Enorme Fallhöhe

Ich bin nicht sonderlich schwindelfrei. Der Blick aus diesem Fenster in dieser Höhe dürfte aber nicht nur mir Schauder den Rücken hinunterjagen. Hier aus diesem Fenster, so weist eine daneben stehende Infotafel hin, wurden am 23. Mai 1618 – also heute vor 402 Jahren – die königlichen Statthalter Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius hinausgeworfen.

Das war der berühmte Zweite Prager Fenstersturz, mit dem die Repräsentanten des Böhmischen Aufstandes ein Fanal setzen wollten gegen den im Vorjahr an die Macht gekommenen König Ferdinand, der die Stände entmachten und das Land seiner religiösen Freiheit berauben wollte. Ihre Tat entfesselte jedoch einen Krieg, der sich als Dreissigjähriger Krieg zu einer europäischen Katastrophe ausweitete.

Hier soll uns eine andere Frage interessieren. Wie konnten die drei Königstreuen nur diesen Sturz überleben und sich dann unten noch ins benachbarte Lobkowicz Palais (früherer Beitrag hier) schleppen, wo sie Schutz fanden? Wie gesagt: Das, was heute den Touristen, die den Alten Königspalast (auch hier) in der Burg besuchen, als das historische Fenstersturz-Fenster vorgestellt wird, liegt in schwindelerregender Höhe. Das kann keiner überleben, denkt man sich.

Die katholische/habsburgische Seite schrieb das Überleben einem göttlichen Wunder zu, denn Gott musste ja einfach irgendwie auf ihrer Seite stehen. Das glaubte die andere Seite auch von sich und brachte Jahre später die schöne Geschichte in Umlauf, dass die Statthalter und der Sekretär auf einem großen und weichen Misthaufen gelandet seien.

Friedrich Schiller popularisierte diese Anekdote 1790 in seiner Geschichte des Dreissigjährigen Krieges (Kap. 3: „Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet.“), so dass sie heute fast jeder glaubt. Aber ein Misthaufen unter dem Könispalast? Unwahrscheinlich!

Und auch die Berichte der drei aus dem Fenster geworfenen, die überliefert sind, sagen nichts davon. Und auch die ihrer Gegner nicht. Wahrscheinlich hat man die Geschichte auf der protestantischen Seite erfunden, um das katholische Narrativ vom göttlichen Wunder ins Lächerliche zu ziehen.

Möglicherweise war es auch gar nicht das Fenster gewesen, das heute den Touristen in der Burg gezeigt wird. Andere Historiker erwähnen oft ein anderes Fenster, das immerhin ein Stockwerk tiefer liegt. Man ist ist hier in Wissenschaftskreisen anscheinend nicht so recht sicher. Aber selbst dieses Fenster ist noch sehr hoch gelegen und man muss sich immer noch wundern, dass alle drei diesen Sturz ohne große Verletzungen überstanden. Das untere Bild zeigt die beiden Fenster, das höhere ist rot, das weniger bekanntere untere ist blau markiert. Ich möchte jedenfalls aus keinem der beiden Fenster geworfen werden. (DD)

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