Sgraffiti-Gewimmel

Es waren keine berühmten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte, die das Haus zur Minute (Dům U Minuty) am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 3/2) erbauten.

Das Haus, im heute täglich von Tausenden von Touristen besuchten Teil der Altstadt, ist auch viel zu klein für einen Sitz vornehmer Adliger oder reicher Patrizier. Trotz alledem gehört es mit seiner opulenten Fassaden-Ausstattung wohl zu den bekanntesten und auffälligsten Bürgerhäusern der Altstadt. Mit seinen hübschen schwarz-weißen Sgraffiti („Kratztechnik“) handelt sich um ein geradezu archetypisches Beispiel für ein bürgerliches Wohngebäude im böhmischen Renaissancestil.

Ursprünglich stand hier wohl ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das aber um 1564 grundlegend im Renaissancestil umgebaut wurde. Kurz darauf setzte man noch eine dritte Etage auf, die mit spitz zulaufenden Lünetten (gerahmte Wandfelder) über den Fenstern ausgestattet wurde. Im frühen 18. Jahrhundert befand sich hier eine Apotheke, deren Hauszeichen ein Löwe war, weshalb das Haus damals noch U Bílého lva (Zum Weißen Löwen) hieß. Das Hauszeichen – eine Löwenskulptur mit Kartusche im klassischen Stil – befindet sich noch immer in einer Ecknische im ersten Stock.

Nach der Apotheke kam ein Tabaksladen. Man muss etwas kompliziert denken, um herauszufinden, warum das Haus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nach dem Löwen benannt wurde, sondern als Haus zur Minute weitergeführt wurde. Das hat nichts mit Zeitmessungen oder Zeitabschnitten zu tun. Es leitet sich von dem Wort „minuziös“ ab und spielt darauf an, dass es hier sehr fein (und klein) geschnittenen Tabak gab.

Anfang des 20. Jahrhundert wollte man das Areal um das Rathaus am Altstädter Ring städteplanerisch großzügiger gestalten und plante den Abriss des Hauses (und des Nachbarhauses). Denkmalschützer wehrten sich dagegen heftig und erreichten 1905 den Schutz des Gebäudes. Wie recht sie damit taten, zeigte sich 1919 als man beim Renovieren die obere Putzschicht abtrug und das entdeckte, was das Haus heute so sehr zu einer sensationellen Sehenswürdigkeit macht: Die Sgraffiti, die vom ersten Stock an aufwärts die ganze Fassade dicht bedecken.

Der Reichtum der Verzierung erstaunte die Forscher, weil das Haus ja keine Vergangenheit als Sitz hoher Herrschaften und großer Mäzene aufwies. Das Ganze ist schon fast ein wenig rätselhaft. Anscheinend wurde die äußerst feinen Sgraffiti in zwei Phasen aufgetragen – ein Teil um 1590/1600 und der Rest um 1615. Es ist im übrigen unbekannt geblieben, wer der Künstler oder die Künstler dieser kleinen Meisterwerke waren.

Auch muss man nach Erklärungen suchen, warum die Sgraffiti irgendwann überputzt wurden und völlig in Vergessenheit gerieten. Nachdem sie 1919 entdeckt worden waren, wurden sie übrigens umgehend von dem Bildhauer Jindřich Václav Čapek restauriert.

Es wimmelt von Szenen und Darstellungen, die alle den für die Renaissance-Zeit typischen Moral- und Kulturvorstellungen widerspiegeln. Das sind natürlich zum einen christliche Themen, wie zum Beispiel das Bild von Adam und Eva, die mit einem liegenden Hirschen unter dem verbotenen Baum der Erkenntnis stehen – den Apfel schon in bedrohlicher Nähe. Auch Darstellungen der klassischen Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit (Bild rechts) finden sich – wie es überhaupt geradezu von realen, fiktiven und allegorischen Gestalten nur so wimmelt. Alles ist umrahmt von bildlich dargestellten klassisch-antiken Architekturelementen wir Nischen oder Pilaster.

Aber die Renaissance wäre nicht die Renaissance, ginge es nicht auch ganz spezifisch um die Wiederbelebung der römischen Antike und ihres Wertekanons. Altrömische Tapferkeit und Selbstaufopferung finden sich zum Beispiel durch Gaius Mucius Scaevola repräsentiert (Bild links). Der war während eines Krieges mit den Etruskern in Gefangenschaft geraten und beeindruckte deren König so sehr dadurch, dass er seine Hand ohne einen Schmerzenslaut in ein Feuer hielt, dass besagter König den Feldzug abbrach. Dabei kann man den schmerzunempfindlichen Helden heute noch auf der Fassade des Hauses hier in Prag beobachten.

Ein Highlight sind aber vor allem die Portraits zeitgenössischer Herrscher oben unter dem Dach zwischen den Lünetten. Da wimmelt es natürlich in erster Linie von Habsburgern, die ja zur Zeit der Anfertigung der Sgraffiti in Böhmen herrschten und dementsprechend verständlicherweise besonders herausgestellt werden mussten. Im Bild links sieht man als Beispiel den spanischen König Philipp II. (Bild links). Ebenfalls mit von der Partie sind unter anderem Maximilian II. und Rudof II., auch alles gute Habsburger der damaligen Zeit.

Nur ein Herrscher fällt ob seiner Turbantracht auf den ersten Blick etwas aus der Reihe, weil er weder Habsburger, noch Böhme, noch ein christlicher Herrscher ist: Sultan Selim II., der Beherrscher des Osmanischen Reiches (Bild rechts). Den hat man wohl dankbar einbezogen, weil er 1568 zusammen mit Maximilian II. den Frieden von Adrianopel unterzeichnet hatte, der für eine Weile erfolgreich den Frieden zwischen den beiden Großreichen garantierte. Dafür musste man ihm dann doch so dankbar sein, dass er auf der Fassade des Minutenhauses verewigt wurde.

Ach ja, Franz Kafka war ja ein wenig unstet, was seine Wohnorte in Prag anging (frühere Beispiele u.a. hier und hier) und so gehört auch dieses Haus zu den Gebäuden, in denen er einen Teil seines Lebens verbrachte. Er lebte hier als Kind mit seinen Eltern von 1889 bis 1896 und seine drei Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie wurden hier geboren. (DD)

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