Denkmal mit gebrochener Geschichte

Die Würdigung der Gründung ihrer Ersten Republik wollte sich die Tschechoslowakei etwas kosten lassen. Und so begann man 1928, also 10 Jahre nach der Gründung, mit dem Bau des Nationaldenkmals auf dem Vítkovberg.

Jedenfalls sind schon alleine die Maße des Bauwerks – ganz zu schweigen von der hier schon öfters erwähnten gigantischen Reiterstatue des Hussitenfeldherrn Jan Žižka – geradezu kolossal: 143 Meter lang ist das Gebäude, 31,6 Meter hoch (man kann dort oben eine Aussichtsplattform besuchen!) und 27,5 Meter breit. Unter dem Keller befinden eine Unzahl von Räumen. Das Photo mit einem Querschnittsmodell des Gebäudes, das sich im zweiten Stock davon befindet, gibt einen kleinen Eindruck davon wieder. Pläne zur architektonischen Zelebration der Nation hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, als das Land noch zum Habsburgerreich gehörte. Die Gründung der Republik 1918 gab aber erst den richtigen Impetus. Und so legte im November 1928 der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, den Grundstein.

Hier sollten gefallene Helden des Unabhängigkeits in einem Mausoleum begraben werden, womit vor allem besonders heldenhafte Kämpfer der Tschechoslowakischen Legion gemeint waren, die im Ersten Weltkrieg nicht für die Habsburger gekämpft hatten, sondern für die Entente-Mächte, die dem Land die Unabhängigkeit versprochen hatten. Auch Masaryk selbst hätte nach seinem Tode gemäß dem Willen der Erbauer dort seinen Platz bekommen können, aber der zog bescheiden einen Platz bei seinem Landsitz in Lány u Rakovníka vor.

Aber soweit kam es sowieso nie. Denn die Bauarbeiten zogen sich unendlich hin und wurden 1938 wegen des Münchner Abkommens und der anschließenden Besetzung des Landes durch die Nazis abgebrochen. Nach dem Ende der Nazi-Tyrannei 1945 baute man weiter, aber kam ebenfalls nicht viel weiter, den schon 1948 kam die nächste Tyrannei, die kommunistische. Und das bedeutete eine Konzeptänderung.

Ursprünglich sollte das Ganze ja eine etwas gigantoman geratene „Kultstätte“ einer neuen Demokratie werden. Deshalb sollte die Architektur auch ganz modernistisch sein. Funktionalismus war angesagt. Und Funktionalismus mit strengen Formen und nur wenigen klassizistischen Anspielungen lieferte der Architekt Jan Zázvorka mit seinem Entwurf. Besonders gut sieht man das bei der Betrachtung der Seitenfassade.

Auch drinnen herrschte stenger Art Dèco-Stil vor. Etliche große Künstler der Zeit gestalteten die Innenräume. Besonders in der Kapelle kann man Mosaiken des Malers Max Švabinský bewundern. Es dominierend dort patriotische Motive, wie etwa diese Allegorie der Bohemia mit einem Rock in tschechischen Farben und einer roten Freiheitsmütze als Symbol der republikanischen Ordnung.

Kernstück der Kapelle ist die überlebensgroße Plastik „Der Verwundete“ des Bildhauers Jan Štursa. Und rundherum finden sich bronzene Reliefs des Art-Dèco-Bildhauers Jaroslav Horejc, dessen Bild eines gefallenen Legionärs man im kleinen Bild links sieht. Beide Künstler stellten das Leiden, das für den Kampf im die nationale Selbstbestimmung erbracht wurde, in den Mittelpunkt.

Der ästhetische Kurswechsel mit der Machtübernahme der Kommunisten kam abrupt und man sieht das daran, dass die Horejcschen Reliefe aus den 1930ern zwar blieben, aber 1950 neue hinzugefügt wurden. Man kann nur erahnen, was Horejc empfand, als er statt der empfindsamen Darstellung des Leidens der Kriegsopfer nun platte Propaganda in Form von Hammer und Sichel produzieren musste.

