Blick aus dem Bürofenster…

Warum arbeitet man so gerne in Prag? Nun, man muss nur vom Bürofenster den Blick hinaus schweifen lassen. Man sieht nichts, was das Auge beleidigt. Einfach schön ist es. Wer dabei nicht motiviert den Tag beginnt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das fünfstöckige Mietshaus Nr. 1221/4 am Náměstí Míru (Friedensplatz) in Vinohrady (Prag 2), auf das man von meinem Schreibtisch aus schauen kann, ist ein Beispiel. Es ist kein bedeutendes Werk, aber eben hübsch anzusehen. Vinohrady wurde Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhundert auf gehobene Wohngegend auf dem Gebiet der alten königlichen Weinberge neu angelegt. Der innere Teil um den Friedensplatz ist daher recht ästhetisch geschlossen. Die großen Mietshäuser sind in der Regel mit historistischen Fassaden geschmückt, meist im Stil des Neobarock .

So auch das Haus 1221/4, das in den Jahren 1902/03 entstand. Die prunkvolle Fassade mit Stuckskulpturen und vielen floralen Ausschmückungen wurde von dem Architekten Josef Pospíšil entworfen, der sich für die Außengestaltung vieler der umliegenden Häuser veranwortlich zeichnete (wir sahen es bereits hier und hier).

Gebaut wurde es von dem Bürgermeister und Bauunternehmer Alois Bureš. Besitzer war Bohumil Staněk, seines Zeichens Ratsherr in Vinohrady. Überhaupt fällt immer wieder auf, dass kommunalpolitische Ämter, großer Immobilienbesitz und Bauunternehmertum bei der Anlegung von Vinohrady recht oft zusammenfielen (anderes Beispiel hier). Darüber könnte man auch mal nachforschen, wenn man Zeit dazu hätte. Ist sicher eine interessante Geschichte…

Heute befindet sich im Erdgeschoss keine Baufirma und auch kein Bürgermeister, sondern eine Kneipe der gehobenen Qualitätslage. Seit drei oder vier Jahren gibt es hier The Craft. Das ist, wie der Name korrekt suggeriert, ein Bierlokal, das nicht nur eine Marke urquelligen Industriebiers ausschänkt, sondern ein ständig wechselndes und großes Angebot von Bieren tschechischer Kleinbrauereien.

Und das Beste kommt noch!

In der Umgebung gibt es viele schöne Ausflugsziele für Spaziergänge. Und, wenn man es will, können sie alle hier enden: Bei der Brauerei Perron in Roztoky u Prahy, gleich hinter der nördlichen Stadtgrenze Prags am Ufer der Moldau. Und wenn man klug ist, will man auch. Wegen der tschechischen Braukunst vom Feinsten, die es hier gibt. Aber so richtig!

Perron, das ist sowohl im Tschechischen als auch im Deutschen ein altertümliches, aus dem Französischen kommendes Wort für Bahnsteig. Der ist nämlich nicht fern des Braubiergartens, der so günstig in der Nähe des kleinen schmucken Bahnhofs von Roztoky liegt, dass man nicht nur die gemächlich vorbeifahrenden Züge vom Biertisch beobachten kann (trainspotting, nennt man das heute), die die romantische Moldauroute entlangfahren, sondern auch gut und bequem zurück nach Prag kommt, wenn man zuviel des Guten zu sich genommen hat. Die Zugfahrt ist zudem äußerst günstig und schnell.

Aber fangen wir von vorne an. 2016 packte es den jungen Bierbegeisterten Pavel Šnajdr auf einmal und er beschloss für sich, ein „Heimbrauer“ mit einer kleinen Hausbrauerei zu werden, um – ohne vorherige Ausbildung als Brauer, aber mit Begeisterung – mit dem Brauen aller möglichen Biersorten zu experimentieren. Offensichtlich ein Naturtalent! Denn die 20 Liter pro Tag deckten bald nicht annähern die Nachfrage in der Umgebung. Ein 50-Liter-Equipment musste her. Die Qualität wurde besser und schließlich schloss er 2019 noch erfolgreich eine Ausbildung bei der Prager Beer Academy in Sachen Theorie der Bier- und Malzherstellung ab. In die Praxis der professionellen Bierbrauerei wurde er anschließend in der Prager Kunratický pivovar eingeführt und am Ende erwarb er noch ein europaweit gültiges Zertifikats als Brauer und Mälzer.

Als nunmehr auch vollprofessionell ausgebildetes Naturtalent gründete 2020 gründete er die Firma Pivovar Roztoky s.r.o., die seine Biere vertreiben sollte. Möglicherweise waren es die Covid-bedingten Beschränkungen, mit der die damalige Regierung gerade in dieser Zeit den Gaststättensektor gängelte, die erst einmal nur einen kleinen Start als eine sogenannte Fliegende Brauerei (Létající pivovar) ratsam zu machen schienen. Bei einer solchen „Brauerei“ schaffen sich begabte Bierbrauer keine teueren eigenen Apparaturen, etwa grosse Braukessel, an. Vielmehr nutzen sie Leerlaufzeiten existierender Brauereien, um dort (gegen vergleichsweise geringe Gebühr) ihre eigenen Bierrezepte realisieren zu können. Eine besonders originelle hatten wir schon hier vorgestellt.

Und man brauchte eine Braugaststätte. Auch hier galt das Motto, dass man sich gerade in schweren Zeiten nicht vorher finanziell überheben darf. In der bahnhofsnahen Nádražní 56/0 in Roztoky eröffnete man zunächst einen schicken offenen Biergarten. Der ist an schönen Tagen eine wahre Wucht. Das Ganze ist tiptop modern und auf lange Sicht angelegt. Es hat eine wunderbare Strandbar-Atmosphäre. Besonders junge Leute – aber nicht nur sie – fühlen sich hier sauwohl und lassen den hochwertigen Hopfensaft die Kehle hinunterlaufen und essen dazu moderne und originelle Braugaststättenkost. Vom wahrhaft exzellenten Bier gibt es frisch gezapft bis zu sechs unterschiedliche Sorten – vom traditionellem Hellen bis zum modischen Pale Ale. Das Angebot wechselt natürlich auch öfters.

Das konstante Schaustück des Sortiments ist das Lager mit dem Stammwürzegehalt von 12°, dem man gleich den passenden Namen „Cult“ gegeben hat, und das man oben im großen Bild sieht. Zurecht beschreibt Brauer Šnajdr die Sache auf der Website so: „Ich halte tschechisches Lagerbier (Ležák) schlichtweg für ein Phänomen, das für mich absolut unantastbar ist. Aus Respekt vor diesem Bier habe ich daher das Perron Cult 12, das ich zwei Jahre in meiner Hausbrauerei verbracht habe, als erstes auf den Markt gebracht. Dies ist ein klassisches tschechisches Lagerbier, das auf traditionelle Weise mit drei Maischen gebraut wird. Es ist die traditionellste und zugleich anspruchsvollste Art des Bierbrauens, die wir von unseren großen Braukunst-Vorvätern geerbt haben.“

Das ist alles schon super. Aber mit dem, was ist, gibt sich Šnajdr nicht zufrieden Natürlich nicht! Er will bald mit neuen Biersorten experimentieren, etwa das in Tschechien seltene Obergärige. Wer weiß, vielleicht gibt es hier bald sogar die Krönung des Biers im Angebot – ein süffiges Kölsch. Aber auch das mit dem nur im Sommer sinnvollen Biergarten und das mit der „fliegenden Brauerei“ werden nicht das letzte Wort sein. Denn längst wurde das zwischen Bahnhof und Biergarten liegende Gebäude einer ehemaligen Bahnhofsgaststätte erworben. Das ist arg baufällig und wird nun von Grund auf saniert. Das kann eine Weile dauern, bis das soweit ist, und solange wird die Außenwand zur Bahnhofseite noch als Werbefläche für den Biergarten benutzt. Doch bald soll hier eine vollumfängliche Braugaststätte mit allem Drum und Dran entstehen. Wenn man sieht, was Šnajdr schon mit minimalen Mitteln – „fliegende Brauerei“ mit Biergarten – auf die Beine kriegt, dann kann man es kaum noch erwarten, was da in Bälde an grandioser Bierkultur offeriert werden wird. Das Beste kommt noch! (DD)

Die Brauerei des neuen Holešovice

Klingt schon nobel, der Name: Brauerei Marina (pivovar Marina). Marina, das klingt nach einem mediterranen Yachthafen. Und irgendwie stimmt das auch. Das Areal, in dem diese elegante und propere Brauerei liegt, ist ein positives Musterbeispiel für Gentrifizierung. Hier lag dereinst der Holešovicer Hafen (Holešovický přístav) , der Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Moldaufrachthafen Prags, der sich in den 1990er Jahren aber als unrettbar unrentabel erwies und geschlossen wurde. Danach kam Verfall und sozialer Niedergang für das ganze Stadtviertel.

