Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Keine Burgfrauen

Wenn man eigentlich gar nichts über die Geschichte einer alten Burgruine weiß, lädt das dazu ein, Legenden frei zu erfinden. 1884 erfand der böhmische Dichter Jaroslav Vrchlický (früherer Beitrag hier) in seinem Theaterstück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlštejn) die Geschichte, dass Kaiser Karl IV. allen Frauen das Betreten seiner großen Königsburg Karlštejn grundsätzlich verboten hatte. Das war natürlich völliger Unsinn – nur erdacht, um komödiantische Verwicklungen in Gang zu setzen.

Trotzdem verbreitete sich bald das Gerücht, dass die Frauen damals tatsächlich „draußenbleiben“ mussten und stattdessen in der rund 20 Kilometer von Prag entfernten und heute fast völlig verschwundenen Ruine Hrad Karlík (Burg Karlík) untergebracht wurden. Die zu Fuß heute bequem in etwas über einer Stunde von Karlštejn erreichbare Burg liegt in einem Wald auf einem Berg versteckt. Die Größe des Areals lässt sich noch abschätzen. Soviel ist dann klar: Der Kaiser hätte mit den adligen Damen schweren Ärger gekriegt, wenn er ernstlich versucht hätte, sie in dieses kleine Gebäude zu packen – und auch noch weit entfernt vom Luxus der Burg Karlštejn.

Und tatsächlich behauptet kein Wissenschaftler, dass Vrchlickýs Idee irgendetwas mit der realen Geschichte der Burg Karlík zu tun habe. Aber was weiß der Wissenschaftler denn überhaupt? Ehrlich gesagt: Herzlich wenig. Man weiß nicht einmal genau, ob die kleine gotische Burganlage aus dem 14. Jahrhundert tatsächlich von Karl IV. erbaut wurde. Möglicherweise geschah das auch erst unter seinem Sohn Wenzel IV., der von 1363 bis 1419 in Böhmen regierte. Quellen erwähnen, dass sie 1422 bereits verlassen war. Die gängige Hypothese ist, dass die in den Hussitenkriegen zerstört wurde, die in Wenzels letztem Lebensjahr begannen. Dafür könnte sprechen, dass in der Nähe ja 1421 Burg Karlštejn erfolglos von den Hussiten belagert worden war. Dabei hätte auch Karlík Opfer eines Angriffs werden können. Aber es gibt keinerlei Quellenbelege, dass die Hussiten sich bei der Gelegenheit auch mit Burg Karlík beschäftigten.

Die Burg an sich war gut zu verteidigen. An drei Seiten ist sie von steilen Abhängen und Felsenwänden abgesichert. Der einzige Eingang wurde von einer Wallgrabenanlage (kleines Bild links) geschützt, die die kleine Hauptburg von der noch kleineren Vorburg trennte, was heute noch an der Erdformation erkennbar ist. Sie ist aber so klein, dass hier nur eine winzige Besatzung untergebracht werden konnte. Die meisten Forscher denken, dass die Burg als vorgeschobener befestigter Wachtposten der nahen Burg Karlštejn erbaut wurde. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem kleinen Jagdschloss sprechen. Aber quellenmäßig bewegen wir uns da immer noch auf unsicherem Grund.

Vielleicht erbringt einer tiefer gehende archäologische Erforschung Licht hinter das Geheimnis. Als wir im Spätsommer letzten Jahres hier waren, hatten die Archäologen wohl gerade damit angefangen. Das war ein Glücksfall, denn so konnte man die die sonst unter der Erde befindliche Ummauerung der Burg erkennen und einige Mauern der inneren Gebäude. Es handelte sich also zwar um eine kleine, aber durch recht dicke Steinmauern bewehrte Burg, wie man auf den Photos erkennen kann.

