Scheinpyramide

Blickt man drunten vom Tal des kleinen Baches Brusnice hinauf, wirkt das Gebäude tatsächlich wie eine kolossale Pyramide. Schließlich heißt es ja auch Hotel Pyramida. Nur, dass der erste Eindruck trügt. Es ist keine echte Pyramide, sondern in dieser Hinsicht eher eine optische Täuschung. Und „Pyramida“ hieß es ursprünglich auch nicht.

Aber, dass es kolossal ist, darauf kann man sich einigen. Es handelt sich um ein Meisterwerk des besonders, aber nicht nur in sozialistischen Ländern in den 1960er bis 1980er Jahren modischen Stil des Brutalismus . Kühne Konstruktionen aus Stahl, Glas und rohem Beton waren angesagt. In den letzten Jahren gibt es unter Prager Städteplanern immer wieder Diskussionen, ob es diese Gebäude verdienen, unter Denkmalschutz gestellt zu werden, oder ob man sie als Fremdkörper in einer historisch gewachsenen Stadt abreissen soll. Manche stehen nun unter Schutz (Beispiel hier), andere fielen der Abrissbirne zum Opfer (hier). Und jedes Mal gab es vorher intensive politische Diskussionen.

Das heutige Hotel Pyramida blieb von solchen Diskussionen bisher verschont, nicht nur, weil selbst Kritiker des Brutalismus nicht wollen können, dass eine letztlich doch eine Stück Geschichte (wenn auch nicht das beste) Stilrichtung nicht gänzlich aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden sollte. Vor allem sind es zwei Gründe, die wohl das Pyramida weitgehend unumstritten sein lassen: Erstens: Obwohl fußläufig vom Burgbezirk gelegen (was es bei Touristen beliebt macht), stört es aufgrund seiner Lage an keiner Stelle das historische Stadtbild. Zweitens: Obwohl in den Zeiten des Kommunismus gebaut, entspricht das Hotel grundsätzlich auch heute noch allen modernen Standards, die man für ein gehobenes Etablissement dieser Art erwarten kann.

Warum? Nun, wie wir wissen, waren, um es mit Orwell zu sagen, im Kommunismus alle gleich, aber manche gleicher. Und dieses Gebäude war zunächst einmal den erheblich Gleicheren zugedacht worden. Das erkennt man schon am ursprünglichen Namen des Komplexes in in der Bělohorská 125/24 im jenseits der Burg gelegenen Stadtteil Břevnov (Prag 6): Dům rekreace ROH. In anderen Worten, es handelte sich um das exklusive Gäste- und Freizeithaus des offiziellen kommunistischen Gewerkschaftsverbandes ROH (Revoluční odborové hnutí; zu Deutsch: revolutionäre Gewerkschaftsbewegung) der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik.

Deren Funktionäre sollten bei ihren Erholungs- und Dienstaufenthalten im schönen Prag nahe den Touristenzentren einen Aufenthalt genießen, der alle Annehmlichkeiten bot: Swimming Pools, Tagungsräume, Säle, Sportmöglichkeiten, Saunen, Läden, Friseursalons, Kino, Theater, feine Restaurants, moderne Technik (die in den wenigen früheren Privilegiertenunterkünften bisweilen fehlte), schöne Aussicht – eben so wie es sich für die Avantgarde der Arbeiterklasse geziemte. Nachdem eine Kommission den geeigneten Ort in Břevnov festgelegt hatte, gab es 1967 eine Ausschreibung in Form eines Architekturwettbewerbs für den besten Entwurf des Gebäudes. Die meisten eingereichten Entwürfe waren stilistisch dem Brutalismus verpflichtet, was angesichts der Größe des Projektes nicht erstaunt.

Am Ende setzte sich der Entwurf des Architekten-Ehepaars Neda Cajthamlová und Miloslav Cajthaml. Dabei gab es durchaus veritable Konkurrenz, etwa das Architekten-Ehepaar Věra und Vladimír Machonin, das durch den Entwurf für das Prager Einkaufszentrum Kotva (wir berichteten hier) berühmt wurde. Deren Entwurf – ein Rundbau mit gekrümmten Wänden, war vielleicht noch avantgardistischer, aber technisch schwerer (und teuerer!) zu realisieren. Also bekamen die Cajthamls den Zuschlag, deren Ideen auch originell, aber vor allem auch noch technisch handhabbar zu sein schienen.

Das Gebäude, das die Cajthamls entwarfen, bestand aus einem Gebäudekern mit dreieckigem Grundriss von dem sich drei Arme nach außen bewegen. Deren Stockwerke weichen nach oben hin immer weiter zurück. Das vermittelte von weitem den optischen Eindruck, es handle sich um eine Pyramide, deren Spitze ein wenig abgeflacht ist. Eine echte Pyramide hätte keine drei Arme, die herausragen, sondern natürlich vier gleiche dreieckige Seiten, die auf einem quadratischen Grund stehen. Aber weil der optische Effekt oberflächlich dem einer Pyramide gleicht, erklärt es sich von selbst, warum man heute vom Pyramida spricht.

