Gebändigte Moldau

Um Prag mit einer der großen europäischen Wasserstraßen, der Elbe, zu verbinden, hatte man 1896 erfolgreich damit begonnen, den Unterlauf der Moldau nach Norden systematisch zu begradigen und Stauwehre mit Schleusen zu bauen, die das flache Gewässer schiffbar machten (wir berichteten hier). Beim Oberlauf in Richtung Süden bzw. Mündung dauerte es etwas länger und man kam auch bald an die Grenze des für größere Schiffe Machbaren. Das letzte Schleusenwehr dieser Art befindet sich noch innerhalb des Prager Stadtgebiets: Die Schleuse Modřany (Zdymadlo Modřany).

Gebaut wurde die Anlage erst in den Jahren 1979 bis 1987 auf Flusskilometer 66,75. Der Damm verbindet die Stadtteile Modřany (Prag 12) auf dem rechten Ufer mit Velká Chuchle (Prag 5) auf der linken Seite, und zwar über eine Breite von 87 Metern. Die Höhe der verstellbaren Stahlwandelemente beträgt mindestens 3.30 Meter. An der rechten Uferseite von Modřany führen zwei Schleusenkammern vorbei, die 90 bzw. 85 Meter lang, 12 Meter breit und 7 Meter hoch sind, durch die 2007 insgesamt 2633 passierten. Alles ist modern und zusätzlich installierte man am linken Ufer ein kleines Kraftwerk (bild links im Vordergrund), das sich heute im Besitz der 1994 gegründeten Energiefirma Energo-Pro befindet. Drei Kaplan-Turbinen erbingen eine eine Gesamtleistung von 1,62 Megawatt. Durch den Bau des Stauwehrs wurde nun endlich das letzte Kapitel in der Geschichte der Bändigung des Oberlaufs der Moldau geschrieben.

Die Idee, den Fluss zu zähmen, war nämlich nicht neu. Die Moldau südlich von Prag war dereinst voller Untiefen, Stromschnellen und vor allem zu wenig tief für einen Schiffsverkehr mit einigermaßen großen Booten. Den Flussverkehr bestimmten die Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Deren Arbeit war lebensgefährlich und insgesamt schränkte dies die wirtschaftliche Nutzung des Flusses beträchtlich ein. Schon im späten 17. Jahrhundert versuchte man immer wieder, einige Felsklippen -und -untiefen zu entfernen. 1725 berief die königliche Regierung eine Kommission zur Flussregulierungen ein, die von dem Maler, Architekten und Ingenieur Johann Ferdinand Schor geleitet wurde, und die den Bau von Stauwerken mit Schleusen vorschlug, um den Fluss gleichzeit zu beriuhigen und zu vertiefen. In Modřany, wo die Strömung besonders reißend war, fing man 1729 an. Durch die Stauung sollte der Betrieb von durch Pferde gezogene Treidelboote möglich werden. Leider zerstörte schon das ungewöhnlich heftige Frühjahrseis des Jahres 1730 die Anlage. Nichts, aber auch rein gar nichts blieb von ihr der Nachwelt erhalten.

Mitte des 19. Jahrhunderts ging man nochmals systematischer ran. In den Jahren 1850 bis 1862 wurden unter der Federführung des Industriellen und Eisenbahnmagnaten Karl Adalbert, Freiherr von Lanna (über dessen Stadtpalast in Prag wir bereits hier berichteten) zwischen Prag und Štěchovice Vertiefungs- und Begradigungsmaßnahmen durchgeführt, die die Lage deutlich verbesserten. Aber gerade bei Modřany kam es Ende des Jahrhunderts immer noch ab und an zu Schiffshavarien wegen der (teilweise saisonalen) Stromschnellen dort. Erst in der Zeit der Ersten Republik nach 1918 und danach gab es weitere Verbesserungen. Flussaufwärts wurde außerhalb Prags große Staudämme mit Großkraftwerken gebaut – zuerst in Vrané nad Vltavou (1930-35), dann bei Štěchovice (1937-45) und bei Slapy (1949-55), denen weiter südlich noch weitere sechs folgten. Die dienten nicht nur der Wasser- und Stromversorgung, sondern auch der Flussbereinigung. Der saisonale Wasserstrom konnte einigermaßen gebändigt werden. Ein Grundproblem blieb aber bestehen, nämlich dass bei Modřany das Wasser zu flach war und ein gewisses Risiko blieb.

Und das war der Grund, warum die vielen kleinen Stauwehre, die sich seit Beginn des 20. Jahrhundert (oder, wie im Fall des Wehr bei der Karlsbrücke, schon wesentlich länger) innerhalb von Prag befanden, ab 1979 durch das Wehr in Modřany ergänzt wurde. Die manchmal nur 70 Zentimeter betragende Navigationstiefe südliche des Wehrs auf rund 3,5 Meter erhöht werden. Für größeren Frachtverkehr wird das Ganze nicht mehr wirklich genutzt. Der Bau von Eisenbahnlinien und Straßen machte dies schon um 1900 weitgehend unrentabel. Aber für kleinere Touristenboote und Ausflügler in Paddelbooten oder kleinen Yachten ist der Wasserweg immer noch ungeheuer attraktiv. Die Prager Dampfschiffgesellschaft (Pražská paroplavební společnost) bietet in der Sommersaison Panoramafahrten an, die von der Altstadt Prags durch die Schleuse Modřany bis hin zum Großstaudamm Slapy (ca. 25 Kilometer südlich) führen, wo es keine Möglichkeit für Schiffe gibt, den riesigen Damm zu passieren. Ach ja: Und nur rund 300 Meter oberhalb der Schleuse von Modřany operiert seit 2009 eine kleine Fähre (Nr. P6), die beide Ufer verbindet.

Es gibt natürlich Sicherheitsbestimmungen, ab welcher Fließgeschwindigkeit noch Boote noch die Schleuse passieren dürfen. Das ist wichtig und richtig, denn die Moldau kann die Menschen ab und zu an ihre Vergangeheit als recht wilder Fluss erinnern. Beim großen Hochwasser von 2002 wurde der unter Teil von Modřany dramatisch überschwemmt und musste evakuiert werden. Das Stauwehr maß am 14. August die höchste je gemessene Fließmenge an Wasser, nämlich ganze 5160 Kubikmeter pro Sekunde. Die Schäden am Wehr hielten sich allerdings in Grenzen und waren in einigen Monaten reparariert. Präventive Maßnahmen, die seither eingeleitet wurden, mussten sich weniger um die Schleusentechnik drehen, sondern eher um die Uferbebauung der Umgebung. Bei Modřany ließen sich insbesondere ehemalige Industrieanlagen gut rückbauen, so dass hier ein Netz von Wander- und Radwegen im Grünen entstand, sodass ein Spaziergang, der einem am Stauwehr von Modřany vorbei führt, durchaus angenehm ist. (DD)

Ein Schloss, viel dramatische Geschichte

In den Außenbezirken von Prag, die meist erst im 20. Jahrhundert Teil der Stadt wurden, wimmelt es nur so von kleinen Schlössern und Adelssitzen. Das fernab aller Touristenströme gelegene Schloss Komořany (zámek Komořany) im zu Prag 12 gehörenden südlichen Ortsteil Komořany, genauer gesagt, dort in der Na Šabatce 2050/17, gehört dazu. Die verschlafene und fast dörfliche Atmosphäre des Ortes lassen vergessen, dass sich hier dramatische Kapitel der Prager Geschichte abspielten, die ihre Spuren an diesem Gebäude hinterließen.

Es begann schon damit, das die beiden mittelalterlichen Bauernhöfe, die hier zuvor standen, im Jahr 1420 während der Hussitenkriege niedergebrannt wurden. Es dauerte bis 1589, dass hier wieder etwas Neues aufgebaut wurde – aber das dann im großen Stil. In diesem Jahr legte der damalige örtliche Kronrichter Wenzel Sturm von Hischfeld, der gerade in den Ritterstand erhoben worden war, hier ein großes Schloss im Renaissancestil an.