Aber die Uferpromenade ist schön. Es gab viel Potential für hochwertigen Wohn- und Büroraum. Die alten Fabriken um den ehemaligen Hafen konnten sich in schöne Lofts, Büros oder Studios umwandeln lassen. Es war daher kein Wunder, dass ab der Jahrtausendwende der Wiederaufstieg begann. Fast nirgendwo steigen seither Grundstückspreise so wie hier im Stadtteil Holešovice (Prag 7). Und tatsächlich wurden hier und am gegenüberliegenden Ufer in Libeň kleine Yachtanlegestellen und Clubs angelegt, gesäumt von riesigen modernen Wohn- und Bürokomplexen mit Flusssicht und alten pittoresken Überbleibseln der Hafenarchitektur. Das Ganze hat tatsächlich den Flair einer Marina am Mittelmeer (jedenfalls, wenn die Sonne scheint).

Und in genau solch einem alten pittoresken Hafengebäude, genauer in einer frisch umgebauten und renovierten alten Zollstation aus dem späten 19. Jahrhundert eröffnete am 13. Februar 2013 Besitzer Carlo Gojka seine neue Brauereigaststätte. Das mit großzügig zugeschnittenen Räumlichkeiten ausgestattete Gebäude im historisierenden Jugendstil mit seinem gemütlich wirkenden Fachwerk wirkte nun so, als ob es nie für einen anderen Zweck gebaut worden wäre. Und dazu gibt es noch einen Vorplatz, auf dem ein schicker Biergarten aufgebaut wurde, der im Sommer einfach unschlagbar sein muss. Der Kontrast zu den modernen Luxushochhäusern erhöht das mediterrane Gefühl dabei eher.

Das üppig dimensinierte Gebäude ist sehr lang und verfügt über zwei Flügel, zwischen denen die Küche und die eigentliche Brauanlage liegt. Das ermöglichte die Aufteilung des Komplexes in zwei verschiedene Gastbetriebe. In der nördlichen Hälfte gibt es ein italienisches Restaurant, das recht nobel ausgestattet ist (Bild links). Zum Zeitpunkt unseres Besuchs war es aber geschlossen. Diese Räumlichkeiten können auch für Hochzeiten oder andere private Events gemietet werden. Und interessiert aber hier primär die eigentliche Brauereigaststätte im südlichen Teil des Gebäudes.

Betritt man die, so fallen erst einmal die großen und glänzenden Braukessel aus Kupfer hinter dem Thekenbereich auf (großes Bild oben). Die sind aber mehr Staffage, weil diese altertümlichen Kessel schicker aussehen, als moderne Edelstahlkessel. Die findet man hinter dem Gastraum und sie sind technisch State-of-art, wie es sich für eine Brauerei mit diesem Anspruch gehört. Womit wir beim Bier sind.

Das Bier wird vor Ort gebraut. Aber man „leiht“ sich die Brauern von anderen bekannten Brauereien aus (was durchaus üblich ist), die dort aber spezielle Rezepte für die Pivovar Marina umsetzen. Bei der Eröffnung war dies Martin Vávra, der damalige Chefbrauer der bekannten Břevnov-Klosterbrauerei (Břevnovský klášterní pivovar), über die wir schon hier berichteten, der zuvor u.a. bei der Großbrauerei Staropramen gearbeitet hatte. Der gründete 2021 seine eigene Prager Kleinbrauerei namens Bad Flash. Seitdem braut im Marina Aleš Potěšil, der Vávra als Chefbrauer in Břevnov nachfolgte.

Es gibt meist vier Sorten im Angebot. Je ein Helles mit 10° und 12° Stammwürze, ein Weizenbier und ein Dunkelbier. Die Hellen fallen durch ihren mild-samtigen Gschmack auf und sind nicht überhopft. Man findet sie schon auf dem Bierdeckel des Hauses (Bild rechts) aufgelistet, bevor man die Speise- und Getränkekarte überhaupt aufgeschlagen hat. Und das Bier hier wird dem gehobenen Anspruch des Lokals voll gerecht.

Noch ein Wort zum Essen. Während es beim Italiener vornhmer zuzugehen scheint, liefert die Küche in der Biergaststätte die heute als klassisch geltende und weit verbreitete Speiseauswahl zur Begleitung des Biergenusses. Und das ist ein Mix aus den tschechischen Bierkellerspezialitäten, wie etwa der links abgebildete Tatarák und amerikanischen Klassiker wie Burger oder Chicken Wings. Alles grundsolide, für den Bierumtrunk absolut geeignet, lecker, aber vielleicht dann doch nicht ganz in der erwarteten Spitzenklasse angesiedelt.

Ja, und dann sind da noch die Räumlichkeiten selbst. Für die Einrichtung hat man unter anderem die Deckenbalken des alten Fachwerkhauses freigelegt. Obwohl alles sehr großräumig ist, wirkt durch das Dachgebälk und die Holzvertäfelungen die Braugaststätte außerordentlich gemütlich und behaglich. Und das, ohne dabei in traditionellen und überladenen Bierkellerkitsch zu verfallen. Geschmackvoll modern eben. Genauso, wie man es erwarten darf. Und wie es in das neue Holešovice und die neu erstandene Marina an der Moldau passt. (DD)

Fliegende Ziegenbrauerei

Ein Bierkenner kommt nicht nach Prag, um irgendein urquelliges Industriebier zu trinken. Der Experte kennt sich in der Unzahl der lokalen Kleinbrauereien aus, die zeigen, was tschechische Braukunst zu leisten vermag. Aber der wirkliche Top-Experte kennt sogar die Kleinstbrauereien, von denen nicht einmal der Experte für Kleinbrauereien je gehört hat.

Wie zum Beispiel die Winzbrauerei Zbraslavská koza (übersetzt: Zbraslavsche Ziege) in der Kaškova 659/0 im etwas abgelegenen südwestlichen Stadtteil Zbraslav (Prag 16), deren Logo – wie der Name nahelegt – eine putzige kleine Karikatur einer Ziege ist. Und die ein ausschließlich von Frauen betriebenes Unternehmen ist. Das ist gleichermaßen emanzipiert modern und traditionell. Denn vor dem Aufkommen von Großbrauereien im 19. Jahrhundert braute sich fast jede Hospoda im Hinterraum ihr eigenes Bier und das Brauen besorgte dann fast immer die Frau des Wirtes. Heute ist das Brauen insgesamt eine Art Männerdomäne geworden. Aber so muss es ja nicht sein! Und hier in Zbraslav ist es so auch nicht!

Also zurück zur Brauerei Zbraslavska koza. Die gehört Hana Křenková (im Bild rechts im roten Sweater bei der Kundenberatung), die sie zusammen mit ihrer Tochter Dominika (die sich auch um die Publicity in den sozialen Medien kümmert) betreibt. Beide (siehe hier Seite 16) haben nie eine reguläre Ausbildung als Brauer genossen, sondern sind Autodidakten. Der Bierqualität schadet das nicht. Im Gegenteil: Das Bier dieser Brauerei kann sich mit jedem anderen Profibier mit Leichtigkeit messen. Wie gesagt: Für den Top-Kenner ein Muss. Aber ganz aus dem Nichts kam die Expertise auch nicht. Hier in dem kleinen und unscheinbaren Haus der Brauerei eröffnete nämlich 1936 der Urgroßvater von Hana Křenková, Antonín Černý (nach dem das Haus U Černých benannt ist), ein ehemaliger Küfer bei der großen Staropramen-Brauerei, eine kleine Dorfkneipe mit Bierladen und Abfüllanlage, die dann zuerst an Sohn Karel ging, der sie wiederum an Enkel Antonín vererbte. Das mit dem Bier lag irgendwie in der Familie.

