Familienbrauerei zwischen Industrieruinen

Ein Geheimtipp für Freunde guten Bieres: Beroun ist als Ausgangspunkt für überaus schöne Tagestouren durch das idyllische Tal der Berounka (Tipps brachten wir hier und hier) bei Ausflüglern aus dem nahen Prag zwar beliebt, aber ansonsten eine Industriestadt. Man muss Kenner sein, um an einer der unschönsten Ecken des Ortes, inmitten verfallender Fabrikhallen und einem Schrottplatz, in dem sich sogar abgewracktes Kriegsmaterial aus der Zeit des Warschauer Pakts befindet, eine richtig sensationelle und äußerst ungewöhnliche Biergaststätte zu finden: Die Rodinný pivovar Berounský medvěd (Familienbrauerei Berauner Bär).

Hat man sich nach rund drei Minuten Fußmarsch vom etwas gesichtlos modern gestalteten Bahnhof der Stadt durch die Öde des heruntergekommenen Fabrikareals in den Innenhof des Schrotthandels in der U Cukrovaru 135 gekämpft, steht man plötzlich davor. Wie ein properes und zünftiges Landgasthasthaus sieht es aus, wenn man sich die Umgebung wegdenkt. Und auch die bekommt nun irgendwie einen pittoresken und auch surreal inspirierenden Charakter, wenn man sie wiederum im Kontext der Brauereigaststätte sieht. Kurz: Der Weg lohnt sich. Was viel, aber nicht nur etwas mit den (mindestens) sieben Sorten Bier zu tun hat, die man hier frisch gezapft und gebraut genießen kann.

Zur Geschichte: Dokumentiert ist das Bierbrauen in Beroun (das es dort aber wohl schon vorher gab) seit dem Jahr 1295, als der böhmische König Wenzel II. Beroun der Stadt nicht nur königliche Stadtrechte verlieh, sonder -wichtiger noch! – den Bürgern das Recht zum Brauen und Mälzen. Das ließen sich die Bürger – gute Tschechen allesamt! – nicht zweimal sagen. Im 15. Jahrundert gab es alleine drei städtische Brauereien, von denen sich eine im Rathaus befand, damit die Ratsherren sich beim mühsamen Regieren der Stadt schnell erfrischen konnten. Daneben gab es viele nebenberufliche Brauereien in Bürgerhäusern, die meist von Frauen betrieben wurden. Im frühen 17. Jahrhundert beendete die Stadtregierung die Freiheit der Hausbrauereien und führte eine Stadtbrauerei mit einem hauptberuflichen Brauer ein. Sämtliche Gerätschaften und Vorräte dieses Betriebes wurden 1648 (dem letzten Jahr des Dreissigjährigen Krieges) von den einfallenden Schweden weggeschleppt und eine zeitlang war die Stadt nicht nur grausam „trockengelegt“, sondern auch pleite, da die Biersteuer auf gebrautes Bier ausblieb. Aber das renkte sich nach dem Frieden bald wieder ein. Jedenfalls war man in Beroun immer auf die eigene Brautrdition stolz, weshalb auch heute in der Familienbrauerei das Stadtwappen prangt.

Der nächste Schritt vorwärts kam 1871, als auf Initiative des Rates eine große Brau-Aktiengesellschaft geschaffen wurde, die im Jahr darauf in Betrieb ging. Das Zeitalter der Großbrauereien war angebrochen. Die Brauerei in Beroun war ein guter Regional-Champion. Allerdings in dieser Form nur bis zur Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948, die die Aktienbrauerei umgehend verstaatlichten. Verdursten musste man in der Stadt nicht, denn es wurde zunächst einmal irgendwie sozialistisch weitergebraut. Aber nur bis 1978. Im Zuge der planwirtschaftlichen Zentralisierung wurden immer mehr lokale Braustätten geschlossen. Die in Beroun wurde zu einer Abfüllanlage für urquelliges Industriebier umfunktioniert. Nach dem Ende des Kommunismus ergab auch das keinen Sinn und im Jahr 1997 wurden die letzten Mitarbeiter entlassen. Das alte Brauereigebäude wich Wohnblöcken. War das das Ende? Nein!

Auftritt Hana Mayerová und ihr Mann Václav! Die beiden kauften das Areal einer alten Zuckerfabrik, das verfiel und Schrottplatz geworden war, und fingen an. Eine neue, wiederauferstandene Lokalbrauerei musste her! Professionelle Brauer waren beide nicht, aber gerade das eröffnete Möglichkeiten, wie Václav Mayer etliche Jahre später feststellte: “ Wir waren damals ein Unternehmen mit einem Haufen erfahrener Handwerker und handelten mit ‚Schrott‘. Dank dessen gelangten wir zu ausrangierten Geräten aus verschiedenen Lebensmittelbetrieben. Wir haben daraus die Brautechnik ein bisschen komponiert nach dem Motto, dass ein Laie alles kann, denn im Gegensatz zu einem Experten weiß er nicht im Voraus, dass es nicht geht.“ Und siehe da: Es ging! Einige der alten Braukessel sieht man sogar draußen am Wegesrand, wenn man noch zwischen den Industrieruinen die Brauerei sucht.

Es geradezu selbstgebastelte Ansatz führte zu einer irgendwie gleichzeit innovativen und traditionellen Braukunst. Man legte zusätzlich sogar eine eigene Mälzerei im nahen Dorf Suchomasty an. Und das Brauen in der Brauerei (die auf Wunsch besichtigt werden kann) erfolgt auf technisch einfachem und daher grundsolide bodenständigem Niveau. Der Sud wird zum Beispiel nicht computergesteuert elektronisch erhitzt, sondern wie früher mit einem Kaminofen. „Der größte technische Komfort in unserem Betrieb ist ein Sensor, der die Temperatur in der Brauerei misst und dem Brauer auf einer Messuhr anzeigt. Dadurch muss er nicht ständig mit einem Handthermometer herumlaufen“, erklärt Václav Maier. Aber genug zu Technik: Am Ende ist es ja die Qualität des Bieres selbst, die zählt.