Dessen Sohn verkaufte es 1607 an einen gewissen Adam Radnický von Zhora, der es schon im nächsten Jahr seiner Mutter schenkte, die es schon 1612 wieder an ein Mitglied des Geschlechts Sturm von Hirschfeld verkaufte. Joachim Sturm von Hirschfeld focht jedoch nach 1618 beim Ständeaufstand gegen die Habsburger und für die böhmische Freiheit (der den Dreissigjährigen Krieg auslöste) und somit auf der Verliererseite. Die Habsburger sorgten dafür, dass er darob kurzerhand enteignet wurde.

Fortan gehörte das Schloss (und, nebenbei bemerkt, das 1088 erstmals in Chroniken erwähnte Dorf Komořany) zum Besitz des Klosters Zbraslav (wir berichteten hier), das etwas südlich auf der anderen Seite der Moldau liegt. Den Habsburgern lag zu dieser Zeit viel daran, die katholische Kirche zu stärken, was sie damit taten.

Die neuen Besitzer bauten das Schloss um 1740 völlig um, so dass man nun ein vertables Barockschloss bewundern konnte. Und wieder rückte es in den Fokus der Geschichte. 1741 hatte der Österreichische Erbfolgekrieg begonnen, in dessen Verlauf bayerische und französische Truppen in Böhmen einfielen und die österreichischen Armeen unter Maria Theresia arg bedrängten. Im Juni 1742 näherten sich die Franzosen Prag. Und es war im Schloss Komořany, wo man noch einen letzten Versuch unternahm, den Angriff friedlich abzuwenden. Hier verhandelten der französische Marschall Charles Louis Auguste Fouquet de Belle-Isle und der Herzog von Bayern, Karl Albrecht von Bayern (der spätere Kaiser Karl VII.), mit den Abgesandten von Maria Theresia, Christian Moritz Graf von Königsegg-Rothenfels und Fürst Paul II. Anton Książę Esterházy. Die Verhandlungen scheiterten und die Franzosen besetzten Prag und wurden nun von den Österreichern belagert, denen es erst Anfang 1743 gelang, die Stadt wieder zurückzuerobern.

1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch das Kloster Zbraslav nicht verschont blieb, was natürlich bedeutete, dass auch Schloss Komořany kein Klostereigentum mehr war. Einige Jahrzehnte gehörte es nun einem religiösen Fonds, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkaufte (der in der Nähe eine Zuckerfabrik gründete), der es wiederum 1868 an eine Familie Procházka, die das barocke Schloss nunmehr vollständig im neogotischen Stil umbauen ließ, was man heute noch am augenfälligsten an der Schlosskirche mit ihrem spitzen Turm erkennen kann. 1913 erwarb es der Industrielle Karel Schulz, der im gleichen Jahr in der Nähe eine Maschinenfabrik errichtete. Der beauftragte den bekannten, auf Historismus und Jugendstil spezialisierten Architekten Alois Čenský (wir begegneten ihm bereits hier) mit einem neuerlichen Umbau. Vollendet wurde der Umbau nicht, aber neben der Erhöhung eines Flügels (des vierflügeligen Schlosses) und dem Umgestaltung eines Turm als Wasserreservoir, ist das Verschwinden des meisten neogotischen Zierrats, der als unmodern empfunden wurde.

Ein Hauch von Modernität prägte nun das Äußere, was man am besten an den kubistisch anmutenden Verzeirungen der Toreinfahrt zum Hof sehen kann (Bild rechts). Schulz starb 1932 unerwartet an einem Herzinfarkt und das Schloss fiel nach seinem Willen an den Staat. Und schon zogen neue dunkle Wolken am Horizont auf. Am 5. Mai 1945 brach der Prager Aufstand gegen die Naziherrschaft aus, und die Aufständischen benutzten das Schloss als eine Art lokale Kommandozentrale. Die Kämpfe in diesem Teil der Stadt waren besonders heftig. Am 6. Mai führten die Aufständischen hier Verhandlungen mit Vertretern der sogenannten Wlassow Armee. Das waren russische Soldaten, die als Gegner von Stalins Terrorherrschaft die Seite gewechselt hatte, um sich Hitlers Schreckensregime anzuschließen. Jetzt waren sie auch hiervon enttäuscht und boten den Aufständischen dringend benötigte Hilfe im Kampf gegen Hitler an. Aber auch diese Unterstützung konnte nicht verhindern, dass SS-Truppen tags darauf Komořany nebst Schloss besetzten. Offiziell kapitulierten die deutschen Truppen am 8. Mai, aber die hier nun eingeschlossenen deutschen Truppen kapitulierten nicht. Die Kämpfe dauerten noch bis zum 10. Mai, wobei die Aufständischen (unter anderem mit Hilfe eine improviserten gepanzerten Eisenbahnzuges) bereits von Soldaten der Roten Armee unterstützt wurden. In Komořany fielen die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs auf Prager Boden.

Das Schloss – nunmehr durch die Kämpfe arg beschädigt – blieb auch nach dem Krieg in Staatsbesitz. Das galt erst recht so, als die Kommunisten im Februar 1948 die Macht ergriffen. Bis zu diesem Jahre gehörte das Schloss noch der örtlichen Sparkasse. Und zwischen 1948 und 1957 wurde es dann zur Geschäftsstelle der örtlichen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nichts passt besser zum Anspruch, die Avantgarde des verarmten Proletariats zu sein, als in einem alten schönen Schloss zu residieren, dachte man sich wohl. Aber wie heißte es auch so schön bei Orwell? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher als andere.

Vielleicht war das dann doch zuviel der unfreiwilligen Ironie. Wer weiß? Danach zog hier auf jeden Fall das Hydrometeorologische Institut (Hydrometeorologický ústav) ein, das seither hier eine (von landesweit sieben) seiner Forschungsaußenstellen zur meteorologischen Forschung betreibt. Auf einem der Türme kann man auch von außen die modernen Messgeräte erkennen (Bild links). Das Institut ist heute immer noch hier und wurde dem Umweltministerium unterstellt. Hier betreibt man Klimaforschung, Wetterforschung, Gewässerschutz (wozu die direkt unterhalb fließende Moldau einlädt) und Luftqualitätsmessungen. Das Fernsehen wüsste ohne das ganze nicht, wie es die Wetternachrichten füllen sollte.

Während der kommunistischen Zeit wurde das Schloss anfänglich zum Teil recht lieblos wieder aufgebaut und dann (wie eigentlich üblich) dem allmählichen Verfall preisgegeben. 1991 (zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus) wurde der Architekt Michal Sborwitz mit der Renovierung beauftragt.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Jahre hin. Sie wurde 1998 mit der Eröffnung des vollständig erneuerten südlichen Flügels des Schlosses abgeschlossen, in dem sich nun unter anderem ein modernen Konferenzzentrum mit breiter Fensterfront befindet, von dem man wahrscheinlich einen schönen Ausblick auf die Moldau in Richtung Zbraslav hat. Das Schlossareal ist normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Trotz dieser schönen Neubauten hat die Ästhetik des Schlosses unter den Wirrnissen des 20. Jahrhunderts doch recht viel gelitten. Das Ganze wirkt recht uneinheitlich. Aber man sollte ja auch bedenken, dass es heute auch nicht demn Anspruch erhebt, ein touristisches Highlight zu sein. Vielmehr ist es ein Zweckbau als Forschungszentrum.

Als Teil eines Ausflugs in den Süden Prags ist es allemals einen Abstecher wert. Drumherum findet man viel Grün, den ruhigen Flusslauf der Moldau und einige Teiche. Und von der Flussseite aus gesehen sieht das Schloss doch recht beeindruckend aus (Bild links). Für die Besucher wurde in der Umgebung ein Lehrpfad mit Namen Freiheitspfad 1938-1945 (Stezka svobody 1938-1945) angelegt, der 20 Stationen mit ausführlichen historischen Informationstafeln beinhaltet, die über die gegen die Nazis gerichteten Widerstands-Aktivitäten in der Umgebung informieren – allen voran die Kämpfe während des Prager Aufstands im Mai 1945. Tafel Nr. 15 ist den Ereignissen im Schloss gewidmet und steht direkt vor dem Hofeingang.

