Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Liebevoll restaurierter jüdischer Friedhof

Es gibt, wie wir hier berichteten, Ausnahmen, aber insgesamt setzt Prag bei der Pflege seines reichen jüdischen Kulturerbes Standards. In besonders mustergültiger Weise gilt dies für den Alten Jüdischen Friedhof in Smíchov (Starý židovský hřbitov na Smíchově) in der Straße U Staré Židovský hřbitova 2556 in Prag 5.

Der alte jüdische Friedhof im Judenviertel von Josefov war im 17. Jahrhundert bereits zu klein geworden, was zur Anlage eines neuen  jüdischen Friedhofs im Stadtteil Žižkov führte. In den 1780er Jahren verbannte Kaiser Joseph II. aus sanitären Gründen alle Kirch- und Friedhöfe in den Innenstädten und ordnete die Anlage großer Friedhöfe außerhalb des Zentrums an. Deshalb wurde 1788 in Smíchov ebenjener jüdische Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt angelegt. der mit 1529 m² recht großzügig bemessen war. Die Grabsteine – oft echte kleine Kunstwerke – spiegeln die vielen Epochen der Kunstgeschichte der Zeit der Nutzung wieder (links oberhalb ein schönes Beispiel für Klassizismus).

Etliche bedeutende Prager Juden sind wurden hier im Laufe der Zeit beerdigt, etwa die Frauenrechtlerin Julie Roubíčková, die 1918 starb, und zuvor Vorsitzende der böhmischen Gesellschaft Jüdischer Frauen (Spolek židovských žen) war. Oder der Dichter Rudolf Fuchs, der 1939 als deutschsprachiger Schriftstellervor den Nazis ins Exil nach England floh, um 1942 bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben zu kommen. Seine Urne wurde kurz nach dem Krieg hier (als Ausnahme, da der Friedhof bereits stillgelegt war) beigesetzt. Es ist, wenn man die vielen deutschen Inschriften auf den Gräbern sieht, eine grausige Ironie der Geschichte, wieviel deutsche Kultur die Nazis mit der Vernichtung der Juden gleich mitzerstörten.

Auf die Dauer war der Friedhof dennoch zu klein. Die Stadt Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) eröffnete 1896 den neuen großen Malvazinky-Friedhof (der weiter unten im Tal liegt). Dabei wurde 1903 als Abteilung dieses neuen Friedhofs der Neue Jüdische Friedhof von-Smíchov eingerichtet. Bis 1937 fanden aber immer noch ab und an reguläre Beerdigungen auf dem Alten Jüdischen Friedhof statt. Die schlimme Zeit begann mit dem Einmarsch der Nazis 1939. Der Friedhof wurde geschlossen und dem Verfall überlassen – eine Politik, die sich anschließend unter den Kommunisten fortsetzte. Vandalen zerstörten immer wieder Gräber, Grabsteine wurden als Baumaterial gestohlen, die Begräbnishalle verfiel. Es blieb eine traurige Wüstenei.

1994 nahmen die Stadtregierung von Smíchov und die Jüdische Gemeinde die Sache in die Hand und eine umfassende und sehr gelungene Restaurierung erfolgte. Von den rund 600 erhaltenen Grabsteinen stehen nun 422 sichtbar und in gutem Zustand wieder am ursprünglichen Ort. Die Leichenhalle, die im frühen 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaut wurde, sieht ebenfalls wieder schick aus, ist aber in ein Wohnhaus umgewandelt worden.

Eine kleine Infotafel (leider nur auf Tschechisch) präsentiert die Geschichte des Friedhofs. Dort erfährt man auch die Telefonnummer, bei der man sich für eine kleine Führung anmelden kann, denn das ummauerte Areal ist normalerweise nicht betretbar. Betreut wird der Friedhof von einer von der jüdischen Gemeinde gegründeten Aktiengesellschaft namens Matana, die sich der Pflege jüdischer Kulturdenkmäler annimmt. Sie tut das, so muss man aus dem blitzblanken Zustand des Friedhofs schließen, ausgesprochen professionell und mit hohen Qualitätsstandards,. (DD)

Vernachlässigtes jüdisches Erbe

Das Erbe der jüdischen Kultur wird in Prag außerordentlich sorgfältig gepflegt. Aber die schrecklichen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts ließen Vieles unwiederbringlich verloren gehen oder als Schatten seiner selbst weiterbestehen. Nicht nur die Nazis während der Besetzung, sondern später auch die Kommunisten trugen zu einem tragischen und nicht wieder gutzumachenden Kulturverlust bei. Im Stadtteil Libeň (Prag 8) lässt sich dies in trauriger Weise veranschaulichen.

