Bier mit öffentlicher Unterstützung

Im späten 19. Jahrhundert entstand so etwas wie eine moderne Stadtverwaltung und Stadtregierung in Prag. Sie bemühte sich um die Versorgung der Bürger mit den notwendigsten Dingen, wie zum Beispiel sauberes Wasser. Aber welcher Tscheche trinkt schon Wasser? Also kamen die Stadtväter 1895 in der damals noch nicht zu Prag gehörenden Stadt Holešovice (heute Prag 7) auf die Idee, man müsse doch das Bierbrauen stärker unterstützen. Dem verdanken wir ein schönes Stück Architektur im Stadtteil, aber ansonsten zeigte sich mal wieder, dass gut gemeinte Staatseingriffe nicht immer nur Gutes bewirken…

In jenem Jahr beschloss der Rat, dass mit seiner Unterstützung eine (immerhin private) Aktiengesellschaft eingerichtet werden solle, damit es endlich eine richtige Großbrauerei geben möge. Und so konnte 1897 die riesige Bürgerbrauerei (měšťanský pivovar) auf einem für andere Brauereien unerschwinglich großen Areal von 36.000 Quadratmetern an der U Průhonu 800/13 (Ecke Komunardů) eröffnet werden. Die Unternehmensleitung übertrug man Karel Vendulák, der bereits in der Altstadt die Brauerei U Medvídků (Zum Bärchen) besaß, über die wir hier schon berichteten. Schon im ersten Jahr konnte der Betrieb 56.000 Hektoliter vom guten Gerstensaft verkaufen, das sich 1914 schon auf 160.000 Hektoliter steigern ließ. In den Bilanzen las sich das auch gut, aber als Nebeneffekt gingen fast sämtliche kleinen Brauereien im Orte, von denen es bis dato viele gab, pleite.

In der Ersten Republik exportierte man sogar kräftig ins Ausland – bis hin nach Chicago. 1948 erfolgte die nächste Stufe der Staatsintervention. Die Brauerei wurde von den Kommunisten verstaatlicht und einem großen staatlichen Brauereiverband unterstellt. Gleichzeitig wurden noch mehr kleine Brauereien in Holešovice, in Prag, im ganzen Land gewaltsam geschlossen. Dadurch stieg der Output der nunmehr Pražské pivovary (Prager Brauereien) genannten Měšťanský pivovar (trotz des Verlustes kaufkräftiger westlicher Märkte) noch einmal auf 400.000 Hektoliter pro Jahr. Allerdings waren sich alle Bierfreunde des Landes einig, dass die Qualität merklich schlechter wurde – es gab ja schließlich auch keine Konkurrenz mehr, die Anstrengungen zur Geschmacksverbesserung hätte antreiben können.

Der Kommunismus landete 1989 auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die Brauerei wurde nun privatisiert und 1990 vom englischen Traditionsbrauer Bass übernommen. Der modernisierte den durch Staatswirtschaft heruntergekommenen Laden. So war die Brauerei die erste im Lande, die Mitte der 1990er Bier in modernen Stahlfässern lieferte. Das nutzte aber nichts. Der vorherige Imageschaden war zu groß. 1998 wurde die Produktion von Bier hier eingestellt. Und der Stadtteil Holešovice weist – als Langzeiteffekt der Staatsintervention – immer noch eine der geringsten Dichten an Kleinbrauereien in Prag auf (Ausnahme hier).

Aber immerhin gibt es noch den großangelegten Gebäudekomplex. Mälzerei, Brauerei, Kornkammer, Maschinenraum, Verwaltungsgebäude – sie sind alle noch erhalten. Entworfen wurden sie in einem Guß von den Architekten Josef Bertl und Otakar Bureš (siehe auch hier), die dabei in einem geradezopulenten Historismus schwelgten.

Heute sind hier unzählige Büros und sogar eine Arztpraxis angesiedelt. Alles wurde luxuriös renoviert und ist schön anzuschauen. Die Atmosphäre kann man in eine Café mit Außengastronomie bewundern. Man betritt des Hof der dem Stil der böhmischen Renaissance nachempfundenen Gebäude durch einen herrlichen, zinnenbewehrten Toreingang mit bezinnten Türmchen. Das hat was! Heutige Industriearchitektur strahlt in den meisten Fällen nicht nicht mehr solch eine gediegene Kultiviertheit aus. Immerhin hat so der Ratsbeschluss von 1895 auch etwas Positives hinterlassen.

Und überall sieht man das Prager Stadtwappen und Insignien, die alten Zunftzeichen der Brauer nachgebildet sind. Das gilt nicht nur für die Außenfassaden, sondern auch für die Innenräume, wo sie zum Teil noch mit neo-barockem Stuckwerk umgeben sind. An der Ausstattung hat man damals jedenfalls nicht gespart. Und dass hier kein Bier mehr gebraut wird, muss niemanden erschüttern. Die Befürchtung von 1895, dass ohne öffentliche Intervention den Pragern das Bier ausgehen könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Das Prager Brauereiwesen ist auch so immer noch äußerst lebendig! (DD)

Coole Brauerei, gut gemanagt

Ja, es sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Maschinenhalle aus. Aber es ist sorgfältig designt und soll ein wenig an amerikanischen Retro-Look erinnern Und es ist richtig cool. Schaut man sich im Publium um, merkt man, dass man alt geworden ist. Der Brauereiausschank Dva Kohouti (Zwei Hähne) ist nämlich ohne Zweifel das Paradies für die Jungen und die Hipsters im Stadtteil Karlín. Selten sieht man einen Laden, der so brummt.Und außerdem erinnern die gleißenden modernen Braukessel daran, dass man hier zurecht frischen und exzellenten Gerstensaft erwarten darf.

Karlín – das war einmal ein etwas heruntergekommenes Industrie- und Arbeiterviertel. Das änderte sich recht abrupt durch das Hochwasser von 2002. Das richtete (wegen der ungünstigen Lage an einer Moldau-Uferebene) so ungeheuere Schäden an, dass man von der Pike an kräftig wiederaufbauen und renovieren musste. Alles erstrahlte danach in neuem Glanz. Und Dank der schönen alten Altbauten (viele Jugendstil!) wurde es darob so richtig gentrifiziert. Nicht jedermann kann sich mehr leisten, hier zu wohnen. Das veränderte wiederum die Kneipenkultur des Viertels. Denn genau deshalb, weil Karlín nun das hippe und leicht alternative Trendviertel wurde, bedurfte es auch einer authentisch dazu passenden Szenekneipe.Und mit dem im Dezember 2018 eröffneten Dva Kohouti in der Pobřežní 81/32 hat das Publikum sie nun zweifellos gefunden!

Das verdanken wir dem Brauunternehmer Adam Matuška, der auch Mitbesitzer der kleinen, aber bereits landesweit bekannten, Familienbrauerei Matuška (Pivovar Matuška) ist, die 2009 von seinem Vater Martin Matuška im 30 Kilometer westlich gelegenen Ort Broumy gegründet wurde. Die ist mittlerweile ein Star der Kleinbrauerei-Szene. Diese Herkunft verpflichtete zu Qualität. Adam Matuška tat sich dazu mit dem Super-Profi-Zapfer Lukáš Svoboda zusammen, der es zuvor im Jahre 2017 sogar zum offiziellen Weltmeister im Pilsner-Zapfen gebracht hatte – eine Meldung, die damals landesweit Schlagzeilen machte.

Der eine kümmert sich um das Bier, der andere um die Organisation des Ausschanks. Das hat sich schon in dem Logo niedergeschlagen, ein diagonal in eine rote und blaue Hälfte aufgeteilter Kreis mit dem Namenszug. Sonst nichts. Das „warme“ Rot symbolisiert die Hitze des Brauens (das tschechische Wort dafür ist vařit, was soviel wie kochen bedeutet). Das „kalte“ Blau steht für den Ausschank bzw. das Zapfen des nunmehr kalten Getränks. Ausgedacht hat sich das die bekannte Agentur Studio Najbert. Das Logo ist einprägsam und sieht modern aus. Weil es rund ist, passt es auch gut auf den werbewirksamen Bierdeckel (Bild oberhalb links).