Auf wenn es bauhistorisch grandiosere Schlösser in Tschechien gibt, so gibt es doch kaum eines, dass eine solch aufregende Geschichte durchlebt hat. (DD)

Umfassende Hilfe für Blinde

Als kleines Kind hatte Alois Klar sich nach einem Sturz eine schwere chronische Sehbehinderung zugezogen. Trotzdem legte er eine steile akademische Karriere hin. Erst Gymnasialprofessor in Litoměřice (1786), dann Professor für Altphilologie an der Karlsuniversität (1806), schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät (1820). Er hatte gezeigt, dass man es auch mit Sehschwäche schaffen konnte. Und er wollte, dass andere auch diese Chance erhielten, um nicht als Blinde von bloßer Barmherzigkeit anderer abhängen zu müssen. Kurz: Er gründete das Klar’sche Institut für Blinde (Klárův ústav slepců).

1807 hatte Klar schon zusammen mit Prokop Ritter von Platzer die Prager Blinden-Erziehungs-Anstalt ins Leben gerufen, die später durch ein zweites Institut, die Heilanstalt für unbemittelte Augenkranke, ergänzt wurde. Die Finanzierung kleiner Gebäude und der Ausstattung in der Burgstadt verdankte man einer Sammlung und der Förderung des damaligen Oberstburggrafen Josef Graf von Wallis. Das war ein kleiner Anfang. Den Unterricht für die Kinder übernahm oft Klars Frau Rosina. Aber Klar strebte nach größerem. 1832 – ein Jahr nach seiner Emeritierung – rief er das Prager Privat-Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke und begann mit einer großen Sammlung. Die wurde ein Erfolg. Sogar Kaiser Franz I. ließ sich nicht lumpen und spendete ein Stück Land an der Prager Kleinseite. Die Fertigstellung erlebte Klar nicht mehr, denn er starb 1833. Aber auf dem gespendeten Grundstück an der heutigen Pod Bruskou131/3 wuchs ab 1836 ein riesiges Gebäude heran, in dem Klars Werk vollendet werden sollte.

Klar hatte noch seine für damalige Zeit höchste modernen Vorstellungen über den Betrieb darlegen können, nach denen nun verfahren werden sollte. Es war ein „ganzheitliches“ Konzept, das lebensnahe Bildung, sportliche Leibesertüchtigung, Heilung und moralischen Beistand (wofür u.a. eine große Kapelle des Erzengels Rafael gebaut wurde) vereinte. Viele Ideen dazu hatte er sich bei Johann Wilhelm Klein geholt, der 1826 die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien gegründete hatte und als eine der führenden Kapazitäten der Blindenfürsorge in Europa galt. Als 1844 das von den Architekten Vincenc Kulhánek und dem berühmten Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) eingeweiht wurde, führte bereits Alois Klars Sohn Paul Alois Klar dessen Lebenswerk fort und leitete die Anstalt. Ab 1880 übernahm der Enkel von Alois, Rudolf Maria Ritter von Klar (inzwischen wurden nämlich die Verdienste der Familie durch einen Adelstitel anerkannt) die Blindenanstalt, die weiterhin als eine vorbildliche Institution galt. Nach dessen Tod im Jahre 1898 wurde Emil Wagner der Direktor.

Unter dem Ritter von Klar hatte die Anstalt eine große Wachstumsphase durchlebt. In den Jahren 1884/85 wurde der Bau daher erweitert und damit endgültig fertiggestellt. Aber der Grundcharakter des streng und schlicht gestalteten zweiflügeligen klassizistischen Gebäudes mit seinem Mittelrisalit blieb. Auf dessen Giebel befindet sich ein Relief des Bildhauers und Malers Josef Max. Es stellt ein passendes alttestamentarisches Motiv dar, nämlich wie Tobias seinen blinden Vater (mit Fischgalle) wieder sehend macht (zum Nachlesen: Bibel Tobias 6). Er wird vom Erzengel Rafael begleitet, dem ja – recht folgerichtig – auch die recht große Kapelle der Anstalt gewidmet ist, deren kleinen Glockenturm mit seinem vergoldeten Ziffernblatt man über dem Gebäude sehen kann. Auf dem Relief sieht man auch einen kleinen Hund, der an dieser Stelle in der Bibel nicht vorkommt. Das musste aber einfach sein, weil die Tschechen ja Hundenarren sind und so etwas lieben.

Des Ritters Nachfolger Wagner baute die Anstalt noch einmal kräftig aus. Denn es gab ja noch viel Platz. Das Grundstück, auf dem das bereits recht groß dimensionierte Gebäude stand, bot die Möglichkeit eines zusätzlichen neuen Gebäudes. Ein kleiner Park trennte nun das alte vom neuen Haus, das dann in den Jahren von 1906 bis 1909 durch den Architekten Josef Piskač errichtet wurde. Das am heutigen Nábřeží Edvarda Beneše 627/3 erbaute Bauwerk war stilistisch grundverschieden von dem alten klassizistischen Gebäude.

Es herrschte ein opulenter, durch Erker und Türme dekorierter Neorenaissance-Historismus vor, der durch Jugendstil-Ornamentik ergänzt wurde. Unter anderem wurden ein Schwimmbad und eine Turnhalle eingebaut. Man blieb weiterhin an der Spitze des Fortschritts in Sachen Blindenpädogogik.

Die beiden Gebäude dienen heute nicht mehr ihrem gemeinsamen Zweck. Ein kleines Mäuerchen mit Zaun trennt sie heute sogar. Denn das neue, unter Wagner erbaute, Gebäude beherbergt heute die örtliche Bezirksstaatsanwaltschaft. Leider befindet sich das Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, er seiner historischen Bedeutung nich gerecht wird. Man kann nur hoffen, dass da irgendwann einmal etwas unternommen wird.

Und auch das alte Gebäude (das besser in Schuss gehalten wurde) ist schon lange keine Blindenanstalt im umfassenden Sinne, wie es Klar einst vorschwebte, mehr. Ihrem ursprünglichen Zweck diente sie bis kurz nach dem Zweiten weltkrieg. Dann wurde sie in eine Sekundarschule für Blinde verwandelt, die immerhin nach Alois Klar benannt wurde. Dann brachte das Ende des erfreuliche Kommunismus im Jahr 1989 einige bauliche Nebenwirkungen mit sich. Die neuen demokratischen Institutionen mussten sich räumlich neu einrichten. Das Parlament zum Beispiel, das von den Kommunisten in das heutige Neue Gebäude des Nationalmuseums verlegt worden war, wurde wieder in den alten Thun Palast zurückverlegt, und auch der Ministerpräsident brauchte ein provisorisches Domizil bis die dazu vorgesehene Villa Kramář wieder fertig restauriert war. Der wurde deshalb erst einmal hier untergebracht.

Aber dieses provisorische Zwischenspiel endete schließlich im Jahr 1993. In diesem Jahr übernahm das Abgeordnetenhaus, für dessen Betrieb der Thun Palast eigentlich zu klein war, einige Gebäude der Umgebung für administrative Zwecke, darunter auch den Smiřický Palais am nahen Kleinseitner Ring. Hier residierte bis dato die 1919 gegründete staatliche Institution der Tschechischen Geologischen Dienstes (Česká geologická služba), die nun ihrerseits ein neues Domizil brauchte und in der alten Blindenanstalt (genauer: im alten Gebäude) fand. Der Geologische Dienst betreibt hier nun Forschung und Datenerfassung, die für die Öffentlichkeit von Nutzen sind, etwa bei Planung von Infrastrukturprojekten und Umweltgutachten, und kümmert sich um Bildungsprojekte in Sachen Geologie. So endete die Verbindung des Gebäudes mit seinem ursprünglichen Zweck, dem umfassenden Wohl der Blinden, endgültig.