Direkt bei der Metrostation Palmovka findet man in einer etwas verwahrlosten Stelle Prags die Synagoge in Libeň (Libeňská synagoga). Der schlichte, aber eigentlich recht eindringliche Bau im Stil der Neorenaissance wurde 1858 eingeweiht (der Bau hatte schon 1846 mit einer Grundsteinlegung in Anwesenheit von Erzherzog Stephan begonnen, sich aber verzögert). Er löste eine eine ältere Synagoge von 1592 ab, die näher an der Moldau lag und daher von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Libeň war in dieser Zeit nach dem ungleich bekannten Judenviertel Josefov in der Altstadt das zweitgrößte jüdische Zentrum im heutigen Prag (zu dem der Ort erst 1901 eingemeindet wurde).

Der rechteckige Bau wurde von der Gemeinde als Synagoge bis zur Besetzung durch die Nazis genutzt, die die meisten Gemeindemitglieder verschleppten und umbrachten. Nach dem Krieg benutzten die Kommunisten den Bau als Lagerhalle. Die Synagoge verfiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurde sie der verbliebenen jüdischen Gemeinde rückerstattet und renoviert. Sie wird aber seither nur gelegentlich für Kulturveranstaltungen und kleine Ausstellungen verwendet. Aber meist bietet sich ein tristes Bild. Ab und zu liegen Obdachlose im Eingang. Der Boden ist mit Abfall übersät. Einige Fenster sind zerbrochen und die Fenstergitter verrostet. Wenig vom alten bürgerlichen Glanz hat die Zeit überlebt.

Nur wenige Schritte entfernt: Der Alte jüdische Friedhof in Prag-Libeň (Starý židovský hřbitov v Praze-Libni) – oder was davon übrig blieb. Der wurde Ende des 16. Jahrhunderts angelegt und später noch ein wenig erweitert. Schon 1875 ging ein Stück verloren als auf einem Teil des Geländes ein Bahnhof gebaut wurde. 1892 wurden die Beerdigungen eingestellt und der Neue Jüdischer Friedhof Prag-Libeň (Nový židovský hřbitov v Praze-Libni) weiter oberhalb an der Davídkova angelegt. 1928 fiel ein weiteres Stück – inklusive der Beerdigungshalle – dem Bau der Libeň -Brücke, die hier beginnt, um Opfer. Die Nazis überlebte er so einigermaßen, nicht weil die moralische Skrupel hatten, sondern weil sie den zynischen Plan verfolgten, in Prag ein Museum einer untergegangenen Rasse aufbauen zu wollten.

Das vollständige Zerstörungswerk blieb daher den Kommunisten vorbehalten. Das örtliche Nationalkomittee (wie Stadträte damals genannt wurden) von Libeň und das Prager Bauamt ordneten 1964/65 die komplette Zerstörung des Friedhofs an. Alte Grabsteine wurden zerstört und tief vergraben. Da war nichts mehr zu retten. Deshalb sieht man hier heute nur noch eine unansehnliche Grünfläche mit einem Stück der alten Friedhofsmauer, die an einen nunmehr bewaldeten Abhang grenzt, auf dem sich einst auch Gräber befanden.

Die Stadtteilregierung versuchte das Beste daraus zu machen. Sie stellte eine Informationstafel auf, die die tragische Geschichte des Friedhofs (in Tschechisch und Englisch) schildert.

