Kreuzherrenschloss im Nordosten

Das Schloss Ďáblice (zámek Ďáblice) an der U Parkánu 25/1 im nordöstlichen Prager Stadtteil Ďáblice wurde 1235 erstmals urkundlich erwähnt als der von der böhmischen Nationalheiligen Agnes gegründete Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern es von Konstanze von Ungarn, der Witwe des böhmischen Königs Otakar I., erwarb.

Der Orden, der seine Besitzungen in der Gegend 1254 noch einmal vergrößerte, nutzte es hauptsächlich für die Landwirtschaft für die Versorgung der von ihm betriebenen Prager Klöster. Während der Hussitenkriege fiel das Schloss kurz an die Hussiten, wurde aber schon bald restituiert. Der gotische Originalbau brannte 1526 bei einem Feuer ab und wurde danach im Renaissancestil wieder aufgebaut. Dieser neue Bau fiel 1731 ebenfalls den Flammen zum Opfer und der 1755 vollendete Wiederaufbau erfolgte diesmal im Stil des Barock, der das Äußere heute weitgehend bestimmt.

Das Schloss in der Mitte des alten Dorfkerns des andernorts von Plattenbeton dominierten Stadtteils Ďáblice ist ein L-förmiges Gebäude. Die Vorderfront gesteht aus dem zweiflügeligen Barockschloss, dessen Zentrum die Schlosskapelle der heiligen Dreifaltigkeit und des Heiligen Wenzel (Zámecká kaple Největejší Trojice a sv. Václava) bildet. Die ist vor allem durch seine Deckengemälde bemerkenswert, die von dem Maler Jan Ezechiel Vodňanský angefertigt wurden. Leider ist das Gebäude heute nicht der Öffentlichkeit zugängig, so dass man das nicht sehen kann.

Etwas entschädigen tut das Äußere dann schon. Die schmucke Barockfassade ist von einem kleinen Zwiebelturm geschmückt, auf dessen Spitze sich das für den Orden typische rote Kreuz mit seinen acht Spitzen und das namensgebende sechseckige Kreuz befinden.

Auf dem Giebel befindet sich wiederum eine Dreiergruppe von barocken Statuen. Es handelt sich um den Heiligen Wenzel, der von zwei Engeln umgeben ist. Vermutlich sind sie ein Werk des königlichen Hofbildhauers Ignaz Franz Platzer (siehe auch früheren Beitrag hier), aber ganz gesichert scheint das jedoch nicht zu sein.

Rechtwinklig dazu positioniert befindet sich ein großes Wirtschaftsgebäude, das im 19. Jahrhundert ein wenig überarbeitet und stilistisch an die frühere Renaissancephase des Schlosses anknüpft. Das Schloss gehört übrigens nicht mehr dem Kreuzritterorden, sondern wurde 1948 der Prager Verwaltung unterstellt, die es teilweise noch so nutzt wie die Kreuzherren, nämlich landwirtschaftlich. Die Kapelle fungiert wiederum als Gemeindekirche. (DD)

Wo heute Hoheiten nächtigen

Das Haus von Liechtenstein hat in Tschechien ein historisches Imageproblem. Es war Karl I. von Liechtenstein gewesen, der im Dienste der Habsburger am 21. Juni 1621 auf dem Altstädter Ring die Anführer des Ständeaufstandes von 1618 hinrichten ließ und den Böhmen damit vor Augen führte, dass es mit ihrer Freiheit nun vorbei war. Er selbst vergrößerte seine böhmischen Besitzungen durch das konfiszierte Eigentum der Besiegten. So richtig gerne erinnert man sich seiner hierzulande nicht.

Und trotzdem heißt der Palais Liechtenstein (Liechtensteinský palác) in der U Sovových mlýnů 506/4 auf der Kampa Insel der Kleinseite direkt am Ufer der Moldau tatsächlich noch Palais Liechtenstein – obwohl er nicht einmal von den Liechtensteinern erbaut wurde und ihnen im 19. Jahrhundert auch nur recht kurz gehörte. Warum denn nicht Palais Kaiserstein? Denn es war Franz Helfried von Kaiserstein, der den barocken Palast im Jahre 1696 von dem Architekten Giovanni Battista Alliprandi an Stelle zweier kleinerer Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erbauen ließ. Der begabte Architekt dachte sich jene unregelmäßig sechseckige Grundrissform aus, die man von der Moldauseite als solche kaum wahrnimmt. Zudem gab er dem Palast einen Bootstunnel, der vom Fluss nach innen führte, der aber bei späteren Umbauten leider verschwand.