Heute erinnert äußerlich wenig an die bahnbrechende Sozialeinrichtung, die hier einst ins Leben gerufen wurde. Wenn man genau hinschaut, kann man unter den Jugendstil-Ornamenten auf der Fassade des neuen Gebäudes immerhin Motive entdecken, die noch daran erinnern – etwa das rechts abgebildete Relief mit dem Bild eines Blinden. In Ehren gehörten wird das Werk von Alois Klar jedoch immer noch. Das schlägt sich sogar im Ortsnamen nieder. Wir befinden uns ja hier am nördlichen Rand der Kleinseite, ganz nahe beim Waldstein Palast. Und dieser nur wenige Häuserblöcke umfassende Teil der Kleinseite wurde 1922 – also in den Zeiten der Ersten Republik (als man „Deutsche“ wie Klar an sich eher selten würdigte) – feierlich in Klárov umbenannt. Damit ehrten die Tschechen ihn als einen ihrer großen Wohltäter. Und dass er das war, daran bestand nie auch nur der geringste Zweifel. (DD)

Der Wissenschaftsstandort

Wir sind es gewohnt, die frühe Moderne als eine Art Kampf zwischen finsterer Religiosität und aufstrebender aufgeklärter Wissenschaft zu sehen. Wer so vereinfacht denkt, sollte sich vielleicht einmal näher mit dem Jesuitenorden befassen. Und das kann er in Prag am besten im Klementinum in der Altstadt tun.

Am besten schaut man dann einmal ganz nach oben auf die Spitze des großen Turmes: Dort sieht man die (schon recht heidnische) Figur des Atlas, der die Himmelssphären auf seinen Schultern trägt (großes Bild oben). Die Statue wurde von dem berühmten Barock-Bildhauer Matthias Bernhard Braun gestaltet und nach der Fertigstellung des Turmes 1722 dort aufgestellt . Das kann man kaum anders als eine klassische Allegorie auf die Wissenschaft der Astronomie interpretieren. Und richtig: In dem 68 Meter hohen Turm befindet sich tatsächlich eine – nach damaligen Standards hochmoderne – Sternwarte. Und die wurde hier von den Jesuiten eingerichtet. Aber wie kam es dazu?

Es fing damit an, dass dem böhmischen König Ferdinand I. (dem späteren deutschen Kaiser) bei seinem Amtsantritt missfiel, dass die Böhmen mehrheitlich für seinen erz-katholischen Geschmack viel zu protestantisch oder hussitisch waren. Besonders war ihm die Karlsuniversität (unser Bericht hier) als Hort protestantisch-hussitischer Intellektualität ein Dorn im Auge. Dass sie schon seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert eine rein tschechische Universität war, die von gemäßigten Hussiten (den Utraquisten) geführt war, stellte aber auch einen Schwachpunkt dar, den der König ausnutzen konnte. Die Universität war dadurch nämlich vom internationalen „Wissenschaftsbetrieb“ (meist katholisch, fast immer in der Weltsprache Latein lehrend) weitgehend abgekoppelt und nicht mehr die führende Bildungsstätte, die sie bei ihrer Gründung 1348 einmal war. Die 1540 in Spanien gegründeten Jesuiten, so fand Ferdinand, waren in der Lage, gegenüber den Utraquisten eine überlegene Konkurrenz aufzubauen. Die Mission des Ordens war es, Bildung und Kaderschulung zu betreiben und dem Glaubensgegner intellektuell etwas entgegen zu setzen. Die Jesuiten fingen jedenfalls nach der Einladung durch Ferdinand gleich 1556 mit dem Aufbau einer neuen Einrichtung und schon 1562 wurde ihr Klementinum offiziell in seine Universitätsrechte eingesetzt.

Der Anfang war trotzdem mühsam. Man bezog ein altes, verfallenes Dominikanerkloster in der Altstadt und litt unter Geldmangel. Die Lage änderte sich, als 1620 die katholisch-habsburgische Seite in der Schlacht  am Weißen Berg (auch hier) über die böhmischen Protestanten siegte, und nun eine rigide Politik der Zwangskatholisierung durchführte. Im Zuge dieser Gegenreformation nahm das Klementinum nun einen riesigen Aufschwung. Kaiser Ferdinand II. sorgte 1622 dafür, dass das Klementinum nun auch die Verwaltung der Karlsuniversität mit übernahm (und sie entsprechend umstrukturierte).

Die Studenten im Klementinum waren als gute Jesuitenschüler natürlich Gegner jeder Rückkehr des Protestantismus. In die Nationalmythologie der Tschechen ging der verzweifelte, aber erfolgreiche Kampf auf der Karlsbrücke ein, den sich Prager Studenten mit den Schweden lieferten, die ganz zu Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 noch einmal versuchten, Prag einzunehmen. Das waren natürlich primär die Studenten des Klementinums, was weniger häufig erwähnt wird. Nun ja, sie hätten auch bei einem Erfolg der protestantischen Schweden viel zu verlieren gehabt. Und außerdem lag das Klementinum genau am Ausgang der Brücke, die die Schweden für ihren Einmarsch zwangsläufig nutzen mussten, auf der Altstadtseite. Man war sozusagen gleich bei der Stelle.

Sein Sohn Ferdinand III. vereinigte 1654 die beiden Institutionen auch formell als Karl-Ferdinand-Universität (was bis 1882 so blieb). Das war auch baulich mit einem enormen Aufschwung verbunden. In den Jahren 1653 bis 1726 entstand hier der nach der Burg zweitgrößte Gebäudekomplex der Stadt. Er umfasst fünf große Innenhöfe und eine Fläche 2 Hektar (20.000 m²). Das kann man gar nicht mit einem Blick überschauen, aber gottlob stehen überall in den Innenhöfen Lagepläne mit einer Luftaufnahme, die einen Gesamteindruck vermitteln (kleines Bild links). Ein Großteil der oft skulptural wohldekorierten (Beispiel Bild oberhalb rechts) Barockgebäude wurde von dem renommierten Architekten Carlo Lurago und später von Franz Maximilian Kaňka geplant.

Zu dem Komplex gehörten gleich vier Kirchen, nämlich die Kirche zum Allerheiligsten Salvator (Kostel Nejsvětějšího Salvátora), über die wir schon hier berichteten (man sieht den Portikus im Bild rechts), die Spiegelkapelle (Zrcadlová kaple; über die wir hier schrieben), die Kapelle Mariä Himmelfahrt (Kaple Nanebevzetí Panny Marie) und die St.-Clemens-Kathdrale (Katedrála sv. Klimenta). Es wurden unzählige Unterkünfte für Gelehrte und Studenten sowie Hörsäle eingerichtet. Die Jesuiten machten Nägel mit Köpfen und bauten im Klementinum einen Wissenschaftsstandort mit allem Schikanen auf.

Ein Beispiel war der Turm mit der Sternwarte. Die Astronomen berechneten hier die Zeit so genau, dass sie mit einem Kanonenschuss den Pragern (die damals ja noch keine Armbanduhren kannten) präszise und unüberhörbar die Mittagszeit anzeigen konnten. Zur Sicherheit gab (bzw. gibt es am Turm auf eine Sonnenuhr – im Bild links zu sehen). Zum selben Gebäudetrakt gehört die riesige Bibliothek, die ebenfalls 1722 eingeweiht wurde und bald 20.000 Bände ihr eigen nennen durfte. Unter ihrem Leiter Karel Rafael Ungar wurde ab 1781 erstmals eine Abteilung für Literatur in tschechischer Sprache eröffnet. Einem Nebengebäude verdankt man, dass Prag zu den metereologisch am besten erforschten Städten gehört. Denn am 1. Januar 1775 begann hier der Mathematiker und Jesuit Joseph Stepling mit täglichen Wetteraufzeichnungen. Der hatte auch schon 1751 das Mathematikmuseum eröffnet. Stepling war ein herausragendes Beispiel für die wissenschaftlichen Talente, die die Jesuiten hier hervorbrachten.

