Unendlich viel Technik

Ehrlich gesagt, man weiß gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll, wenn man über das Technische Nationalmuseum (Národní technické muzeum) in der Kostelní 1320/42 in Holešovice (Prag 7) schreibt. Auf jeden Fall sollte man sich beim Besuch viel, viel Zeit nehmen. Da gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Und eins ist aufregender als das andere.

Fangen wir doch einfach mit der Geschichte des Museums an. Vielleicht mit der Prager Landes-Jubiläumsausstellung von 1891. Vieles, was damals bei dieser großen Industriemesse hätte nur kurzfristig ausgestellt werden sollen, blieb Prag dauerhaft erhalten – der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg, die Standseilbahn, das Spiegelkabinett, der Hanavský Pavilon und etliches mehr. Das war so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris, der ja auch nach der Weltausstellung von 1889 hätte abgerissen werden sollen, aber bis heute als Wahrzeichen der Stadt erhalten ist. Niemand möchte ihn mehr missen. Und auf der Prager Jubiläumsausstellung von 1891 gab es schließlich auch eine Technik- und Industrieschau von riesigen Ausmaßen, die man nicht einfach wie Abfall nur entsorgen wollte. Im Jahre 1908 nutzte man die Gelegenheit und gründete deshalb einen Verein zur Förderung eines Technischen Museums.

Mit kundiger Hilfe der Technischen Universität (wir berichteten hier) wurden bereits bestehende kleine Sammlungen mit den Restbeständen der Ausstellung zusammengestellt und schon im Jahre 1910 zunächst im Palais Schwarzenberg in der Burgstadt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war aber auf die Dauer zu klein. Und der rasende technische Fortschritt, zu dem nicht zuletzt tschechische Erfinder wie der „tschechische Edison“ František Křižík beitrugen, ließ erahnen, dass der Platzmangel in Zukunft eher schmerzlicher werden würde. 1921 begann man mit einer Gekdsammlung für ein neues Gebäude, für das der Stadtrat ein großes Grundstück auf der Letnáhöhe bereitstellte. 1935 gewann der Architekt Milan Babuška, der uns auch den Palác ARA bescherte, einen Architekturwettbewerb und 1938 begann man mit den Bauarbeiten für das riesige Gebäude, die 1941 abgeschlossen waren.

50.000 Inventarstücke hat das Museum, von denen etwas über 10% ausgestellt sind. Wo fängt man da an? Am besten im großen Hauptsaal, der hinter dem Foyer liegt, und in dem alle möglichen Fortbewegungsmittel ausgestellt sind. Autos, Motorräder, Fahräder, Flugzeuge, Lokomotiven und so weiter. Die beiden Bilder ganz oben vermitteln einen Eindruck. Das schöne ist, fast alle Items haben eine echte personalisierte Geschichte. Die Spitfire, die man oben sieht, war Teil jener Flugstaffeln von tschechoslowakischen Piloten, die 1939 rechtzeitig vor den Nazis geflohen waren, und den Briten 1940/41 heldenmutig halfen, die Luftschlacht um England zu gewinnen (früherer Beitrag hier). Auch das oberhalb links abgebildetete Auto, das Modell RK/M der Firma Laurin & Klement (eine Vorgängerfirma von Škoda) von 1913, hatte einen ilustren Besitzer. Es handelte sich um Alexander Graf Kolowrat. Der war Filmpionier, aber auch begeisterter Rennfahrer, der mit dem Auto etliche europäische Rennen und Rallyes gewann. Die Presse nannte ihn deshalb meist nur „Graf Kilowatt“.

Aber auch ohne illustre Vorbesitzer faszinieren viele der Ausstellungsstücke. So etwa dieses putzig anmutende dreirädrige Motorrad der Firma De Dion Bouton aus dem Jahr 1900. Die französische Firma kennt heute fast niemand mehr, aber damals war das der größte Automobilhersteller der Welt, der zudem auch noch eine große Nummer im Eisenbahnbau war!

Aber Technik ist mehr als motorisierte Mobilität. Im vorderen Gebäudeteil befinden sich deshalb auf vier Stockwerken und etlichen Kellerräumen (die teilweise für Sonderausstellungen reserviert sind) etliche Abteilungen zu speziellen Aspekten. Sie stellen teilweise natürlich die tschechischen Leistungen der Ingenieurskunst in den Mittelpunkt, aber das, was an internationaler Technik aus allen Epochen geboten wird, reicht schon für mehr als nur einen ersten Eindruck zu gewinnen. Man findet didiaktisch wohl aufbereitete Einführungen in die wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Beispiel. In Englsich und Tschechisch! So erfährt man viel über Optik und kann danach wunderschöne Kameras aus alten Zeiten bewundern (oben links).

