Schloss mit Mordgeschichte

In den Außenbezirken Prag gibt es eine schier unendliche Zahl von kleinen Burg- und Schlossanlagen. Sie liegen fast samt und sonders außerhalb der großen Touristenströme, die meist nur den Hradčany (Burgbezirk) oberhalb der Kleinseite erreichen. Für die Einheimischen sind sie aber beliebte Ausflugsziele – allen voran Schloss Chvaly (Chvalský zámek) im heutigen Stadtteil Horní Počernice (Prag 20)

Eigentlich handelt es sich sogar um einen alten und sehr pittoresken Ortskern, dessen Zentrum die Burg bildet. Der Ort Chvaly existiert wohl schon seit dem 11. Jahrhundert. Eine Urkunde aus der Zeit des böhmischen Herzogs Soběslav I. weist es 1130 als Kirchenbesitz des Kapitels Vyšehrad aus. Die Burg gibt es aber erst seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, was man ersten schriftlichen Erwähnungen in Chroniken von 1428 entnehmen konnte. Die Burg gehörte nacheinander verschiedenen adligen Bürgern Prags. Vom Unglück verfolgt war Ritter Jiří Vtelenský z Vtelno, der Burg und Gut 1615 erwarb, weil er sich an dem Ständeaustand 1618 beteiligt hatte, der sich gegen die absolutistischen Bestrebungen und die Abschaffung religiöser Toleranz durch die Habsburger wendete. Nach der Niederlage des Aufstands 1620 wurde sein Besitz konfisziert.

Einige Eigentümerwechsel weiter, im Jahre 1652, fiel der Besitz in die Hände der Jesuiten, die wiederum nach einem Brand die im Kern noch recht finster mittelalterliche Burg in ein modernes Barockschloss umwandelten – so wie wir es im Großen und Ganzen heute noch sehen können. Zudem bauten sie als integralen Bestandteil des Schlosses eine Kapelle an, die der Heiligen Anna gewidmet war. Der Jesuitenorden wurde 1773 von Papst Clemens XIV. aufgelöst und so kam das Schloss in den Besitz eines gemeinnützigen Studienfonds, der hier bis 1848 residierte. In dieser Zeit (genauer: 1793/94) wurde die Kapelle umgebaut und vergrößert. Sie diente nun unter dem Namen Kirche der Heiligen Ludmilla als reine Gemeindekirche und gehört heute der Katholischen Kirchengemeinde des Ortes. 1825 wurde sie nochmals im neoromanischen Stil umgebaut, der heute ihren äußeren Eindruck prägt.

Was das Schloss anging, so gab es abermals eine Folge von Besitzerwechseln, die dem Gebäude nicht gut bekamen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gar der südliche Flügel des Schlosses abgerissen. Die Substanz war in Gefahr. 1918 wurde deshalb das Schloss samt unmittelbarer Umgebung in Staatseigentum der neu gegründeten Tschechoslowakei überführt und vermietet. Der Verfall wurde dadurch allenfalls verlangsamt. Aber auch das endete 1951 mit dem Kommunismus. Das Ganze wurde nun in enen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb überführt, was am Ende zur völligen Verwahrlosung und Zweckentfremdung führte. Gottlob verschwand der Kommunismus 1989 und man konnte sich endlich richtige Gedanken über eine angemessene Nutzung machen.

Seit 1993 befindet sich das Schloss nunmehr im Besitz der Stadt Prag bzw. seit einiger Zeit im Besitz des Stadtteils Horní Počernice. Nun plante man, das Schloss zu renovieren und einem Zwecks zuzführen, der seinem kulturellen und historischen Rang entsprach. Bis 2008 dauerten die Arbeiten, die zum Teil aus EU-Mittel finanziert wurden. Sie bezoegn die ganze Umgebung mit ein, denn das ummauerte Areal umfasst noch etliche barocke Wirtschaftsgebäude des Schlosses und einen um eine große Dorfplatzanlage gelegenen Ortskern mit alter Bausubstanz. Die Entwickler sahen hier das Potential für ein großes gehobenen Freizeit- und Kulturzentrum.