Oder warum nicht Palais Kustoš von Zubří? Denn 1729 kaufte Ferdinand Adam Kustoš ze Zubří, der erst 1725 von Kaiser Karl VI. in den böhmischen Grafenstand erhoben worden war und sich jetzt ein diesem Stande gemäßes Domizil suchte, das Gebäude für 24.000 Gulden. Er behielt es aber aus Geldnot nur 12 Jahre.

Oder warum nicht Palais Kolowrat? Denn 1741 ging das Gebäude mit der schönen Lage bei einer Auktion an das Geschlecht der Grafen Kolowrat über. Die behielten es immerhin für rund 90 Jahre. Dann verkaufte es Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky, der übrigens ein liberaler Gegenspieler Metternichs war und bei der Revolution von 1848 (leider nur kurz) der erste konstitutionelle Ministerpräsident Österreichs war, im Jahre 1831 wieder. Und der neue Besitzer wurde Fürst Johann I. Josef von Liechtenstein. Und ihm verdankt der Palast nun seinen heutigen Namen: Palais Liechtenstein.

Nun war Johann I. Josef kein Karl, und tat sich hierzulande nicht mit Hinrichtungen, sondern eher als Kunstmäzen und in seinen mährischen Ländern als Agrarreformer hervor. So scheint er dem Misstrauen der Tschechen effektiv entgegengewirkt zu haben. Außerdem brachte er das Wappen des Hauses Liechtenstein in Stein gemeißelt über dem Portal an – eines der wenigen Insignien der Familie, die man in Prag findet. Zusätzlich nahm er noch einige bauliche Veränderungen vor, unter anderem den Abriss von zwei Türmen, die zu Alliprandis Ursprungsbau gehörten. Aber letztlich gehörte der Palais den Liechtensteinern auch nur 33 Jahre.

Inzwischen war das bürgerliche Zeitalter angebrochen und ein Nachfahre des Fürsten verkaufte das Anwesen 1864 nunmehr an einen Bürgerlichen, nämlich František Odkolek, dem Besitzer der nebenan gelegenen Sova-Mühle, in der sich heute das Kampa Museum für moderne Kunst befindet. Der ließ erst einmal den mittlerweile etwas heruntergekommenen Palast von seinem Baumeister František Srnec kräftig umbauen. Es wurde ein Stockwerk hinzugefügt und die Fassade – vor allem die Fenster – von Barock auf Klassizismus umgestellt. Wie dem auch sei: Obwohl er damit den Gesamteindruck des Gebäudes mehr als andere geprägt hat, käme irgendwie niemand auf die Idee, das Gebäude Palais Odkolek zu nennen. Es blieb bei Palais Liechtenstein.

Odkolek vermietete das Gebäude ab 1873 eine zeitlang an die Deutsche Technische Hochschule Prag. Aber schon 1897 gaben seine Nachkommen wegen einiger wirtschaftlicher Probleme – die Mühle hatte durch ein Feuer große Schäden genommen – das Gebäude wieder ab und verkauften es an die Stadt Prag. Die betrieb dort erst einmal eine Grundschule. Die Nazis beutzten den Palais 1940-45 als Hauptquartier der lokalen NSDAP und verwendeten die Gartenanlage daneben als Übungsplatz für die Hitlerjugend. Danach kam das Gebäude wieder unter die Obhut der Stadt, später dann übernahm der tschechoslowakische Staat das Ganze, um einige Behörden hier unterzubringen. Zwischen 1982 und 1991 wurde der Komplex, nun im Besitz des Präsidialamtes, zu einem hochrangigen Gästehaus der Regierung für ebenso hochrangige Staatsbesucher. Königin Elizabeth II. samt Prinzgemahl Philip und Sohn Charles oder der japanische Kaiser Akihito mit Kaiserin Mikoiko gehören zu denen, die hier nächtigen durften. Wo Hoheiten nächtigen, ist der Zugang für Normalsterbliche meist untersagt. Deshalb ist das Innere des Palais Liechtenstein normalerweise für Touristen nicht zu besichtigen. (DD)

