Jakobsleiter in Kobylisy

Roher Beton und Stahl. Brutalistisch ragt der Turm 26 Meter in die Höhe. Nähert man sich von der Ferne, weiß man nicht, ob es sich bei ihm und dem dazugehörigen Gebäude nicht doch um eine Sendestation oder ähnliches handelt. Tatsächlich haben wir es aber mit einem besonders interessanten modernen Kirchenbau zu tun.

Es handelt sich um die Kostel U Jákobova žebříku (Kirche zur Jakobsleiter) in der U Školské zahrady 1 im Stadtteil Kobylisy (Prag 8), die Gemeindekirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) in diesem Stadtteil. Ihr auf den ersten Blick merkwürdiges oder zumindest unkonventionelles Aussehen (das durch die architektonische Öde drumherum noch einmal herausgehoben wird) verdankt sie den zwei Bauphasen, die sie in ihrer spannenden Geschichte durchlief.

Als eigenständige Kirchengemeinde gibt es die in Kobylisy erst seit 1939. Das ehemalige Dorf war nach seiner Eingemeindung im Jahre 1922 stark gewachsen. In den 60er und 70er Jahren wurden zusätzlich große Plattensiedlungen erbaut, Nun wurde auch die seit den 50er Jahren als Gotteshaus genutzte ehemalige Schreinerei zu klein. Ein Ausbau wurde vom kommunistsichen Staat nicht genehmigt. Im Gegenteil: Das Areal sollte ebenfalls mit Plattenbauten überzogen werden. Es gelang der Gemeinde, die Behörden, die in dieser Zeit eine gewisse Entspannung des Verhältnisses zu den Kirchen suchten, zu überzeugen, dass ein neues Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Dank einer Teilfinanzierung aus dem Ausland seitens des Hieronymus-Vereins war der Bau 1968 gesichert.

So wurde die Kirche nun in den Jahren 1968 bis 1971 von dem renommierten Schweizer Architekten Ernst Gisel erbaut. Es handelte sich um ein modernes rechteckiges Gebäude, dessen funktionalistischer Stil durch die Holzarchitektur über dem ersten Stock unkonventionell aufgelockert wurde. Wie bei modernen evangelischen Kirchen üblich, fungierte der Bau nicht nur als bloßes Gotteshaus, sondern auch als soziales Zentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher. Ursprünglich hieß das Gebäude Heiliggeistkirche, der aber 1997 in Kirche zur Jakobsleiter geändert wurde. Der nunmehr gewählte Name der Kirche bezieht sich auf die im Alten Testament überlieferte Traumvision Jakobs in Genesis 28, 11-19, in der eine in den Himmel führende Leiter erscheint, auf der Engel auf- und absteigen.

Die schlechte Bauqualität (bedingt durch sozialistische Mangelwirtschaft) ließ die Kirche schon in den 80er Jahren leicht baufällig werden. Zudem stießen sich viele Gemeindemitglieder daran, dass die Kirche optisch durch nichts an eine Kirche erinnerte. Im Jahr 2000 ließ man die beiden tschechischen Architekten Radovan Schaufler und Jakub Roskovec die Kirche umfassend renovieren und umbauen. Ihre große Neuerung war der Turm mit zwei Glocken, der ein wenig durch seinen Stahlaufbau an das Motiv einer Leiter erinnerte. Architektonisch war dies eher ein Rückgriff auf den sozialistischen Brutalismus als der Ursprungsbau. Aber er passte und ließ die Kirche etwas kirchlicher aussehen, die nunmehr von vielen Architekturkritikern als ein besonderes Meisterwerk der Moderne in Prag hervorgehoben wird. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s