Kirche mit zwei Heiligen von Rang

Wie kaum eine andere Kirche prägt sie das Stadtbild von Vinohrady. Sie ist schon von weitem Dank städteplanerisch sorgfältig erdachter Sichtachsen in all ihrer Pracht zu sehen: Die Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily). Stattliche 60 Meter ragen die beiden Türme in den Himmel. Der vor ihr liegende Náměstí Míru (Friedensplatz) trägt mit seiner offenen Gestaltung mit zu dieser Wirkung bei.

Es handelt sich ein veritables Stück neogotischer Architektur. Der Architekt Josef Mocker war zu Ende des 19. Jahrhundert der „Star“ unter den Vertretern dieses Stils. Er wurde bestellt, wenn es darum ging, Gebäude der großen Zeit Karls IV. im Mittelalter zu restaurieren oder einfühlsam zu rekonstruieren – der Veitsdom oder Burg Karlštejn seien genannt. Dabei gab er – willentlich oder unwillentlich – den betreffenden Gebäuden meist eine eigene künstlerische Note. Das, was wir heute als das mittelalterliche Prag bewundern, ist in Wirklichkeit oft mehr das Werk Mockers als originales Mittelalter.

In den Jahren 1888 bis 1892 konnte er mit der Ludmilla-Kirche erstmals ein vollständig eigenes Projekt realisieren. Der Prager Bischof Franziskus von Schönborn weihte sie noch im Jahr der Fertigstellung. Es handelte sich um ein Ereignis von besonderer Bedeutung, denn der Bau der Kirche sprach auch die nationalen Gefühle der Tschechen in Vinohrady an, denn es war mit der Heiligen Ludmilla nicht nur eine böhmische Nationalheilige Namenspatronin geworden. Die Kirche birgt zugleich auch Reliquien von ihr. Mehr noch: Es befinden sich dort auch noch zusätzlich die Reliquien ihres Enkels, des Heilige Wenzel, der einen noch größeren Status als tschechischer Nationalheiliger innehat. Für die Tschechen war St. Ludmilla nun so etwas wie „ihre“ Kirche.

Das hat mich zunächst ins Grübeln versetzt. Beide Heilige liegen doch komplett in der Burg begraben – Ludmilla in der Georgsbasilika und Wenzel im Veitsdom. Wie könne sie denn dann gleichzeitig hier sein? Pater Leitgöb von der Deutschsprachigen Katholischen Pfarrei in Prag (siehe auch hier) klärte mich inzwischen auf. Wenn dem/der betreffenden Heiligen eine besonders wichtige neue Kirche gewidmet wird, kann der Kirche, in der er oder sie ursprünglich beerdigt wurde, erlaubt werden, das jeweilige Grab zu öffnen. Dann kann ein kleines (aber wirklich nur kleines) Stückchen des heiligen Körpers entnommen werden, das dann meist beim Altar der neuen Kirche eingemauert wird. So wird es bei der Ludmilla-Kirche gewesen sein. Und dass es gleich zwei Heilige dieses Ranges waren, unterstreicht die Bedeutung, die man damals dieser Kirche beigemessen hat.

Bei der Kirche selbst handelt es sich um eine typisch gotische dreischiffe Konstruktion mit Querschiff. Erwähnenswert ist noch das Portal, über dem sich das kunstvolle Relief der Heiligen Ludmilla und des Heiligen Wenzel, die neben einer Darstellung des Christus Pantokrator knieen – eine Skulptur des berühmten Bildhauers Josef Václav Myslbek, der bekanntlich auch die große Reiterstatue des Wenzel auf dem Wenzelsplatz geschaffen hat.

Die Gemeinde Vinohrady (die erst 1922 Teil Prags wurde) war reich und konnte sich einen Architekten und einen Bildhauer der Spitzenklasse leisten.

Und obwohl das Äußere Erscheinungsbild eher schlicht und wenig überladen gestaltet ist, lohnt es sich, einige Details anzuschauen, etwa die lustigen Wasserspeier neben dem Portal. Das links abgebildete Exemplar hat die Gestalt einer Eule, die gerade loszufliegen scheint – eine originelle Variante.

Auch das Innere besticht dadurch, das Mocker und seine Mitkünstler sich nicht den in neogotischen Gotteshäusern manchmal deutlich werdenden Hang zum überbordenden Pomp einließen. Beim Betreten wirkt zunächst einmal nur die feingliedrige architektonische Struktur der gotischen Spitzbögen. Erst auf den zweiten entdeckt man die Fülle an Ornamentik und Ausstattung in der Kirche.

Darüber hinaus beeindrucken die (dem gotischen Gesamtbild der Kirche sehr gut angepassten) Wandmalereien im Jugendstil, die von dem Maler Jan Jobst stammen. Und dann sind da noch die bunten Kirchenfenster, zu denen damals berühmte Maler wie Adolf Liebscher oder František Ženíšek die Entwürfe beigesteuert hatten (etwa die Darstellung der Namenspatronin Ludmilla im großen Bild oben), oder die neogotischen Schnitzereien der Seitenaltäre des Bildhauers Jan Kastner, dessen Darstellung der Heiligen Kyrill und Methodius wir links sehen.

Und das sind nur einige der berühmten Künstler, die an der Ludmilla-Kirche mitgewirkt haben.

Als in kommunistischen Zeiten die Metro genau unter der Kirche entlang erbaut wurde, schloss man die Kirche übrigens im Jahre 1974. Als man mit der Metro fertig war, ließ man sie 1980 gleich geschlossen, um sie zu renovieren. Nur einen kleinen Teil öffnete man 1984 für die Abhaltung von Gottesdiensten. Erst 1992 – der Kommunismus war seit drei Jahren bereits Geschichte – wurde sie wieder vollständig und feinstens restauriert den Gläubigen zur Verfügung gestellt, wobei man dabei gleich einen neuen Hauptaltar bewundern konnte. (DD)

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