Windsor in Prag

Wer nach dem Brexit ein Stück fast echtes England sehen möchte, der gehe hier hin, um sich dieses kleine „Schloss Windsor“ in Prag anzuschauen, das sogenannte Lustschloss des Statthalters (Místodržitelský letohrádek). Britischer geht’s nimmer.

So sah es hier natürlich nicht immer aus, denn die Anfänge des Gebäudes gehen bis in Zeiten zurück als es die Windsor-Gotik noch nicht gab – und schon gar nicht als böhmische Imitation. Die Ursprünge des Schlosses gehen in das Jahr 1266 zurück, als König Otakar II. im Areal einen Wildpark anlegte, der unter dem Namen Stromovka heute ein öffentlicher Park ist. Dazu gehörte natürlich auch ein entsprechendes Schloss, das dementsprechend damals noch als Jagdschloss bezeichnet wurde. Und noch heute kann man die schöne Aussicht auf die Natur von hier oben bewundern.

Der böhmische König Vladislav II. aus dem polnischen Herrschergeschlecht der Jagiellonen baute in den Jahren 1495 bis 1502 das Schlösschen im neogotischen Stil um. Möglicherweise sah es da dem heutigen Gebäude schon ein wenig ähnlicher als heute. Es folgte eine neuerliche Umgestaltung in den Jahren 1580 bis 1594, diesmal im Stil der Renaissance. Die schwedische Belagerung im Dreissigjährigen Krieg überlebte das Schloss 1648, weil sich einer der schwedischen Generäle hier niederließ. Aber das Gebäude erlitt schwere Schäden als 1744 die Preußen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekriegs das Jagdschloss mit Artillerie beschossen. Danach stand es meist leer und verfiel allmählich.

Das änderte sich als der frühere königliche Finanzminister Johann Rudolph Chotek von Chotkow in seiner neuerlichen Eigenschaft als Staatsminister und Oberstburggraf in Böhmen, die er 1802 bis 1805 innehatte, sich der Sache annahm. Er wandelte 1804 den Wildpark in eine Parkanlage für die Bürger um und leitete 1805 den abermaligen grundlegenden Umbau des Schlosses ein. Da er als „Statthalter“ des Königs agierte, heißt das Schloss seit her so, wie es eben heute heißt: Lustschloss des Statthalters. Der Umbau erfolgte nach den Plänen der Architekten Antonio Palliardi und Georg Fischer nunmehr in jenem Windsor-Stil, der in dieser Zeit als der vollendete Ausdruck von Burgenromantik in Mode war.

Mit der Gründung der Ersten Republik im Jahre 1918 wurde es seiner bisherigen königlichen Bestimmungen entledigt. Eine zeitlang diente es der YWCA (Christian Youth Women Association) unter der Schirmherrschaft der Präsidentengattin Alice Garrigue Masaryková als Sommerrefugium. Das endete mit der Nazi-Besetzung 1939. Das Gebäude wurde von der Gestapo requiriert. Nach der Befreiung 1945 übernahm der Staat es und übergab es ein Jahr später der Zeitschrift- und Zeitungsabteilung des Nationalmuseums als Archiv. Und dieser Funktion dient es heute immer noch. Bei jedem Spaziergang durch den Stromovka-Park gehört das Lustschlösschen jedenfalls zu den Highlights. (DD)

Maria Theresia als elegante Schachfigur

Die Habsburger waren eigentlich nie unumstritten und wurden in Böhmen oft als Fremdherrscherdynastie angesehen. Als sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gründete, wurden viele Denkmäler der Habsburger demontiert. Plante man aus denkmalpflegerischen Gründen in den letzten Jahren eine Wiederaufstellung, gab es jedes Mal heftige politische Diskussionen (wir berichteten u.a. hier). Um so erstaunlicher ist es, dass es seit Oktober in Prag sogar ein neu angefertigtes Denkmal für Kaiserin Maria Theresia – ganz klar eine Habsburgerin! – gibt.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Maria Theresia, die übrigens nebenbei auch die einzige Frau war, die je auf dem böhmischen Thron saß, in jedem Fall besser erschien als die Alternativen, die sich den Tschechen in ihrer Regierungszeit boten. Die Franzosen mit ihrem damals recht ruppigen Absolutismus wären wohl kaum besser gewesen als die Österreicher. Die Franzosen waren nämlich 1742 dabei, Prag zu besetzen. Das geschah im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der deshalb entbrannte, weil trotz der Bemühungen ihres Vater Karls VI., durch ein Sondergesetz (Pragmatische Sanktion) ihre erzherzögliche Thronfolge (was oft ein „Sprungbrett“ zum Kaisertum war) im Reich abzusichern, der Widerstand so groß war, dass er gewalttätig eskalierte. Frauen war der Zugang zu diesem Job nämlich eigentzlich verweigert.