Am Schluss enthält sie noch eine Warnung an Kohanim (eine bestimmte Art jüdischer Priester), dass sie den Grund hier meiden sollten. Das Betreten des entweihten Friedhofs widerspräche den für sie geltenden Reinheitsvorschriften, die es verbieten, dass sie Tote berühren oder sich ihnen auch nur nähern. Stünde das Schild nicht hier, würde sie nichts davor warnen, den Friedhof zu betreten, von dem tatsächlich keine Spur mehr sichtbar ist. (DD)

Synagoge und Museum

Die Maisel-Synagoge in der Maiselova 63/10 im alten Judenviertel von Josefov kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Sie wurde in den Jahren 1590 bis 1592 – in der Blütezeit der Renaissance – erbaut. Von dem Ursprungsbau sieht man heute allerdings nichts mehr.

Beginnen wir mit dem Erbauer: Mordechai Maisel, der der Synagoge und auch der Straße, an der sie liegt, den Namen gab. Der war zu Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Zudem war er Bankier und kaiserlicher Hofjude. Als solcher war er der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der recht spendabel war und ohne Maisels Geldspritzen wahrscheinlich wohl erbärmlich bankrott gegangen wäre. Der Kaiser schätzte ihn darob sehr und Maisel durfte nun sogar eine eigene Fahne führen – ein Privileg sondergleichen, das sonst kaum je Juden zuteil wurde.

Gleichzeitig gab ihm der Kaiser auch das Privileg, privat eine Synagoge bauen zu dürfen. Die Maisel-Synagoge wurde die größte Synagoge in der Stadt. Seinen Reichtum nutzte er für soziale und kulturelle Zwecke. Als Mäzen förderte er nicht nur den Bau der Maisel Synagoge, sondern auch die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft. Er blieb den Menschen als Wohltäter in Erinnerung.

1689 brach das Große Feuer in der Altstadt aus, das von Agenten des französischen Königs gelegt worden war, der so die Habsburger ein wenig triezen wollte. Dem fiel auch Maisels Synagoge zum Opfer, die 1691 in völlig neuem, barocken Gewand neu aufgebaut wurde. Sie wurde dabei ein wenig verkleinert. Das führte im 19. Jahrhundert dazu, dass sie nun zu klein war. Der Architekt J.M. Wertmüller erweiterte und veränderte den Bau in den Jahren 1862 bis 1864. Schließlich, in den Jahren 1895 bis 1905 vergrößerte der jüdische Architekt Alfred Grotte (der 1943 von den Nazis ermordet wurde) die Synagoge nochmals und brachte sie in jene Gestalt, wie wir sie heute kennen. Das Resultat war nunmehr ein neo-gotisches Gebäude – eine Art Rückgriff auf eine imaginäre frühere Geschichte, die das Gebäude eigentlich (als ursprüngliches Renaissancebauwerk) nicht hatte.

Als die Nazis 1939 in Prag einmarschierten, beschlagnahmte sie das Gebäude und machten es zu einem Lager für „arisierten“ (das heißt: von ihnen gestohlenen) jüdischen Besitz. Die Nazi-Tyrannei endete 1945 und einige Jahre darauf (1955) wurde die nunmehr säkularisierte Synagoge Teil des Jüdischen Museums und zwar zunächst als Depot. Nach einer umfassenden Renovierung wurde 1965 eine Dauerausstellung mit jüdischen Kunstschätzen aus Böhmen und Mähren eröffnet, die bis 1988 Bestand hatte. Es erfolgte eine neuerliche Renovierung und seit 1996 beherbergt die Synagoge eine Ausstellung über die Geschichte der Juden in Böhmen vom 10. bis zum 18. Jahrhundert. Sie passt sich großartig in die Architektur des Gebäudes ein, wie man oberhalb rechts am Beispiel des prachtvollen neogotischen Toraschreins sehen kann, der u.a. einen Tora-Mantel aus dem späten 17. Jahrhundert enthält.

Eine besondere Rolle spielt bei der Ausstellung die Judenemanzipation. Hier denkt man zuvörderst an das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1782, dass die schwere Besteuerung der Juden, die Beschränkung der Gewerbefreiheit und die Wohnpflicht in Ghettos beendete. Aus Dank bekam eine Büste des aufgeklärten Kaisers 2015 einen Ehrenplatz auf einem Bücherregal direkt neben dem Eingang. Die Büste ist das Werk der Bildhauerin Michaela Absolonová.