Das Konzept dem Dva Kohouti sieht zunächst so simpel aus, wie die spartanisch anmutende Einrichtung auf glänzendem Metall und einfachen Holzbänken- und -tischen. Aber es ist hochprofessionell. Anspruch ist es, das Bier, das morgens gebraut ist, ultrafrisch schon am Nachmittag zu servieren. Dazu wurde unter Svobodas Anleitung eine große Zapfanlage an der langen Theke entwickelt, die 9 Zapfhähne hat und zum Industriedesign des ganzen Lokals passt. Hier wird mit Power gezapft.

Und Svobodas Zapfmanagement ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Braugaststätte. Innen im Saal gibt es rund 100 Sitzplätze, aber das sagt gar nichts über den Bierkonsum aus, denn die Gäste stehen auch in Massen mit ihrem Bier in der Hand und unterhalten sich köstlich. Der Laden ist normalerweise zum Bersten voll. Aber niemand muss lange auf sein Gezapftes warten. An der langen Zapftheke ist alles arbeitsteilig organisiert – erst Bestellung machen und Coupon bekommen, Coupon abgeben, Bier wird gezapft und am Ende hat der Gast ein neues volles Glas in der Hand. Ruckzuck geht das. Selbst wenn lange Schlangen warten. Ja, Bierlogistik muss gekonnt sein!

Kommen wir zum Bier selbst: Dafür hat Adam Matuška den Brauer Lukáš Tomsa angeheuert, der sich für das stets angebotete eigene Hausbier Místní Pivo (das heißt übersetzt ungefähr „örtliches Bier“) verantwortlich zeigt. Das ist ein sehr angenehm samtiges Lagerbier. An besonderen Feiertagen wird noch eine Spezial-Hausmarke hinzugefügt. Darüber hinaus bietet das Dva Kohouti zusätzlich immer etliche Biere aus dem Sortiment der (ja irgendwie familär verbundenen) Brauerei Matuška, die wir bereits oben erwähnten. Und dann gibt es immer wieder temporär angebotene Biere aus richtigen kleinen, aber kultigen Kleinstbrauereien. Diese Mischung aus Kleinbrauerei und Craft Beer-Kneipe macht die Dva Kohouti zum Renner. Es gibt immer Abwechslung.

Effizienter wird die Bierausschänkerei, die voll mit der Trinkgeschwindigkeit mithält, durch den Verzicht auf Nebensächliches. Essen zum Beispiel. Das gibt es hier nicht. Nicht einmal ein Tütchen Erdnüsse können Sie hier bestellen. Das heißt, sie können es bestellen, aber Sie bekommen keins. Vom Bierhaus-typischen Gulasch mit Knödeln ganz zu schweigen. Normalerweise wäre das absatzschädigend, weil man ohne Zwischensnack auch weniger trinkt, was nicht im Interesse einer Brauerei sein kann. Aber keine Sorge: Auch dieses Problem wurde Dank geschickter und professioneller Arbeitsteilung gelöst. Dazu muss man sich die Sache aber von außen anschauen.

Das Dva Kohouti ist nämlich in einem hufeisenförmigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert untergebracht. Dadurch hat es einen schönen abgeschlossenen Innenhof. Wenn die sonnigen Jahreszeiten einsetzen, können hier noch einmal rund 150 Gäste auf einer Holzbank an einem Holztisch sitzen. Aber natürlich gibt es auch hier die vielen Stehtrinker, sodass auch hier alles bald proppenvoll ist. Und gegenüber am Hof findet man eine kleine Gaststätte namens Bufet. Drinnen kann man einkehren, weil es ein Restaurant mit gehobener tschchischer Küche ist. Zugleich gibt es aber auch kleiener Imbisse, die zur Straße außen hin sogar durch Fenster gereicht werden. Warum gräbt das Restaurant, in dem auch Dva-Kohouti-Bier servert wird, dem Dva Kohouti nicht das sprichwörtliche Wasser ab? Richtig! Das Ganze – Brauerei und Restaurant gehören ein- und demselben Besitzer, der Gastronomiegruppe Ambiente, die sich auf innovative Kneipen- und Restaurantformate spezialisiert hat.

Und dann ist da noch der Zusatzvorteil eines schönen Innenhofes. An besonderen Tagen (meist Wochenenden und Feiertage) gibt es hier lustige Feste und Parties. DJ treten auf, aber auch Live-Bands. Dann wird die Kulinarik-Palette noch einmal um exotische Food-Trucks bereichert. Wir sind auf das Dva Kohouti in jenem günstigen Moment, als kürzlich das große Oktoberfest stattfand. Dös war a b’suffane Gaudi! Viel Umpa-Musik und Tschechen als das verkleidet, was sie so als Bayern wahrnehmen. Und das in Zeiten, da der unsägliche Ministerpräsident in Bayern dafür gesorgt hat, dass das Oktoberfest im Ursprungsort München dieses Jahr wegen Covid-Panik nicht stattfinden durfte. Münchner, wenn ihr noch richtig feiern wollt, kommt nach Prag!

Was dann neben einem Bierzelt aufgefahren wurde zur Stärkung von Leib und Seele, konnte sich sehen lassen. Es wurde von Brauer Tomsa zum Tage ein besonderes Festbier gebraut, das sich in keiner Weise vor dem verstecken musste, was man in München auf der Wiesn serviert bekommt. Und es wurde, wiederum professionellst organisiert, ein Fressstand mit echt authentischen bayerischen Spezialitäten u.a. wie Leberkäse, Brezeln (eine Rarität in Prag!) oder Bratwurst.aufgebaut Auf dem Photo links sieht man das Festbier mit einem herrlich aromatischen Obazda und einer Currywurst. OK, letztere ist nicht wirklich eine bayerische Spezialität, aber immerhin deutsch. Und richtig lecker war sie. Man sieht, Deutschland kriegt auf breiter Front Konkurrenz in Prag!

Keine Frage: Das Dva Kohouti ist eine Top-Adresse, wenn man sich im hippen Stadtteil Karlín mal so richtig gut amüsieren will. Die coole Ausgesaltung des Gastraums (nur aufgelockert durch die in einer Ecke neben der Theke versteckte lustige Karikatur zweier Hähne – Kohouti), das Bier, die Stimmung – das Dva Kohouti hat sich durch Qualität und gutes Management den Kundenzuspruch wohl verdient. (DD)

Ein Bier auf Eliška!

Keine anomyme Hotelkette. Nein, ein Hotel aus der guten alten Zeit. Plüschig und pompös, wie es sein soll. Und drinnen eine Top-Brauerei. Schon nach wenigen Schlucken des guten Gerstensafts verspürt man den Wunsch, sich bei voller Geschwindigkeit im Auto den Fahrtwind um die Nase zu wehen lassen!

Das sollte man sich im Interesse der Verkehrssicherheit natürlich verkneifen, um lieber gemütlich sitzend weiterzutrinken. Aber jetzt bedarf es vielleicht doch einer Erklärung, wie Hotel, Bier und Rennfahrerei zusammenhängen. Beginnen wir im Jahre 1908. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Jíloviště, rund 18 Kliometer vom Prager Stadtzentrum entfernt. In diesem Jahr wurde hier die große Autorennbahn Zbraslav–Jíloviště (Závod Zbraslav–Jíloviště) eröffnet. Und zwar in Gegenwart von Erzherzog Karl, der später von 1916 bis 1918 der letzte Kaiser des Habsburgerreichs werden sollte.

Die Rennbahn erstreckte sich über 5,6 zum nördlich benachbarten Zbraslav an der Moldau. Insbesondere in den 1920er Jahren war der Motorrennsport zu einer Massenmanie geworden, die riesige Volksmassen anlockte. Rennfahrer waren die Mega-Stars der Zeit. Und davon profitierte der Ausflugstourismus in Jíloviště. Und da die Besucher gut nächtigen wollten, entstanden ungewöhnliche Prachthotels. Dazu gehörte das 1921/22 erbaute Hotel Hubertus, aber vor allem das Hotel Palace Cinema aus dem Jahre 1926, das das erste Haus am Orte wurde. Eigentlich hieß es nur Hotel Palace, aber da es neben der Aussicht auf Wagenrennen auch noch ein Kino bot, was damals fast so sensationell war wie Rennwagen, bürgerte sich der Name Palace Cinema ein, dessen Schriftzug heute über dem Dach prangt.

