Spital ohne Salieri

Ein düsterer Gang. Schritte ertönen. Irgendwo hinter einer dieser Zellentüren sitzt er. Manchmal grimmig grinsend und vom Wahn umfechelt, erzählt er seinen Besuchern, wie er dereinst den verhassten Erzrivalen Wolfgang Amadeus Mozart umbrachte, der doch so viel mehr Talent hatte als er selbst.

Nein, Antonio Salieri hat Mozart nicht umgebracht. Und er endete auch nicht wahnsinnig in Prag, sondern geistig gesund in Wien. Aber hier in einem der düsteren Zellentrakte fristete Salieri in dem berühmten und phantasievollen Film Amadeus (1984) des tschechisch-amerikanischen Regisseurs Miloš Forman sein schauriges Lebensende.

Wäre Salieri aber in Prag gestorben, dann hätte es durchaus dieser Ort sein können, denn es handelt sich hier tatsächlich um ein altes Spital, das zu seinen Zeiten auch als ebensolches in Betrieb war. Drehort für die Szenen war nämlich die alte Invalidenanstalt (Invalidovna) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Bei der Invalidovna handelt es sich um eines der imposantesten und größten Barockgebäude in ganz Prag – möglicherweise sogar das größte in Tschechien. Erbaut wurde es in den Jahren 1731 bis 1737 von dem Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer, der wohl bedeutendste Barockbaumeister seiner Zeit in Prag (frühere Beiträge u.a. hier und hier).

Finanziert wurde die Anstalt (mit einiger Verspätung) aus dem Erbe von Peter Strozzi, Graf zu Schrattenthal, einem kaiserlichen Feldmarschall des Dreissigjährigen Krieges, der sein späteres Leben größtenteils der Wohltätigkeit widmete und die Verwendung seines Erbes für invalide Veteranen verfügte. 1728 ordnete Kaiser Karl VI. an, dass das Geld der Veteranenstiftung, die der schon 1694 verstorbene Strozzi gestiftet hatte, in Prag angelegt werden solle. Als Vorbild schwebte ihm dabei das bereits seit 1676 bestehende Hôtel des Invalides in Paris vor. Vor dem Gebäude ehrt ein Denkmal mit seiner Büste, geschaffen 1898 im Stil des Neobarock von dem Bildhauer Mořic Černil, den edlen Spender.

Die von stilisierten dorischen Pilastern (die dorische Säulenordnung ist typisch für militärische Gebäude) strukturierte und zwei Risaliten unterbrochene Hauptfassade ist mit über 120 Metern Länge geradezu erschlagend. Nun ja, immerhin war das Gebäude anfänglich für 4000 meist kriegsversehrte Veteranen (teilweise mit Familien) vorgesehen, was aber nicht realisiert werden konnte. Die Fläche hätte das neunfache des heutigen Areals betragen – wahrhaft gigantisch! Der Komplex, so wie er dann gebaut wurde, fasste immerhin 1000 Veteranen. Und auch das setzte ein Gebäude von enorm riesigen Ausmaßen voraus. Offiziere und Familien bekamen eigene kleine Wohnungen zugeteilt, alleinstehende arme Veteranen wurden in Schlafsälen untergebracht.

Über den Risaliten befinden sich Skulpturen des Barockbildhauers Matthias Bernard Braun. Sie zeigen klassische Kriegstrophäen, die den militärischen Charakter des Gebäudes unterstreichen. Trotzdem gehörte das Gebäude übrigens nicht dem Militär selbst, sondern wurde auf Wunsch Strozzis vom Erzbistum Prag betrieben. 1814 wurde es dann einem eigens eingerichteten Indivalidenfonds übertragen.