Die Umsetzung dauerte sehr lange. 1979 begann eine erste Bauphase, 1983 eine zweite. Anfang 1987 konnte man eröffnen. Aber es war ja mit allen den Einrichtungen und den 610 Betten ein sehr großes Projekt gewesen. Als Gewerkschaftszentrum hatte es allerdings ausgedient. Im März 1990 löste sich der ROH auf. Die Zeit der staatlichen Einheitsgewerkschaften war vorbei; freie Gewerkschaften ersetzten sie nun. Das Gebäude wurde zur Privatisierung freigegeben. Davor renovierte der Architekt Jaroslav Procházka das Gebäude, um es den Standards eines 4-Sterne-Hotels anzupassen, unter anderem durch die Vergrößerung der Räume, deren Zahl von 610 auf 336 sank. Dabei bezog er das Ehepaar Cajthaml mit in die Planungen ein. Das garantierte die Erhaltung des Gesamtcharakters des Gebäude, das im selben Jahr unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Als Hotel, das heute der Hotelkette Orea gehört, erfreut sich das Pyramida immer noch großer Beliebtheit, weil es schließlich neben dem üblichen Hotelluxus – Dank der Tatsache, dass es mal ein Bau für die Privilegierten des Kommunismus war – auch noch ein ungewöhliches Kulturangebot bietet, dass auch von den Bewohnern der Umgebung angenommen wird. Dazu gehört neben dem Kino vor allem das Theater (Divadlo Dlabačov), das übrigens in den 1990er Jahren einmal kurz dem grandiosen Puppenduo Spejbl und Hurvinek übergangsweise eine Bühnenheimat bot. Und auch sonst macht das Hotel durchaus etwas her – auch innen, wie die schöne geschwungene Treppe im Foyer zeigt, die ausgesprochen leicht gegenüber dem Brutalismus der äußeren Gesatlt kontrastiert. Auf jeden Fall scheint das Hotel in keine Weise abrissgefährdet zu sein. (DD)

 

Vielseitiges Talent

Als man sie noch nicht auf Film bannen konnte, war es nicht so leicht, die Leistungen großer Schauspieler und ihr künstlerisches Erbes der Nachwelt zu vermitteln. Zu vergänglich sind das gesprochene Wort und die wirkungsvolle Geste auf der Bühne. Nimmt man allerdings die die Größe und Opulenz der Gedenkplakette am Wohn- und Sterbeort als Maßstab, dann ist auch heute noch eindeutig klar, dass Josef Jiří Kolár, der heute vor 125 Jahren (am 31. Januar 1896) starb, zu den ganz Großen seiner Zunft in Böhmen gehörte.

Die im Jahre 1912 auf Höhe des ersten Stocks des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Na Zderaze 2007/7 (Ecke Záhoranského) in der Neustadt angebrachte Gedenktafel ist jedenfalls überdurchschnittlich monumental ausgefallen. Sie ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Karel Opatrný. Über dem Portraitrelief Kolárs mit dem Hinweise, er habe hier zuletzt gelebt und sei hier gestorben, hat Opatrný noch eine kleine antikisierende Allegorie auf das Theater eingefügt – mit einer trauernden Muse über einem Putto, der eine klassische Theatermaske in der Hand hält. Als die Bronzeplakette an dem 1907 im feinsten Spätjugendstil erbauten Haus angebracht wurde, war Kolár (geb. 1812) bereits 16 Jahre tot, aber nicht vergessen.

Nun ja, der Mann hatte auch einfach was auf dem Kasten, wie man so salopp sagt. Schon als kleines Kind konnte er fließend Altgriechisch und Latein lesen und verstehen. Später kam die bühnenreife Beherrschung von Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch (für das er wohl einen besonderen Faible hatte) hinzu. Nach einem erfolgreichen Studium in Naturwissenschaften und Philologie an der Prager Karlsuniversität, kam noch Ungarisch dazu, da er 1833 als Hauslehrer einer Adelsfamilie nach Budapest ging, und dort gleich noch ein abgeschlossenes Medizinstudium dranhängte. Wie viele Intellektuelle der Zeit begann er, einem tschechischen Patriotismus zu entwickeln, weswegen er mit einem ungarischen Adligen in einen Streit über den Vergleich der ungarischen und tschechischen Sprache ein Duell ausfocht, bei dem er verletzt wurde, aber gottlob überlebte.

Ein nationalistischer Chauvinist war er aber nicht, was nicht nur seine Liebe zur internationalen Weltliteratur, sondern auch die Tatsache, dass er schon ein Jahr nach dem Duell die aufstrebende junge, aber deutschstämmige Schauspielerin Anna Manetínská ehelichte.

