Radetzky im Exil

Mit Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz tut man sich in Prag schwer. Seit über einem Jahrhundert ist sein Denkmal, das dereinst 1858 auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) in Gegenwart von Kaiser Franz Josef eingeweiht wurde, ein politischer Zankapfel.

Weshalb? Nun, zunächst einmal war der gute Radetzky ja ein gebürtiger Böhme, denn er gebar sich 1767 auf Schloss Trebnitz (Třebenice) bei Sedlčany in Mittelböhmen. Trotzdem gilt er vielen Tschechen heute noch als der archetypische Österreicher und Repräsentant der Fremdherrschaft, die man erst 1918 abschüttelte. Als Militär, darin ist man sich einig, war er einer der großen Reorganisatoren des österreichischen Heeres in den Zeiten der Napoleonischen Kriege und ohne ihn, hätte das Land militärisch kaum bestanden. Er gilt heute als einer der maßgeblichen strategischen Architekten des Sieges bei der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Bei seinen Truppen war der General außerordentlich beliebt. Sein Nachruhm wurde nicht nur musikalisch durch den berühmten Radetzky-Marsch von Johann Strauß sr. gesichert. Josef Roth setzte mit dem Titel seines Schlüsselromans Radetzkymarsch der alten Habsburgermonarchie, aber auch Radetzky ein literarisches Denkmal.

Alles das hätte ihm bei den Tschechen vielleicht nicht geschadet. Aber nach den napoleonischen Kriegen war er vor allem damit beschäftigt, das Habsburgerreich gegen alle Bewegungen zur Selbstbestimmung der einzelnen Völker im Reich zu verteidigen. In Italien siegte er in unzähligen Schlachten gegen die Unabhängigkeitsbewegung des Risorgimento. Als die ununterbrochene österreichische Siegesserie 1859 mit der verlorenen Schlacht von Solferino abriss, war Radetzky schon zwei Jahre im verdienten Ruhestand und ein Jahr tot und somit nicht verantwortlich für die Niederlage.

Man weiß also, warum ihm 1858 kurz nach seinem Tode ein Denkmal in Prag errichtet wurde. Das gußeiserne Denkmal war das Werk der Bildhauer-Brüder Josef und Emanuel Max, die mit der Planung schon 1851 (zu Lebzeiten des Generals) begonnen hatten, um dessen Sieg in der Schlacht bei Novara (1849) zu feiern . Zur Herstellung sollen erbeutete Kanonen der Gegner aus Radetzkys siegreichen Schlachten verwendet worden sein. Die sieht man auch am Fuß des Denkmal als Trophäen nachempfunden. Sicher, der Kampf gegen Napoleon war etwas, dessen Notwendigkeit jedermann in Böhmen einsah. Aber Radetzky war zur österreichischen Symbolfigur geworden und hatte sich als arger Feind von Autonomiebestrebungen ge-outet. Deshalb fand man in der Ersten Republik, dass er nicht in die Kulturlandschaft passte. Anfang 1919 montierte man das Denkmal von seinem Platz vor dem Kaiserstein Palast (früherer Beitrag hier), wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, ab und schaffte es in das Lapidarium, der Skulpturensammlung des Nationalmuseums.

Derartiges passierte damals nicht nur mit Radetzks Denkmal (von dem das Lapidarium – siehe Bild rechts – das kleine Ur-Modell der Künstler besitzt). So wurde zum Beispiel die Reiterstatue von Kaiser Franz I. aus dem berühmten Krannerbrunnen (früherer Beitrag hier) entfernt und ebenfalls ins Lapidarium verfrachtet. Aber dort wurde immerhin 2003 eine Replik wieder einegsetzt, denn inzwischen legt man in Prag viel wert auf die Herstellung des alten Stadtbildes. Immer wieder, so etwa 2008 und 2014, gab es Versuche, das Denkmal (oder eine Kopie) wieder auf dem Kleinseitner Ring zu postieren. Der Rat lehnte jedes Mal nach heftiger Debatte ab. 2015 gründete sich sogar ein Radetzky-Verein Prag (Spolek Radecký Praha), dessen Vorstandsmitglieder samt und sonders Tschechen sind, und der die Wiedererrichtung zu einem seiner Zwecke hat. Erfolg hatte man noch nicht. Irgendwie löst Radetzky immer noch mehr negative Feindbild-Emotionen aus als Kaiser Franz. Aber abgeschlossen ist der Fall noch nicht. Der Rat hat immerhin beschlossen, den Platz neu zu gestalten und dabei ist von einer Neu-Errichtung die Rede, aber entsprechende Entwürfe werden von den Baubehörden bisher immer wieder abgelehnt. Aber wenn es mit dem Ratsbeschluss einmal konkret wird, ist wieder mit harten verbalen Schlagabtauschen zu rechnen.

Ein schönes Denkmal hätte man jedenfalls, wenn man Radetzky wieder aufstellte. Die Max-Brüder hatten die Statue auf einen großen Steinsockel des Architekten Bernhard Grueber gestellt, der 1922 zerstört wurde. So bleibt ein zweistufiges Denkmal im Lapidarium. Die Statue des Geneerals und Marschalls mit einer österreichischen Fahne in der Hand befindet sich oben. Dieser Teil wurde übrigens von Emanuel Max entworfen. Darunter stehen im Kreis Soldaten aus Radetzkys Feldzügen als Schildträger (der General steht auf einem Schild wie Majestix, der von seinen Krieger getragen wird). Die haben zum Teil exotische Uniformen, die zeigen, dass die Armee Österreichs damals sich aus eien Vielvölkerstaat speiste. Putzig wirkt der Freiheitskämpfer der Tiroler Aufstandsbewegung von 1809 mit seinem Trachtenanzug und breiten Hut. Ob und wann er wieder auf den Kleinseitner Ringe gelassen wird, steht in den Sternen. Vorerst bleibt General Radetzky in seinem Exil im Lapidarium. (DD)

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