Die Gegner im Reich hatten sich mit den Franzosen verbündet, weil die sich immer als europäische Rivalen der Habsburger in Europa sahen. Aber in Frankreich herrschte ein wirtschaftlich verantwortungsloser Absolutismus der unaufgeklärten Sorte. Österreich unter Maria Theresia, die als die aufgeklärte Monarchin schlechthin galt, war da auch für die Böhmen attraktiver. Unter ihr gab es eine effizientere Verwaltung, mehr Volksbildung und wenigstens einige kleine Einschränkungen der Leibeigenschaft (die dann ihr Sohn Joseph II. 1781 ganz abschaffte). Bei dem Krieg kam Maria Theresia mit einem blauen Auge davon. Sie verlor ein paar Territorien und formell wurde ihr Ehemann,  Franz Stephan von Lothringen, Kaiser, aber sie konnte de facto regieren.

Oder hätten die Prager lieber von einem Hohenzollern regiert werden sollen? 1757 hatte im Verlauf des Siebenjährigen Krieges der preußische König Friedrich II. Prag mit seiner Armee belagert und hätte die Stadt samt Böhmen Maria Theresia um ein Haar entrissen, wenn nicht die Niederlage gegen die Österreicher bei der Schlacht von Kolín einen Abzug der Truppen notwendig gemacht hätte. Aber ein preußisches Prag? Undenkbar! Dann ginge es ja heute hier zu wie in Berlin. Das wollte man vorausschauenderweise schon damals nicht. Deshalb lernte man vielleicht am Ende, Maria Theresia um so mehr zu lieben.

Und so hat vor einiger Zeit der Rat des Stadtteil Prag 6 beschlossen, den bekannten Bildhauer Jan Kovářík mit der Anfertigung einer Maria-Theresia-Statue zu beauftragen. Eine kleine, nunmehr Maria Theresia Park (Park Marie Terezie) genannte Grünlage wurde als Standort ausgewählt. Die Anlage entstand erst 2017 und befindet sich über einer neu eingerichteten Tiefgarage und einer Tunneleinfahrt. Richtig schön war der Park bisher nicht, vor allem, da an vielen Stellen Lüftungsschächte herausragen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die große Statue den Park deutlich verschönert und attraktiver gemacht hat.

Warum ausgerechnet hier? Nun, der Park liegt an der Außenmauer der nach ihr benannten Marianischen Stadtbefestung (Mariánské hradby) des Burgbezirks – ein noch weitgehend erhaltenes Stück der großen Bastionen, die den Statdteil bis ins 19. Jahrhundert umgaben. Obwohl der Ort dadurch zum Denkmal historisch passte, gab es einige kleine Proteste. Denn „Habsburg“ ist immer noch ein Reizwort für manche Tschechen, selbst wenn es um die gute Maria Theresia geht. Kritiker erinnerten, dass auf dem Gelände dort einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Václav Morávek, 1942 bei einem Gefecht mit Gestapo-Schergen getötet worden war. Es gab Petitionen, statt die Kaiserin lieber ihn hier mit einer Statue zu ehren.

Der Rat schloss sich diesen Petitionen nicht an, zumal auf der anderen Straßenseite schon 2014 ein großes Denkmal zu seinen Ehren errichtet worden war. Und man sah auch vielleicht keinen Grund, die in Sachen Naziverbrechen ja definitiv historisch unbelastete Maria Theresia nun wieder abzuwerten. Sie eignete sich nicht, um gegen den mutigen Widerstand von Tschechen gegen die Nazis ausgespielt zu werden. Und deshalb wurde am 20. Oktober 2020 – dem 280 Jahrestag ihres Regierungsantritts – die Statue von den Stadtväter und -müttern feierlich eingeweiht. Die Statue selbst ist 5,50 Meter hoch und besteht außen aus einem optisch Beton ähnelnden Kunststein-Material. Der (nicht sichtbare) Kern ist aus Polystyrol angefertigt. Eine eingeprägte Inschrift nennt den Namen, die Lebensdaten und die Herrschafttitel (Erzherzogin Österreichs, Königin Ungarns und Böhmens – und korrekterweise nicht der inoffizielle Kaisertitel des Reiches).

