Stahl – dem Brudervolk entrissen

Der in den Jahren 1976/77 gebaute Wasserturm Děvín (Vodárenská věž Děvín) thront hoch über dem Naturschutzgebiet des Prokoptals (Prokopské údolí) und neben dem denkmalgeschützten Areal der altslawischen Wallburg von Děvín (hrad Děvín) – über die wir hier berichteten – im Südwesten Prags. Man glaubt es kaum, aber das im Stil des sozialistischen Brutalismus als Stahl, Glas und Beton konstruierte Gebäude nimmt sich tatsächlich recht dekorativ aus in seiner Umgebung.

In den 1970er Jahren wurden etwas unterhalb größere Wohnsiedlungen im Ortsteil Dívčí Hrady erbaut. Die benötigten natürlich eine Wasserversorgung. Mit dem Bau des dazu notwendigen Wasserturms beauftragte man die (damals staatliche) Firma Stavoprojekt, die dann 1972 für die Planung die Architekten Karel Hubáček und seinen Kollegen Zdeněk Patrman anheuerte, die bereits wegen ihres gemeinsamen Entwurfs für den imposanten Fernsehturm Ještěd (1973) im Jeschkengebirge berühmt geworden waren. Man zog also durchaus Meister ihres Fachs heran, damit hier ein Turm entstehen möge, der sich nicht als schrecklicher Fremdkörper in der Landschaft erweisen sollte – eine ästhetische Rücksichtnahme, die man in kommunistischen Zeiten nicht immer walten ließ. Unter den vielen Wassertürmen, die in dieser Zeit gebaut wurden, ragt er optisch schon positiv heraus.

Die Architekten schufen einen aus drei gleichwinklig zueinander stehenden Pfeilern mit Stahl-Ummantelung bestehenden Turm, dessen Zwischenräume mit Glas versiegelt wurden, sodass die Treppe innen windgeschützt war. Das ist eine recht einzigartige Konstruktion für Nutzgebäude dieser Art. Auch technisch unterscheidet sich der satte 50 Meter hohe Wasserturm von anderen Wassertürmen. Das erahnt man das schon eventuell als Experte, wenn man ihn von weitem sieht. Es ist oben anscheinend kein großer Tankraum für die Ansammlung von Trinkwasser, das sich dann mit Schwerkraftwirkung in die Leitungen drückt, wie das bei traditionellen Wassertürmen der Fall ist (Beispiele stellten wir u.a. hier und hier vor). Das Pumpwerk sollte der Dämpfung von Druckstößen dienen, die durch den Wasserzufluss der weitab und vor allem höher gelegenen Talsperren Jesenice und Švihov kamen. Das Pumpwerk besteht heute aus drei Pumpen mit einer Leistung von 1800 Litern pro Sekunde.

Als 1976 die Bauarbeiten begannen, war die Wohnsiedlung, deren Wasserversorgung durch den Turm gesichert werden sollte, fast fertiggestellt. Dann kam es zu einem Eklat. Einer der Firmen, die den Stahl liefern sollte, die Klement Gottwald Eisenwerke Vitkovice (Vítkovické železárny Klementa Gottwalda), wollte anscheinend ihrem schändlichen Namen gerecht werden. Klement Gottwald, der Namenspate, war der erste kommunistische Präsident der Tschechoslowakei und führte 1948 das Land in die stalinistische Diktatur. Da das sozialistische Bruderland, die Sowjetunion, der Firma einen kurzfristigen Auftrag erteilt hatte, den man nicht abzulehnen können meinte (der Bruder war ja in Wirklichkeit der allmächtige Boss), beschloss man einfach, die vertragliche Verpflichtung gegenüber den wackeren Turmbauern nicht einzuhalten. Die mussten bei den lokalen Behörden alle Hebel in Bewegung setzen, bis am Ende Anweisungen von höchster Stelle kamen, den Stahl doch zu liefern. Um ein Haar wären Menschen in ihre Wohnungen gezogen, um dann auf längere Zeit kein fließendes Wasser geliefert zu bekommen. Das konnte im letzten Moment noch abgebogen werden. Was die Sowjets dazu sagten, dass man ihnen den bereits sicher geglaubten Stahl entrissen hatte, ist mir nicht bekannt.

Ganz oben hat man schon vor einer technischen Erneuerung des Turms in den Jahren 2019/20 unzählige Antennen an einem Gerüst angebracht, um Prags Funk-Kommunikation zu verbessern. Das ist zwar vom Nutzensgesichtspunkt sicherlich sinnvoll, aber ästhetisch betrachtet sehr schade. Der Ursprungsbau von war noch von keinem Antennengewirr umgeben. Da man, dass Architekt Hubáček ganz oben die drei Stahlpfeiler mit je eier Querverbindung verknüpft hatte, damit dann seine Namensinitiale „H“ in alle Himmelsrichtung sichtbar wurde – ein Stück witziger Eigenwerbung also. Das ist – wie das Bild rechts zeigt – nunmehr allenfalls mit Mühen erkennbar. Aber auf alten Photos (siehe Bild 3 dieser Photogalerie) kann man das „H“ noch deutlich sehen. (DD).

Schleuse und Elektrizitätswerk in Miřejovice

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert wurde die bis dato unberechenbare und wegen ihrer Untiefen fast unbeschiffbare Moldau durch Schleusen reguliert und gebändigt. Schrittweise wurden etliche der Stauwerke bald auch für die Stromerzeugung genutzt. Es entstanden dabei nicht nur kleine technische Meisterwerke, denn meist vernachlässigte man die ästhetische Seite nicht völlig. Ein hübsches Beispiel dafür ist die rund 25 Kilometer nördlich von Prag gelegene, im Spätjugendstil gestaltete Schleuse von Miřejovice (Zdymadlo Miřejovice) mit ihrem recht einzigartigen kubistischen Elekrizitätswerk.

Es war dies nicht der erste Versuch, die Moldau an dieser Stelle zu zähmen. Die Anlage befindet sich direkt bei dem barocken Schloss und Landschaftspark Veltrusy (wir berichteten hier). Die Besitzerfamilie, das Adelsgeschlecht Chotek, ließ hier (auch zum Schutz des Parks) im Jahre 1755 eine Brücke mit einem Holzwehr erbauen. Die wurde jedoch beim großen Hochwasser von 1784 restlos zerstört. Aufgebaut wurden danach weder das Stauwehr noch die Brücke. Stattdessen verkehrte hier eine kleine Fähre, die Veltrusy mit dem gegenüber am westlichen Ufer liegenden Ort Nelahozeves (das erwähnten wir hier), zu dem Miřejovice gehört, verband. Ende des 19. Jahrhunderts war klar, das das nicht so bleiben würde. 1896 wurde die staatliche Commision für die Canalisierung des Moldau- und Elbe-Flusses in Böhmen (Komise pro kanalisování Vltavy a Labe v Čechách) ins Leben gerufen, die ein Gesamtprojekt der Schiffbarmachung und Bändungung des Flusses erarbeite, mit dessen Umsetzung man umgehend begann.