Unterhalb der Burg fand man einen kleinen Keller, dessen verschütteter Eingang heute am Wegesrand gut sichtbar ist (Bild links). Und anscheinend ist gesichert, dass es einen tiefen Brunnen gab, der die Versorgung mit Wasser im Belagerungsfall sicherte (etwas, worüber die große Burg Karlštejn nicht verfügte). Irgendwie ist Burg Karlík ein spannender Ort – auch wenn die kessen Burgfrauen aus der Imagination Vrchlickýs nie dort, sondern ganz sicher immer innerhalb der sicheren und wohnlichen Gemäuer von Karlštejn waren. (DD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)

Palais in wechselndem Familienbesitz

Prag ist die Stadt der vielen Paläste. In den inneren Stadtbezirken gehen sie oft optisch ein wenig verloren, weil sie von vielen späteren großen Bürgerhäusern umgeben sind. Ein genauer Blick offenbart jedoch die frühere Pracht des Lebens der großen Adelsfamilien der Stadt.

Ein beeindruckendes Beispiel findet sich, wenn man vom Wenzelsplatz die Straße Na příkopě entlang geht. Bei Hausnummer 852/10 steht man plötzlich vor der langen Barockfassade des Sylva-Tarouca- Palais (Palác Sylva-Taroucca), einem der größeren der vielen Stadtschlösser der Stadt.

Der Name suggeriert natürlich, dass dieser Palais der ursprünglich iberischen, aber im 18. Jahrhundert ins österreichische Böhmen übergesiedelte Adelsfamilie Sylva-Tarouca gehörte. Das stimmt auch, allerdings erst seit 1885 als Arnošt Graf von Silva-Tarouca, die letzte Erbin des alten böhmischen Adelsgeschlechts der Nostitz heiratete. Der Graf erwarb dadurch den Palais und im übrigen auch das Schloss und den Garten von Průhonice, über die wir hier und hier bereits berichteten, wo er als Förderer der wissenschaftlichen Botanik bis heute bekannt wurde.

Zurück zum Palais: Die Familie Nostitz waren auch nicht die ursprünglichen Besitzer, sondern hatten sie 1766 vom böhmischen Zweig der italienischen Familie Piccolomini erworben. Prinz Ottavio Piccolomini, der als kaiserlicher General im Dreissjährigen Krieg an den Vorbereitungen zur Ermordung Wallensteins beteiligt war und dafür vom Kaiser reichlich belohnt worden war, hatte kurz vor seinem Tode im Jahre 1656 das Grundstück erworben, auf dem zuvor mehrere kleine Häuser standen, und mit dem Bau eines Palastes begonnen.

Allerdings gaben ihm erst seine Nachfahren die heutige hochbarocke Form. Sie heuerten den Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (der damals anerkannteste Barockmeister der Stadt) an, der ab 1743 einen großen Bau mit zwei hintereinandergelagerten Innenhöfen erbaute. Nach seinem Tod 1751 setzte Amselm Lurago die Arbeit bis 1752 fort.

Seit 1911 gehört der Palais der Stadt Prag, die einige kulturelle Einrichtungen hier untergebracht hat, aber die meisten Räume an private Miter verpachtet hat, darunter ein Café, das im Sommer eine ruhige Kaffeepause im ersten Innenhof ermöglich und ein Kasino. Der tschechische Rotary Club hat hier seinen Sitz.

Die einstige Pracht des Palais ist trotz der uneinheitlichen Nutzung noch gut erkennbar. Da ist die Fassade die Fassade zur Straße mit ihren barocken Stuckaturen und dem Familienwappen des Geschlechts Nostitz über der Eingangspforte (großes Bild oben), da sind die ebenfalls noch gut erhaltenen Innenhöfe, von denen der zweite zur Reithalle gehörte und mit zwei schönen Brunnen geschmückt ist. Im Eingangsbereich kann man noch den Treppenaufgang zur rechten Seite bewundern, der opulent mit Statuen aus der antiken Mythologie ausgeschmückt ist. Ein kleine Blick hinein sei erlaubt und gibt einen Eindruck von der Welt der Adelssitze in der Stadt. (DD)

(Fast) echtes britisches Schloss

„My home is my castle“, sagt bekanntlich der Brite. Genau das dachte sich wohl auch der Grundbesitzer Vladimír Židlický, der – obwohl Ur-Böhme – um 1880 dieses Schlösschen in der Hloubětínská 13/3 in Prag 9 erbauen ließ, das so übermäßig britisch aussieht, dass es als Drehort für einen alten Edgar-Wallace-Film der 1960er Jahre hätte dienen können, wenn nicht der Eiserne Vorhang derartiges verunmöglicht hätte.