Nun: Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Und auch auf der Rennbahn fand das letzte Autorennen im Jahr 1931 statt. Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola schaffte dabei auf seinem Mercedes-Benz SSKL den Streckenrekord von 2 Minuten und 42,73 Sekunden, was nie wieder eingeholt werden sollte. Danach wurde die Rennstrecke ins normale Straßennetz integriert und ist heute teilweise mit der Autobahn D4 identisch. Vom Hotelvorplatz kann man die Auffahrt auf die Autobahn gut erkennen (Bild links). Die Zeiten des großen Massenandrangs waren damit auch für das Hotel zu Ende.

Es wurde ruhiger. Das Hotel an der Všenorská 45/0 verfiel in einen Dornröschenschlaf. Immerhin findet seit 1967 an jedem Wochenende vor Ende der Schulsommer eine Oldtimer-Rallye auf Teilen der alten Rennstrecke statt, die vom Veteran Car Club Praha organisert wird. Das ist eine Mordgaudi und bringt seither auch für einen Tag Gäste nach Jíloviště. Aber um ein solches Hotel am Leben zu erhalten, bedarf es mehr. Es begann in den 1990ern, als der Kommunismus beendet war. Da wurde erst einmal der Verfall, den die Planwirtschaft produziert hatte, gestoppt und es wurde renoviert. Die Inneneinrichtung strahlt seither, wie das Photo der Rezeption oberhalb rechts zeigt, eine Atmosphäre von Rennfahrernostalgie aus, die das Herz höher schlagen lässt.

Aber die echte Knüller-Idee wurde erst 2017 realisiert, nämlich die Eröffnung der Kleinbrauerei Ettore (Minipivovar Ettore Jíloviště). Ettore? Aber das klingt nicht sonderlich Tschechisch. Ist ja auch ein italienischer Name, genauer: der Vorname von Ettore Bugatti. Der war in den 1920er/1930er Jahren der große Rennwagenbauer schlechthin. Da es sich eigentlich um ein Hotel handelt, kann man natürlich auch sein Abendessen mit feinen Speisen mit Cocktails oder Wein genießen.

Wer aber als Ausflügler vorbeikommt, findet in dem wohl später angebauten, aber sehr authentisch wirkenden Wintergarten genau das Ambiente für alle, die Bier und Rennfahrerei gleichermaßen lieben. Man sieht es oben im großen Bild. Zu dem ausgezeichneten Bier kann man sich dann auch die etwas kruderen, aber passenden Klassiker der tschechischen Brauküche gönnen, wie etwa der eingelegte Hermelin (kein Nagetier, sondern die tschechische Variante des Camemberts), den wir im Bild rechts sehen, zusammen mit einem eigengebrauten milden Lagerbier mit Namen Ettore.

Da ist er wieder, der Bugatti. Alle vier angeboteten Biere haben nämlich einen Bezug zum Rennfahren. Etwa das halbdunkle Lagerbier Royale, das nach dem berühmten Bugatti 41 Royale benannt ist. Oder das ungefilterte Dunkelbier Black Bess, das dem legendären Bugatti 18 Black Bess seinen Namen verdankt. Passend dazu hängen an den Wänden und Säulen alte Plakate der Autorennen, die hier einst stattfinden, sowie allerlei passende Gerätschaften (etwa Zapfsäulen). Im Mittelpunkt stehen dabei aber die Rennfahrer der damaligen Zeit selbst. Sie werden ausführlich dargestellt und zieren in Rahmen das Etablissement.

Aber eine Person steht dabei unerreichbar über allen. Sie ist der der absolute Star und nach ihr ist auch das Bier benannt, auf das die Brauerei am meisten stolz ist, das mild-kräftige Pale Ale Eliška. Die Rede ist von Eliška Junková. 1926 hängte sie in ihrem Bugatti 35 alle männlichen Rivalen ab und gewann das Rennen Zbraslav–Jíloviště souverän. Unter den Unterlegenen befand sich übrigens auch ihr Ehemann Čeněk Junek, der damals zu den renommiertesten Rennfahrern des Landes gehörte. Junková stieg als nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch international als eine der ersten Frauen, in dem damals absolut männerdominierten Rennsport zu Weltliga auf. Ihr Mann nahm die Niederlage gelassen hin. Beide fuhren – auch zusammen – noch viele Rennen. 1928 beendete eine Tragödie die glückliche Ehe, denn Čeněk Junek wurde im Juli des Jahres der erste Rennfahrer, der am Nürburgring sein Leben ließ, während seine Frau auf der Tribüne saß. Die gab den Rennsport danach auf, gehörte aber zum Verkaufsteam von Bugatti und wurde Aushängeschild der Firma. Es folgten etliche andere internationale Geschäftstätigkeiten, bis die Kommunisten ihr umgehend nach der Machtergreifung 1948 ein internationales Reiseverbot auferlegten, das erst 1964 aufgehoben wurde. 1967 spendet sie übrigens den Preis für das heutige Oldtimer-Rennen hier. In Tschechien blieb sie auch nach ihrem Tod 1994 (im stolzen Alter von 94) eine Ikone und ein bewundertes Idol für alle emamzipierten Frauen.

Man kann stundenlang umhergehen, um an den Wänden die Geschichte dieser unbeugsamen und höchst bemerkenswerten Frau zu studieren, die hier groß in Ehren gehalten wird. Wer also hier in der Braugaststätte des Hotel Palace Cinema in Jíloviště einkehrt, sollte daher sein Glas mit dem guten Eliška erheben, um mit dem Eliška auf die große Eliška oben im Rennfahrer(innen)-Himmel zu trinken. (DD)

Bestes Bier im alten Bahnhof

Draußen vor den Toren der Stadt findet man nicht selten Kleinbrauereien, die wahre Perlen der Braukunst hervorbringen. Es wäre eine schmähliche Unterlassung, in diesem Zusammenhang die Brauerei von Řevnice (Pivovar Řevnice) nicht zu erwähnen.

Etwas südwestlich Prags fließt der kleine Fluss Berounka in die Moldau. Er ist in eine wunderschöne felsige Landschaft eingebettet, die zurecht bei Pragern als Naherholungs- und Wochenendausflugsgebiet populär ist. Eine Wanderung durch das Flusstal kann einen auch durch den malerischen Ort Řevnice führen, und dann sollte man unbedingt in der Brauereigaststätte halt machen. Wenn man dann ob des guten Trunkes und der guten Speisen des Wanderns müde ist, kann man bequem mit dem Regionalzug nach Prag zurück fahren, denn der kleine Bahnhof des Ortes liegt ganz nahe. Offenbar wurde er in den 1990er Jahren einige hundert Meter verlegt, denn ursprünglich befand sich der Bahnhof in ebenjenem Gebäude, in dem sich heute die Braugaststätte befindet. Das hübsche Gebäude aus dem Jahr 1862 stand eine Weile ungenutzt als der Bahnbetrieb hier aufhörte. 2018 gründete der Unternehmer und Investor Petr Kozák, der ein besonderes Faible für die Wiedernutzbarmachung historischer Gebäude hat, eine Aktiengesellschaft für die Brauerei, deren Vorsitzender er wurde. Dann begann man nach den Plänen des Architekten Tomáš Šantavý mit dem Umbau des Gebäudes, das nunmehr auf gelungene Weise den ursprünglichen Charakter eines Bahnhofs mit den Bedürfnissen eines modernen Gastbetriebs vereinte.

Und 2020 konnte man in dem neu gestalteten Gebäude (Adresse: Pod Lipami 71/0) die Eröffnung feiern. Die Leitung des Betrieb übernahm der aufstrebende junge Brauer Roman Řezáč, der neben seinem Talent für die Braukunst auch eine Managementausbildung mitbrachte. Ihm stellte man noch den erfahrenen lokalen Braumeister Ladislav Chládek zur Seite. Das professionell agierende Team machte die Gaststsätte und Brauerei umgehend zum Erfolg. Im ersten Jahr gingen immerhin 900 Hektoliter über die Theke – nicht schlecht für eine Brauerei, die nur ihre eigene Gaststätte bedient. Die örtliche Bevölkerung der Umgebung und die vorbeipassierenden Wanderer und Radler bilden das ökonomische Rückgrat der Brauerei – was aber nur funktioniert, wenn sich der gute Ruf hoher Qualität hinreichend herumspricht.