Und so wurde in den Jahren 1900 bis 1903 bei Miřejovice (genauer: Moldau-Kilometer 18) nach den Plänen des Architekten und Ingenieurs František Sander ein neues Schleusenwehr erbaut, das an Größe und technischem Standard seinen Vorgänger bei weite übertraf. Mit der Durchführung wurde die Maschinenfabrik Breitfeld-Daněk beauftragt, die später mit dem heute noch existierenden Maschinenbauer ČKD zusammenging. 288 Meter ist das Wehr breit. Es gibt zwei Schleusenkammern, die größere ist 133,4 Meter lang und 20 Meter breit und die kleinere Kammer ist 73 Meter lang und 11 Meter breit. Der Höhenunterschied des Wasserspiegel beträgt 3,45 Meter. Auch wenn heute meist nur Paddler und Kanuten den Fluss hier passieren und keine Frachtschiffe, ist das Ganze also für etwas größere Schiffe ausgelegt. Zudem dient das Wehr auch der Wasserregulierung.

Der eigentliche Clou war jedoch die Brücke, die über die ganze Länge des Stauwehrs führte. Sie ist ganze 7 Meter breit und war damals für den Fahrzeugverkehr (erst Pferdefuhrwerke, später Autos) geöffnet. Erst 1974 wurde sie in eine reine Fußgänger- und Fahrradbrücke umgewandelt. Kleine Barrieren versperren den Autos nun den Weg. Die Pläne für die Brücke stammten von dem Ingenieur Professor Jan Záhorský, der es später – im Jahre 1920 – sogar zum Parlamentsabgeordneten bringen sollte. Es handelt sich um eine Stahlgitterkonstruktion, die damals modernsten technischen Ansprüchen genügte. Die luftige Gitterstruktur, die die Fahrbahn fast wie ein Dach überspannt,erlaubt dem den Fluss querenden Pasanten eine schöne Aussicht auf die umliegende Landschaft. Eine ähnliche Brücke baute Záhorský später auch in Česká Lípa (die Poklopový most)

Die Brücke ist als Wehr-Brücke nicht freitragend. Vielmehr ruht sie statisch auf fünf großen Türmen, die zugleich auch als Pfeiler dienen. Sie haben zur Fahrbahn hin je 3,5 Meter Breite. Vom Wasserspiegel bis zum Dachgiebel beträgt die Höhe 12 Meter, wobei die beiden äußeren Türme etwas niedriger sind als die drei mittleren.

Sie erfüllen dabei nicht nur eine Trage- und Stützfunktion für die Brücken-Fahrbahn. Innen befinden sich nämlich (und mag der Grund sein, warum überhaupt Türme gebaut wurden) hydrauliche Mechanismen für Zylinder, die die Höhe des Stauwehr in fünf Abschnitten verändern können. Auch das neueste Technik vom Feinsten! Befugte Mitarbeiter (aber wohl nur die) können die Türme von der Fahrbahn aus über ein Gittertörchen betreten, um die Technik in Ordnung zu halten.

Die Türme geben der Anlage trotz aller Modernität (die bei späteren Renovierungen noch verstärkt wurden) ein fast schon an Burganlagen aus dem Mittelalter erinnerndes archaisch-historisierendes Aussehen. Optisch gehört die ganze Anlage dadurch jedenfalls zu den imposantesten unter den Stauwehren und Schleusen an der Moldau.

Was thematisch zu der ästhetischen Dimension des Stauwehrs und der Brücke führt: Die Brückenauffahrten (insbesondere die auf dem östlichen Ufer bei Veltrusy), auf denen vor allem die Stahlbrücke seitlich aufgehängt ist, sind natürlich ganz traditionell aus solidem Stein gebaut.

Während die Brücke selbst nur stählernes Material und Funktionalität für sich sprechen ließ, wurde hier 1903 auf skulpturale Ausgestaltung geachtet. Die zierenden Pfeiler an den Fahrbahnrändern sind im späten Jugendstil gehalten, dem sogenannten geometrischen Jugendstil, der im Gegensatz zu frühern Stilformen auf florale Ornamentik verzichtet. Jedenfalls wird hier mit sehr abstrakten und strengen Formen operiert, die dadurch wiederum mit der technischen Grundidee korrespondieren. Es sieht so aus, als ob hier aus Stein Maschinenteile nachgebildet worden wären.

Ein wenig deutet das vielleicht darauf hin, dass damals der Jugendstil schon aus der Mode zu fallen schien. Schon kurze Zeit später wurde er von dem noch experimentelleren und abstrakteren Kubismus verdrängt, mit dem das Ganze schon gewissen Ähnlichkeiten aufweist.

Der hatte dann seinen großen Auftritt als in den Jahren 1928 bis 1930 einige Meter unterhalb auf dem westlichen Ufer (als bei Miřejovice) ein Wasserkraftwerk für Stromgewinnung erbaut wurde. Architektonisch und in der Ausführung war für das Gebäude die Baufirma Kapsa und Müller zuständig. Insbesondere Mitgründer Lumír Kapsa hatte an etlichen kubistischen Gebäuden mitgewirkt, wetwa bei der Masaryk-Brücke (Masarykův most) in Pilsen. Und als er das Elektrizitätswerk hier in Miřejovice baute, war gerade der sogenannte Rondokubismus en vogue, eine originär tschechische Variante des Kubismus, die den eigentlich abstrakten, auf geometrischen Formen basierenden Stil so umformte, dass sich eine pseudo-flokloristische oder -klassische Formensprache ergab (Beispiele stellten wir bereits u.a. hier, hier und hier vor). Man betrachtete das damals eine eine Art modernen und zugleich traditionalistischen Nationalstil für die Tschechoslowakei.

Und so sieht man es auch hier. Ob die an Burgenarchitektur erinnernden „Schießscharte“ oder die klassizistisch anmutenden Halbbogenfenster am Bauwerk selbst oder die schwungvoll gestalteten Beleuchtungen draußen – alles ist sehr konsequent rondokubistisch designt. Obwohl durchaus modern, käme man auf den ersten Blick nicht darauf, dahinterein funktionales Gebäude wie ein Elektrizitätswerk zu erwarten.