Kovářík hat bei der Statue kein historisch korrektes Abbild der Kaiserin liefern wollen. Es handelt sich um eine abstrakte Darstellung der Form einer Frau im typischen höfischen Kostüm aus der Mitte des 18. Jahrhundert. Spötter verglichen sie in der Presse sogleich mit einer Schachfigur (šachová figurka). Aber objektiv kann man der Statue eine angemessene Eleganz schwerlich abstreiten. Und vereinzelt haben Historiker wohl schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Schachmetapher gar nicht so schlecht zu der absolutistischen Idee von geostrategischer Machtpolitik in den Zeiten Maria Theresia, bei der Länder wie auf einem Schachbrett zwischen den Dynastien verschoben wurden, passt. (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Der Hirschgraben – bald öffentlich

Die Prager Burg (Pražský hrad) wurde, wie man es von einer alten Wehranlage erwarten kann, an einer durch die natürlichen Gegebenheiten geschützten Stelle erbaut. Und so wurde sie dereinst von einer tiefen und steilen Schlucht an ihrer Nordseite vor feindlichen Kriegern verteidigt. Heute nennt man diese Schlucht Hirschgraben (Jelení příkop) und die Burg braucht hier gegen niemanden verteidigt zu werden. Sie ist nunmehr ein schöner Park.

In der Regierungszeit von Rudolf II., zu Beginn des 17. Jahrhunderts, war weit und breit keine Bedrohung der Burg in Sicht und so beschloss der König, aus dem Graben eine Art Park, Wildgehege und Jagdrevier zu machen. Damit verband er auch ein wenig die schon von Ferdinand I. auf der gegenüber liegenden Seite der Schlucht gelegenen Königsgärten organisch mit dem eigentlichen Burgareal.

Links und rechts des die Schlucht durchfließenden Bachs Brusnice ließ Rudolf Bäume anpflanzen. Nun hatte der König von der Burg oben eine schöne Aussicht auch eine schöne Landschafts-gartenanlage und von unten konnte er Burg und Veitsdom bestaunen wie bei einem Waldspaziergang (siehe großes Bild oben).

Unter Kaiserin Maria Theresia wurde im 18. Jahrhundert die hölzerne Brücke, die über den Garben zum Burgeingang führte, durch einen Stein- und Erdwall ersetzt, der die Schlucht in zwei Hälften teilte, weshalb der Bach unterirdisch verlegt wurde. Der Tunnel für den Bach, der inzwischen modernisiert wurde, dient auch als Fußgängertunnel, der die beiden Parkhälften verbindet. Maria Theresia hatte allerdings mit Schwierigkeiten zu kämpfen, was die Anerkennung ihrer Herrschaft (Frauen kriegten den Job normalerweise nicht) anging, worüber der Östereichische Erbfolgekrieg ausbrach. Die feindlichen Franzosen eroberten 1741 kurzfristig Prag und verwüsteten dabei auch den Hirschgraben. Mit besonderer Genugtuung schlachteten sie vor allem die Wildtiere ab.

Danach ging es aber wieder friedlicher zu. Der Hirschgraben blieb Teil der königlichen Parks an der Burg und beherbergte bald wieder Wildtiere. 1918 verschwand das Königtum und die Republik kam. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, veränderte das Aussehen des Hirschgrabens tiefgehend. Der Geist der neuen Demokratie gebot es, dass der neue Burgherr Teile des Anwesens etwas mehr der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Durch seinen Hausarchitekten Josip Plečnik ließ er auf dem gegenüberliegendem Abhang ein rundes Aussichtspavillon (kleines Bild oberhalb rechts) erbauen.

Masaryks Amtszeit hinterließ auch sonst Spuren im Hirschgraben Aus dem Krieg in Russland nach 1920 zurückkehrende Legionäre schenkten ihm einige Bären. Für die wurde ein Gehege eingerichtet, wo ein Veteran sie hütete. Erst in den Zeiten des Kommunismus in den frühen 1950er Jahren wurde die Bärenhaltung, die inzwischen nicht mehr ganz den modernen Vorstellungen von Tierschutz entsprach, eingestellt. Das ein wenig an Bauten der Gotik erinnernde (nunmehr leere) Gehege ist aber noch immer zu besichtigen.

