vielfältig ist. Immer wieder setzten sie sich – auch nach Baubeginn – zusammen, um die Gesamtkonzeption zu modifizieren und anzupassen. Und das Resultat konnte sich am Ende definitiv sehen lassen.

Zu den Architekten und Designern, die hier mitwirkten, gehörten einige der großen Namen der tschechoslowakischen Architektur. Dazu gehörte unter anderem Josef Gočár, der – wie Janák – zuvor zu den Pionieren des Kubismus gehört hatte (wir berichteten u.a. hier und hier), aber sich nun ebenfalls dem Funktionalismus zugewandt hatte. Andere Architekten der Werkbundgruppe, die die Baba-Siedlung gestalteten, waren etwa František Kavalír, Josef Fuchs, František Zelenka und viele andere, Insbesondere Hana Kučerová-Záveská, die zugleich Architektin und Designerin war, entwickelte viele Ideen für maßgerechte und raumsparende Einbaumöbel. Gerade bei der Gestaltung von Küchen leisteten die Erbauer der Baba-Siedlung Bahnbrechendes.

Und dann war da noch der Architekt František Kerhart, der sich bereits früh einen Namen als führender Architekt des Funktionalismus einen Namen erworben hatte, etwa durch seine Entwürfe für das Gebäude der Sparkasse in Poděbrady im Jahr 1926. Kerhart hatte in der Baba Siedlung bereits zwischen1932 und 1936 fünf Häuser entworfen, und er war auch für die Planung des hier vorgestellten Hauses in der Matějská 1985/19 verantwortlich. Es handelte sich um eine Art „Nachzügler“. Die ersten 20 Häuser der Siedlung wurden schon 1932 fertiggestellt. Acht weitere folgten 1933/34 und zwei 1935/36. Es sollten danach eigentlich neben den Villen noch vier Reihenhäuser erstellt werden, die dann aber im Zuge einer der vielen Neuplanungen durch sechs Einzelvillen ersetzt wurden. Und zu diesen gehört die 1939 gebaute Vila Matějská.

Der im Mai 1939 fertiggestellte Plan des Hauses, das von Außen noch weitgehend im Urzustand erhalten ist, folgt funktionalistischen Grundideen. Man kann das an den Plänen (Bild rechts) studieren, die Kerhart für den Auftraggeber und Besitzer der Villa, einem gewissen Bohuslav Dušek, entworfen hat, denn sie blieben gottlob über die nachfolgenden Eigentümerwechsel hinweg erhalten und befinden sich im Besitz der gegenwärtigen Eigner.

Das Haus ist in klassisch-funktionalistischer Manier aus Quadern zusammengesetzt, die sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Das wird durch die assymetrisch angeordneten Fenster unterstrichen, von denen das vertikale Fenster aus Glasziegel über dem Eingang optisch besonders herausragt (siehe Bild oberhalb links). Das Ganze ist freistehend von einem geräumigen Garten umrahmt.

Ja, und dann ist dann noch das Innere. Das ist wohl nur noch bei vier Häusern der Siedlung – darunter die von Gočár 1932 fertiggestellte Vila Maule – absolut vollständig im Original enthalten. Die Vila Matějská gehört leider nicht dazu. Deshalb wurden im Laufe der Zeit vereinzelt Veränderungen vorgenommen, die etwas verfremdend wirken – etwa die braunem Fußbodenkacheln im Flur, die ganz nach dem Geschmack der frühen 1980er Jahren aussehen. Aber das hält sich alles in allem in Grenzen. In den meisten Räumen ist das alte Originale Parkett im Fischgrätenmuster (das in den 1930er Jahren Mode wurde) in hervorragendem Zustand erhalten. Der Parkettboden wurde damals von vielen modernen Funktionalisten als eine Art wohnliches Gegengewicht zu der ansonsten eher „industriellen“ Ästhetik ihrer Architektur gesehen.