Und das ist es ja natürlich auch: Das eigentliche Kraftwerk in dem rechteckigen Gebäude wurde durch die Firma von František Křižík entworfen. Der war Pionier der Elektrifizierung im Lande und ein Erfindergeist von solchen Ausmaßen, dass man ihn als den „tschechischen Thomas Edison“ in Erinnerung hat. Das Kraftwerk ist mit fünf sogeannnten Francis-Turbinen ausgerüstet. Die Wasserrinne, die die die Turbinen betreibt, ist rund 700 Meter lang. Die Gesamtleistung betrug satte 3,57 Megawatt. Allerdings befinden sich nicht mehr nur die alten Originalausrüstungen (was angesichts der Bedeutung von Křižík natürlich reizvoll wäre), denn das Kraftwerk wurde immer wieder renoviert, insbesondere Anfang der 1990er Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Immerhin kann man noch auf einem Vorplatz einen Teil einer alten Turbine bewundern.

Nach Abschluss der Renovierung 1992 begann man über eine Privatisierung der als Kleines Wasser-Elektrizitätswerk (Malá vodní elektrárna, MVE) eingestufte Anlage nachzudenken. Seit dem Jahr 2006 gehört das Elektrizitätswerk dem Stromkonzern Energo-Pro, der zahlreiche kleine und große Wasserkraftwerke an der Moldau betreibt, etwa das bei der weiter flussaufwärts befindlichen Talsperre Slapy.

Mit Hilfe von EU-Fördergeldern renovierte die Firma in den Jahren 2009 bis 2012 die Anlagen noch einmal (mittlerweile produziert sie 4,8 Megawatt) gründlich und besserte sie auch technisch auf. Es leistet dadurch einen wichtigen Beitrag für die Stromversorgung des Prag umgebenden Mittelböhmischen Kreises (Středočeský kraj).

Und obendrein ist das Gebäude auch äußerlich in allerbestem Zustand und sieht wie gelackt aus. Das rondokubistische Design kommt nun voll zum Tragen. Insbesondere der Eckturm, der harmonisch zum Design der Türme am Stauwehr passt, sieht todschick aus. Das wird auch dem Status als ein schützenswertes Denkmal gerecht, den Schleuse und Elektrizitätswerk schon seit 1958 (also kommunistischen Zeiten) innehaben, und der 2010 noch einmal bekräftigt und verstärkt wurde. Die Anlage gehört zuden kleinen Attraktionen der Umgebung (von denen natürlich das nahegelegene Schloss Veltrusy das kulturhistorische bedeutendste ist), die von Ausflüglern bewundert werden kann und auch wird. Dazu trägt auch der gut ausgebaute, grenzübergreifende Moldau- und Elbe-Radweg bei, der hier vorbeiführt.

Im Jahre 1984 hatte übrigens der schon 1960 gegründete Kanuverein der nahen kleinen Stadt Kralupy Grund zum Jubeln. Damals wurde im östlichen Ablaufkanal eine 600 Meter lange Slalomstrecke für Kanuten aufgebaut, die vom Verein betreut wird, aber auch für andere Nutzer offen ist. Zwischen 9 und 12 Kubikmeter pro Sekunde fliesst hier das Wasser, was hinreichend für ein schönes und spannendes Wassersporterlebnis ist. In der Tat beschränkt sich der Flussverkehr in diesem Abschnitt der Moldau trotz der großen Schleuse hauptsächlich auf Kanuten und Paddler. Die bekommen hier allerdings viel geboten. (DD)

Der Moldaukanal

Dass man von Prag nach Hamburg mit dem Boot auf schiffbaren Gewässern reisen kann, verdankt man einem langen Prozess der Bändigung der Moldau (Vltava). Der Moldaukanal zwischen den Ortschaften Vraňany und Hořín ist ein bemerkenswerter Teil dieses Prozesses.

Während die Elbe aufgrund ihrer Größe und Tiefe noch weit oberhalb der Mündung der Moldau leicht schiffbar oder leicht schiffbar zu machen war, zeichnete sich die Moldau durch zu geringe Tiefe, unberechenbare Strömungen und felsige Untiefen aus. Nur kleine Boote und vor allem Flöße (wir berichteten hier und hier) konnten hier einigermaßen verkehren. Über Jahrhunderte hatte man versucht, durch Wegschaffen von Felsen oder kleinen Staustufen das Problem zu lösen, aber ohne durchschlagenden Erfolg. Schließlich, im Jahre 1896 wurde Nägel mit Köpfen gemacht und die staatliche Commision für die Canalisierung des Moldau- und Elbe-Flusses in Böhmen (Komise pro kanalisování Vltavy a Labe v Čechách) gegründet. Durch eine groß angelegte Kanalisierung und etliche Staustufen und Schleusen sollte der wilde Fluss bezwungen werden. Und das gelang mit bemerkenswerter Geschwindigkeit, denn im Jahre 1906 war der Fluss im Kern so gebändigt, wie er es bis heute ist.

Besondere Probleme bereitete dabei der letzte Flussabschnitt bevor die Moldau gegenüber von Mělník in die Elbe mündete. Um den unübersichtlichen und flachen Flusslauf schiffbar zu machen, beschloss man den Bau eines (westlich) parallelen Kanals. Mit den Entwürfen dazu beauftragte man den Architekten und Ingenieur František Sander, dessen Pläne in den Jahren 1902 bis 1905 umgesetzt wurden. Auf Flusskilometer 11,4 (beim Ort Vraňany) wurde nun der Fluss „geteilt“, das heißt er wurde zunächst einmal durch die neue Schleuse von Vraňany (Zdymadlo Vraňany) hochgestaut. Das ist eigentlich keine Schleuse in dem Sinne, dass es eine durch Schleusentore verschließbare Schleusenkammer gibt. Seit einem Umbau in der Jahrtausendwende existiert die anfänglich vorhandene Kleinschleuse am rechten Ufer nicht mehr. Vielmehr ist die östliche Seite des Flusses nur hochgestaut, was an am westlichen Ufer die Ableitung in den neu damals gegrabenen Kanal ermöglicht. Der liegt nun höher als der östlich weiterfließende Fluss, der sich zunächst über das Stauwehr ergiesst (Bild oberhalb rechts). Auf dem kleinen Bild oberhalb links sieht man die kleine Trennmauer, die den Fluss links in den Kanal und rechts über das Wehr leitet.

Die beiden getrennten „Flussarme“ kommen auch nicht mehr zusammen, sondern fließen nur wenige Dutzend Meter getrennt voneinander in die Elbe, womit die Moldau im Prinzip zwei Mündungen hat. Der Kanal funktioniert natürlich nur, wenn am anderen Ende flußabwärts auch eine Staustufe ist, die das in Vraňany hochgestaute Wasserniveau hält. Dem ist auch so. Nach rund 10 Kilometern und nur wenige Meter vor der Kanalmündung entfernt (wo man das Schloss von Melnik an der Elbe schon sehen kann), wird der Kanal durch die Schleuse Hořín (bild links) auf- bzw. zurückgestaut, die tatsächlich eine Schleuse mit Schleusenkammern, Schleusentoren und allem Drum und Dran ist, und über die wir hier bereits berichteten.