Und im Jahre 1925 stellten direkt gegenüber Schüler der Kunstschule Hořice eine von ihnen unter der Leitung des bekannten (und sehr republikanisch gesonnenen) Bildhauers Franta Úprka angefertigte Skultur unter dem Titel Nachtwächter (ponocný) auf, um damit Masaryks 75. Geburtstag zu würdigen. Der Präsident freute sich über das Geschenk seiner Bewunderer. Die Republik endete leider mit der Nazi-Besetzung 1939. Kurz bevor die deutschen Truppen abzogen, verübten sie am 8. Mai 1945 noch einmal ein Massaker hier im Hirschgraben, bei dem 21 Zivilisten (darunter Teilnehmer des Prager Aufstands) brutal ermordet und verstümmelt wurden.

Mit dem Abzug der Nazitruppen endete das Zeitalter des Totalitarismus nicht. Schon 1948 kamen die Kommunisten an die Macht. Der Garten blieb für das Publikum geschlossen. Aber auch in dieser wurden immer wieder interessante Skulpturen im Gelände aufgestellt. So etwa die Statue des Rübezahl (Tschech.: Krakonoš), die von der Bildhauerin Františka Stupecká im Jahre 1957 gestaltet wurde.

Nach der Samtenen Revolution von 1989, die den Kommunismus beendete, wollte der neue Präsident Václav Havel das Areal gänzlich für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Zumindest den unteren Teil der Anlage sperrte allerdings einer seiner Nachfolger, Miloš Zeman, aus Sicherheitsgründen (wegen einer angeblich erhöhten Terroismusgefahr) ab. Inzwischen lässt er aber größere Renovierungen durchführen, die den Hirschgraben in besserem Zustand als bisher für alle Menschen betretbar machen.

Bis dahin wird der Hirschgraben immerhin ein- bis zweimal im Jahr zu besonderen Feiertagen (die Photos stammen vom Tag des Kampfes für Freiheit und für die Demokratie am 17. November 2019) für die Öffentlichkeit geöffnet. Da der eigentliche untere Eingang in Sachen Verkehrssicherheit noch nicht hinreichend ausgestattet ist, kann man diese Besichtigung nur auf einer sehr abenteuerlichen Kletterpartie auf notdürftig hergerichteten Holztreppen und Leitern beginnen. Aber das ist die Sache wert! (DD)

Vor 70 Jahren: Milada Horákovás Hinrichtung

Heute vor genau 70 Jahren, am 27. Juni 1950, wurde im Gefängnis von Pancrác Milada Horáková nach einen perfiden stalinistischen Schauprozess hingerichtet. Die mutige Kämpferin für Freiheit und Frauenrechte war in der Zeit der Ersten Republik einer der Stützen der Demokratie im Lande gewesen. Von den Nazis wurde sie als Widerständlerin ins Konzentrationslager gesteckt. Nach ihrer Befreiung bekämpfte sie die Kommunisten, die mit ihrer Machtübernahme 1948 die die Demokratie abermals zerstören wollten. Die rächten sich an ihr, indem sie sie mit gefälschten Indizien für „Landesverrat“ an den Galgen brachten. Trotz Folter ließ sie sich beim Prozess – im Gegensatz zu vielen Mitangeklagten – nicht zu einer Selbstbezichtigung mit Huldigung der Kommunistenherrschaft bewegen, sondern beharrte auf ihren demokratischen Grundsätzen.

Milada Horáková ist für die Tschechen das Symbol für die Opfer des Kommunismus und den Heldenmut des Widerstands geworden. Nach kaum einer historischen Persönlichkeit sind so viele Straßen und Plätze benannt worden, für keine anti-kommunistische Widerstandskämpferin gibt es in Prag so viele Denkmäler (siehe u.a. frühere Beiträge hier und hier). Eines davon steht auf dem Heldenplatz (náměstí Hrdinů) im Stadtteil Pancrác – unweit des Gefängnisses, in dem sie ermordet wurde.

Das Denkmal wurde im Oktober 2009 enthüllt. Für die Aufstellung hatten viele Organisationen ehemaliger politischer Gefangener, Geschichts- und Gedenkvereine, darunter der Milada Horáková-Klub (Klub dr. Milady Horákové), gesammelt. Es wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und am Ende wurde das Denkmal für Milada Horáková und die Opfer des Kommunismus (so der ganze Titel des Werks) von den Bildhauern Ctibor Havelka, Milan Knobloch und Jan Bartoš und der Sockel vom Architekten Jiří Kantůrek realisiert.

