Brücke in Not

Ein wenig mulmig kann es einem schon werden, wenn man mit der Straßenbahn mit maximal nur 20 Stundenkilometern über sie hinwegfährt. Schneller darf es nicht gehen. Denn die Libeň-Brücke (Libeňský most), die Libeň, also jenen Stadtteil, nach dem sie benannt ist, mit Holešovice auf der anderen Seite der Moldau verbindet, ist seit Jahren in gefährlichem Ausmaß baufällig. Eine zeitlang durften sogar außer Straßenbahnen keine Fahrzeuge mehr die Brücke queren.

Und was die Sache noch schlimmer macht: Die Brücke ist eine architektur-historische Rarität. 1928, zur Feier des 10. Jahrestags der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik, wurde sie eröffnet. Die Pläne dazu verdankte man den Architekten Pavel Janák und dem Ingenieur František Mencl, die schon zusammen die nahegelegene Hlávka-Brücke (Hlávkův most) gebaut, über die wir bereits hier berichteten. Insbesondere Janák gilt als einer der Großmeister der kubistischen Architektur (siehe auch hier), ein Stil, der so etwas wie eine nationale Besonderheit Tschechiens ist. Die kubistischen Brücken in dieser Welt kann man an den Fingern abzählen – und die von Libeň ist eine von ihnen. Und zwar in ihrer Formstrenge eine besonders avantgardistische, die schon auf spätere funktionalistische Strömungen der Architektur hindeutet. Es gibt tatsächlich unter Kunsthistorikern einen Streit, ob die Brücke kubistisch oder funktionalistisch ist. Auf jeden Fall ist das aber ein Beleg für Janáks Originalität. Man beachte die kühne Kombination geometrischer Formen im großen Bild oben.

Die Brücke (die übrigens einen 1903 gebauten hölzernen Fußgängersteg ersetzte) ist die 15. Brücke in Prag, flussabwärts gesehen. Als solche ist sie 370 Meter breit. Rechnet man die von Libeň aus leicht aufsteigende Rampe hinzu, kommt man sogar auf 780 Meter Länge, womit sie die längste Brücke der Stadt überhaupt wäre. Sie ist ganze 21 Meter breit und besteht aus fünf Bögen. Die Breite war damals ungewöhnlich. 16 Meter galt als Normalmaß. Aber die Planer handelten vorausschauend und sorgten dafür, das sowohl Straßenbahnen und auch der damals anwachsende Autoverkehr hier genügend Platz zur Flussüberquerung fanden. Es handelt sich um eine Betonkonstruktion und der längste der Bögen gilt mit 48 Meter Spannweite sogar als der größte Brückenbogen aus Normalbeton in Europa. Alles das, so könnte man meinen, müsste dazu führen, dass diese Brücke als ein schützenswertes Baudenkmal ersten Ranges eingestuft werden müsste. So einfach war es dann aber nicht.

Die Brücke funktionierte – gerade weil sie von ihren Planern so vorausschauend groß angelegt war – über Jahrzehnte reibungslos und diente als eine der zenrtalen Verkehradern der Stadt. Das Dramatischste, was ihr wiederfuhr, war ihre Umbenennung in Stalingrad-Brücke (Stalingradský most) im Jahr 1952, um an den Sieg der Roten Armee bei der Schlacht um Stalingrad (1942/43) zu erinnern. Allerdings fiel der darin enthaltene Name „Stalin“ schnell in Ungnade, weshalb sie ab 1962 wieder Libeň-Brücke hieß. Wo wir gerade beim Namen sind: Ursprünglich hatte man daran gedacht, sie Masaryk-Brücke zu nennen – nach dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, aber man blieb dann doch zunächst bei Libeňský most. Nur in den Jahren 1939/40 und 1945 bis 1952 hieß sie offiziell Baxa-Brücke (Baxův most), benannt nach Karel Baxa, dem langjährigen Bürgermeister Prags von 1919 bis 1937.