Der Kanal ist zwischen 2,5 und 3 Meter tief und die Breite variiert zwischen 18 und 36 Meter. An vier Stellen gibt es keilförmige Ausbuchtungen, die Schiffen das Ausweichen oder Umdrehen ermöglichen. Ganz große Ozeanschiffe können den Kanal natürlich nicht nutzen, aber wie das Bild rechts zeigt, das einige Meter flussaufwärts von Vraňany aufgenommen wurde, reicht es für normale Flussfrachtschiffe durchaus. Allerdings dürften kleinere Ausflugsboote, die zwischen Prag und Melnik verkehren, sowie kleine Yachten, Motorboote, Kajaks und Kanus die Mehrheit des Wasserverkehrs bestimmen. Der Kanal und der Fluss oberhalb werden gerne und viel von Wassersportlern genutzt. Im Verlauf wird der Kanal übrigens von 8 Brücken überquert. Insbesondere die Brücke der Bahnstrecke Vraňany zur kleinen Ortschaft Lužec nad Vltavou (die Dank des Kanals übrigens eine Insellage zwischen den beiden Flussarmen einnimmt) erlaubte bisher nur Schiffen mit bis zu 4,5 Metern Höhe die Durchfahrt. Seit 2021 gibt es eine Hubbrücke, die Schiffe bis zu 7,5 Metern durchlässt. Das, die bereits erfolgte Vergrößerung der Schleuse Hořín und die geplante Vertiefung des Kanals wird den Moldaukanal in Bälde noch attraktiver für den Schiffsverkehr machen.

Nun ist es aber nicht so, dass der eigentliche Moldauverlauf (also nicht der Kanal) weiterhin der wilde Fluss ist, der er vor 1905 war. Auch er wurde begradigt und beruhigt. An manchen Stellen kann man noch den alten, wesentlich verschnörkelteren Verlauf des Flusses erkennen, weil noch abgeschlossene Teichlandschaften davon zeugen, etwa bei dem kleinen Örtchen Vrbno (über das wir hier berichteten), wie man auch dem Bild links erkennen kann. Wie schon Lužec nad Vltavou liegt auch Vrbno auf der Insel zwischen Fluss und Kanal. Da der Kanal über das umliegende Landniveau dort hochgestaut ist, hängt die Sicherheit der Orte sehr von der Sicherheit des Deichs des Kanals ab. Da hat es schon gehapert. Beim großen Moldauhochwasser von 2002 brach der Deich in der Nähe von Vrbno, was den sowieso schon großen Schaden, den die Flut anrichtete, ins Unermessliche anstiegen ließ. Um das Unglück vollkommen werden zu lassen, brach der Deich nach anscheinend unzureichenden Reparaturen beim (geringfügig kleineren) Hochwasser von 2013 abermals. Vielen Orten der Insel sieht man die Folgen immer noch an.

Man kann nur hoffen, dass die Anlage nun so befestigt ist, dass derartige Dinge sich nicht wiederholen. Was jedenfalls immer perfekt den Herausforderungen des Wassers standhielt, sind die beiden Stauwerke bzw. Schleusen. Während die Schleuse von Hořín als geschütztes Denkmal immer noch das prachtvolle jugendstilige Erscheinungsbild gewahrt hat, dass ihr der Architekt Sander 1905 gegeben hat, sieht man der Staustufe in Vraňany nicht mehr auf den ersten Blick an, dass sie gleichen Alters ist. Man sieht noch das alte Haus des Schleusenwärters und einige kleine Nutzgebäude am Wegesrand, die den ursprünglichen sehr historistischen Charakter der Ursprungsanlage erhalten. Aber weil hier keine aufwendige Schleusentechnik im Spiel war, war die ursprüngliche Technikausstattung bescheidener dimensioniert.

Und deshalb wird sie optisch von der größer angelegten modernen Technik überlagert, so dass das Ganze zunächst einmal recht neu wirkt. Außerdem wurde das veraltete Stauwerk zwischen 1973 und 1984 vollständig umgebaut und modernisiert. Nichts erinnert an das alte Wehr. Und dann sind da die Wasserkraftwerke, die man im Lauf der Zeit hinzugefügt hat. In Hořín zwang schon die denkmalgeschütze Optik zu eine Minimalnutzung und -ausstattung. Das kaum wahrnehmbare Kraftwerk leistet schlappe 30 Kilowatt. Die Anlagen in Vraňany haben da eine ganz andere Dimension. Sie wurden 2006 gebaut und leisten satte 2750 Kilowatt (oder auch 2,75 Megawatt) an Strom. Deshalb wirkt das Stauwerk auch so modern und industriell.

Ach ja, und historisch gesehen sollte der Moldaukanal Teil eines noch gigantischeren Schiffbarmachungs-Projekts werden. Seit dem 14. Jahrhundert, dem Zeitalter Karls IV., gab es immer wieder sporadisch Pläne, nicht nur Elbe und Moldau schiffstüchtig zu verbinden, sondern auch die Donau einzubeziehen. mehrfach wurden die Pläne im aufgeklärten 18. Jahrhundert wieder aufgenommen. 1878 wurde erst mal ein technisch durchdachtes Konzept entwickelt, nachdem der Wiener Reichstag fünf Jahre zuvor dem Projekt zugestimmt hatte. Wären die Pläne verwirklicht worden, wäre der heutige Moldau Kanal mit einem zusätzlichen 222 Kilometer langen Kanal verbunden gewesen, der mit 62 Schleusen ausgestattet über Budweis führend, die Donau im niederösterreichischen Korneuburg getroffen hätte. Konkrete Vermessungen und Landerwerbsprojekte wurden bereits angefangen. Aber bevor die Bauarbeiten begannen, kamen Zweifel auf, die der Kanal mit dem hier bereits bestehenden Eisenbahnsystem preislich konkurrieren könnte. 1907 gab man die Sache nach langem Zögern auf. Spätere Wiederbelebungsversuche nach dem Ersten Weltkrieg und während des Dritten Reichs kamen nie über das Anfangsstadium hinaus.

Und so blieb der Donau-Moldau-Elbe-Kanal völlig unvollendet. Völlig unvollendet? Nein, ein kleiner Abschnitt zwischen Vraňany und Hořín wurde eben doch realisiert und besteht immer noch: Der Moldaukanal. In seiner bescheideneren Dimension hat er seinen Nutzen bereits historisch bewiesen. (DD).

Pedal Planet: Ein Museum, das der Seele gut tut

Das ist das Traummuseum für Kinder und alle Erwachsene, denen es gelungen ist, dass innere Kind in sich zu bewahren. Erst seit dem Juni 2021 gibt es das Tretautomuseum Pedal Planet (Pedal Planet – muzeum šlapacích autíček Praha) in der Cihelná 235/2a auf der Kleinseite direkt neben dem (irgendwie weniger lustigen) Kafka Museum.

