Die Schlacht von Sokolowo im Metro-Vestibül

Im Vestibül der Metrostation Florenc (Linie B und C) im Stadtteil Karlín findet sie immer noch statt, die Schlacht um Sokolowo. Sie findet hier natürlich nicht wirklich statt, sondern nur als Kunstwerk. Genauer gesagt, auf einem riesigen Mosaik im Vestibül. Es wurde gestaltet von den beiden Malern Oldřich Oplt und Sauro Ballardini, ein italienischer Künstler, der aber an der Hochschule für Bildende Künste in Prag wirkte.

Das in der damals üblichen Variante realsozialistischer Kunst gehaltene Mosaik erinnert daran, dass die ansonsten recht schmucklose Station bei ihrer Eröffnung im Jahre 1974 nicht Florenc, sondern Sokolovská hieß, wie auch die davor gelegene Straße. Die Straße wurde später nicht umbenannt und eine kleine Tafel unter dem Straßenschild erinnert sogar an die Ereignisse, die sich damit verbinden.

Aber die Station selbst, die in der Nähes des Fernbus-Bahnhofs liegt, taufte man nach der Samtenen Revolution dann doch um, und zwar schon 1990 – ein Jahr nach dem Ende des Kommunismus.

Und das mag etwas mit dem eher ambivalenten Verhältnis der Tschechen zu dieser Schlacht des Zweiten Weltkriegs zu tun haben – eine mutige Heldentat gegen die Nazis, derer gewiss angemessen gedacht werden musste, leider aber eine im Bündnis mit Stalin…

Die Schlacht fand am 8. und 9. März 1943 in der heutigen Ukraine – damals noch Teil der Sowjetunion – statt. Die Verteidigung des kleinen Ortes Sokolowo war ein wichtiger Teil der Strategie der Roten Armee, um Hitlers Wehrmacht an der Eroberung von Charkiw zu hindern. Die Rote Armee beschloß, diese Aufgabe erstmals dem 1. Tschechoslowakischen Unabhängigen Feldbataillon zu überlassen. Es war das erste Mal, dass auf sowjetischer Seite ausländische Soldaten in einer autonomen Einheit kämpften. Unter der Führung von Ludvík Svovoda, der von 1968 bis 1975 Präsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik werden sollte, kämpfte die Truppe mit großem Mut und Einsatzwillen, um die Deutschen aufzuhalten. Rund 90 Soldaten der Truppe fielen, 114 wurden schwer verwundet. Den Deutschen gelang mit Mühen der Durchbruch, aber sie wurden länger aufgehalten als erwartet.

Der mutige Einsatz der Truppen wurde honoriert. Der bei der Schlacht gefallene Leutnant Otakar Jaroš bekam als erster Ausländer postum den Orden Held der Sowjetunion. Der sowjetischen Führung kam der Kampfeinsatz gelegen, konnte sie doch mit dem Einsatz ihren solidarischen Internationalismus beweisen. Die Kontingente tschechoslowakischer (und anderer internationaler) Truppen wurden nach den guten Erfahrungen deutlich erhöht. Normalerweise hätte das im Lichte der Erfahrungen nach 1948 (Machtübernahme der Kommunisten im Lande) genügt, um den heutigen Tschechen das Andenken daran zu vermiesen, sieht das doch arg nach Paktieren mit den späteren Besatzern aus.

Dem ist aber nicht ganz so – schon alleine, weil der Einsatz in Absprache und mit Genehmigung der damaligen bürgerlichen und pro-westlichen Exilregierung Beneš erfolgt war. Die Soldaten waren Exiltschechen. Oder sie waren Soldaten der Tschechoslowakischen Republik, die manchmal nirgendwo anders hin fliehen konnten als in die Sowjetunion. Oder es waren slowakische Kriegsgefangene. Insgesamt galt die Truppe als eher unpolitisch und sich vor hauptsächlich nur in der Frage einig, dass die Nazitruppen auf jeden Fall und um jeden Preis vertrieben gehörten. Und dann ist da noch Ludvík Svoboda, der tatsächlich (auch wegen seines Heldenruhms von Sokolowo) populär war und als Präsident wegen seiner Nähe zu den Liberalisierungsbestrebungen des Prager Frühlings einen positiveren Nachruhm genoss als die meisten anderen Vertreter der kommunistischen Führung. Er war vergleichsweise volksnah.

Und deshalb regt sich auch niemand über das spät-real-sozialistische Mosaik in der Station auf. Die Propaganda-Maschinerie, die ständig das Lied von der unverbrüchlichen Völkerfreundschaft mit der ewig siegreichen Sowjetunion spielte, ist seit 1989 zum Stillstand gekommen. Vermutlich ist das Ganze schon deshalb nicht mehr so kontrovers, weil die Erinnerung an Sokolowo bereits verblasst ist und nur wenige Menschen noch wissen, was hier in der Metrostation überhaupt dargestellt ist. (DD)

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