Wie der Titel des Denkmals schon besagt, wird hier zwar Milada Horáková hervorgehoben, aber auch zugleich aller von den Kommunisten in der Tschechoslowakei hingerichteten politischen Gefangenen gedacht. Auf einer Tafel unterhalb des Sockels sind 234 Namen von Ermordeten verzeichnet. Schon bei der Einweihung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese Liste wohl noch verlängern werde und die Entdeckung vergessener Opfer auch in Zukunft auf dem Denkmal Berücksichtigung finden werde.

Das ist ein Hinweis, dass die historische Erfassung der Opfer nicht immer so eindeutig erfolgen kann wie im Falle Horákovás selbst. Es gibt viele Grenzfälle. Sollen frühere Mittäter, die sich aber später gegen die Kommunisten wandten und ihr Opfer wurden, ebenbürtig neben Horáková geehrt werden? Das ist nur eine von vielen schwierigen Fragen.

Eine zusätzliche politische Wirrnis ergab sich kurz vor der Einweihung. Ausgerechnet die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a MoravyKSČM) wollte mit einer Geldspende für das Denkmal den Anschein erwecken, für die Schandtaten der Kommunisten von damals Abbitte leisten zu wollen. Da sich die tschechischen Kommunisten auch nach 1989 nie wirklich demokratisch reformiert hatten und bis heute noch über einen veritablen stalinistischen Flügel verfügen, erhob sich dagegen erheblicher Protest von Verfolgtenverbänden.

Aufgstellt wurde das Denkmal trotzdem. In der von soziaistischer Plattenarchitektur aus den 1970er Jahren geprägten Umgebung wirkt der Platz wie eine idyllische Friedensoase, in deren Mittelpunkt nun im Schatten großer Bäume auf einem leichten Hügel stehend das Denkmal steht. Auf einem schräg nach vorne ragenden kantigen Granitsockel befindet sich die bronzene Büste von Milada Horáková, die so den Platz überschauen kann. (DD)


Eine Oase der Ruhe – Garden Café Taussig

Das Café Taussig hilft – und zwar nicht nur Menschen mit einem Handicap, um Arbeit zu finden oder sich wieder ins Arbeitsleben einzufinden. Es hilft auch „gestressten“ Touristen, die die Vlasska an den dortigen Botschaften vorbei hinaufsteigen und angelockt von den Hinweisschildern Erfrischungen an einem bezaubernden Ort der Ruhe finden.

Das Cafe, das hoffentlich in Bälde nach der Corona-bedingten Schließung wieder öffnen wird, ist einem Haus und Wohnheim der Sozialen Dienste Prag 1 als Wintergarten angegliedert. Die Getränke und Speisen kann man bei Sonnenschein in den kleinen, bezaubernden Garten mitnehmen und seine Seele beim Blick auf die Burg in Ruhe baumeln lassen (großes Bild oben).

Das Angebot an Getränken, kleinen Speisen und Kuchen ist übersichtlich, aber qualitativ hochwertig. Alles wird liebevoll von Hand zubereitet, braucht aber seine Zeit, kostet aber den Gast auch wenig Geld. Hier handelt es sich um ein soziales Projekt, das, so informiert eine Infotafel, von den Ehepartnern der Diplomaten der umliegenden Botschaften (z.B. Deutschland, USA und Irland) gefördert wird. (LSD)

Von der Seidenfabrik zum Schlösschen

Im Volksmund nennt man das Gebäude nur Vršovický zámeček, das „Schlösschen“ von Vršovice. Abgesehen davon, dass die bloßen Ausmaße die Verkleinerungsform nicht rechtfertigen, weil es die Proportionen eines ausgewachsenen Schlosses hat, stimmt es sowieso nicht. Dieses Gebäude diente nie als Herrensitz, sondern ist vielmehr der Beweis, dass im 19. Jahrhundert funktionale Produktionsstätten oft schmucker daherkamen als heute wichtige Repräsentationsbauten.

Das offiziell Rangherka genannte Gebäude, das majestätisch über dem Hauptplatz des Stadtteils (heute in Prag 10), dem Vršovické náměstí, thront, war ursprünglich nämlich eine bloße Seidenfabrik. Ende des 18. Jahrhunderts fand der aus der Lombardei eingewanderte Händler Giuseppe Rangheri, dass das Gelände außerhalb der damaligen Prager Stadtmauern, wo Wein- und Obstanbau betrieben wurde, sich dafür eigente, aus seinem bisherigen Hobby einen Beruf zu machen: die Seidenspinnerei. Er pflanzte zahlreiche Maulbeerbäume an und begann die Produktion.

