Kein 50-Pfennig-Stück, aber viel Funktionalismus

Die Dame, die da im Felde die Ähren absichelt, erinnert ein wenig an die 50-Pfennig-Münze aus der Zeit der guten alten D-Mark. Damit hat sie aber nichts zu tun. Wir sind hier nämlich im Prager Stadtteil Karlín in der Sokolovská 371/1 und nicht bei der Münze der Deutschen Bundesbank in Weiden.

Das Relief befindet sich neben dem Eingang eines Gebäudes, das ästhetisch in grobem Kontrast zu der biederen Konventionalität der Darstellung steht. Bei dem Gebäude handelt es um den palác Atlas (Atlas Palast), der in den Jahren 1939 bis 1942 von den Architekten František Stalmach und Jan Hanuš Svoboda. Die Ausführung fiel in die Zeit der Nazibesetzung und lange hätten die beiden nicht mehr Gebäude in einem derartig avantgardistisch funktionalistischen Stil bauen können. Als sich nach der Vertreibung der Nazis die Lage nicht verbesserte, weil die Kommunisten 1948 die nächste Runde Totalitarismus (mit der damit verbundenen Kulturöde) eröffneten, verließen übrigens beide Architekten das Land. Svoboda ging 1948 in die USA, wo er 1978 starb, Stalmach nach Kanada, wo 1985 sein Leben endete.

Das Relief der Landarbeiterin, zu dem sich auf der anderen Seite der Tür ein behelmter Industriearbeiter hinzugesellt, könnte auf dem ersten Blick unpassend wirken und eher in die Zeiten des Kommunismus gehören. Aber das künstlerische Lob des Wertes der Arbeit war auch während der Ersten Republik (1918-38) en vogue – allerdings im Kontext demokratisch-republikanischer Werte und bezeichnenderweise oft im Verbund mit funktionalistischer Architektur, die unter Hitler und dem Stalinismus verpönt war. Ein Beispiel stellten wir hier vor.

Diese beiden Reliefs mit Arbeiter ind Landarbeiterin waren das Werk von Václav Markup, einem Schüler der beiden großen Meisterbildhauer Josef Mařatka und Bohumil Kafka, dem wir u.a. das große Reiterdenkmal auf dem Vítkovberg verdanken. Es ging hier auch nicht um Klassenkampf, sondern um die Tugend des Arbeitsfleißes. Denn das Gebäude wurde für die Česká spořitelna (Tschechische Sparkasse) als Filiale gebaut, was sie übrigens immer noch ist. Im Erdgeschoss befand und befindet sich noch immer ein großes Kino.

Die Sparkasse renovierte das oft „Dampfer“ genannte Gebäude in den 1990er Jahren grundlegend. Elegant geschwungene Glaselemente wurden dabei begradigt und viel Blechverkleidung angebracht. Das ganze habe „Eleganz der Fassade sicherlich nicht begünstigt“, meinte der Architekturkritiker Zdeněk Lukeš später. Der Eingang selbst (mit dem böhmischen Löwen darüber) wirkt noch einigermaßen authentisch und kontrastiert daher auch weniger scharf mit den Reliefs., als es nun der Rest des etwas unsensibel renovierten Gebäudes tut, das eigentlich zu den Meisterwerken des tschechischen Spätfunktionalismus gehört. (DD)

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