Die gute Zeit für die Jesuiten endete 1773. In diesem Jahr löste die aufgeklärte Kaiserin Maria Theresia. (übrigens einem päpstlichen Beschluss folgend) den Jesuitenorden auf. Die Anlage kam in Staatsbesitz (wo sie sich – mit Ausnahme der Kirchen – immer noch befindet). Aber die Habsburger waren weiterhin an moderner Wissenschaft lebhaft interessiert. Das Observatorium wurde zunächst unter der Leitung des Mathematikmuseums weiterbetrieben. Kaiser Joseph II. erklärte die Bibliothek 1781 zur Nationalbibliothek, wodurch der Bestand erweitert wurde (teilsweise um wertvollste mittelalterliche Handschriften, die heute Stolz der Sammlung sind). Die aufgeklärten Habsburger waren Stolz auf ihre Forschungs- und Lehranstalt, weshalb man heute noch viele habsburgische Insignien aus jeosephinischer Zeit angebracht sehen kann – etwa im Bild oberhalb rechts der Doppeladler mit Inschrift zu Ehren Josephs II. über dem Hofeingang zur Straße Křižovnická.

Nebenbei pflegte man auch sonst die die Musen. Wolfgang Amadeus Mozart war zeitlebens gerne in Prag und ungekehrt war er auch in Prag ein gern gesehener Gast (und dort weitaus beliebter als im heimischen Wien). Die Spiegelkapelle (die immer noch ein beliebter Konzertsaal ist) war einer der Orte, wo er des öfteren seine Musik aufführte. 1837, zum 50 Jahrestag der Uraufführung der Oper Don Giovanni, wurde daher im Klementinum das erste Mozart-Museum der Welt eröffnet. Das wurde in der Vorhalle der Spiegelkapelle eingerichtet, wo sich heute noch eine Mozart-Büste (Bild links) befindet, die der Bildhauer Emanuel Max von Wachstein im Eröffnungsjahr gestaltet hat, und die angeblich sehr lebensnah den Komponisten portraitiert. Man konnte dort viele Originalhandschriften bewundern. Das Museum gibt es so nicht mehr, aber die wertvollen Dokumente, die damals gesammelt wurde, stehen heute in der Bibliothek der Forschung zur Verfügung.

Das Klementinum entwickelte sich weiter zu einem Wissenschafts- und Kulturzentrum – etwa als Ort der Gründung eines Kunstmuseums (1796), aus dem sich später die Nationalgalerie entwickelte oder als Erstsitz der Akademie der Bildenden Künste von 1799 bis 1886. Sogar das Erzbischöfliche Priesterseminar durfte hier bis 1929 wirken, denn ganz so antiklerikal war man denn doch nicht. Nur die Jesuiten, die 1814 nach einem Papstedikt wieder legal wurden, bekamen keine Restitution. Das Klementinum blieb in staatlicher Hand. 1882 wurde die Universität in eine deutsche und eine tschechische geteilt, wobei das Klementinum tschechisch blieb. 1918 kam die Erste Republik und die Habsburgerherrschaft endete. 1924 erweiterte man die Bibliothek ein wenig und modernisierte sie nach Plänen des Architekten Ladislav Machoň, über den wir schon hier und hier berichteten.

Das Klementinum ist heute noch eine staatliche Einrichtung und beherbergt hauptsächlich die Nationalbibliothek des Landes. Darüber hinaus sind Teile des Klementinums, insbesondere der prachtvolle barocke Bibliothekssaal, die Sternwarte , eine Gallerie für Ausstellungen, die drei Kirchen, für das Publikum zu besichtigen. Sternwarte und Bibliothek (hier leider Photographierverbot) kann man zusammen in einer geführten Tour besichtigen. Das lohnt sich neben anderem auch deshalb, weil man vom Turm aus eine unglaubliche und spektakuläre Aussicht über Prag genießen kann. Da die Jesuiten 1722 noch keine Aufzüge einbauen konnten, muss man allerdings die sämtlichen 172 Stufen selbst hochsteigen. Ach ja: In den Kirchen, die sich allesamt durch eine gute Akkustik auszeichnen, finden auch häufig qualitativ hochstehende Konzerte statt. Auch das macht einen Besuch beim Klementinum zu einem unerlässlichen Teil jedes Prag-Besuches. (DD)

Avantgarde für die Expo

Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: Das Tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel. Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat (Beispiele zeigten wir u.a. hier und hier).

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr (wir erwähnten ihn bereits hier), Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

Das Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungeschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist).Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat im das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln, wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen.

Aber die schöne Aussicht in eine Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich im dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden. (DD)

Diesen Beitrag lesen Sie mit Hilfe von Flüssigkristallen, die hier in Prag entdeckt wurden

Geht man an diesem alten Barockhaus in der Husova 240/5 inmitten der Altstadt vorbei, denkt man sicher nicht zuerst an moderne Wissenschaft. Bis einem die Gedenktafel auffällt. Dann weiß man, dass an diesem Ort 1888 eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht wurde, die so zukunftsweisend war, dass man erst 2017 darauf kam, dass ihr Entdecker eine solche Ehrentafel verdient hatte.

Wir reden von dem Botaniker und Chemiker Friedrich Reinitzer. Der hatte in ebendiesem Jahr 1888 entdeckt, dass Cholesterine schon bei 145 °C schmelzen, aber dabei trübe blieben. Erst bei 178 °C wurde die Flüssigkeit plötzlich klar. Es gab also einen Unterschied zwischen Schmelzpunkt und Klärpunkt. Die Moleküle behielten also einige Strukturen des festen Aggregatzustandes bei, d.h. einige kristalline Bewegungseigenschaften. Das war, in den Worten eines wissenschaftlichen Voll-Laien wie mir, die Entdeckung der Flüssigkristalle.

Reinitzer war in diesem Jahr gerade Professor für Botanik, Warenkunde und technische Mikroskopie an der Deutschen Technischen Hochschule Prag geworden, wo er schon seit 1883 Privatdozent gewesen war. Die Entdeckung brachte im Respekt und Anerkennung der Fachkollegen ein, aber eine für den Normalmenschen epochale Sache schien das nicht zu sein. Heute könnten wir uns eine Welt ohne den Nutzen der Flüssigkristalle gar nicht mehr vorstellen, denn sie bilden die Grundlage der LCD-Technologie (Liquid Crystal Display), die wir von modernen Bildschirmen kennen. Mit deren Entwicklung begann man aber erst in den USA in den späten 1960ern und wendete sie erstmals in den 1970er Jahren bei Uhrendisplays praktisch an. Dabei machte man sich zu Nutze, dass sich die „trüben“ Kristalle im flüssig-geschmolzenen Umfeld durch Elektrizität ausrichten lassen können, um Helligkeit und Farbe in dem betroffenen Bereich zu verändern. Seit den 2000ern haben die Kristalle aber auch bei Fernseh- und Computerbildschirmen die alten Röhrengeräte vollständig verdrängt. Gerade junge Menschen kennen die Welt kaum mehr real/analog, sondern eigentlich nur noch durch das Anstarren von Flüssigkristallen. Wahrscheinlich schauen Sie, die Sie gerade diesen Artikel lesen, auch in einen Bildschirm mit Flüssigkristallen. Ohne Reinitzer in Prag wäre das alles nicht möglich gewesen.

Und deshalb wurde recht spät, nämlich erst 2017, die Einweihung der Gedenkplakette vollzogen. Der Text ist zweisprachig (Tschechisch/Deutsch): „Prof. Friedrich Reinitzer (*25.2.1857, Praha – 16.2.1927, Graz) hat in diesen Gebäude der Deutschen Universitat in Prag im jahre 1888 den ersten flüssigen Kristall erfunden“. Dazu gibt es ein Portrait des großen Wissenschaftlers. Der Grund, weshalb die Ehrung erst 2017, erfolgte, kann auch ein anderer gewesen sein als die spät erkannte Nützlichkeit der Entdeckung. Vielleicht wartete man das Ergebnis einer Untersuchung zu Straßennamen im österreichischen Graz ab, wo er die letzten Jahre seines Lebens akademisch wirkte. Dort war er Gründungsmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene Ortsgruppe Graz, was nicht gerade eine moralische Empfehlung (besonders in einem dereinst von den Nazis besetzten Land wie Tschechien) ist. Eine Expertenkommission in Graz stufte Reinitzer 2017 zwar als problematisch und diskussionsbedürftig ein, schlug aber keine Umbenennung des dortigen Reinitzerwegs vor. Das wissenschaftliche Verdienst wurde dann doch höher gewichtet. Und irgendwie schloss man sich in Prag der Bewertung dann wohl noch im gleichen Jahr an und ermöglichte das Anbringen der Tafel.

