Der Böhmische Löwe: Langlebiges Wappentier

Heute: Kleine Prager Löwenkunde! Man sieht ihn nämlich überall in der Stadt – in Holz geschnitzt, in Stein gemeißelt, in Keramik gebrannt, als Teppich geknüpft oder in Bronze gegossen. Und ihm alleine könnte man schon eine eigene Stadttour widmen, dem Böhmischen Löwen. Er ist schließlich das stolze Wappentier der Tschechen. Im großen Bild sieht man ein Prachtexemplar, nämlich die 1848 von dem Bildhauer Joseph Max geschaffene Skulptur, die heute unter der Burg an der Chotkova auf der Kleinseite steht.

Wenn man hier in der Stadt einen Löwen sieht, sollte man ihn aber zunächst untersuchen, ob er auch der echte Wappenlöwe ist. Er muss nämlich aussehen, wie der links abgebildete Wappenlöwe auf der Fassade des dům U Bílého lva (Haus zum Weißen Löwen) in der Celetná 555/6 (Altstadt), einem ursprünglich gotischen Haus, das im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts barockisiert wurde, weshalb der Löwe von einer schön schnörkeligen Kartusche im barocken Stil umrahmt ist, die später im Jugendstil überarbeitet wurde. Ein wesentliches Kriterium ist dabei der Doppelschwanz bzw. gespaltene Schwanz. Der findet sich in der Heraldik eher selten und kann daher als primäres Erkennungsmerkmal der böhmischen Spezies gelten.

Als Repräsentant eines Königreiches hat der Böhmische Löwe auch stets eine Krone auf dem Haupte. Bei zweidimensionalen Darstellungen muss er nach links (für Fachheraldiker ist das übrigens rechts) schauen. Immer auf Wappen, nicht immer auf anderen Darstellungsformen, muss er aufsteigen. Die amtliche Farbgebung ist heute auch immer weiß auf rotem Grund. Aber, wie gesagt, im Zweifelsfalle genügt der Doppelschwanz zur Identifizierung. Zumindest erkennt man ihn dann auch noch, wenn er etwa in Form jenes blauen Löwens im Bild oberhalb rechts auftritt (nicht aufsteigend, ohne Krone), der sich in der Altstadt oben an der Fassade des dům U modrého lva (Haus zum Blauen Löwen) in der Havelská 506/11-13 befindet. Das waren ursprünglich zwei mittelalterliche Häuser, die 1810 hinter einer klassizistischen Fassade zusammengelegt wurden. Entsprechend klassizistisch kommt auch der blaue Löwe daher.

Nun sind Löwen in den böhmischen Wäldern ja eher eine seltene Spezies. Wie kam er also auf das Wappen? Dazu gibt es zunächst einmal eine populäre Erklärung, die der hiesigen Sagenwelt entspringt, genauer einem Ritterroman des frühen 15. Jahrhunderts, dessen Autor leider unbekannt blieb. Demnach war es ein gewisser Ritter Bruncvík, dem der bisherige Adler als böhmisches Wappentier nicht machtvoll genug war. Er wollte einen Löwen auf dem Wappen sehen, und da es die in Böhmen nicht gab, zog er in die Welt, um eine echte „Vorlage“ zu finden. Er erlebte ungeheuere Abenteuer und befreite dabei einen echten Löwen aus den Klauen eines Monsters, der ihn dann als treuer Freund nach Böhmen zurückgeleitete und Modell für das Wappen stand. Die treuen Prager haben dem guten Ritter dafür ein Denkmal an der Karlsbrücke errichtet, über das wir schon hier berichteten, und zu dessen Füßen der Löwe nun liegt (Bild oberhalb links).

Eine schöne Geschichte! Die wirkliche historische Erklärung ist wesentlich unspektakulärer. Der Löwe war seit dem Mittelalter sowieso neben dem Adler der meistgenutzte heraldische Tiersymbol. Löwe und Adler konkurrierten vor allem in der frühen böhmischen Geschichte um die Position des Staatsemblems. Die beiden kleinen Bilder links und rechts, bei denen es sich um Deckengemälde des späten 19. Jahrhunderts im Nationalmuseum handelt, stellen sie gegenüber.

Der schwarze Adler war das Wappentier des seit Anbeginn der Geschichte in Böhmen regierenden Geschlechts der Přemysliden. Er wird auch oft mit Bezug auf den Heiligen Wenzel (wohl der bekannteste der Přemysliden-Herrscher) als Wenzelsadler bezeichnet. Der Nationalheilige wird oft mit den Attributen Banner und den Adlerwappen als Schild dargestellt; letzteres sieht man im Bild rechts bei einer Fassadenskulptur an einem funktionalistischen Miets- und Bürohaus aus den Jahren 1934/35 in der Anglická 242/16 in Prag 2. Wegen der Verbindung mit Wenzel und den Přemysliden war der Adler im Prinzip auch zugleich das Wappentier des Landes. Die Herrscher hatten ein Interesse daran, dass Dynastie und Land so auch optisch identisch repräsentiert wurden. Der Löwe taucht als heraldisches Wahrzeichen allerdings nicht erst im Jahre 1311 auf, als mit König Johann dem Blinden die Přemysliden-Herrschaft zu Ende ging und das unbeadlerte Haus von Luxemburg den Thron bestieg.

