Mutant an der Rinne

Nanu? Das Fallrohr einer Regenrinne ist anscheinend mutiert. Lebende Zellen wuchern. Ist es ein Geschwür? Oder ein gigantisches Verdauungsorgan? Könnte es gar gefährlich werden?

Noch unheimlicher wird es, wenn es bei Einbruch der Dämmerung von innen her dumpf und schummerig zu leuchten beginnt. Entstammt es gar einem anderen Planeten? Ein Alien? Nein, es entstammt der Werkstatt des Bildhauers David Černý, der eine anarchische Vorliebe für Skurrilitäten und Provokationen im öffentlichen Raum hat. Diese hier hört auf den Namen Embryo. Aber bietet der Name auch eine Erklärung für die mysteriöse Erscheinung und warum sie gerade hier ihr mysteriöses Unwesen treibt?

Über Černý berichteten wir ja bereits hier, hier, hier, hier, hier und hier. Aber wie kam sein Kunstwerk hier an die Regenrinne eines alten Gebäudes am Anenské náměstí (früher auch: Annen-Platz) 209/5 inmitten des Herzens der Altstadt? Die Antwort lautet: Dieses eher unscheinbare Gebäude ist ein Ort, an dem Widerständigkeit und Provokation dereinst am Ende siegreich triumphierten. In anderen Worten also genau der Ort für eine absurd-groteske und leicht beunruhigende Skulptur dieser Art.

Das alte Barockhaus beherbergt nämlich das berühmte Divadlo Na Zábradlí (Theater am Geländer). Das wurde 1958 gegründet als noch die Nachwehen des Stalinismus das Kulturleben hemmten und originelle und provokante Aufführungen kaum stattfinden konnten. Vor allem unter dem Regisseur Jan Grossman machte das Theater zu Beginn der 1960er Jahre klar, dass es sich an solche Restriktionen kaum halten werde. Die Spezialität des Hauses wurde das absurde Theater, etwas das nun gar nicht in die strenge Staatslinie des offiziellen Histomat passte. Immer wieder wurden politische Botschaften des Dissidententums in die Stücke geschmuggelt.

Und richtige Dissidenten arbeiteten dabei mit. Allen voran gehörte dazu kein Geringerer als Václav Havel, der berühmteste dissidentische Schriftsteller des Landes und später erster Präsident des Landes nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989. Er stieß in den frühen 1960ern zur Theatertruppe und versorgte sie mit Ideen. Eine Plakette neben dem Eingang erinnert stolz daran.

Der Prager Frühling erlaubte den Künstlern in den 1960ern immerhin zunehmend einige Freiheiten, die dann im August 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts unterbunden wurden.

Immerhin bot das kleine Theater weiterhin widerständigen Künstlern einen gewissen Unterschlupf und wenigstens ein wenig Einkommen vor allem für jene Schauspieler, Bühnenbildner und Autoren, die keine großen Engagements in Filmen oder den nationalen Bühnen mehr bekamen, weil ihnen die Kommunisten misstrauten.

1989 kam die Stunde der Freiheit, die Samtene Revolution. Grossman und Havel, die 1968 verbannt worden waren, kehrten zurück auf die Bühne des Theaters. Seither kann das Haus ungestört seinem unorthodoxen Schöpfungsdrang frönen.

Und am 9. Dezember des Jahres 2008 feierte man das 50. Gründungsjubiläum. Aus diesem Anlass wurde auch Černýs Embryo an der Fassade feierlich enthüllt, damit der exzentrische Grundcharakter des Theaters auch äußerlich und unmissverständlich sichtbar wurde. (DD)

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