Nach seinem Tod im Jahre 1832 übernahm sein Sohn Enrico das Geschäft und baute es nach neuen industriellen Maßstäben aus. Dazu erwarb er u.a. oberhalb der örtlichen Kirche des Heiligen Nikolaus (früherer Beitrag hier) und neben der Maulbeerbaum-Plantage seines Vaters ein Grundstück und baute dort 1842 ein großes zweistöckiges Fabrikgebäude auf, das der Seidenweberei und der Zucht von Maulbeerspinnern dienen sollte. Es ist leicht zu erraten, dass sich bei der Bezeichnung „Rangherka“ für das Gebäude um eine tschechisierte Benennung nach dem Erbauer handelt.

Enrico Rangheri starb jedoch 1857 und die Besitzer des Betriebs wechselten häufig. Es ging bergab und 1882 war dann Schluss. Die damals noch nicht zu Prag gehörende Gemeinde Vršovice (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) kaufte Fabrik und Plantage. Der um Kultur und Stadtbild eifrig bemühte Bürgermeister Josef Herold ließ nach seiner Wahl im Jahre 1884 erst einmal die Maulbeerbaum-Plantage fällen und legte einen Park zur Erholung der Bürger dort an, der bis heute seinen Namen trägt, den Herold-Parks (Heroldovy sady). Der Park ist immer noch die „grüne Lunge“ von Vršovice.

1899/1900 kam dann das Fabrikgebäude an die Reihe. Etliche grundlegende Veränderungen gab es, zum Beispiel wurden die Türme an der Westseite abgerissen, die Fassade im Stil der Neorenaissance etwas vereinheitlicht und über dem Mittelrisalit ein sechseckiger Turm mit einem Altan errichtet. Dadurch sah die ehemalige Fabrik endgültig wie ein Schloss. Dieses diente nun öffentlichen Zwecken. Lange gab es drinnen eine Schule und auch zahlreiche Büros der Stadtverwaltung fanden hier ihren Platz. Ab 1974 wurde es Sitz des örtlichen Nationalkomitees, wie unter den Kommunisten die im Sowjetstil organisierte städtische „Selbstverwaltung“ hieß.

Nach dem Ende des Kommunismus suchte man nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Das Gebäude stand lange leer und verkam ein wenig. Aus dem Plan des Jahres 2002, dort ein Hotel einzurichten, wurde nichts. Die Stadt blieb darauf sitzen und beschloss, es dann selbst sinnvoll zu nutzen. 2010 bis 2013 erfolgte eine gründliche Sanierung mit Umbau. Seit 2014 dient es hauptsächlich als Altenpflegeheim. Daneben gibt es noch kleinere Büros für kleinere Verwaltungseinheiten und einen hübschen Hochzeitssaal. Das Altenheim trägt übrigens auch offiziell den Namen Vršovický zámeček… (DD)

Auf den Spuren der Brüder Čapek III: Wo Dášeňka Gassi ging

Das Areal, auf dem sich heute der Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) befindet, lag lange etwas außerhalb Prags. Ende des 19. Jahrhunderts erschloss man das, was heute der Stadtteil Vinohrady ist, aber bis 1922 noch eine eigenständige Stadt gleichen Namens war. 1893 parzellierte man diesen Abschnitt und zwar so, das man hier 1903 eine große Fläche, die seit dem 18. Jahrhundert als Obstgarten diente, als Park kultivieren konnte.

Das Gelände, das in Prag 2 zwischen den Straßen Korunní, Kladská und Slovenská an einem Hang gelegen ist, wurde 1928 zunächst nach dem mährischen Dichter Petr Bezruč benannt. Aber Hand aufs Herz: Die großen Literaten Vinohradys sind doch eindeutig die Brüder Čapek! Karel, der große Romanschriftsteller, und Josef Čapek, der kubistische Maler und Theaterautor sind in diesem Blog schon mehrfach vorgestellt worden – etwa hier und hier. Sie gehören beidezu den bedeutendsten Kulturschaffenden der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen.

1956 wurde der Park von der Stadtregierung Vinohradys nach den beiden Brüdern benannt; nur ein kleiner Teil, der zu Prag 10 gehört, heißt weiterhin Bezručovy sady. 2006 und 2007 wurde der Park grundsätzlich umgestaltet. Neue Wege, Brunnen und Rosenbeete wurden angelegt und neue Bäume angepflanzt. Dass hier ursprünglich Obstgärten waren, erkennt man seither nicht mehr.