PS: Wenn man den ungewöhnlichen Grundriss in Form eines unregelmäßigen Sechsecks deutlich erkennen will, kann man das wohl am besten, wenn man auf den Petřín-Berg steigt, wo man den Palast von oben sehen kann…

Der Palast, in dem Kafka zur Schule ging

Der Altstädter Ring im Herzen der Stadt kennt keinen Mangel an schönen alten Gebäuden, weshalb er bei Touristen ja auch so außerordentlich beliebt ist. Das Palais Kinský (Palác Kinských) schafft es, selbst in diesem Umfeld als besonders stattlich aufzufallen.

Das Palais wurde in den Jahren 1755 bis 1765 von dem berühmten Architekten Anselmo Lurago (früherer Beitrag hier) im Auftrag von Johann Ernst Wenzel Graf von der Goltz erbaut- weshalb er auch bisweilen Palais Goltz-Kinský genannt wird. Zuvor standen hier mehrere Renaissancehäuser. Von der Goltz verstarb allerdings kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes und Witwe verkaufte es an Franz de Paula Fürst Kinský , der sich im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschall der österreichischen Armee ausgezeichnet hatte.

Im hinteren Gebäudeteil ließ Graf Kinský einige Erweiterungen anbauen, aber der Gesamteindruck entspricht von außen immer noch dem, was unter von der Goltz erbaut worden war. Es handelt sich im ein typisches Werk des späten Rokoko, das schon ein wenig formstrenger daherkommt als frühere Rokokobauten und bereits Elemente des Klassizismus vorwegnimmt. Die Fassade ist durch zwei Risalite mit zwei gleich großen Eingängen strukturiert. Darüber thronen auf Höhe des Daches einige recht kolossale Skulpturen, die von dem Bildhauer Ignaz Franz Platzer stammen. Sie stellen Themen aus der antiken Mythologie (hier Sänger Orpheus) und Allegorien auf die Kräfte der Natur dar.

Auf Platzers Konto gehen auch die Entwürfe der Stuckdekoration der Fassade zurück. Möglicherweise ließ er sie von dem italienisch-schweizerischen Künstler Santino Bussi ausführen, der es in Wien zum Hofstuckateur (dort z.B wegen seiner Arbeiten am Schloss Belvedere) gebracht hatte und damals zu den europäischen „Stars“ des Gewerbes gehörte. Sie nehmen sich jedenfalls prachtvoll aus. Zuvörderst sind hier die beiden großen Stuckverzierungen der Giebel der Risaltiten zu nennen. Beide Giebel sind mit Motiven der klassischen Mythologie verziert (links oben etwa die Entführung der Europa). Sie harmonieren thematisch mit Platzer Skulpturen weiter oben.

Während in den oberen Etagen die „heidnische“ Antike regiert, wird es weiter unten wird es wieder gehörig christlich. Über den seitlichen Fenstern findet man die Darstellung der Mutter Gottes Maria und des hier abgebildeten katholisch-böhmischen Nationalheiligen Johannes Nepomuk (früherer Beitrag hier) – beides typisch für die Zeit der Gegenreformation. Die polychrome Darstellung mit Goldfassung in sorgsam elaborierten Rokoko-Kartuschen der beiden Darstellungen deuten auf einen hohen künstlerischen und handwerklichen Standard mit Liebe zum Detail hin.

Die Stuckarbeiten wurden in der Zeit des Grafen Kinský nach dem Erwerb des Palais noch einmal überarbeitet und ergänzt. So findet sich nun in der Mitte des Gebäudes über einem Fenster im ersten Stock das Wappen der Grafenfamilie Kinský; drei silberne gekrümmte Wolfszähne auf rotem Grund. Damit wurde klar und deutlich, wem der Palais von nun an gehörte.