Ende der 1830er wieder in Prag, überzeugte ihn dort der Dramatiker Josef Kajetán Tyl (der Dichter des Textes der tschechischen Nationalhymne, worüber wir hier berichteten), ins Theatergeschäft einzusteigen. Dort überzeugte er nicht nur als Darsteller in Stücken von Goethe, Schiller und Shakespeare, sondern wurde vor allem als Übersetzer Shakespeares in Tschechische berühmt. Dem Erfolg seiner Hamlet-Übersetzung (1853) folgte das Projekt einer ersten tschechischen Gesamtausgabe des Stratforder Barden, das 1872 abgeschlossen war. Englische Literatur liebte er sowieso, was auch erklärt, warum er sich Josef Jiří Kolár nannte, obwohl er eigentlich nur Josef Kolár hieß. Er hatte einfach den Vornamen seines Idol Lord George Byron ins Tschechische übersetzt – eben Jiří! – und in seinen Namen eingefügt. Nebenbei schrieb er noch einige eigene Stücke, die meist nationalpatriotische Themen hatte, etwa Žižkova smrt von 1851 über den Tod des Hussitenfeldherren Jan Žižka. Heute meist vergessen, waren sie damals große Erfolge. Um das Bild dieses vielseitigen Talents abzurunden, sei noch erwähnt, dass er auch als Theatermanager erfolgreich war. Ab 1862 leitete er das Provisorische Theater, aus dem sich dann 1881 das heutige Nationaltheater (Národní divadlo) entwickeln sollte. Dessen Chefdramatiker wurde er dann auch sogleich. Kurzum: Kolár brauchte den Film nicht, um seinen Nachruhm zu sichern. Sein Platz in der Geschichte der Bühne ist hierzulande für immer gesichert. (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Vom Deutschen Theater zur Staatsoper

Seit Anfang des Jahres ist sie wieder geöffnet und in alter/neuer Pracht wiederauferstanden, nachdem sie fast drei Jahre einer Generalsanierung unterzogen worden war und deshalb geschlossen blieb: Die Staatsoper (Státní opera). in Prag. Nun setzt ihr gerade Corona zu, aber auch das wird hoffentlich vorbeigehen…

Sie ist eines von drei Opernhäusern der Stadt. In diesem Fall verdankt man dieses reiche Angebot an Kultur einem fruchtbaren Aspekt des Wettbewerbs zwischen der tschechischen und der deutschen Bevölkerungsgruppe in der Stadt. Die Tschechen hatten 1881 mit viel nationalem Triumphalismus ihr großes Nationaltheater (Národní divadlo) eröffnet und da wollte sich die Deutschsprachigen nicht lumpen lassen, und ein noch größeres bauen lassen.

1886 begann man mit dem Bau des Gebäudes (an der heutigen Wilsonova 101/4 in Prag 2) nach den Plänen des Architekten Alfons Wertmüller. Im Januar 1888 erfolgte die Eröffnung – ganz deutschnational mit einer recht lang geratenen Oper von Richard Wagner, den Meistersingern. Das Theater erwarb sich umgehend Weltruhm. Stars der Bühne gingen hier ein und aus und dazwischen sangen sie. Enrico Caruso sang und Gustav Mahler dirigierte hier. Damals hieß das Haus allerdings nicht Staatsoper, sondern Neues deutsches Theater. Das blieb so bis 1938. Die Zeit nach dem Münchner Abkommen war einer friedlichen Koexistenz der beiden Bevölkerungsgruppen mehr als abträglich. Der deutsche Theaterverein, der das Haus gegründet hatte, übergab es an den Tschechoslowakischen Staat.

Im Jahr darauf marschierten die Nazibesatzer ein. Das bedeutete das Ende des Theaters wie es bisher bestanden hatte. Dessen deutschsprachiges Ensemble hatte den Nazis dezidiert feindselig gegenüber gestanden. Man hatte nach Hitlers Machtergreifung 1933 viele Schauspieler engagiert, die – wie zum Beispiel Fritz Valk – vor den Nazis aus Deutschland geflohen waren. Folglich lösten die Nazis das Ensemble auf. Viele Schauspieler und Sänger gingen weiter ins Exil. Das nunmehr von den Nazis in Deutsches Opernhaus umgetaufte Theater wurde während des Krieges kaum bespielt, und dann auch nur mit einigen Tourneegastspielen. In der kurzen Zeit der Wiederkehr der Demokratie nach 1945 wollte man an den Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) gegen die Nazis erinnern und nannte das Opernhaus in Theater des 5. Mai (Divadlo 5. května) um. Da dieser Aufstand den Kommunisten, die 1948 ihre Diktatur errichteten, nicht kommunistisch genug war, benannten die das Theater wieder um, diesmal in Smetana-Theater (Smetanovo divadlo). Mit dem Namen des großen tschechischen Nationalkomponisten Bedřich Smetana machte man nicht zuletzt deutlich, dass es längst kein deutsches Theater mehr war.

Erst nach dem Ende des Kommunismus wählte 1992 man die in Sachen Nationalität neutrale Bezeichnung als Staatsoper. Dass man mit der Vergangenheit nun doch wieder entspannter und im Sinne von Versöhnung umgeht, zeigt sich seit der Wiedereröffnung im Januar 2020. Ursprünglich befanden sich nämlich in den vorderen Fenstern im Mittelrisalit/Portikus die vom Bildhauer Otto Mentzel geschaffenen Büsten dreier deutscher Kulturgiganten – Schiller, Goethe und Mozart – zur Betonung, dass es sich eben doch dereinst um ein deutsches Theater handelte. Die Büsten waren nach 1945 abgebaut worden; nun hat man wieder den Originalzustand restauriert – samt Namensschriftzug.