Und über die Qualität kann man sich nicht beschweren. Da ist natürlich an erster Stelle das hervorragende Bier zu nennen, das höchsten Standards entspricht. Es gibt eine Art „Grundangebot“ von drei Sorten. Dazu gehört das leichte helle Bier mit 10° Stammwürze (Desítka) mit seienm milden Geschmack, das wir im Bild weiter oberhalb bewundern können. Dazu gibt es etwas herbere und rötlichere Bier mit 12° Stammwürze (Bild links) und ein Pale Ale (Golden Ale) mit ebenfalls 12° Stammwürze. Pale Ales sind – obwohl keine traditionell heimische Biersorte – in den letzten Jahren vor allem unter jüngeren Menschen sehr populär geworden. Aber eigentlich stehen nie nur drei Sorten Bier auf der Getränkekarte. Denn die Pivovar Řevnice legt wert auf schnell wechselnde Tagesangebote. man kann in relativ schneller Folge hier einkehren und bekommt wieder etwas neues. Rund sechs Sorten sind es fast immer. Ab und an wird auch ein Bier einer nahegelegenen Kleinbrauerei auf die Liste gesetzt. Variatio delectat! Das könnte das Motto der Brauerei sein. Und man erlebt bei keinem der Biere eine Enttäuschung.

Man scheut sich auch nicht, geradezu ulrta-leichte Biere mit geringer Stammwürze von 7 oder 8° zu brauen, die Tschechen normalerweise etwas belächeln, weil das das Marktsegment der fitness-bewussten Radfahrer das zu schätzen weiß, für die das Berounkatal ein wahres Ausflugsparadies ist. die Vielseitigkeit im Genuss zeigt sich nicht nur in der Bierauswahl, sondern auch bei der Speisekarte. Die präsentiert nicht nur die tschechischen Klassiker wie eigelegten Käse oder Gulasch mit Knödeln, sondern auch Gerichte internationaler Provenienz. Und das auch in ständigem Wechsel des vielseitigen Angebots. Das ist weder Bier noch Essen von der Stange, sondern frisch zubereitete Cuisine – deftig, aber gut!

Der Hefeknödel mit Pflaumenmus und geriebenen Quark (eine tschechische Spezialität), den wir beim letzten Besuch aßen (Bild links) war dann noch der krönende Abschluss. Zugegebenrmaßen recht reichhaltig und somit nur bedingt für den Beginn einer Wanderung zu empfehlen. Aber schöner kann man sich den Abschluss eines Ausflugs dafür kaum vorstellen. Der Bahnhof mit den Regionalzug nach Prag ist ja in unmittelbarer Nähe.

Und der alte Bahnhofsbau hat eine mehr als würdige Nutzung bekommen Dank Roman Řezáč und seinem Team in der Pivovar Řevnice. Die kann man übrigens auch bei schlechtem Wetter besuchen, denn sie verfügt nicht nur über den großen und einladenden Außenbereich, den wir oben im großen Bild sehen können. Auch innen wird die Braugaststätte ihrem Anspruch gerecht. Die hohe Bahnhofshalle wurde zu einer sehr modernen, aber auch sehr gemütlichen Gaststätte umgestaltet, die jederzeit zum Besuch einlädt. Alles in allem: Der Besuch wird empfohlen! (DD)

Besser als die Burg: Die Brauerei Braník

Hier wurde er dereinst in gigantischen Massen gebraut, der gute tschechische Gerstensaft. Heute verfallen Teile des imposanten Gebäudes, andere sind renoviert und harren einer neuen Nutzung oder haben sie bereits gefunden. Nur das alte Wappen der Firma thront noch triumphierend über dem Ganzen, so wie bei der Eröffnung im Jahr 1900.

In diesem Jahr wurde eine Gesellschaft kleiner Brauer gegründet, um gemeinsam eine große Braustätte ins Leben zu rufen. In dieser Zeit fand in Prag in der Bierbranche eine Unternehmens-Konzentration statt, die den unzähligen Kleinbrauern zum Verhängnis zu werden drohte. Durch ihren Zusammenschluss traten sie dieser Entwicklung energisch entgegen. Es wurden 3000 Aktien zu je 200 Kronen ausgegeben, um eine neue Braugesellschaft zu finanzieren. Der Kurs der Aktie stieg schnell an. Als Standort für die neue Brauerei wählten sie den heute etwas heruntergekommenen kleinen Ortsteil Braník im südlichen Teil Prags aus. Zwei Jahre, im Jahre 1900, später war das für damalige Zeiten riesige Brauereigebäude, das nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmers Václav Nekvasil (wir begegneten ihm bereits hier) erbaut worden war, fertiggestellt. Die Lage wurde gewählt, weil sich direkt neben der neuen Brauerei schon seit 1882 ein kleiner Bahnhof befand, dessen Kapazität nun von zwei auf vier Gleise erweitert wurde, damit das gute Nass auch schnell zum Kunden geliefert werden konnte. Das trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Brauerei als einem der „großen Spieler“ im böhmischen Biergeschäft bei.

Das von Nekvasil entworfene und errichtete Gebäude (in der Údolní 212/1 in Prag 4) war ein Riesenkomplex in einem mit Elementen des Jugendstils angereicherten Neo-Renaissance-Stil, der in einer Rekordzeit von nur 14 Monaten fertiggestellt wurde. Auf der Moldau-zugewandten Seite befand sich ein großes Verwaltungsgebäude (Bild rechts); dahinter – wie auf einer Leine aufgezogen – die Reihe der Fabrikgebäude der Brauerei. Die Frontseite, die in den nächsten Jahrzehnten durch neue Bauten ergänzt wurde, sieht schon grandios aus. Der Schriftsteller und Autor des berühmten Romans vom Guten Soldaten Švejk, Jaroslav Hašek, bemerkte einmal dazu, dass „der Blick auf das Panorama der Brauerei Braník weitaus aufregender … als der Blick auf das Panorama der Burgstadt“ sei. Gut gesagt, und auf jeden Fall sieht man heutzutage zurecht das Brauereigebäude von Braník als ein Industriedenkmal ersten Ranges an (das natürlich seit langem unter Denkmalschutz steht, der 1992 noch einmal auf eine strengere Stufe erhöht wurde).

Und der Blickfang des Komplexes ist zweifellos das große Wappen oder, modern ausgedrückt: Logo, der neuen Brauerei, den man im großen Bild oben sieht. Es ist in Stuck am südlichen Eckturm angebracht. Dort liest man auch die offizielle Bezeichnung der Brauerei: Společenský pivovar pražských sládků (Gesellschaftsbrauerei Prager Braumeister), was aber ein bisschen kompliziert und geschäftsmäßig klingt, weshalb sich bald der Begriff Braník Brauerei (Branický pivovar). Das Stuckwappen an der Fassade ist übrigens ein richtiges Kunstwerk. Kein Geringerer als der damals überaus bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) hatte den Entwurf dazu erstellt. Aleš war mit dem „Inner Circle“ der Brauer gut befreundet und hatte das Design bei einem kleinen Schwatz mit den Brauern eben einmal auf’s Papier gebracht. Er bekam dafür auch nur die rein symbolische Summe von 100 Kronen. Es war eher ein Freundschaftsdienst, aber es war auch gut gelungen und fortan der Stolz der Brauerei. Es zeigt ein gekröntes Wappen mit Brauutensilien, das gerahmt ist von zwei Engeln. Darüber thront der tschechische Nationalheilige Wenzel. Dem Stil der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, gab es dem überaus modernen Industriebetrieb einen Hauch von tradionalistischem Image, der in Böhmen einfach zur Bierkultur gehörte.