Das ist natürlich eine Superlage – direkt neben der Karlsbrücke. Weil das kleine einstöckige Haus etwas in einem Winkel eines Hofes versteckt liegt, ist der Andrang nicht ganz so groß, wie man es hier erwarten könnte, weshalb man sich das Ganze schön in Ruhe ansehen kann. Und das ist ein Heidenspaß. Riesig ist es nicht, aber es enthält alles, was es enthalten muss, um sich über die Geschichte von Tretautos für Kinder in der ganzen Welt informieren zu können. Schon im Jahr 2018 wurde im slowakischen Nová Polianka in der Hohen Tatra ein Pedal Planet Museum mit rund 120 Ausstellungsstücken eröffnet. Der erfolg war so groß, dass man 2020 den Plan fasste, ein Museum in Prag mit heute rund 110 Tretautos zu gründen. Wegen der von der Regierung verhängten Covid-Restriktionen verschob sich die Eröffnung etwas.

Wie man sich denken kann, begann die große Zeit der Tretautos ungefähr zu jener Zeit, als die „richtigen“ Autos für erwachsene Fahrer sich Dank der Erfindung der Fließbandproduktion (beginnend mit Fords Model T 1908) als Massenvehikel auf den Straßen verbreiteten, was in Europa vor allem in den wirtschaftlichen Boomzeiten der 1920 in Schwung kam. Aber das Prager Pedal Planet kann sich rühmen, noch älteres aufzufahren. Das älteste Exponat ist nämlich eine in Belgien erbaute Kutsche Chariot für Kinder, der man damals Pedale als Antrieb eingebaut hatte, und die eigentlich schon wie ein hölzernes Automodell aussah.

Die große Zeit der Tretautos kam in den 1930er Jahren. Nicht nur zahlreiche Spielzeug- und Fahrradproduzenten führten sie jetzt in ihrem Angebot ein, sondern auch Heimwerker ließen es sich nehmen, ihren Kindern eine Freude mit Selbstgebasteltem zu machen. Das Prunkstück in dieser Hinsicht steht gleich als erstes sichtbar im Eingangsbereich – der noch mit Originallack und allem Drum und Dran erhaltene Nachbau eines Rennwagen vom Typ Praga Baby (das große Original wurde in der Tschechoslowakei zwischen 1934 und 1938 gebaut).

Und so geht es weiter mit der Tretautoproduktion der Tschechoslowakei, etwa mit dem im Bild rechts im Vordergrund abgebildeten Modell eines Aero Sodomka, das im in den1930ern von der Flugzeug- und Automobilfirma Aero (bzw. dessen auf Karosseriebau spezialisierte Subfirma Sodomka) für Werbezwecke gebaut wurde. Eine richtig schicke Stromlinienform bestimmt das Design – wie man überhaupt viel über Stilkunde und Designentwicklung beim Automobilbau, auch bei den „großen“, lernen kann.

Das Museum ist übrigens kein staatlich betriebenes, sondern besteht aus der Privatsammlung des Slowaken Maxim Stošek, der beruflich nicht etwa Tretautorennfahrer ist, sondern mit seinem Einkommen als erfolgreicher Zahnarzt die weltgrößte Tretautosammlung finanziert. Und man merkt es dem Museum an, dass es nicht von Beamten verwaltet, sondern von einem wahren Liebhaber gehegt und gepflegt und ständig ergänzt wird. In der Regel darf man sich auch nicht in die Exponate hineinsetzen und damit rumfahren (letzteres darf allenfalls Stošeks Tochter, heißt es), aber so ganz will man dem Spieltrieb der Besucher nicht einen Riegel vorschieben, denn einige Modelle (deren Pedale allerdings blockiert wurden) dürfen explizit für „fotoshootings“ benutzt werden, sodass man sich hineinsetzen darf – eine Gelegenheit, die, wie man sieht, von mir begeistert genutzt wurde, und zwar in ein einem für Verkehrskindergärten entwickelten Nachbau eines Porsche 356 der deutschen Firma Gunske aus den 1950er Jahren.

Eine der Vorlieben Stošeks sollen Nachbildungen von Boliden der 1960er und 1970er Jahre sein, ein Sujet, bei dem vor allem damals italienische Produzenten wie Pines brillierten. Eines von vielen Beispielen, die man im Pedal Planet ausgiebig beäugen kann, ist dieser gelbe Pines Carrera (Bild rechts). Zweifellos ein schickes Teil mit viel Chrom und ausgesprochen proper restauriert. Und so gibt es überhaupt eine riesige Schau großer bekannter westlicher Marken, die meist Modelle bekannter Marken wie Porsche oder Ferrari produzierten. Aber die sind ja nicht immer die seltensten und originellsten Stücke auf dem Markt, und so findet man hier gottlob auch Dinge, von denen man nicht einmal geahnt hat, dass es sie überhaupt geben könne.

Es fängt an mit einem der wenigen Motorräder in der Sammlung, einer Nachempfindung des Modells G-20 der US-Firma Indian Scout, das in den 1920er Jahren produziert wurde. Die sehr elaborierte Tret-Version stammt aus den 1950er Jahren und ist von unbekannter Hand gestaltet. Unter allen Modellen des Museums hat dieses US-amerikanische Motorradmodell von der anderen Seite des Großen Teichs die längste Reise hinter sich gebracht, um dann endlich hier in Prag anzukommen.

Eine besondere Vorliebe zeigt Stošek für längst vergessene Marken aus dem alten Ostblock, und dort insbesondere aus der alten UdSSR, die zum Teil überraschend hochwertig erscheinen, und wirkliche Raritäten geworden sind. Da teure Leichtmetalle in der Sowjet-Ökonomie meist nicht so leicht zu beschaffen waren, wogen russische Tretautos manchmal das doppelte von bauähnliche italientischen oder deutschen Modellen. Ein kleiner Nachteil war das, machte sie aber recht robust. Viele Modelle stammten von der eigentlich „echte“ Autos produzierenden Firma Moskwitsch, die Tretautos als Nebenerwerb bastelte. Rechts sieht man das Modell I der Tretautoproduktion.

Ach ja, Tretautos können zwar einfache selbstgebaute Seifenkisten sein, aber manche sind auch technisch recht komplex. Obwohl nicht so sehr alt und immerhin in der limitierten Auflage von 999 Stück gebaut, gehört das von Audi in Deutschland gebaute Tretmobil Auto Union Type C (das Original brach in den 1930er Jahren Rekorde) aus dem Jahr 2007 zu den stolz präsentierten Schmuckstücken des Museums. Das im Maßstab 1:2 gebaute Modell mit der Seriennummer 100 wurde aus 900 Teilen zusammengesetzt. Wie beim Original, das eine Spitzengeschwindigkeit von fast 400 km/h erreichte, ist zum Beispiel das Lenkrad einfach abmontierbar, um dem Fahrer das Einsteigen zu erleichtern. Das Tretmodell wird als so wertvoll erachtet, dass es als eines der wenigen Exponate des Museums in einer sicheren Glasvitrine sein Dasein fristet.