Sieben Sorten Bier aus eigener herstellung gab es hier gezapft als wir hierher kamen. So zum Beispiel das herrlich herb-samtige Berounský medvěd – polotmavý speciál (Berauner Bär Spezial Halbdunkel), das man auf dem großen Bild oben vor dem wunderschön aus holzgeschnitzten Bären-Logo an der Wand der Bierhalle der Brauerei sehen kann. Oder das etwas hopfigere Berounský medvěd – tmavý speciál (Berauner Bär Spezial-Dunkel) oder das Berounský medvěd – Zlatý kůň (Berauner Bär – Goldenes Pferd), ein sehr leichtes Helles mit mildem Geschmack und nicht überhopft. Man sieht sie beide im Bild links nebeneinander. Man sieht dass ich nicht schnell genug geknipst habe, und die Biere bereits angetrunken waren – ein Beweis für die hohe und unwiderstehliche Qualität des Bieres. Die lässt zweifeln, ob es bei dem in der Gründungsgeschichte der Mayers als „Laien“ nicht um eine geschickte und werbewirksame Selbstmystifizierung handelt. Jedenfalls kann kein Profi das besser machen. Die Betreiber rühmen sich zudem, dass sie die Zutaten sehr schonend zubereiten, und dass sie unfiltrierte Hefe mit einem hohen Gehalt an Vitamin B verwenden. Biertrinken ist hier also nicht nur Genuss, sondern etwas Gutes für die Gesundheit. Menschen mit größeren Gesundheitsproblemen, bei denen normales Qualitätsbier nicht mehr wirkt, sei die stärkere Dosis empfohlen, der hauseigene Bierbrand mit 50 Prozent Alkoholgehalt.

Ja, und wer gut trinkt, soll wenigstens nicht schlecht essen. Und auch das ist garantiert in der Familienbrauerei Berounský medvěd! Natürlich findet man auf der Speisekarte die großen tschechischen Bierhaus-Klassiker, wie gegrillte Entenbrust, eingelegten Hermelin (eine Art tschechisches Camembert-Imitat, oder haben die Franzosen etwa den Hermelin nachgemacht?) oder die rechts abgebildete Fleischplatte mit einer Variation böhmischer Knödel. Aber es gibt auch eine etwas internationaler anmutende Steak-Karte. Die Qualität des Fleisches ist exzellent. Die tschechische Küche bekommt in ihrer Schlichtheit dadurch einen erhöhten und edlen Charakter. Wer (was in Tschechien gottlob eher selten ist) lieber vegetarisch genießt, der kann sich sogar an einer kleinen Salatplatte delektieren. Jedenfalls korrespondiert der hohe Standard des Bieres mit der des Essensangebots.

Und wohlfühlen kann man sich drinnen. Denn der Gastraum ist so gemütlich, wie es in einem Braurestaurant sein muss. Aber so richtig! Der Schrott und Verfall draußen (der sowieso eine großartige Kulisse für das Ganze bildet) ist in der ersten Sekunde vergessen. Denn tatsächlich ist die alte Industiriearchitektur ausgesprochen geeignet, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die man für ein zünftiges Biervergnügen braucht. Dazu wurde das Ganze richtig hübsch dekoriert. Überall wurden sorgfältig Hopfengirlanden (Bierstimmung!) angebracht. Es gibt klassische, aber schon höherwertige Holzmöbel und alte Werbetafeln von Brauereien wurden an den Wänden angebracht. Die Räumlichkeiten sind groß genug für ab und an stattfindende Kulturveranstaltungen oder auch Festlichkeiten wie Hochzeiten.

Dazu wurden einige Wände mit entzückenden, teilweise geradezu humoristischen Wandmalereien geschmückt, die teilweise Szenen aus dem Brauerleben zeigen, aber auf bisweilen Überraschendes. Zum Beispiel das Sgraffito, das wir im Bild rechts sehen. Da wurde ein altes Waschbecken genutzt, um drumherum einen Brunnen mit der Statue des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk zu malen. Nach hinten verliert sich das Ganze perspektivisch als Straßenzug. In das Gemälde wurden jedoch ein nicht als Sgraffito, sondern plastisch/realistisch gemaltes Portrait eines sitzenden Hundes und eine ebenso angefertige Katze eingefügt. Auf den ersten Blick denkt man, hier säße wirklich der Hund eines Gastes (in Tschechien ist das ja nicht unwahrscheinlich). Lady Edith, die mit dabei war, als wir hier einkehrten, fiel allerdings auf die optische Illusion nicht herein.

Wer nach einer längeren Wanderung entlang der Berounka nach einem geeigneten Abschluss eines schönen Erlebnistages sucht, kann sich wohl kaum etwas Besseres vorstellen. Lange Rede (dazu lädt die Brauerei ein!), kurzer Sinn: Ja die Familienbrauerei Berounský medvěd des Ehepaars Mayer ist ein absolutes „Muss“ für den Freund tschechischen Bieres! (DD)

Bier im Bischofspalast

Gute Bildungsbürger sollten sich das Gebäude des Vojanův Dvůr (Vojan Hof) natürlich wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung für Prag anschauen. Es spricht dabei aber nichts dagegen, dort in der kleinen Brauereigaststätte gleichen Namens einzukehren und selbige näher zu inspizieren.

Der Name täuscht. Das Gebäude an der U Lužického semináře 119/21 auf der Kleinseite wurde zwar – genau wie der sich anschließende Vojan Park (Vojanovy sady) im 20. Jahrhundert nach dem Schauspieler Eduard Vojan benannt (früherer Bericht hier), der in der Gegend wohnte, aber es verdankt ihm keineswegs seinen Ursprung. Erstmals wurde das Gebäude 1248 erwähnt. Da war es nämlich der Palast oder Hof des Bischofs von Prag. Damals war das Nikolaus von Újezd, der sich vor allem durch den Ausbau der Prager Burg hervorgetan hatte. Als im 14. Jahrhundert die Prager Bischöfe zu Erzbischöfen aufstiegen, blieben sie weiterhin hier. Erst im 17. Jahrhundert zog es die Erzbischöfe in ein neues Domizil in die Altstadt. Der Hof fiel in den Besitz eines Klosters des Ordens der Karmelitinnen. Erst in den 1920er Jarhen wurde das Areal säkularisiert.