Womit wir beim Gebäude selbst sind. Von außen sind Schiller, Goethe und Mozart von feinster Neorenaissance umgeben. Das war der Stil der Zeit, den wir ja auch beim tschechischen Gegenstück, dem Nationaltheater, in ungleich überbordenderer Form wiederfinden. Das erkennt man natürlich vor allem an der vorderen Fassade, denn der hintere Teil, der für Besucher kaum sichtbar ist, wurde 1973 in einem nüchternen funktionalistischen Stil ausgebaut und vergrößert. Wie gesagt, das bemerkt man normalerweise kaum.

Der österreichische Bildhauer Theodor Friedl schuf die Skupturenausstattung über dem typischen Portikus mit seinen korinthischen Säulen. Das umfasst zunächst einmal die Reliefs im Tympanon. Ganz im Sinne des damaligen humanistischen Bildungsideals zeigt es Allegorien der griechischen Mythologie, wobei vor allem die Gestalt des Orpheus auffällt, der seine Leier aufnimmt, um mit dem Pegasus in den Olymp zu fahren.

Darüber stehen imposante Statuen. In der Mitte und erhöht ist dies eine Allegorie der Fama, die römische Göttin des Ruhmes, die mit ihren Attributen – Trompete und Palmzweig – ausgestattet ist. Links sieht man Dionysos, den Gott des Weins und der Freude, dessen Wagen von den Tieren gezogen wird. Und rechts davon sieht man wiederum die stehende Gestalt der Muse der Komödie, Thalia.

Dem recht streng klassischem Äußeren des Gebäude steht ein wesentlich verspielteres Inneres gegenüber. Das ist nämlich durchgängig im Neo-Rokokostil gestaltet. Feinziselierte Rocaillen und Skulpturen aller Arten in Stuck bestimmen Treppenhaus und Auditorium. Und alles ist nun blitzblank restauriert, geradezu wie neu.

Der große Saal übertrifft an Umfang selbst den des bereits überbordend gestalteten Nationaltheaters der Tschechen. Im großen Bild oben sieht man die ebenfalls riesengroße Bühne (heute mit einer modernen Drehbühne ausgestattet) am Ende einer Aufführung von Leoš Janáčeks berühmter Oper Das schlaue Füchslein (Příhody lišky Bystroušky).

Dazu kommen die großen Deckengemälde des österreichen Malers Eduard Veith mit verschiedenen allegorischen Darstellungen. Sie sind ebenfalls in gigantische Kartuschen mit Rocaillen eingerahmt. Skulpturen ragen dabei zum Teil dreidemensionals aus dem jeweiligen Bild. Man könnte den Blick stundenlang schweifen lassen.

In die Stuckatur der Decke wurden ab und an auch Portraitreliefs eingearbeitet, die bedeutende Kultrugrößen darstellen. Die Außenfassade mit Goethe, Schiller und Mozart gedanklich forsetzend, sind es primär (mit der Ausmaße von Shakespeare) natürlich deutsche Künstler wie Beethoven (Bild rechts), Lessing oder Johann Sebastian Bach.

Von Veith stammte auch der große Bühnenvorhang mit Motiven der Sagenwelt (etwa Leda und der Schwan). Der ging in den Wirren des Jahres 1945 leider verloren – wie, das weiß niemand. Das es das Ziel der Restauration von 2017-2020 war, optisch die Urform des Neuen Deutschen Theaters weitgehend wiederherzustellen (wie im Fall der Büsten), bekam der tschechische Maler Martin Černý den Auftrag, ihn nach Photos zu rekonstruieren. Das scheint gut gelungen zu sein, obwohl man sich bei der Farbauswahl nicht sicher sein kann, da Černý nur alte Schwarz-Weiß-Photos zur Verfügung standen. Aber beeindruckend sieht das Ganze jetzt doch aus!

Bei all dem bemerkenswerten Eifer der Restauratoren, möglichst den Originalzustand optisch wiederherzustellen, darf man nicht übersehen, dass die Staatsoper bei der Renovierung 2017-2020 auch eifig modernisiert wurde. Das gilt nicht nur für die Bühnentechnik. Vor jedem Sitz (also am Rücksitz des Vordermannes) befindet sich seit der Neueröffnung ein kleiner Bildschirm mit Touchscreen. Während der Oper kann man hier die Untertitel lesen (wobei es besser ist, dafür den Bildschirm über der Bühne zu nutzen) und vorher sich über die Oper, ihre Inszenierung und die Sänger zu informieren – und zwar umfassend. Fazit: Die Renovierung hat sich gelohnt! (DD)

Theater der Dissidenten

Es war nicht leicht für Theaterleute, als noch die Kommunisten regierten. Avantgardistische Inszenierungen und kritische Inhalte waren von den Behörden unerwünscht und „sozialistischer Realismus“ vorgeschrieben. Aber Theaterleute wären nicht Theaterleute, wenn sie nicht dennoch ab und an gegen den Stachel löckten.

Das tat man in besonders hohem Maße im Divadlo Na zábradlí (Theater am Treppengeländer) am alten Annen-Platz (Anenské náměstí 209/5) in der Altstadt, das so etwas wie das Prager Dissidententheater schlechthin wurde. 1958 gründeten die Regisseurin Helena Philippová, die Schauspieler Ivan Vyskočil und Jiří Suchý und der Komponist Vladimír Vodička das Theater, das am 9. Dezember dieses Jahres mit Suchýs (später verfilmtes) Musical Kdyby tisíc klarinetů (Wenn bloß 1000 Klarinetten wären) den Betrieb aufnahm. Den Namen des Theaters „zum Treppengeländer“ leitet sich übrigens von der gleichnamigen Gasse (Na zábradlí) ab, die vom Annen-Platz vorbei am Theater zur Moldau führt.