Was ist mein Lieblingsteil? Ach, sie sind alle schön. In die engere Kandidatenwahl käme vor allem eines: Wie jeder Babyboomer liebte ich immer die US-Fernseh-Trickfilmserie Familie Feuerstein (Original: The Flintstones), eine in eine fiktive Steinzeit verlegte Persiflage auf das moderne Familienleben, die von 1960 bis 1966 produziert wurde. Deren steinzeitlich anmutende Automobile erfreuten sich immer großer Beliebtheit. Und so baute die US-Tretautofirma A.M.F. im Jahre 1962 ein solches Vehikel als Tretauto nach. Hätte man es damals gekannt, wäre ein Kindheitstraum wahr geworden. Jetzt durfte man davor stehen und es bewundern.

Und als ich dann noch ein Tretautomodell meines ersten echten, d.h.motorisierten Autos, einem Renault R4, entdeckte, floss das Herz über vor Rührung. Das Modell (als Tretauto natürlich ohne Bedachung) wurde in den 1950er Jahren von der französischen Firma Devillaine erbaut. Schlicht und schön! Nochmals: Ein Museum für Kinder und ein Museum für Menschen, die schöne Kindheitserinnerungen wiederbeleben möchten. Das tut der Seele gut! Hier war ich sicher nicht das letzte Mal, (DD)

Großer Biochemiker aus Prag

Prag als Wissenschaftsstadt – an vielen Orten der Stadt wird man an die Geschichte großer Forscher erinnert, die hier wirkten. So etwa in der U Nemocnice čp. 497/4 in der Neustadt, wo sich diese Gedenkplatte befindet.

Man gedenkt hier Professor Franz Hofmeister, dessen Todestag sich heute zum 100. Male jährt. Die Plakette wurde allerdings 2010 zu Ehren des 160. Geburtstags des gebürtigen Pragers angebracht. Gleichzeitig fand in dem Gebäude ein Symposium statt, das seine außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen würdigte. Hier, in der heutigen Medizinfakultät der Karlsuniversität, wirkte Hofmeister auch viele Jahre. Damals (d.h. seit 1882) war die Universität in eine deutsche und eine tschechische Universität aufgeteilt, und das Gebäude gehörte zum deutschen Teil. Deshalb ist die Gedenkplakette auch zweisprachig in Tschechisch und Deutsch gehalten.

Hofmeister ist bekannt als großer Pionier der Biochemie. Nach ihm ist die sogenannte Hofmeister-Reihe benannt, bei der es um eine Klassifizierung von Ionen in Bezug auf die Löslichkeit von Proteinen handelt. Er war auch der erste, der darauf kam, dass Eiweisse eine Struktur aus Aminosäuren und Peptidbindungen aufweisen. Ich bin kein Biochemiker und mir ist das zu hoch, aber der Experte wird sich freuen, dass die Plakette zu seinen Ehren die passende und alle Fragen klärende chemische Formel bereithält.

Die Plakette mit dem Portraitrelief des bärtigen Forschers, die sich schön an die Ästhetik des klassizistischen Fakultätsgebäudes aus dem Jahr 1844 anpasst, ist das Werk des bekannten Medailleurs und Bildhauers Milan Knobloch (siehe auch diesen früheren Beitrag). Er hat die schwungvolle Unterschrift des am 26. Juli 1922 verstorbenen Wissenschaftlers, der die letzten drei Jahre seines Lebens in Würzburg lehrte, in die Gedenktafel einbezogen. (DD)

Gebändigte Moldau

Um Prag mit einer der großen europäischen Wasserstraßen, der Elbe, zu verbinden, hatte man 1896 erfolgreich damit begonnen, den Unterlauf der Moldau nach Norden systematisch zu begradigen und Stauwehre mit Schleusen zu bauen, die das flache Gewässer schiffbar machten (wir berichteten hier). Beim Oberlauf in Richtung Süden bzw. Mündung dauerte es etwas länger und man kam auch bald an die Grenze des für größere Schiffe Machbaren. Das letzte Schleusenwehr dieser Art befindet sich noch innerhalb des Prager Stadtgebiets: Die Schleuse Modřany (Zdymadlo Modřany).

Gebaut wurde die Anlage erst in den Jahren 1979 bis 1987 auf Flusskilometer 66,75. Der Damm verbindet die Stadtteile Modřany (Prag 12) auf dem rechten Ufer mit Velká Chuchle (Prag 5) auf der linken Seite, und zwar über eine Breite von 87 Metern. Die Höhe der verstellbaren Stahlwandelemente beträgt mindestens 3.30 Meter. An der rechten Uferseite von Modřany führen zwei Schleusenkammern vorbei, die 90 bzw. 85 Meter lang, 12 Meter breit und 7 Meter hoch sind, durch die 2007 insgesamt 2633 passierten. Alles ist modern und zusätzlich installierte man am linken Ufer ein kleines Kraftwerk (bild links im Vordergrund), das sich heute im Besitz der 1994 gegründeten Energiefirma Energo-Pro befindet. Drei Kaplan-Turbinen erbingen eine eine Gesamtleistung von 1,62 Megawatt. Durch den Bau des Stauwehrs wurde nun endlich das letzte Kapitel in der Geschichte der Bändigung des Oberlaufs der Moldau geschrieben.

Die Idee, den Fluss zu zähmen, war nämlich nicht neu. Die Moldau südlich von Prag war dereinst voller Untiefen, Stromschnellen und vor allem zu wenig tief für einen Schiffsverkehr mit einigermaßen großen Booten. Den Flussverkehr bestimmten die Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Deren Arbeit war lebensgefährlich und insgesamt schränkte dies die wirtschaftliche Nutzung des Flusses beträchtlich ein. Schon im späten 17. Jahrhundert versuchte man immer wieder, einige Felsklippen -und -untiefen zu entfernen. 1725 berief die königliche Regierung eine Kommission zur Flussregulierungen ein, die von dem Maler, Architekten und Ingenieur Johann Ferdinand Schor geleitet wurde, und die den Bau von Stauwerken mit Schleusen vorschlug, um den Fluss gleichzeit zu beriuhigen und zu vertiefen. In Modřany, wo die Strömung besonders reißend war, fing man 1729 an. Durch die Stauung sollte der Betrieb von durch Pferde gezogene Treidelboote möglich werden. Leider zerstörte schon das ungewöhnlich heftige Frühjahrseis des Jahres 1730 die Anlage. Nichts, aber auch rein gar nichts blieb von ihr der Nachwelt erhalten.