Spaß macht aber vor allem das Alltägliche. Das sieht man bei der Abteilung zu Haushalts- und Küchengeräten. Manches von dem, was man da an Staubsauger-, Waschmaschinen- und Rührquirlmodellen sieht, erweckt Kindheitserinnerungen (ja, das ist ein Museum für Babyboomer!). Aber manches ist schon so antik, dass es wie eine Neuentdeckung auf einen zukommt. Diese pedalgetriebene Nähmaschine mit dem stolzen Löwen, zum Beispiel, ist ein Kunstwerk, wie man es heute nicht mehr findet. Dieser Typus kam um 1870 auf den Markt und wurde von der schottischen Firma Kimball & Morton entwickelt.

Passend im Keller untergebracht findet man Räume zur Verarbeitung von Metall (insbesondere Eisen) und zum Bergbau. Hier sieht man didaktisch aufgebaute Nachempfindungen frühzeitlicher Schmelzöfen mit noch recht archaischer Technik. Schrittweise wird man von hier in die moderne Gegenwart geführt….

An dieser Stelle ist es kaum möglich, auch nur alle Abteilungen und Aspekte von Technik zu erwähnen, die man in diesen Hallen findet – geschweige denn, sie detailliert zu beschreiben. Die rechts zu sehende Abteilung zur Technik des Druckens sei erwähnt, aber auch der Raum für astronomische Instrumente. Auch Architektur und Bauwesen haben ihren Platz. Unzählige Baupläne füllen das Archiv. Einfach sich einen ganzen Tag (mindestens) frei nehmen und alles anschauen!

Darüber sollte man aber auch nicht die Architektur übersehen. Das Gebäude, das Architekt Milan Babuška (ein Spezialist für Industriebauten) entwarf, gehört zu den Meisterwerken des Funktionalismus der späten Ersten Republik und beeindruckt durch seine klare, fast klassische Fassadenstruktur. Das Ende der Republik und die Besetzung durch die Nazis führten übrigen dazu, dass das Museum zunächst nicht seiner Bestimmung zugeführt wurde. Es diente zunächst einmal als Gebäude des Postministeriums. Erst 1948 begann der reguläre Ausstellungs- und Museumsbetrieb. Innen bildet die ebenfalls sehr strenge und minimalitsiche Ausstattung eine harmonische Einheit mit der ausgestellten Technik (man siehe nur die stählerne Treppe im Bild oberhalb, die sich im Obergeschoss befindet). Auch das macht den Besuch zu einem Erlebnis. (DD)

Sternwarte mit Fischers Equipment

Die Sternwarte Ďáblice (Ďáblice hvězdárna) ist ausgesprochen schön in freier Natur gelegen. Die kleine Felsanhöhe, auf der sie liegt, heißt zu Recht Na vyhlídce (Zur Aussicht). Sie liegt auf einer Höhe von 328 Metern in einem im Nordosten Prags gelegenen Waldgebiet namens Ďáblický háj (Dablitzer Hain).

Sie ist neben dem Prager Planetarium (Planetárium Praha) im Stromovka Park und dem Štefánik Observatorium am Petřín-Berg eine von drei öffentlichen städtischen Sternwarten. Zwischen 1955 und 1956 wurde das kleine Gebäude erbaut, und zwar im Rahmen der sogenannten Aktion Z. Im Rahmen dieser Aktion legte der kommunistische Staat den Bürgern nahe, sich auch unentgeltlich am Aufbau des Sozialismus im Lande zu beteiligen, um offiziell gar nicht existierenden Planungsversäumnisse des Staates auszugleichen. Wo normalerweise bei Aktion Z der Übergang von bürgerlichem Engagement zur Zwangsarbeit fließend war, schien es in diesem Falle den Mitgliedern eines Astronomischen Kreises in der Stadt sehr entgegenzukommen, sich nun eine kleine Wirkungsstätte bauen zu können.

Der Bau ist recht simpel, aber zweckmäßig gestaltet. Auf dem eingeschossigen Gebäude befinden sich zwei Kuppeln, von denen die westliche am besten ausgestattet ist. Dort befindet sich ein Fernrohr (Refraktor) mit einem Linsendurchmesser von 190 Millimetern und einer Brennweite von 3.000 Millimetern. Es befand sich dereinst im privaten Observatorium von František Fischer, einem Veteranen der Tschechoslowakischen Legion im Ersten Weltkrieg, der nach dem Krieg als erfolgreicher örtlicher Pharmazeut das nötige Geld für den Bau einer eigenen Sternwarte erwirtschaftet hatte.