Entscheidend ist jedoch das Jahr 2018. Da eröffnet die Brauereigaststätte ihre Pforten. Die ist enorm beliebt bei den Unmengen von Touristen (aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl Einheimischer), die sich hier vorbeidrängen und im Sommer vor allem den Biergarten lieben. Ja, und obwohl das Vojanův dvůr mitten in einem touristischen Hotspot residiert, bekommt man für sein Geld hier reelle Qualität. Es handelt sich gewiss um eines der Top-Braulokale Prags.

Das liegt daran, dass die Betreiber schon wussten, wie man Qualität und Massentourismus verbinden kann. Schon 2014 hatten sie mitten im Gewühl der Altstad auf der anderen Moldauseite die Braugaststätte U tří růží (Bei den Drei Rosen) in der immer belebten Husova 10/232 (wir berichteten hier) gegründet und dort gezeigt, was sie konnten. Beide Lokale teilen sich Profi-Braumeister Tomáš Tuchyňa, der in beiden Brauereien durchaus für ein unterschiedliches Bierangebot sorgt – und zwar mit höchsten Qualitätsansprüchen. Hier sieht man das milde Halbdunkle (rechts) und das rötliche Rubín, ein leicht hopfiges Lagerbier.

Die Brauanlage kann man übrigens auf Anfrage besichtigen. Um das Trinken leichter zu machen, sollte man sich auch etwas zu Essen gönnen. Wie im U Tří růží bekommt man auch hier, was man von einer böhmischen Gaststätte so erwartet – deftige Küche mit Knödeln, Fleisch und was dazugehört. Uns schien die Zubereitung sogar ein wenig hochwertiger als im Schwesterlokal drüben auf der anderen Flussseite.

Nicht nur demjenigen, der wissen will, wie Bier in einem alten Bischofssitz schmeckt, sei diese Gaststätte empfohlen. (DD)

Bieravantgarde

Eine Adresse, aber zwei Einkehrmöglichkeiten – das findet man wohl nur in der Táborská 389/49 im Stadtteil Nusle (Prag 4).

Eine der beiden ist das Restaurant U Bansethů. Das ist eine sehr alte Traditionsgaststätte mit etwas gehobenerer tschechischer Cuisine, in der es aber nur urquelliges Industriebier gibt. Immer auf der Suche nach originellen böhmischen Biersorten zog es uns zunächst einmal durch den Nebeneingang. Dort befindet sich die Nachbarschaftsbrauerei Bašta (Sousedský pivovar Bašta). Die sollte sich der Bierkenner nicht entgehen lassen.

Aber wie kommt es, dass sich hier irgendwie zwei Gastbetriebe unter einem Dach scheinbar Konkurrenz zu machen scheinen? Das kam so: Im Jahre 1900 wurde hier nur das U Bansethů durch einen Wirt namens Alois Banseth eröffnet. Das wechselte mehrfach im Laufe der Jahrzehnte den Besitzer, aber nie den Namen. Im Jahre 2007 – das war das Restaurant schon ein wenig heruntergekommen – erwarb es Vladimir Bašta, ein gestandener Veteran der Brauerszene, der die Gaststätte wieder aufmöbelte. Aber er war, so ließ er in der Lokalpresse verlauten, nicht zufrieden damit, nur eine Gaststääte mit traditionellem Urquellausschank zu betreiben. Also teilte er die Räumlichkeit und gründete seine eigene Kleinbrauerei.

2017 ging Vladimir Bašta in den wohlverdienten Ruhestand und in der Person von Tomáš Bašta kam die nächste Generation der familie zum Zuge. Wie das U Bansethů entwickelt sich die Brauerei Bašta wohl langsam zum Traditionsbetrieb. Und Konkurrenz machen sie die beiden Gaststätten sowieso nicht, da sie der gleichen Familie gehören. Aber mit unterschiedlichen Zielgruppen. Das Bašta, dessen Name sogar in die Tische eingebrannt ist (Bild oberhalb rechts), ist dabei das Mekka der Bieravantgardisten.

Dazu tragen natürlich die originellen und geradezu avantgardistischen Bierkreationen von Brauer Jan Kroužek bei, mit dem sich Bašta jr. zusammengetan hat. Man sieht es im großen Bild oben. Der leicht rötliche Ton deutet es an, dass es sich um ein mit roter Johannisbeere angereichertes Bier. Das klingt zunächst einmal nicht nach jedermanns Sache. Aber der zusätzliche Geschmack ist dem Bier in so zarter Dosis beigefügt, dass man nur einen Hauch verspürt, der dem Ganzen tatsächlich eine interessante Note verleiht. Man sollte sich sich im Bašta für Experimente offen zeigen, wofür man dann auch belohnt wird.

Aber selbstredend gibt es auch immer konventionellere, aber nicht minder gute Biersorten im Angebot, vom klassischen Hellen bis zum Halbdunklen. Die kleine, aber feine Bierkarte, die als handbeschriebene Tafel an der Wand hängt, offeriert in sehr dichter Folge immer wieder neue Sorten. Mal könnte wöchentlich hingehen und immer wieder Neues finden.

Nun ja, und um gut trinken zu können, sollte man auch angemessen gut essen. Das Bašta offeriert eine kleine Speisekarte, die auf den ersten Blick genau das offeriert, was man in einer tschechischen Braugaststätte so an Deftigem erwartet. Das gibt es auch qualitativ nichts zu meckern. Aber es gibt kleine originelle Variationen. Der Gulasch mit Knödeln (ein Standardklassiker der nationalen Kochtradition) ist etwa nicht nur ein einfacher Gulasch, in dem Knödel schwimmen. Es handelt sich um einen Gulasch aus Entenherzen. Das war lecker und mal etwas anderes.