Mitte des 19. Jahrhunderts ging man nochmals systematischer ran. In den Jahren 1850 bis 1862 wurden unter der Federführung des Industriellen und Eisenbahnmagnaten Karl Adalbert, Freiherr von Lanna (über dessen Stadtpalast in Prag wir bereits hier berichteten) zwischen Prag und Štěchovice Vertiefungs- und Begradigungsmaßnahmen durchgeführt, die die Lage deutlich verbesserten. Aber gerade bei Modřany kam es Ende des Jahrhunderts immer noch ab und an zu Schiffshavarien wegen der (teilweise saisonalen) Stromschnellen dort. Erst in der Zeit der Ersten Republik nach 1918 und danach gab es weitere Verbesserungen. Flussaufwärts wurde außerhalb Prags große Staudämme mit Großkraftwerken gebaut – zuerst in Vrané nad Vltavou (1930-35), dann bei Štěchovice (1937-45) und bei Slapy (1949-55), denen weiter südlich noch weitere sechs folgten. Die dienten nicht nur der Wasser- und Stromversorgung, sondern auch der Flussbereinigung. Der saisonale Wasserstrom konnte einigermaßen gebändigt werden. Ein Grundproblem blieb aber bestehen, nämlich dass bei Modřany das Wasser zu flach war und ein gewisses Risiko blieb.

Und das war der Grund, warum die vielen kleinen Stauwehre, die sich seit Beginn des 20. Jahrhundert (oder, wie im Fall des Wehr bei der Karlsbrücke, schon wesentlich länger) innerhalb von Prag befanden, ab 1979 durch das Wehr in Modřany ergänzt wurde. Die manchmal nur 70 Zentimeter betragende Navigationstiefe südliche des Wehrs auf rund 3,5 Meter erhöht werden. Für größeren Frachtverkehr wird das Ganze nicht mehr wirklich genutzt. Der Bau von Eisenbahnlinien und Straßen machte dies schon um 1900 weitgehend unrentabel. Aber für kleinere Touristenboote und Ausflügler in Paddelbooten oder kleinen Yachten ist der Wasserweg immer noch ungeheuer attraktiv. Die Prager Dampfschiffgesellschaft (Pražská paroplavební společnost) bietet in der Sommersaison Panoramafahrten an, die von der Altstadt Prags durch die Schleuse Modřany bis hin zum Großstaudamm Slapy (ca. 25 Kilometer südlich) führen, wo es keine Möglichkeit für Schiffe gibt, den riesigen Damm zu passieren. Ach ja: Und nur rund 300 Meter oberhalb der Schleuse von Modřany operiert seit 2009 eine kleine Fähre (Nr. P6), die beide Ufer verbindet.

Es gibt natürlich Sicherheitsbestimmungen, ab welcher Fließgeschwindigkeit noch Boote noch die Schleuse passieren dürfen. Das ist wichtig und richtig, denn die Moldau kann die Menschen ab und zu an ihre Vergangeheit als recht wilder Fluss erinnern. Beim großen Hochwasser von 2002 wurde der unter Teil von Modřany dramatisch überschwemmt und musste evakuiert werden. Das Stauwehr maß am 14. August die höchste je gemessene Fließmenge an Wasser, nämlich ganze 5160 Kubikmeter pro Sekunde. Die Schäden am Wehr hielten sich allerdings in Grenzen und waren in einigen Monaten reparariert. Präventive Maßnahmen, die seither eingeleitet wurden, mussten sich weniger um die Schleusentechnik drehen, sondern eher um die Uferbebauung der Umgebung. Bei Modřany ließen sich insbesondere ehemalige Industrieanlagen gut rückbauen, so dass hier ein Netz von Wander- und Radwegen im Grünen entstand, sodass ein Spaziergang, der einem am Stauwehr von Modřany vorbei führt, durchaus angenehm ist. (DD)

Ein Schloss, viel dramatische Geschichte

In den Außenbezirken von Prag, die meist erst im 20. Jahrhundert Teil der Stadt wurden, wimmelt es nur so von kleinen Schlössern und Adelssitzen. Das fernab aller Touristenströme gelegene Schloss Komořany (zámek Komořany) im zu Prag 12 gehörenden südlichen Ortsteil Komořany, genauer gesagt, dort in der Na Šabatce 2050/17, gehört dazu. Die verschlafene und fast dörfliche Atmosphäre des Ortes lassen vergessen, dass sich hier dramatische Kapitel der Prager Geschichte abspielten, die ihre Spuren an diesem Gebäude hinterließen.

Es begann schon damit, das die beiden mittelalterlichen Bauernhöfe, die hier zuvor standen, im Jahr 1420 während der Hussitenkriege niedergebrannt wurden. Es dauerte bis 1589, dass hier wieder etwas Neues aufgebaut wurde – aber das dann im großen Stil. In diesem Jahr legte der damalige örtliche Kronrichter Wenzel Sturm von Hischfeld, der gerade in den Ritterstand erhoben worden war, hier ein großes Schloss im Renaissancestil an.

Dessen Sohn verkaufte es 1607 an einen gewissen Adam Radnický von Zhora, der es schon im nächsten Jahr seiner Mutter schenkte, die es schon 1612 wieder an ein Mitglied des Geschlechts Sturm von Hirschfeld verkaufte. Joachim Sturm von Hirschfeld focht jedoch nach 1618 beim Ständeaufstand gegen die Habsburger und für die böhmische Freiheit (der den Dreissigjährigen Krieg auslöste) und somit auf der Verliererseite. Die Habsburger sorgten dafür, dass er darob kurzerhand enteignet wurde.

Fortan gehörte das Schloss (und, nebenbei bemerkt, das 1088 erstmals in Chroniken erwähnte Dorf Komořany) zum Besitz des Klosters Zbraslav (wir berichteten hier), das etwas südlich auf der anderen Seite der Moldau liegt. Den Habsburgern lag zu dieser Zeit viel daran, die katholische Kirche zu stärken, was sie damit taten.

Die neuen Besitzer bauten das Schloss um 1740 völlig um, so dass man nun ein vertables Barockschloss bewundern konnte. Und wieder rückte es in den Fokus der Geschichte. 1741 hatte der Österreichische Erbfolgekrieg begonnen, in dessen Verlauf bayerische und französische Truppen in Böhmen einfielen und die österreichischen Armeen unter Maria Theresia arg bedrängten. Im Juni 1742 näherten sich die Franzosen Prag. Und es war im Schloss Komořany, wo man noch einen letzten Versuch unternahm, den Angriff friedlich abzuwenden. Hier verhandelten der französische Marschall Charles Louis Auguste Fouquet de Belle-Isle und der Herzog von Bayern, Karl Albrecht von Bayern (der spätere Kaiser Karl VII.), mit den Abgesandten von Maria Theresia, Christian Moritz Graf von Königsegg-Rothenfels und Fürst Paul II. Anton Książę Esterházy. Die Verhandlungen scheiterten und die Franzosen besetzten Prag und wurden nun von den Österreichern belagert, denen es erst Anfang 1743 gelang, die Stadt wieder zurückzuerobern.

