Palais der Verschwörer

Es ist der 22. Mai 1618 – heute vor 403 Jahren. Für den nächsten nächsten Tag ist ein Treffen der böhmischen Stände mit Vertretern von König Ferdinand II. anberaumt. Der steht im Verdacht, die Ständefreiheiten und die verbriefte religiöse Toleranz in Böhmen beiseite schaffen zu wollen. Seine bisherigen Taten lassen diesen Verdacht zur Gewissheit werden. In seinem österreichischen Herrschaftsbereich hatte er den Protestantismus bereits rücksichtslos unterdrückt. Die größtenteils protestantischen Teilnehmer des Treffens sehen an diesem Abend nur eine Lösung: Revolution!

Und so nahmen vom schönen Smiřický Palais (palác Smiřických) an der nördlichen Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 6/18) die Ereignisse ihren Lauf. Am nächsten Tag, dem 23. Mai 1618, wurden die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius von den revolutionären Ständevertretern aus einem Fenster der Burg hinausgeworfen. Es war der Zweite Prager Fenstersturz (wir berichteten hier) mit dem der Böhmische Aufstand und damit der Dreissigjährige Krieg begannen.

Dass der Plan für den Aufstand im Palais Smiřický entstand, war natürlich kein Zufall, sondern hatte etwas mit dem Besitzer zu tun. Im Mittelalter hatten an dieser Stelle fünf gotische Häuser gestanden, die dem großen Feuer von 1541 zum Opfer fielen. 1573 wurde das ganze Areal von einem Mitglied der Familie Smiřický ze Smiřic gekauft, der hier einen Renaissance-Palast als Prager Familiensitz baute. Die Familie war ungeheuer reich und für ihren rebellischen Geist bekannt. Einer der Vorfahren hatte schon zu den führenden böhmischen Adligen gehört, die 1415 gegen die Verbrennung des Frühreformators Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz protestiert hatten.

Zikmund II. Smiřický ze Smiřic, ein Königlicher Rat unter dem religiös toleranten Rudolf II., baute den Palast im Jahre 1612 im barocken Stil um und ließ die für das Gebäude so charakteristischen oktagonalen Ecktürme anfügen. Und es war wiederum sein Sohn Albrecht Jan Smiřický von Smiřice, der hier zu dem Verschwörertreffen der Ständevertreter eingeladen hatte. Er gehörte zu den zentralen Persönlichkeiten des Aufstands. Er war nicht nur am Fenstersturz beteiligt, sondern wurde auch Teil der Direktionsregierung, die nach der Absetzung König Ferdinands über die weitere Strategie und die Verfassung beschließen wollte. Er war sogar als neuer und gewählter König im Gespräch, aber am Ende entschied man sich für Friedrich von der Pfalz. Das war möglicherweise ein Fehlentscheidung, denn Friedrich war unerfahren und leichtsinnig. Unter ihm verloren die Aufständischen die Schlacht am Weißen Berg im November 1620. Weil er nur einen Winter regierte, verspottete man Friedrich nunmehr als den „Winterkönig“.

Der Historiker Golo Mann sollte später schreiben, „wenn überhaupt einer die böhmische Rebellion hätte zum Sieg führen können, so wäre es Albrecht Jan Smiřický gewesen.“ Aber es sollte nicht so sein. Albrecht Jan Smiřický ze Smiřic erlebte weder den Kampfbeginn, noch die Schmach der Niederlage, denn er war im November 1618 an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er noch aus eigenen Mitteln ein Regiment mit über 1000 Mann für den anstehenden Kampf aufgestellt hatte. Seine beiden Schwestern stritten sich um das Erbe, was aber im Grunde sinnlos war, denn nach der Niederlage beschlagnahmte der Kaiser den Besitz aller Aufständischen. Der Smiřický’sche Besitz fiel an den erfolgreichsten und berühmtesten General der kaiserlich-katholischen Seite, Albrecht von Wallenstein (den kennt man ja von Schiller). Nach dessen Ermordung wechselte der Palais an der Kleinseite mehrfach den Eigentümer.

1763 wurde das Schloss von Jan Pavel Montág erworben, weshalb der Palast auch manchmal dům U Montágů, d.h. Haus beim Montág genannt wird. Der neue Besitzer ließ das Gebäude in den Jahren 1764/65 nach einem Entwurf von Josef Jäger, der auch den nahegelegenen Palais Grömling erbaut hatte, umbauen und vor allem vergrößern. Insbesondere wurde ein zusätzliche Stockwerk eingezogen, sodass es endgültig die äußerliche Gestalt bekam, die wir heute beim Vorbeigehen bewundern können. 1895 erwarb der Böhmische Landtag das Gebäude, wo es das eigentliche Landtagsgebäude im nahegelegenen früheren Palais Thun räumlich ergänzte. Und so blieb es bis heute. Das tschechische Abgeordnetenhaus (der Nachfolger des Landtags) tagt immer noch im Palais Thun und im Palais Smiřický befinden sich zusätzliche Büros, unter anderem die des Informationszentrums des Parlaments. Um die Sache für einen modernen Parlamentsbetrieb tauglich zu machen, wurde zwischen 1993 und 1966 noch einmal ordentlich renoviert. Daran, dass hier einmal ein Aufstand begann, der Europa erschütterte, erinnert heute nur noch eine bronzene Plakette, die an einem der Pfeiler der Arkaden angesbracht wurde. (DD)

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