In einem der Wirtschaftsgebäude (kleines Bild links) befindet sich jetzt eine Kunstgalerie mit interessanten Wechsel-Ausstellungen. Auf dem Platz gibt es moderne Skulpturen, aber auch einen Kinderspielplatz. Mehrere Restaurants in historischen Gebäuden säumen den Dorfplatz. Alles ist in blitzblankem Zustand. Alles ist herrlich für Familienausflüge geeignet.

Das gilt auch für das Schloss selbst. Das enthält neben dem barocken Hochzeitssaal auch ein kleines Museum, das spielrisch und didaktisch stark auf Kinder als Publikum ausgerichtet ist, was aber keinesfalls Erwachsene abschrecken sollte. Dort kann man auch noch ein wenig zur Baugeschichte sehehn. Im ersten Augenblick denkt man im Keller, hier hätte sich damals ein Kerker befunden. Richtig düster, kalt und eng sieht es in dem finsteren Verließ aus. Stimmt aber nicht. Im Schloss gab es nie ein Gefängnis und in Wirklichkeit handelt es sich um eine Kühlkammer, wo man (der Kühlschrank war ja noch nicht erfunden) in der frühen Neuzeit im Winter gesammeltes Eis über den Sommer aufbewahren konnte.

Aber eigentlich geht es im Museum um Ortsgeschichte und um große Persönlichkkeiten, die Chvaly hervorgebracht hat. Dazu gehört unter anderem die Malerin und Graphikerin Ludmila Jiřincová. Den Tschechen noch bekannte dürfte der Trickfilmzeichner Zdeněk Smetana sein, der mit dazu beitrug, dass Tschechien in diesem Genre qualitativ so führend wurde. Dabei lernt man auch, das Smetana in den frühen 1960er Jahren Folgen der amerikanischen Kultserie Tom and Jerry in Prag gezeichnet hatte. Wer weiß heute noch, dass die amerikanischen Kapitalisten die Produktion ihren Serie aus Geldgründen outsourcten und die tschechoslowakischen Kommunisten – auch aus Geldgründen – diesen Job gerne übernahmen? Man lernt nie aus…. Im Museum von Schloss Chvaly kann man in einem kleinen Kino aber einen ur-tschechischen Trickfilm mit den von ihm geschaffenen Kobolden Křemílek und Vochomůrka (dt.: Fliegenpilz und Kasimir) bewundern.

Auch die Lokalgeschichte des Schlosses bietet Interessantes, wenn nicht gar Dramatisches, das didaktisch hübsch durch Comics-Wandtafeln präsentiert wird. Hier sieht man eine gruselige Mordgeschichte, die sich nach der oben erwähnten Enteignung des Ritter Jiří Vtelensk wegen seiner Beteiligung am Ständeaufstand 1618 abspielte. Einer der Justizräte, die die Prozesse gegen die Aufständischen leiteten, war ein gewisser Jan Daniel Kapr z Kaprštejn, der sich wie viele der Parteigänger der Habsburger hemmungslos am Besitz der Besiegten bereicherte. 1622 war er – nicht überraschend! – auf einmal zum Eigner von Schloss Chvaly geworden.

Lange konnte er die Früchte seiner Gier aber nicht genießen. Er behandelte seine Frau Anna, die ihn gegen ihren Willen heiraten musste, wohl recht schlecht. Zusammen mit ihrem eigentlichen Geliebten, dem Ritter Adam Zapský ze Zap, lauerte sie im November 1625 in einem nahegelegenen Wald dem bösen Ehemann auf, dessen Leben nun durch eine Kugel beendet wurde. Anna und Adam konnten ihr Liebesglück aber nicht lange genießen. Sie wurden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. 1626 enthauptete der Scharfrichter Jan Mydlář , der schon 1621 die Hauptaufständischen hingerichtet hatte (wir berichteten hier), die beiden – erst sie, dann ihn. Diese schauerliche Geschichte (die eigentlich verfilmt werden könnte) wollte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten…

Ja, auch außerhalb des Zentrums kann Prag spannend sein. Ein Besuch von Schloss Chvaly bietet jedenfalls alles, was man sich für einen kleinen Wochenendausflug in der Umgebung Prags nur so wünschen kann, vor allem spannende Geschichten. (DD).