Das imposante Äußere der Synagoge wurde 2014/15 einer Renovierung unterzogen, bei der vor allem die Farben aufgefrischt wurden. Man kann also eine kleine, aber sehr informative Ausstellung mit vielen wertvollen Ausstellungsstücken (wie die Buchausgabe heiliger Schriftrollen rechts, die 1530 gedruckt wurden) in einem sehr passenden und ansprechenden Ambiente genießen. (DD)

Pariser Chic in Josefov

Als 1848 die Juden in ganz Böhmen ihre vollen Bürgerrechte erhielten, waren sie auch nicht mehr gezwungen in der Enge des mittelalterlichen Ghettos in Josefov eingepfercht zu leben.

Nur die Ärmsten der Armen blieben am Ende dort und lebten unter hygienisch fragwürdigen Lebensumständen in einem langsam verfallenden Viertel. 1893 begann man schließlich mit dem Abriss des alten Ghettos, um es durch eine schicke und lukrative Luxuswohn- und Einkaufsmeile zu ersetzen, die der damaligen Weltstadt schlechthin – Paris! – das Wasser reichen sollte. Es entstanden Prachthäuser im modischen Jugendstil, die ihresgleichen suchten – wie zum Beispiel dieses hier in der Maiselova 41/21, direkt neben der berühmten Altneusynagoge (früherer Beitrag hier).

Weil damit ja jetzt Pariser Chic einziehen sollte, hatte man für dieses Haus mit Richard Klenka sogar einen böhmischen Architekten angeheuert, der sogar in Paris Architektur studiert hatte. Das große Apartmenthaus in der Maiselova baute er in den Jahren 1910 bis 1911 zusammen mit seinem Kollegen František Weyr.

Als erstes fallen ob ihrer Größe wohl jedem Vorbeikommenden die beiden riesigen aussehenden weiblichen Statuen aus Stein auf, die große Blumenbouquets in ihren Armen tragen, und die auf eckigen Sockeln an beiden Seiten des Haupteingangs platziert wurden.

Sie wirken irgendwie mysteriös und archaisch zugleich und spiegeln somit die oft mystische und symbolistische Seite des späten Jugendstils wieder. Fast schon etwas bedrohlich schauen sie von oben auf die Passanten unter ihnen drunten auf dem Bürgersteig herab.

Die echte Besonderheit istjedoch die leicht zu übersehende künstlerische Gestaltung der Fassade des siebenstöckigen Gebäudes. Sie ist überzogen mit kleinen gold- und türkisumrahmten Silhouettenprotraits von Menschen aus allen Zeitaltern. Sie sollen bewusst an Scherenschnitte aus der Zeit des Biedermeier erinnern. Oberhalb rechts sieht man zum Beispiel eine Gestalt aus dem späten 18. Jahrhundert.

Auch die humorige Darstellung (links) eines Professors und seines Studenten (mit der Eule als Symbol der Weisheit dazwischen) ist bemerkenswert. Aber natürlich ist das am meisten prägende Bild ein anderes. Über dem ersten Stock sieht man nämlich ein Portrait, das an die jüdische Vorgeschichte des Viertels erinnert (großes Bild oben). Es soll sich nämlich um das Bildnis des Mordechai Maisel handeln, nach dem ja auch die Straße, an der das Haus liegt, benannt ist. Der war Ende des 16. Jahrhunderts Rabbiner und Vorsteher der Gemeinde. Zudem war er Bankier und der Finanzier Kaiser Rudolfs II., der ohne ihn pleite gegangen wäre. Er ist auch Gründer der nahegelegenen Maisel-Synagoge.

Maisel blickt hier auf einen Haufen Gold und einen Geldsack. Das könnte heute böse ausgelegt werden, weil es dem antisemitischen Klischee des Finanzjuden ähnelt. Architekt Klenka war indes kein Antisemit, sondern baute oft Gebäude, die bewusst positiv an die Tradition des Viertels anknüpften – auch und vor allem für jüdische Auftraggeber. Das gilt zum Beispiel für das berühmte jüdische Restaurace U Stare Synagogy (Restaurant Alte Synagoge) direkt in der Nachbarschaft des Hauses. Der reiche Mordechai Maisel war in Prag eher eine Chiffre für Mäzenatentum, denn Maisel verdiente viel Geld, spendete es aber in großen Mengen für wohltätige und kulturelle Zwecke (etwa für die Maisel Synagoge, die Talmudschule in der Klausen-Synagoge oder die Prager Beerdigungsbruderschaft). Sein Reichtum bedeutete Schutz und Wohlstand für die Gemeinde.