Nach dem Ende des Habsburgerreichs wurde die Invalidovna dem Verteidigungsministerium der neuen Tschechoslowakischen Republik übertragen, das es zunächst weiter als Spital betrieb. 1920 erfolgte eine umfassende Modernisierung, die vor allem eine Elektrifizierung herbeiführte. 1935 wurde das Spital aufgelöst und das Militärhistorische Archiv zog hier. Dem wurde 2002 das Große Hochwasser zum Verhängnis, das im niedriggelegenen Karlín besonders heftig wütete. Die Archivalien wurden mehr oder minder völlig vernichtet und das Gebäude nahm schweren Schaden, der bis heute nicht völlig behoben ist.

Deshalb kann man das Gebäude an den meisten Tagen nur von außen besichtigen (was sich lohnt, zumal die Fassaden an jeder Seite unterschiedlich strukturiert sind – im Bild rechts sieht man die m.E. wesentlich mit ihren roten Halbsäulen wesentlich pittoresker als die Hauptfassade gestaltete östliche Seite. Es ist geplant, hier ein Kulturzentrum mit einem Museum des alten Habsburgischen Militärs in Böhmen einzurichten. Der tschechische Staat hat Geld für ein umfangreiches Sanierungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Zwischen April und Oktober kann man an Freitagen und Wochenenden (oder zu speziellen Anlässen) das Innere gegen Eintrittsgeld während einer (tschechischen) Führung besichtigen. Durch einen mit phantasievollen Skulpturen versehenen Ganz kommt man in einen schönen, mit Bäumen bewachsenen Innenhof.

Drinnen kann man den Nachholbedarf an Renovierung beklagen, aber auch Erstaunliches besichtigen. Etwas spukig, aber dem Status als Hospital und Alterswohnsitz für Kriegsveteranen thematisch sehr angemessen, sind die barocken Statuen in den unteren Wandelgängen und Treppenhäusern. Sie stellen Soldaten in Ritterrüstungen dar, denen aber stets Gliedmaßen – meist ein oder zwei Arme – fehlen. Es ist eine Erinnerung daran, wie hart und gefahrenreich das Soldatenleben in der Habsburgerarmee war. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es erst gewesen wäre, wenn Strozzi dieses Hospital nicht gespendet hätte und die verkrüppelten Veteranen auf der Straße ihr Leben durch Betteln hätten fristen müssen (was vorher wohl die Regel war)….

Und dann ist da noch die Kapelle zum Heiligen Kreuz (Kaple svatého Kříže), die im Erdgeschoss – ebenfalls von Dientzenhofer – erbaut wurde. Die Veteranen brauchten sicher geistlichen Beistand und hier wurde für ihn gesorgt. Das Innere der Kapelle, die ebenfalls stark renovierungsbedürftig ist, befindet sich aber nicht mehr im barocken Originalzustand. Mehrfach wurde sie inzwischen grundlegend umgestaltet.

Schon 1892 wurden sämtliche barocken Wandmalereien übertüncht. Neuere kunsthistorische Forschungen konnten ihre Existenz nachweisen. Einige Reste der nunmehr neuen Malerei im historistischen Stil kann man heute stattdessen vor allem an der Decke bewundern. Es handelt sich meist um recht zurückhaltende Ornamentik. Wirklich auffallend sind jedoch die Glasfenster, die noch 1935 – kurz vor der Schließung des Hospitals – eingefügt wurden. Es handelt sich um geradezu herrlich kitschige Engels- und Heiligenbilder. Sie waren vermutlich schon damals stilistisch irgendwie aus der Zeit gefallen, wirken aber letztlich schon recht charmant.

Ach ja, Amadeus mit dem verrückten Salieri war nicht der einzige berühmte Film, der hier gedreht wurde. Das Areal bietet einfach unzählige Möglichkeiten für Filmkunst und unzählige Filme wurden auch hier gemacht. 2004 filmte man u.a. hier zum Beispiel Szenen für den amerikanischen Grusel-Fantasy-Film Hellboy. Zwei Jahre zuvor lief das Remake von Doktor Schiwago (nicht der tolle Film mit Omar Sharif!), für den auch einige Szenen hier gedreht wurden. Und wer denkt, die deutsche Krankenhaus-Fernsehserie Charité (2017) wurde tatsächlich in der Charité gedreht, liegt falsch. Auch hier war der Drehort die Invalidovna. Von einem Filmdreh findet man sogar noch Spuren. Einige Szenen der US-Fernsehserie Genius (2017ff), die von Albert Einstein handeln, wurden hier gefilmt. In seinem Film-Apartment hier sieht man noch an die Wand gekritzelte und in Türglas gekratzte Formeln, mit denen sich das Genie hier befasste.

