Kleines Museum im großen Studio

Prag ist eine Filmstadt (wir berichteten hier). Und zwar eine Filmstadt mit Tradition. Wo heute nicht nur tschechische, sondern auch internationale Filme (nicht alles, was wie Hollywood aussieht, ist auch aus Hollywood!) gedreht werden, gibt es schon seit den 1930er Jahren eines der größten Filmstudios Europas: Die berühmten Barrandov Studios.

Seine Entstehung verdankt der Studiokomplex nicht zuletzt dem Unternehmer Václav Havel, dem Vater des späteren Präsidenten gleichen Namens. In den mittlerweile 11 Ateliers wurden bereits über 2500 Filme gedreht.

Wie die meisten großen Filmstudios sind die in Barrandov nicht nur der Entstehungsort großer Filme, sondern auch selbst ein Touristenmagnet. Man geht doch gerne hin, wo die Stars zu Stars gemacht werden.

Dazu gibt es ein elaboriertes Besucherprogramm mit Touren durch die Ateliers, den Kostümfundus (mit rund 300.000 Kleidungsstücken!) oder der Requisitenkammer (rund 150.000 Stücke). Kern und absolutes Muss ist aber das kleine Museum, der Filmpoint, in der Kříženeckého nám. 322/5, Praha 5. Während man für die Touren meist (für Gruppen) vorbuchen muss, kann man das Museum ohne Buchung zu den Öffnungszeiten jederzeit besuchen.

Hier lernt man auf kleinem Raum alles über die Geschichte der Studios und der dort gedrehten Filme. Die Geschichte war in der Tat sehr von Höhen und Tiefen geprägt. Havel sen. hatte schon 1921 mit seinem Bruder Miloš einen Filmvertrieb gegründet, der 1931 mit dem Bau eines eigenen Studios begann. 1933 wurden die Barrandov Studios eröffnet. Noch im selben Jahr wurde der erste Film gedreht, der Krimi Vražda v Ostrovní ulici (Mord in der Ostrovní -Straße), der auch umgehend zum Riesenerfolg wurde. Es folgten unzählige weitere Filmhits. Unter den Nazis wurden die Studioanlagen noch einmal enorm vergrößert. Trotz der politischen Zensur gab es noch etliche passable Filme, aber die Spielräume wurden enger. Und natürlich nutzten die Nazis die Studios für ihre Zwecke. Etliche Szenen des berüchtigten antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940) wurden in den Studios gefilmt.

Die Kommunisten verstaatlichten die Studios. Es wurde außerordentlich schwer, die Möglichkeiten auszunutzen, die die Zensur noch ließ. Mit dem Prager Frühling kam eine behutsame Öffnung und einige Regisseure produzierten Filme, die ungewöhnlich frech und unkonventionell waren, etwa die musikalische Westernparodie Limonádový Joe aneb Koňská opera (Limonaden Joe oder: eine Pferdeoper). Auf dem Bild rechts sieht man das Indianerkostüm der weiblichen Hauptdarstellerin Květa Fialová.

Auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 versuchte man Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten. Man tat das erfolgreich mit unpolitischen Sujets wie Märchenfilmen (Beispiel: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, 1973) und durch Kooperationen mit westlichen Medien, wie etwa die Kinderserie Pan Tau (ab 1970), die mit dem westdeutschen WDR produziert wurde. Das überragende Beispiel internationaler Kooperation fand jedoch 1984 ausgerechnet mit einem Hollywoodregisseur statt, der in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik eigentlich persona non grata war, weil er 1969 das Land aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verlassen hatte und aus seiner Abneigung gegen den Kommunismus keinen Hehl machte. Ausgerechnet dieser Miloš Forman drehte hier den vielleicht größten Hollywood-Barrandov-Blockbuster überhaupt, den Mozartfilm Amadeus. Darauf ist man in Barrandov immer noch stolz und viele Requisiten und Kostüme (siehe großes Bild oben) werden im Museum ausgestellt.

Aber es verschwanden auch etliche Filme im Giftschrank der Zensur und durften erst nach der Samtenen Revolution 1989 gezeigt werden.

Mit der Wende von 1989 kam die Privatisierung, die sich anfänglich als schwierig erwies, weil der heimische Filmmarkt und die heimischen Produktionen keine hinreichende Profitabilität zur Aufrechterhaltung des riesigen Studiobetriebs erreichten. Man entsann sich, dass man ja schon in kommunistischen Zeiten international kooperiert hatte. Wie gesagt: von Mission Impossible über Van Helsing bis James Bond – die Liste amerikanischer und anderer internationaler Produktionen, die hier gedreht wurden ist lang. Und sie machte die Studios wieder berühmt und profitabel.

Und so werden hier die heimischen, aber auch die internationalen Produktionen im Museum zelebriert – mit einer Dauerausstellung, aber ab und an auch mit kleinen Wechselausstellungen. Die kleine, aber sehr kompakt und didaktisch klar aufgebaute Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss des ersten historischen Gebäudes des Studiogeländes. Die Havel-Brüder ließen es in einem für die Zeit typischen Funktionalismus durch den damaligen Stararchitekten Max Urban erbauen, der auch als Regisseur und Bühnenbildner wirkte und daher für die Ausfertigung besondere Qualifikationen mitbrachte.

Was noch besonders erwähnt werden sollte, ist die ausgesprochene Freundlichkeit des Personals. Zumindest wir bekamen von der freundlichen Dame an der Kasse viele Dinge besonders erläutert, etwa die rechts abgebildete Kamera aus den 1960er Jahren, die damals neue Maßstäbe setzte, weil fast ohne Eigengeräusche auskam. Kurz: Ein wirklich lehrreiche und unterhaltsame Angelegenheit! (DD)

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