Unter dem Dach befinden sich noch etliche Reliefs – meist Allegorien auf den Wert der Arbeit. Sie sind ebenfalls schön mit Gold umrahmt. Trotz der vielen Ornamentik wird das Gebäude keineswegs überladen, sondern streng und von zurückhaltender Ästhetik.

Dass das Gebäude heute vor allem Wohnungen und Büros im Luxussegment beherbergt, versteht sich von selbst.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Haus der berühmte Schauspieler und Regisseur Oldřich Nový lebte, der seine Karriere in der 1930er Jahren begann und damals zu den populärsten Darstellern in der Ersten Republik gehörte. (DD)

Koscher Essen und Trinken in Josefov

Es liegt ganz angemessen in der Široká 55/8 im Stadtteil Josefov, inmitten des alten Judenviertels der Stadt: Das King Solomon. Es gilt als das älteste existierende koschere Restaurant in Prag.

Mit diesem Status wirbt es auch mit sehr traditionell alt aussehenden Bannern, die an der Tür angebracht sind. Tatsächlich wurde das Restaurant aber erst 1990 eröffnet. Es ist also eigentlich recht neu, während Prag doch eigentlich über eine Jahrhunderte zurückreichende jüdische Kultur verfügt. Das hat etwas mit der Tragödie der Nazibesetzung zu tun, die auch dazu führte, dass es keine weiter zurückreichende jüdische Gastronomietradition mehr gibt. In der kommunistischen Zeit gab es einen latenten Antizionismus, der die Gründung neuer Restaurants nach 1948 verhinderte. Es gab nur eines im Jüdischen Rathaus (früherer Beitrag hier), und das soll wenig mehr als die dortige Kantine gewesen sein. Aus Sicherheitsgründen – leider ist die Welt noch immer nicht vor Antisemitismus gefeit – konnte das aber nach 1989 nicht mehr öffentlich betrieben werden, weshalb der Betrieb eingestellt wurde.

Und so ist das King Solomon tatsächlich das älteste koschere Restaurant in Prag. Die Einrichtung des Restaurants ist ein wenig im orientalischen Stil gehalten und vermittelt eine gepflegte, aber urige Gemütlichkeit, die den Ort traditioneller und älter aussehen lässt als er tatsächlich ist.

In einer Nische findet sich eine sitzende Statue des Namensgebers, König Salomo. Für kleinere festliche Anlässe gibt es im hinteren Bereich einen separaten Raum. Alles vermittelt einen Eindruck eines Restaurants der gehobenen Klasse.

Unter den Speisen, die hier serviert werden, findet man ab und an „klassische“ jüdische Spezialitäten wie Gefilte Fisch, aber das ist gar nicht der Punkt. Es gibt da einen feinen Unterschied: Das King Solomon präsentiert sich als koscheres, nicht als jüdisches Restaurant. Tatsächlich dominiert moderne internationale Küche, wie etwa die hier abgebildete gegrillte Dorade, die in der Tat sehr lecker war.

Die muss aber nach dem Kaschrut, den jüdischen Speise- und Reinheitsgesetzen zubereitet werden. Dafür gibt es sogar ein von einem Rabbiner ausgestelltes Zertifikat. Der Besitzer, die Firma Samson Kosher Food Corporation Ltd., beschäftigt sogar zwei dafür gut ausgebildete Rabbiner, die die Beschaffung und Verarbeitung der Zutaten skrupulös überwachen.

Das alles gilt nicht nur für das Essen, sondern auch für das Trinken. Die angebotenen Weine stammen überwiegend aus Israel (siehe großes Bild oben) oder, falls dies nicht der Fall ist, vereinzelt auch aus anderen, aber unbedenklichen Quellen. Die israelischen Weine sind durchaus passabel. Das ganze ist natürlich sehr aufwendig, weshalb man durchaus eine Menge Geld dort lassen kann – andernorts würde man möglicherweise die gleiche Qualität, wenngleich nicht koscher, preisgünstiger bekommen.