Außen und vor allem drinnen gibt es noch viele Erinnerungen an die Geschichtes des Palais‘. Eine Gedenkplatte im Eingangsbereich erinnert zum Beispiel daran, dass hier 1843 die berühmte Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner geboren wurde, die eigentlich eine geborene Gräfin Kinský war (wir werden darüber berichten). 1882 eröffnete im Erdgeschoss Hermann Kafka, der Vater von Franz Kafka sein Galanteriewarengeschäft, das 1896 aber an einen anderen Ort zieht. Der Buchladen, der sich jetzt hier befindet, ehrt immer noch den Namen Kafka. Franz Kafka selbst blieb dem Ort verbunden, denn im Gebäude befand sich zu dieser Zeit auch das Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt, das Kafka von 1893 bis 1901 (bis zum Abitur) besuchte. Von 1922 bis 1934 befand sich im Palais die Botschaft Polens. Und 1948 soll der stalinistische Gewaltherrscher Klement Gottwald auf dem Balkon des Palais dem Volk seine Machtübernahme verkündet haben, was aber inzwischen von Historikern bezweifelt wird, die meinen, er habe dies von der Ladefläche eine Lastwagen vor dem Palais getan (was irgendwie auch besser zu einem Kommunistenführer passt).

Nachdem man sich 1989 des Kommunismus wieder entledigt hatte, musste kräftig renoviert und restauriert werden, was in den Jahren 1995 bis 2000 geschah. Seither gehört das Gebäude der Nationalgalerie, die hier ihrer Verwaltung hat und Wechselausstellungen organisiert. besucht man eine der interessanten Ausstellung, so kann man nicht mehr viel, aber doch einiges von der einstigen Ausstattung des Palais erahnen, wozu des prachtvolle Treppenhaus (Bild oberhalb) gehört, aber auch vereinzelte Stuckaturen und vor allem noch einige schöne Kachelöfen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. (DD)

Keine Burgfrauen

Wenn man eigentlich gar nichts über die Geschichte einer alten Burgruine weiß, lädt das dazu ein, Legenden frei zu erfinden. 1884 erfand der böhmische Dichter Jaroslav Vrchlický (früherer Beitrag hier) in seinem Theaterstück Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlštejn) die Geschichte, dass Kaiser Karl IV. allen Frauen das Betreten seiner großen Königsburg Karlštejn grundsätzlich verboten hatte. Das war natürlich völliger Unsinn – nur erdacht, um komödiantische Verwicklungen in Gang zu setzen.

Trotzdem verbreitete sich bald das Gerücht, dass die Frauen damals tatsächlich „draußenbleiben“ mussten und stattdessen in der rund 20 Kilometer von Prag entfernten und heute fast völlig verschwundenen Ruine Hrad Karlík (Burg Karlík) untergebracht wurden. Die zu Fuß heute bequem in etwas über einer Stunde von Karlštejn erreichbare Burg liegt in einem Wald auf einem Berg versteckt. Die Größe des Areals lässt sich noch abschätzen. Soviel ist dann klar: Der Kaiser hätte mit den adligen Damen schweren Ärger gekriegt, wenn er ernstlich versucht hätte, sie in dieses kleine Gebäude zu packen – und auch noch weit entfernt vom Luxus der Burg Karlštejn.

Und tatsächlich behauptet kein Wissenschaftler, dass Vrchlickýs Idee irgendetwas mit der realen Geschichte der Burg Karlík zu tun habe. Aber was weiß der Wissenschaftler denn überhaupt? Ehrlich gesagt: Herzlich wenig. Man weiß nicht einmal genau, ob die kleine gotische Burganlage aus dem 14. Jahrhundert tatsächlich von Karl IV. erbaut wurde. Möglicherweise geschah das auch erst unter seinem Sohn Wenzel IV., der von 1363 bis 1419 in Böhmen regierte. Quellen erwähnen, dass sie 1422 bereits verlassen war. Die gängige Hypothese ist, dass die in den Hussitenkriegen zerstört wurde, die in Wenzels letztem Lebensjahr begannen. Dafür könnte sprechen, dass in der Nähe ja 1421 Burg Karlštejn erfolglos von den Hussiten belagert worden war. Dabei hätte auch Karlík Opfer eines Angriffs werden können. Aber es gibt keinerlei Quellenbelege, dass die Hussiten sich bei der Gelegenheit auch mit Burg Karlík beschäftigten.