Wenn man in Vinohrady ist, sollte man sich einen kleinen Spaziergang im Park, der nicht nur hübsch und erholsam ist, sondern von viel interessanter Architektur umgeben ist. Dazu gehört im Süden die alte, 1903 im Neorenaissancestil erbaute Grundschule (heute auch die Pädagogische Fakultät beinhaltend, kleines Bild oben links), im Norden der berühmte Wasserturm  von Vinohrady aus dem Jahre 1882 (früherer Beitrag hier), das hübsche Neobarockgebäude der lettischen Botschaft (zu sehen auf dem großen Bild oben) und vor allem das  Hus Haus, jene avantgardistisch moderne Kirche, über die wir bereits hier berichteten. Im Park lädt eine Gaststätte mit großem Biergarten, die Kafárna Na Kus řeči, zum Einkehren ein.

Und einen Bezug zu den Brüdern Čapek kann man auch herstellen. Die beiden waren Hundenarren – wie alle Tschechen (siehe Beitrag hier). Besonders Karel Čapek ist ja bis heute vor allem berühmt für sein Buch über Dášeňka aus dem Jahre 1933, in dem er die Welpenjahre seines jungen Foxterriers beschrieb. Mit seiner Dášeňka dürfte er etliche Male in diesem Park Gassi gegangen sein, wohnte er doch hier in der Nähe.

Im April 2016 haben die Prager das gefeiert und auf dem Parkgelände mit Unterstützung des Tschechischen Verbandes der Foxterrier-Züchter einen Dášeňka-Tag gefeiert, an dem sich Besitzer von Foxterriern des Dášeňka-Typs mit ihren Vierbeinern in Massen hier trafen. War wohl eine lustige Sache… (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren der Brüder Čapek I: Das Denkmal in Vinohrady und Auf den Spuren der Brüder Čapek II: Die Villa

Štulcs Spuren auf dem Vyšehrad

Der Nationalfriedhof auf dem Vyšehrad, über den wir in unserem letzten Beitrag berichteten, gehört zu den großen Sehenswürdigkeiten Prag. Seine Entstehung im Jahre 1869 verdankt er vor allem einem Mann, dem Domprobst Václav Štulc. Dessen Spuren kann man auf dem Gelände des alten Burgbergs des Vyšehrad, wo der Legende nach die Stadt Prag ihren Anfang nahm, auch außerhalb des Friedhofs kaum übersehen.

Das fängt schon einmal mit dem großen Denkmal an, das hier im Jahre 1910 auf Wunsch eines seiner Nachfolger als Probst vor der Probstei errichtet wurde. Das Werk des Bildhauers Štěpán Zálešák zeigt den streitbaren und tatkräftigen geistlichen als Halbfigur auf einem großen geformten Sandsteinsockel mit prismischen Pylonen, versehen mit einer Inschrift, die Štulc als den großen Erwecker des „verblaßten Vyšehrad“ feiert.

Von seinem Sockel aus, kann er gleich ein anderes seiner Werke überblicken. Den der kleine Park an der Nordseite des Areal, in dem er steht (und von wo aus man eine herrliche Aussicht auf Prag genießen kann), wurde von ihm angelegt. Wie alles, was Štulc anpackte, ging es auch bei der Anlage dieses Parks um die Stärkung tschechischen National- und Geschichtsbewusstseins. Heute heißt der Park Štulc-Park (Štulcovy sady), aber Štulc selbst hatte ihn als Garten des Heiligen Wenzel eingerichtet. In der Mitte stellte er die originale Barockstatue des Nationalheiligen auf, die gerade 1879 vom Wenzelplatz entfernt worden war und 1912 von der großen Reiterstatue ersetzt wurde, die heute dort steht (siehe früheren Beitrag hier).

Heilige mit böhmisch-patriotischem Hintergrund wie Wenzel spielten auch in Štulcs literarischen Schaffen eine Rolle – etwa bei seinen Biograpien der Heiligen Kyrill und Method (Žiwot swatých Cyrilla a Methodia, apostolů slowanských, 1857). Daneben gab es Bücher mit programmatischen Titeln wie Vlasť a cirkev, čili, Může-li vlastencem býti katolík (Vaterland und Kirche; oder: Der Patriot kann katholisch sein, 1870). Mit dem Habsburgerregime geriet er ob seiner in Wort und Schrift hervorgebrachten Plädoyers für mehr nationale Selbstbestimmung der Böhmen im Reich regelmäßig in Konflikt. Im April und Mai 1863 saß er wegen aufrührerischer Reden sogar im Gefängnis.