Lag es daran, dass es sich nicht um ein Großtheater handelte? Traute die Obrigkeit dem Divadlo Na zábradlí keine „Massenwirkung“ zu und drückte deshalb ab und an ein Auge zu? Tatsächlich bietet der kleine Theatersaal mit ebenso kleinem Balkon nur wenigen hunderten Zuschauern Platz. Es erinnert an eine klassische Kleinkunstbühne für Kabarett (das Bild zeigt übrigens die deutsch-tschechische Kabarettvorführung Fall Mauer Fall/Zeď nám spadla im Dezember 2019). Die Wirkung war trotzdem immer groß!

Im Jahr nach der Eröffnung stieß noch der Pantomine und Regisseur Ladislav Fialka dazu und bis zu dessen Tod 1991 gehörte daher sein Pantomimentheater fest zum Programm. Die 1960er Jahre waren eine große Blütezeit des Theaters. Unter dem Regisseur Jan Grossman, der 1961 die Leitung übernahm, entwickelte sich das Programm immer mehr hin in Richtung Absurdes Theater. Schon das entsprach nicht den Richtlinien der offiziellen Kulturpolitik, aber Grossman, der schon zuvor durch unangepasste Ansichten aufgefallen war, wagte sich auch immer mehr auf das politische Terrain vor. Er tat das, indem er unter anderem den Dramaturgen und Schriftsteller Václav Havel anheuerte, der später als der führende Kopf der Dissidentenszene und als erster demokratisch gewähleter Präsident nach 1989 in die Geschichte einging. Sein 1963 uraufgeführtes Stück Zahradni slavnost (Das Gartenfest) stellte die sinistere Bürokratie der Kommunisten satirisch bloß. Im Vorfeld des Prager Frühlings, der vorsichtigen Liberalisierung des Systems im Laufe der 1960er, konnte man sich derartiges mit einigem Geschick herausnehmen.

Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968, die den Prager Frühling niederschlugen, beendete dieses Phase in der Geschichte des Theaters. Grossman und Havel wurden entlassen. Trotzdem pflegte man weiterhin den kritischen Geist und nutzte dazu jeden verbliebenen Freiraum. In gewisser Weise profitierte das Theater sogar von der zunehmenden Repression, denn es fanden unzählige talentierte Filmregisseure und -schauspieler hier Zuflucht, die auf der „großen Leinwand“ Berufsverbot gekommen hatten. Dazu gehörte u.a. der berühmte Regisseur Evald Schorm, der 1970 seine Arbeitserlaubnis beim Film verlor, und der hier international beachtete moderne/experimentelle Inszenierungen bekannter Klassiker (z.B. Shakespeares Macbeth) schuf.

1989 beendete die Samtene Revolution das kommunistische System. Künsterlerische Freiheit ist seither eine Selbstverständlichkeit. Grossman kehrte zurück und leitete bis zu seinem Tode 1993 wieder das Theater als Direktor. Man pflegt hier immer noch modernes und absurdes Theater, von Zeit zu Zeit aufgelockert durch „radikale Interpretationen“ klassischer Stücke.

Das Theater befindet sich mitten in der Altstadt, weshalb auch das Gebäude selbst eine lange zurückverfolgbare Geschichte hat. Der klassizistische Bau, genannt dům U Zeleného kloboučku (Haus am Grünen Hut), wurde 1832 von dem Architekten J.K. Vítek auf der Stelle eines alten ehemaligen klösterlichen Wirtschaftsgebäudes erbaut. 1913 wurde erstmals ein Theatersaal eingebaut. Das Divadlo Na zábradlí zog also 1958 auf vorbereiteten Grund.

Seither wurde öfters umgebaut. Eine kleine Sensation, die nur dem auffällt, der darum weiß, findet sich im Zuschauersaal. Es ist die Václav Havel Loge. Nun ist das Theater für Logen eigentlich zu klein. Abaer Havel blieb dem Theater auch als Präsident zumindest als Zuschauer erhalten (was die Reputation des Theaters förderte). Deshalb baute man das kleine Kämmerchen an der Seitenwand, in dem er dereinst als Beleuchter arbeiten musste, für ihn zu einer Miniaturloge aus. In dem dunklen, schwarz gestrichenen Saal erkennt man sie kaum (s. den roten Pfeil). Eine andere Attraktion findet man außen an der Wand. Am 9. Dezember des Jahres 2008 feierte man nämlich das 50. Gründungsjubiläum. Aus diesem Anlass brachte man das schaurig-mysteriöse Nonsens-Kunstwerk Embryo (worüber wir bereits hier berichteten) des passend anarchischen Bildhauers David Černý an der Fassade an.