Die Burg an sich war gut zu verteidigen. An drei Seiten ist sie von steilen Abhängen und Felsenwänden abgesichert. Der einzige Eingang wurde von einer Wallgrabenanlage (kleines Bild links) geschützt, die die kleine Hauptburg von der noch kleineren Vorburg trennte, was heute noch an der Erdformation erkennbar ist. Sie ist aber so klein, dass hier nur eine winzige Besatzung untergebracht werden konnte. Die meisten Forscher denken, dass die Burg als vorgeschobener befestigter Wachtposten der nahen Burg Karlštejn erbaut wurde. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem kleinen Jagdschloss sprechen. Aber quellenmäßig bewegen wir uns da immer noch auf unsicherem Grund.

Vielleicht erbringt einer tiefer gehende archäologische Erforschung Licht hinter das Geheimnis. Als wir im Spätsommer letzten Jahres hier waren, hatten die Archäologen wohl gerade damit angefangen. Das war ein Glücksfall, denn so konnte man die die sonst unter der Erde befindliche Ummauerung der Burg erkennen und einige Mauern der inneren Gebäude. Es handelte sich also zwar um eine kleine, aber durch recht dicke Steinmauern bewehrte Burg, wie man auf den Photos erkennen kann.

Unterhalb der Burg fand man einen kleinen Keller, dessen verschütteter Eingang heute am Wegesrand gut sichtbar ist (Bild links). Und anscheinend ist gesichert, dass es einen tiefen Brunnen gab, der die Versorgung mit Wasser im Belagerungsfall sicherte (etwas, worüber die große Burg Karlštejn nicht verfügte). Irgendwie ist Burg Karlík ein spannender Ort – auch wenn die kessen Burgfrauen aus der Imagination Vrchlickýs nie dort, sondern ganz sicher immer innerhalb der sicheren und wohnlichen Gemäuer von Karlštejn waren. (DD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)

Palais in wechselndem Familienbesitz

Prag ist die Stadt der vielen Paläste. In den inneren Stadtbezirken gehen sie oft optisch ein wenig verloren, weil sie von vielen späteren großen Bürgerhäusern umgeben sind. Ein genauer Blick offenbart jedoch die frühere Pracht des Lebens der großen Adelsfamilien der Stadt.

Ein beeindruckendes Beispiel findet sich, wenn man vom Wenzelsplatz die Straße Na příkopě entlang geht. Bei Hausnummer 852/10 steht man plötzlich vor der langen Barockfassade des Sylva-Tarouca- Palais (Palác Sylva-Taroucca), einem der größeren der vielen Stadtschlösser der Stadt.

Der Name suggeriert natürlich, dass dieser Palais der ursprünglich iberischen, aber im 18. Jahrhundert ins österreichische Böhmen übergesiedelte Adelsfamilie Sylva-Tarouca gehörte. Das stimmt auch, allerdings erst seit 1885 als Arnošt Graf von Silva-Tarouca, die letzte Erbin des alten böhmischen Adelsgeschlechts der Nostitz heiratete. Der Graf erwarb dadurch den Palais und im übrigen auch das Schloss und den Garten von Průhonice, über die wir hier und hier bereits berichteten, wo er als Förderer der wissenschaftlichen Botanik bis heute bekannt wurde.

Zurück zum Palais: Die Familie Nostitz waren auch nicht die ursprünglichen Besitzer, sondern hatten sie 1766 vom böhmischen Zweig der italienischen Familie Piccolomini erworben. Prinz Ottavio Piccolomini, der als kaiserlicher General im Dreissjährigen Krieg an den Vorbereitungen zur Ermordung Wallensteins beteiligt war und dafür vom Kaiser reichlich belohnt worden war, hatte kurz vor seinem Tode im Jahre 1656 das Grundstück erworben, auf dem zuvor mehrere kleine Häuser standen, und mit dem Bau eines Palastes begonnen.

Allerdings gaben ihm erst seine Nachfahren die heutige hochbarocke Form. Sie heuerten den Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (der damals anerkannteste Barockmeister der Stadt) an, der ab 1743 einen großen Bau mit zwei hintereinandergelagerten Innenhöfen erbaute. Nach seinem Tod 1751 setzte Amselm Lurago die Arbeit bis 1752 fort.

Seit 1911 gehört der Palais der Stadt Prag, die einige kulturelle Einrichtungen hier untergebracht hat, aber die meisten Räume an private Miter verpachtet hat, darunter ein Café, das im Sommer eine ruhige Kaffeepause im ersten Innenhof ermöglich und ein Kasino. Der tschechische Rotary Club hat hier seinen Sitz.