Im Zeichen des Heiligen Wenzel gedieh die Brauerei. Neben dem Hauptbestseller, einem hellen Lagerbier des Pilsener Typs, differenzierte man sich immer mehr aus, etwa durch die Produktion dunkler und heller Biere im bayerischen Stil. Sie überlebte selbst die dunklen Zeiten von 1938 bis 1945 einigermaßen unbeschadedt. Aber dann, im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Schon im Juli wurde die Brauerei der Inhabergemeinschaft weggenommen und verstaatlicht. Da die Tschechen gerne Bier trinken, ganz gleich, ob der Kommunismus herrscht oder nicht, lief die Produktion weiter. Man konnte sogar die Geschäftspalette erweitern. 1958 hatten nämlich Forscher der Brauerei die gesundheitsfördernde Wirkung des Hefekonzenrats Pangamsäure (in Deutschland meist als Bierhefe verkauft) entdeckt und daraus ein Produkt entwickelt, dass sich heute weltweit in Massen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Lange Zeit war die Braník Brauerei die einzige Brauerei, die so etwas vertrieb und eine Art Marktführer in Sachen Pangamsäure-Tabletten.

Auch die scheußlichen Dinge im Leben gehen einmal zu Ende. So gottlob auch der Kommunismus im Jahre 1989. Technologisch und in Sachen Marketing hatte die Brauerei in den trüben Zeit arg an wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und es bestand Modernisierungsbedarf. Bis ins Jahr 1995 gingen die Umbauarbeiten, dann hatte man eine wirklich moderne Brauerei gemäß höchsten. Inzwischen hatte die Privatiserung eingesetzt. Der Staat fasste zunächst mehrere Brauereien (neben Braník auch die Großbrauerei Staropramen nebst einigen kleineren Brauereien) zu einer zusammen und privatisierte das Ganze als Aktiengesellschaft Prager Brauereien AG (Pražské pivovary a.s). Die bekannten Biermarken produzierten trotzdem unter dem neuen Dach unter eigenem Namen weiter. Und so wurde weiterhin in Braník das Bier von Braník gebaut – und zwar in Rekorddimensionen. 1.124 Millionen Hektoliter Bier waren es alleine im Jahre 2006. Zudem holte man sich noch von der japanischen Großbrauerei Asahi (die übrigens – man glaubt es nicht! – älter ist als die von Braník) die Lizenz, deren Bier für den hiesigen Markt zu brauen. Das war schön, aber auch zuviel. Die Brauanlagen gaben das nicht mehr her. Und so wurde 2007 die Produktion des Braník-Biers in die Brauerei Staropramen (Pivovary Staropramen), die ihre riesigen Produktionsanlagen im Stadtteil Smíchov hat und die größte Brauerei in Prag und die zweitgrößte in Tschechien ist. Da sich das technisch leicht machen ließ und man sowieso geschäftlich unter einem Dach, nämlich dem der Prager Brauereien AG, war, ließ sich das leicht bewerkstelligen. Innerhalb des Aktienkonzerns behauptet sich Braník-Bier immer noch hervorragend im Mittelklassesegment und gehört zu den meistverkauften Bieren im Lande. Ach ja, die Form der Zusammenfassung mehrer Brauereien mit anschließender Privatisierung als Aktiengesellschaft sollte ursprünglich die Übernahme tschechischen Bieres (das ja Gegenstand besonderen Nationalstolzes ist) durch ausländische Unternehmen verhindern. Das klappte aber langfristig nicht, denn Pražské pivovary wurde 2012 an eine amerikanische Großbrauerei verkauft. Aber das Bier wird immer noch in Tschechien auf tschechische Art produziert, weshalb der Nationalstolz dadurch bisher kaum angekratzt wurde.

Soweit, so gut. Aber da war doch noch das eigentliche, sensationelle und demkmalgeschützte Gebäude der Brauerei, das nun ein wenig nutzlos in der Gegend herumstand. Dem sind alle diese Transaktionen zunächst einmal nicht gut bekommen. Das Gelände wurde 2007 von einem Investor übernommen, der auch mit den nötigen Umbauten für neue Nutzungen begann. Aber das geht sehr langsam voran. Ein Unternehmen des Maschinenbaus residiert im alten Verwaltungsgebäude, das sowie am besten in Schuss war. Einige andere Firmen (viel davon im Bereich Eventmanagement tätig) haben Teile der früheren Produtionsstätten angemietet. Andere Teile harren aber immer noch der Renovierung und sehen von außen zumindest recht bemitleidenswert aus. Man kann nur hoffen, dass eine nutzungs- und fachgerechte Renovierung auch dieser Bauteile bald erfolgt, und dass hier wieder Leben einzieht. Es sind wohl auch Wohnungen in dem Komplex geplant.

Eine gute Nachricht gibt es auf jeden Fall zu vermelden. Solch ein Gebäude sollte ja nicht zu sehr zweckentfremdet werden. Es wurde ja im Dienste des Bieres gebaut. Seit 2016 befindet sich die Mikrobrauerei Moucha (was soviel wie „Fliege“ heißt) auf dem Gelände, die interessante Biersorten biete. Denn der Trend läuft heute in eine andere Richtung als damals im Jahr 1900, als die große Brauerei hier ihre Pforten eröffnete. Exklusives aus kleiner hauseigener Brauerei ist in Sachen Bier wieder en vogue. Das ist gewiss keine schlechte Botschaft aus Braník. (DD)

Liberales Stammlokal

An einen Ort zur gastlichen Einkehr mit diesem Namen kann man als Berufsliberaler nicht einfach vorbeigehen: Kavárna liberál – übersetzt: Café Liberal.

Wir befinden uns in der Heřmanova 1209/6 im sich immer mehr gentrifizierenden und manchmal etwas „alternativen“ und „hipsterigen“ Stadtteil Holešovice. Die Kavárna liberal gibt es hier schon seit 2012 und sie blieb seither so etwas wie ein fest etabliertes echtes Szenelokal. Das liegt womöglich an Gründer und Besitzer Jakub Štorek, der der eigentlich ganz schlicht und traditionell anmutenden Gaststube (d.h. einfache Holztische- und -stühle) irgendwie ein Flair von Intellektualität und Weltoffenheit zu verpassen verstand. Optisch genügte dafür eine einigermaßen gut ausgestattete Bar (Bild links) und ein paar lifestylige Langspielplattencover prätentiöser Musiker aus den 1960er und 1970er Jahren – oft französische Chansoniers – an den Wänden.

Und dann ist da noch der Name. Während man in westlichen Städten – etwa Berlin – in eher alternativhipsterigen Gegenden die Selbsbezeichnung „liberal“ besser unterlassen sollte, wenn man nicht neue Arten der Beleidigung auf sich ziehen will, ist Prag eben tatsächlich recht liberal. Und deshalb kommt der Name wohl an. Und er entspricht wohl auch teilweise dem Selbstverständnis von Gründer Štorek, der seine Kavárna als Ort freien kulturellen und politischen Austausches sieht. Immer wieder gibt es daher hier kleine Ausstellungen und Vernissagen oder auch (politische) Diskussionsveranstaltungen. So etwas macht in der Regel szenige Lokale noch szeniger.

Wobei Štorek, der ab und an wohl die „politische Korrektheit“ herausfordern will, durchaus bereit ist, Risiken einzugehen. Es ging noch an, als er sehr medienwirksam und mit Boykottdrohungen 2017 gegen das Rauchverbot, protestierte, dass die Regierung für Restaurantbetriebe verhängt hatte. Auch in der „Szene“ gab es schließlich Raucher. Im gleichen Jahr erlaubte er aber in seiner Kavárna eine Diskussionsveranstaltung mit dem rechten Agitator Martin Konvička, dem wild xenophoben Gründer und Chef des Anti-Islamischen Blocks (Blok proti islámu). Das hatte dann doch einiges Befremden in der hippen Szene von Holešovice und vor allem viele böse Kommentare in den Medien ausgelöst. Da er aber glaubwürdig versichern konnte, dass es ihm nicht um Sympathiebekundungen für Rechtsradikale, sondern um das in seinem Etablissement geltende Prinzip der Meinungsfreiheit für jedermann ging, vergab man ihm wohl schnell. Und die Szene, die hier übrigens recht vielfältig ist, blieb ihm treu. Wiederholt hat er das Manöver allerdings seither nicht mehr.