Zudem war er Mitbegründer der Tschechischen astronomischen Gesellschaft (Česká astronomická společnost – ČAS) und genoss als Hobbyastrologe auch unter den Profis einen einwandfreien Ruf als Fachmann. Nach seinem Tode 1966 spendeten seine Erben das Equipment und die Fachbibliothek der neuen Sternwarte von Ďáblice. Sie ist dort ausgestellt. Überhaupt bietet die Institution ein professionelles Ausstellungs- und Veranstaltungsangebot mit Filmabenden, Vorträgen und Projektionen des Nachthimmels. Und wer sich für den Anblick von Sternen nicht begeistern will, kann von hier aus immerhin weit in die irdische Ferne schauen und die Landschaft der Umgebung bewundern. Die Sternwarte ist auf jeden Fall ein lohnendes Ausflugsziel. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Erlebnismuseum

Dieses Museum macht nicht nur Erwachsene froh, sondern auch Kinder ebenso: Das Museum des städtischen öffentlichen Verkehrs – Depot Střešovice (Muzeum městské hromadné dopravy – Vozovna Střešovice) in Prag 6 in der Patočkova 460/4.

Seit 1993 gibt es dieses Museum. Es befindet sich ganz passend in einem alten (teilweise noch in Betrieb befindlichen) Straßenbahndepot. Das Depot selbst wurde bereits 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Von hier aus fahren übrigens auch die bei Touristen beliebten Fahrten mit der berühmten historischen Nostalgie-Straßenbahn der Linie 41 los, die auch für Gruppenevents angemietet werden kann. Wenn sie nicht Touristen herumfährt, wird sie auch gerne für Filmaufnahmen verwendet.

Die Straßenbahn als ältestes öffentliches Verkehrsmittel nimmt in der großräumigen Dauerausstellung dann auch den größten Stellenwert ein. Den Verkehrsbetrieb der Hauptstadt Prag (Dopravní podnik hlavního města Prahy) gibt es seit 1875 und er begann sein Leben als Betreiber einer von Pferden gezogenen Straßenbahn. Die zunächst noch privat betriebene Bahn hatte bis Ende der 1880er Jahre ein Schienennetz von 19. Kilometern. Eine Pferdetram aus dieser Zeit, genauer: aus dem Jahre 1886, ist auch das erste, was den Besucher beim Betreten der Ausstellung begrüßt.

Mit der Elektrifizierung der Tram kam auch die Stunde der städtischen Verkehrssbetriebe, die 1897 (ein Jahr nach Einrichtung der ersten elektrifizierten Strecke) gegründet wurde. Von den unzähligen Schaustücken, die man im Museum aus dieser Blütezeit der Tram beäugen kann, sticht eines ganz besonders hervor: Der sogenannte Oberbürgermeisterwagen (Primátorská tramvaj) aus dem Jahre 1900. Für den Entwurf zu dieser Luxuslimousine auf Schienen hatte der Hersteller, die in Smíchov ansässige Firma des Industriellen Franz Freiherr von Ringhoffer einen der damaligen Stararchitekten und -designer angeheuert, nämlich keinen Geringeren als Jan Kotěra (früherer Beitrag hier), der wie man oben im großen Bild sieht, ein Prachtwerk im Jugendstil schuf. Drinnen gab es keine Bänke oder Stehplätze, sondern gemütliche Stühle/Sessel und Tischchen (kleines Bild oberhalb). Gedacht war sie für Dienstfahrten des Oberbürgermeisters oder Fahrten für sehr prominente Gäste der Stadt. Die Kommunisten werteten sie ein wenig ab. Zwischen 1951 und 1972 transportierte sie Kindergartenkinder und viele schöne Original-Dekorationen verkamen. Zwischen 1983 und 1992 wurde sie aber wieder völlig in den früheren Zustand zurückversetzt und gehört nun zu den Schmuckstücken des Museums.

Die ersten Busse wurden in Prag bereits 1908 versuchsweise auf die Straßen gelassen, aber erst 1925 wurde ein systematisch entwickeltes Busnetz eingeführt, das sich schon bald zu einer tragenden Säule des öffentlichen Verkehrswesens entwickelte. Die ausgestellten Busse spiegeln auch die Zeitläufe der Prager Geschichte wieder, so etwa der mit einem roten Sowjetstern (umrahmt von Flaggen in den Prager Stadtfarben) versehene Bus (Bild rechts) der mährischen Firma Tatra aus dem Jahr 1954, der deutlich an die kommunistische Zeit erinnert.

Viele Busse und Straßenbahn im Museum sind im Original zu sehen. In einige ausgesuchte Trams kann man sogar einsteigen. Die Fülle von Fahrzeugtypen, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Straßen der Stadt rollten, würde jedoch das Fassungsvermögen selbst dieses riesengroßen Museums sprengen. Daher sind einige Fahrzeuge nur als Modelle zu sehen, wie etwa der Oberleitungsbus links. Die O-Busse (auch: Trolleybusse) wurden 1936 eingeführt, aber 1972 wieder abgeschafft. Sie galten als nicht mehr zeitgemäß. Heute werden sie in einigen Städten wieder als „ökologische“ Alternative um benzingetriebenen Bus eingeführt. In Prag ist dies aber in nächster Zeit nicht geplant.

