Theater der Dissidenten

Es war nicht leicht für Theaterleute, als noch die Kommunisten regierten. Avantgardistische Inszenierungen und kritische Inhalte waren von den Behörden unerwünscht und „sozialistischer Realismus“ vorgeschrieben. Aber Theaterleute wären nicht Theaterleute, wenn sie nicht dennoch ab und an gegen den Stachel löckten.

Das tat man in besonders hohem Maße im Divadlo Na zábradlí (Theater am Treppengeländer) am alten Annen-Platz (Anenské náměstí 209/5) in der Altstadt, das so etwas wie das Prager Dissidententheater schlechthin wurde. 1958 gründeten die Regisseurin Helena Philippová, die Schauspieler Ivan Vyskočil und Jiří Suchý und der Komponist Vladimír Vodička das Theater, das am 9. Dezember dieses Jahres mit Suchýs (später verfilmtes) Musical Kdyby tisíc klarinetů (Wenn bloß 1000 Klarinetten wären) den Betrieb aufnahm. Den Namen des Theaters „zum Treppengeländer“ leitet sich übrigens von der gleichnamigen Gasse (Na zábradlí) ab, die vom Annen-Platz vorbei am Theater zur Moldau führt.

Lag es daran, dass es sich nicht um ein Großtheater handelte? Traute die Obrigkeit dem Divadlo Na zábradlí keine „Massenwirkung“ zu und drückte deshalb ab und an ein Auge zu? Tatsächlich bietet der kleine Theatersaal mit ebenso kleinem Balkon nur wenigen hunderten Zuschauern Platz. Es erinnert an eine klassische Kleinkunstbühne für Kabarett (das Bild zeigt übrigens die deutsch-tschechische Kabarettvorführung Fall Mauer Fall/Zeď nám spadla im Dezember 2019). Die Wirkung war trotzdem immer groß!

Im Jahr nach der Eröffnung stieß noch der Pantomine und Regisseur Ladislav Fialka dazu und bis zu dessen Tod 1991 gehörte daher sein Pantomimentheater fest zum Programm. Die 1960er Jahre waren eine große Blütezeit des Theaters. Unter dem Regisseur Jan Grossman, der 1961 die Leitung übernahm, entwickelte sich das Programm immer mehr hin in Richtung Absurdes Theater. Schon das entsprach nicht den Richtlinien der offiziellen Kulturpolitik, aber Grossman, der schon zuvor durch unangepasste Ansichten aufgefallen war, wagte sich auch immer mehr auf das politische Terrain vor. Er tat das, indem er unter anderem den Dramaturgen und Schriftsteller Václav Havel anheuerte, der später als der führende Kopf der Dissidentenszene und als erster demokratisch gewähleter Präsident nach 1989 in die Geschichte einging. Sein 1963 uraufgeführtes Stück Zahradni slavnost (Das Gartenfest) stellte die sinistere Bürokratie der Kommunisten satirisch bloß. Im Vorfeld des Prager Frühlings, der vorsichtigen Liberalisierung des Systems im Laufe der 1960er, konnte man sich derartiges mit einigem Geschick herausnehmen.

Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968, die den Prager Frühling niederschlugen, beendete dieses Phase in der Geschichte des Theaters. Grossman und Havel wurden entlassen. Trotzdem pflegte man weiterhin den kritischen Geist und nutzte dazu jeden verbliebenen Freiraum. In gewisser Weise profitierte das Theater sogar von der zunehmenden Repression, denn es fanden unzählige talentierte Filmregisseure und -schauspieler hier Zuflucht, die auf der „großen Leinwand“ Berufsverbot gekommen hatten. Dazu gehörte u.a. der berühmte Regisseur Evald Schorm, der 1970 seine Arbeitserlaubnis beim Film verlor, und der hier international beachtete moderne/experimentelle Inszenierungen bekannter Klassiker (z.B. Shakespeares Macbeth) schuf.

1989 beendete die Samtene Revolution das kommunistische System. Künsterlerische Freiheit ist seither eine Selbstverständlichkeit. Grossman kehrte zurück und leitete bis zu seinem Tode 1993 wieder das Theater als Direktor. Man pflegt hier immer noch modernes und absurdes Theater, von Zeit zu Zeit aufgelockert durch „radikale Interpretationen“ klassischer Stücke.

Das Theater befindet sich mitten in der Altstadt, weshalb auch das Gebäude selbst eine lange zurückverfolgbare Geschichte hat. Der klassizistische Bau, genannt dům U Zeleného kloboučku (Haus am Grünen Hut), wurde 1832 von dem Architekten J.K. Vítek auf der Stelle eines alten ehemaligen klösterlichen Wirtschaftsgebäudes erbaut. 1913 wurde erstmals ein Theatersaal eingebaut. Das Divadlo Na zábradlí zog also 1958 auf vorbereiteten Grund.

Seither wurde öfters umgebaut. Eine kleine Sensation, die nur dem auffällt, der darum weiß, findet sich im Zuschauersaal. Es ist die Václav Havel Loge. Nun ist das Theater für Logen eigentlich zu klein. Abaer Havel blieb dem Theater auch als Präsident zumindest als Zuschauer erhalten (was die Reputation des Theaters förderte). Deshalb baute man das kleine Kämmerchen an der Seitenwand, in dem er dereinst als Beleuchter arbeiten musste, für ihn zu einer Miniaturloge aus. In dem dunklen, schwarz gestrichenen Saal erkennt man sie kaum (s. den roten Pfeil). Eine andere Attraktion findet man außen an der Wand. Am 9. Dezember des Jahres 2008 feierte man nämlich das 50. Gründungsjubiläum. Aus diesem Anlass brachte man das schaurig-mysteriöse Nonsens-Kunstwerk Embryo (worüber wir bereits hier berichteten) des passend anarchischen Bildhauers David Černý an der Fassade an.

2016/17 baute man das Theater grundlegend um. Das gesamte Atrium und das Restaurant wurden umfassend modernisiert und sind jetzt richtig schick geworden. Der klassizistische Charakter des Atrium wurde dabei erhalten, aber mit einer modernen Glastreppe und viel Licht verschönert (man sieht es weiter oben rechts). Und das Restaurant lädt auch Nichtbesucher des Theaters mit seinem gepflegten Ambiente ein. Und das bisschen Etabliertsein, das dabei durchschimmert, schadet am Ende auch nichts. (DD)

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