Technik in Neorenaissance

Die Tschechische Technische Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze; vor 1920: Česká polytechnika) hat ein Gebäude, das etwas hermacht. Das verdeutlichen schon die beiden würdevollen und überlebensgroßen Statuen, die sich auf der Fassade im Eingangbereich am Karlsplatz (Karlovo náměstí 293/13, Prag 2) finden.

Man sieht dort jeweils in einer Nische zwei in Stein gemeißelte Männer im antiken Philosophengewand und mit antikem Philosophenbart. Der linke der beiden Männer ist eine Allegorie auf die Arbeit (großes Bild oben) und hält einen Hammer in der Hand, mit dem er bedächtig abwägend ein Zahnrad als Maschinenteil bearbeiten möchte. Der rechte von den beiden stützt sich auf ein Buch, das auf einem Sockel ruht, und hält eine Schriftrolle in der Hand. Er symbolisiert die Wissenschaft (kleines Bild links). Die Kombination von Arbeit und Wissenschaft, so die Botschaft des Ganzen, schafft erst die Technik, die wirklich gelingt. Besser kann man den Sinn einer Technischen Hochschule mit den Mitteln der Allegorie kaum erklären.

Die Statuen selbst wurden wiederum von dem Bildhauer Antonín Popp, der zu den führenden Künstlern der Prager Neorenaissance gehörte und daher antikisierende Sujets sehr liebte. Auch sonst ist das ganze Gebäude konsequent an diesem Stil ausgerichtet. Einer der Architekten dieser Richtung, Vojtěch Ignác Ullmann (siehe u.a. diesen früheren Beitrag), hatte es in den Jahren 1872 bis 1874 erbaut.

Wozu brauchte die Technische Hochschule ein neues Gebäude zu diesem Zeitpunkt. Nun, die Hochschule war eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Europa. Schon 1717 hatte der Unterricht in der von Kaiser Josef I. initiierten und unter Karl VI. dann ins Leben gerufenen Institution begonnen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Anteil von Tschechen, die hier studierten, gegenüber den Deutschen dramatisch zu. Es kam zu Konflikten, die auch ein kaiserlicher Beschluss 1863, von nun an beidsprachig zu lehren, nicht minderte. Also beschloss man 1869 die Aufteilung in zwei separate Institutionen, der Tschechischen Technischen Hochschule und dem Deutschen Polytechnischen Landesinstitut des Königreiches Böhmen. Für Erstere musste ein Gebäude erbaut werden – und das schaffte Ullmann rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn.

Und so wird hier bis heute tschechischen Studenten alles von Bauingenieurwesen über Elektrotechnik zur Robotik alles Mögliche an Technikwissen beigebracht. In Prag tun das (auch in Nebenstellen) 18.500 Studenten. Und was das Gebäude am Karlsplatz angeht, so hätte es die Studenten schlimmer treffen können, denn von der ursprünglichen Renaissance-Schönheit des Gebäudes ist noch viel zu sehen. Zugegeben, in den Eckteil des Erdgeschosses wurde in den Jahren 1979 bis 1985 ein von realsozialistischen Stahlbeton strotzender Eingang für die Metrostation Karlovo náměstí hineigetrieben, aber der generelle äußere Eindruck des originalen Gebäudes blieb weitgehend erhalten. Und erst einmal drinnen angekommen, beeindruckt das kolossale Renaissance-Treppenhaus Ullmanns.

Ansonsten versucht man den Geist der Technik, der das ganze durchweht, sichtbar zu machen. Schon in der Vorhalle liegt das Cockpit-Teil des UL-39 Albi, das die Hochschule mit der tschechischen Flugzeugfirma Jihlavan entwickelte. Es handelt sich um ein technisches Pioniermodell, ein Leichtflugzeug für Privatkunden, das aber dem Piloten das Gefühl gibt, in einem richtigen Kampfjet zu sitzen. Wenn man so etwas haben will, dann kriegt man hier mit Hilfe der Technischen Hochschule das Richtige geboten – zumal die gewichtssparende Bauweise ökologische Perspektiven im Flugzeugbau eröffnet.

Aber immer noch in Sachen Geschmack auf dem höchsten Stand wird das Technische natürlich durch die Meister der Neo-Renaissance vermittelt, die dieses Gebäude dereinst schufen. Von denen wurde einer noch nicht erwähnt: Josef Václav Myslbek, der hierzulande fast den Status eines Nationalbildhauers hat. Er war es, der später (d.h. 1912) die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel (früherer Beitrag hier) auf dem Wenzelsplatz entworfen hat. Der hat für die Fensterbögen im zweiten Stock – man muss also in die Höhe schauen – weibliche Genien in Stuck gestaltet, die sich alle mit der Technik in vertschiedenen Varianten befassen.

Im Bild oberhalb rechts taucht bei einer von ihnen sogar wieder das Zahnrad des Poppschen Arbeits-Philosophen auf. Eine andere der Damen hält eine kleine Apparatur hoch, bei der ein kleiner Pleuel irgendwie ein Rad an einen Apparat antreibt. So recht erschließt sich mir nicht der Zweck des Apparats, vielleicht handelt es sich um einen mechanisierten Familienbenutzer. Aber sicher ist: Schon putzig, was Myslbek hier an der Technischen Hochschule so alles an kleinen Details einfiel. (DD)

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