Senatoren im Pferdestall

Immer wieder wurde in der Vergangenheit diskutiert, ob Tschechien nun wirklich zwei Parlamentskammern brauche. Wozu einen Senat als Erste Kammer, wenn doch das Abgeordnetenhaus genügt, um mit einfacher Mehrheit Gesetze zu verabschieben? Inzwischen weiß man allerdings den Senat als Wächter der Verfassung und der Rechte der Bürger zu schätzen.

Die (im Gegensatz zur proportional gewählten zweiten Kammer) direkt in Wahlkreisen im Rotationsverfahren gewählten Senatoren bestimmen die Verfassungsrichter, die dadurch gegenüber der Legislative und Exekutive unabhängiger werden. Sie können rechtswidrige Gesetze der zweiten Kammer ablehnen und zur Wiedervorlage bringen. Wahlrecht und Verfassung kann man ohne Zustimmung des Senats nicht ändern. Das hat die Tschechische Republik bereits vor machen Übermut der Regierenden bewahrt und insgesamt geholfen, die liberale Demokratie im Lande zu schützen.

Und noch etwas gefällt am Senat, nämlich das einzigartige Gebäude, in dem er residiert. Der ursprüngliche Besitzer war möglicherweise nicht gerade ein überzeugter Verfassungsliberaler, aber er hinterließ der Nachwelt einen großartigen Palast. Und gleich im Eingangsbereich begrüßt er die Besucher in Stein gemeißelt: Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, durch Friedrich Schiller gemeinhin als Wallenstein bekannt, der große Heerführer der kaiserlichen Truppen im Dreissigjährigen Krieg. Die Statue, die inzwischen restauriert wurde, ist ein Werk des Bildhauers Ludvík Šimek aus dem Jahre 1873.

Über den öffentlich zugänglichen Teil des von 1623 bis 1630 erbauten Barockpalastes (Valdštejnský palác bzw. Waldstein Palast) und seinem Garten hatten wir bereits hier berichtet.

Die Senatoren führen ihre Sitzungen in einem Plenum durch, das unter Wallenstein noch der Pferdestall war. Fast muss man an den römischen Kaiser Caligula denken, der einst sein Pferd zum Senator machte. Aber an derartiges hat man wohl nicht gedacht, als man den Senat hier etablierte. Im Gegenteil: Dass der einem der Ex-Stall heute für den Zweck sehr angemessen vorkommt, sagt bereits vieles über den Pomp und die Pracht des Gebäudes aus, das man übrigens einmal im Jahr an einem Tag der offenen Tür (meist am 28. Oktober) öffentlich besichtigen kann. Kein Senator muss sich schämen, im Pferdestall zu tagen. Seit 1945 befindet sich das Gebäude in Staatsbesitz und wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 zum Sitz des Senates, der erst Umabumaßnahmen treffen musste, bevor er 1996 hier einzog. Die Kommunisten benötigten bis dahin nur ein Einkammersystem, da sie sowieso nicht an Verfassungsschranken für ihre Macht glaubten. Gut, dass das vorbei ist.

Das Prunkstück des Senats ist allerdings die Große Halle, die als Festsaal für Zeremonien und kulturelle Veranstaltungen dient. Hier hat sich Wallenstein sein großes Denkmal gesetzt. Den 10,5 Meter hohen Saal schmückt ein riesiges Deckenfresko, das 1628 von dem italienischen Domenico Pugliani nach früheren Entwürfen von Baccio del Bianco aus dem Jahr 1623 gemalt wurde. Vordergründig zeigt es eine klassisch antike Allegorie auf Krieg und Sieg, aber die Gesichtszüge des Kriegsgottes Mars auf dem Streitwagen sollen den Gesichtszügen Wallensteins sehr ähneln.

Es wurde also eine Art Vergöttlichung des Eigentümers betrieben. Umrahmt ist das große Fresko von reichen und üppigen Stuckarbeiten der ebenfalls italienischen Stuckateure Domenico Canevalle und Santino Galli. Sie zeigen – wie es so üblich war bei Feldherrenverehrungen in der Barockzeit – viele Fahnen, Waffen und Trophäen, aber vor allem auch geflügelt antike Siegesgötinnen, die auf den Kapitellen der Säulen stehen. Wallenstein hatte nicht viel von diesen Lobhudeleien. Die meiste Zeit befand er sich sowieso nicht in Prag, sondern auf einem seiner Feeldzüge. Und 1634 ließ der Kaiser den allzu mächtig Gewordenen ermorden.

Während der Festsaal behutsam an die neuen Bedürfnisse des Senats angepasst wurden, wurden andere Räume und Säle bereits im 19. Jahrhundert gründlicher im Sinne des Zeitgeschmacks umgestaltet, wie etwa der im kleinen Bild rechts abgebildete Sitzungssaal im ersten Stock.

Zu erwähnen seien noch die soliden frühbarocken Treppenhäuser, die die Stockwerke verbinden, bei denen es sich hauptsächlich um Wendeltreppen handelt. Sie sind gerade deshalb, weil sie ohne die Ornamentik und Stuck der Säle auskommen, besonders beeindruckend. Sie wirken eigentlich passender zum militärischen Geist, der den Mythos Wallensteins umgibt, als es die Barockensäle oben im Gebäude tun. Eine gewisse Ehrfurcht überkommt einem, wenn man hinausgeht und nachdenkt, dass hier dereinst Geschichte geschrieben wurde, die das Schicksal Böhmens, Deutschlands und Europas bestimmte.

Noch bevor man den geschlossenen Teil des Senats betritt, findet man links am Eingangsbereich noch die kleine Wenzelskapelle (kaple sv. Václava). Sie wurde um 1624 erbaut. Der barocke Hochaltar, den der Bildhauer Ernst Johann Heidelberger da zuschuf, ist einer der frühesten seiner Art in diesem Stil in Prag überhaupt. Sie ist meiste geschlossen, aber durch das Eingangsgitter kann jeder Besucher (ohne Genehmigung) sich dieses Kulturdenkmal anschauen.

In der Nähe befindet sich auch das Informationszentrum des Senats, wo man sich tagsüber informieren kann, was es sowohl mit diesem historisch bedeutsamen Gebäude als auch mit der Rolle des Senats in der Politik des Landes auf sich hat. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s