Ähnliche Wirkung sollten auch die dunkelbraunen Kacheln entfalten, die Treppenstufen (Bild oberhalb rechts) und Fensterbretter säumen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die maßgefertigte Einbauküche noch weitgehend erhalten ist. Dazu gehören die praktischen kleinen gläsernen Schubladen in Greifhöhe, die heute fast nostalgisch wirken, aber damals das Modernste vom Modernsten waren. Funktionalismus hat schließlich etwas mit praktischem „Funktionieren“ zu tun. Ähnliches gilt natürlich auch für die kleine Durchreiche, die das effiziente Servieren von der Küche direkt in das Esszimmer ermöglicht. So etwas gab es auch früher (etwa in Klöstern mit Zellen), aber der Funktionalismus erkannte sie als praktisches Element zur Raumersparnis und -nutzung. Kein Geringerer Le Corbusiers hat diese Idee 1927 bei den Wohnhäusern der Berliner Weißenhofsiedlung (ein Projekt des DeutschenWerkbundes) weiterentwickelt.

Und so findet man viele Dinge im Haus, die den Geist des Funktionalismus atmen. Auch die Geländerkonstruktion im Treppenhaus ist raumsparend und leicht aus Stahl und gewelltem Draht zusammengesetzt.

Diese zukunftsweisende Architektur verlangte natürlich nach kompetenter Umsetzung. Die besorgte die Prager Baufirma Freiwald und Böhm. Die Firma (mit Architekturbüro) wurde 1921 von Jindřich Freiwald zusammen mit seinem Kompagnon Jaroslav Böhm gegründet. Freiwald war als Architekt selbst für einige bahnbrechende funktionalistische Entwürfe für Gebäude verantwortlich, etwa das Jirasek Theater (Jiráskovo divadlo) in Hronov von 1931, das Stadttheater von Kolín (Městské divadlo v Kolíně) von 1939 oder die Hussitische Kirche in Nové Město nad Metují (1936)

Er sollte den Bau der Vila Matějská leider nur wenige Jahre überleben. Als Freiwilliger nahm er im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) im Offizierrang eines Hauptmanns der Tschechoslowakischen Armee teil. Deutsche Truppen nahmen ihn auf ihrem Rückzug gefangen und erschossen ihn kurzerhand standrechtlich. Eine schreckliche Tragödie. Es war der 8. Mai – der letzte Tag des Krieges.

Und die Grundidee der Siedlung Baba? Die war ja gewesen, funktionalen, raumsparenden und preisgünstig zu erstellenden Wohnraum zu erschaffen. Trotzdem hatten wir es schon von Anfang an nicht mit einem Stück „sozialen Wohnungsbaus“ zu tun. Janák selbst, der gewiss kein Sozialfall war, zog in eines der von ihm geplanten Häuser ein. Man muss nur kurz von der kleinen Grünanlage vor der Vila Matějská die grandiose Aussicht auf die Burg genießen, um zu erahnen, dass hier de facto ein eher großbürgerliches Publikum bedacht wurde. Von Terrasse auf dem Dach des Hauses kann man das auch tun. Überhaupt wurde für fast jedes Haus eine schöne Aussicht garantiert. Moderner Wohnraum in schöner Lage. Auch heute ist das keine billige Wohnlage. In kommunistischer Zeit galt das, was hier zuvor als avantgardistisch angesehen war, unter regimetreuen Kunstkritikern als zu „bürgerlich“.

Aber trotzdem entsprach die Grundidee, des funktionalen Wohnungsbau doch einigen ihrer eigenen Ideen. Gewiss, in der Siedlung Baba war alles individuell maßgefertigt, aber die raumsparenden Einrichtungsideen und die zu Grunde liegende Stahlbautechnik ließen sich im Grunde sehr gut in die spätere Plattenbauarchitektur übersetzen. Auch wenn man die Baba-Siedlung schön und Plattensiedlungen (zu Recht) meist scheußlich findet, ist es nicht völlig falsch, das eine als die Fortführung des anderen zu sehen. Und tatsächlich beriefen sich die kommunistischen Stadtplaner in Prag später auf das „bürgerliche“ Vorbild. In den 1970er Jahren wurden in dem im Süden Prags (und damit am anderen Ende der Stadt) gelegenen Stadtteil Modřany zwei neue Plattensiedlungen erbaut, die Baba II und Baba III genannt wurden und so sind, wie man sich sozialistische Plattenarchitektur eben vorstellt. Der Wohnraum dort ist erschwinglicher als der der Originalsiedlung, dafür aber auch nicht ganz so schön. (DD)

Wo Pan Tau und der kleine Maulwurf herkommen

Im Jahre 1953 ging noch recht improvisiert und ohne volles Programm das Tschechoslowakische Fernsehen (Československá televize) auf Sendung. Um so richtig loszulegen, brauchte man aber ein großes Sendegebäude mit vielen Studios. 1956 hatten die beauftragten Gutachter die Auswahl der möglichen Standorte auf zwei reduziert – das etwas außerhalb gelegene Örtchen Dívčí hrady (auch hier) und der sich gerade entwickelnde Stadtteil Pankrác. Letzterer machte das Rennen.