Aber es lauerte ein langsam anwachsendes Problem. Die Maße waren zukunftsweisend, aber nicht unbedingt die Tragfähigkeit. Die Brücke musste immer mehr Gewicht tragen. Ein Vergleich: Eine Straßenbahn aus dem Jahre 1928 hatte ungefähr ein Gewicht von 10 Tonnen. Eine heutige Straßenbahn vom Typ Škoda 15T wiegt rund 42 Tonnen. Und der Autoverkehr (ebenfalls mit schwereren Fahrzeugen!) überstieg immer mehr das, was sich Janák und Mencl vorstellen könnten. 2003 fuhren im Schnitt 20.000 Autos pro Tag über die Brücke. Und immer noch schlug sich die Brücke, der nur wenig Pflege angediehen wurde, wacker. Selbst das Große Hochwasser von 2002 verursachte nur überraschend geringe Schäden. Aber irgendwann war Schluss. Im Jahre 2016 stellte eine Studie der Technischen Universität fest, die Brücke sei baufällig. Möglicherweise sei Abriss und Neubau eine gute Idee. Das hielt man in Libeň selbst für keine gute Idee. Es gab eine Bürgerinitiative, die Brücke unter Denkmalschutz zu stellen, um so die Option einer Reparatur statt eines Abrisses zu erzwingen. Damit war das Kulturministerium, am Zuge.

Das beschloss jedoch im Februar 2018 zu jedermanns Überraschung, dass die Brücke kein schützenswertes Denkmal sei. Anscheinend überdeckten Befürchtungen über die hohen Kosten der Renovierung eigentlich unabweisbare kulturhistorische Erwägungen. Der Rat der Stadt Prag beschloss umgehen den Abriss und Neubau, wozu schnell und beflissen der für Verkehrspolitik zuständigen stellvertretenden Bürgermeister Petr Dolínek (ein Sozialdemokrat) konkrete Pläne vorlegte. Nun ja: man hatte Angst: Der Einsturz einer Fußgängerbrücke im nahen Stadtteil Troja im Dezember 2017 lag da noch nicht lange zurück. Damals bekam man von Experten bescheinigt, dass eigentlich die meisten Brücken in Prag (ja, ganz Tschechien) ein wenig überholt werden sollten, dass aber die Libeň-Brücke mit am schlimmsten dran sei. Aber diese Brücke war für die Bürger Libeňs nicht irgendeine Brücke. Der Rat des Stadtteils protestierte. Eine gab eine große Bürgerinitiative und heftige Proteste (unter anderem eine Blockade). Die Prager Stadtregierung krebste zurück. Es standen Kommunalwahlen an und man beschloss, dass in der nächsten Ratsperiode ein (teueres) Konzept zur Reparatur vorgelegt werden müsse.

Da die Baufälligkeit als Faktum unbestreitbar war, wurde ab dem März nur noch der temopolimitierte Straßenbahn-Verkehr auf der Brücke zugelassen. Für andere Fahrzeuge blieb die Brücke zunächst gesperrt. Wer einmal herunter in Richtung Uferweg steigt, wird noch mehr finden, was den Eindruck der Baufälligkeit unterstreicht. Die meisten der kühn funktionalistisch konstruierten Treppenaufstiege sind wegen ihrer Gefährdungspotentiale zugesperrt. Der Uferweg ist unterbrochen, weil improvisierte Stützkonstruktionen einen Bogen versprerren. Immerhin erlaubte die nach einer Weile, dass auch wieder Autos die Brücke queen durften. Eine Lösung ist das langfristig natürlich nicht. Während ich photographierte, hörte man drinnen kleine Betonstücke herunterbröseln. Umher sieht es sowieso recht müllig und verkommen aus. Zwar wird die Uferpromenade des bisher eher nicht so wohlhabenden Stadtteils Libeň zur Zeit durch luxuriöse Bürokomplexe gründlich gentrifiziert, aber bis zu diesem Abschnitt ist das noch nicht gedrungen. Das wird sich irgendwann vielleicht verbessern. Eine richtige Reparatur der Brücke wäre da hilfreich, schon wegen der Autoanfahrten, die ein Büro- und Wirtschaftsgebiet benötigt. Immerhin: Wie gefordert legte der neue Prager Rat im September 2020 einen Plan vor, wie die Brücke (für sehr viel Geld) repariert und sogar hochwassersicher gemacht werden kann. 2022 will man mit dem Bauen anfangen. Hoffen wir das Beste! (DD)

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