Bleibt noch das gediegene und gemütliche Interieur und auch der natürlich nur im Sommer geöffnete kleine Sommer-Biergarten zu erwähnen. Ein wenig abseits der Touristenströme kann man hier in der schönen Brauerei Bašta in Nusle tatsächlich die tschechische Bierbraukunst von ihrer besten Seite kennenlernen. (DD)

Die Geburt der Nationalhymne

Der Park Fidlovačka. Am Rande des Stadtteils Nusle. Wenig oder gar nichts deutet darauf hin, wie eng dieser Ort mit der tschechischen Nationalhymne verbunden ist. Aber hier befindet sich der fiktive Ort ihrer Geburt.

Nun, diese Nationalhymne war ursprünglich nur ein Lied aus der Theaterkomödie Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (wörtlich: Fidlovačka, keine Wut und keine Schlägerei; im Deutschen aber meist als „Das Schusterfest“ übersetzt) des böhmischen Dramatikers Josef Kajetán Tyl, der sie 1834 erstmals im Ständetheater aufführen ließ (früherer Beitrag hier).

Fidlovačka (eigentlich die tschechische Bezeichnung für ein Werkzeug zur Lederpolitur) war die Bezeichnung für eine Wiesenaue am Ufer des Botič, auf der im 19. Jahrhundert das berüchtige Frühlingsfest der Schustergesellen stattfand. Dort strömten Anfang Mai Volkmassen aus ganz Prag herbei, um sich mal so richtig volllaufen zu lassen. Es muss dabei recht derb zugegangen sein. Der heutige Park bildet nur noch einen Teil des ursprünglichen Areals. Tyls leichte Komödie Fidlovačka, die sich um die Liebe des Müllers Jeník zur schönen Liduška dreht, deren böse Tante (am Ende vergeblich) eine andere Partie für sie will, spielt vor dem Hintergrund des Festes. Allerdings brachte der tschechisch-patriotisch gesonnene Tyl (seine Büste aus dem Nationaltheater sieht man oberhalb rechts) , der sich später auch an der 1848er Revolution in Prag beteiligte, ab und an kleine politische Spitzen ein. So ist der Mitbewerber um die Hand der schönen Liduška ein deutscher Baron Dudek, der kaum Tschechisch spricht und auch sonst überaus einfältig ist.

Der Höhepunkt ist jedoch ein Lied, das im Stück der blinde Geiger Mareš singt: Kde domov můj (Wo ist meine Heimat?) Vertont wurde es für das Stück von dem Komponisten ‎František Škroup (hier das Lied aus der Verfilmung des Stücks im Jahre 1930, gesungen von Otakar Mařák). Zusammen mit der Darstellung der Deutschen wurde das Stück zum patriotischen Fanal und das Lied, das die Heimat Böhmen besang, die inoffizielle Hymne all derjenigen, die der Fremdherrschaft der Habsburger kritisch gegenüber standen. Das Lied bewahrte seinen Platz in den Herzen der Tschechen (Beispiel hier).

Der Ort, wo der Geiger Mareš im Stück sein Lied singt, befindet sich direkt neben dem damaligen Wiesengelände der Fidlovačka. Es ist die Brauerei von Nusle (Nuselský pivovar). Die gab es schon seit 1694, als sie vom Grafen Jan Josef von Vrtby ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1897, als sie schon lange nicht mehr in gräflichem Besitz war, wurde sie in eine Aktienbrauerei umgewandelt. Ab da ging es aufwärts und bald war dies hier die größte Brauerei in ganz Mitteleuropa. Weder Tyl noch sein Mareš hätten die Braugaststätte, in der das Stück spielte, wiedererkannt. Mit ihren Schornsteinen war die Brauerei zur Industrieanlage geworden. Die wiederum ging in den Zeiten des Kommunismus (1960 wurde sie zur Mälzerei degradiert) vor die Hunde. Zur Zeit arbeiten Investoren an der Wiederbelebung dieses wunderschönen, aber leider auch heruntergekommenen Industriedenkmals.

Und dann ist da noch das Theater am Fidlovačka (Divadlo Na Fidlovačce) am anderen Ende des Parks, in dem heute primär Komödien und Musicals aufgeführt werden. Als es 1921 gegründet wurde, nannte man es Tyl-Theater, womit man einen klaren Bezug herstellte. Stücke von Tyl, darunter auch Fidlovačka, standen hier regelmäßig auf dem Programm. Es war das erste Theater, das in der neuen Tschechoslowakischen Republik eröffnete. Das (1998 nach kommunistscher Verwahrlosung teuer renovierte) Gebäude gehörte damals mit seiner funktionalistischen Architekur zu den avantgardistischsten der Stadt. Bürokratische Nichtigkeiten bei der Betriebsgenehmigung verhinderten 1921, dass das Theater zum dritten Gründungstag der Republik mit Tyls Stück eröffnet wurde. Es eröffnete erst 10 Tage später.

Zu diesem Zeitpunkt war Kde domov můj schon längst die Nationalhymne des nun von den Habsburgern unabhängigen Landes. (DD)

Freiheit/Bier

Noch kurz bevor gestern in Tschechien der Corona-Notstand ausgerufen wurde, mussten wir dann doch ein wenig die Freiheit genießen, die uns danach genommen wurde. Besser als in einer Brauerei, die den Namen der Freiheit trägt, geht das wohl kaum.

Brauerei Libertas (Pivovar Libertas) heißt die in der Škvorecká 725 in Úvaly, einer schön im Grünen gelegenen Ortschaft östlich des Prager Zentrums. Und libertas ist ja bekanntlich das lateinische Wort für Freiheit. Um sich richtig den Durst anzutrinken, bietet die Umgebung viele schöne Ausflugs- und Wandermöglichkeiten. Selten sieht man auswärtige Touristen, aber dafür Unmengen tschechische Familienausflügler. Die Brauerei mit ihrer Gaststätte liegt etwas außerhalb des kleinen Ortskerns nahe eines Einkaufszentrums.