Ab 1960 begannen die eigentlichen Planungen für einen riesigen Gebäudekomplex, für die der Architekt Jiří Holý zuständig war. Zwischendurch gab es noch einmal Finanzierungsprobleme, dann politische Querelen aller Arten (Stichwort: Prager Frühling), so dass er nach vielen Verzögerungen die Arbeiten erst im Jahre 1971 abschließen und das Gebäude eingeweiht werden konnte. Aber so etwas gibt es ja auch andernorts. Seither befindet sich jedenfalls das Hauptquartier des staatlichen Fernsehens (nicht das des staatlichen Rundfunks, der hier residiert) auf der Hochebene von Pankrác in einem Areal, das Krähenberge (Kavčí hory) genannt wird; genaue Adresse: Na hřebenech II 1130/6 in Prag 4.

Das Gebäude ist nun ein großer rechteckiger Komplex, in dessen Mitte das oben im großen Bild zu sehende Betriebsgeschoss setzte. Alles im damals modernen realsozialistischen Funktionalismus. Und auf den innovativen Zweck angepasst war dieses Zentralgebäude. Man sieht auf dem Bild zwischen unterhalb des obersten Geschosses eine gewellte weiße Wand. Sie besteht aus Laminat. Dieses Material erwies sich als zweckmäßig, weil es zwar wärmeisolierend ist, aber die elektromagnetischen Strahlen für den Sendebetrieb problemlos durchlässt.

Hier produzierte der Staatssender in Studios seine Sendungen und übrtrug sie von dort auf die Bildschirme. 1984 wurde noch ein kleineres Nebengebäude aufgebaut, denn das Fernsehen nahm einen immer wichtigeren Platz in Staat und Gesellschaft ein. Der Sender beglückte das Land – und später auch das Ausland – unter anderem mit wunderschönen Kinderserien wie Pan Tau oder Der kleine Maulwurf (Krteček), die sogar im Westen beliebt waren, diente aber in der Hauptsache aul Propagandaeinrichtung zur Vermittlung des richtigen Klassenbewußtseins in der bereits quasi vor der Tür stehenden klassenlosen Gesellschaft.

1989 endete der Kommunismus und es herrschte fortan eine freiere Geisteshaltung im Sender. Und Ende 1992 zerlegte sich die Tschechoslowakei in die beiden separaten Staaten Tschechien und Slowakei. Seither residiert hier nicht mehr ein tschechoslowakisches, sondern das Tschechische Fernsehen (Česká televize). Und die Slowaken haben jetzt auch ihr eigenes Staatsfernsehen Slovenská televízia, dessen Zentrale in Bratislava ist. In Tschechien gab es nun für den Sender zwar weniger Empfänger (auch weil es nun Privatfernsehen gab), aber der Bedarf an Sendeprogramm schien trotzdem zu steigen.Zumindest erweiterte man die Kapazitäten noch einmal.

Und so kam es, dass 1997 ein neues Nebengebäude erbaut wurde, und nach den Plänen von Architekt Václav Aulický, dem man u.a. auch den thematisch dazu passenden Fernsehturm Žižkov (Žižkovská televizní věž) verdankt – wir berichteten bereits hier. Beide Gebäude sind von einer breiten Straße getrennt, so dass nund ein großer verglaster Füßgänger-Gehweg die beiden verbindet. Und das Hauptquartier strahlt immer noch einen gewissen realsozialistischen Charme aus, der aber trotzdem doch noch recht modern wirkt. Dazu tragen auch die neueren riesigen Sendeanlagen mit ihren Schirmen bei, die der Umgebung ein sehr innovatives Flair verleihen. (DD)

Alter Held am neuen Haus

Ein wenig wundert sich der alte Jan Žižka vielleicht, wohin und in welche Zeit er hier geraten ist. Denn es ist schon ein merkwürdiger Kontrast, den dieses vierstöckige Miets- und Bürohaus in der Chlumova 605/32, Ecke Koněvova, bietet: Oben funktionalistischer Modernismus in Reinform, unten historistischer Traditionalismus.