Auch andere Dinge, die nicht mehr existieren, sieht man hier noch als Modell. Jeder Tourist kennt die legendäre Standseilbahn Petřín (früherer Beitrag hier), die 1891 eröffnet wurde und noch in Betrieb ist. Vergessen ist, das weiter flussabwärts eine zweite Bahn dieser Art gab, die Letná-Standseilbahn, die damals noch durch Gewichtstarierung angetrieben wurde. Die Letnábahn wurde im selben Jahr wie die Bahn auf den Petřín-Berg eröffnet, allerdings 1916 bereits wieder geschlossen. Anscheinend erwies sie sich nicht als profitabel. Hier im Museum ist sie wieder präsent.

Aspekte wie Verwaltung oder Ticketkontrolle fehlen nicht. Auch über die Technik lernt man viel – etwa über die Motorentechnik oder die Energieversorgung. Das Schienensystem der Straßenbahn der Prager Verkehrsbetriebe wird immer weiter ausgebaut und bedarf auch einer ständigen Ausbesserung, Auch das ist eine technische und logistische Herausforderung, derer sich das Museum ebenfalls widmet. Dieser bullige elektrisierte Zugmotor aus dem Jahre 1952 (Bild links) diente zum Beispiel dem Transport von Schienen zu den Baustellen, an denen sie verlegt werden sollten.

Leider sind alle Beschriftungen nur inTschechisch gehalten, aber eine an der Kasse kostenlos verteilte Broschüre gibt es in unzähligen Sprachen und sie ist in der Tat sehr hilfreich. Nebenbei erfährt man auch viele technische Details von Motorenbau bis Ticketkontrolle. Die Metro kommt ein wenig zu kurz, aber auch hier gibt es viele reizvolle Detailinformationen, etwa über archäologische Funde beim Bau in den 1970er und 80er Jahren. Und: Da Museum der Verkehrsbetriebe ist ein Erlebnismuseum. Nicht in alle Trams kann man voll einsteigen, aber doch zumindest in den Eingangsbereich klettern und hineinschauen. In anderen kann man sogar Platz nehmen. Aber es gibt auch andere (nicht-digitale, sondern handfest mechanische) interaktive „Spielmöglichkeiten“, die gerade von den Jungen genutzt werden (so wie hier von meiner inzwischen doch recht erwachsenen Tochter Charlotte). Jeder kann hier für eine kurze Zeit Tramfahrer werden! (DD)

Hier spielte Einstein Geige

Auf die Prager scheint er hauptsächlich mit seinem Geigenspiel Eindruck gemacht zu haben. Albert Einstein hatte die Jahre 1911/12 in Prag verbracht. Hier hatte er erstmals eine echte Professur inne und wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Relativitätstheorie geleistet. Aber das schien dem Bildhauer und Medailleur Zdenĕk Kolářský 1998 zwar eine Erwähnung wert, aber nicht die Hauptsache zu sein, als er die Gedenkplakette am diesem Haus auf dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 551/17) anfertigte.

Ins Deutsche übersetzt heißt es da: „Von 1911 bis 1912 spielte der Professor für theoretische Physik an der Prager Universität, Schöpfer der Relativitätstheorie, Nobelpreisträger Albert Einstein, im Haus zum Weißen Einhorn in Berta Fantas Salon Geige, traf sich mit Freunden und den Schriftstellern Max Brod und Franz Kafka.“

Einstein war tatsächlich ein begabter und leidenschaftlicher Violinist, was sich mit Tondokumenten belegen lässt. Seine Geige nannte er zärtlich Lina. Wie der fast ebenso geniale Inspector Clouseau spielte er spontan sein Instrument nachts im Bett, wenn er nicht einschlafen konnte, oder auch, wenn er (wie Sherlock Holmes) über ein Problem nachgrübelte. Aber er ließ sich auch zu öffentlichen Auftritten im kleinen Kreis animieren, etwa zu Wohltätigkeitszwecken. Womit wir wieder beim Haus zum Weißen Einhorn (Dům U bílého jednorožce) am Altstädter Ring sind. Hier trat er tatsächlich in kleinerem Kreise auf – gerne auch in der Begleitung der Pianistin Otilie Nagelová.