Das Schloss von Hloubětín (Zámek Hloubětín) steht auf alten Fundamenten, die sich auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, doch weiß man über die alte Burg, die 1648 in der Endphase des Dreissigjährigen Kriegs von den Schweden dem Erdboden gleichgemacht worden war, fast gar nichts. 1848 erwarb der Jurist František Sedláček, das Land und begann eine neogotische Villa darauf zu erbauen. Die erwarb Židlický Ende der 1870er Jahre, um das Gebäude so richtig neuzugestalten. Die einstöckige schlossartige Villa mit zinnenbewehrtem Turm und kleinen Kaminen, die ebenfalls mit Zinnen versehen sind, ist in wundervollster romantischer Windsor- oder Tudorgotik gehalten.

Besonders beeindruckend wird es, wenn man sich dem ummauerten Areal von der Rückseite, dem Ufer der Rokytka (einem Nebenfluss der Moldau), nähert. Dort hat Židlický oben auf einem der für die Gegend typischen Schieferfelsen einen kleinen neogotischen Aussichtsturm am Rande des ebenfalls im englischen Stil angelegten Landschaftsparks des Schlosses errichten lassen, der sich heute immer noch ausgesprochen pittoresk ausnimmt. Der Mann hatte sich da ein kleines Paradies geschaffen!

Die Umgebung von Hloubětín einem Ortsteil von Prag 9 im Osten der Stadt, ist heute ein wenig von Plattenbauten verschandelt, aber das Schloss trägt wenigstens dazu bei, dass der innere Kern des Ortes immer noch wie eine dörfliche Idylle mitten in der Stadt wirkt. Es steht passend direkt neben der Dorfkirche zum Heiligen Georg (Kostel svatého Jiří), ein frühgotischer Bau, die erstmals 1217 urkundlich erwähnt wurde, und der noch über Reste seines Kirchhofs mit einigen schönen Grabdenkmälern verfügt. Das Ganze bildet zusammen mit einigen alten erhaltenen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ein hübsches Ensemble.

Zwischen den Weltkriegen gehörte das Schloss der örtlichen jüdischen Gemeinde. Die Nazis enteigneten die Gemeinde umgehend und unter den Kommunisten gab es selbstredend keine Restitution. Ab 1969 war es ein Zentrum der kommunistischen Jugendorganisation der Pioniere. Nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das Areal samt Schloss dann doch endlich restituiert. Die jüdische Gemeinde verpachtete es aber gleich an eine gynäkologische Klinik, die hier heute noch residiert. 2005 machte der Ort Geschichte als hier die erste Babyklappe Tschechiens eingerichtet wurde. Das Areal ist, da eine Klinik, nur begrenzt betretbar. (DD)

Dramatische Stunden im Grünen Salon

Unterhalb der Burg findet man auf der Kleinseite eine Reihe von Palästen und Gärten (früheres Beispiel hier). Sie finden bei den Besuchern der Stadt meist nicht so viel Beachtung wie die Paläste oben im Burgviertel. Sie sind aber nicht minder sehenswert. Einer davon ist der Kolowrat Palast (Kolovratský palác) in der Valdštejnská 154/10 ein Gebäude, in dem dramatisch Geschichte geschrieben wurde. Der Palast wurde 1776 an der Stelle mehrerer Stadthäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance im Auftrag von Herman Jakob Czernin von Chudenitz als barockes Schloss erbaut. Als Architekten konnte man dafür den damaligen Star-Baumeister Johann Ignaz Palliardi gewinnen.

Vieles an dem Bau sieht tatsächlich sehr original „barockig“ nach der Handschrift Palliardis aus, aber vor allem innen hat man es in Wirklichkeit weitgehend mit einem Werk des Neo-Barock aus dem 19. Jahrhundert zu tun. 1886 war der Palast nämlich in den Besitz von Zdeněk von Kolowrat-Krakowský übergegangen, der den ihn rigoros neugestalten ließ – so rigoros, dass er am Ende sogar seinen Namen trug. Durch den Anbau von Pferdeställen und anderen Nutzgebäuden veränderte sein Sohn Hanuš das Gebäude später auch äußerlich.

