Kubismus und Posthörner

Damals sorgte man sich anscheinend um das Wohl der in der Firma Beschäftigten. Die Wohnungen für dieselben befanden sich in den oberen Stockwerken eines Gebäudes, das sogar „Palast“ genannt wurde – der Radiopalast – Haus der Post- und Telegraphen-Angestellten (Radiopalác – Dům zaměstnanců pošt a telekomunikací) in der der Vinohradská 1789/40 in Prag 2.

Und in den unteren Stockwerken gab es ein reiches Kulturangebot. Dem dient das Gebäude mit seinem Restaurant und den zwei großen Sälen, in denen Bühnen- und Musikveranstaltungen, Feiern und Bälle, Konferenzen und Kongresse, Bankette und Hochzeiten, Theater und Kabarett stattfinden, auch immer noch. Der Radiopalast ist eines von drei Kolossalgebäuden, die der Architekt Alois Dryák hier in der direkten Umgebung in Vinohrady in den 1920er Jahren entworfen hatte – neben dem Orbis Palast (Palác Orbis, wir berichteten hier) in der Vinohradská 1896/46 under Nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion (früherer Beitrag hier) in der Slezská 2000/9. Der Radiopalast entstand in den Jahren 1922 bis 25.

Selbst im Kontext der vielen Prachtfassaden, die man in diesem Stadtteil findet, ist die des Radioplastes ungewöhnlich. Es handelt sich um ein grandioses Beispiel für den Rondokubismus, der übrigens eine tschechische Spezialität ist. Dabei werden die für den Kubismus typischen geometrischen Elemente für eine eher ornamentreiche und folklorische Formensprache, setzt, was eigentlich dem funktionalistischen Grundgedanken des Kubismus früherer Zeit widerspricht, aber auf originelle Modernität und Tradition vereint. Besonders putzig sind die kleinen Posthörner in Stuck, die man allenthalben auf der Fassade findet, und die daran erinnern, dass das Gebäude ursprünglich für Post- und Telegraphenangestellte gebaut wurde.

Der Eingangsbereich deutet bereits darauf hin, das innen weniger der optisch überbordenen rondokubistische Stil angesagt ist, den Dryák so beherrschte (ein anderes Beispiel findet sich hier). Hier ist eher ein schlichter Art Déco-Stil angesagt. Hübsch ist auch das Sternsymbol mit den Blitzen, die wohl für die (damalige) Modernität des Telegraphenwesens stehen sollen.

Mit seinen 1550 Quadratmetern Nutzfläche ist das Gebäude mit seiner riesigen Fassade tatsächlich ein Bauwerk von palastartigen Dimensionen. Trotz der traditionell wirkenden Ornamentik der Fassade handelt es sich um ein äußerst modernes Gebäude – eine Skelettbaukonstruktion mit Ziegelfüllung. Zu der Modernität gehörte übrigens damals, dass neben traditionellen Bühnensälen auch ein Kino hier sein Domizil fand. Das wurde leider in den 1990er Jahren abgerissen. Heute beherbergt der Palast zwar nicht mehr nur Postbeamte, aber es gibt immer noch die kulturellen Einrichtungen und ein Restaurant. (DD)

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