2016/17 baute man das Theater grundlegend um. Das gesamte Atrium und das Restaurant wurden umfassend modernisiert und sind jetzt richtig schick geworden. Der klassizistische Charakter des Atrium wurde dabei erhalten, aber mit einer modernen Glastreppe und viel Licht verschönert (man sieht es weiter oben rechts). Und das Restaurant lädt auch Nichtbesucher des Theaters mit seinem gepflegten Ambiente ein. Und das bisschen Etabliertsein, das dabei durchschimmert, schadet am Ende auch nichts. (DD)

Kelch und Kubismus

Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) wurde als unierte protestantische Kirche zu Beginn der Ersten Republik 1918 gegründet und sah sich stets auch als Träger eines republikanischen Fortschrittsgedankens.

Das schlug sich auch in der Architektur der kirchlichen Gebäude nieder, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Das Hus Haus (Husův dům) in der Jungmannova 22/9 in der Neustadt ist ein besonders interessantes Beispiel dafür. Das Gemeindezentrum ist besonders bemerkenswert als eines der wenigen Beispiele für ein kirchliches Bauerk im Stil des Kubismus (ein weiteres findet sich hier). Es wurde im Jahre 1923 durch den Architekten Bohumír Kozák, der übrigens Sohn eines evangelischen Pfarrers der Böhmischen Brüder war, erbaut.

Das fünfstöckige Haus hatte zuvor etliche Bauphasen hinter sich gebracht – Gotik, Renaissance und Barock -, bevor Kozák es für die Böhmischen Brüder völlig neu gestaltete. Die Fassade unterteilte er dabei in drei horizontale Abschnitte, von denen der obere durch Pilaster vertikal strukturiert ist, während der Mittlere freie Flächen für skulpurale Ausgestaltung belässt und das Erdgesoss für Schaufenster reserviert ist. Besonders im oberen Teil (drei Stockwerke) dominiert die geometrische Ästhetik des Kubismus mit seinen Kreuz-, Rechteck- und Dreieckformen.

Ebenfalls eine aus Rechtecken konzipierte konsequent kubistische Gestaltung findet man bei den Fensterumrahmungen im mittleren Gebäudeteil. Sie sind auch rechteckeckigen Formelementen zusammengesetzt, was zwar dem kubistischen Modernismusanspruch genügt, aber das Haus auch ein wenig traditionalistisch aussehen lässt. Kozák engagierte sich nämlich auch als Architekturhistoriker und Denkmalschützer und war bei seinen frühen Werken noch stark vom Klassizismus beeinflusst, bevor er sich dann dem Kubismus und später sogar dem Funktionalismus zuwandte.

Die kubistische Ästhetik des Gebäudes beschränkt sich indes nicht nur auf die Stuckatur der Fassade, sondern bedient sich auch metallener Elemente. Die kleinen diagonal kreuzförmigen Ornamente an der Fassade finden ihre Entsprechung beim Metallbeschlag des großen Haupt- und Hoftor. Sie wiederholen das diagonale Kreuzmuster in dicht komprimierter Form. Auch hier gelingt es Kozák sehr gechickt, kubistische Formensprache sehr traditionalistisch und dem kirchlich-religiösen Zweck des Gebäudes entsprechend wirken zu lassen.

Der optische Mittelpunkt sind jedoch die Skulpturen des Bildhauers Ladislav Kofránek über dem ersten Stockwerk. Im Zentrum steht dabei der tschechische Urvater der Reformation, Jan Hus, der dem Haus ja auch den Namen gibt. Hus war in der Zeit der Ersten Republik nicht nur eine religiöse Figur, sondern ein politisches Symbol der nationalen Unabhängigkeit. In den Händen hält er den Kelch, der für die Hussiten, die den Laienkelch einführten und darob mit der katholischen Kirche in Konflikt gerieten, das zentrale Glaubenssymbol war. Gerahmt wird Hus von zwei Medaillons, die je eine Heilige Schrift und ein Lamm Gottes darstellen. Heute resideren hier im Gebäude des Synodenrat und das Zentralbüro der Evangelischen Kirche, hautsächlich im vorderen Teil.

Bekannter ist jedoch ein anderer Bewohner, das passend zum Gebäude benannte Divadlo Kalich (Theater des Kelchs), das seit den 1990er Jahen im hinteren Teil residiert, aber dessen Namen groß über dem Toreingang prangt. Der Theaterbau selbst wurde in den Jahren 1935/36 von dem Architekten und Baumeister Antonín Belada hier erbaut. Heute – nach einer großangelegten Modernisierung im Jahre 1999 – zählt das Theater zu den renommierteren Kleinbühnen der Stadt, in dem (oft, aber nicht immer komödiantische) Theaterstücke, aber auch viele Musicals aufgeführt werden. (DD)

Theater mit wechselhafter Geschichte

Prag ist eine Stadt der Theater und der lebendigen Theaterkultur. Da viele der heutigen Stadtteile früher selbständige Städte waren, die über eigene große Theater verfügten (Beispiel hier), zeichnet sich das Theaterleben durch eine geradezu flächendeckende Vielfalt aus.

Ein Beispiel findet sich im nördlichen Stadtteil Libeň (Prag 8), nämlich das Divadlo pod Palmovkou (Palmovka Theater) in der Zenklova 566/34. Es ist benannt nach einem ehemaligen Weingut Palmovka auf einem Hügel, an dessen Fuß das Theater liegt. Von außen sieht man dem funktionalistischen Gebäude seine frühere Geschichte nicht an. Drinnen finden sich jedoch noch viele Spuren davon.