Neben seiner kunsthistorischen hat der Palast aber vor allem auch eine geschichtliche Bedeutung. 1918 pachtete die junge Tschechoslowakische Republik den Palast und quartierte zunächste einmal das Sozialministerium hier ein. 1920 kaufte der Staat es schließlich und nach einigen Umbauarbeiten hielt fortan der Minsterrat in dem Gebäude seine Kabinettssitzungen ab.

Der berühmte neobarocke Grüne Salon wurde nun der Ort, wo die Republik einige ihrer dramatischsten Stunden erlebte. Am 30. September 1938 waren Präsident Edvard Beneš und das Kabinett von ihren „befreundeten“ Alliierten Frankreich und Großbritannien über das Münchner Abkommen informiert worden, das die Tschechoslowakei zwang, große Teile des Landes an Hitlers Deutschland abzutreten. Gegen Hitler und die Großmächte sich durchzusetzen, erschien dem Kabinett hier im Grünen Salon am Ende aussichtslos und man beschloss voller Verzweiflung, das Diktat anzunehmen.

Es kam noch schlimmer: Am 15. März 1939 saß das Kabinett wieder im Grünen Salon, um das von Hitler an Präsident Emil Hácha gerichtete Ultimatum zu beratschlagen, dass die Rest-Tschechei sich als „Protektorat Böhmen und Mähren“ mehr oder minder unter die Herrschaft der Deutschen stellen oder das Land bombardiert und mit Krieg überzogen werden solle. Um ein möglicherweise am Ende sinnloses Blutbad zu vermeiden, akzeptierte die Regierung das schreckliche Los, das ihr und dem Land auferlegt wurde. Deutsche Truppen marschierten ein und die Menschen waren den Nazis ausgeliefert.

Und am 27. September 1941 wurde hier der (nur noch nominell unter den Deutschen) regierende Ministerpräsident Alois Eliáš verhaftet, der seine Position mutig genutzt hatte, um heimlich Kontakte zur Exilregierung und zum organisierten Widerstand aufzubauen, um das Naziregime von innen zu bekämpfen. Er wurde im Juni des folgenden Jahres auf dem berüchtigten Schießplatz Kobylisy (früherer Beitrag hier) in Prag hingerichtet. Eine Gedenkplakette neben dem Eingang zum Gebäude erinnert an ihn und seinen Heldenmut.

In den Zeiten des Kommunismus residierte hier u.a. das Kulturministerium. Die Zeiten des Grauens sind nun vorbei. Seit 1996 hat der Senat der Tschechischen Republik, der das Gebäude von 2003 bis 2006 noch einmal renovierte, hier einen seiner Sitze. Hier befinden sich Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros (das Plenum ist allerdings im Wallensteinpalast gegenüber). Hat man die Gelegenheit, das Gebäude mal von innen zu sehen, ist man erfreut, wie blitzblank und proper die Einrichtung heute im restaurierten Zustand aussieht. Besonders der Rosa Salon mit seinem Keramikofen beeindruckt. Desgleichen gilt für das Kowratsche Treppenhaus.

Der Senat sorgt als frei gewählte Kammer dafür, das von Regierung und Abgeordnetenhaus vorgeschlagene verfassungsändernde Gesetze oder Änderungen des Wahlrechts noch einmal gründlich erwogen werden – zum Wohl des Landes. Die demokratische Tradition des Landes wird hier noch (gegen allerlei populistische Anfechtungen) hochgehalten. Man sieht es schon an der Ausstattung. Im Bild links sieht man mich im Büro von Senator Pavel Fischer, über dessen Kamin das Portrait des Begründers der tschechoslowakischen Demokratie und ersten Präsidenten des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, hängt – als Inspiration und Ansporn. (DD)

Runde Festung

Umringt von monströsen Plattenbauten befindet sie sich mitten in einem kleinen, fast schon verloren wirkenden Parkidyll: die Festung Chodov (Chodovská tvrz). Sie ist eine kleine historische und architektonische Attraktion ersten Ranges, die man hier in der Ledvinova 86/9 im – ansonsten eher nicht so ansehnlichen – südlichen Stadteil Chodov (Prag 11) nicht erwarten würde. Man möchte fast von einer „runden Sache“ kalauern.