Es handelt sich um einer Gebäude für die Filiale der Prager Stadtsparkasse (Městská spořitelna pražská), das in den Jahren 1937/38 erbaut wurde. Der Architekt war Leo (Lev) Lauermann, der in der gleichen Zeit (1936-38) an einem der ultrafunktionalistischsten Gebäude der Stadt mitarbeitete, einem mehrere Hundert Meter langen rechteckigen Beton- und Stahlwohnklotz im Stadtteil Bubeneč, der zur Urmutter aller späteren Plattensiedlungen wurde, und der auch heute noch meist Molochov (Moloch – eine zunächst abwertende Bezeichnung) genannt wird.

Ein kompromissloser Modernist also, was vom ersten Stock des Hauses in der Chlumova an auch kaum unbemerkt bleiben kann. Es sind mehrere Kuben, die ineinandergeschachtelt sind. sodass zum Beispiel der größere Kubus der ersten drei Stockwerke vor dem kleinen Kubus des vierten Stocks einen Balkon ermöglicht. Und dann ist da dser dreistöckige Erker auf der Seite zur Koněvova, der wie ein aufgesetzter Kubus aussieht. Die Stahlbetonkonstruktion ist eben, glatt und weiß. Dazu passt die Steinskulptur auf Höhe des ersten Stocks, eine männliche Allegorie, die stilistisch dem modischen Zeitgeist der 1930er entspricht. Im Gegensatz zum Moloch auf der anderen Moldauseite (der die Plattenbauten der 1970er vorwegnimmt) wird hier noch die ästhetische Dimension des Funktionalismus sichtbar.

Das Parterre hingegen, das Teile eines früheren Gebäudes integriert, Mauerwerk mit Rustifizierungen, eine Arkade und runde Bögen dominieren hier die Szenerie. Und darüber sind steinerne Köpfe mit den Anlitzen von Kriegern aus den Zeiten der Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts. Und mitten unter ihnen Jan Žižka, unschwer zu erkennen an seiner Augenklappe (großes Bild oben). Lauermann konnte wahrscheinlich gar nicht anders als die zu seinem modernen Rigorismus eigentlich nicht passenden Relikte hier beizubehalten.

Denn: Wir befinden uns ja hier im Jan Žižka benannten Stadtteil Žižkov. Das Haus steht am Fuße jenes Berges an dem der alte Recke im Juli 1420 seine erste Schlacht – die Schlacht am Vítkovberg – gewonnen hatte. Hier an diesem Ort wäre es ein besonderes Sakrileg gewesen den Helden vom Ort seines Triumphes zu entfernen. Und so bleibt uns sein Anblick und ein seltsam zusammengesetztes Gebäude an dieser Stelle erhalten. (DD)

Nationalkirche

Der Katholizismus wurde in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreiches von vielen Tschechen mit der österreichischen Fremdherrschaft verbunden. Daraus erwuchs nach der Gründung der Ersten Republik ein gewisses Bedürfnis nach einer eigenen tschechoslowakischen Nationalkirche.

Diese Bestrebungen fanden fast vollkommen architektonischen Ausdruck in der Kirche der Tschechoslowakischen Hussitengemeinde in Smíchov (Prag 5), direkt neben dem schönen Park Santoška an der Na Václavce 117/1. Der Sakralbau stammt aus dem Jahr 1935 und wurde von den Architekten E. Sobotka und Stanislav Vachata entworfen – letzterer ein Spezialist für avantgardistische Sakralbauten, der 1939 in Zbraslav einen ähnlich modernen Kirchenbau gestalten sollte. Es handelt sich um ein nach damaligen Maßstäben hypermodernes funktionalistisches Gebäude.