Rittersitz, renovierungsbedürftig

Über das nördlich und nahe Prags gelegene Dorf Chlumín und seine Barockkirche hatten wir im letzten Beitrag berichtet. Aber der Ort, der eigentlich ein Ausflugsort für die Prager sein könnte, wirkt wirtschaftlich recht abgehängt. So bleiben seine Sehenswürdigkeiten (die wirklich sehenswürdig sind) weitgehend unbeachtet. Das gilt nicht nur für die Kirche, sondern auch für das in der Nähe befindliche Schloss Chlumín (zámek Chlumín). Wie die Kirche befindet es sich ebenfalls in einem recht bemitleidenswerten Zustand.

Das wurde schon 1310 erstmals als kleine Burg im gotischen Stil erwähnt und gehörte damals einer Prager Patrizierfamilie namens Velflovic. Noch im selben Jahrhundert begann eine Reihe von Besitzerwechseln – inklusive einer kurzen Besetzung durch Hussiten um 1421. Die sehr fruchtbare Gegend ließ das Anwesen für Grundbesitzer recht attraktiv erscheinen. Große Neuerungen brachte aber erst die Übernahme durch den Ritter Jetřich Kyšperští z Vřesovic, einem Sohn von Jakub Kyšperský z Vřesovic, der als tapferer Kämpfer gegen die Türken 1526 in der Schlacht bei Mohács fiel und es spätestens dadurch zur Berühmtheit gebracht hatte. Der Ritter verwandelte die mittelalterliche Burg in ein Schloss im Stil der Renaissance. Es folgten weitere Besitzerwechsel bis es dann zwischen den Jahren 1675 und 1726 der Familie der Freiherren Údrčtí z Údrče, die das Schloss um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert im Barockstil neu umgestaltete. Und diese neue Form hat es bis heute im Kern beibehalten.

Eine neue Blüte entstand als 1726 Anna Maria Franziska Großherzogin von Toskana von der Toskana das Schloß, Dorf und Umgebung kaufte. Die anderen Sehenswürdigkeit Chlumíns – Kirche, Dorfplatz, Mariensäule – umrahmten Dank ihre Bautätigkeit nun das Schloß und es sah so aus, als ob sie in Chlumín den Wettbewerb Unser Dorf soll schöner werden gewinnen wollte – nur, dass es den damals noch nicht gab. Es muss halt noch ein wenig aufpoliert und renoviert werden, aber das Ensemble, das sie hinterließ, ist eigentlich sensationell. Die Großherzogin hatte keine direkten Erben und irgendwann wechselte das Schloss wieder den Besitzer. Ihr Wappen prangt jedoch weiterhin auf der Barockfassade des Gebäudes (Bild unterhalb links).

Die neuen Eigentümer, die Grafenfamilie von Chotek wollten das Schloss nicht mehr als Schloss nutzen, sondern richteten hier eine Schule und ein Pfarramt für die Kirche nebenan ein. Ein Feuer richtete 1859 großen Schaden an, der aber zügig wieder behoben wurde. Nach 1945 wurde das Ganze verstaatlicht und es wurde hier ein staatlicher Muster-Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut. Das hörte in den 1980er Jahren auf, als man das Schloss renovierte. Seither wurde aber wenig zu seinem Erhalt getan. Genutzt wird es heute als für die Öffentlichkeit nicht zugänglicher Aufbewahrungsort für nicht ausgestellte Sammlungsobjekte des Kunstgewerbemuseums (wir berichteten über das Museum hier) in Prag.