Die hübsche barocke Rundfestung, die man hier heute sieht, stand hier nicht immer. Im 14. Jahrhundert wurde an der Stelle zunächst eine kleine Wasserburg mit Graben erbaut, deren kleines Tor mit seinem charakteristischen gotischen Spitzbogen heute als Nebeneingang erkennbar ist.

Der alte Burggraben ist heute zugeschüttet und auch wasserlos. Nur bei dem alten Eingang hat man eine Vertiefung mit Holzbrücke angedeutet, um einen Eindruck vom Originalbau zu vermitteln.

Die Burg gehörte ursprünglich zu einem Kloster des
Ordens der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, das sich in der Nähe befand, wurde aber 1420 von den Hussiten erobert, die sie erst einmal der umliegenden Gemeinde übergaben. Von da ab gab es immer wieder neue Besitzer, die das Gebäude auch immer wieder umbauten – zuletzt im 17. Jahrhundert im Barockstil.

1676 wurden wieder Ordensbrüder die Besitzer, diesmal die Benediktiner. Sie gestalteten in den Jahren 1687-97 bei einer völligen Runderneuerung die runde Festung zu einem Schloss um, wozu die festen Mauern für Fenster durchbrochen wurden. Auch der neue große – sehr barocke! – Eingang war Teil dieser Umgestaltung. Obwohl man klar die ursprüngliche Festungsarchitektur erkennen kann, ist das Gebäude dadurch wesentlich wohnlicher und „zivilistischer“ geworden.

Dadurch eignete sich das Ganze zunehmend zum wohnlichen Adelssitz. Als die Benediktiner die Festung 1727 verkauften, ging sie an die Adelsfamilie Goltz, die das Anwesen 1801 an die Familie Korb von Weidenfels verkauften. Zu dieser Zeit fand man das Barockdesign nicht mehr so recht „trendy“. Folglich wurde die Fassadengestaltung etwas klassizistischer im Sinne des Biedemeier angelegt als zuvor und der dazu passende Arkadenhof im Inneren wurde hinzugefügt. Das geschah so behutsam, dass der Grundcharakter des Gebäudes erhalten blieb.

1923 ging das ganze Areal in den Besitz der Stadt über. In den Zeiten de Kommunismus setzteerwartungsgemäß der allmähliche Verfall ein. Chodov wurde unter ihnen 1968 zu Prag eingemeindet und Schloss und Gelände wurden einem staatlichen Bauernhof zugeschlagen. In den frühen 1980er Jahren befand es sich in einem so deplorablen Zustand, dass man den Abriss erwog – eine Schreckenstat, wenn man die Einigartigkeit der Baugeschichte erwägt!

Das tat man am Ende dann doch nicht. 1984-88 renovierte der Architekt Miroslav Burian das Schloss. Auch der Park wurde neu gestaltet. Seither ist die alte Festung für den Stadtteil das Kulturzentrum, wo Ausstellungsräume, ein Heimatmuseum und kleine Konzertsäle für ein umfangreiches und gutes Kulturprogramm sorgen, inklusive eines kleinen gepflegten Restaurants. Die Festung wird so zu einem Lichtblick in der ansonsten eher trüben Umgebung. (DD)

Libušes Burg

Prag und Umgebung sind ein Paradies für Archäologen. Die Siedlungsgeschichte reicht weit zurück und immer wieder finden sich kaum mehr sichtbare Spuren dieser langen Vergangenheit im Landschaftsbild. So auch bei der Burg Děvín (hrad Děvín) im Naturschutzgebiet in der Nähe des Stadtteils Hlubočepy (Prag 5).