Und wieso gerade an diesem Haus? Man geht heute davon aus, dass Reinitzer hier seine Entdeckung machte. Denn das Gebäude war, woran eine zweite und größere Gedenktafel aus Bronze unterhalb der zum Gedenken an Reinitzer erinnert, schon sehr lange ein Ort der Wissenschaft. In dieser Form erbaut wurde das Haus des Heiligen-Wenzel-Seminars (Svatováclavský seminář) um 1725, wahrscheinlich von dem berühmten Prager Barockarchitekten Ignatz Kilian Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier). In diesen Zeiten existierte bereits die Böhmische Ständische Ingenieurschule, die 1707 auf Geheiß Kaiser Josephs I. ins Leben gerufen wurde und 1717 unter ihrem Rektor Christian Joseph Willenbergs den Betrieb begann. Dieser kaiserliche Ursprung ist wohl auch der Grund, warum der Eingang mit einem Habsburger Doppeladler geschmückt ist, der das böhmische Löwen-Wappen auf der Brust trägt. 1806 wurde die Ingenieurschule unter der Leitung von Franz Josef von Gerstner in das Ständische Polytechnische Institut umgewandelt bzw upgegradet. Das wiederum zog umgehend in das Gebäude des Wenzelsseminars ein. In diesen Zeiten begann in den akademischen Institutionen der Sprachenstreit zwischen Deutschen und Tschechen der 1869 dazu führte, dass die Tschechen ihre eigene Tschechische Technische Universität Prag gründeten (wir berichteten hier). Und hier im Gebäude in der Husova verblieb das K.K.Deutsche Polytechnische Landesinstitut des Königreiches Böhmen, das dann 1879 in Deutsche Technische Hochschule umbenannt wurde – eben jene Institution, in der Reinitzer wirkte und das Flüssigkristall entdeckte.

Das Gebäude selbst bestand bereits Ende des 17. Jahrhunderts bevor es von Dientzenhofer fast vollständig erneuert wurde. Äußerlich hat es weitgehend das Dientzenhofersche Erscheinungsbild behalten, sieht man von einigen klassizistischen Überarbeitungen aus der Zeit um 1833 ab. Drinnen wurde es natürlich immer wieder modernisiert und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Im Innenhof wurde sogar 1989 ein Flügel abgerissen. Seit dem Zweiten Weltkrieg existiert hier natürlich keine Deutsche Technische Hochschule mit deutschem Unterricht mehr. Formell wurde sie sowieso schon 1920 der Tschechischen Technischen Universität unterstellt, worauf die Tafel hinweist. Heute wird aber nur ein Teil des Gebäudes von der Tschechischen Technischen Universität – genauer: von dessen Institut für Theoretische und Experimentelle Physik (Ústav technické a experimentální fyziky) – genutzt. Der Rest wurde an private Firmen als Büros vermietet. (DD)

Technisches Meisterwerk. Von Italienern gebaut

Kaum hat man das kleine, an der Sázava, einem Nebenfluß der Moldau, gelegene Dorf Žampach über einen kleinen asphaltierten Forstweg zu Fuß verlassen, wird man von dem Anblick fast erschlagen. Rund 25 Kilometer südlich von Prag findet man dieses einzigartige technische Kulturdenkmal

Keine Frage: Das Žampacher Viadukt (Žampašský viadukt) gehört zu den beindruckenderen der Sehenswürdigkeiten des Ortes. Man ist schier erstaunt, dass eine solch gewaltige Brückenkonstruktion für eine so kleine (30-35 Kilometer lange) lokale Eisenbahnlinie gebaut wurde wie diese es hier ist. Sie verbindet nämlich die unmittelbar südlich von Prag gelegenen Ort Vrané nad Vltavou mit dem östlich von Žampach an der Sázava gelegenen Dorf Čerčany. Es sind keine bedeutenden Weltstädte. Aber der Weg durch die pittoreske Berg- und Flusslandschaft führt bei Žampach eben über das sehr tiefe, schluchtartige Tal des kleinen Kocourský Baches. Dazu brauchte man eine hohe Brücke.

Die Bauarbeiten für die Brücke wurden 1898 begonnen und schon 1900 abgeschlossen. Es war eine der höchsten Steinbogenbrücken mit nur einer Etage in ganz Mitteleuropa. Und um die Superlative vollständig zu machen: Die 180 Meter lange Brücke verläuft in einem leichten Bogen und hat ein Gefälle. Die Krümmung kann man am besten sehen, wenn man den Hang weiter hoch steigt. In der Kategorie einetagiger Eisenbahnviadukte mit Krümmung und Gefälle ist die Brücke jedenfalls Weltrekordhalter, heißt es. Darauf sind die Menschen von Žampach – so stolz, dass sie die unter Prager Ausflugstouristen populäre Eisenbahnlinie damals stolz Posázavský Pacifik nannten, in Anspielung auf die amerikanische Bahngesellschaft Union Pacific, die in den Vereinigten Staaten den großen und Wilden Westen erschloss.

Die Umgebung von Žampach ist sowieso für Geologen eine Fundgrube (früher wurde hier sogar nach Gold gegraben) und so nimmt es nicht Wunder, dass die für die Brücke verwendeten Steine – genauer: Granodiorit – auch aus Steinbrüchen der Umgebung stammen. Rund 5 780 Kubikmeter gebrochene Steine und 600 Kubikmeter Steinquader wurden verbaut.

41,73 Meter ist die Brücke an der höchsten Stelle vom Boden aus hoch. Antiken Vorbildern folgend sind die Bögen regelmäßig strukturiert – immer mit 12 Metern Abstand. Der höchste Pfeiler ist 33 Meter hoch. Und das Ganze ist recht stabil. Seit 1900 fahren Züge über den Viadukt. Heute sind es rund 30 pro Tag. Kein irgendwie Bedeutsamer Schaden ist je aufgetreten. 2012 wurde die Brücke trotzdem renoviert und sieht seither aus, als ob sie gerade erst erbaut worden wäre.

Dabei ist sie schon seit langem ein nationales Kulturdenkmal, genauer gesagt, seit 1958. Bei den Bauarbeiten damals zu Ende des 19. Jahrhunderts hatte man übrigens über 200 Arbeiter aus dem fernen Italien angeheuert. Die Berge um Žampach erreichen, obwohl recht steil und felsig, nicht so ganz wirklich alpine Ausmaße. Aber die Erfahrungen, die die Italiener damals beim Bau von Brücken in den Alpen gewonnen hatten, waren auch hier an dieser Stelle im alten Böhmen sehr von Nutzen. Italien stand in dieser Zeit offenbar für gute Baumeisterarbeit unter schwierigen Bedingungen. (DD)

Die Akademie in der Sparkasse

Dieser Wissenschaftstempel in der Národní 1009/3 in der Altstadt lässt den Betrachter darüber schwärmen, wie viel den Bürgern Böhmens damals die Erforschung der Welt wert war. Aber damit liegt er nicht ganz richtig. Denn das heutige Gebäude der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (Akademie věd České republiky) war ursprünglich eher ein Tempel des Geldes.

Für die 1823 gegründete Česká spořitelna (Böhmische Sparkasse, heute Tschechische Sparkasse) entwarf der bekannte Architekt Vojtěch Ignác Ullmann (siehe u.a. diesen und diesen früheren Beitrag) ursprünglich dieses Riesengebäude im Stil der Renaissance. Der schon recht groß dimensionierte Bau wurde 1895 durch den Wiener Architekten Friedrich Schachner erweitert. Wie Ullmann war auch Schachner ein Anhänger des Historismus, so dass die Geschlossenheit des Baukonzepts gewahrt blieb.

In dem schönen Treppenhaus im Eingangsbereich (man sieht es im großen Bild oben) hängt immer noch eine riesige Marmortafel, die an die feierliche Einweihung des Bauwerks durch die Sparkasse erinnert und einen Wegweiser zu den einzelnen (heute dort gar nicht mehr residierenden) Abteilungen derselben bietet. Einen Wegweiser brauchte der Bankkunde damals wohl. Man muss es nur von außen ansehen, um zu bemerken, dass das Gebäude an der Frontseite alleine 25 Fensterachsen hat, und um damit zu erkennen, wie groß und weitläufig das Ganze wohl sein muss. Es war das Zeitalter der Industriellen Revolution und das Bankwesen boomte im reichen Böhmen.

