Der letzte Brief

Am 26. Juni 1950 – heute vor 71 Jahren – saß Milada Horáková in der Todeszelle im Gefängnis von Prag-Pankrác . Am nächsten Morgen würde sie am Galgen hingerichtet werden. Die tapfere demokratische Parlamentarierin, die schon von den Nazis verfolgt worden war, hatte auch gegen die Kommunisten Widerstand geleistet und war dafür nach einem farcenhaften Schauprozess zu Tode verurteilt worden (wir berichteten u.a. hier).

In ihrer letzten Nacht in der Zelle vor der Hinrichtung schrieb sie noch einen langen Brief an ihre 16jährige Tochter Jana. Er ist heute im Nationaldenkmal auf dem Vítkov ausgestellt – als eines der erschütterndsten und Herz ergreifendsten menschlichen Zeugnisse, die an die Grauen des Kommunismus in den Zeiten des Stalinismus im Lande erinnern.

In dem Brief (vollständige englische Übersetzung hier) sucht sie nach Worten des Trostes für die Tochter: “Bedauere mich nicht! Ich hatte ein wunderbares Leben. Ich akzeptiere meine Verurteilung mit Resignation und unterwerfe mich voll Demut. Mein Bewußtsein ist klar und ich hoffe, glaube und bete darum, vor dem Hohen Gericht Gottes bestehen zu können.”

Und als Lebensrat: „Untersuche, denke, kritisiere, ja, kritisiere hauptsächlich dich selbst. Schäme dich nicht, eine Wahrheit zuzugeben, die du erkannt hast, auch wenn du vor einiger Zeit das Gegenteil verkündet hast. Sei nicht hartnäckig in deinen Ansichten, aber wenn du etwas für richtig hältst, dann sei so bestimmt, dass du dafür kämpfen und sterben kannst. … Du musst deine Wurzeln dort niederlegen, wo das Schicksal für dich bestimmt ist, um zu leben. Du mussst Deinen eigenen Weg finden. Suche unabhängig danach, lasse Dich sich von nichts abbringen… Gehe einfach nicht auf einen falschen, unehrlichen und nicht mit dem Leben harmonierenden Weg. Ich habe meine Meinung oft geändert, viele Werte neu geordnet, aber was als wesentlicher Wert übrig blieb, ohne den ich mir mein Leben nicht vorstellen kann, ist die Freiheit meines Gewissens.“

Die Kommunisten hatten versprochen, den Brief nach der Hinrichtung der Tochter zuzustellen. Wie von ihnen zu erwarten war, taten sie das nicht und so lag er Jahrzehnte in einem Aktenschrank. Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde er gefunden und der Tochter Jana Kansky Horakova übergeben, die ihn nunmehr dem Museum des Nationaldenkmals überließ. (DD)

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