Dokument der Freiheit und des Mutes

In der Freiheitsgeschichte des Landes spielt sie eine nicht zu überschätzende Rolle: Die Charta 77. Heute vor 44 Jahren, am 6. Januar 1977, gelangte das bescheiden aussehende, mit einer Schreibmaschine handgetippte Dokument an die Öffentlichkeit. Das Dokument, das heute als einer der Nägel zum Sarg der kommunistischen Tyrannei gilt, ist eines der bedeutendsten Ausstellungsstücke im großen Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg.

Im Zuge der Entspannungspolitik hatten die westlichen Demokratien dem Sowjetblock für Versprechen in Sachen Wirtschaftshilfe ein Bekenntnis zur Wahrung von Menschenrechten abgetrotzt, etwa in der Helsinkischlussakte von 1975. Man dachte sich unter den kommunistischen Regierenden, das sei ein bloßes Lippenbekenntnis, und der Westen, der sich zum Prinzip der Nichteinmischung bekannt hatte, könne nichts tun, um die Verletzungen von Rechten zu ahnden.

Aber die Bürger der kommunistischen Staaten – auch in der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) – machten einen Strich durch diese Rechnung. Sie beschlossen, ihre Regierungen beim Wort zu nehmen, und das einzufordern, was die in Helsinki unterschrieben hatten. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, setzte sich eine Gruppe Oppositioneller – vor allem, aber nicht nur Kulturschaffende – zusammen, um ein Signal zu setzen. Ende Dezember verfassten sie eine Petition. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“

Das Recht, nicht in Furcht vor Repression zu leben, das Recht auf Bildung (das vor allem Kindern von Dissidenten verweigert wurde), das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht auf Religionsausübung – alles dies nehme das System den Menschen, klagen die Autoren ein. Die Gruppe nahm den Namen der Petition – Charta 77 – an und blieb unter dieser Bezeichnung bis nach der Samtenen Revolution (1989) aktiv.

Die Autoren, das waren hauptsächlich der Schriftsteller (und später der erste demokratische Präsident des Landes) Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka. Als das Dokument veröffentlicht wurde, hatten bereits 242 Menschen unterzeichnet, darunter der spätere Außenminister Jiří Dienstbier, der Schriftsteller Pavel Kohout oder die Pop-Sängerin Marta Kubišová. Fast alle Erstunterzeichner mussten schwere Repressalien – Verhaftung, Bespitzelung, Berufsverbot, Exil – hinnehmen. Patočka starb einige Zeit nach der Veröffentlichung an den Folgen von Verhören durch die Staatssicherheit, nachdem er sich heimlich mit dem niederländischen Außenminister Max van der Stoel getroffen hatte, der damals auf Besuch im Land war.

Von einer echten Veröffentlichung konnte man erst Reden, als westliche Medien wie Times, Le Monde und FAZ, denen man den Text zugespielt hatte, intensiv darüber berichteten. Die Regierenden konnten die Sache nicht mehr diskret unter den Tisch kehren. Eine Gegenkampagne wurde initiiert, die möglicherweise der Charta 77 erst richtig zur Bekanntheit im Lande verhalf. Am 28. Januar ließen die Machthaber im Nationaltheater öffentlich eine Anti-Charta unterzeichnet. Insbesondere prominente Künstler wie Karel Gott unterzeichneten, dass sie die Charta 77, die sie eigentlich hätten gar nicht lesen dürfen, für ein reaktionäres Machwerk hielten.

Ende der 1980er Jahre hatten bereits über 6000 Menschen die echte Charta unterschrieben – trotz der zahlreichen Repressionen, die mit so einem Akt des Mutes verbunden waren. Sie trugen so zur Delegitimierung des Regimes bei, das dann 1989 zusammenbrach. (DD)

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