Das ging auch so weiter bis die Kommunisten 1953 das Sparkassenwesen im Lande zu umorganisierten, dass das Gebäude seine Funktion verlor. Aber man hatte auch gleichzeitig eine neue Nutzung im Sinn. Von 1954 bis 1956 wurde das Gebäude innen umgebaut, um die 1952 gegründete Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften zu beherbergen. Die war aus der Fusion der schon 1769 gegründeten Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften Böhmens (die bis dato im Buquoy Palast nahe der Karlsuniversität residiert hatte) und der 1888 initiierten Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Česká akademie věd a umění) entstanden.

Und so kommt es, dass die Akademie der Wissenschaft heute in einem Gebäude residiert, dessen künstlerische Ausschmückung immer noch auf den ursprünglichen Zweck als Sparkassenzentrale hinweist. Auf dem Dach befinden sich je über den beiden Risaliten Skulpturengruppen der akademischen Bildhauer Antonín Wildt und Otto Mentzel, die allesamt Allegorien zu Fleiß, Arbeit und Sparsamkeit darstellen.

Das gilt auch für das Treppenhaus am Haupteingang, das wir oben sehen. Die prachtvollen Löwen sind ebenso ein Werk des Bildhauers Josef Václav Myslbek (dem wir die Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz verdanken) wie die an den Wänden befindlichen weiblichen Allegorien auf den Sieg der Sparsamkeit (beides 1895 gestaltet). Aber mal ehrlich: Gerade die Wissenschaft wird nicht immer so mit Geld gesegnet, wie sie es gerne hätte, und daher ist die Vermittlung des Ideals der Sparsamkeit an dieser Stelle vielleicht gar nicht so fehlplatziert.

Weiter drinnen kommen die Änderungen durch Schachner mehr zum Tragen, die sich durch eine besondere Opulenz auszeichnen – ganz im Gegensatz zu der eigentlich sehr nüchternen Außenfassade, die Ullmann gestaltete. Das beste Beispiel ist der zu einem Atrium umgestaltete ehemalige Innenhof. Er dient nun als Lesesaal der Akademie. Durch die geschmackvoll gestaltete Glasdecke kommt natürliches Licht. Vor allem die beiden unter einem Balkon angebrachten Karyatiden, die man rechts sieht, machen zweifellos etwas her! Dass das mal eine Bankhalle war, vergisst man da glatt. In solch einem Raum lässt sich auch wissenschaftliche Kontemplation genießen! Da die Akademie öfters auf Ausstellungen präsentiert, bietet sich auch die Gelegenheit, das Ganze mal innen zu inspizieren.

Von hier aus fördert die von der Vorsitzenden Eva Zažímalová geleitete Akademie, die hier und in ihren rund 50 Nebenstellen rund 6400 Mitarbeiter beschäftigt, Grundlagenforschung – wobei primär die Naturwissenschaften im Mittelpunkt stehen. Das überaus repräsentative Gebäude, das der historisch versierte Ullmann derein der Nationalbibliothek von St. Markus (Biblioteca Nazionale Marciana) des Frührenaissance-Architekten Jacopo Sansovino in Venedig nachempfunden hatte, hat sich in seiner neuen Funktion so bewährt, dass wohl niemand mehr etwas daran ändern möchte. (DD)

Talsperre, wo Kaiser Ferdinand einst die Fluten bändigte

Als der Steinmetz Zacharias de Bussi Campione im Jahre 1643 zu Ehren von Kaiser Ferdinand III. am Moldauufer die Ferdinandssäule (Ferdinandův sloup) errichtete, ahnte er nicht, dass die dereinst nicht nur malerisch an einem Felsen ihre Pracht entfalten, sondern auch einen atemberaubenden Kontrast zu einem technischen Großbauwerk bilden würde, das seine Vorstellungskraft mit Sicherheit gesprengt hätte. Die Rede ist von der Talsperre Slapy (Přehrada Slapy).

Die Staumauer befindet sich an der Grenze zwischen den Ortschaften Třebenice und Slapy gehört (daher der Name) in Mittelböhmen – rund 35 Kilometer vom Prager Zentrum entfernt. Prag bezieht von hier einen großen Teil seines Stroms. Die Talsperre wurde in den Jahren 1949 bis 1955 errichtet und 1956 feierlich eröffnet. Sie ist 67,5 Meter hoch und 260 Meter breit. Die Mauer verfügt über vier je 15 Meter breite Überlauffelder, durch die 3000 qm pro Sekunde fließen können. Das Wasserkraftwerk verfügt über drei sogenannte Kaplan-Turbinen mit einer Leistung von jeweils 48 Megawatt bei 108 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Neben der Stromproduktion dient er der Trink- und Nutzwasserversorgung und der Regulierung des Hochwasser darunter, was auch die Schifffahrt dort ermöglicht.

Mit dem Thema der Schiffahrt kommen wir wieder zurück zur Ferdinandssäule. Die Moldau war früher ein ungebändigter Fluss, der für normale große Schiffe unbefahrbar war. Moldauschifffahrt, das waren in der Hauptsache Flößer (wir berichteten u.a. hier und hier). Dort, wo heute der Stausee beginnt, war im frühen 17. Jahrhundert eine der gefährlichsten Stromschnellen. Reißende Strömungen und tückische Untiefen und Felsen führten immer wieder zu schrecklichen Unfällen, bei denen Menschen umkamen und großer wirtschaftlicher Schaden entstand. In den 1630er Jahren ordnete daher besagter Kaiser Ferdinand III. an, die Moldau im Bannkreis von Prag sicherer und teilweise schiffbar zu machen. Die Stromschnelle wurde „entschärft“ und Felsen im Wasser entfernt. Das rettete viele Menschenleben und belebte die vom Dreissigjährigen Krieg geschädigte Wirtschaft. Deshalb setzte man im nach Abschluss der Arbeiten 1643 mit der Säule ein Denkmal.

Damals befand sich oben auf der Säule neben der gemeißelten Darstellung eines symbolischen Korb mit Steinen (siehe großes Bild oben) auch ein gusseiserner Habsburger Adler mit Krone, das Werk eines Schmiedes namens Hans Kugler aus Prag. Als die Tschechoslowakei 1918 unabhängig wurde und sich vom Habsburgerreich löste, brachen nationalistische Vandalen im Eifer ihrer Begeisterung die Krone ab und warfen sie anscheinend irgendwo (unauffindbar!) in Wasser.

Die immer noch stattliche „Restsäule“ (auf der sich heute eine Metallspitze befindet, die an einen Blitzableiter erinnert) steht übrigens nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort. Sie befand sich nur wenig weit entfernt stromaufwärts ebenfalls auf einem pittorsken Felsen wie heute. Da wäre sie aber Dank des Dammes heute unter Wasser. Aus irgendwelchen Gründen waren aber die Kommunisten 1949 gnädiger gegenüber dem guten Ferdinand III. als es die Republikaner 1918 waren. Man gab sich Mühe, sie fachgerecht und an einen imposanten Ort zu versetzen.

Die Stelle, wo früher die Flößer so arg in Gefahr gerieten, ist als Svatojanské proudy (Johannisströme) bekannt. Den Namen bekam der Ort aber erst, nachdem Ferdinand ihn einigermaßen gebändigt hatte. 1722 stellte man nur wenige Meter unterhalb der Ferdinandssäule eine barocke Statue des böhmischen Heiligen Nepomuk auf, die man hier immer noch bewundern kann (bzw. eine Kopie, die man 1908 anfertigte, da das Original bei Wind und Wetter langsam aber sicher erodiert war).