2014 revitalisierte Hana Křenková das Biergeschäft, das zunächst nur gelegentlich für die Nachbarschaft aufmachte, dann aber immer erfolgreicher wurde, bis man 2017 beschloss, es auch mit dem Brauen zu versuchen. Wer den sich lohnenden Weg hierher findet wird zunächst einmal zwei Dinge vermissen. Erstens: Es ist keine Kneipe und man sieht auch keinen Ausschank. Tatsächlich gibt es nur zwei kleine Verkaufsräume. Zweitens: Man sieht keine Brauanlage. Dafür ist die Kleinstbrauerei noch zu klein. Die Zbraslavská koza ist ein Beispiel für eine sogenannte Fliegende Brauerei (Létající pivovar). Das ist ein neuerer Trend in Tschechien. Begabte Bierbrauer schaffen sich keine teueren eigenen Apparaturen an, sondern nutzen Leerlaufzeiten existierender Brauereien, um dort (gegen vergleichsweise geringe Gebühr) ihre eigenen Bierrezepte realisieren zu können.

Mutter und Tochter Křenková brauten ihr Bier zunächst in der Anlage der 2012 gegründeten Familienbrauerei Zichovec in der nordwestlich gelegenen Ortschaft Louny, seit einiger Zeit wird es aber in der 2018 gegründeten Brauerei Hulvát im südböhmischen Truskovice hergestellt – ebenfalls ein Familienunternehmen, aber – da es sich bei den Betreibern um zwei Brüder handelt – rein männlich geführt. Wieder in Zbraslav, wird das frisch gebraute Bier dann in große PET-Flaschen gefüllt, die mit dem liebevoll gestalteten Ziegen-Etikett (mit Frischedatum) beklebt werden. Es gibt im Laden meist zwei Sorten Helles Bier, eines mit 11° und eines mit 12° Stammwürze. Aber es gibt ab und an auch Sondereditionen, wie zum Beispiel ein Weihnachts-Ale. Die kann man natürlich im kleinen Laden in Zbraslav (und bei immer mehr Straßen- und Stadtfesten in der Umgebung) kaufen. Seit neuestem gibt es sogar die Möglichkeit, sich Bier im Laden zapfen zu lassen! Noch ein Grund, mal hinzugehen!

Ist man erst einmal im von außen unauffälligen Laden selbst, hört man mit dem Kaufen sowieso nicht auf, denn neben dem eigenen Bier kann man hier auch Unmengen von Biersorten kaufen, die ebenfalls von Klein- und Kleinstbrauereien stammen, und die man sonst nur selten in dieser Häufung findet. Hier dringt man in die Tiefen der tschechischen Bierkunst ein. Und das Ganze kommt an. Mittlerweile gibt es sogar Merchandize in Form von Zbraslavská koza-T-Shirts zu kaufen. Es fängt vielleicht klein an: Aber Frauen-Power zeiht wieder ins Biergeschäft ein! Man würde sich nicht wundern, wenn man bald auch über Zbraslav hinaus von den Damen Křenková und ihrer Fliegenden Ziegenbrauerei mehr hören würde. (DD)

Cheesus Crust meets Goostav Husa

Ja, die sich nahenden Weihnachtstage sind die Zeit, in der man der Geburt von Jesus Christus gedenkt. Aber nicht deshalb geht es heute um das amerikanische Restaurant Cheesus Crust, dessen Name ja gerade in dieser Saison zu irritierenden Verwechslungen einladen könnte. Denn nicht nur der Name ist bis zum Punkt des leicht frivolen originell, sondern vor allem das, was man hier kulinarisch und in Sachen Ambiente geboten bekommt.

Um das zu genießen, muss man in die Záhřebská 634/13 im Stadtteil Vinohrady gehen. Hier öffnete das Bistro im American Style im Mai 2021 seine Tore. Der Gründer war in der kulinarischen Szene schon lange kein Unbekannter mehr: Erik Zlámal. Der hatte eine zeitlang sogar die Regionale Leitung von Starbucks in ganz Tschechien und Südpolen unter sich. Danach leitete er Tschibo in ganz Tschechien. Bei solch einem Lebensweg stellt man sich irgendwann die Frage, ob man Karriere machen will, oder ob es einem um das Essen und die Kochkunst geht. Zlámal entschied sich für kreative Kulinarik. Unter dem Firmennamen Take Eat EZ American BBQ & Deli machte er 2016 einen Lieferservice auf und betrieb einem Foodtruck (mit Räucherwagen als Anhänger), der ihn auf allen Straßen- und Uferfesten der ihn bereits zur Legende machte. Bei Foodtruck-Wettbewerben gewann er immer wieder Preise. Mit Ehefrau Petra zog er so durchs Land. Vor allem auf Open-Air-Rock- und Pop-Festivals wurden die beiden als Sensation gefeiert. „Auf dem Festival kamen die Leute ruhig sogar dreimal am Tag zu uns“, sagte vor einiger Zeit rückblickend der Presse.

Und die Presse lobte ihn nun zurecht, dass er den Mut aufgebracht hatte, noch während der Covid-Pandemie sein neues nicht-fahrbares Restaurant zu eröffnen, als es die Regierung geradezu leidenschaftlich darauf anlegte, Gastronomiebetriebe zu piesacken. Das scheint man auch sonst zurecht zu honorieren. Restaurant und Lieferservice/Foodtruck sind übrigens unter seiner Dachfirma Wod & Rest zusammengefasst.

Und dann kam dazu die köstlich-blasphemische Idee, das neue Restaurant Cheesus Crust zu nennen. Man denkt das gleich an Jesus Christ Superstar. Aber es geht um die käsigen Krusten (Cheese Crust) und krustigen Käse, die man zum Beispiel bei denn unzähligen Varianten an Burgern findet, die man hier bestellen kann. Der Name als solches ist eine Idee, die es zugegebenermaßen schon in Amerika gab, sich dort aber nur auf die typische Pizza mit Käserand bezog. Hier in Prag versteht man es, sehr originelle Käsekrusten auch in andere Spezialitäten einzubauen, inbesondere in Burger.

Bei den Burgern zum Beispiel. Im Burgergewerbe, das ja in den letzten Jahren einen qualitativen Höhenflug durchgemacht hat, brilliert das Cheesus Crust, aber nicht nur dort. Alles, was Southern Style oder sonstwie traditionell amerikanisch ist, gibt es in fulminanter Auswahl. Sandwiches (oft mit Pastrami), Ribs, Chicken Wings. Die Karte ist ständig im Fluss. Selten findet man noch das, was es vor zwei Wochen noch gab. Daran merkt man, dass hier kreative Handarbeit und keine normierte Produktion am Werke ist. Alles ist immer frisch gemacht! Spezielle Festtage erfordern spezielle Gerichte, etwa den Truthahn zum Thanksgiving, die Kürbis-Kokosnuss-Suppe für Halloween oder die Gans zu Sankt Martin, die in Form eines Riesenburgers namens Goostav Husa einherkommt -nach Cheesus Crust wieder ein ikonoklastisch verballhornter Namen, anspielend auf den ehemaligen kommunistischen Staatschef Gustav Husák (Anm.: das tsch. Wort „Husa“ heißt im Dt. „Gans“).

Am Wochenende veranstaltet man leckere Brunches, wobei ab und an (also nicht immer) das von Elvis Presley so geliebte Erdnussbutter-Banane-Bacon-Sandwich serviert wird, eine Kalorienbombe, deren regelmäßiger Genuss erklärt, warum der große Sänger nur 42 Jahre alt wurde. Leider haben wir immer den richtigen Zeitpunkt verpasst, um dieses Sandwich genießen zu können. Gibt es nämlich nicht immer. Aber wir versuchen es immer mal wieder. Aber auch, wenn er mal nicht im Angebot ist, gibt es Frühstücke (Beispiel im Bild links), die reichhaltig an Genusspotential und Kalorien sind.

