Optische Spielerei

Weil er vor allem zu Beginn auch verfremdete antikisierende Dekorationselemente mit einbezog, ist dem heutigen Betrachter bisweilen nicht mehr so recht klar, warum der Jugendstil seinerzeit eine so revolutionäre Neuerung in der Architektur darstellte. Nicht umsonst nennt man ihn auch Secessionsstil, weil er die Trennung von historistischen Baustilen bedeutete, die Ende des 19. Jahrhunderts noch vorherrschten.

Um dies zu verstehen, empfiehlt es sich, das große Doppelhaus in der Korunovační 907/13 und 917/15 Bubeneč (Prag 7) anzuschauen. Die beiden vierstöckigen Mietshäuser wurden um 1910 von dem Bauunternehmer Josef Kovařovic (siehe auch diesen früheren Beitrag) gebaut, der sich selbst als ein Modernisierer Prag verstand. Immerhin, so berichtet der bekannte Architekturhistoriker Zdeněk Lukeš (den Hinweis auf das Haus fand ich ihn diesem seinem Buch), wurde dieses Gebäude von dem Wiener Verleger Anton Schroll, einem der vehementesten publizistischen Verfechter des Jugendstils, in seiner Zeitschrift „Der Architekt. Wiener Monatshefte für Bauwesen und Decorative Kunst“ 1911 besonders lobend erwähnt.

In der Tat ist die Fassade ist geradezu eine optische Spielerei, die traditionelle Strukturen über den Haufen wirft. Die Betonung der Mittelachse zwischen den gleich großen Gebäudehälften (deren Erdgeschoss tatsächlich spiegelsymmetrisch sind) legt eine schöne Symmetrie nahe. Die Balkone und die ungewöhnlichen und (nicht immer) unterschiedlich großen Halbschachterker sind jedoch recht abenteuerlich zueinander gruppiert. Das Auge sucht ständig nach einer Symmetrie, die irgendwie vorgetäuscht wird, aber am Ende doch nicht existiert.

Auch wurde bei diesem Musterbeispiel des späten geometrischen Jugenstils auf jedwede antikisierende und figurliche Dekoration verzichtet. Neben den kunstvoll geschmiedeten Balkongittern sind es vor allem die Keramikelemente, die die sehr zurückhaltende (wohl um nicht vom Gesamteffekt der Fassade abzulenken) Ausschmückung bestimmen.

Sie tragen dazu bei, dass dieses Haus (das auf den ersten Blick den Vorbeigehenden gar nicht so recht auffällt) die innovative Idee des Jugendstils geradezu perfektioniert hat. (DD)

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