Die Modernität und die architektonische Formenstrenge der Kirche entsprechen den Grundsätzen des ersten Patriarchen und Gründers der 1920 gegründeten Tschechoslowakischen Kirche (Církev československá), Karel Farský, die sich erst seit 1971 Tschechoslowakische bzw. ab 1993 Tschechische Hussitische Kirche nennt. Man wollte modern, republikanisch und national sein und dem Prunk der katholischen Kirche eine Absage erteilen. Die Kirche ist auch bekannt unter dem Namen Dr. Karel Farskýs Gemeinde der Hussiten (Husův sbor dr. Karla Farského).

Farský steht hier deshalb so besonders in Ehren, weil Smíchov am 8. Januar 1920 der Gründungsort dieser Kirchengemeinschaft war, woran ein Denkmal vor dem Gebäude erinnert. Wenngleich heutzutage die Nikolauskirche auf dem Altstädter Ring formell die tschechische Hauptkirche der Hussitenkirche ist, sieht man sich hier in Smíchov irgendwie immer noch als die eigentliche Stammkirche. Und Farský wird hier noch immerhoch in Ehren gehalten. Seine Büste befindet sich ganz prominent direkt neben dem Altar im Kirchen- bzw. Gemeinderaum.

Auch sonst präsentiert das Kirchengebäude die Botschaft ausgesprochen sichtbar für die Welt. Das beschränkt sich nicht nur auf die streng formale Bauweise mit ihren einfachen Rechteckformen, dem 21 Meter hohen Turm mit seinen in alle vier Richtungen zeigenden minimalistisch gestalteten Uhrblättern. Weithin erkennbares Symbol für die Glaubensrichtung ist der Kelch auf dem Turm. Seit die Hussiten im Mittelalter den Laienkelch als Kern ihres kirchlichen Ritus einführten, ist das Kelchsymbol Kennzeichen aller reformierten Gemeinden (auch der lutherisch-evangelischen).

Ungewöhnlicher als der Kelch ist vielleicht das Patriarchenkreuz (mit zwei Querbalken) oben auf dem Dach des Schiffes. Es hat – ebenso wie die Kreuze der russischen Orthodoxen Kirche – noch einen Schrägbalken hinzugefügt, was man auf dem großen Bild oben erkennen kann. Das erinnert daran, dass es in der Tschechoslowakischen Kirche auch immer eine panslawistische Strömung gab, die sich von der grundsätzlich westlich-liberalen Reformtheologie Farskýs im konservativen Sinne absetzte.Ein Teil spaltete sich daher 1921 ab und gründete eine eingene Tschechoslowakische Orthodoxe Kirche.

Die neuartige Stahl- und Betonbauweise (Skelettbau) ermöglichte 1935 auch eine besonders luftige Konstruktion, die viel Raum für stockwerkübergreifende Fenster ließ, besonders sichtbar bei den langen Fenster an allen vier Seiten des Turms. Und gerade bei den leicht zu übersehenden Fenstern kann man noch einmal den theologischen Grundgedanken, der hinter der Kirche steht, erkennen. Dazu gehören der Rückgriff auf das hussitische Kelchsymbol, die modern-abstrakte Darstellung und die Verwendung der 1920 eingeführten Farben der Tschechoslowakischen Fahne – rot/weiß/blau. Das es sich um eine nationale Kirche handelte, daran wollte man wohl keinen Zweifel aufkommen lassen. (DD)

Gigantomanie für Massenturnen

Noch im allmählichen Verfall strotzt dieses Gebäude nur so von dem gigantomanen Selbstbewusstsein, das zu seiner Entstehung beitrug. Geht man die Fassade entlang, so sieht man rohen Beton und Stahl in brutalistischer Manier kühn geformt. Das zunehmend zerbröselnde Material verleiht dem Ganzen den Eindruck eines Relikt einer längst vergangenen sozialistischen Zukunft.

Dieser erste Eindruck stimmt zwar, aber doch eben nicht ganz. Das große Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov kann auf eine Geschichte zurückschauen, die lange vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 begann. Der nach außen getragene Eindruck sozialistischen Brutalismus ist das Ergebnis von größeren Umbauten in den Jahren 1962 bis 1972, die von den Architekten Zdeněk Kuna, Zdeněk Stupka und Oliver Honke-Houfek durchgeführt wurden, aber nicht das ganze Gebäude betrafen. In dieser Zeit war Brutalismus allerdings auch im Westen der letzte Schrei. Man muss diesen Stil nicht mögen, aber zumindest ist es schwer, von den aberwitzigen Treppenkonstruktionen der Ostseite nicht fasziniert zu sein.