Das Haus ist eines der ältesten auf dem Altstädter Ring. Seine Ursprünge lassen sich bis in die Romanik zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert erhielt es seine im wesentlichen bis heute bestehende barocke Außengestalt. Damals gab es hier eine Apotheke unter dem Namen „Zum weißen Einhorn“, die dem Haus bis heute seinen Namen gab. 1903 zogen hier die berühmtesten und wichtigsten Bewohner des Hause ein: Max Fanta, der wohlhabende Apotheker und Erfinder der Fantaschale, und seine Frau Berta Fanta (geb. Sohr), eine bekannte Frauenrechtlerin. Und es war Berta, die in ihrem Salon (oberhalb der Apotheke ihres Mannes) die großen Geister Prags zusammenbrachte.

Einstein wurde hier mit offenen Armen empfangen und war regelmäßiger Gast. Ob er Kafka hier wirklich traf, ist wahrscheinlich, aber nicht ganz gesichert. Aber auch sonst befand er sich in illustren Kreisen: Der Schriftsteller Max Brod, der Anthroposoph Rudolf Steiner, die Autorin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Franz Werfel, der Philosoph Christian von Ehrenfels – sie alle und noch mehr gingen in Berta Fantas Salon ein und aus. Kein Wunder, dass sich Einstein in diesem hochintellektuellen Milieu stets wohlfühlte und deshalb ab und an auch seine Geige auspackte. Und deshalb sieht man auf der Gedenkplatte neben dem Eingang des Hauses eben nicht nur das Profil des Physikers, seine berühmte Formel E = mc², den Altstädter Turm, sondern vor allem einen großen Notenschlüssel, der seine Liebe zur Geige symbolisiert. (DD)

Hier wohnte Einstein

Es ist nicht jedermann bekannt, aber auch Albert Einstein fühlte sich Prag immer sehr verbunden. Immerhin hatte er hier vom Januar 1911 bis zum Oktober 1912 erstmals eine reguläre Professur inne. Und im übrigen fand der Erfinder der Relativitätstheorie die Stadt nicht nur relativ, sondern ganz und gar großartig: „Die Stadt Prag ist übrigens wundervoll, so schön, dass sie allein schon eine grössere Reise lohnen würde.“ Recht hatte er – und ebenfalls nicht nur relativ.

Der Physiker, der schon um 1908 erste Forschungen in Richtung Relativitätstheorie begonnen hatte, wurde nunmehr ordentlicher Universitätsprofessor für theoretische Physik an der deutschen Universität in Prag. Diese war der deutsche Zweig der altehrwürdigen Karlsuniversität, die 1882 in einen tschechische und eine deutsche Universität aufgeteilt worden war, um die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen zu mindern. Zwischen beiden herrschte eine arge Rivalität und nicht zuletzt erhoffte sich die deutsche Universität mit der Berufung eines innovativen Geistes wie Einstein, einen Vorsprung zu gewinnen.

Einstein stand über diesen Zankereien. Er genoss Prag sehr, nicht nur die schöne Stadt, sondern er fand Kontakt zu bedeutenden Wissenschaftlern wie Ernst Mach, verfasste etliche brillante Aufsätze und pflegte die Bekanntschaft mit großen Literaten wie Max Brod und Franz Kafka. Dafür war er sogar bereit, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Während dieser glücklichen Zeit lebte er mit seiner Familie in einer Wohnung in einem schönen Mietshaus im Spätjugendstil im Stadtteil Smíchov in der Lesnická 1215/7. Das Haus war damals brandneu, denn es wurde erst 1910 erbaut. Erst im Jahre 1979 raffte man sich auf, Einstein auch hier zu ehren. Über dem ersten Stock wurde eine Büste des Physikers angebracht – ein Werk der Bildhauer Milan Benda und Ivan Hněvkovský. Auf der dazu gehörenden Plakette steht, dass Einstein hier 1911/12 wohnte und arbeitete. (DD)

Wo Bürokraten Paternoster fahren

Als Prag Ende des 19. Jahrhunderts zu einer veritablen modernen Großstadt wurde, reichte das bisherige Rathaus in der Altstadt, das im Kern immer noch aus dem Mittelalter stammte, nicht mehr aus.

Ein neues Gebäude musste her, in dem die vielen neuen Aufgaben der Verwaltung der Stadt von eifrigen Bürokraten erledigt werden konnten. Von 1909 bis 1911 erbaute man ganz in der Nähe, am Mariánské náměstí (Marienplatz) das Neue Rathaus, (Nová radnice). Die Entwürfe dazu stammten von dem berühmten Jugendstilarchitekten Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hierhier und hier) und für die Ausführung sorgte der Baumeister František Tichna.

