Architektenvilla

Als sie gebaut wurde, stand sie inmitten von unberührter Landschaft mit einem wunderschönen Blick über die Stadt Prag. Ganz so sieht es heute im Umfeld der Villa Rothmayer (Rothmayerova vila) nicht mehr aus. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um ein architektonisches Meisterwerk des Prager Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt.

Die kleine Villa, die der Architekt Otto Rothmayer in der U páté baterie 896/50 im Stadtteil Břevnov (Prag 6) für sich selbst und seine Frau baute, ist heute von drei Seiten von moderneren Gebäuden – darunter ein großes Krankenhaus – umbaut. Immerhin gibt es noch den Garten und das Umfeld zur Talseite ist schön begrünt. Man kann also noch erraten, warum Rothmayer hier wohnen wollte.

Rothmayer war ein Schüler von Josip Plečnik (siehe auch hier), der als Lieblingsarchitekt von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk und moderner Gestalter des Präsidententraktes auf der Burg in die Geschichte einging. Wie sein Lehrmeister wollte auch Rothmayer eine Architektur schaffen, die dem Modernisierungsanspruch der Ersten Republik entsprach. Und das galt auch für sein eigenes Haus. Dafür schwebte ihm eine auf Wohnlichkeit bedachte funktionalistische Konstruktion vor, die ästhetisch aber an traditionelle mediterrane Baukunst anknüpfte. Der zylindrische Turm (mit eine Wendeltreppe innen) und die Gartenveranda sind der sichtbare Ausdruck dieser Verbindung von Modernem und Traditionellen.

Das Haus überlebte die Zeiten von Krieg und Kommunismus einigermaßen intakt, weil es immer von Nachfahren Rothmayers als Einfamilienhaus genutzt wurde, die sich bewusst waren, dass es sich bei dem Bauwerk um ein erhaltenswertes Kulturdenkmal handelte. 1981 erklärte der Staat es auch offiziell zu einem ebensolchen. Große Teile der Inneneinrichtung und vor allem der Garten (links) blieben somit auch erhalten. 1992 – der Kommunismus war passé – wurde es sogar als besonders geschütztes Denkmal eingetragen. 2008 zogen die letzten Privatnutzer aus und die Stadt nutzte die Gelegenheit zum Kauf. Mit den Nachfahren vereinbarte die Stadt eine umfassende Renovierung und die Eröffnung als Museum. Als Teil des Museums der Hauptstadt Prag (Muzeum Hlavního Mesta Prahy) – wir berichteten – kann man es seit 2015 nun ab und an in Führungen besuchen.

Das ermöglicht die Besichtigung des auf den Stil des Hauses abgestimmten Interieurs und des modernen Gartens (mit Pool). Für die geschmackvolle Gestaltung, die mit Sammlerstücken aus dem ganz Land – etwa die im rechten Bild gezeigte kleine Madonnenstatue im Vordergarten im passend modernen Stil – angereichert ist, zeichnete sich auch Rothmayers Frau, die Künstlerin und Textildesignerin Božena Horneková-Rothmayerová verantwortlich. Prag ist eben mehr als nur die Altstadt, sondern auch ein Mekka für die Moderne, wie dieses sehenswerte Stück Architektur zeigt. (DD)

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