Zurückverfolgen lässt sich das Theater bis in die 1860er Jahre als hier eine Truppe von Amateurschauspielern unter dem Namen U Deutschů in einem Gasthaus ihr Quartier fand. 1892 erfolgte eine Vergrößerung durch Einrichtung eines Tanzsaales und schon 1899 erwarb das Ganze ein gewisser Václav Romováček, der zugleich Architekt war, und der hier 1903 ein Hotel baute und zugleich den Theatersaal abriss und durch einen größeren ersetzte. Mit 495 Sitz- und 400 Stehplätzen konnte sich das Theater mit den größten in Prag durchaus messen.

Nach einigen weiteren Besitzerwechseln erwarb die damals überaus bekannte Schauspielerin und Sängerin Mařenka Zieglerová 1907 das Theater, das sie nach sich selbst benannte, und 1908 mit der Lustigen Witwe eröffnete. Dafür hatte die Schauspielerin das Theater wieder – diesmal um eine Musikbühne – erweitern lassen. Das stärkte den künsterischen Ruf des Theaters, aber Zieglerová war sehr bald finanziell überfordert und schon 1909 wurde das Theater unter einem neuem Besitzer als Lidové divadlo Praha VIII (Volkstheater Prag 8) eröffnet, das aber ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten geriet. In der Ersten Republik erwarb dann die Sozialdemokratische Partei das Haus und richtete hier erst einmal ein großes Kino ein. Erst später gab es ab und an Theateraufführungen, meist wieder von Amateurgruppen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es wieder vollumfänglich als Theater etabliert, wozu im Jahre 1949 größere Umbauten erfolgten. Als Městské a oblastní divadlo (Städtisches und Regionales Theater) fungierte es nun.

Nach dem Ende des Kommunismus gab man dem Theater 1990 den Namen, den es heute trägt: Divadlo pod Palmovkou. Es folgten größere Umbauetn und Renovierungen. Die Fassade wurde 1997 modernisiert, 2004/2005 wurde der Eingangsbereich erneuert, das Theatercafé neu gestaltet und eine zusätzliche Kleinkunstbühne etabliert. Dadurch erkennt man zunächst kaum, dass es sich im Kern immer noch um das von Václav Romováček erbaute Gebäude handelt. Das erkennt man aber immer noch im großen Theatersaal selbst, wo noch viel von der ursprünglichen Jugendstilstukatur zu bewundern ist.

Das Theater bietet heute handfeste Inszenierungen von bewährten Klassikern von Sophokles bis Agatha Christie, lässt aber ab und an avantgardistische Autoren und Inszenierungen in den Spielplan einfließen. 2019 fanden hier auch erstmals Aufführungen der Deutschen Theatertage statt. (DD)

Emanzipierte Schauspielerin

Das Denkmal von Otýlie Sklenářová-Malá ist schon etwas Besonderes. Denn Frauen spielten in der Denkmalskultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eher eine untergeordnete Rolle. Dass sich das langsam änderte, war auch das Verdienst von Frauenorganisationen, die eifrig für die Gleichberechtigung kämpften. Böhmen war hier innerhalb des Habsburgerreiches führend.

Es gab bereits früh Vereinigungen wie den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) von 1871 – ein Bildungsverein für junge Frauen aus armen Elternhäusern – und den 1865 gegründeten Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen), der schon im Namen das Anliegen enthielt, den Stand an Gleichberechtigung zu erkämpfen, den Frauen im bereits weit liberaleren und fortgeschritteneren Amerika erreicht hatten.

Letzterer förderte auch besonders die Errichtung von Denkmälern, die die Verdienste von Frauen in der Geschichte und Kultur des Landes befördert hatten (siehe früheren Beitrag hier). Die Schauspielerin Otýlie Sklenářová-Malá hatte dies mit Sicherheit verdient. Schon als junge Frau hatte die Tochter eines Militärarztgehilfen 1862 erstmals in einer Laiengruppe in Wien auf der Bühne gestanden. Nach dem Umzug nach Prag wollte sie erst Opernsängerin werden, entschied sich aber dann doch für das Schauspiel. 1897 heiratete sie Josef Sklenář ,den Direktor des späteren Nationaltheaters, der sie förderte. Sie entwickelte einen neuen Schauspielstil, der den überzogenen Pathos früherer Bühnenpraxis ablegte, und streng realistisch war. Das war bis heute „trend-settend“. Sie beeinflusste Generationen tschechischer Schauspieler und Schauspielerinnen – vor allem, weil sie eine der ersten Schauspielrinnen war, die eine akademische Lehrtätigkeit ausübte. Von 1873 bis 1874 unterrichtete sie an der vom Komponisten Bedřich Smetana gegründeten Opernschule, von 1892 bis 1894 lehrte sie als Professorin an der Schauspielschule des Nationaltheaters und später am Prager Konservatorium.