Bei der Ausstattung ließ man sich nicht lumpen. Das betraf schon einmal die Größe. 250 Büros auf 7.463 qm Fläche. Die Planer von damals haben das Wachstum der städtischen Bürokratie in den kommenden Zeiten bereits im Blick gehabt. War am Anfang mehr oder minder nur die Finanzverwaltung dort tätig, ist das Gebäude seit 1945 der Sitz der gesamten Hauptstadtverwaltung samt dem Amtsitz des Bürgermeisters. Eine zeitlang war das Neue Rathaus das größte Gebäuder Altstadt.

Und dann betraf das natürlich auch die Ausstattung. Neben dem berühmten Architekten Polívka heuerte man auch noch drei der prominentesten Bildhauer der Zeit an, damit sie die Fassade gestalteten: Stanislav Sucharda, Josef Mařatka und Ladislav Šaloun. Von letzterem stammen die wohl berühmtesten „Wahrzeichen“ des Rathauses, die Statue des Eisernen Ritters und und die des Rabbi Löw – über beide berichteten wir hier. Von Sucharda stammt wiederum die Allegorie auf die Arbeit neben dem Haupteingang (kleines Bild oberhalb links), die – wie die Statuen von Šaloun – im symbolistischen Stil gehalten sind.

Von Stanislav Sucharda stammt ebenfalls die kleine Allegorie auf die Stadt Prag – eine Mädchengestalt, die das Wappen der Stadt beschützend mit den Händen festhält. Sie befindet sich oberhalb des Balkoneingangs auf Höhe des zweiten Stockwerks. Auch sie ist ein Werk im Stile des Symbolismus, den man sehr häufig in Kombination mit Jugendstilhäusern findet.

Einen gewissen Gegenpol dazu bieten die großen Statuen von Josef Mařatka, die sich an barocke Vorbilder anlehnen, aber schon Spuren des in der Zeit aufkommenden primitivistischen Klassizismus aufweisen. Überhaupt hatte sich der Architekt bei dem Gebäude vorgenommen, Stilregeln bisweilen zu brechen, aber trotzdem Gegensätze wieder zu versöhnen. Jedenfalls verbinden sich beim Neuen Rathaus handwerkliches Können mit tiefer Kenntnisse von traditionellen Stilen, die man aus „Sezessionist“ und Jugendstilkünstler zugleich überwinden will.

Wiederum reinen Jugendstil findet man bei den großen Fenstern der Eingangshalle, deren Wirkung sich optisch natürlich erst entfalten, wenn man diese Eingangshalle betreten hat. Florale Themen – im Jugendstil sehr beliebt! – dominieren hier das Feld. Ansonsten sind (mit Ausnahme des Ratssaales, den ich noch nicht besichtigen konnte) die Bürobereiche stark modernisiert und der heutigen Bedürfnissen angepasst.

Darüber könnte man fast übersehen, dass das Gebäude damals auch technisch auf dem neuesten Stand war. Es ruht fast vollständig auf einer Stahlkonstruktion – heute eine Selbstverständlichkeit, aber damals eine technische Innovation.

Desgleichen gilt auch für die Beförderung von Personen in die oberen Stockwerke. Das neue Rathaus gehörte zu den ersten Gebäuden in Prag, das sich im Jahre 1911 statt eines klassischen Aufzuges einen Paternoster der heimischen Firma Jan Prokopec einbauen ließ, der für viele Besucher des Rathauses bis heute die eigentliche Sensation des Ganzen ist. Auch für die Bürokraten, die drinnen ihren sauren Pflichten nachgehen, dürfte die Fahrt mit dem Paternoster eine kleine Aufhellung ihres ansonsten grauen Alltags sein. (DD)

Auf den Prager Eiffelturm

Ein touristisches Muss für Schwindelfreie ist der Aufstieg auf den Aussichtsturm auf dem Petřín.

Er erinnert einen nicht nur zufällig an den Eiffelturm, nein, er ist eine relativ genaue Kopie der Pariser Sehenswürdigkeit, der Aussichtsturm auf dem Petřín-Berg. Zwar nur im Größenverhältnis 1:5 zum Original, aber dank des erhöhten Standorts auf dem an dieser Stelle 318 m hohen Berg erreicht er mit nur 63,50 Metern mit seiner Spitze die gleiche Höhe über dem Meeresspiegel wie das Pariser Vorbild.

Auf die Aussichtsplattform und den Balkon führen nicht ganz 300 Stufen (eine fehlt!) in einer doppelläufigen Wendeltreppe, von der man immer wieder wunderbare Blicke in die Umgebung und die Stahlkonstruktion hat. Im Kern des – im Gegensatz zum Vorbild – viereckigen Querschnitts befindet sich ein kleiner Aufzug, der für einen Aufpreis benutzt werden kann.

Oben angekommen kann man bei gutem Wetter (hier ist besonders die klare Sicht im Herbst zu empfehlen) bis zur Schneekoppe schauen. Ganz Prag liegt einem zu Füßen. Wäre der Turm etwas höher, hätte ich auf unsere Terrasse schauen können.