Um sich richtig auf eine Besichtigung des ehemaligen jüdischen Ghettos in Josefov einzustimmen, ist das King Solomon gewiss der angemessene Ort. Das Restaurant bietet übrigens selbst Besichtigungstouren an, die man eben durch den Genuss adäquater Cuisine innerlich vertiefen kann. (DD)

Kirche am Rande des Ghettos

Eine von vielen kleinen und oft von Besuchern übersehenen Kirchen in der Altstadt: Die Heilig Geist Kirche (Kostel svatého Ducha) in der Dušní in Prag 1.

Sie wurde in der großen Zeit der Gotik im Zeitalter Karls IV. erbaut, genauer gesagt, im zweiten Viertel des 14. Jahrhundert. Ursprünglich war sie Teil eines Klosters der Benediktinerinnen. Das Klosterleben kam allerdings zu Beginn des 15. Jahrhundert mit den Hussitenkriegen für einige Jahre zum Ende. Danach wurde der Klosterbetrieb zwar wieder aufgenommen, aber seine Bedeutung nahm immer mehr ab. Im 17. Jahrhundert erfolgte dann am Ende doch die Umwandlung der Heilig Geist Kirche in eine einfache Gemeindekirche.

Nach dem Großen Feuer von 1689 in der Altstadt wurde die Kirche wieder aufgebaut und dabei vorsichtig barockisiert. Die einschiffige Grundstruktur mit den originellen gestuften Stützpfeilern wurde aber beibehalten, so dass auf den ersten Blick das gotische Erscheinungsbild erhalten blieb. Im Inneren gewann die Kirche vor allem im späten 18. Jahrhundert ihre Gestalt. In dieser Zeit wurden einige andere Kirchen in der Umgebung geschlossen und etliche Ausstattungsteile – etwa die hölzerne Pìeta rechts – fanden in der Heilig Geist Kirche ein neues Zuhause.

Deshalb ist die Kirche gemessen an ihrer geringen Größe recht gut mit schönen Hochbarockaltären (vier insgesamt) ausgestattet. Der wichtigste davon ist natürlich der Hauptaltar, in dessen Mittelpunkt ein Gemälde des Barockmalers Johann Georg Heinsch steht, das den Heiligen Josef darstellt (großes Bild oben).

Und dann ist da noch ein beschämendes Kapitel in der Geschichte dieser Kirche. Sie liegt nämlich direkt am Rande des Jüdischen Ghettos von Josefov. Kaiser Ferdinand I. zwang im 16. Jahrhundert die Juden, in dieser Kirche an katholischen Gottesdiensten teilzunehmen. Zudem gab es das sogenannte „Glöckelgeld“. Das war eine Zwangsabgabe, die die Juden in Prag für das Läuten der Glocken der Kirche zum Zweck der Abwehr von Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen zu zahlen hatten. Erst 1785 wurde diese schändliche Zwangsmaßnahme im Zuge der Josephinischen Reformen abgeschafft. (DD)

Die Uhr geht rückwärts

Schon 1541 wird erstmals ein Rathaus als Sitz der Selbstverwaltung der Jüdischen Gemeinde in Prag erwähnt. Damals existierte noch das Ghetto in der Josefstadt neben der Altstadt. 1577 ließ der Gemeindevorsteher Mordechai Maisel das Gebäude im Renaissancestil umbauen.

1689 verwüstete ein großes Feuer große Teile derAltstadt und zerstörte dabei auch das Jüdische Rathaus. Man ließ es an gleicher Stelle von dem Architekten Paul Ignaz Bayer im Barockstil neubauen, nur um es 1754 als einen Raub der Flammen zu sehen. Der Architekt Josef Schwanitzer baute in den Jahren 1763-56 ein neues Barockgebäude, das im wesentlichem dem entspricht, was wir heute hier in der Maiselova 250/18 sehen.