Das erhält irgendwie mehr schlecht als recht das eigentliche Schloss, obwohl auch hier der Putz von den Fassaden bröckelt. Das eigentliche Opfer sind die ebenfalls historisch wertvollen Wirtschaftsgebäude. Schloss Chlumín wird gerade durch diese Gebäude zu dem, was es in archetypischer Weise repräsentiert: das klassische Rittergut. Und so gleicht die unmittelbare Umgebung, die schon mit improvisierten Zäunen gesichert wird, einer wahren Ruinenlandschaft. Man könnte heulen. Hoffentlich finden sich bald die Mittel, um Chlumín und sein Schloss wieder so schön auferstehen zu lassen, wie es in den Zeiten der Großherzogin war. (DD)

Burg in schöner Bachlandschaft

Inmitten eines idyllischen Dörfchens am nordöstlichen Rand Prags liegt Burg Jenštejn. Der 22 Meter hohe Turm ragt hoch über den kleinen alten Häuschen des Ortes und der sie umgebenden Bach- und Teichlandschaft. Kurz: Das ideale Ziel für einen Wochenendausflug.

Das Dorf mit samt einer kleinen Wasserburg wurde Anfang des 14. Jahrhunderts durch Jenčik z Janovic (das „z“ ist im Tschechischen gleichbedeutend mit dem deutschen Wort „von“) angelegt, dem Sproß einer im 13. Jahrhundert erstmals in Chroniken erwähnten Adelsfamilie. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg datiert aus dem Jahr 1368. In diesem Jahr ging sie nämlich in den Besitz eines gewissen Pavel z Vlašim über, der sich fortan recht vornehm Paulus de Jenczenstein nannte. Er baute die Burg in der Form aus, wie wir sie heute kennen. Pavel vererbte 1379 die Burg und die Herrschaft an seinen Sohn Jan z Jenštejna (Johann von Jenstein).

Der war der wohl bedeutendste Besitzer der Burg. Zunächst Bischof von Meißen, brachte er es 1379 zum Amt des Kanzlers von König Wenzel IV.. Da er gleichzeit Bischof von Prag wurde, geriet er als eifriger Kirchenreformer in die religiösen/politischen Streitereien, die später zu den Hussitenkriegen führen sollten. In vielen Schriften prangerte er die damalige Verweltlichung der Kirche an.. Er war vielleicht ein wenig radikal. 1384 verlor er daher das Amt des Kanzlers. Fortan kämpfte er gleichermaßen für die Rechte der Kirche gegenüber dem König. Als der König seinen Generalvikar, den späteren Märtyrerheiligen Nepomuk, hinrichten ließ floh er nach Rom. 1396 – vier Jahre vor seinem Tod – musste er auch den Bischofstitel aufgeben.

Nachdem Burg und Dorf im 15. Jahrhundert noch mehrmals den Besitzer wechselten, wurde im Jahr 1560 ein gewisser Jan Dobřichovský z Dobřichova letzte Besitzer der Herrschaft von Jenštejn. Nach seinem Tode im Jahr 1583 fiel sie an die königliche Finanzverwaltung Böhmens und wurde zwei Jahre später in die Herrschaft  Brandýs. Dadurch verlor die Burg an Bedeutung. Chroniken erwähnen, dass sie 1597 schon leer und recht verfallen war. 1640 verwüsteten im Zuge des Dreissigjährigen Krieges Burg und Dorf. Das Dorf wurde wieder aufgebaut; die Burg blieb die pittoreske Ruine, die wir heute sehen.

Im 20. Jahrhundert nahm man sich ihrer wieder gnädig an. Renovierungen stabiliserten das Gebäude – allen voran eine Restaurierung im Jahre 1977, die dazu führte, dass die Burg wieder öffentlich zugänglich wurde. Seither ist sie ein beliebtes Ziel für Wanderer und Radfahrer, die die Burg und die umliegende Landschaft bewundern wollen. Die Burg und das Dorf liegen in einem waldigen Gebiet um den Vinoř-Bach (Vinořský potok), der sich von hier aus Prag kommend Richtung Elbe bewegt und von vielen kleinen Teichen gesäumt ist, wie man auch dem großen Bild oben sehen kann. (DD)

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Kreuzherrenschloss im Nordosten

Das Schloss Ďáblice (zámek Ďáblice) an der U Parkánu 25/1 im nordöstlichen Prager Stadtteil Ďáblice wurde 1235 erstmals urkundlich erwähnt als der von der böhmischen Nationalheiligen Agnes gegründete Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern es von Konstanze von Ungarn, der Witwe des böhmischen Königs Otakar I., erwarb.