Aber kommen wir zum Kern der Sache: Was gibt es eigentlich zu Essen und zu Trinken? Die Speisekarte ist nicht lang, wechselt aber ständig. Es gibt die klassischen tschechischen Klassiker zum Bier. Die Wurstwaren sind überdurchschnittlich delikat und stammen von einem Hausmetzger. Aber auch ein paar nicht-tschechische Dinge findet man jedesmal auf der Karte. Und dazu gibt es (neben anderem) Bier von der Únětický pivovar (über die Brauerei berichteten wir bereits hier), die zu den populäreren Kleinbrauereien der Prager Umgebung gehört. Eigentlich alles im oberen Segment dessen, was man von einer Szenekneipe (also kein Haute-Cuisine-Restaurant) erwarten kann.

Wie schon gesagt: Der Name alleine verfügt schon über eine hohe Anziehungskraft für Freiheitsliebende. Und da es sich auch sonst ein ausgesprochen gut betriebenes, gemütliches und hochwertiges Lokal handelt, kehrt man auch sonst recht gerne hier ein. Im Sommer kann man an sonnigen Tagen auch draußen die Stimmung des Lokals genießen. Draußen auf dem Gehweg und vor allem auf dem Platz gegenüber, dem Řezáčovo náměstí, der von alten Bäumen beschattet ist, gibt es reichlich Tische und Sitzplätze. Im Sommer kann der Andrang recht groß sein (siehen den Blick aus dem Fenster im Bild links).

Nomen est omen. Die Kavárna liberál strahlt tatsächlich eine anziehend liberale Atmosphäre aus, die – wenn man dem Selbsttest glauben darf – tatsächlich Liberale wie unsereins (aber nicht nur die) anlockt. Was man an den glücklichen Gesichtern des Prager Teams (plus Regionalleiter aus Brüssel) der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit entnehmen kann, die man im Bild rechts sieht. Die zeigen, wie man sich von einem strapaziösen Arbeitstag hier in der Kavárna liberál bei Bier und Speisen bestens wieder rekreieren kann. (DD)

Mehr als nur eine Brauerei

Im letzten Beitrag berichten wir über das hübsche Landschloss Dolní Počernice mit seinem großen Park. Aber wer über Schloss Dolní Počernice (wir berichteten hier) spricht, darf vom Bier nicht schweigen!

Es ist natürlich aus historischer Sicht nichts Ungewöhnliches, dass zu einem Schloss, das ja ursprünglich immer so etwas wie ein Wirtschaftsbetrieb mit Selbstversorgung war, selbstredend auch eine Brauerei gehörte. Aber nicht alle von ihnen gibt es noch. Dafür, dass es die pivovar Počerňák (Počernicer Brauerei) gibt, kann und muss man auf jeden Fall dankbar sein. Das Gründungsdatum ist der Juni 2016, was nicht besonders alt und traditionsreich klingt. Aber die Brauerei baut auf viel Geschichte auf.

Die ursprüngliche Schlossbrauerei, die wohl schon im Mittelalter bestand, wurde 1884 zu einem größeren Wirtschaftsbetrieb erweitert, der dann die trinkfreudigen Bürger der Umgebung mit gutem Bier versorgte. In dieser Form bestand sie bis 1936. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Schloss, dessen integraler baulicher Bestandteil sie war und ist, bereits der Gemeinde Dolní Počernice. Pünktlich zum 70. Jahrestag der Schließung erstand die Brauerei wieder auf. Als Brauer war zunächst Marcel Jelínek für die Produktion des guten Gerstensafts zuständig, der bereits für etliche andere maßgeschneiderte Biersorten kreiert hatte. 2017 folgte ihm David Urban, der u.a. schon bei der Únětický pivovar (wir berichteten hier), einer der profiliertesten Kleinbrauerein in Prag, seine Sporen verdient hatte.

Rund drei hervorragende Sorten Bier sind fast immer im Angebot, etwa ein sehr süffiges Lager (tsch.: ležák), das quasi immer erhältlich ist. Nun darf man sich das ganze nicht als schlichte kleine Braugaststätte vom Lande vorstellen. Im Grund ist heute der ganze östliche Flügel des Schlosses ein einziger, aber vielschichtiger biergastronomischer Komplex. Der besteht aus drei Grundkomponenten. Die erste ist das eigentliche Braulokal an der Národních hrdinů 3 (Prag 9), was geradezu die Hauptstraße des kleinen Ortsteils Dolní Počernice. Obwohl in einem barocken Gebäude befindlich, ist es innen modern, aber gemütlich eingerichtet. Zum Bier kann man tschechische Bierlokalküche in guter Art genießen. Hier befindet sich auch die eigentliche Brauerei.

Komponente Nummer zwei ist das Restaurant Léta Páně (das heißt: Im Jahres des Herrn oder Anno Domini). Da kriegt man das Bier natürlich auch. Braugaststätte und Restaurant verbindet ein Innenhof, der oft im Sommer für Hochzeiten u.ä. genutzt wird. Das Restaurant, das am auf der anderen Seite der alten Burg am Schlosspark (daher auch eine große Terrasse!) gelegen ist, ist riesig und mit vielen Räumen ausgestattet, die für jede Feier geeigent sind. Die Einrichtung ist modern und geschmackvoll. Alles macht einen gediegenen Eindruck.

Auch die Kulinarik darf nicht unerwähnt bleiben. Die ist durchaus gehoben. Neben einigen tschechischen Klassikern gibt es auch internationale Cuisine. Rundum tiptop! Das gilt nicht nur, aber vor allem auch für die Deserts. Die Gebackenen Pflaumen mit Lebkuchen und Marzipaneis, die man links sehen kann, hatten es jedenfalls in sich!

Wie gesagt: Der Gebäudekomplex, der auch Panský Dvůr (Herrenhof) genannt wird, der zu Brauerei und Umfeld gehört, ist groß. Mit seinem Turm ist das alte Schlossgebäude fast ein Wahrzeichen der Gemeinde. Deswegen war auch noch eine Übernachtungsmöglichkeit für alle, die nach vielen guten Bieren nicht mehr nach Hause gehen können oder wollen, drin, die Penzion u Hastrmana, die ebenfalls dem höheren Qualitätssegment angehört. Für den lebensbejahenden Biertrinker ist die Brauerei in Dolní Počernice eben mehr als nur eine Brauerei. (DD)

Familienbrauerei zwischen Industrieruinen

Ein Geheimtipp für Freunde guten Bieres: Beroun ist als Ausgangspunkt für überaus schöne Tagestouren durch das idyllische Tal der Berounka (Tipps brachten wir hier und hier) bei Ausflüglern aus dem nahen Prag zwar beliebt, aber ansonsten eine Industriestadt. Man muss Kenner sein, um an einer der unschönsten Ecken des Ortes, inmitten verfallender Fabrikhallen und einem Schrottplatz, in dem sich sogar abgewracktes Kriegsmaterial aus der Zeit des Warschauer Pakts befindet, eine richtig sensationelle und äußerst ungewöhnliche Biergaststätte zu finden: Die Rodinný pivovar Berounský medvěd (Familienbrauerei Berauner Bär).

Hat man sich nach rund drei Minuten Fußmarsch vom etwas gesichtlos modern gestalteten Bahnhof der Stadt durch die Öde des heruntergekommenen Fabrikareals in den Innenhof des Schrotthandels in der U Cukrovaru 135 gekämpft, steht man plötzlich davor. Wie ein properes und zünftiges Landgasthasthaus sieht es aus, wenn man sich die Umgebung wegdenkt. Und auch die bekommt nun irgendwie einen pittoresken und auch surreal inspirierenden Charakter, wenn man sie wiederum im Kontext der Brauereigaststätte sieht. Kurz: Der Weg lohnt sich. Was viel, aber nicht nur etwas mit den (mindestens) sieben Sorten Bier zu tun hat, die man hier frisch gezapft und gebraut genießen kann.