1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch das Kloster Zbraslav nicht verschont blieb, was natürlich bedeutete, dass auch Schloss Komořany kein Klostereigentum mehr war. Einige Jahrzehnte gehörte es nun einem religiösen Fonds, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkaufte (der in der Nähe eine Zuckerfabrik gründete), der es wiederum 1868 an eine Familie Procházka, die das barocke Schloss nunmehr vollständig im neogotischen Stil umbauen ließ, was man heute noch am augenfälligsten an der Schlosskirche mit ihrem spitzen Turm erkennen kann. 1913 erwarb es der Industrielle Karel Schulz, der im gleichen Jahr in der Nähe eine Maschinenfabrik errichtete. Der beauftragte den bekannten, auf Historismus und Jugendstil spezialisierten Architekten Alois Čenský (wir begegneten ihm bereits hier) mit einem neuerlichen Umbau. Vollendet wurde der Umbau nicht, aber neben der Erhöhung eines Flügels (des vierflügeligen Schlosses) und dem Umgestaltung eines Turm als Wasserreservoir, ist das Verschwinden des meisten neogotischen Zierrats, der als unmodern empfunden wurde.

Ein Hauch von Modernität prägte nun das Äußere, was man am besten an den kubistisch anmutenden Verzeirungen der Toreinfahrt zum Hof sehen kann (Bild rechts). Schulz starb 1932 unerwartet an einem Herzinfarkt und das Schloss fiel nach seinem Willen an den Staat. Und schon zogen neue dunkle Wolken am Horizont auf. Am 5. Mai 1945 brach der Prager Aufstand gegen die Naziherrschaft aus, und die Aufständischen benutzten das Schloss als eine Art lokale Kommandozentrale. Die Kämpfe in diesem Teil der Stadt waren besonders heftig. Am 6. Mai führten die Aufständischen hier Verhandlungen mit Vertretern der sogenannten Wlassow Armee. Das waren russische Soldaten, die als Gegner von Stalins Terrorherrschaft die Seite gewechselt hatte, um sich Hitlers Schreckensregime anzuschließen. Jetzt waren sie auch hiervon enttäuscht und boten den Aufständischen dringend benötigte Hilfe im Kampf gegen Hitler an. Aber auch diese Unterstützung konnte nicht verhindern, dass SS-Truppen tags darauf Komořany nebst Schloss besetzten. Offiziell kapitulierten die deutschen Truppen am 8. Mai, aber die hier nun eingeschlossenen deutschen Truppen kapitulierten nicht. Die Kämpfe dauerten noch bis zum 10. Mai, wobei die Aufständischen (unter anderem mit Hilfe eine improviserten gepanzerten Eisenbahnzuges) bereits von Soldaten der Roten Armee unterstützt wurden. In Komořany fielen die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs auf Prager Boden.

Das Schloss – nunmehr durch die Kämpfe arg beschädigt – blieb auch nach dem Krieg in Staatsbesitz. Das galt erst recht so, als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen. Bis zu diesem Jahre gehörte das Schloss noch der örtlichen Sparkasse. Und zwischen 1948 und 1957 wurde es dann zur Geschäftsstelle der örtlichen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nichts passt besser zum Anspruch, die Avantgarde des verarmten Proletariats zu sein, als in einem alten schönen Schloss zu residieren, dachte man sich wohl. Aber wie heißte es auch so schön bei Orwell? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher als andere.

Vielleicht war das dann doch zuviel der unfreiwilligen Ironie. Wer weiß? Danach zog hier auf jeden Fall das Hydrometeorologische Institut (Hydrometeorologický ústav) ein, das seither hier eine (von landesweit sieben) seiner Forschungsaußenstellen zur meteorologischen Forschung betreibt. Auf einem der Türme kann man auch von außen die modernen Messgeräte erkennen (Bild links). Das Institut ist heute immer noch hier und wurde dem Umweltministerium unterstellt. Hier betreibt man Klimaforschung, Wetterforschung, Gewässerschutz (wozu die direkt unterhalb fließende Moldau einlädt) und Luftqualitätsmessungen. Das Fernsehen wüsste ohne das ganze nicht, wie es die Wetternachrichten füllen sollte.

Während der kommunistischen Zeit wurde das Schloss anfänglich zum Teil recht lieblos wieder aufgebaut und dann (wie eigentlich üblich) dem allmählichen Verfall preisgegeben. 1991 (zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus) wurde der Architekt Michal Sborwitz mit der Renovierung beauftragt.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Jahre hin. Sie wurde 1998 mit der Eröffnung des vollständig erneuerten südlichen Flügels des Schlosses abgeschlossen, in dem sich nun unter anderem ein modernen Konferenzzentrum mit breiter Fensterfront befindet, von dem man wahrscheinlich einen schönen Ausblick auf die Moldau in Richtung Zbraslav hat. Das Schlossareal ist normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Trotz dieser schönen Neubauten hat die Ästhetik des Schlosses unter den Wirrnissen des 20. Jahrhunderts doch recht viel gelitten. Das Ganze wirkt recht uneinheitlich. Aber man sollte ja auch bedenken, dass es heute auch nicht demn Anspruch erhebt, ein touristisches Highlight zu sein. Vielmehr ist es ein Zweckbau als Forschungszentrum.

Als Teil eines Ausflugs in den Süden Prags ist es allemals einen Abstecher wert. Drumherum findet man viel Grün, den ruhigen Flusslauf der Moldau und einige Teiche. Und von der Flussseite aus gesehen sieht das Schloss doch recht beeindruckend aus (Bild links). Für die Besucher wurde in der Umgebung ein Lehrpfad mit Namen Freiheitspfad 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) angelegt, der 20 Stationen mit ausführlichen historischen Informationstafeln beinhaltet, die über die gegen die Nazis gerichteten Widerstands-Aktivitäten in der Umgebung informieren – allen voran die Kämpfe während des Prager Aufstands im Mai 1945. Tafel Nr. 15 ist den Ereignissen im Schloss gewidmet und steht direkt vor dem Hofeingang.

Auf wenn es bauhistorisch grandiosere Schlösser in Tschechien gibt, so gibt es doch kaum eines, dass eine solch aufregende Geschichte durchlebt hat. (DD)

Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Avantgarde für die Expo

Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: Das Tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel. Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat (Beispiele zeigten wir u.a. hier und hier).

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr (wir erwähnten ihn bereits hier), Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

Das Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungeschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist).Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat im das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln, wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen.

Aber die schöne Aussicht in eine Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich im dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden. (DD)