Das mit Hilfe vonSpenden der „Amerikanischen Damen“ 1933 errichtete Denkmal wurde von dem damals wohl berühmtesten Bildhauer, dem Symbolisten Ladislav Šaloun (siehe u.a. früheren Beitrag hier) gestaltet. Es steht ganz prominent im kleinen, 1882 eingerichteten Čelakovský Park (Čelakovského sady) direkt neben dem großen Nationalmuseum (siehe auch hier) oberhalb des Wenzelsplatzes. Das ist kein Zufall. Sklenářová-Malá engagierte sich gerne für fortschrittliche und patriotische Anliegen, die für eine größere Selbständigkeit und Freiheit Böhmens standen. Das galt auch für den Bau des Nationalmuseums. 1873 hatte sie die vollständigen Einnahmen von 22 ihrer gefragten Gastspiele für das Projekt gespendet. (DD)

Nicht von Dvořák, aber trotzdem schön: Die Neue Welt

Wirklich entzückend ist es, das kleine bezaubernde Sträßchen im Burgbezirk mit dem Namen Neue Welt (Nový Svět). Erblickt man die Gasse, erklingt wie von selbst im Kopfe Antonín Dvořáks Meistersymphonie Aus der Neuen Welt (Z nového světa). Nur: Diese Gasse hat nichts, aber auch wirklich nichts mit Dvořák 1893 in New York uraufgeführtem Werk zu tun.

Denn mit der Besiedlung dieses Areals hatte man schon um 1360 begonnen. Von einer Neuen Welt sprach man deshalb, nicht weil man an das noch unentdeckte Amerika dachte, sondern weil es sich damals noch um eine neue Ansiedlung außerhalb des damaligen Burgbezirks handelte. Hier wohnten zunächst niedere Bedienstete der nahegelegenen Burg.

Immer wieder musste die mittelalterliche Bausubstanz größere Schäden hinnehmen. Nach 1420 kam es zu Zerstörungen im Verlaufe der Hussitenkriege und auch das große Feuer von 1541 (siehe auch Beitrag hier) richtete große Schäden an. Deshalb sind viele der malerischen Häuser, die heute das Herz jeden Besuchers entzücken, nicht die originalen Gebäude am Orte. Viele von ihnen sind selbst für den Laien erkennbar Häuser aus der Barockzeit des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Damals war das ursprüngliche Armenviertel eine zeitlang auch bei vermögenderen und bessergestellten Persönlichkeiten en vogue. Dass der Hofastronom Tycho Brahe hier zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebte, wurde in diesem Blog bereits hier erwähnt.

Ob original mittelalterlich oder barock – das ist letztlich egal. Es ändert nichts am Gesamteindruck, der einfach entzückend ist. Die Tatsache, dass der Ortsteil bald wieder verkam und zum Armenviertel wurde, hat später jegliche Modernisierung verhindert. Was für die Bewohner damals schlecht gewesen sein mag, erfreut uns heute. Kein Stahl und Beton trübt die Stimmung. An Tagen außerhalb der Urlaubssaison, an denen weniger Menschen hier sind, fühlt man sich wie bei einer Zeitreise. Geht man bei Abenddämmerung durch die Gasse, blendet einen kein Neonlicht, sondern es sind altmodische Laternen, die Schummrigkeit verbreiten und das ganze schon irreal romantisch erscheinen lassen.

Unter den Häusern, die den rund 250 Meter langen Weg säumen, bieten einige Unterhaltung und/oder Erfrischung. Es gibt ein berühmtes Café, die Kavárna Nový Svět, das auch unter Einheimischen beliebt ist. Es gibt ein Theater, das Divadlo Ungelt, das – wiederum erstaunlich für ein touristsich so erschlossenes Areal – hauptsächlich ein tschechisches Publikum (in Tschechisch) adressiert. Dazu gehört ein Restaurant mit Biergarten (Restaurant Nový svět), das erst wie ein normales Touristenlokal aussieht, aber erstaunlich originelle Gerichte bietet. Der abgebildete Nachtisch ist Vanilleeis mit Roter Beete und Pesto. Das las sich auf der Speisekarte so verrückt, das wir es sofort probieren mussten. Es entpuppte sich als wahrer Avantgardegenuss, der wirklich gut die Gaumen kitzelte.

Eine Besonderheit ist ganz am Ende der Straße das Hotel U Raka. Es handelt sich bei dem kleinen Hotel um das einzige noch erhaltene Holzblockhaus in Prag. Es wurde 1739 das erste Mal urkundlich erwähnt – damals noch kein Hotel, sondern ein Wohnhaus und zwischendurch eine Schmiede. Man muss sich vor Augen halten, dass Nový Svět fast durch seine ganze Geschichte hindurch ein Platz für Arme war und erst im 20. Jahrhundert wieder“hip“ für Künstler und Touristen wurde.

Deshalb war das schöne Holzhaus auch von Verfall bedroht und in den 1980er Jahren arg heruntergekommen. Die Renovierung in den frühen 1990er Jahren und neuerliche Nutzung als kleines Hotel hat das Haus gerettet. „U Raka“ heißt übrigens auf Deutsch soviel wie „Zum Krebs“. Und tatsächlich ist das alte und namengebende Hausschild mit dem Abbild eines Krebses immer noch erhalten.

Auf jeden Fall hat die kleine Nový Svět trotz des Andrangs der Touristen, die sich diese selbst für die anspruchsvollen Prager Verhältnisse außerordentlich malerische Gasse nicht entgehen lassen wollen, noch viel von seiner Authenzität bewahrt. (DD)