Und wieso kommt man auf die Idee, eine französische Attraktion zu kopieren?

Das war ein Projekt der großen Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891. Die tschechische Wirtschaft wollte zeigen, was sie alles konnte. Neben dem beeindruckenden Industriepalast in Holešovice und dem Hanavský Pavilon (früherer Beitrag hier) auf der Letna Höhe, profitierte vor allem der Petřín von dieser Zurschaustellung tschechischen Könnens. Das Spiegelkabinett (siehe früheren Beitrag hier) und die Standseilbahn (hier) stammen auch von dieser Schau.

Die Anregung fúr den Aussichtsturm in Form des Eiffelturms kam vom Klub Tschechischer Touristen. Die beeindruckende Konstruktion des Architekten Vratislav Pasovský war in nur 6 Monaten beendet und hält, nachdem der Turm zwischenzeitlich als Fernsehturm gedient hatte und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war, nach letzten Renovierungsarbeiten bis heute.

Man kann ihn täglich bis in die Abendstunden hinein besteigen. Und abends wird er dann angestrahlt und leuchtet in den tschechischen Nationalfarben, was auch ein wenig französisch wirkt. (LSD)

Technik in Neorenaissance

Die Tschechische Technische Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze; vor 1920: Česká polytechnika) hat ein Gebäude, das etwas hermacht. Das verdeutlichen schon die beiden würdevollen und überlebensgroßen Statuen, die sich auf der Fassade im Eingangbereich am Karlsplatz (Karlovo náměstí 293/13, Prag 2) finden.

Man sieht dort jeweils in einer Nische zwei in Stein gemeißelte Männer im antiken Philosophengewand und mit antikem Philosophenbart. Der linke der beiden Männer ist eine Allegorie auf die Arbeit (großes Bild oben) und hält einen Hammer in der Hand, mit dem er bedächtig abwägend ein Zahnrad als Maschinenteil bearbeiten möchte. Der rechte von den beiden stützt sich auf ein Buch, das auf einem Sockel ruht, und hält eine Schriftrolle in der Hand. Er symbolisiert die Wissenschaft (kleines Bild links). Die Kombination von Arbeit und Wissenschaft, so die Botschaft des Ganzen, schafft erst die Technik, die wirklich gelingt. Besser kann man den Sinn einer Technischen Hochschule mit den Mitteln der Allegorie kaum erklären.

Die Statuen selbst wurden wiederum von dem Bildhauer Antonín Popp, der zu den führenden Künstlern der Prager Neorenaissance gehörte und daher antikisierende Sujets sehr liebte. Auch sonst ist das ganze Gebäude konsequent an diesem Stil ausgerichtet. Einer der Architekten dieser Richtung, Vojtěch Ignác Ullmann (siehe u.a. diesen früheren Beitrag), hatte es in den Jahren 1872 bis 1874 erbaut.

Wozu brauchte die Technische Hochschule ein neues Gebäude zu diesem Zeitpunkt. Nun, die Hochschule war eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Europa. Schon 1717 hatte der Unterricht in der von Kaiser Josef I. initiierten und unter Karl VI. dann ins Leben gerufenen Institution begonnen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Anteil von Tschechen, die hier studierten, gegenüber den Deutschen dramatisch zu. Es kam zu Konflikten, die auch ein kaiserlicher Beschluss 1863, von nun an beidsprachig zu lehren, nicht minderte. Also beschloss man 1869 die Aufteilung in zwei separate Institutionen, der Tschechischen Technischen Hochschule und dem Deutschen Polytechnischen Landesinstitut des Königreiches Böhmen. Für Erstere musste ein Gebäude erbaut werden – und das schaffte Ullmann rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn.

Und so wird hier bis heute tschechischen Studenten alles von Bauingenieurwesen über Elektrotechnik zur Robotik alles Mögliche an Technikwissen beigebracht. In Prag tun das (auch in Nebenstellen) 18.500 Studenten. Und was das Gebäude am Karlsplatz angeht, so hätte es die Studenten schlimmer treffen können, denn von der ursprünglichen Renaissance-Schönheit des Gebäudes ist noch viel zu sehen. Zugegeben, in den Eckteil des Erdgeschosses wurde in den Jahren 1979 bis 1985 ein von realsozialistischen Stahlbeton strotzender Eingang für die Metrostation Karlovo náměstí hineigetrieben, aber der generelle äußere Eindruck des originalen Gebäudes blieb weitgehend erhalten. Und erst einmal drinnen angekommen, beeindruckt das kolossale Renaissance-Treppenhaus Ullmanns.