Und noch etwas hinterließ er der Nachwelt auf dem Vyšehrad: Das schöne Neue Probsteihaus (Nové proboštství) in der Štulcova 89/4 direkt neben Park und Denkmal.

Das dreigeschossige Gebäude ist ein Meisterwerk der Neogotik und wurde in den Jahren 1872-74 auf Štulcs betreiben von dem auf Historismus spezialisierten Architekten Josef Niklas erbaut. Das sehr zierliche Gebäude fällt durch seinen Erker über dem Eingang auf und die hübschen bunten Glasfenster, die dazu gehören.

Angeblich, so meinte Štulc, habe an der Stelle des Hauses dereinst die in alten Chroniken erwähnte frühmittelalterliche Kirche des Heiligen Clemens befunden, von der sich aber keinerlei Spuren mehr finden. Deshalb wurde die Kapelle, die sich in der Probstei befindet, ebenfalls dem Heiligen Clemens geweiht. Die Fassaden lehnen sich mit ihrem feinen Maßwerk an den englischen Stil der Tudorgotik an.

Das raffinierte und fast unversehrt erhaltene neugotische Palastgebäude mit reichhaltigen Innendetails entspricht seiner Lösung in seiner Umgebung und war bis 1948 Sitz der Vyšehrad-Priester. Ab dann diente es den Bedürfnissen der Stadtverwaltung von Prag 2 und als Festsaal. In den Jahren 1993-94 wurde es überholt, kürzlich wurde eine neue Dachbedeckung auf das gesamte Gebäude gelegt. (DD)

Fortschrittlicher Freidenker

Seit dem 8. April 1964 steht sein Denkmal hier. Das war nämlich sein 50. Todestag und der Stadtteil Smíchov wollte damit seinen großen Sohn ehren, den Schriftsteller und Publizisten Jakub Arbes, der hier einen Großteil seines Lebens verbrachte.

Der gehörte zu den vielseitigsten Schriftstellergenies seiner Zeit. Als Schüler des ungleich berühmteren Jan Neruda hatte er einen Hang zu Zeitkritik, gab eine Satirezeitschrift heraus und veröffentlichte eine Reihe von Romanen und Erzählungen, die oft politisch oder religionskritisch waren, und sich in den Genren von Schauerroman oder frühem Science Fiction bewegten. Berühmt wurde seine Geschichte Das Gehirn Newtons (Newtonův mozek) aus dem Jahre 1877. In ihr nahm er bereits viele Elemente von H.G. Wells‘ berühmten (und später verfilmten) Zeitreiseroman Die Zeitmaschine von 1895 vorweg.

Und dann war er noch der Erfinder einer besonderen, sehr tschechischen Literaturgattung, dem Romanetto. Die liegt im Umfang zwischen Roman (das Wort ist ja eine entsprechende Verkleinerung) und Erzählung. Seine Themen waren meist vermeintlich paranormale oder religiöse Phänomene, die sich am Ende rational auflösen sollten. Keine Frage: Der Mann war durch und durch ein fortschrittlicher Freidenker.

Sein Denkmal auf dem schönen, nach ihm benannten Arbesovo náměstí (Arbes Platz) schuf der Bildhauer Jan Černý. Der Platz hieß natürlich zu Arbes‘ Lebzeiten noch nicht so. Als er um 1860 als kleine Parkanlage angelegt wurde, hieß er Kirchplatz (Kostelni) und ab 1895 Jakubské. Das hatte beides etwas damit zu tun, dass hier zuvor eine kleine Gemeindekirche stand (ein im 18. Jahrhundert barockisiertes mittelalterliches Gebäude), die Kirche der Heiligen Philipp und Jakob (Kostel svatého Filipa a Jakuba). Die wurde im späten 19. Jahrhundert für die Gemeinde zu klein, da Smíchov damals zu den aufstrebendsten und am schnellsten wachsenden Industrievierteln der Stadt gehörte. 1891 riss man sie ab und ersetzte sie durch die in der Nähe gelegene neue Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel sv. Václava), über die wir bereits hier berichteten, und die wesentlich größer war. Dass sein Denkmal nun eine Kirche ersetzte, hätte den antiklerikalen Arbes vielleicht mit Schadenfreude erfüllt. (DD)