Und zum guten Essen gehört natürlich auch gutes Trinken. So gut amerikanisch hier die Esskultur ist, beim Bier hört der Spaß auf. Das geht nur lokales tschechisches Bier, und zwar nicht irgendeines. Das Bier im Cheesus Crust stammt von der bekannten, nördlich von Prag gelegenen Kleinbrauerei Únětický pivovar, über die wir bereits hier lobend berichteten. Aber man kann auch amerikanische Whisky oder äußerst originelle hausgemachte Kalt- und Heißgetränke (zu Halloween z.B. den Kürbis Latte) jeder Art probieren. Und natürlich auch Cocktails wie diese exzellente Bloody Mary, die passend zum Gesamtangebot mit einem schönen Stück Gebratenen Speck garniert ist…

Das ganze kann man im Sommer draußen an gemütlichen Holztischen genießen oder drinnen im kleinen Gastraum. Man kann sich natürlich auch etwas liefern lassen oder ein Take-away mitnehmen (was in covid-Zeiten immer häufiger der Fall ist). Aber dann verpasst man die urige Gaststube, die dem Besucher noch einmal vor Augen führt, dass es sich um einen echten tschechischen Familienbetrieb im „American style“ handelt. Die Tocher von Ehepaar Zlámal hat wohl die gemalten Wanddekorationen erschaffen, die die holzgetäfelten (daher gemütlich wirkenden) Wände zieren.

Wer meint, amerikanische Populär-Küche könne nicht originell, hyperdelikat und vielseitig sein, der kann sich außerhalb Amerikas wohl nirgendwo mehr eines Besseren belehren lassen als hier. Möglicherweise nicht einmal in Amerika selbst…Das Cheesus Crust ist ein Hort der Kreativität und gehört – vergleichbar mit dem ganz in der Nähe gelegene Burger-Restaurant Kaiser Franz (wir berichteten hier), das auch aus einem Foodtruck-Stand hervorging – zu den absoluten Top-Adressen in Sachen Burger und Co.! Guten Appetit! Enjoy your meal! Dobrou chuť! (DD)

Bier mit öffentlicher Unterstützung

Im späten 19. Jahrhundert entstand so etwas wie eine moderne Stadtverwaltung und Stadtregierung in Prag. Sie bemühte sich um die Versorgung der Bürger mit den notwendigsten Dingen, wie zum Beispiel sauberes Wasser. Aber welcher Tscheche trinkt schon Wasser? Also kamen die Stadtväter 1895 in der damals noch nicht zu Prag gehörenden Stadt Holešovice (heute Prag 7) auf die Idee, man müsse doch das Bierbrauen stärker unterstützen. Dem verdanken wir ein schönes Stück Architektur im Stadtteil, aber ansonsten zeigte sich mal wieder, dass gut gemeinte Staatseingriffe nicht immer nur Gutes bewirken…

In jenem Jahr beschloss der Rat, dass mit seiner Unterstützung eine (immerhin private) Aktiengesellschaft eingerichtet werden solle, damit es endlich eine richtige Großbrauerei geben möge. Und so konnte 1897 die riesige Bürgerbrauerei (měšťanský pivovar) auf einem für andere Brauereien unerschwinglich großen Areal von 36.000 Quadratmetern an der U Průhonu 800/13 (Ecke Komunardů) eröffnet werden.

Die Unternehmensleitung übertrug man Karel Vendulák, der bereits in der Altstadt die Brauerei U Medvídků (Zum Bärchen) besaß, über die wir hier schon berichteten. Man sieht heute noch an dem großen Schornstein (Bild rechts), wie industriell hier nun das Braugewerbe betrieben wurde. Schon im ersten Jahr konnte der Betrieb 56.000 Hektoliter vom guten Gerstensaft verkaufen, das sich 1914 schon auf 160.000 Hektoliter steigern ließ. In den Bilanzen las sich das auch gut, aber als Nebeneffekt gingen fast sämtliche kleinen Brauereien im Orte (meist nur Kneipen, die im Hinterraum brauten, was sie ausschenkten), von denen es bis dato viele gab, pleite.

In der Ersten Republik exportierte man sogar kräftig ins Ausland – bis hin nach Chicago. 1948 erfolgte die nächste Stufe der Staatsintervention. Die Brauerei wurde von den Kommunisten verstaatlicht und einem großen staatlichen Brauereiverband unterstellt. Gleichzeitig wurden noch mehr kleine Brauereien in Holešovice, in Prag, im ganzen Land gewaltsam geschlossen. Dadurch stieg der Output der nunmehr Pražské pivovary (Prager Brauereien) genannten Měšťanský pivovar (trotz des Verlustes kaufkräftiger westlicher Märkte) noch einmal auf 400.000 Hektoliter pro Jahr. Allerdings waren sich alle Bierfreunde des Landes einig, dass die Qualität merklich schlechter wurde – es gab ja schließlich auch keine Konkurrenz mehr, die Anstrengungen zur Geschmacksverbesserung hätte antreiben können.

Der Kommunismus landete 1989 auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die Brauerei wurde nun privatisiert und 1990 vom englischen Traditionsbrauer Bass übernommen. Der modernisierte den durch Staatswirtschaft heruntergekommenen Laden. So war die Brauerei die erste im Lande, die Mitte der 1990er Bier in modernen Stahlfässern lieferte. Das nutzte aber nichts. Der vorherige Imageschaden war zu groß. 1998 wurde die Produktion von Bier hier eingestellt. Und der Stadtteil Holešovice weist – als Langzeiteffekt der Staatsintervention – immer noch eine der geringsten Dichten an Kleinbrauereien in Prag auf (Ausnahme hier).

Aber immerhin gibt es noch den großangelegten Gebäudekomplex. Mälzerei, Brauerei, Kornkammer, Maschinenraum, Verwaltungsgebäude – sie sind alle noch erhalten. Entworfen wurden sie in einem Guß von den Architekten Josef Bertl und Otakar Bureš (siehe auch hier), die dabei in einem geradezopulenten Historismus schwelgten.

Heute sind hier unzählige Büros und sogar eine Arztpraxis angesiedelt. Alles wurde luxuriös renoviert und ist schön anzuschauen. Die Atmosphäre kann man in eine Café mit Außengastronomie bewundern. Man betritt des Hof der dem Stil der böhmischen Renaissance nachempfundenen Gebäude durch einen herrlichen, einer Burg ähnelnden Toreingang mit putzig bezinnten Türmchen. Das hat was! Heutige Industriearchitektur strahlt in den meisten Fällen nicht nicht mehr solch eine gediegene Kultiviertheit aus. Immerhin hat so der Ratsbeschluss von 1895 auch etwas Positives hinterlassen.

Und überall sieht man das Prager Stadtwappen und Insignien, die alten Zunftzeichen der Brauer nachgebildet sind. Das gilt nicht nur für die Außenfassaden, sondern auch für die Innenräume, wo sie zum Teil noch mit neo-barockem Stuckwerk umgeben sind (Bild rechts aus der Arztpraxis). An der Ausstattung hat man damals jedenfalls nicht gespart. Und dass hier kein Bier mehr gebraut wird, muss niemanden erschüttern. Die Befürchtung von 1895, dass ohne öffentliche Intervention den Pragern das Bier ausgehen könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Das Prager Brauereiwesen ist auch so immer noch äußerst lebendig! (DD)

Coole Brauerei, gut gemanagt

Ja, es sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Maschinenhalle aus. Aber es ist sorgfältig designt und soll ein wenig an amerikanischen Retro-Look erinnern Und es ist richtig cool. Schaut man sich im Publium um, merkt man, dass man alt geworden ist. Der Brauereiausschank Dva Kohouti (Zwei Hähne) ist nämlich ohne Zweifel das Paradies für die Jungen und die Hipsters im Stadtteil Karlín. Selten sieht man einen Laden, der so brummt.Und außerdem erinnern die gleißenden modernen Braukessel daran, dass man hier zurecht frischen und exzellenten Gerstensaft erwarten darf.