Das zweistöckige Eckgebäude, das direkt neben der Altneu-Synagoge (früherer Beitrag hier) steht, entspricht von außen architektonisch im Kern dem, was man in Prag an Barockpalais‘ häufiger zu sehen bekommt. Der Unterschied liegt zunächst einmal in den jüdischen Ornamenten, die in die barocke Stuckatur eingeflochten ist.

Aber man sollte dann doch einmal den Blick nach oben wagen. Der Turm oberhalb des Eckerkers ist in der Tat eine Besonderheit – und zwar nicht nur architektonisch. An ihm befinden sich zwei normale Turmuhren, doch davor befindet sich eine dritte Uhr. Die hat ein Zifferblatt mit hebräischen Ziffern. Und weil man hebräisch nicht von links nach rechts, sondern umgekehrt liest, geht das Uhrwerk auch andersherum (man könnte sagen: gegen den Uhrzeigersinn). Das Kuriose dabei ist, dass alle drei Uhren – egal wie herum sie sich drehen – von ein und demselben Uhrwerk angetrieben werden.

Da kann man viel Symbolik hineinlesen und für poetische Seelen kann es als Inspiration dienen. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der einen Hang zum Surrealen hatte, beschrieb die Uhrzeiger 1902 und machte die Uhr damit quasi unsterblich: „Les aiguilles de l’horloge du quartier juif vont à rebours et tu recules aussi dans ta vie lentement.“ (Die Zeiger der Uhr im jüdischen Viertel gehen rückwärts und Sie gehen auch langsam in Ihrem Leben zurück).

Ach ja, im späten 19. Jahrhundert – das Ghetto gab es nach der Judenemanzipation nicht mehr – wurde die Umgebung in einer Art Prachtboulevard nach Pariser Art umbebaut. Viele alte Gebäude verschwanden und nur mit Mühe konnte verhindert werden, dass dem Ganzen auch das Jüdische Rathaus zum Opfer fiel.

Das Jüdische Rathaus blieb also, was es war: Der Sitz der jüdischen Gemeindeverwaltung. Auch heute noch. Und drinnen befinden daher sich etliche schön gestaltete Säle. Einer davon beinhaltete auch ein Rabbinatsgericht. Und weil ein Gericht nun einmal ein Gericht ist, galt im 19. Jahrhundert auch hier die Vorschrift, das an der Wand hinter dem Richtersitz ein Portrait des Kaisers hängen müsse. Da sich Kaiser Franz Josef um die rechtliche Gleichstellung der Religionsgemeinschaften sehr verdient gemacht hatte, fügte man sich dem auch gerne. Als die Tschechoslowakei 1918 sich vom Habsburgerreich löste, hing man allerdings das nunmehr zur neuen Republik nicht passende Portrait ab.

Nach dem Ende des Kommunismus fand man, das hier nun ein dem prachtvoll mit Holz vertäfelten Saal des Rathauses unwürdiges optisches Loch entstanden war. Nun hängt an früherer Stelle wieder ein Portrait des alten Kaisers, wenngleich auch nicht das damalige Original, sondern eines, das den Verdacht aufkommen lässt, es sei mit hintersinnigem Humor gemalt. Das macht die Sache aber noch sympathischer. (DD)

Synagoge im orientalischen Jugendstil

Sie ist die größte der heute noch existierenden Synagogen in Prag: Die 1906 erbaute Jerusalem Synagoga (auch: Jubiläumssynagoge). Sie liegt ein wenig eingezwängt in der Jeruzalémská 1310/7 in der Neustadt, so dass ihre Größe und Pracht erst auffällt, wenn man nahe davor steht.

Sie war nicht immer die größte Synagoge der Stadt, denn die 1896 eingeweihte Synagoge von Vinohrady bot nicht „nur“ 850, sondern rund 2000 Gläubigen eine Sitzgelegenheit. Allerdings wurde sie im Februar 1945 irrtümlich durch einen amerikanischen Bombenangriff zerstört (siehe früheren Beitrag hier).

Der Erbauer von beiden Großsynagogen war übrigens der Architekt Wilhelm Stiassny. Er entschied sich bei der Jerusalem Synagoge für einen Stil, entschied der ganz und gar orientalisch wirkt, dies aber mit den Mitteln des damals modernen Jugendstils ausdrückt.

Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika, auf deren ersten Stock sich Empore befindet. Dadurch wirkt der untere Raumteil ein wenig dunkel, steigt man nach oben, ist der Raum durch die schönen Jugendstilfenster auf einmal hell erleuchtet.

Über dem Eingang oberhalb der Empore befindet sich die dem Gesamtstil optisch angepasste Orgel, die ein Werk des Orgelbauers Emanuel Štěpán Petr ist.

Während der deutschen Besetzung unterbanden die Nazis das dort florierende Gemeindeleben. Das Gebäude wurde zu eine Lagerhalle umfunktioniert, was es wenigstens vor dem Abriss schützte.

Auf der Empore der in den Monaten von April bis Oktober gegen Eintritt betretbaren Synagoge gibt es eine Dauerausstellung über die Geschichte des Synagoge, die auch dieses düstere Kapitel umfasst.

Nach dem Krieg kehrten die wenigen am Leben gebliebenen Juden wieder zurück, nur um nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 unter dem gar nicht so latenten, sondern tatsächlich recht brutal vorgehenden Antisemitismus der neuen Herrscher leiden zu müssen, was sich erst mit Stalins Tod 1953 abmilderte.

Wirklich gute Zeiten begannen erst wieder mit dem Sturz des Kommunismus. Ab 1993 wurde die Synagoge gründlich restauriert und Instand gesetzt. Das geschah nach der Samtenen Revolution gottlob überall im Lande. Eine zweite Ausstellung in der Synagoge zeigt die Resultate dieses landesweiten Wiederaufbaus. (DD)

Kafka näher gebracht

Bei Smetana war es so (hier) und bei Dvořák (hier) ebenfalls: Die Gebäude der Museen, die großen in Prag wirkenden Kulturschaffenden gewidmet sind, stehen oft mit dem dort Geehrten in keinerlei historischer Beziehung. Das gilt auch für das Kafka Museum in der Cihelná 635/2b in der Kleinseite. Franz Kafka, der wohl bekannteste Schriftsteller, den Prag hervorgebracht hat, ist in diesem Haus weder geboren noch gestorben und auch gelebt hat er darin nicht.

Das sollte einen aber nicht abhalten, das idyllisch an der Moldau gelegene Gebäude einer ehemaligen Ziegelei zu besuchen, um eine wirklich gut gemachte Ausstellung über Kafka zu sehen. Ursprünglich war es eine Wanderausstellung, die 1999 in Barcelona und 2002/2003 in New York präsentiert worden war, die hier in der alten Ziegelei 2005 ihr dauerhaftes Domizil aufschlug. Aus der Wanderausstellung wurde ein richtiges Museum.

Und das Museum ist didaktisch voll auf der Höhe und dem (schwierigen) Gegenstand gewachsen. Die Sammlung enthält Dokumente, Photos, Originalhandschriften, Originalausgaben und vor allem multimediale Elemente, die atmosphärisch dicht verbunden sind. Die passend zu der düsteren Weltsicht Kafkas sehr dunklen Räume des einstöckigen Gebäudes führen zunächst einmal in das Umfeld Kafka in seiner Zeit ein – was bedeutete das Leben eines deutschsprachigen Juden in einer hauptsächlich tschechischen Stadt? Man erfährt etwas über den Antisemitismus, der in der Zeit immer mehr Verbreitung fand. Dann kommen Abteilungen zu Berufsweg (er liebte den Job bei einer Versicherung nicht, sie inspirierte ihn aber anscheinend zu einer finsteren literarischen Bürokratiekritik), Lebensweg, Beziehungen, Tod, Rezeption u.v.a..

Für den Kenner bietet das Museum eine wahre Fundgrube an neuen Informationen. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Multimedia und einem nicht immer linearen Aufbau der Exponatfolge bringen aber selbst dem Unkundigen – oder demjenigen, dem wie dem Schreiber dieser Zeilen, Kafka im Deutschunterricht dereinst eher fern-, denn nahegebracht wurde – die Person des Schriftstellers in seiner Zerrissenheit und seiner Sensibilität näher. Vielleicht sollte man doch mal wieder etwas von ihm lesen. (DD)