Für die Böhmen war der Löwe nämlich schon vorher heraldisch präsent. Das hat etwas damit zu tun, dass der Přemyslide Vladislav II. 1158 als böhmischer Herrscher den durch den (deutschen) Kaiser verliehenen Königstitel tragen durfte – wenngleich auch nur auf Lebenszeit und nicht erblich. Da passte der Löwe besser, der oft auch als Symbol für die direkte Lehensabhängigkeit zum Kaiser galt. Unter Otakar II. Přemysl, der bereits zu den erblichen Königstitelträgern gehörte, wurde der Löwe im 13. Jahrhundert weiter verbreitet, vor allem als Stadtwappen von Städten, die in seinen Herrschaftsbereich gerieten. In die Zeit Otakars II. fällt auch das erste Auftauchen des Doppelschwanzes auf Wappen. Es wird oft mit seiner Krönung zum erblichen König 1253 in Verbindung gebracht. Man muss sich daher nicht wundern, dass das Löwenwappen auch auf seinem Grab (Bild oberhalb links) im Veitsdom in der Burg zu finden ist, wo er einige Jahre nach seinem Tod bei der Schlacht auf dem Marchfeld gegen die Habsburger (bei der er nicht nur sein Leben, sondern auch seine österreichischen Besitzungen verlor) seine letzte Ruhestätte fand.

Tatsache bleibt jedoch, dass der Löwen seinen großen Siegeszug als Wappentier Böhmens (zu Lasten des Adlers) mit den Luxemburgern ab 1311 (Krönung von König Johann) begann. Denn das Haus Luxemburg führte zufälligerweise (!) den zweischwänzigen Löwen schon mindestens seit dem frühen 13. Jahrhundert im Wappen als man noch gar nicht in Böhmen regierte. Und es unterstrich den Anspruch als neue Dynastie auf dem böhmischen Thron, dass man nun das Symbol der alten Dynastie, den Adler der Přemysliden, durch das hauseigene Wappentier, eben den Löwen, ersetzte, der aber eigentlich schon vor Ort als „Marke“eingeführt war. Auf dem Bild oberhalb rechts sieht man einen solchen Löwen (in Kopie für eine Ausstellung) aus der Zeit des Luxemburger-Königs Wenzel IV., dessen Original den Veitsdom auf der Prager Burg zierte.

Der Löwe war von da an äußerst resistent gegen Dynastiewechsel. Auch unter den Habsburgern blieb er unangefochten das Wappentier. Die hübsche neobarocke Skulptur der beiden Genien, die das Löwenwappen krönen, ist ein schönes Beispiel aus der Zeit von Kaiser Franz Josef. Sie ist ein Werk des Bildhauers Antonín Popp aus dem Jahre 1888 und ist Teil der Sammlung des Nationalmuseums. Die Ironie der Geschichte ist übrigens, dass die Habsburger im 13. Jahrhundert, als sie noch „nur“ den Grafentitel führten, den Löwen (blau vor goldenem Hintergrund, einfacher Schwanz) im Wappen trugen, und in der Zeit, in der sie ab dem 16. Jahrhundert in Böhmen herrschten, den Adler als Symbol trugen, wenngleich den Doppeladler und nicht den einköpfigen Adler wie zuvor die Přemysliden. Trotzdem blieb der Löwe böhmisches Wappentier.

Das Ulkige dabei war, dass der Löwe somit zugleich das offizielle Herrschaftssymbol der Habsburger war, die damit klar machten, dass sie neben dem Kaisertitel auf noch die böhmische Königskrone trugen, aber dass er zugleich das politische Symbol aller tschechischen Nationalisten war, die die Bande des Landes mit den Habsburgern eher lockern wollten. Gerade die bürgerlichen Bauten des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts wiesen oft selbstbewusste tschechische Löwensymbolik auf. Das von Osvald Polívka 1894-96 erbaute Bankhaus in der Na příkopě 858/20 (unweit des Wenzelsplatzes) weist ein besonders wuchtiges Beispiel dafür auf – das bunte Mosaik des für seine nationale Gesinnungsmalerei berühmten Historienmalers Mikoláš Aleš (früherer Beitrag hier) unter dem Dachsims (Bild oberhalb rechts).