Der Orden, der seine Besitzungen in der Gegend 1254 noch einmal vergrößerte, nutzte es hauptsächlich für die Landwirtschaft für die Versorgung der von ihm betriebenen Prager Klöster. Während der Hussitenkriege fiel das Schloss kurz an die Hussiten, wurde aber schon bald restituiert. Der gotische Originalbau brannte 1526 bei einem Feuer ab und wurde danach im Renaissancestil wieder aufgebaut. Dieser neue Bau fiel 1731 ebenfalls den Flammen zum Opfer und der 1755 vollendete Wiederaufbau erfolgte diesmal im Stil des Barock, der das Äußere heute weitgehend bestimmt.

Das Schloss in der Mitte des alten Dorfkerns des andernorts von Plattenbeton dominierten Stadtteils Ďáblice ist ein L-förmiges Gebäude. Die Vorderfront gesteht aus dem zweiflügeligen Barockschloss, dessen Zentrum die Schlosskapelle der heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Wenzel (Zámecká kaple Největejší Trojice a sv. Václava) bildet. Die ist vor allem durch seine Deckengemälde bemerkenswert, die von dem Maler Jan Ezechiel Vodňanský angefertigt wurden. Leider ist das Gebäude heute nicht der Öffentlichkeit zugängig, so dass man das nicht sehen kann.

Etwas entschädigen tut das Äußere dann schon. Die schmucke Barockfassade ist von einem kleinen Zwiebelturm geschmückt, auf dessen Spitze sich das für den Orden typische rote Kreuz mit seinen acht Spitzen und das namensgebende sechseckige Kreuz befinden.

Auf dem Giebel befindet sich wiederum eine Dreiergruppe von barocken Statuen. Es handelt sich um den Heiligen Wenzel, der von zwei Engeln umgeben ist. Vermutlich sind sie ein Werk des königlichen Hofbildhauers Ignaz Franz Platzer (siehe auch früheren Beitrag hier), aber ganz gesichert scheint das jedoch nicht zu sein.

Rechtwinklig dazu positioniert befindet sich ein großes Wirtschaftsgebäude, das im 19. Jahrhundert ein wenig überarbeitet und stilistisch an die frühere Renaissancephase des Schlosses anknüpft. Das Schloss gehört übrigens nicht mehr dem Kreuzritterorden, sondern wurde 1948 der Prager Verwaltung unterstellt, die es teilweise noch so nutzt wie die Kreuzherren, nämlich landwirtschaftlich. Die Kapelle fungiert wiederum als Gemeindekirche. (DD)

Wo heute Hoheiten nächtigen

Das Haus von Liechtenstein hat in Tschechien ein historisches Imageproblem. Es war Karl I. von Liechtenstein gewesen, der im Dienste der Habsburger am 21. Juni 1621 auf dem Altstädter Ring die Anführer des Ständeaufstandes von 1618 hinrichten ließ und den Böhmen damit vor Augen führte, dass es mit ihrer Freiheit nun vorbei war. Er selbst vergrößerte seine böhmischen Besitzungen durch das konfiszierte Eigentum der Besiegten. So richtig gerne erinnert man sich seiner hierzulande nicht.

Und trotzdem heißt der Palais Liechtenstein (Liechtensteinský palác) in der U Sovových mlýnů 506/4 auf der Kampa Insel der Kleinseite direkt am Ufer der Moldau tatsächlich noch Palais Liechtenstein – obwohl er nicht einmal von den Liechtensteinern erbaut wurde und ihnen im 19. Jahrhundert auch nur recht kurz gehörte. Warum denn nicht Palais Kaiserstein? Denn es war Franz Helfried von Kaiserstein, der den barocken Palast im Jahre 1696 von dem Architekten Giovanni Battista Alliprandi an Stelle zweier kleinerer Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erbauen ließ. Der begabte Architekt dachte sich jene unregelmäßig sechseckige Grundrissform aus, die man von der Moldauseite als solche kaum wahrnimmt. Zudem gab er dem Palast einen Bootstunnel, der vom Fluss nach innen führte, der aber bei späteren Umbauten leider verschwand.