Das Gebäude sieht ultra-modern aus und ist es auch. Denn die Brauerei gibt es erst seit 2019. Sie hat sich allerdings schnell einen Namen gemacht. Kleinbrauereien liegen ja zur Zeit im Trend und mittlerweile ist Libertas-Bier auch in zahlreichen Restaurants und Kneipen in Prag und außerhalb erhältlich. Man kann daher die Hoffnung hegen, dass die Brauerei Libertas die Zeit des Corona-Autoritarismus irgendwie übersteht (Also: Hingehen und dort etwas trinken, solange es noch geht!!!) Am besten genießt man das natürlich an einem schönen Sonnentag im überdachten Biergarten der Brauereigaststätte selbst.

Obwohl, wie gesagt, ultra-modern eingerichtet, ist die Gaststätte der Brauerei sehr gemütlich und einladend, aber eben nicht im Sinne alt-böhmischer Gemütlichkeit. Modern mit Geschmack eben. Die Ästhetik bezieht das „Fabrikhafte“ einer Bier-Produktionsstätte clever mit ein.

Aber man geht ja hauptsächlich wegen des Bieres und nicht wegen der Architektur zu einer Kleinbrauerei. Gründer Jaroslav Weis, der die tragende Firma schon 2016 als kleine Aktiengesellschaft ins Leben rief, heuerte für die Herstellung des Bieres den Braumeister Robert Franěk an, der sich schon zuvor bei der Brauerei Kamence einen Namen gemacht hatte. Der ist experimenterfreudig. Neben Klassikern wie dem traditionellen Hellen bietet er ach die gerade unter jüngeren Menschen beliebten Pale Ales an. Insgesamt gab es acht verschiedene Biere als wir die Brauerei besuchten, darunter das rechts abgebildete Himbeerbier.

Einen besoneren Schwerpunkt legt Franěk anscheinend aber auf eher deutsche Biertypen. Weizenbier ist etwas, das erst seit kurzem in Tschechien Einzug gehalten hat. Meist stimmt dann die Qualität nicht so ganz. Aber das Hefeweizen von Libertas (großes Bild oben, neben einem 12%-stammwürzigen Hellen stehend) muss den Vergleich mit keiner bayerischen Spitzenmarke scheuen! Auch eine Berliner Weiße wurde angeboten, die gut, aber eher wie ein klassisches Sauerbier (tsch.: Kyselka) schmeckte, und daher auch ohne den typischen Berliner Sirupzusatz serviert wurde. Gut schmeckte es allerdings!

Dazu gibt es deftige Küche in altböhmischer, aber auch etwas originellerer Variante. Hier eine Bratwurst vom Hirsch! Kriegt man nicht alle Tage! An warmen Tagen, an denen der Biergarten geöffnet ist, wird das Ganze von einer eigenen Grillstube draußen serviert. So kann man den Abschied von der Freiheit bei einem Libertas wenigstens einigermaßen glücklich überstehen! (DD)

Gutes Bier vom Lande

Die Vielfalt an Biersorten, die man in Prag genießen kann, nimmt glücklicherweise ständig zu. Neben den üblichen Markenbieren kann man in einer ständig zunehmenden Zahl von Kleinbrauereien hausgebrauten und erlesenen Gerstensaft genießen. Dazu kommen immer mehr moderne Craft Beer-Kneipen, wo viele regionale Biere aus ganz Tschechien in großer Zahl angeboten werden. Ein neuer Trend ist aber auch, dass lokale tschechische Brauereien/Braugaststätten aus Gegenden weit außerhalb von Prag hier in der Metropole eine Filiale aufmachen.

Seit Anfang 2020 ist das Restaurant Sladovna (Mälzerei) der Pivovar Cvikov aus Cvikov (früher auf Deutsch Zwickau in Böhmen; nicht zu verwechseln mit Zwickau in Sachsen) ein gutes Beispiel dafür. Ähnlich hat es schon 2018 die Klosterbrauerei Osseg, über die wir hier berichteten, gemacht, als sie nach Prag Vinohrady zog. Die Filiale der Braugaststätte der Cvikov-Brauerei hat es nun in die Neustadt, genauer in die Vodičkova 12/5 in der Neustadt (Prag 2) und unweit des Neustädter Rathauses gezogen.

Mit dem Ableger hielt ein traditionsreiches gutes Stück Braukunst in Prag ein. Die Bürger von Cvikov durften Bürger 1560 qua königlichen Privileg auch offiziell (inoffiziell taten sie es garantiert schon vorher) Bierbrauen. Eine richtige Brauerei gab es ab 1731. Aber 1866, 1882 und 1909 wurde die Brauerei in drei Bauphasen erst zu einer richtig großen Bierfirma ausgebaut. Ein weiterer Ausbau erfolgte 1931; damals trugen viele der dort gebrauten Biere noch deutsche Namen wie z.B. „Bürgerbräu“. Nach dem Ende der Nazibesetzung 1945 wollte der Besitzer die Brauerei, die eine richtige Erfolgsstory war, noch einmal ausbauen und vergrößern. Aber so weit kam es nicht. Die Kommunisten, die 1948 die Macht erschlichen, enteigneten den Betrieb noch im selben Jahr. Sie wurde nun in den Mega-Staatsbetrieb Severočeské Pivovary in Ústí nad Labem eingegliedert, wo sie im Morast des sozialistischen Zentralismus ein Schattendasein fristete. Wie zu erwarten setzte eine Phase der Misswirtschaft ein. Und so schloss die Brauerei 1968 ihre Pforten. Die alten Brauereigebäude wurden als Autogarage, Werkstatt, Lager oder Diskothek missbraucht. Überall sah man Verfall. Das war das Ende – aber gottlob nur vorübergehend. 2013 – als man schon kein Lebenszeichen in den Hallen mehr erhoffte – erwarb der Investor Jiří Jakoubek die alten Anlagen und ließ sie mit Hilfe des erfahrenen Brauunternehmers Viktor Tkadlec auf Vordermann bringen.