Zur Geschichte: Dokumentiert ist das Bierbrauen in Beroun (das es dort aber wohl schon vorher gab) seit dem Jahr 1295, als der böhmische König Wenzel II. Beroun der Stadt nicht nur königliche Stadtrechte verlieh, sonder -wichtiger noch! – den Bürgern das Recht zum Brauen und Mälzen. Das ließen sich die Bürger – gute Tschechen allesamt! – nicht zweimal sagen. Im 15. Jahrundert gab es alleine drei städtische Brauereien, von denen sich eine im Rathaus befand, damit die Ratsherren sich beim mühsamen Regieren der Stadt schnell erfrischen konnten. Daneben gab es viele nebenberufliche Brauereien in Bürgerhäusern, die meist von Frauen betrieben wurden. Im frühen 17. Jahrhundert beendete die Stadtregierung die Freiheit der Hausbrauereien und führte eine Stadtbrauerei mit einem hauptberuflichen Brauer ein. Sämtliche Gerätschaften und Vorräte dieses Betriebes wurden 1648 (dem letzten Jahr des Dreissigjährigen Krieges) von den einfallenden Schweden weggeschleppt und eine zeitlang war die Stadt nicht nur grausam „trockengelegt“, sondern auch pleite, da die Biersteuer auf gebrautes Bier ausblieb. Aber das renkte sich nach dem Frieden bald wieder ein. Jedenfalls war man in Beroun immer auf die eigene Brautrdition stolz, weshalb auch heute in der Familienbrauerei das Stadtwappen prangt.

Der nächste Schritt vorwärts kam 1871, als auf Initiative des Rates eine große Brau-Aktiengesellschaft geschaffen wurde, die im Jahr darauf in Betrieb ging. Das Zeitalter der Großbrauereien war angebrochen. Die Brauerei in Beroun war ein guter Regional-Champion. Allerdings in dieser Form nur bis zur Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948, die die Aktienbrauerei umgehend verstaatlichten. Verdursten musste man in der Stadt nicht, denn es wurde zunächst einmal irgendwie sozialistisch weitergebraut. Aber nur bis 1978. Im Zuge der planwirtschaftlichen Zentralisierung wurden immer mehr lokale Braustätten geschlossen. Die in Beroun wurde zu einer Abfüllanlage für urquelliges Industriebier umfunktioniert. Nach dem Ende des Kommunismus ergab auch das keinen Sinn und im Jahr 1997 wurden die letzten Mitarbeiter entlassen. Das alte Brauereigebäude wich Wohnblöcken. War das das Ende? Nein!

Auftritt Hana Mayerová und ihr Mann Václav! Die beiden kauften das Areal einer alten Zuckerfabrik, das verfiel und Schrottplatz geworden war, und fingen an. Eine neue, wiederauferstandene Lokalbrauerei musste her! Professionelle Brauer waren beide nicht, aber gerade das eröffnete Möglichkeiten, wie Václav Mayer etliche Jahre später feststellte: “ Wir waren damals ein Unternehmen mit einem Haufen erfahrener Handwerker und handelten mit ‚Schrott‘. Dank dessen gelangten wir zu ausrangierten Geräten aus verschiedenen Lebensmittelbetrieben. Wir haben daraus die Brautechnik ein bisschen komponiert nach dem Motto, dass ein Laie alles kann, denn im Gegensatz zu einem Experten weiß er nicht im Voraus, dass es nicht geht.“ Und siehe da: Es ging! Einige der alten Braukessel sieht man sogar draußen am Wegesrand, wenn man noch zwischen den Industrieruinen die Brauerei sucht.

Es geradezu selbstgebastelte Ansatz führte zu einer irgendwie gleichzeit innovativen und traditionellen Braukunst. Man legte zusätzlich sogar eine eigene Mälzerei im nahen Dorf Suchomasty an. Und das Brauen in der Brauerei (die auf Wunsch besichtigt werden kann) erfolgt auf technisch einfachem und daher grundsolide bodenständigem Niveau. Der Sud wird zum Beispiel nicht computergesteuert elektronisch erhitzt, sondern wie früher mit einem Kaminofen. „Der größte technische Komfort in unserem Betrieb ist ein Sensor, der die Temperatur in der Brauerei misst und dem Brauer auf einer Messuhr anzeigt. Dadurch muss er nicht ständig mit einem Handthermometer herumlaufen“, erklärt Václav Maier. Aber genug zu Technik: Am Ende ist es ja die Qualität des Bieres selbst, die zählt.

Sieben Sorten Bier aus eigener herstellung gab es hier gezapft als wir hierher kamen. So zum Beispiel das herrlich herb-samtige Berounský medvěd – polotmavý speciál (Berauner Bär Spezial Halbdunkel), das man auf dem großen Bild oben vor dem wunderschön aus holzgeschnitzten Bären-Logo an der Wand der Bierhalle der Brauerei sehen kann. Oder das etwas hopfigere Berounský medvěd – tmavý speciál (Berauner Bär Spezial-Dunkel) oder das Berounský medvěd – Zlatý kůň (Berauner Bär – Goldenes Pferd), ein sehr leichtes Helles mit mildem Geschmack und nicht überhopft. Man sieht sie beide im Bild links nebeneinander. Man sieht dass ich nicht schnell genug geknipst habe, und die Biere bereits angetrunken waren – ein Beweis für die hohe und unwiderstehliche Qualität des Bieres. Die lässt zweifeln, ob es bei dem in der Gründungsgeschichte der Mayers als „Laien“ nicht um eine geschickte und werbewirksame Selbstmystifizierung handelt. Jedenfalls kann kein Profi das besser machen. Die Betreiber rühmen sich zudem, dass sie die Zutaten sehr schonend zubereiten, und dass sie unfiltrierte Hefe mit einem hohen Gehalt an Vitamin B verwenden. Biertrinken ist hier also nicht nur Genuss, sondern etwas Gutes für die Gesundheit. Menschen mit größeren Gesundheitsproblemen, bei denen normales Qualitätsbier nicht mehr wirkt, sei die stärkere Dosis empfohlen, der hauseigene Bierbrand mit 50 Prozent Alkoholgehalt.

Ja, und wer gut trinkt, soll wenigstens nicht schlecht essen. Und auch das ist garantiert in der Familienbrauerei Berounský medvěd! Natürlich findet man auf der Speisekarte die großen tschechischen Bierhaus-Klassiker, wie gegrillte Entenbrust, eingelegten Hermelin (eine Art tschechisches Camembert-Imitat, oder haben die Franzosen etwa den Hermelin nachgemacht?) oder die rechts abgebildete Fleischplatte mit einer Variation böhmischer Knödel. Aber es gibt auch eine etwas internationaler anmutende Steak-Karte. Die Qualität des Fleisches ist exzellent. Die tschechische Küche bekommt in ihrer Schlichtheit dadurch einen erhöhten und edlen Charakter. Wer (was in Tschechien gottlob eher selten ist) lieber vegetarisch genießt, der kann sich sogar an einer kleinen Salatplatte delektieren. Jedenfalls korrespondiert der hohe Standard des Bieres mit der des Essensangebots.

Und wohlfühlen kann man sich drinnen. Denn der Gastraum ist so gemütlich, wie es in einem Braurestaurant sein muss. Aber so richtig! Der Schrott und Verfall draußen (der sowieso eine großartige Kulisse für das Ganze bildet) ist in der ersten Sekunde vergessen. Denn tatsächlich ist die alte Industiriearchitektur ausgesprochen geeignet, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die man für ein zünftiges Biervergnügen braucht. Dazu wurde das Ganze richtig hübsch dekoriert. Überall wurden sorgfältig Hopfengirlanden (Bierstimmung!) angebracht. Es gibt klassische, aber schon höherwertige Holzmöbel und alte Werbetafeln von Brauereien wurden an den Wänden angebracht. Die Räumlichkeiten sind groß genug für ab und an stattfindende Kulturveranstaltungen oder auch Festlichkeiten wie Hochzeiten.

Dazu wurden einige Wände mit entzückenden, teilweise geradezu humoristischen Wandmalereien geschmückt, die teilweise Szenen aus dem Brauerleben zeigen, aber auf bisweilen Überraschendes. Zum Beispiel das Sgraffito, das wir im Bild rechts sehen. Da wurde ein altes Waschbecken genutzt, um drumherum einen Brunnen mit der Statue des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk zu malen. Nach hinten verliert sich das Ganze perspektivisch als Straßenzug. In das Gemälde wurden jedoch ein nicht als Sgraffito, sondern plastisch/realistisch gemaltes Portrait eines sitzenden Hundes und eine ebenso angefertige Katze eingefügt. Auf den ersten Blick denkt man, hier säße wirklich der Hund eines Gastes (in Tschechien ist das ja nicht unwahrscheinlich). Lady Edith, die mit dabei war, als wir hier einkehrten, fiel allerdings auf die optische Illusion nicht herein.