Oder warum nicht Palais Kustoš von Zubří? Denn 1729 kaufte Ferdinand Adam Kustoš ze Zubří, der erst 1725 von Kaiser Karl VI. in den böhmischen Grafenstand erhoben worden war und sich jetzt ein diesem Stande gemäßes Domizil suchte, das Gebäude für 24.000 Gulden. Er behielt es aber aus Geldnot nur 12 Jahre.

Oder warum nicht Palais Kolowrat? Denn 1741 ging das Gebäude mit der schönen Lage bei einer Auktion an das Geschlecht der Grafen Kolowrat über. Die behielten es immerhin für rund 90 Jahre. Dann verkaufte es Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky, der übrigens ein liberaler Gegenspieler Metternichs war und bei der Revolution von 1848 (leider nur kurz) der erste konstitutionelle Ministerpräsident Österreichs war, im Jahre 1831 wieder. Und der neue Besitzer wurde Fürst Johann I. Josef von Liechtenstein. Und ihm verdankt der Palast nun seinen heutigen Namen: Palais Liechtenstein.

Nun war Johann I. Josef kein Karl, und tat sich hierzulande nicht mit Hinrichtungen, sondern eher als Kunstmäzen und in seinen mährischen Ländern als Agrarreformer hervor. So scheint er dem Misstrauen der Tschechen effektiv entgegengewirkt zu haben. Außerdem brachte er das Wappen des Hauses Liechtenstein in Stein gemeißelt über dem Portal an – eines der wenigen Insignien der Familie, die man in Prag findet. Zusätzlich nahm er noch einige bauliche Veränderungen vor, unter anderem den Abriss von zwei Türmen, die zu Alliprandis Ursprungsbau gehörten. Aber letztlich gehörte der Palais den Liechtensteinern auch nur 33 Jahre.

Inzwischen war das bürgerliche Zeitalter angebrochen und ein Nachfahre des Fürsten verkaufte das Anwesen 1864 nunmehr an einen Bürgerlichen, nämlich František Odkolek, dem Besitzer der nebenan gelegenen Sova-Mühle, in der sich heute das Kampa Museum für moderne Kunst befindet. Der ließ erst einmal den mittlerweile etwas heruntergekommenen Palast von seinem Baumeister František Srnec kräftig umbauen. Es wurde ein Stockwerk hinzugefügt und die Fassade – vor allem die Fenster – von Barock auf Klassizismus umgestellt. Wie dem auch sei: Obwohl er damit den Gesamteindruck des Gebäudes mehr als andere geprägt hat, käme irgendwie niemand auf die Idee, das Gebäude Palais Odkolek zu nennen. Es blieb bei Palais Liechtenstein.

Odkolek vermietete das Gebäude ab 1873 eine zeitlang an die Deutsche Technische Hochschule Prag. Aber schon 1897 gaben seine Nachkommen wegen einiger wirtschaftlicher Probleme – die Mühle hatte durch ein Feuer große Schäden genommen – das Gebäude wieder ab und verkauften es an die Stadt Prag. Die betrieb dort erst einmal eine Grundschule. Die Nazis beutzten den Palais 1940-45 als Hauptquartier der lokalen NSDAP und verwendeten die Gartenanlage daneben als Übungsplatz für die Hitlerjugend. Danach kam das Gebäude wieder unter die Obhut der Stadt, später dann übernahm der tschechoslowakische Staat das Ganze, um einige Behörden hier unterzubringen. Zwischen 1982 und 1991 wurde der Komplex, nun im Besitz des Präsidialamtes, zu einem hochrangigen Gästehaus der Regierung für ebenso hochrangige Staatsbesucher. Königin Elizabeth II. samt Prinzgemahl Philip und Sohn Charles oder der japanische Kaiser Akihito mit Kaiserin Mikoiko gehören zu denen, die hier nächtigen durften. Wo Hoheiten nächtigen, ist der Zugang für Normalsterbliche meist untersagt. Deshalb ist das Innere des Palais Liechtenstein normalerweise für Touristen nicht zu besichtigen. (DD)