Karlín – das war einmal ein etwas heruntergekommenes Industrie- und Arbeiterviertel. Das änderte sich recht abrupt durch das Hochwasser von 2002. Das richtete (wegen der ungünstigen Lage an einer Moldau-Uferebene) so ungeheuere Schäden an, dass man von der Pike an kräftig wiederaufbauen und renovieren musste. Alles erstrahlte danach in neuem Glanz. Und Dank der schönen alten Altbauten (viele Jugendstil!) wurde es darob so richtig gentrifiziert. Nicht jedermann kann sich mehr leisten, hier zu wohnen. Das veränderte wiederum die Kneipenkultur des Viertels. Denn genau deshalb, weil Karlín nun das hippe und leicht alternative Trendviertel wurde, bedurfte es auch einer authentisch dazu passenden Szenekneipe.Und mit dem im Dezember 2018 eröffneten Dva Kohouti in der Pobřežní 81/32 hat das Publikum sie nun zweifellos gefunden!

Das verdanken wir dem Brauunternehmer Adam Matuška, der auch Mitbesitzer der kleinen, aber bereits landesweit bekannten, Familienbrauerei Matuška (Pivovar Matuška) ist, die 2009 von seinem Vater Martin Matuška im 30 Kilometer westlich gelegenen Ort Broumy gegründet wurde. Die ist mittlerweile ein Star der Kleinbrauerei-Szene. Diese Herkunft verpflichtete zu Qualität. Adam Matuška tat sich dazu mit dem Super-Profi-Zapfer Lukáš Svoboda zusammen, der es zuvor im Jahre 2017 sogar zum offiziellen Weltmeister im Pilsner-Zapfen gebracht hatte – eine Meldung, die damals landesweit Schlagzeilen machte.

Der eine kümmert sich um das Bier, der andere um die Organisation des Ausschanks. Das hat sich schon in dem Logo niedergeschlagen, ein diagonal in eine rote und blaue Hälfte aufgeteilter Kreis mit dem Namenszug. Sonst nichts. Das „warme“ Rot symbolisiert die Hitze des Brauens (das tschechische Wort dafür ist vařit, was soviel wie kochen bedeutet). Das „kalte“ Blau steht für den Ausschank bzw. das Zapfen des nunmehr kalten Getränks. Ausgedacht hat sich das die bekannte Agentur Studio Najbert. Das Logo ist einprägsam und sieht modern aus. Weil es rund ist, passt es auch gut auf den werbewirksamen Bierdeckel (Bild oberhalb links).

Das Konzept dem Dva Kohouti sieht zunächst so simpel aus, wie die spartanisch anmutende Einrichtung auf glänzendem Metall und einfachen Holzbänken- und -tischen. Aber es ist hochprofessionell. Anspruch ist es, das Bier, das morgens gebraut ist, ultrafrisch schon am Nachmittag zu servieren. Dazu wurde unter Svobodas Anleitung eine große Zapfanlage an der langen Theke entwickelt, die 9 Zapfhähne hat und zum Industriedesign des ganzen Lokals passt. Hier wird mit Power gezapft.

Und Svobodas Zapfmanagement ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Braugaststätte. Innen im Saal gibt es rund 100 Sitzplätze, aber das sagt gar nichts über den Bierkonsum aus, denn die Gäste stehen auch in Massen mit ihrem Bier in der Hand und unterhalten sich köstlich. Der Laden ist normalerweise zum Bersten voll. Aber niemand muss lange auf sein Gezapftes warten. An der langen Zapftheke ist alles arbeitsteilig organisiert – erst Bestellung machen und Coupon bekommen, Coupon abgeben, Bier wird gezapft und am Ende hat der Gast ein neues volles Glas in der Hand. Ruckzuck geht das. Selbst wenn lange Schlangen warten. Ja, Bierlogistik muss gekonnt sein!

Kommen wir zum Bier selbst: Dafür hat Adam Matuška den Brauer Lukáš Tomsa angeheuert, der sich für das stets angebotete eigene Hausbier Místní Pivo (das heißt übersetzt ungefähr „örtliches Bier“) verantwortlich zeigt. Das ist ein sehr angenehm samtiges Lagerbier. An besonderen Feiertagen wird noch eine Spezial-Hausmarke hinzugefügt. Darüber hinaus bietet das Dva Kohouti zusätzlich immer etliche Biere aus dem Sortiment der (ja irgendwie familär verbundenen) Brauerei Matuška, die wir bereits oben erwähnten. Und dann gibt es immer wieder temporär angebotene Biere aus richtigen kleinen, aber kultigen Kleinstbrauereien. Diese Mischung aus Kleinbrauerei und Craft Beer-Kneipe macht die Dva Kohouti zum Renner. Es gibt immer Abwechslung.

Effizienter wird die Bierausschänkerei, die voll mit der Trinkgeschwindigkeit mithält, durch den Verzicht auf Nebensächliches. Essen zum Beispiel. Das gibt es hier nicht. Nicht einmal ein Tütchen Erdnüsse können Sie hier bestellen. Das heißt, sie können es bestellen, aber Sie bekommen keins. Vom Bierhaus-typischen Gulasch mit Knödeln ganz zu schweigen. Normalerweise wäre das absatzschädigend, weil man ohne Zwischensnack auch weniger trinkt, was nicht im Interesse einer Brauerei sein kann. Aber keine Sorge: Auch dieses Problem wurde Dank geschickter und professioneller Arbeitsteilung gelöst. Dazu muss man sich die Sache aber von außen anschauen.

Das Dva Kohouti ist nämlich in einem hufeisenförmigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert untergebracht. Dadurch hat es einen schönen abgeschlossenen Innenhof. Wenn die sonnigen Jahreszeiten einsetzen, können hier noch einmal rund 150 Gäste auf einer Holzbank an einem Holztisch sitzen. Aber natürlich gibt es auch hier die vielen Stehtrinker, sodass auch hier alles bald proppenvoll ist. Und gegenüber am Hof findet man eine kleine Gaststätte namens Bufet. Drinnen kann man einkehren, weil es ein Restaurant mit gehobener tschchischer Küche ist. Zugleich gibt es aber auch kleiener Imbisse, die zur Straße außen hin sogar durch Fenster gereicht werden. Warum gräbt das Restaurant, in dem auch Dva-Kohouti-Bier servert wird, dem Dva Kohouti nicht das sprichwörtliche Wasser ab? Richtig! Das Ganze – Brauerei und Restaurant gehören ein- und demselben Besitzer, der Gastronomiegruppe Ambiente, die sich auf innovative Kneipen- und Restaurantformate spezialisiert hat.

Und dann ist da noch der Zusatzvorteil eines schönen Innenhofes. An besonderen Tagen (meist Wochenenden und Feiertage) gibt es hier lustige Feste und Parties. DJ treten auf, aber auch Live-Bands. Dann wird die Kulinarik-Palette noch einmal um exotische Food-Trucks bereichert. Wir sind auf das Dva Kohouti in jenem günstigen Moment, als kürzlich das große Oktoberfest stattfand. Dös war a b’suffane Gaudi! Viel Umpa-Musik und Tschechen als das verkleidet, was sie so als Bayern wahrnehmen. Und das in Zeiten, da der unsägliche Ministerpräsident in Bayern dafür gesorgt hat, dass das Oktoberfest im Ursprungsort München dieses Jahr wegen Covid-Panik nicht stattfinden durfte. Münchner, wenn ihr noch richtig feiern wollt, kommt nach Prag!

Was dann neben einem Bierzelt aufgefahren wurde zur Stärkung von Leib und Seele, konnte sich sehen lassen. Es wurde von Brauer Tomsa zum Tage ein besonderes Festbier gebraut, das sich in keiner Weise vor dem verstecken musste, was man in München auf der Wiesn serviert bekommt. Und es wurde, wiederum professionellst organisiert, ein Fressstand mit echt authentischen bayerischen Spezialitäten u.a. wie Leberkäse, Brezeln (eine Rarität in Prag!) oder Bratwurst.aufgebaut Auf dem Photo links sieht man das Festbier mit einem herrlich aromatischen Obazda und einer Currywurst. OK, letztere ist nicht wirklich eine bayerische Spezialität, aber immerhin deutsch. Und richtig lecker war sie. Man sieht, Deutschland kriegt auf breiter Front Konkurrenz in Prag!