In Cvikov selbst wurde die Brauerei-Gaststätte schnell der „Platzhirsch“ (mit einem eigenen Hotel dazu) und in der unmittelbaren Umgebung fand es in anderen Kneipen rasch Absatz. Die Cvikov Brauerei ist nun ein regionaler Champion. Nun griff man nach Prag aus. Dort ist die Konkurrenz größer als in Cvikov. Man wird sehen, wie sie sich behauptet. Gut aufgestellt ist man allemal. Braumeister Martin Čech liefert ein breites Angebot von 4 bis 6 gezapften Bieren, die sich allesamt nicht an aktuellen Modetrends (wie das zur Zeit bei jungen beliebte Pale Ale) orientieren, sondern feinste Traditionsbraukunst mit sehr süffigen und malzigen Bieren in den Mittelpunkt stellen – etwa das mit 8% Stammwürze sehr leichte und sommerliche Sklář oder das mit 13% stärkere halbdunkle Sváteční, das einen etwas hopfigeren Unterton hat. Eine Auswahl sieht man schon oben auf dem großen Photo oben – auch ohne Geschmacksprobe bietet sie schon einen optisch farbenfrohen Eindruck.

Hinzu kommt das Essen, das in der Regel gehobener „böhmischer Klassik“ entspricht -so wie der Tatarák im Bild oben. Viele tschechische Traditionsgerichte werden dabei etwas moderner präsentiert, wie man vorne auf dem Bild rechts sieht. Die tschechische Entenbrust wird auf einem Salat serviert, was sehr lecker war. Auch etwas „jugendlichere“ Delikatessen, wie der wuchtige Burger im Hintergrund, werden angeboten. Das und die sehr moderne, aber durch Holzvertäfelung sehr gemütliche Einrichtung die Biertradition vom Lande zu einem Gewinn für Prag werden. (DD)

Wahre Kunst mit lokalem Bier

Nachtrag 9. Dezember 2020: Dank der recht erratischen Anti-Covid-Maßnahmen der tschechischen Regierung in diesem Jahr (willkürliche Ausschankverbote, Lockdowns etc.) ist die hier beschriebene Craft-Beer-Kneipe leider in den Bankrott gegangen und existiert nicht mehr. Das ist ein Verlust, der traurig stimmt.

Biergaststätten mit „Craft Beer“ sind derzeit überall in der Welt der letzte Schrei. Das sind Lokale, in denen nicht das Bier von Großbrauereien zum Zuge kommt, sondern oft eine große Vielzahl von Besonderheiten kleiner lokaler Brauereien. Ein nettes Beispiel bei uns in der Nähe Zubatý Pes, was etwa so viel bedeutet wie „Bezahnter Hund“.

Das Lokal liegt in Vinohrady (Prag 2) ganz nahe am Náměstí Míru (Friedensplatz) an der Slezská 1357/1. Erst seit dem letztem Jahr befindet sich das Zubatý Pes hier in den kleinen und engen, dafür zweistöckigen Räumlichkeiten (großes Bild oben). Vorher war hier eine andere Bierkneipe angesiedelt. In der Bierszene sind die Dinge halt im wahrsten Sinne des Wortes immer im Fluß…

Warum das Lokal so heißt, wie es heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest fällt der Name auf. Und Auffälligkeit ist bekanntlich schon die halbe Miete in Sachen Werbewirksamkeit. Außerdem mögen die Tschechen bekanntlich Hunde, weshalb die Idee, einen Hund in die Corporate Identity einzubeziehen, grundsätzlich schon einmal nicht schlecht ist. Ein breit grinsender Hund, der frohgemut seine Zähne zeigt, ist folglich auch das Logo des Hauses. Ein wenig erinnert der Logo-Hund des Zubatý Pes an den amerikanischen Trickfilm-Hund Scooby-Doo. Das mag aber schierer Zufall sein.

Zwei Dinge machen das Zubatý Pes zur Besonderheit. Zum Ersten: Natürlich das Bier! Das Publikum ist in der regel reichlich jünger als wir, weshalb auch etliche modische/nicht-traditionelle ausländische Biersorten (belgische Biere, Pale Ales etc.) vertreten sind. Aber das macht nur einen Teil der 24 (in Worten: vierundzwanzig) wechselnden Biersorten aus, die hier frisch gezapft (!) werden. Interessant ist vor allem nämlich die Fokussierung auf Kleinbrauerein der Prager Vororte und Randgebiete, die man als Kenner der Innenstadtbereiche selten zu sehen oder gar zu schmecken bekommt.

Ohne das Zubatý Pes würde der Innenstädter vielleicht gar nichts erfahren von der Brauerei Cobolis. Die befindet sich im Stadtteil Kobylisy (Cobolis ist die lateinisierte Bezeichnung des Ortstteils) und braut das dunkle Weizenbock, das in Tschechien etwas anders schmeckt als sein deutscher Namensvetter – etwas weniger süß, dafür etwas mehr säuerlich; eher wie belgische Weizenbiere. Man sieht es im kleinen Bild oberhalb. Oder auch – um ein zweites von vielen Beispielen zu nennen – die Brauerei Antoš aus der etwas nördlich von Prag gelegenen Kleinstadt Slaný, die u.a. das oben abgebildete Lagerbier braut, das sich durch einen angenehmenen milden Geschmack auszeichnet (sprich: es ist nicht überhopft).

Zum Zweiten: Die Einrichtung. Die ist gemütlich. Und, überall an den Wänden hängen gerahmte Kopien berühmter Gemälde aus aller Welt. Erst bei näherem Hinschauen bemerkt man, dass die abgebildeten Personen alle ein Bierglas in der Hand halten. Links sieht man das berühmteste Gemälde des amerikanischen Malers James McNeill Whistler, nämlich das Portrait seiner Mutter. Selbst Nichtkenner in Sachen Kunst kennen es aus dem ersten Mr- Bean-Film (1997) von Rowan Atkinson. Auch die Mutter scheint gerne im Zubatý Pes ein Bierchen zu kippen. Eine witzige Idee. (DD)

Der Hit unter Touristen: Das U Fleků

Keine Frage: Unter den Prager Braugaststätten ist diese der unangefochten berühmteste Touristenmagnet. Die Rede ist vom in der Neustadt gelegenen U Fleků in der Křemencova 1651/11. Und es ist ebenfalls keine Frage: Das U Fleků ist jedem Ansturm von Touristen gewachsen. In die sieben Säle, die im Sommer noch um einen kleinen Biergarten ergänzt werden, passen rund 1200 Gäste. Verdursten muss auch keiner, denn rund 3.500 Hektoliter (das sind 350.000 Liter) des guten Gerstensafts produziert die hauseigene Brauerei im Jahr.

