Pariser Chic in Josefov

Als 1848 die Juden in ganz Böhmen ihre vollen Bürgerrechte erhielten, waren sie auch nicht mehr gezwungen in der Enge des mittelalterlichen Ghettos in Josefov eingepfercht zu leben.

Nur die Ärmsten der Armen blieben am Ende dort und lebten unter hygienisch fragwürdigen Lebensumständen in einem langsam verfallenden Viertel. 1893 begann man schließlich mit dem Abriss des alten Ghettos, um es durch eine schicke und lukrative Luxuswohn- und Einkaufsmeile zu ersetzen, die der damaligen Weltstadt schlechthin – Paris! – das Wasser reichen sollte. Es entstanden Prachthäuser im modischen Jugendstil, die ihresgleichen suchten – wie zum Beispiel dieses hier in der Maiselova 41/21, direkt neben der berühmten Altneusynagoge (früherer Beitrag hier).

Weil damit ja jetzt Pariser Chic einziehen sollte, hatte man für dieses Haus mit Richard Klenka sogar einen böhmischen Architekten angeheuert, der sogar in Paris Architektur studiert hatte. Das große Apartmenthaus in der Maiselova baute er in den Jahren 1910 bis 1911 zusammen mit seinem Kollegen František Weyr.

Als erstes fallen ob ihrer Größe wohl jedem Vorbeikommenden die beiden riesigen aussehenden weiblichen Statuen aus Stein auf, die große Blumenbouquets in ihren Armen tragen, und die auf eckigen Sockeln an beiden Seiten des Haupteingangs platziert wurden.

Sie wirken irgendwie mysteriös und archaisch zugleich und spiegeln somit die oft mystische und symbolistische Seite des späten Jugendstils wieder. Fast schon etwas bedrohlich schauen sie von oben auf die Passanten unter ihnen drunten auf dem Bürgersteig herab.

Die echte Besonderheit istjedoch die leicht zu übersehende künstlerische Gestaltung der Fassade des siebenstöckigen Gebäudes. Sie ist überzogen mit kleinen gold- und türkisumrahmten Silhouettenprotraits von Menschen aus allen Zeitaltern. Sie sollen bewusst an Scherenschnitte aus der Zeit des Biedermeier erinnern. Oberhalb rechts sieht man zum Beispiel eine Gestalt aus dem späten 18. Jahrhundert.

Auch die humorige Darstellung (links) eines Professors und seines Studenten (mit der Eule als Symbol der Weisheit dazwischen) ist bemerkenswert. Aber natürlich ist das am meisten prägende Bild ein anderes. Über dem ersten Stock sieht man nämlich ein Portrait, das an die jüdische Vorgeschichte des Viertels erinnert (großes Bild oben). Es soll sich nämlich um das Bildnis des Mordechai Maisel handeln, nach dem ja auch die Straße, an der das Haus liegt, benannt ist. Der war Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der Gemeinde. Zudem war er Bankier und der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der ohne ihn pleite gegangen wäre. Er ist auch Gründer der nahegelegenen Maisel-Synagoge.

Maisel blickt hier auf einen Haufen Gold und einen Geldsack. Das könnte heute böse ausgelegt werden, weil es dem antisemitischen Klischee des Finanzjuden ähnelt. Architekt Klenka war indes kein Antisemit, sondern baute oft Gebäude, die bewusst positiv an die Tradition des Viertels anknüpften – auch und vor allem für jüdische Auftraggeber. Das gilt zum Beispiel für das berühmte jüdische Restaurace U Stare Synagogy (Restaurant Alte Synagoge) direkt in der Nachbarschaft des Hauses. Der reiche Mordechai Maisel war in Prag eher eine Chiffre für Mäzenatentum, denn Maisel verdiente viel Geld, spendete es aber in großen Mengen für wohltätige und kulturelle Zwecke (etwa für die Maisel Synagoge, die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft). Sein Reichtum bedeutete Schutz und Wohlstand für die Gemeinde.

Unter dem Dach befinden sich noch etliche Reliefs – meist Allegorien auf den Wert der Arbeit. Sie sind ebenfalls schön mit Gold umrahmt. Trotz der vielen Ornamentik wird das Gebäude keineswegs überladen, sondern streng und von zurückhaltender Ästhetik.

Dass das Gebäude heute vor allem Wohnungen und Büros im Luxussegment beherbergt, versteht sich von selbst.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Haus der berühmte Schauspieler und Regisseur Oldřich Nový lebte, der seine Karriere in der 1930er Jahren begann und damals zu den populärsten Darstellern in der Ersten Republik gehörte. (DD)

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