Ansonsten versucht man den Geist der Technik, der das ganze durchweht, sichtbar zu machen. Schon in der Vorhalle liegt das Cockpit-Teil des UL-39 Albi, das die Hochschule mit der tschechischen Flugzeugfirma Jihlavan entwickelte. Es handelt sich um ein technisches Pioniermodell, ein Leichtflugzeug für Privatkunden, das aber dem Piloten das Gefühl gibt, in einem richtigen Kampfjet zu sitzen. Wenn man so etwas haben will, dann kriegt man hier mit Hilfe der Technischen Hochschule das Richtige geboten – zumal die gewichtssparende Bauweise ökologische Perspektiven im Flugzeugbau eröffnet.

Aber immer noch in Sachen Geschmack auf dem höchsten Stand wird das Technische natürlich durch die Meister der Neo-Renaissance vermittelt, die dieses Gebäude dereinst schufen. Von denen wurde einer noch nicht erwähnt: Josef Václav Myslbek, der hierzulande fast den Status eines Nationalbildhauers hat. Er war es, der später (d.h. 1912) die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel (früherer Beitrag hier) auf dem Wenzelsplatz entworfen hat. Der hat für die Fensterbögen im zweiten Stock – man muss also in die Höhe schauen – weibliche Genien in Stuck gestaltet, die sich alle mit der Technik in vertschiedenen Varianten befassen.

Im Bild oberhalb rechts taucht bei einer von ihnen sogar wieder das Zahnrad des Poppschen Arbeits-Philosophen auf. Eine andere der Damen hält eine kleine Apparatur hoch, bei der ein kleiner Pleuel irgendwie ein Rad an einen Apparat antreibt. So recht erschließt sich mir nicht der Zweck des Apparats, vielleicht handelt es sich um einen mechanisierten Familienbenutzer. Aber sicher ist: Schon putzig, was Myslbek hier an der Technischen Hochschule so alles an kleinen Details einfiel. (DD)

Wasserturm an die Umgebung angepasst

Schon lange bevor im späten 19. Jahrhundert eine durch Dampfpumpen zu erhöhter Effizienz gebrachte flächendeckende Wasserversorgung für ganz Prag eingeführt wurde, hatte man in der Stadt begonnen, Wassertürme zu bauen (früherer Beitrag hier). Diese drückten mit Hilfe der Schwerkraft Wasser, das durch Wassermühlen zum oberen Stockwerk hinaufgepumpt wurde, in Leitungen. Einige Teile der Stadt konnten so mit einigermaßen gutem Wasser versorgt werden.

Einer dieser Wassertürme steht direkt neben der Karlsbrücke am Moldauufer in der Novotného lávka 976/7 – der Altstädter Wasserturm (Staroměstská vodárenská věž). Schon im späten 15. Jahrhundert gab es hier wohl schon einen hölzernen Turm, der aber öfter abbrannte, und deshalb um 1577 durch jene steinernen Konstruktion ersetzt wurde, die im wesentlichen bis heute das Erscheinungsbild des Turms prägt. Die Schweden beschossen ihn 1648 bei ihrem Versuch, Prag während des Dreissigjährigen Krieges zu erobern, weshalb Reparaturen nötig wurden. 1762 wurde er noch einmal etwas grundlegender renoviert und bekam eine barocke Turmbedachung.

In dieser Form wurde der Turm 1835 von dem Ingenieur Josef Božek technisch auf den neuesten Stand gebracht und mit Dampfkraft ausgestattet. Nach einem Brand, der 1878 schwere Schäden anrichtete, wurde das Gebäude abermals grundlegend renoviert. Dabei stockte man den Turm um eine Etage auf und machte die barocken Veränderungen des Jahres 1762 weitgehend rückgängig, um sie durch ein neo-gotisches Design (inklusive großer Uhren an jeder Seite) zu ersetzen. Damit passte sich der Turm der Umgebung der Karlsbrücke, insbesondere dem Altstädter Brückenturm an (früherer Beitrag hier), dem er nun mit seinen Erkertürmchen sehr ähnelt. Man sieht das sehr deutlich im großen Bild oben.

Inzwischen – im Jahre 1880 – hatte er allerdings als Wasserturm ausgedient und er wurde durch ein modernes Wasserwerk zwei Häuser weiter ersetzt, das 1883 eingeweiht wurde. Es handelte sich dabei um einen ein Neorenaissancebau des Architekten Antonín Wiehl, das mit vielen Sgraffiti verziert ist. Man sieht es rechts im kleinen Bild (links) mit dem Turm im Hintergrund.

Dieses Wasserwerk stellte ebenfalls seinen Betrieb 1913 ein und beherbergt seit 1936 das Smetana-Museum (früherer Beitrag hier). Im Turm selbst sind heute Büros untergebracht. (DD)