Und als das Jahr 1918 hierzulande jede Form dynastischer Herrschaft durch die Ausrufung der Ersten Tschecho-slowakischen Republik beendete, blieb der Löwe – soagar immer noch mit der höchst un-republikanischen Krone bestückt. Die Tschechoslowakei war ein Vielvölkerstaat, bei dem die Tschechen (also die Kern-Böhmen) politisch dominierten. So stand im großen Staatswappen der Ersten Republik der Böhmische Löwe im Zentrum und die Wappen der anderen Landesteile bzw. Bevölkerungen umrahmten ihn – u.a. die Slowakei (Patriarchenkreuz), Mähren (karierter Adler), Schlesien (schwarzer Adler mit Brustmond) und Transkarpatien (Bär, blau-gelbe Streifen). Die großen Minderheiten der Ungarn und Deutschen wurden bezeichnenderweise nicht repräsentiert. Ein Beispiel für die neue Fahne ist der oberhalb links abgebildete Wandteppich aus der Sammlung des Nationalmuseums. Er wurde von dem Maler František Kysela (etwas farbverfremdet) im Jahre 1921 gestaltet. Typisch ist, dass zwei Löwen das Wappen als Schildhalter einrahmen.

Es gab übrigens offziell auch eine kleine Variante des Staatswappens, das den weißen Löwen auf rotem Grund zeigt, wobei der Löwe das slowakische Patriarchenkreuz auf der Brust trug. Diese Version findet man zum Beispiel noch auf dem Sockel des Denkmals für den Hussitenheerführer Jan Žižka vor dem Nationaldenkmal auf dem Vítkov-Berg, dessen Bau 1931 begann als dieses – nun in Stein für die Ewigkeit fixierte – Wappen noch offiziell gültig war. Mähren und Transkarpatien hatte man bei der kleinen Variante der Einfachheit halber weggelassen, was ein wenig dem allzu zentralistischen Selbstverständnis der Tschechoslowakischen Republik in dieser Zeit geschuldet war.

Später gab es einige Wappen, die gottlob wieder verschwanden, wie etwa das des von den Nazis kontrollierten Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, das nur den böhmischen Löwen und den weiß-roten mährischen Adler zeigte. Oder das Wappen, das die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) 1960 einführte – der Böhmische Löwe ohne Krone, aber ab und zu mit rotem Stern. Auf der Brust trug er das Symbol der Slowakei, aber nicht das christliche Patriarchenkreuz (das für Kommunisten undenkbar war), sondern ein neu entworfenes Flammensymbol. Man findet davon in Prag verständlicherweise nur noch wenige Exemplare. Das kleine Bild oberhalb links zeigt eines davon. Es handelt sich um ein Relief im Vestibül der Metro-Station Hradčanská. Die neue, doch arg künstliche Kreation setzte sich in den Herzen der Menschen nie durch. Sie verschwand nach 1989. Auch das 1990 eingeführte Wappen der Tschechoslowakei – zwei Böhmische Löwen (wieder mit Kronen), zwei slowakische Patriarchenkreuze – war kurzlebig, da sich Tschechien und die Slowakei am 1. Januar 1993 trennten.

Im heutigen Wappen der Tschechischen Republik nimmt der gekrönte und zweischwänzige Löwe wieder den Spitzenplatz ein. Er ist gleich zweimal vertreten, gefolgt von je einem (rot-weiß karierten) mährischen und einem (schwarzen) schlesischen Adler. So sieht man das viergeteilte Wappen an jedem Amtsgebäude, etwa hier am Eingang des Rathauses von Vinohrady (Prag 2). Dass er gleich zweimal präsentiert wird, ist ein kleiner historischer Restbestand der Vergangenheit, in der Böhmen das große Königreich war, während die anderen Landesteile wie Mähren (das im Mittelalter „nur“ eine Markgrafschaft war) oder Schlesien (immerhin noch Herzogtum) dem an Rang untergeordnet waren.

Und ist man erst einmal in Kern-Böhmen, so herrscht der Löwe alleine, wie es sich für einen Monarchen mit Krone gebührt. Böhmische Naturschutzgebiete (und andere öffentliche Einrichtungen), die der Regionalverwaltung im eigentlich recht zentralistisch regierten Tschechien unterstehen, zeigen nur und ausschließlich den Löwen, wie hier die Hinweistafel zum Naturschutzgebiet bei Liběchov. Bei großen Nationalparks käme dann wiederum das Staatswappen mit allen Landesteilsymbolen zum Zuge.

Auf jeden Fall gilt: Der Löwe lebt! In den Prager Souvenirshops findet man ihn auf T-Shirts, Biergläsern oder Keramikwaren. Auch dieser Metzgerladen in der Altstadt in der Haštalská ulice, dessen Schaufenster wir hier rechts zeigen, macht sich das enorme Werbepotential, das in dem Löwen immer noch schlummert, zunutze. In rotem Neon bewirbt er mit einem Metzgerbeil in der Klaue die leckeren Fleischwaren im Schaufenster. Das passt, denn die Tschechien sind ja bekannt für ihre sehr fleischreiche Nationalküche. Und man lernt daraus: Der Löwe hat auch deshalb überlebt, weil er es immer geschafft hat, mit der Zeit zu gehen. (DD)

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