Keine Frage: Das Dva Kohouti ist eine Top-Adresse, wenn man sich im hippen Stadtteil Karlín mal so richtig gut amüsieren will. Die coole Ausgesaltung des Gastraums (nur aufgelockert durch die in einer Ecke neben der Theke versteckte lustige Karikatur zweier Hähne – Kohouti), das Bier, die Stimmung – das Dva Kohouti hat sich durch Qualität und gutes Management den Kundenzuspruch wohl verdient. (DD)

Ein Bier auf Eliška!

Keine anomyme Hotelkette. Nein, ein Hotel aus der guten alten Zeit. Plüschig und pompös, wie es sein soll. Und drinnen eine Top-Brauerei. Schon nach wenigen Schlucken des guten Gerstensafts verspürt man den Wunsch, sich bei voller Geschwindigkeit im Auto den Fahrtwind um die Nase zu wehen lassen!

Das sollte man sich im Interesse der Verkehrssicherheit natürlich verkneifen, um lieber gemütlich sitzend weiterzutrinken. Aber jetzt bedarf es vielleicht doch einer Erklärung, wie Hotel, Bier und Rennfahrerei zusammenhängen. Beginnen wir im Jahre 1908. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Jíloviště, rund 18 Kliometer vom Prager Stadtzentrum entfernt. In diesem Jahr wurde hier die große Autorennbahn Zbraslav–Jíloviště (Závod Zbraslav–Jíloviště) eröffnet. Und zwar in Gegenwart von Erzherzog Karl, der später von 1916 bis 1918 der letzte Kaiser des Habsburgerreichs werden sollte.

Die Rennbahn erstreckte sich über 5,6 zum nördlich benachbarten Zbraslav an der Moldau. Insbesondere in den 1920er Jahren war der Motorrennsport zu einer Massenmanie geworden, die riesige Volksmassen anlockte. Rennfahrer waren die Mega-Stars der Zeit. Und davon profitierte der Ausflugstourismus in Jíloviště. Und da die Besucher gut nächtigen wollten, entstanden ungewöhnliche Prachthotels. Dazu gehörte das 1921/22 erbaute Hotel Hubertus, aber vor allem das Hotel Palace Cinema aus dem Jahre 1926, das das erste Haus am Orte wurde. Eigentlich hieß es nur Hotel Palace, aber da es neben der Aussicht auf Wagenrennen auch noch ein Kino bot, was damals fast so sensationell war wie Rennwagen, bürgerte sich der Name Palace Cinema ein, dessen Schriftzug heute über dem Dach prangt.

Nun: Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Und auch auf der Rennbahn fand das letzte Autorennen im Jahr 1931 statt. Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola schaffte dabei auf seinem Mercedes-Benz SSKL den Streckenrekord von 2 Minuten und 42,73 Sekunden, was nie wieder eingeholt werden sollte. Danach wurde die Rennstrecke ins normale Straßennetz integriert und ist heute teilweise mit der Autobahn D4 identisch. Vom Hotelvorplatz kann man die Auffahrt auf die Autobahn gut erkennen (Bild links). Die Zeiten des großen Massenandrangs waren damit auch für das Hotel zu Ende.

Es wurde ruhiger. Das Hotel an der Všenorská 45/0 verfiel in einen Dornröschenschlaf. Immerhin findet seit 1967 an jedem Wochenende vor Ende der Schulsommer eine Oldtimer-Rallye auf Teilen der alten Rennstrecke statt, die vom Veteran Car Club Praha organisert wird. Das ist eine Mordgaudi und bringt seither auch für einen Tag Gäste nach Jíloviště. Aber um ein solches Hotel am Leben zu erhalten, bedarf es mehr. Es begann in den 1990ern, als der Kommunismus beendet war. Da wurde erst einmal der Verfall, den die Planwirtschaft produziert hatte, gestoppt und es wurde renoviert. Die Inneneinrichtung strahlt seither, wie das Photo der Rezeption oberhalb rechts zeigt, eine Atmosphäre von Rennfahrernostalgie aus, die das Herz höher schlagen lässt.

Aber die echte Knüller-Idee wurde erst 2017 realisiert, nämlich die Eröffnung der Kleinbrauerei Ettore (Minipivovar Ettore Jíloviště). Ettore? Aber das klingt nicht sonderlich Tschechisch. Ist ja auch ein italienischer Name, genauer: der Vorname von Ettore Bugatti. Der war in den 1920er/1930er Jahren der große Rennwagenbauer schlechthin. Da es sich eigentlich um ein Hotel handelt, kann man natürlich auch sein Abendessen mit feinen Speisen mit Cocktails oder Wein genießen.

Wer aber als Ausflügler vorbeikommt, findet in dem wohl später angebauten, aber sehr authentisch wirkenden Wintergarten genau das Ambiente für alle, die Bier und Rennfahrerei gleichermaßen lieben. Man sieht es oben im großen Bild. Zu dem ausgezeichneten Bier kann man sich dann auch die etwas kruderen, aber passenden Klassiker der tschechischen Brauküche gönnen, wie etwa der eingelegte Hermelin (kein Nagetier, sondern die tschechische Variante des Camemberts), den wir im Bild rechts sehen, zusammen mit einem eigengebrauten milden Lagerbier mit Namen Ettore.

Da ist er wieder, der Bugatti. Alle vier angeboteten Biere haben nämlich einen Bezug zum Rennfahren. Etwa das halbdunkle Lagerbier Royale, das nach dem berühmten Bugatti 41 Royale benannt ist. Oder das ungefilterte Dunkelbier Black Bess, das dem legendären Bugatti 18 Black Bess seinen Namen verdankt. Passend dazu hängen an den Wänden und Säulen alte Plakate der Autorennen, die hier einst stattfinden, sowie allerlei passende Gerätschaften (etwa Zapfsäulen). Im Mittelpunkt stehen dabei aber die Rennfahrer der damaligen Zeit selbst. Sie werden ausführlich dargestellt und zieren in Rahmen das Etablissement.

Aber eine Person steht dabei unerreichbar über allen. Sie ist der der absolute Star und nach ihr ist auch das Bier benannt, auf das die Brauerei am meisten stolz ist, das mild-kräftige Pale Ale Eliška. Die Rede ist von Eliška Junková. 1926 hängte sie in ihrem Bugatti 35 alle männlichen Rivalen ab und gewann das Rennen Zbraslav–Jíloviště souverän. Unter den Unterlegenen befand sich übrigens auch ihr Ehemann Čeněk Junek, der damals zu den renommiertesten Rennfahrern des Landes gehörte. Junková stieg als nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch international als eine der ersten Frauen, in dem damals absolut männerdominierten Rennsport zu Weltliga auf. Ihr Mann nahm die Niederlage gelassen hin. Beide fuhren – auch zusammen – noch viele Rennen. 1928 beendete eine Tragödie die glückliche Ehe, denn Čeněk Junek wurde im Juli des Jahres der erste Rennfahrer, der am Nürburgring sein Leben ließ, während seine Frau auf der Tribüne saß. Die gab den Rennsport danach auf, gehörte aber zum Verkaufsteam von Bugatti und wurde Aushängeschild der Firma. Es folgten etliche andere internationale Geschäftstätigkeiten, bis die Kommunisten ihr umgehend nach der Machtergreifung 1948 ein internationales Reiseverbot auferlegten, das erst 1964 aufgehoben wurde. 1967 spendet sie übrigens den Preis für das heutige Oldtimer-Rennen hier. In Tschechien blieb sie auch nach ihrem Tod 1994 (im stolzen Alter von 94) eine Ikone und ein bewundertes Idol für alle emamzipierten Frauen.

