(Fast) echtes britisches Schloss

„My home is my castle“, sagt bekanntlich der Brite. Genau das dachte sich wohl auch der Grundbesitzer Vladimír Židlický, der – obwohl Ur-Böhme – um 1880 dieses Schlösschen in der Hloubětínská 13/3 in Prag 9 erbauen ließ, das so übermäßig britisch aussieht, dass es als Drehort für einen alten Edgar-Wallace-Film der 1960er Jahre hätte dienen können, wenn nicht der Eiserne Vorhang derartiges verunmöglicht hätte.

Das Schloss von Hloubětín (Zámek Hloubětín) steht auf alten Fundamenten, die sich auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, doch weiß man über die alte Burg, die 1648 in der Endphase des Dreissigjährigen Kriegs von den Schweden dem Erdboden gleichgemacht worden war, fast gar nichts. 1848 erwarb der Jurist František Sedláček, das Land und begann eine neogotische Villa darauf zu erbauen. Die erwarb Židlický Ende der 1870er Jahre, um das Gebäude so richtig neuzugestalten. Die einstöckige schlossartige Villa mit zinnenbewehrtem Turm und kleinen Kaminen, die ebenfalls mit Zinnen versehen sind, ist in wundervollster romantischer Windsor- oder Tudorgotik gehalten.

Besonders beeindruckend wird es, wenn man sich dem ummauerten Areal von der Rückseite, dem Ufer der Rokytka (einem Nebenfluss der Moldau), nähert. Dort hat Židlický oben auf einem der für die Gegend typischen Schieferfelsen einen kleinen neogotischen Aussichtsturm am Rande des ebenfalls im englischen Stil angelegten Landschaftsparks des Schlosses errichten lassen, der sich heute immer noch ausgesprochen pittoresk ausnimmt. Der Mann hatte sich da ein kleines Paradies geschaffen!

Die Umgebung von Hloubětín einem Ortsteil von Prag 9 im Osten der Stadt, ist heute ein wenig von Plattenbauten verschandelt, aber das Schloss trägt wenigstens dazu bei, dass der innere Kern des Ortes immer noch wie eine dörfliche Idylle mitten in der Stadt wirkt. Es steht passend direkt neben der Dorfkirche zum Heiligen Georg (Kostel svatého Jiří), ein frühgotischer Bau, die erstmals 1217 urkundlich erwähnt wurde, und der noch über Reste seines Kirchhofs mit einigen schönen Grabdenkmälern verfügt. Das Ganze bildet zusammen mit einigen alten erhaltenen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ein hübsches Ensemble.

Zwischen den Weltkriegen gehörte das Schloss der örtlichen jüdischen Gemeinde. Die Nazis enteigneten die Gemeinde umgehend und unter den Kommunisten gab es selbstredend keine Restitution. Ab 1969 war es ein Zentrum der kommunistischen Jugendorganisation der Pioniere. Nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das Areal samt Schloss dann doch endlich restituiert. Die jüdische Gemeinde verpachtete es aber gleich an eine gynäkologische Klinik, die hier heute noch residiert. 2005 machte der Ort Geschichte als hier die erste Babyklappe Tschechiens eingerichtet wurde. Das Areal ist, da eine Klinik, nur begrenzt betretbar. (DD)

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