Der Hirschgraben – bald öffentlich

Die Prager Burg (Pražský hrad) wurde, wie man es von einer alten Wehranlage erwarten kann, an einer durch die natürlichen Gegebenheiten geschützten Stelle erbaut. Und so wurde sie dereinst von einer tiefen und steilen Schlucht an ihrer Nordseite vor feindlichen Kriegern verteidigt. Heute nennt man diese Schlucht Hirschgraben (Jelení příkop) und die Burg braucht hier gegen niemanden verteidigt zu werden. Sie ist nunmehr ein schöner Park.

In der Regierungszeit von Rudolf II., zu Beginn des 17. Jahrhunderts, war weit und breit keine Bedrohung der Burg in Sicht und so beschloss der König, aus dem Graben eine Art Park, Wildgehege und Jagdrevier zu machen. Damit verband er auch ein wenig die schon von Ferdinand I. auf der gegenüber liegenden Seite der Schlucht gelegenen Königsgärten organisch mit dem eigentlichen Burgareal.

Links und rechts des die Schlucht durchfließenden Bachs Brusnice ließ Rudolf Bäume anpflanzen. Nun hatte der König von der Burg oben eine schöne Aussicht auch eine schöne Landschafts-gartenanlage und von unten konnte er Burg und Veitsdom bestaunen wie bei einem Waldspaziergang (siehe großes Bild oben).

Unter Kaiserin Maria Theresia wurde im 18. Jahrhundert die hölzerne Brücke, die über den Garben zum Burgeingang führte, durch einen Stein- und Erdwall ersetzt, der die Schlucht in zwei Hälften teilte, weshalb der Bach unterirdisch verlegt wurde. Der Tunnel für den Bach, der inzwischen modernisiert wurde, dient auch als Fußgängertunnel, der die beiden Parkhälften verbindet. Maria Theresia hatte allerdings mit Schwierigkeiten zu kämpfen, was die Anerkennung ihrer Herrschaft (Frauen kriegten den Job normalerweise nicht) anging, worüber der Östereichische Erbfolgekrieg ausbrach. Die feindlichen Franzosen eroberten 1741 kurzfristig Prag und verwüsteten dabei auch den Hirschgraben. Mit besonderer Genugtuung schlachteten sie vor allem die Wildtiere ab.

Danach ging es aber wieder friedlicher zu. Der Hirschgraben blieb Teil der königlichen Parks an der Burg und beherbergte bald wieder Wildtiere. 1918 verschwand das Königtum und die Republik kam. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, veränderte das Aussehen des Hirschgrabens tiefgehend. Der Geist der neuen Demokratie gebot es, dass der neue Burgherr Teile des Anwesens etwas mehr der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Durch seinen Hausarchitekten Josip Plečnik ließ er auf dem gegenüberliegendem Abhang ein rundes Aussichtspavillon (kleines Bild oberhalb rechts) erbauen.

Masaryks Amtszeit hinterließ auch sonst Spuren im Hirschgraben Aus dem Krieg in Russland nach 1920 zurückkehrende Legionäre schenkten ihm einige Bären. Für die wurde ein Gehege eingerichtet, wo ein Veteran sie hütete. Erst in den Zeiten des Kommunismus in den frühen 1950er Jahren wurde die Bärenhaltung, die inzwischen nicht mehr ganz den modernen Vorstellungen von Tierschutz entsprach, eingestellt. Das ein wenig an Bauten der Gotik erinnernde (nunmehr leere) Gehege ist aber noch immer zu besichtigen.

Und im Jahre 1925 stellten direkt gegenüber Schüler der Kunstschule Hořice eine von ihnen unter der Leitung des bekannten (und sehr republikanisch gesonnenen) Bildhauers Franta Úprka angefertigte Skultur unter dem Titel Nachtwächter (ponocný) auf, um damit Masaryks 75. Geburtstag zu würdigen. Der Präsident freute sich über das Geschenk seiner Bewunderer. Die Republik endete leider mit der Nazi-Besetzung 1939. Kurz bevor die deutschen Truppen abzogen, verübten sie am 8. Mai 1945 noch einmal ein Massaker hier im Hirschgraben, bei dem 21 Zivilisten (darunter Teilnehmer des Prager Aufstands) brutal ermordet und verstümmelt wurden.

Mit dem Abzug der Nazitruppen endete das Zeitalter des Totalitarismus nicht. Schon 1948 kamen die Kommunisten an die Macht. Der Garten blieb für das Publikum geschlossen. Aber auch in dieser wurden immer wieder interessante Skulpturen im Gelände aufgestellt. So etwa die Statue des Rübezahl (Tschech.: Krakonoš), die von der Bildhauerin Františka Stupecká im Jahre 1957 gestaltet wurde.

Nach der Samtenen Revolution von 1989, die den Kommunismus beendete, wollte der neue Präsident Václav Havel das Areal gänzlich für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Zumindest den unteren Teil der Anlage sperrte allerdings einer seiner Nachfolger, Miloš Zeman, aus Sicherheitsgründen (wegen einer angeblich erhöhten Terroismusgefahr) ab. Inzwischen lässt er aber größere Renovierungen durchführen, die den Hirschgraben in besserem Zustand als bisher für alle Menschen betretbar machen.

Bis dahin wird der Hirschgraben immerhin ein- bis zweimal im Jahr zu besonderen Feiertagen (die Photos stammen vom Tag des Kampfes für Freiheit und für die Demokratie am 17. November 2019) für die Öffentlichkeit geöffnet. Da der eigentliche untere Eingang in Sachen Verkehrssicherheit noch nicht hinreichend ausgestattet ist, kann man diese Besichtigung nur auf einer sehr abenteuerlichen Kletterpartie auf notdürftig hergerichteten Holztreppen und Leitern beginnen. Aber das ist die Sache wert! (DD)

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