Schon in der Steinzeit siedelten hier Menschen, was nicht überrascht, wenn man die Lage des Ortes kennt: Hoch über der Moldau an einer Talverengung und geeignet zur Überwachung der Wasserwege. An solchen Orten bauten später gerne die Kelten Festungsanlagen (Wallburgen), die dann im 6. und 7. Jahrhundert oft wieder von den einwandernden Slawen genutzt wurden. Hier auf Děvín gab es wohl keine keltische Besiedlung und die Wälle, die man heute noch erkennen kann, sind daher erst von den Slawen gebaut worden.

Legenden verbinden den Ort mit der Sage vom Mägdekrieg. Demnach wurde die Burg von der Seherin Libuše erbaut. Die war sauer, weil sie aufgrund ihrer Talente Stammesfürstin hätte werden können, aber von den chauvinistischen Männern abgelehnt wurde, weil sie ja „nur“ Frau war. Stattdessen wurde der Mann, den sie erwählte, Herrscher der Böhmen. Und der hieß Přemysl und wurde somit der Begründer des späteren böhmischen Königsgeschlechts der Přemysliden.

Der Unmut der Frauen brach sich später dann Bahn in dem Mägdekrieg, bei dem die Frauen, die nun in den alten Chroniken mit den antiken Amazonen verglichen wurden versuchten, die Macht der Männer zu brechen. Das gelang nach anfänglichen Kriegserfolgen nicht und die Eroberung der Burg Děvín, die das Hauptzentrum des Aufstands gewesen sein soll, setzte dem Aufbegehren der Frauen ein Ende.

Möglicherweise erfolgte die Zuschreibung der alten Burganlage zu der überlieferten Sage, in der eine Burg dieses Namens erwähnt wird, erst in der frühen Neuzeit. Jedenfalls zeigen die Orts- und Flurnamen der Umgebung immer noch davon. Der schönste Aussichtspunkt vom Norden der Berghöhe hinunter in Flusstal und zur Stadt heißt nach einem der (männlichen) Helden der Sage, Ctirad (siehe früheren Beitrag hier). Etwas darunter liegt auf dem Hügel daneben (kleines Bild links) die Ortschaft Dívčí hrady, zu Deutsch: Mädchenburg – ganz klar auch eine Anspielung auf die Sage.

Aber das sind alles Legenden. Historisch wichtig und greifbar wird das Areal erst mit dem Bau einer richtigen steinernen Burg im Jahre 1338 durch Stefan von Tetin (Štěpán z Tetína), der unter König Johann aus dem Hause Luxemburg zahlreiche hohe Ämter innehatte. Dessen Nachfahren gerieten irgendwann in finanzielle Schwierigkeit und verkauften die Anlage an das nahegelegene Kartäuserkloster von Smíchov. Die Kartäuser waren wiederum während der Hussitenkriege den Hussiten ein Dorn im Auge, die dann 1419 die Burg überrannten. Als Kaiser Sigismund im nächsten Jahr die Burg zurückeroberte, blieb nichts brauchbares mehr übrig.

Die Stätte war fortan unbesiedelt. Nominell gehörte sie nun zur Ortschaft Zlíchov, die direkt unter der Burg liegt. Im Jahre 1513 kam man auf die Idee, die letzten Reste der Burg als Zieltestgebiet für neu angeschaffte Kanonen und Mörser zu nutzen. Das war’s dann…

Und so kommt es, dass man heute keine sichtbaren Reste des Mauerwerks der mittelalterlichen Burg mehr sieht. Im Erdreich sieht man jedoch Spuren von Wallaufschüttungen, die meist auf die slawische „Urburg“ hinweisen, die eine größere Fläche abdeckte als die Burg des 14. Jahrhunderts. Man kann auch erkennen, wie geschickt die natürlichen Felsabhänge in die Festung einbezogen wurden. (DD)

Kloster, Zuckerfabrik, Schloss

Über dem träge dahinfließenden und kurz darauf in die Moldau einmündenden Lipanský-Bach sieht man das malerisch gelegene Schloss Zbraslav. Wir befinden uns ganz im Süden Prags.