PS: Wenn man den ungewöhnlichen Grundriss in Form eines unregelmäßigen Sechsecks deutlich erkennen will, kann man das wohl am besten, wenn man auf den Petřín-Berg steigt, wo man den Palast von oben sehen kann…

Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Keine Burgfrauen

Wenn man eigentlich gar nichts über die Geschichte einer alten Burgruine weiß, lädt das dazu ein, Legenden frei zu erfinden. 1884 erfand der böhmische Dichter Jaroslav Vrchlický (früherer Beitrag hier) in seinem Theaterstück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlštejn) die Geschichte, dass Kaiser Karl IV. allen Frauen das Betreten seiner großen Königsburg Karlštejn grundsätzlich verboten hatte. Das war natürlich völliger Unsinn – nur erdacht, um komödiantische Verwicklungen in Gang zu setzen.

Trotzdem verbreitete sich bald das Gerücht, dass die Frauen damals tatsächlich „draußenbleiben“ mussten und stattdessen in der rund 20 Kilometer von Prag entfernten und heute fast völlig verschwundenen Ruine Hrad Karlík (Burg Karlík) untergebracht wurden. Die zu Fuß heute bequem in etwas über einer Stunde von Karlštejn erreichbare Burg liegt in einem Wald auf einem Berg versteckt. Die Größe des Areals lässt sich noch abschätzen. Soviel ist dann klar: Der Kaiser hätte mit den adligen Damen schweren Ärger gekriegt, wenn er ernstlich versucht hätte, sie in dieses kleine Gebäude zu packen – und auch noch weit entfernt vom Luxus der Burg Karlštejn.

Und tatsächlich behauptet kein Wissenschaftler, dass Vrchlickýs Idee irgendetwas mit der realen Geschichte der Burg Karlík zu tun habe. Aber was weiß der Wissenschaftler denn überhaupt? Ehrlich gesagt: Herzlich wenig. Man weiß nicht einmal genau, ob die kleine gotische Burganlage aus dem 14. Jahrhundert tatsächlich von Karl IV. erbaut wurde. Möglicherweise geschah das auch erst unter seinem Sohn Wenzel IV., der von 1363 bis 1419 in Böhmen regierte. Quellen erwähnen, dass sie 1422 bereits verlassen war. Die gängige Hypothese ist, dass die in den Hussitenkriegen zerstört wurde, die in Wenzels letztem Lebensjahr begannen. Dafür könnte sprechen, dass in der Nähe ja 1421 Burg Karlštejn erfolglos von den Hussiten belagert worden war. Dabei hätte auch Karlík Opfer eines Angriffs werden können. Aber es gibt keinerlei Quellenbelege, dass die Hussiten sich bei der Gelegenheit auch mit Burg Karlík beschäftigten.

Die Burg an sich war gut zu verteidigen. An drei Seiten ist sie von steilen Abhängen und Felsenwänden abgesichert. Der einzige Eingang wurde von einer Wallgrabenanlage (kleines Bild links) geschützt, die die kleine Hauptburg von der noch kleineren Vorburg trennte, was heute noch an der Erdformation erkennbar ist. Sie ist aber so klein, dass hier nur eine winzige Besatzung untergebracht werden konnte. Die meisten Forscher denken, dass die Burg als vorgeschobener befestigter Wachtposten der nahen Burg Karlštejn erbaut wurde. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem kleinen Jagdschloss sprechen. Aber quellenmäßig bewegen wir uns da immer noch auf unsicherem Grund.

Vielleicht erbringt einer tiefer gehende archäologische Erforschung Licht hinter das Geheimnis. Als wir im Spätsommer letzten Jahres hier waren, hatten die Archäologen wohl gerade damit angefangen. Das war ein Glücksfall, denn so konnte man die die sonst unter der Erde befindliche Ummauerung der Burg erkennen und einige Mauern der inneren Gebäude. Es handelte sich also zwar um eine kleine, aber durch recht dicke Steinmauern bewehrte Burg, wie man auf den Photos erkennen kann.