Die einstige Pracht des Palais ist trotz der uneinheitlichen Nutzung noch gut erkennbar. Da ist die Fassade die Fassade zur Straße mit ihren barocken Stuckaturen und dem Familienwappen des Geschlechts Nostitz über der Eingangspforte (großes Bild oben), da sind die ebenfalls noch gut erhaltenen Innenhöfe, von denen der zweite zur Reithalle gehörte und mit zwei schönen Brunnen geschmückt ist. Im Eingangsbereich kann man noch den Treppenaufgang zur rechten Seite bewundern, der opulent mit Statuen aus der antiken Mythologie ausgeschmückt ist. Ein kleine Blick hinein sei erlaubt und gibt einen Eindruck von der Welt der Adelssitze in der Stadt. (DD)

(Fast) echtes britisches Schloss

„My home is my castle“, sagt bekanntlich der Brite. Genau das dachte sich wohl auch der Grundbesitzer Vladimír Židlický, der – obwohl Ur-Böhme – um 1880 dieses Schlösschen in der Hloubětínská 13/3 in Prag 9 erbauen ließ, das so übermäßig britisch aussieht, dass es als Drehort für einen alten Edgar-Wallace-Film der 1960er Jahre hätte dienen können, wenn nicht der Eiserne Vorhang derartiges verunmöglicht hätte.

Das Schloss von Hloubětín (Zámek Hloubětín) steht auf alten Fundamenten, die sich auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, doch weiß man über die alte Burg, die 1648 in der Endphase des Dreissigjährigen Kriegs von den Schweden dem Erdboden gleichgemacht worden war, fast gar nichts. 1848 erwarb der Jurist František Sedláček, das Land und begann eine neogotische Villa darauf zu erbauen. Die erwarb Židlický Ende der 1870er Jahre, um das Gebäude so richtig neuzugestalten. Die einstöckige schlossartige Villa mit zinnenbewehrtem Turm und kleinen Kaminen, die ebenfalls mit Zinnen versehen sind, ist in wundervollster romantischer Windsor- oder Tudorgotik gehalten.

Besonders beeindruckend wird es, wenn man sich dem ummauerten Areal von der Rückseite, dem Ufer der Rokytka (einem Nebenfluss der Moldau), nähert. Dort hat Židlický oben auf einem der für die Gegend typischen Schieferfelsen einen kleinen neogotischen Aussichtsturm am Rande des ebenfalls im englischen Stil angelegten Landschaftsparks des Schlosses errichten lassen, der sich heute immer noch ausgesprochen pittoresk ausnimmt. Der Mann hatte sich da ein kleines Paradies geschaffen!

Die Umgebung von Hloubětín einem Ortsteil von Prag 9 im Osten der Stadt, ist heute ein wenig von Plattenbauten verschandelt, aber das Schloss trägt wenigstens dazu bei, dass der innere Kern des Ortes immer noch wie eine dörfliche Idylle mitten in der Stadt wirkt. Es steht passend direkt neben der Dorfkirche zum Heiligen Georg (Kostel svatého Jiří), ein frühgotischer Bau, die erstmals 1217 urkundlich erwähnt wurde, und der noch über Reste seines Kirchhofs mit einigen schönen Grabdenkmälern verfügt. Das Ganze bildet zusammen mit einigen alten erhaltenen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ein hübsches Ensemble.

Zwischen den Weltkriegen gehörte das Schloss der örtlichen jüdischen Gemeinde. Die Nazis enteigneten die Gemeinde umgehend und unter den Kommunisten gab es selbstredend keine Restitution. Ab 1969 war es ein Zentrum der kommunistischen Jugendorganisation der Pioniere. Nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das Areal samt Schloss dann doch endlich restituiert. Die jüdische Gemeinde verpachtete es aber gleich an eine gynäkologische Klinik, die hier heute noch residiert. 2005 machte der Ort Geschichte als hier die erste Babyklappe Tschechiens eingerichtet wurde. Das Areal ist, da eine Klinik, nur begrenzt betretbar. (DD)

Dramatische Stunden im Grünen Salon

Unterhalb der Burg findet man auf der Kleinseite eine Reihe von Palästen und Gärten (früheres Beispiel hier). Sie finden bei den Besuchern der Stadt meist nicht so viel Beachtung wie die Paläste oben im Burgviertel. Sie sind aber nicht minder sehenswert. Einer davon ist der Kolowrat Palast (Kolovratský palác) in der Valdštejnská 154/10 ein Gebäude, in dem dramatisch Geschichte geschrieben wurde. Der Palast wurde 1776 an der Stelle mehrerer Stadthäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance im Auftrag von Herman Jakob Czernin von Chudenitz als barockes Schloss erbaut. Als Architekten konnte man dafür den damaligen Star-Baumeister Johann Ignaz Palliardi gewinnen.