Das Barockschloss sieht aus, als ob es nie etwas anderes gewesen sei. Tatsächlich handelte es sich aber ursprünglich um ein Zisterzienserkloster, das 1292 durch König Wenzel II. gegründet worden war. Das war nicht irgendein Kloster, sondern die Grablege für viele Herrscher des über viele Jahrhunderte Böhmen beherrschenden Geschlechts der Přemysliden und deren Ehefrauen.

Die fanden in dem spätromanischen Bau nur bedingt ihre letzte Ruhe, denn 1420 verwüsteten radikale Hussiten das Kloster und verstreuten die Knochen auf dem Gelände. Nach dem Ende der Hussitenkriege wurden die Knochen wieder eingesammelt und neu beerdigt. 1611 verwüsteten die Truppen des Bischofs von Passau das Kloster und 1639 im Dreissigjährigen Krieg die Schweden.

Im Jahr darauf begann man auf dem Gelände mit dem Bau der Stiftskirche zum Heiligen Jakob d.Ä. (Kostel svatého Jakuba Většího), wo die Gebeine (oder was davon übrig blieb) nach einer abermaligen Umbettung seit 1991 im Boden des Presbyteriums begraben sind. Vorher, d.h. 1973, untersuchten Forscher die Knochen und konnten teilweise ihre Echtheit verifizieren. Die Kirche selbst (Bild rechts) ist übrigens der erste Teil des Schlosses, der im frühbarocken Stil erbaut wurde. Aber damit ging es dann rapide weiter.

Im frühen 18. Jahrhundert tat man das, was man damals meistens mit alten Sakralbauten tat: Man baute das Kloster vollständig im Stil des Hochbarocks prachtvoll um. Die Architekten Johann Blasius Santini-Aichl und Franz Maximilian Kaňka gaben ihm im wesentlichen seine heutige Gestalt. Die Bauarbeiten wurde 1732 fertiggestellt. Das fröhlich-barocke Klosterleben neigte sich jedoch schon bald seinem Ende zu. Denn: 1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch Zbraslav nicht verschont blieb.

Eine Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein entstand in den Gebäuden, was einige nicht ganz sachgemäße bauliche Veränderungen mit sich brachte. Die Zuckerproduktion wurde 1875 eingestellt und 1910 kaufte das Gebäude der Textilfabrikant Cyril Bartoň-Dobenín, der es in den Jahren 1911 bis 1925 unter behutsamer Wahrung seines barocken Charakters zu dem umbaute, was es heute ist: Ein Schloss.

Die Kommunisten enteigneten 1948 die Familie Bartoň-Dobenín und übereigneten das Gebäude der Prager Nationalgalerie, die hier zunächst ein Museum für Bildhauerei, später die Sammlung asiatischer Kunst unterbrachten. Letztere blieb hier bis 2009, obwohl inzwischen die Familie das Schloss restituiert bekommen hatte. Jetzt ist es in Privatbesitz und man kann es innen nicht besichtigen. Aber die Familie erlaubt das Betreten des Außengeländes mit seinem schönen Innenhof. Und man sieht Sehenswertes, darunter auch zahlreiche Skulpturen aus der Barockzeit.

Eine Skulptur fällt aus der Reihe, weil sie einem irgendwie so bekannt vorkommt. Es ist eine Reiterstatue des Heiligen Wenzel, die zwar deutlich kleiner ist als die berühmte Statue auf dem Wenzelsplatz (früherer Beitrag hier), aber ihr doch recht ähnlich sieht. Das ist kein Zufall, denn wahrscheinlich handelt es um einen Vorentwurf des 1912 aufgestellten Reiterstandbilds auf dem Wenzelsplatz, angefertigt von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek. Als solchen erwarb die Nationalgalerie jedenfalls 1923 die kleinere Fassung und stellte sie später in Zbraslav auf (wo ja eine zeitlang ein Bildhauereimuseum residierte). Nach der Reprivatisierung des des Schlosses ließen die Besitzer es erst abtragen, aber seit 2016 steht die kleine Version des großen Wenzelsdenkmals wieder hier im Schlosspark von Zbraslav. (DD)