Das Aneinanderreihen von Unpassendem ging weiter. Das geplante Mausoleum, in dem schwarze Marmorsärge ursprünglich gefallenen Legionären als würdige Ruhestätte dienen sollten, wurde nun für führende Kommunisten (die 1990 wieder entfernt wurden, was die Särge seither leer belässt). Die kurzlebige demokratische Regierung nach 1945 hatte noch die Fertigstellung des ursprünglich als letzte Ruhestätte für Masaryk vorgesehenen Mausoleums in einer nun anzubauenden Apsis geplant. Masaryk hatte sich entschieden, lieber be seinem Landsitz in Lány beerdigt zu wrden. Stattdessen sollte das Mausoleum nun den bürgerlichen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedenken. Das mochten die Kommunisten überhaupt nicht. Nach dem Coup der Kommunisten wurde die Halle zu einer Gedenkhalle für die Rotarmisten, die das Land „befreit“ hatten, umfunktioniert. Mosaike mit sowjetischen Soldaten, erstellt von dem Maler Vladimír Sychra, blicken seither von den Wänden – so wie es in der Kapelle republikanische Legionäre tun. 1953 wurde die Halle als Mausoleum für den gerade verstorbenen Kommunistenführer Klement Gottwald eingerichtet, der hier einbalsamiert in einem Glassarg die posthumen Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen konnte – bis er im Zuge der Entstalinierung 1962 wieder entfernt wurde.

Und im ersten Stock befindet sich die ursprünglich für den demokratischen Präsidenten Masaryk in einem sehr bürgerlichen Stil eingerichtete Präsidentensuite ebenfalls neben Mosaiken im realistisch-sozialistischen Stil.

Die künden von der Freude der Bürger über die Ankunft der Roten Armee und etlichen militärgeschichtlichen Themen aus der Geschichte des Landes aus ideologisch klar fixierter Sicht. Ja, man bekommt hier in Architektur und Kunst gegossene Geschichte mit großen Brüchen zu sehen. Aber gerade das macht den Ort so faszinierend.

Nach der Samtenen Revolution von 1989 ließ man diese Brüche bestehen, dass heißt, man versuchte erst garnicht, die Skulpturen und Mosaike aus der kommunistischen Zeit zu zerstören. Man restaurierte allenfalls einige damals verschwundene Artefakte wieder an ihren alten Ort. So zum Beispiel in der großen Haupthalle im zweiten Stock, deren nüchterner, aber kolossaler Funktionalismus schlicht atemberaubend ist (großes Bild oben), wo die alte Flagge der Tschechoslowakischen Republik (noch mit den Wappensymbolen von Slowakei und Transkarpatien!) wieder aufgehängt wurde.

Seither ist das Nationaldenkmal kein Mausoleum mehr, sondern eher ein Nationalmuseum. Die Dauerausstellung zeigt ausgewählte Artefakte, die Meilensteine in der demokratischen Entwicklung des Landes – und auch die Rückschläge – mustergültig repräsentieren. Das Original des Abschiedsbriefs von Milada Horáková, geschrieben vor ihrer Hinrichtung durch die Kommunisten 1950 (früherer Beitrag u.a. hier) oder das Original der Charta 77, dem von Václav Havel verfassten Dokument des Widerstandes sind Beispiele dafür. Auch einige gesellschaftliche Trends werden aufgegriffen, wie etwa die in der Ersten Republik aufkommende Pfadfinderbewegung, in eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Nazis spielte und 1948 von den Kommunisten verboten wurde. Das kleine Bild oberhalb rechts, zeigt eine Sammlung mit Memorabilia.

Umgeben ist die Ausstellung (die bisweilen durch wechselnde Ausstellungen ergänzt wird) immer noch von den riesigen Reliefen des Bildhauers Karel Pokorný (früherer Beitrag hier), die das Motiv gefallener Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg und den Wirren danach wieder aufgreifen. Das Bild links zeigt einen Legionär, der in Russland kämpfte. Diese Bildwerke geben am ehesten die ursprüngliche Idee wieder, die hinter dem Nationaldenkmal stand. (DD)

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