Allerdings sind größere Teile des Stadions älter und lassen sich nicht in diese Kategorie pressen, was man erst bei genauerem Hinsehen bemerkt. Die südliche und die nördliche Seite wurden zum Beispiel in dieser Form in den Jahren 1938/39 (nach der Kriegsunterbrechung 1947/48 fortgesetzt) erbaut und basieren auf den Plänen der Architekten Ferdinand Balcárek und Karel Kopp. Man kann schön erkennen, dass es sich hier eindeutig um frühe funktionalistische Gebäude handelt.

Im Grunde sind Süd- und Nordflügel sogar recht konventionell gebaut, denn man behielt bei den Stützpfeilern für die großen Tribünen sogar den klassizistischen Säulenrhythmus bei. Alles ist geradlinig strukturiert; kein Experiment in Formbarkeit von Materie. Das war in den 1930er Jahren gerade bei Stadionbauten ein allgemein zu beobachtender Trend. Die Tatsache, dass aber auch hier schon Stahl und Beton verwendet wurden, sorgt dafür, dass die Unterschiedlichkeit der Stile nicht unmittelbar auffällt. Allerdings war auch diese Materialwahl nicht die ursprüngliche, denn die Bauspase von 1938/39 war nicht die erste gewesen.

Schon 1926 hatten die Planungen für das Stadion begonnen, für die sich der damalige Stararchitekt Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier) verantwortlich zeigte. Der Originalbau hatte an der Süd- und Nordseite noch Holztribünen, die dann eben in den 1930er Jahren durch die heute sichtbaren Betonbauten ersetzt wurden. An der Westseite kann man immer noch sehen, dass die Höhendimensionen des ersten Stadions deutlich geringer sind als die neueren Bauteile.

Auch die Ziegelbauweise deutete noch auf eine bescheidenere Außendarstellung hin. Was nicht heißen soll, dass das Stadion damals bescheiden in seinen Ausmaßen war. Im Gegenteil: Die Fläche des Stadions war damals wie heute gigantisch. Die Fläche umfasst in ihren Maßen mehr als sieben konventionelle Fußballfelder. In seiner Blütezeit konnte das Stadion fast 250.000 Zuschauer fassen.

Warum so groß? Nun, das Sportfeld wurde in der Zeit der Ersten Republik (1918-1939) vor allem vom Turnerbund Sokol (Falke) genutzt. Der diente nicht nur der Körperertüchtigung, sondern war in den Zeiten des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert eine durchaus politische Organisation, die sich dem Ziel der Selbstbestimmung Böhmen und der Tschechen verschrieben hatte. Dazu organisierte der Sokol immer wieder Turnfeste mit Massenbeteiligung und synchroner Gymnastik, was als demokratische Demonstration der Stärke gedacht war.

In der Republik waren diese Turnerfeste, die immer gigantischere AUsmaße annahmen, ein Teil der Staatsfolklore. Präsident Masaryk besuchte die Feste regelmäßig. Eine zeitlang wurde das Stadion sogar bisweilen Masaryk Stadion (Masarykův stadion) genannt. Auch hier blieben die Spiele im republikanischen Sinne politisch. 1938 standen sie unter dem Motto, dass man sich dem drohenden Krieg und den Nazis entgegenstellen wollte; die Spiele 1948 waren ein letztes Aufbäumen gegen die Diktatur der Kommunisten, die gerade die Macht ergriffen hatten.

