Jan Hus – Reformator und politisches Symbol

Heute ist nationaler Staatsfeiertag in Tschechien, der Tag der Verbrennung des Magisters Jan Hus (Den upálení mistra Jana Husa). Und verbrannt wurde Jan Hus heute vor 606 Jahren, am 6. July 1415. Das war wohl das, was man einen recht hinterhältigen Justizmord nennt. Und Jan Hus hält man seither hierzulande in Ehren, wovon diese Statue an der Fassade des leider etwas heruntergekommenen Wohn- und Mietshauses in der Husitská 191/47 deutlich zeugt.

Hus war – rund 100 Jahre vor Luther – so etwas wie eine Frührefomator. Er prangerte das politische Machtstreben des Klerus an, agitierte gegen den weltlichen Reichtum der Kirche, predigte in der Sprache des Volkes (also Tschechisch) und vertrat neue Vorstellungen über Ritus und Gottesdienst, etwa in Form des Laienkelchs, der später zum Symbol der von ihm ins Leben gerufenen Bewegung wurde. Das machte den Mächtigen in der Kirche keinen rechten Spaß und sie luden ihn ein, auf dem Konzil von Konstanz 1415 seine Thesen näher zu erläutern und sich zu rechtfertigen. Dazu wurde ihm mit einem Ehrenwort von Kaiser Sigismund freies und sicheres Geleit versprochen. Kaum angekommen, machte man ihm den schnellen Prozess und verbrannte ihn kurzerhand auf dem Scheiterhaufen als Ketzer. Als Folge dieses Wortbruchs kam es 1419 zu den Hussitenkriegen, die Böhmen verwüsteten. Die Hussiten, die in dieser Zeit keine eigene Kirche bildeten, blieben am Ende – nicht zuletzt wegen des militärischen Genies ihres Heerführers Jan Žižka – erfolgreich. Im Land herrschte danach ein recht hohes Maß an religiöser Toleranz, das den Hussiten und später den Protestanten zu Gute kam.

Das änderte sich mit der Schlacht am Weißen Berg 1620 und dem Dreissigjährigen Krieg. Die siegreichen Habsburger beendeten die staatliche Selbstständigkeit der Böhmen und unterzogen das Land einer anfänglich recht brutalen, aber langfristig durchaus wirksamen Zwangskatholisierung. Ende des 17. Jahrundert exisitierte das Hussitentum in Böhmen als vage historische Erinnerung, aber der vorherige Einfluss war gebrochen. Ohne, dass es ein wirkliches religiöses Revival gab, setzte jedoch im 19. Jahrhundert unter den Tschechen in Böhmen eine erneute Hus-Begeisterung ein. Diesmal war das Motiv mehr politisch. Der tschechische Nationalismus, der sich gegen Österreich und die Habsburger richtete, fand in Hus eine Art politischer Symbolfigur. Er stand für die Tschechen (in deren Sprache er gepredigt hatte) und war Opfer finsterer und natürlich deutscher Mächte geworden. Und möglicherweise stellt die Fassadenstatue des Jan Hus in der nach ihm benannten Husitská so etwas wie den Startschuss seines neuen Nachlebens als Nationalhelden.

Dass man den Reformator Hus prominent so darstellen konnte, hatte etwas mit dem 1861 verkündeten Protestantenpatent Kaiser Franz Josephs zu tun, das erstmals seit 1620 Nicht-Katholiken einen freien und vollständig gleichberechtigten Status als Religionsgemeinschaft garantierte. Vorher durften deren Glaubensbekundungen sich öffentlich nicht oder unter schweren Restriktionen manifestieren. Das Patent gab die Möglichkeit, Hus in der Weise als öffentliches Symbol vorzuführen, wie es hier in der Husitská geschieht. Das Haus samt Statue wurde im Jahr 1869 errichtet und wurde passend Dům U Jana Husi z Husince (Haus zum Jan Hus aus Husinec – wobei es sich bei Husinec um Hus‘ Geburtsort handelt) genannt. Es gibt durchaus Stimmen, die behaupten, dass das die erste Hus-Statue Böhmens sei. Und unzählige andere folgten daraufhin im ganzen Lande. Hus-Denkmäler sind heute aus keinem Stadt- oder Dorfbild mehr wegzudenken.

Dass hier Hus und nationale Politik eine Symbiose einging, ergibt sich schon, wenn man weiß, wer das bauen ließ: Karel Hartig war ein Bauunternehmer und begeisterter tschechischer Nationalist, der in fast jeder patriotischen Gesellschaft der Stadt Mitglied war. So war er (zusammen mit dem ebenfalls sehr patriotischen Bedřich Smetana) Mitglied in nationalen Singverein Hlalol. Und er brachte es später zum ersten Bürgermeister der 1881 gegründeten (damals noch selbständigen) Stadt Žižkov – eine Position, die er gerne dazu nutzte, möglichst viele Straßen und Pläztze nach Helden der Hussitenbewegung zu benennen. 1890 gehörte er zu den Mitgründern des Vereins für den Bau des Denkmals von Magister Jan Hus (Spolek pro zbudování pomníku Mistra Jana Husa). Und er hatte eine durchaus rabulistische Ader, so als er zum Beispiel 15. August 1869 anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag ein nationalistisches „Volkslager“ auf dem Vítkovberg (wo 1420 die erste siegreiche Schlacht der Hussiten stattfand) veranstaltete, das so aufmüpfig war, dass die Polizei es auflöste, und das ihm 10 Tage Haft einbrachte. Das betrachtete er wohl eher als Auszeichnung für seinen Kampfgeist. Er nutzte jede Gelegenheit, den Habsburger Autoritäten Hus politisch um die Ohren zu hauen.

Und Häuser, die er baute, bekamen fast immer einen entsprechenden Namen (etwa ein Žižka-Haus in der nahen heutigen Husitská 160/49). Aber keines der Häuser war skuptural so schön mit einer Statue ausgestattet wie dieses Haus zum Jan Hus aus Husinec. Hartig hatte dafür den damals sehr bekannten Bildhauer und Medailleur Fráňa Josef Heidelberg gewonnen, der selbst gerne hussitische Themen in sein Werk aufnahm. Mit den großen Pilastern, die die Nische umrahmen, in der der überlebensgroße Hus steht, passte Heidelberg sein Kunstwerk an den Neorenaissance-Stil des zweistöckigen Hauses an. Als Reformator, der die Bibel und nicht den verweltlichten Klerus für das Maß der christlichen Religion hielt, hält er ernst die Heilige Schrift in der Hand. Als politisches historisches Narrativ funktionierte „Hus“ für die Tschechen in der Tat. Die 1918 von den Habsburgern unabhängig gewordene Tschechoslowakei wählte sich das Hus’sche Motto Pravda vítězí (Die Wahrheit siegt) zum Wappenspruch, obwohl er eigentlich nur für die Geschichtsidentität eines Bevölkerungsteils relevant war. Die 1993 folgende Tschechische Republik behielt ihn bei. Es gibt seit 1920 (und seit 1971 unter diesem Namen) eine Tschechoslowakisch Hussitische Kirche, die sich eigentlich aus einer reformkatholischen Bewegung heraus gegeründet hatte, aber sich vor allem auch als Nationalkirche defiierte – und da passte Hus als namensgeber. Und es sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass der heutige Hus-Tag kein religiöser Feiertag ist, sondern ein Staatsfeiertag. Irgendwie scheint die Saat aufeggangen sein, die 1869 Karel Hartig an der Fassade des Haus in der Husitská gesät hatte. (DD)

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