Vieles an dem Bau sieht tatsächlich sehr original „barockig“ nach der Handschrift Palliardis aus, aber vor allem innen hat man es in Wirklichkeit weitgehend mit einem Werk des Neo-Barock aus dem 19. Jahrhundert zu tun. 1886 war der Palast nämlich in den Besitz von Zdeněk von Kolowrat-Krakowský übergegangen, der den ihn rigoros neugestalten ließ – so rigoros, dass er am Ende sogar seinen Namen trug. Durch den Anbau von Pferdeställen und anderen Nutzgebäuden veränderte sein Sohn Hanuš das Gebäude später auch äußerlich.

Neben seiner kunsthistorischen hat der Palast aber vor allem auch eine geschichtliche Bedeutung. 1918 pachtete die junge Tschechoslowakische Republik den Palast und quartierte zunächste einmal das Sozialministerium hier ein. 1920 kaufte der Staat es schließlich und nach einigen Umbauarbeiten hielt fortan der Minsterrat in dem Gebäude seine Kabinettssitzungen ab.

Der berühmte neobarocke Grüne Salon wurde nun der Ort, wo die Republik einige ihrer dramatischsten Stunden erlebte. Am 30. September 1938 waren Präsident Edvard Beneš und das Kabinett von ihren „befreundeten“ Alliierten Frankreich und Großbritannien über das Münchner Abkommen informiert worden, das die Tschechoslowakei zwang, große Teile des Landes an Hitlers Deutschland abzutreten. Gegen Hitler und die Großmächte sich durchzusetzen, erschien dem Kabinett hier im Grünen Salon am Ende aussichtslos und man beschloss voller Verzweiflung, das Diktat anzunehmen.

Es kam noch schlimmer: Am 15. März 1939 saß das Kabinett wieder im Grünen Salon, um das von Hitler an Präsident Emil Hácha gerichtete Ultimatum zu beratschlagen, dass die Rest-Tschechei sich als „Protektorat Böhmen und Mähren“ mehr oder minder unter die Herrschaft der Deutschen stellen oder das Land bombardiert und mit Krieg überzogen werden solle. Um ein möglicherweise am Ende sinnloses Blutbad zu vermeiden, akzeptierte die Regierung das schreckliche Los, das ihr und dem Land auferlegt wurde. Deutsche Truppen marschierten ein und die Menschen waren den Nazis ausgeliefert.

Und am 27. September 1941 wurde hier der (nur noch nominell unter den Deutschen) regierende Ministerpräsident Alois Eliáš verhaftet, der seine Position mutig genutzt hatte, um heimlich Kontakte zur Exilregierung und zum organisierten Widerstand aufzubauen, um das Naziregime von innen zu bekämpfen. Er wurde im Juni des folgenden Jahres auf dem berüchtigten Schießplatz Kobylisy (früherer Beitrag hier) in Prag hingerichtet. Eine Gedenkplakette neben dem Eingang zum Gebäude erinnert an ihn und seinen Heldenmut.

In den Zeiten des Kommunismus residierte hier u.a. das Kulturministerium. Die Zeiten des Grauens sind nun vorbei. Seit 1996 hat der Senat der Tschechischen Republik, der das Gebäude von 2003 bis 2006 noch einmal renovierte, hier einen seiner Sitze. Hier befinden sich Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros (das Plenum ist allerdings im Wallensteinpalast gegenüber). Hat man die Gelegenheit, das Gebäude mal von innen zu sehen, ist man erfreut, wie blitzblank und proper die Einrichtung heute im restaurierten Zustand aussieht. Besonders der Rosa Salon mit seinem Keramikofen beeindruckt. Desgleichen gilt für das Kowratsche Treppenhaus.