Man kann stundenlang umhergehen, um an den Wänden die Geschichte dieser unbeugsamen und höchst bemerkenswerten Frau zu studieren, die hier groß in Ehren gehalten wird. Wer also hier in der Braugaststätte des Hotel Palace Cinema in Jíloviště einkehrt, sollte daher sein Glas mit dem guten Eliška erheben, um mit dem Eliška auf die große Eliška oben im Rennfahrer(innen)-Himmel zu trinken. (DD)

Bestes Bier im alten Bahnhof

Draußen vor den Toren der Stadt findet man nicht selten Kleinbrauereien, die wahre Perlen der Braukunst hervorbringen. Es wäre eine schmähliche Unterlassung, in diesem Zusammenhang die Brauerei von Řevnice (Pivovar Řevnice) nicht zu erwähnen.

Etwas südwestlich Prags fließt der kleine Fluss Berounka in die Moldau. Er ist in eine wunderschöne felsige Landschaft eingebettet, die zurecht bei Pragern als Naherholungs- und Wochenendausflugsgebiet populär ist. Eine Wanderung durch das Flusstal kann einen auch durch den malerischen Ort Řevnice führen, und dann sollte man unbedingt in der Brauereigaststätte halt machen. Wenn man dann ob des guten Trunkes und der guten Speisen des Wanderns müde ist, kann man bequem mit dem Regionalzug nach Prag zurück fahren, denn der kleine Bahnhof des Ortes liegt ganz nahe. Offenbar wurde er in den 1990er Jahren einige hundert Meter verlegt, denn ursprünglich befand sich der Bahnhof in ebenjenem Gebäude, in dem sich heute die Braugaststätte befindet. Das hübsche Gebäude aus dem Jahr 1862 stand eine Weile ungenutzt als der Bahnbetrieb hier aufhörte. 2018 gründete der Unternehmer und Investor Petr Kozák, der ein besonderes Faible für die Wiedernutzbarmachung historischer Gebäude hat, eine Aktiengesellschaft für die Brauerei, deren Vorsitzender er wurde. Dann begann man nach den Plänen des Architekten Tomáš Šantavý mit dem Umbau des Gebäudes, das nunmehr auf gelungene Weise den ursprünglichen Charakter eines Bahnhofs mit den Bedürfnissen eines modernen Gastbetriebs vereinte.

Und 2020 konnte man in dem neu gestalteten Gebäude (Adresse: Pod Lipami 71/0) die Eröffnung feiern. Die Leitung des Betrieb übernahm der aufstrebende junge Brauer Roman Řezáč, der neben seinem Talent für die Braukunst auch eine Managementausbildung mitbrachte. Ihm stellte man noch den erfahrenen lokalen Braumeister Ladislav Chládek zur Seite. Das professionell agierende Team machte die Gaststsätte und Brauerei umgehend zum Erfolg. Im ersten Jahr gingen immerhin 900 Hektoliter über die Theke – nicht schlecht für eine Brauerei, die nur ihre eigene Gaststätte bedient. Die örtliche Bevölkerung der Umgebung und die vorbeipassierenden Wanderer und Radler bilden das ökonomische Rückgrat der Brauerei – was aber nur funktioniert, wenn sich der gute Ruf hoher Qualität hinreichend herumspricht.

Und über die Qualität kann man sich nicht beschweren. Da ist natürlich an erster Stelle das hervorragende Bier zu nennen, das höchsten Standards entspricht. Es gibt eine Art „Grundangebot“ von drei Sorten. Dazu gehört das leichte helle Bier mit 10° Stammwürze (Desítka) mit seienm milden Geschmack, das wir im Bild weiter oberhalb bewundern können. Dazu gibt es etwas herbere und rötlichere Bier mit 12° Stammwürze (Bild links) und ein Pale Ale (Golden Ale) mit ebenfalls 12° Stammwürze. Pale Ales sind – obwohl keine traditionell heimische Biersorte – in den letzten Jahren vor allem unter jüngeren Menschen sehr populär geworden. Aber eigentlich stehen nie nur drei Sorten Bier auf der Getränkekarte. Denn die Pivovar Řevnice legt wert auf schnell wechselnde Tagesangebote. man kann in relativ schneller Folge hier einkehren und bekommt wieder etwas neues. Rund sechs Sorten sind es fast immer. Ab und an wird auch ein Bier einer nahegelegenen Kleinbrauerei auf die Liste gesetzt. Variatio delectat! Das könnte das Motto der Brauerei sein. Und man erlebt bei keinem der Biere eine Enttäuschung.

Man scheut sich auch nicht, geradezu ulrta-leichte Biere mit geringer Stammwürze von 7 oder 8° zu brauen, die Tschechen normalerweise etwas belächeln, weil das das Marktsegment der fitness-bewussten Radfahrer das zu schätzen weiß, für die das Berounkatal ein wahres Ausflugsparadies ist. die Vielseitigkeit im Genuss zeigt sich nicht nur in der Bierauswahl, sondern auch bei der Speisekarte. Die präsentiert nicht nur die tschechischen Klassiker wie eigelegten Käse oder Gulasch mit Knödeln, sondern auch Gerichte internationaler Provenienz. Und das auch in ständigem Wechsel des vielseitigen Angebots. Das ist weder Bier noch Essen von der Stange, sondern frisch zubereitete Cuisine – deftig, aber gut!

Der Hefeknödel mit Pflaumenmus und geriebenen Quark (eine tschechische Spezialität), den wir beim letzten Besuch aßen (Bild links) war dann noch der krönende Abschluss. Zugegebenrmaßen recht reichhaltig und somit nur bedingt für den Beginn einer Wanderung zu empfehlen. Aber schöner kann man sich den Abschluss eines Ausflugs dafür kaum vorstellen. Der Bahnhof mit den Regionalzug nach Prag ist ja in unmittelbarer Nähe.

Und der alte Bahnhofsbau hat eine mehr als würdige Nutzung bekommen Dank Roman Řezáč und seinem Team in der Pivovar Řevnice. Die kann man übrigens auch bei schlechtem Wetter besuchen, denn sie verfügt nicht nur über den großen und einladenden Außenbereich, den wir oben im großen Bild sehen können. Auch innen wird die Braugaststätte ihrem Anspruch gerecht. Die hohe Bahnhofshalle wurde zu einer sehr modernen, aber auch sehr gemütlichen Gaststätte umgestaltet, die jederzeit zum Besuch einlädt. Alles in allem: Der Besuch wird empfohlen! (DD)

Besser als die Burg: Die Brauerei Braník

Hier wurde er dereinst in gigantischen Massen gebraut, der gute tschechische Gerstensaft. Heute verfallen Teile des imposanten Gebäudes, andere sind renoviert und harren einer neuen Nutzung oder haben sie bereits gefunden. Nur das alte Wappen der Firma thront noch triumphierend über dem Ganzen, so wie bei der Eröffnung im Jahr 1900.

In diesem Jahr wurde eine Gesellschaft kleiner Brauer gegründet, um gemeinsam eine große Braustätte ins Leben zu rufen. In dieser Zeit fand in Prag in der Bierbranche eine Unternehmens-Konzentration statt, die den unzähligen Kleinbrauern zum Verhängnis zu werden drohte. Durch ihren Zusammenschluss traten sie dieser Entwicklung energisch entgegen. Es wurden 3000 Aktien zu je 200 Kronen ausgegeben, um eine neue Braugesellschaft zu finanzieren. Der Kurs der Aktie stieg schnell an. Als Standort für die neue Brauerei wählten sie den heute etwas heruntergekommenen kleinen Ortsteil Braník im südlichen Teil Prags aus. Zwei Jahre, im Jahre 1900, später war das für damalige Zeiten riesige Brauereigebäude, das nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmers Václav Nekvasil (wir begegneten ihm bereits hier) erbaut worden war, fertiggestellt. Die Lage wurde gewählt, weil sich direkt neben der neuen Brauerei schon seit 1882 ein kleiner Bahnhof befand, dessen Kapazität nun von zwei auf vier Gleise erweitert wurde, damit das gute Nass auch schnell zum Kunden geliefert werden konnte. Das trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Brauerei als einem der „großen Spieler“ im böhmischen Biergeschäft bei.