Die Kommunisten nahmen an dem republikanischen und bürgerlichen Geist der Sokolnationalfeste natürlich Anstoß und verboten sie einfach, nachdem sie in den ersten Jahren noch versucht hatten, sie zu „übernehmen“. Allerdings passte das Massenturnen und die Synchronisation von Menschen im gleichen Rhythmus doch irgendwie in die ästhetische Werbemasche der neuen roten Herren. Also führten sie stattdessen eine ideologisch kompatible Variante der Feste ein, die Spartakiaden. Die nochmalige Vergrößerung des Stadions im brutalistischen Stil passte hier klar ins Konzept. Die Feste fanden alle vier Jahre Fest und beim Fest von 1985 kündigte man bereits frohgemut die Spiele von 1989 an. Aber da kam schon das Ende des Kommunismus durch die Samtene Revolution. Da war es wieder vorbei mit den Spartakiaden.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, Václav Havel, ließ es sich 1994 nicht nehmen, das erste große Sokolfest zu eröffnen. Und nach dem Kommunismus gab es ja auch Grund zum großen Feiern. 1990 spielten hier die Rolling Stones vor 100.000 Menschen, darunter Václav Havel daselbst. Das Stadion war der Ort, wo man Spaß hatte.

Aber, schon damals bemerkte man das Abbröckeln des Betons. Es wurde immer riskanter, riesige Menschenmassen auf die Tribünen zu lassen. Die zugelassenen Sportevents (etwa Polo) wurden immer kleiner und es gab eine Diskussion, ob man das Stadion nicht abreißen sollte. Teile wurden immerhin 2003 mit Geldern der Stadt Prag für den Fußballverein AC Sparta Praha (Athletic Club Sparta Praha fotbal a.s.) renoviert, aber eben nur Teile. Es diente nun als Trainungszentrum. Seit 2014 gehört das Stadion der Stadt. Neben den Trainings gibt es dort nun einige Läden. Nur noch kleine Jugendsportveranstaltungen finden hier statt, meist mit nur wenigen hundert Zuschauern.

Vor dem Stadion steht ein Turm, den (wohl nicht nur) ich zunächst für einen organischen Teil des Ganzen hielt, weil er eine ebensolche Beton- und Stahl-Ausstrahlung hat wie das Stadion. Er hat aber nichts damit zu tun. Unter dem Stadion verläuft nämlich seit 1997 der Strahov Tunnel (Strahovský tunel), der eine schnelle Umfahrungsmöglichkeit für Autofahrer bietet, die sich nicht durch die enge Innenstadt quälen möchten. Der riesig dimensionierte Turm ist in Wirklichkeit nur ein Belüftungsschacht für den Tunnel – allerdings einer, der zu der Gigantomanie des Stadions passt. (DD)

Funktionalismus für Eigengebrauch

Mit wundervoller Aussicht über dem Park Santoška in Smíchov (Prag 5) thronend, mit Blick auf die Altstadt, liegt ein Juwel des frühen Funktionalismus: Die Říha Villa (Říhova vila).

Zur Zeit scheint sich das Gebäude in der Na Pavím vrchu 1911/1 leer und im Zustand der Renovierung befinden. Selbst mit dem etwas bröckelnden Putz auf der Fassade sieht es immer noch recht beeindruckend aus. Jedenfalls erfreut die Aussicht, dass sich das Gebäude schon bald wieder in properem Zustand befinden wird. Es wirkt – was bei modernem Funktionalismus nicht selbstverständlich ist – ausgesprochen wohnlich.

Eine Erklärung dafür ist, dass der Architekt selbst darin wohnen wollte. Es wurde nämlich in den Jahren 1929/1930 von dem Architekten Josef Karel Říha für seinen eigenen Gebrauch erbaut. Říha war einer der tschechischen Pioniere des Funktionalismus im Geiste des großen Le Corbusier – vergleichbar nur mit dessen Schüler Karel Stráník, über den wir hier berichteten. Říha selbst wiederum war Schüler von Jan Kotěra (auch hier), der zu den Pionieren der Moderne im Lande gehörte.

Das Haus erfüllt die meisten der Kriterien der Architektur von Le Corbusier. Dazu gehören Fenster, die die Breite des Gebäudes und auch Rundungen der Fassade bedecken, was erst durch die Entwicklung der Skelettbauweise möglich wurde. Auch die viertelrunde Terrasse ist typisch. Sie und die Flachdachbauweise ermöglichte eine großzügigere Begrünung. Das lag dem an Fragen der Landschaftsplanung interessierten Říha besonders am Herzen. Architektur, Gartenbau und Natur sollten für ihn immer eine Einheit sein – ein Anspruch, dem er mit seinem Haus gerecht werden wollte. (DD)