Die Versorgung mit Bier wird auch noch dadurch effizient gestaltet, dass es nur eine Sorte Bier gibt, nämlich das berühmte Flekovský Tmavý Ležák 13°, zu Deutsch: das Flekovský Dunkle Lager mit 13 Prozent Stammwürze. Und ehrlich gesagt: Mehr braucht man auch nicht, denn das Bier ist so herrlich samten geschmackvoll, dass man es einen ganzen Abend genüßlich trinken kann, ohne Übersättigungserscheinungen zu haben.

Das liegt daran, dass man es hier mit einem historisch bewährten Bier zu tun hat, dass schon unzählige Tests bestanden hat. Denn das U Fleků kann sich rühmen, die älteste ununterbrochen in Betrieb stehende Brauerei in Prag zu sein. Seit 1499 gibt es sie schon an diesem Orte. 1762 kam sie in den Besitz eines gewissen Jakub Flekovský, der der Gaststätte und dem Bier bis heute seinen Namen gab.

Entsprechend ist schon das Gebäude selbst schon ein historisches Baudenkmal. Als der Betrieb 1499 eröffnet wurde, stand hier ein gotisches Gebäude. Vom dem kann man noch Überreste im Kellergeschoss finden. Dieses mittelalterliche Gebäude wurde 1675 grundlegend im Barockstil renoviert. Das die Außenfassade ist immer noch davon geprägt, trotz leichter Anpassungen im klassizistischen Stil, die nach 1812 erfolgten.

Um die Jahrhundertwende wollte man wieder – dem Zeitgeist entsprechend – zurück zu den mittelalterlichen Wurzeln. Zwischen 1900 und 1905 erfolgte ein Umbau, der die Außenstruktur weitgehend unverändert ließ, sich aber drinnen eher an einem neogotischen Stil ausrichtete. Zudem wurden viele Holzvertäfelungen angebracht, as die Sache so richtig gemütlich machte. Zudem heuerte man den berühmten Historienmaler Láďa Novák an, der an den Wänden Gemälde mit den Ansichten der schönsten Burgen Böhmens und Mährens anbrachte, womit das Mittelalter-Flair noch einmal verstärkt wurde.

1949, also pünktlich zum 450 Jahresjubiläum, wurde die damalige Besitzerfamilie Brtník von den Kommunisten, die im Jahr zuvor die Macht ergriffen hatten, enteignet. Der Brau- und Gastbetrieb ging aber weiter. In den 1970er und 80er Jahren frequentierten besonders gerne offen oppositionelle Jugendliche der sogenannten Blueser-Szene aus der „DDR“, was gerade die dortigen Polizeikräfte mit Repressalien (Entziehung des Passes etc.) zu verhindern suchten. Es bis zu einem Bier im U Fleků geschafft zu haben, war fast so etwas wie ein Tapferkeitsabzeichen für die Jugendlichen.

Seit 1991 ist das U Fleků wieder an die Besitzer restitutiert. Brauer Michael Adamík sorgt dafür, dass das Bier in altbewährter Qualität gebraut wird. Neben dem qualitativ hochwertigen Bier, dessen Spitzenruf zurecht besteht, gibt es noch Speisen im Angebot, die ganz und gar dem entsprechen, was Touristen von Prag erwarten: Derb, schwer und knödellastig. Der klassische Gulasch, den man weiter oben sieht, darf nicht fehlen. Überraschend gut war die Fleischqualität des rechts abgebildeten Presssacks (Tlačenka), fand ich jedenfalls. Alles ist recht ordentlich, aber nicht spektakulär. Aber, um eine gute Grundlage für den Biergenuss zu haben, ist es absolut hinreichend.

Auch sonst bietet die Gaststätte noch viel Entertainment. In jedem Raum spielen häufiger recht unterhaltsame Akkordeonspieler klassische Bierhallenschlager und alte böhmische Weisen (diese hier, die aus dem Süden Prags stammt, fehlt natürlich selten). Für einen kleinen Obolus oder manchmal auch nur auf eine Bitte hin, spielen sie dem Kunden auch eine Wunschmelodie, insbesondere, wenn es einen Geburtstag oder etwas ähnliches zu feiern gilt. So muss es in einer Alt-Prager Kneipe zugehen, denkt man sich. Ob das nun lediglich Touristenshow ist oder nicht, bleibt eine akademoische Frage und interessiert letztlich nicht. Man hat einfach seinen Spaß!

Alle paar Wochen gibt es dazu in einem der als „Kabarett“ bezeichneten Säle (kleines Bild rechts) eine kleine Bühnenshow. Ein kleines Biermuseum und die Möglichkeit einer Führung durch das Gebäude und die Brauerei, sowie ein Souvenierladen runden das Vergnügen beim Besuch des U Fleků ab. (DD)

Jung und originell

Kleinbrauereien sind der große Trend in Prag. Das ist eine gute Nachricht für alle, die das Besondere lieben. Ständig findet man Dinge, die man noch nicht ausprobiert hat. So zum Beispiel die Andělský pivovar, die so heißt, weil sie in der Lidická 337/30 in Anděl liegt, einem sich gerade voll hip gentrifizierenden Ortsteil von Prag 5.