Unterhalb der Burg fand man einen kleinen Keller, dessen verschütteter Eingang heute am Wegesrand gut sichtbar ist (Bild links). Und anscheinend ist gesichert, dass es einen tiefen Brunnen gab, der die Versorgung mit Wasser im Belagerungsfall sicherte (etwas, worüber die große Burg Karlštejn nicht verfügte). Irgendwie ist Burg Karlík ein spannender Ort – auch wenn die kessen Burgfrauen aus der Imagination Vrchlickýs nie dort, sondern ganz sicher immer innerhalb der sicheren und wohnlichen Gemäuer von Karlštejn waren. (DD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)

Palais in wechselndem Familienbesitz

Prag ist die Stadt der vielen Paläste. In den inneren Stadtbezirken gehen sie oft optisch ein wenig verloren, weil sie von vielen späteren großen Bürgerhäusern umgeben sind. Ein genauer Blick offenbart jedoch die frühere Pracht des Lebens der großen Adelsfamilien der Stadt.

Ein beeindruckendes Beispiel findet sich, wenn man vom Wenzelsplatz die Straße Na příkopě entlang geht. Bei Hausnummer 852/10 steht man plötzlich vor der langen Barockfassade des Sylva-Tarouca- Palais (Palác Sylva-Taroucca), einem der größeren der vielen Stadtschlösser der Stadt.

Der Name suggeriert natürlich, dass dieser Palais der ursprünglich iberischen, aber im 18. Jahrhundert ins österreichische Böhmen übergesiedelte Adelsfamilie Sylva-Tarouca gehörte. Das stimmt auch, allerdings erst seit 1885 als Arnošt Graf von Silva-Tarouca, die letzte Erbin des alten böhmischen Adelsgeschlechts der Nostitz heiratete. Der Graf erwarb dadurch den Palais und im übrigen auch das Schloss und den Garten von Průhonice, über die wir hier und hier bereits berichteten, wo er als Förderer der wissenschaftlichen Botanik bis heute bekannt wurde.

Zurück zum Palais: Die Familie Nostitz waren auch nicht die ursprünglichen Besitzer, sondern hatten sie 1766 vom böhmischen Zweig der italienischen Familie Piccolomini erworben. Prinz Ottavio Piccolomini, der als kaiserlicher General im Dreissjährigen Krieg an den Vorbereitungen zur Ermordung Wallensteins beteiligt war und dafür vom Kaiser reichlich belohnt worden war, hatte kurz vor seinem Tode im Jahre 1656 das Grundstück erworben, auf dem zuvor mehrere kleine Häuser standen, und mit dem Bau eines Palastes begonnen.

Allerdings gaben ihm erst seine Nachfahren die heutige hochbarocke Form. Sie heuerten den Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (der damals anerkannteste Barockmeister der Stadt) an, der ab 1743 einen großen Bau mit zwei hintereinandergelagerten Innenhöfen erbaute. Nach seinem Tod 1751 setzte Amselm Lurago die Arbeit bis 1752 fort.

Seit 1911 gehört der Palais der Stadt Prag, die einige kulturelle Einrichtungen hier untergebracht hat, aber die meisten Räume an private Miter verpachtet hat, darunter ein Café, das im Sommer eine ruhige Kaffeepause im ersten Innenhof ermöglich und ein Kasino. Der tschechische Rotary Club hat hier seinen Sitz.

Die einstige Pracht des Palais ist trotz der uneinheitlichen Nutzung noch gut erkennbar. Da ist die Fassade die Fassade zur Straße mit ihren barocken Stuckaturen und dem Familienwappen des Geschlechts Nostitz über der Eingangspforte (großes Bild oben), da sind die ebenfalls noch gut erhaltenen Innenhöfe, von denen der zweite zur Reithalle gehörte und mit zwei schönen Brunnen geschmückt ist. Im Eingangsbereich kann man noch den Treppenaufgang zur rechten Seite bewundern, der opulent mit Statuen aus der antiken Mythologie ausgeschmückt ist. Ein kleine Blick hinein sei erlaubt und gibt einen Eindruck von der Welt der Adelssitze in der Stadt. (DD)