Das von Nekvasil entworfene und errichtete Gebäude (in der Údolní 212/1 in Prag 4) war ein Riesenkomplex in einem mit Elementen des Jugendstils angereicherten Neo-Renaissance-Stil, der in einer Rekordzeit von nur 14 Monaten fertiggestellt wurde. Auf der Moldau-zugewandten Seite befand sich ein großes Verwaltungsgebäude (Bild rechts); dahinter – wie auf einer Leine aufgezogen – die Reihe der Fabrikgebäude der Brauerei. Die Frontseite, die in den nächsten Jahrzehnten durch neue Bauten ergänzt wurde, sieht schon grandios aus. Der Schriftsteller und Autor des berühmten Romans vom Guten Soldaten Švejk, Jaroslav Hašek, bemerkte einmal dazu, dass „der Blick auf das Panorama der Brauerei Braník weitaus aufregender … als der Blick auf das Panorama der Burgstadt“ sei. Gut gesagt, und auf jeden Fall sieht man heutzutage zurecht das Brauereigebäude von Braník als ein Industriedenkmal ersten Ranges an (das natürlich seit langem unter Denkmalschutz steht, der 1992 noch einmal auf eine strengere Stufe erhöht wurde).

Und der Blickfang des Komplexes ist zweifellos das große Wappen oder, modern ausgedrückt: Logo, der neuen Brauerei, den man im großen Bild oben sieht. Es ist in Stuck am südlichen Eckturm angebracht. Dort liest man auch die offizielle Bezeichnung der Brauerei: Společenský pivovar pražských sládků (Gesellschaftsbrauerei Prager Braumeister), was aber ein bisschen kompliziert und geschäftsmäßig klingt, weshalb sich bald der Begriff Braník Brauerei (Branický pivovar). Das Stuckwappen an der Fassade ist übrigens ein richtiges Kunstwerk. Kein Geringerer als der damals überaus bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) hatte den Entwurf dazu erstellt. Aleš war mit dem „Inner Circle“ der Brauer gut befreundet und hatte das Design bei einem kleinen Schwatz mit den Brauern eben einmal auf’s Papier gebracht. Er bekam dafür auch nur die rein symbolische Summe von 100 Kronen. Es war eher ein Freundschaftsdienst, aber es war auch gut gelungen und fortan der Stolz der Brauerei. Es zeigt ein gekröntes Wappen mit Brauutensilien, das gerahmt ist von zwei Engeln. Darüber thront der tschechische Nationalheilige Wenzel. Dem Stil der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, gab es dem überaus modernen Industriebetrieb einen Hauch von tradionalistischem Image, der in Böhmen einfach zur Bierkultur gehörte.

Im Zeichen des Heiligen Wenzel gedieh die Brauerei. Neben dem Hauptbestseller, einem hellen Lagerbier des Pilsener Typs, differenzierte man sich immer mehr aus, etwa durch die Produktion dunkler und heller Biere im bayerischen Stil. Sie überlebte selbst die dunklen Zeiten von 1938 bis 1945 einigermaßen unbeschadedt. Aber dann, im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Schon im Juli wurde die Brauerei der Inhabergemeinschaft weggenommen und verstaatlicht. Da die Tschechen gerne Bier trinken, ganz gleich, ob der Kommunismus herrscht oder nicht, lief die Produktion weiter. Man konnte sogar die Geschäftspalette erweitern. 1958 hatten nämlich Forscher der Brauerei die gesundheitsfördernde Wirkung des Hefekonzenrats Pangamsäure (in Deutschland meist als Bierhefe verkauft) entdeckt und daraus ein Produkt entwickelt, dass sich heute weltweit in Massen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Lange Zeit war die Braník Brauerei die einzige Brauerei, die so etwas vertrieb und eine Art Marktführer in Sachen Pangamsäure-Tabletten.

Auch die scheußlichen Dinge im Leben gehen einmal zu Ende. So gottlob auch der Kommunismus im Jahre 1989. Technologisch und in Sachen Marketing hatte die Brauerei in den trüben Zeit arg an wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und es bestand Modernisierungsbedarf. Bis ins Jahr 1995 gingen die Umbauarbeiten, dann hatte man eine wirklich moderne Brauerei gemäß höchsten. Inzwischen hatte die Privatiserung eingesetzt. Der Staat fasste zunächst mehrere Brauereien (neben Braník auch die Großbrauerei Staropramen nebst einigen kleineren Brauereien) zu einer zusammen und privatisierte das Ganze als Aktiengesellschaft Prager Brauereien AG (Pražské pivovary a.s). Die bekannten Biermarken produzierten trotzdem unter dem neuen Dach unter eigenem Namen weiter. Und so wurde weiterhin in Braník das Bier von Braník gebaut – und zwar in Rekorddimensionen. 1.124 Millionen Hektoliter Bier waren es alleine im Jahre 2006. Zudem holte man sich noch von der japanischen Großbrauerei Asahi (die übrigens – man glaubt es nicht! – älter ist als die von Braník) die Lizenz, deren Bier für den hiesigen Markt zu brauen. Das war schön, aber auch zuviel. Die Brauanlagen gaben das nicht mehr her. Und so wurde 2007 die Produktion des Braník-Biers in die Brauerei Staropramen (Pivovary Staropramen), die ihre riesigen Produktionsanlagen im Stadtteil Smíchov hat und die größte Brauerei in Prag und die zweitgrößte in Tschechien ist. Da sich das technisch leicht machen ließ und man sowieso geschäftlich unter einem Dach, nämlich dem der Prager Brauereien AG, war, ließ sich das leicht bewerkstelligen. Innerhalb des Aktienkonzerns behauptet sich Braník-Bier immer noch hervorragend im Mittelklassesegment und gehört zu den meistverkauften Bieren im Lande. Ach ja, die Form der Zusammenfassung mehrer Brauereien mit anschließender Privatisierung als Aktiengesellschaft sollte ursprünglich die Übernahme tschechischen Bieres (das ja Gegenstand besonderen Nationalstolzes ist) durch ausländische Unternehmen verhindern. Das klappte aber langfristig nicht, denn Pražské pivovary wurde 2012 an eine amerikanische Großbrauerei verkauft. Aber das Bier wird immer noch in Tschechien auf tschechische Art produziert, weshalb der Nationalstolz dadurch bisher kaum angekratzt wurde.

Soweit, so gut. Aber da war doch noch das eigentliche, sensationelle und demkmalgeschützte Gebäude der Brauerei, das nun ein wenig nutzlos in der Gegend herumstand. Dem sind alle diese Transaktionen zunächst einmal nicht gut bekommen. Das Gelände wurde 2007 von einem Investor übernommen, der auch mit den nötigen Umbauten für neue Nutzungen begann. Aber das geht sehr langsam voran. Ein Unternehmen des Maschinenbaus residiert im alten Verwaltungsgebäude, das sowie am besten in Schuss war. Einige andere Firmen (viel davon im Bereich Eventmanagement tätig) haben Teile der früheren Produtionsstätten angemietet. Andere Teile harren aber immer noch der Renovierung und sehen von außen zumindest recht bemitleidenswert aus. Man kann nur hoffen, dass eine nutzungs- und fachgerechte Renovierung auch dieser Bauteile bald erfolgt, und dass hier wieder Leben einzieht. Es sind wohl auch Wohnungen in dem Komplex geplant.

Eine gute Nachricht gibt es auf jeden Fall zu vermelden. Solch ein Gebäude sollte ja nicht zu sehr zweckentfremdet werden. Es wurde ja im Dienste des Bieres gebaut. Seit 2016 befindet sich die Mikrobrauerei Moucha (was soviel wie „Fliege“ heißt) auf dem Gelände, die interessante Biersorten biete. Denn der Trend läuft heute in eine andere Richtung als damals im Jahr 1900, als die große Brauerei hier ihre Pforten eröffnete. Exklusives aus kleiner hauseigener Brauerei ist in Sachen Bier wieder en vogue. Das ist gewiss keine schlechte Botschaft aus Braník. (DD)