Wer nach einer längeren Wanderung entlang der Berounka nach einem geeigneten Abschluss eines schönen Erlebnistages sucht, kann sich wohl kaum etwas Besseres vorstellen. Lange Rede (dazu lädt die Brauerei ein!), kurzer Sinn: Ja die Familienbrauerei Berounský medvěd des Ehepaars Mayer ist ein absolutes „Muss“ für den Freund tschechischen Bieres! (DD)

Bier im Bischofspalast

Gute Bildungsbürger sollten sich das Gebäude des Vojanův Dvůr (Vojan Hof) natürlich wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung für Prag anschauen. Es spricht dabei aber nichts dagegen, dort in der kleinen Brauereigaststätte gleichen Namens einzukehren und selbige näher zu inspizieren.

Der Name täuscht. Das Gebäude an der U Lužického semináře 119/21 auf der Kleinseite wurde zwar – genau wie der sich anschließende Vojan Park (Vojanovy sady) im 20. Jahrhundert nach dem Schauspieler Eduard Vojan benannt (früherer Bericht hier), der in der Gegend wohnte, aber es verdankt ihm keineswegs seinen Ursprung. Erstmals wurde das Gebäude 1248 erwähnt. Da war es nämlich der Palast oder Hof des Bischofs von Prag. Damals war das Nikolaus von Újezd, der sich vor allem durch den Ausbau der Prager Burg hervorgetan hatte. Als im 14. Jahrhundert die Prager Bischöfe zu Erzbischöfen aufstiegen, blieben sie weiterhin hier. Erst im 17. Jahrhundert zog es die Erzbischöfe in ein neues Domizil in die Altstadt. Der Hof fiel in den Besitz eines Klosters des Ordens der Karmelitinnen. Erst in den 1920er Jarhen wurde das Areal säkularisiert.

Entscheidend ist jedoch das Jahr 2018. Da eröffnet die Brauereigaststätte ihre Pforten. Die ist enorm beliebt bei den Unmengen von Touristen (aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl Einheimischer), die sich hier vorbeidrängen und im Sommer vor allem den Biergarten lieben. Ja, und obwohl das Vojanův dvůr mitten in einem touristischen Hotspot residiert, bekommt man für sein Geld hier reelle Qualität. Es handelt sich gewiss um eines der Top-Braulokale Prags.

Das liegt daran, dass die Betreiber schon wussten, wie man Qualität und Massentourismus verbinden kann. Schon 2014 hatten sie mitten im Gewühl der Altstad auf der anderen Moldauseite die Braugaststätte U tří růží (Bei den Drei Rosen) in der immer belebten Husova 10/232 (wir berichteten hier) gegründet und dort gezeigt, was sie konnten. Beide Lokale teilen sich Profi-Braumeister Tomáš Tuchyňa, der in beiden Brauereien durchaus für ein unterschiedliches Bierangebot sorgt – und zwar mit höchsten Qualitätsansprüchen. Hier sieht man das milde Halbdunkle (rechts) und das rötliche Rubín, ein leicht hopfiges Lagerbier.

Die Brauanlage kann man übrigens auf Anfrage besichtigen. Um das Trinken leichter zu machen, sollte man sich auch etwas zu Essen gönnen. Wie im U Tří růží bekommt man auch hier, was man von einer böhmischen Gaststätte so erwartet – deftige Küche mit Knödeln, Fleisch und was dazugehört. Uns schien die Zubereitung sogar ein wenig hochwertiger als im Schwesterlokal drüben auf der anderen Flussseite.

Nicht nur demjenigen, der wissen will, wie Bier in einem alten Bischofssitz schmeckt, sei diese Gaststätte empfohlen. (DD)

Bieravantgarde

Eine Adresse, aber zwei Einkehrmöglichkeiten – das findet man wohl nur in der Táborská 389/49 im Stadtteil Nusle (Prag 4).

Eine der beiden ist das Restaurant U Bansethů. Das ist eine sehr alte Traditionsgaststätte mit etwas gehobenerer tschechischer Cuisine, in der es aber nur urquelliges Industriebier gibt. Immer auf der Suche nach originellen böhmischen Biersorten zog es uns zunächst einmal durch den Nebeneingang. Dort befindet sich die Nachbarschaftsbrauerei Bašta (Sousedský pivovar Bašta). Die sollte sich der Bierkenner nicht entgehen lassen.

Aber wie kommt es, dass sich hier irgendwie zwei Gastbetriebe unter einem Dach scheinbar Konkurrenz zu machen scheinen? Das kam so: Im Jahre 1900 wurde hier nur das U Bansethů durch einen Wirt namens Alois Banseth eröffnet. Das wechselte mehrfach im Laufe der Jahrzehnte den Besitzer, aber nie den Namen. Im Jahre 2007 – das war das Restaurant schon ein wenig heruntergekommen – erwarb es Vladimir Bašta, ein gestandener Veteran der Brauerszene, der die Gaststätte wieder aufmöbelte. Aber er war, so ließ er in der Lokalpresse verlauten, nicht zufrieden damit, nur eine Gaststääte mit traditionellem Urquellausschank zu betreiben. Also teilte er die Räumlichkeit und gründete seine eigene Kleinbrauerei.

2017 ging Vladimir Bašta in den wohlverdienten Ruhestand und in der Person von Tomáš Bašta kam die nächste Generation der familie zum Zuge. Wie das U Bansethů entwickelt sich die Brauerei Bašta wohl langsam zum Traditionsbetrieb. Und Konkurrenz machen sie die beiden Gaststätten sowieso nicht, da sie der gleichen Familie gehören. Aber mit unterschiedlichen Zielgruppen. Das Bašta, dessen Name sogar in die Tische eingebrannt ist (Bild oberhalb rechts), ist dabei das Mekka der Bieravantgardisten.

Dazu tragen natürlich die originellen und geradezu avantgardistischen Bierkreationen von Brauer Jan Kroužek bei, mit dem sich Bašta jr. zusammengetan hat. Man sieht es im großen Bild oben. Der leicht rötliche Ton deutet es an, dass es sich um ein mit roter Johannisbeere angereichertes Bier. Das klingt zunächst einmal nicht nach jedermanns Sache. Aber der zusätzliche Geschmack ist dem Bier in so zarter Dosis beigefügt, dass man nur einen Hauch verspürt, der dem Ganzen tatsächlich eine interessante Note verleiht. Man sollte sich sich im Bašta für Experimente offen zeigen, wofür man dann auch belohnt wird.

Aber selbstredend gibt es auch immer konventionellere, aber nicht minder gute Biersorten im Angebot, vom klassischen Hellen bis zum Halbdunklen. Die kleine, aber feine Bierkarte, die als handbeschriebene Tafel an der Wand hängt, offeriert in sehr dichter Folge immer wieder neue Sorten. Mal könnte wöchentlich hingehen und immer wieder Neues finden.

Nun ja, und um gut trinken zu können, sollte man auch angemessen gut essen. Das Bašta offeriert eine kleine Speisekarte, die auf den ersten Blick genau das offeriert, was man in einer tschechischen Braugaststätte so an Deftigem erwartet. Das gibt es auch qualitativ nichts zu meckern. Aber es gibt kleine originelle Variationen. Der Gulasch mit Knödeln (ein Standardklassiker der nationalen Kochtradition) ist etwa nicht nur ein einfacher Gulasch, in dem Knödel schwimmen. Es handelt sich um einen Gulasch aus Entenherzen. Das war lecker und mal etwas anderes.

Bleibt noch das gediegene und gemütliche Interieur und auch der natürlich nur im Sommer geöffnete kleine Sommer-Biergarten zu erwähnen. Ein wenig abseits der Touristenströme kann man hier in der schönen Brauerei Bašta in Nusle tatsächlich die tschechische Bierbraukunst von ihrer besten Seite kennenlernen. (DD)