Und die Andělský pivovar (Anděl-Brauerei) verkörpert den modernen Neu-Lokalismus des Viertels in archetypischer Weise – experimentierfreudig und tendenziell an ein junges Publikum gerichtet. Ende 2018 weihte man die Braugaststätte ein, die dann im Januar 2019 richtig eröffnete. Gemanagt wird der Laden von Milan Rejholec und Jan Macek. Ins Team dazu geholt hat man sich natürlich auch einen spitzenmäßigen Braumeister, nämlich Adam Roudnický, der schon in der leider seit 2019 geschlossenen, aber damals hoch-innovativen Altstadt-Kleinbrauerei U Dobřenských (wir berichteten hier) sein enorm großes Brauertalent gezeigt hatte.

Das ganze Team ist, wie das Publikum recht jung, was aber niemanden (wirklich: niemanden!), der ein paar winzige Jahre mehr auf dem Buckel hat, von einem Besuch abhalten sollte. Die Braugaststätte, die einen kleinen Barraum, einen großen Bierkeller mit altem Kellergewölbe und im Sommer einen Biergarten hat, ragt durch Originalität aus der sowieso schon recht vielfältigen Kleinbrauereiszene der Stadt heraus. Schon die blitzblanken Braukessel im Schaufenster stimmen den Trinkwilligen auf das ein, was da kommt.

Neben den gut gemachten tschechischen Klassikern ležák (Lager) und polotmavé (Halbdunkel) gibt es vor allem höchst experimentelle Biere. Zwei sieht (schmecken geht leider nicht per Internet; noch nicht…) man oben im großen Bild – rechts das im Augenblick bei jungen Leuten trendige Pale Ale, das hier in der ultrahopfigen Variante als BrutALE 12° daherkommt, links das leicht fruchtige Lavendel-Bier. Klingt gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber überraschend natürlich und nicht süßlich. Keine Bedenkenträgerei, einfach trinken! Die meisten Gäste halten sich die Maxime und die Zapfhähne sind ständig in Betrieb ob der Nachfrage.

Lobend hat Braumeister Roudnický letztens in der Presse erwähnt, dass diese Freude am Experiment („Weltunikate!“) auch etwas damit zu tun habe, dass die Eigner ihm grundsätzlich freie Hand für seine Kreativität ließen: „Die Besitzer der Brauerei lassen mir freie Hand, also überlege ich mir Specials und konsultiere möglicherweise nur die Zutaten oder den Stil des Bieres. Und dann sorge ich natürlich dafür, dass das hier gebraute Bier für die notwendige Zeit in den Tanks reift.“ Man sieht es hier, dass sich Mut zur Innovation und zur freien Hand für Kreativität unternehmerisch lohnt!

Ja, und natürlich ist es so, dass derjenige, der gut trinkt, zum Ausgleich wenigstens nicht schlecht essen soll. Die kleine Speisekarte bietet vielseitig Passendes. Da findet man die tschechischen Klassiker (z.B. Gulasch), Essen für die Jugend (spezielle Burger) und Internationales (Bulgur-Risotto). Der Hammer ist das kleine Angebot an Nachtischen. Die sind in der Regel mit Bier zubereitet – mit was sonst? Jedenfalls ist das Lebkuchen-Bier-Eis, das hier abgebildet ist (es gibt übrigens auch ein Lebkuchenbier!) ein Gaumenschmaus.

Das, zusammen mit dem rund einem halben Dutzend Biersorten, die man probieren sollte, verlangt nach einem Körper mit gutem Fassungsvermögen. Da beruhigt schon das Motto, das die Gaststätte auf ihren Bierdeckeln verbreitet: „Pivo dělá hezká těla!“ Auf Deutsch reimt sich das leider nicht so schön wie im tschechischen Original, aber die Botschaft stimmt – oder, man will zumindest fest glauben, dass sie stimmt: „Bier macht schöne Körper!“ (DD)

Nicht ganz alte Grünbier-Tradition

Seit alten Zeiten pflegen die Tschechen – auch in Prag – die Tradition des grünen Osterbiers, das passend am Gründonnerstag zum ersten Mal und dann bis Ostermontag in den Kneipen des Landes (es sei denn, der Coronavirus verhindert es) serviert wird. Bei jedem Schluck spürt man, dass dieser Brauch wohl bis in die Zeit des Heiligen Wenzel zurückreichen muss. Nun ja, nicht ganz… Tatsächlich war es das Jahr 2006, als die mährische Brauerei Starobrno vor Ostern zum ersten Male das grüne Bier (großes Bild oben) als originellen Werbegag lancierte. Das schlug so ein, dass man heute tatsächlich von einer Tradition sprechen kann.

Vor einigen Jahren hat auch die größte Prager Brauerei, Staropramen, zu Ostern ein grünes Bier auf den Markt gebracht. Man sieht es hier im Bild links. Andere Brauereien zogen nach – inzwischen hat man ein wenig den Überblick verloren.

In der Regel handelt es sich um kräftige untergärige Biere mit viel Stammwürze (bei Starobrno sind es 13%). Wie das Grün zustandekommt, darüber ranken – wie bei allen guten alten Traditionen – sich die verschiedensten Gerüchte. Sicher ist, dass am Schluss immer ein nicht näher bestimmter grüner Likör hineinkommt, der aber nicht den würzigen Charakter des Bieres beeinträchtigt. Ansonsten versicherte Starobrno ursprünglich, dass sonst nur Naturkräuter verwendet würden – nur um kurz darauf einen Prozess wegen irreführender Werbung zu verlieren, weil man dann doch Spuren des künstlich hergestellten Farbstoffs Brillantblau festgestellt hatte.

Dieser synthetische Farbstoff ist jedoch völlig ungefährlich, was jedem Menschen klar sein muss, wenn er mitkriegt, dass der hauptsächlich aus Triphenylmethan angefertigt wird. Das klingt ja schon recht harmlos. Und die Tschechen, die nicht zu der typischen deutschen Öko-Hysterie neigen, ließen sich jedenfalls nicht davon einschüchtern. Sie haben das grüne Bier so liebgewonnen, dass aus dem Werbegag inzwischen tatsächlich eine bodenständige Tradition geworden ist. Auch für uns ist ein Osterfest ohne Grünbier unvorstellbar geworden. (DD)