Die Statue betete man wohl gerne an, denn auch ohne die Felsen und Untiefen war das Wasser im sehr engen Flusstal immer noch recht reißend. So reißend, dass sie romatisch veranlagten Musikern gerne und oft zur Inspiration diente. Der Nationalkomponist Bedřich Smetana wurde 1874 durch die Schnellen zu seinem weltberühmten Ohrwurm Die Moldau (Vltava) angeregt. Der weitaus weniger bekannte Komponist Josef Richard Rozkošný schrieb 1871 sogar eine ganze – heute kaum mehr bekannte – Oper mit dem Titel Svatojánské proudy.

Kein Wunder, dass das Areal um den Stausee schon im 19. ajhrundert zum Ausflüglerparadies für die Prager wurde, die sich gerne hierher schippern ließen, um das felsige und malerische Flussufer zu erwandern. Den Freizeitwert hat die Talsperre duchausgehoben.Der Stausee ist ganze 44 Kilometer lang und hat eine Fläche von 1392 Hektar. Restaurants und Freiluftschwimmbäder laden ein. Paddler und Segler finden hier ein wahres Paradies. Sogar etliche Ausflugsdampfer fahren hier. Desgleichen kann man auch im Fluss unterhalb sehen, so die Wasserregulierung durch den Damm den Bootsverkehr noch sicherer gemacht hat als es schon die Arbeiten unter Kaiser Ferdinand getan hatten. Ein Problem für Bootstouristen gibt es doch. Aller die kleineren Stauwerke zur Flussrgeulierung und Stromgewinnung, die sich unterhalb befinden, verfügen über Schleusen, durch die Schiffe mühelos hindurch kommen. Das ging hier nicht. Um das Problem zu lösen, wollte man in der Dammmauer ein kleine Schiffshebewerk einbauen, das Boote mit einer Wasserverdrängung von bis zu 300 Tonnen passieren lassen sollte. Die tunnelförmige Einfahrt unterhalb des Dammes kann man heute noch sehen. Weiter kam man nicht. Das Projekt blieb bis heute unvollendet.

Für kleine Bötchen gibt es jedoch eine Zuganlage, die von einem Traktor betrieben wird. Theoretisch kann man also doch noch weit über den Stausee hinaus paddeln oder rudern. Auf jeden Fall ist eine Flußreise heute erheblich sicherer als vor den Zeiten Kaiser Ferdinands, und zwar nicht nur, weil es keine wirklichen Stromschnellen mehr gibt. Auf dem touristisch erschlossenen Stausee ist man auch vor Räubern und anderen Gefahren sicher. Wie man im Bild rechts im Vordergrund sieht. patrouilliert hier auch ein Schnellboot der Wasserpolizei, wenn es die Lage erfordert. (DD)

Eisenbahnparadies und noch mehr

Hier erwacht das Kind im Manne! Das Königreich der Eisenbahn (Království Železnic) verspricht schon im Namen, ein Paradies für die Freunde des Eisenbahnmodellbaus zu sein. Und das ist die riesige Dauerausstellung in der Stroupežnického 3181/23 im Stadtteil Smíchov (Prag 5) auch – und noch mehr.

Mit 1008 Quadratmetern handelt es sich um die größte Ausstellung ihrer Art in ganz Mitteleuropa. Das ist auch die Folge von einigen Erweiterungen, denn als das Ganze im Juli 2009 durch den Betreiber und Besitzer Rudolf Pospíšil eröffnet wurde, waren es „nur“ 115 Quadratmeter. Heute umfasst schon alleine die größte der Landschaftsanlagen mit ihren Eisenbahnmodellen (im Maßstab 1:87) ganze 459 Quadratmeter. In den Modelllandschaften befinden sich mehr als 30.000 menschliche Figuren. Man möchte mit den statistischen Superlativen gar nicht mehr aufhören. Und die Räumlichkeiten verfügen noch über viel Platz zum weiteren Ausbau, so dass in nicht allzu langer Zeit mit noch mehr Attraktionen zu rechnen ist.

Die Landschaften werden im 20-Minuten-Takt von Tag auf Nacht und zurück geschaltet. Die Beleuchtungseffekte in der künstlichen Nacht sind durchaus spektakulär. Zudem sind die einzelnen Anlagen landschaftlich verschiedenen tschechischen Regionen nachemfunden. Hier sieht man die Prager Burg bei Nacht über den Gleisen. Aber auch abgelegenere Regionen Tschechiens kommen zum Zuge, sodass man en passant auch noch ein wenig Länderkunde verpasst bekommt.

Fast alle Züge kann man per Knopfdruck in Gang setzen, und nicht nur sie. Es gibt unzählige „Nebenszenen“. Man kann grasende Tiere in Gang setzen oder Seilbahnen in die Höhe und wieder hinunter schicken, man kann Tanzparties am Strand beginnen lassen und Lichter in Gebäuden entfachen. Erhöhte Podeste mit TReppen ermöglichen den Besuchern den Überblick.

Also: Bitte viel Zeit nehmen, denn man kann in dieser Riesenausstellung stundenlang immer mehr liebevoll gemachte Details entdecken. Die Erstellung einer solchen Anlage mit Gleisen, Landschaft und sonstiger Ausstattung soll zwischen 9 und 12 Monaten dauern, heißt es. Rechts sieht man eine dramatische Randszene mit einem Eisenbahnunglück, bei dem wohl ein umfallender Kran den Zug zum Entgleisen brachte. Nun schwirrt ein gelber Rettungshubschrauber über dem Unfallort, während Autofahrer mit der Weiterfahrt zu warten haben

Aber es gibt noch mehr. Große Infotafeln – leider meist in Tschechisch – informieren über die Geschichte der (historisch-realen) Eisenbahn und ihre Entwicklung in Böhmen und Tschechien. Man erfährt ebenso recht viel über die Modellbautechnik. Einzelne Modelle sind auch in Vitrinen ausgestellt, damit man sie ganz aus der Nähe beäugen kann.

Neben dem Fokus auf Modelleisenbahnen beinhaltet die Ausstellung auf eine gigantische Sammlung verwandter Modelle und Spielwaren. So gab es in den Zeiten des Kommunismus so etwas wie eine tschechoslowakische Version der im Westen bekannten Carrera Autorennbahn. Die Firma Faro, die aus einer alten (1905 gegründeten) Traditionsfirma entstanden war und später verstaatlicht wurde, lancierte 1968 (fünf Jahre nach Carrera) ein ähnliches System, das anscheinden qualitativ gar nicht schlecht war. Jedenfalls hat die nunmehr wieder private Firma locker den Untergang des Kommunismus verkraftet und erfreut sich weiterhin im Lande großer Beliebtheit. Aber auch andere Modellbaufirmen werden ausführlich vorgestellt.

In den Nebenräumen des zweistöckigen Areals der Ausstellung verwandelt sich das Ganze streckenweise zu einem den Modellbau-Sektor transzendierenden und veritablen Spielzeugmuseum. Es gibt alles von Holzspielzeug, Papierschnitten oder die links gezeigten Puppen, Puppenstuben und Puppenwägen, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Obwohl das nur ein Nebenaspekt der Königreiches der Eisenbahnen ist, wäre manches normale Spielzeugmuseum froh, solch eine große Sammlung dieser Art zu besitzen.

Ein kleiner Shop, der eisenbahnbezogene Spielwaren und Modelle verkauft, rundet das Angebot des Museums ab, das – wie gesagt – dem Besucher viel Zeit abverlangt, weil es so viel bietet. Das erfährt man noch einmal, wenn man die eigentliche Ausstellung verlässt und dabei die damit verbundene Ausstellung eines riesigen interaktiven Modell der Stadt Prag, wie sie sich in den 1980er Jahren präsentierte. Mit rund 116 Quadratmeter (im Maßstand 1:1000) handelt es sich wiederum um ein Stück der Superlative. Ursprünglich wurde es für die Stadt Prag entwickelt, die es für realistisch angelegte Planungszwecke verwenden wollte. Der Stadt gehört es immer noch, aber hier bei den Modelllandschaft des Königreiches hat es den richtigen Standort für die Öffetlichkeit gefunden.

Erschöpft, aber gebildeter und gut unterhalten, verlässt man am Schluss das Gebäude. Man wird wohl irgendwann noch einmal hingehen müssen, um wirklich alles geistig verarbeiten zu können, was man da so gesehen hat. (DD)