Kein Rauch mehr im Amtsgericht

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Heute darf man in diesem Gebäude – in Einklang mit europäischen und nationalen Regelungen – wohl nicht mehr rauchen. Damals, als das Bauwerk in den Jahren 1926 bis 1928 entstand, da durfte man drinnen wahrscheinlich nicht nur rauchen, sondern man war mit Sicherheit damit beschäftigt, dass auch draußen der blaue Dunst die Lungen der Mitbürger ordentlich füllte. IMG_1807Denn: Das Gebäude diente als Hauptsitz der nationalen tschechoslowakischen Tabak-Direktion.

Anscheinend wurde tatsächlich damals noch viel geraucht, denn die Firma konnte sich mit dem verdienten Geld ein geradezu protziges und extrem wuchtig daherkommendes Hauptquartier in der Slezská 2000/9, Prag 2, leisten, das von dem renommierten Architekten Alois Dryák (früherer Beitrag hier) entworfen wurde. Stolz nannte man das Bürohaus nun Palast der Tabak-Direktion (palác Tabáková režie), wohl mit der Betonung auf „Palast“.

Die sechs Etagen umfassende architektonische Demonstration von Selbstbewusstsein wirkt auf den ersten Blick neoklassizistisch strukturiert, beinhaltet aber bei näherem Hinsehen viele moderne Formelemente aus Art Déco und Kubismus. Zur Architektur gehören auch bildhauerische Elemente. TabakAn den Ecken der Vorderfront sind auf der Höhe des ersten Stock Friesreliefe des Bildhauers Josef Jiříkovský angebracht, die in mehreren Stationen (vier davon im Bild links) die Ernte, Verarbeitung und den Verkauf von Tabak darstellen. Besonders die Darstellung des Verkaufs vor einem Tabakladen (großes Bild oben) zeigt, dass damals das Rauchen einer Zigarre Ausdruck von gediegener Bürgerlichkeit war, die man durchaus auch in Anwesenheit von Kindern zur Schau stellen konnte und durfte. Der feine Herr mit Bowler und schickem Mantel pafft jedenfalls noch ganz unbefangen seine Zigarre. Wie sich die Zeiten geändert haben!

Nicht minder interessant ist das Eingangsportal, dessen Seitengitter von dem Bildhauer Jaroslav Horejc, der als Großmeister des tschechischen Art Déco gilt, entworfen wurden. Sie zeigen passenderweise allegorische Figuren, die von Tabakblättern umrankt sind. Als IMG_1804Schlussstein kann man – ebenfalls in feinem Art Déco – den böhmischen Löwen als Wappentier bewundern. Der wiederum passt auch genau zu dem Zweck, den das Gebäude heute hat. Die Tabakleute sind längst ausgezogen und der Palast dient nun der Öffentlichkeit, nämlich als lokales Amtgericht (mit Schwerpunkt Geschäftsangelegenheiten). Dass man seine Nervosität vor einem anstehenden Gerichtsverfahren drinnen mit einer Zigarette lindern darf, ist nicht anzunehmen. Dazu muss man hinausgehen, um dann immerhin das Gebäude von außen bewundern zu können. (DD)

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