Der Senat sorgt als frei gewählte Kammer dafür, das von Regierung und Abgeordnetenhaus vorgeschlagene verfassungsändernde Gesetze oder Änderungen des Wahlrechts noch einmal gründlich erwogen werden – zum Wohl des Landes. Die demokratische Tradition des Landes wird hier noch (gegen allerlei populistische Anfechtungen) hochgehalten. Man sieht es schon an der Ausstattung. Im Bild links sieht man mich im Büro von Senator Pavel Fischer, über dessen Kamin das Portrait des Begründers der tschechoslowakischen Demokratie und ersten Präsidenten des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, hängt – als Inspiration und Ansporn. (DD)

Runde Festung

Umringt von monströsen Plattenbauten befindet sie sich mitten in einem kleinen, fast schon verloren wirkenden Parkidyll: die Festung Chodov (Chodovská tvrz). Sie ist eine kleine historische und architektonische Attraktion ersten Ranges, die man hier in der Ledvinova 86/9 im – ansonsten eher nicht so ansehnlichen – südlichen Stadteil Chodov (Prag 11) nicht erwarten würde. Man möchte fast von einer „runden Sache“ kalauern.

Die hübsche barocke Rundfestung, die man hier heute sieht, stand hier nicht immer. Im 14. Jahrhundert wurde an der Stelle zunächst eine kleine Wasserburg mit Graben erbaut, deren kleines Tor mit seinem charakteristischen gotischen Spitzbogen heute als Nebeneingang erkennbar ist.

Der alte Burggraben ist heute zugeschüttet und auch wasserlos. Nur bei dem alten Eingang hat man eine Vertiefung mit Holzbrücke angedeutet, um einen Eindruck vom Originalbau zu vermitteln.

Die Burg gehörte ursprünglich zu einem Kloster des
Ordens der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, das sich in der Nähe befand, wurde aber 1420 von den Hussiten erobert, die sie erst einmal der umliegenden Gemeinde übergaben. Von da ab gab es immer wieder neue Besitzer, die das Gebäude auch immer wieder umbauten – zuletzt im 17. Jahrhundert im Barockstil.

1676 wurden wieder Ordensbrüder die Besitzer, diesmal die Benediktiner. Sie gestalteten in den Jahren 1687-97 bei einer völligen Runderneuerung die runde Festung zu einem Schloss um, wozu die festen Mauern für Fenster durchbrochen wurden. Auch der neue große – sehr barocke! – Eingang war Teil dieser Umgestaltung. Obwohl man klar die ursprüngliche Festungsarchitektur erkennen kann, ist das Gebäude dadurch wesentlich wohnlicher und „zivilistischer“ geworden.

Dadurch eignete sich das Ganze zunehmend zum wohnlichen Adelssitz. Als die Benediktiner die Festung 1727 verkauften, ging sie an die Adelsfamilie Goltz, die das Anwesen 1801 an die Familie Korb von Weidenfels verkauften. Zu dieser Zeit fand man das Barockdesign nicht mehr so recht „trendy“. Folglich wurde die Fassadengestaltung etwas klassizistischer im Sinne des Biedemeier angelegt als zuvor und der dazu passende Arkadenhof im Inneren wurde hinzugefügt. Das geschah so behutsam, dass der Grundcharakter des Gebäudes erhalten blieb.

1923 ging das ganze Areal in den Besitz der Stadt über. In den Zeiten de Kommunismus setzteerwartungsgemäß der allmähliche Verfall ein. Chodov wurde unter ihnen 1968 zu Prag eingemeindet und Schloss und Gelände wurden einem staatlichen Bauernhof zugeschlagen. In den frühen 1980er Jahren befand es sich in einem so deplorablen Zustand, dass man den Abriss erwog – eine Schreckenstat, wenn man die Einigartigkeit der Baugeschichte erwägt!

Das tat man am Ende dann doch nicht. 1984-88 renovierte der Architekt Miroslav Burian das Schloss. Auch der Park wurde neu gestaltet. Seither ist die alte Festung für den Stadtteil das Kulturzentrum, wo Ausstellungsräume, ein Heimatmuseum und kleine Konzertsäle für ein umfangreiches und gutes Kulturprogramm sorgen, inklusive eines kleinen gepflegten Restaurants. Die Festung wird so zu einem Lichtblick in der ansonsten eher trüben Umgebung. (DD)