Dies und vieles mehr mach die Invalidovna zu einem spannenden Ausflugsziel – nicht nur für Mozart- und Salierifans! Jetzt muss nur mit dem Renovieren begonnen werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man sieht aber immerhin, was für ein Potential dieses Gebäude für ein Museums- und Kulturzentrum hat. Aber man sieht auch, wieviel Geld und Mühe es kosten wird, bis es damit soweit ist. (DD)

Mozarts Film-Haus

Durch diese Tür verlässt er gerade sein Haus, der geniale, aber moralisch etwas haltlose Wolfgang Amadeus Mozart. Vielleicht, um seinen Freund Antonio Salieri besuchen? Er ahnt ja nicht, dass der schon längst einen grausamen Mordplan ausgeheckt hat…

Nun, weder hat Salieri Mozart umgebracht, noch hat Mozart wirklich in diesem Haus gelebt. Das Haus spielte diese Rolle als Mozart-Domizil nur als Drehort in dem berühmten Film Amadeus, den der tschechisch-amerikanische Regisseur Miloš Forman 1984 drehte – einer von vielen Drehorten in Prag (siehe u.a. frühere Beiträge hier, hier, hier und hier). Mozart zieht hier im Film nach seiner Hochzeit mit Konstanze ein.

Die Idee, dass Salieri auf den talentierteren Mozart so neidisch gewesen sei, dass er Mordgelüsten freien Lauf ließ, entstammt einem (völlig fiktiven) Einakter-Stück von Alexander Puschkin (1832). In dem bereits „Amadeus“ titulierten Drama von Peter Shaffer (1979), das die Idee noch einmal kräftig phantasievoll ausbaute, fand Forman dann die Vorlage für seinen Film. Und der ist – ganz gleich, ob die Mordgeschichte stimmt oder nicht – schlichtweg großartig, nicht zuletzt wegen seiner schönen Szenerien. Und das wiederum liegt nicht zuletzt an den so zeithistorisch authentischen Drehorten in Prag – der Stadt, die Mozart so liebte und der er seine Prager Symphonie gewidmet hatte.

Womit wir wieder beim „Mozart-Haus“ am Hradčanské náměstí 68/7 mitten im Burgbezirk (Hradčany) sind. Es ist seitlich mit einer hohen Mauer verbunden, hinter der sich ein kleiner Garten befindet. Von außen erinnert wenig daran, dass hier schon im Mittelalter ein Haus stand, das in der Renaissance grundlegend umgebaut wurde. Denn seine heutige spätbarocke Form erhielt das zweistöckige Gebäude im wesentlichen bei einer umfassenden Erneuerung im Jahre 1776, die möglicherweise von dem bekannten Architekten Johann Ignaz Palliardi durchgeführt wurde.

Damit passt es gerade genau in die Zeit Mozarts und vielleicht ist der Komponist tatsächlich hier einmal vorbeigeschlendert, während er über die Overtüre des Don Giovanni sinnierte, und hat das gerade fertiggestellte Haus bewundert. Wer weiß?

Zu dieser Zeit nannte man das Gebäude Residenz des Kapitels (Kapitulní rezidence), womit das Domkapitel des nahegelegenen Veitsdoms gemeint war, oder auch Kanonisches Haus (Kanovnický dům). Das Domkapitel nutzt das Haus schon lange nicht mehr, aber das Aussehen ist immer noch davon geprägt. Oben auf dem Dach thront zum Beispiel der Heilige Nepomuk. Der hatte in Mozarts Zeiten gerade in Böhmen seinen Aufstieg zum Nationalheiligen konterreformatorischer Prägung hinter sich gebracht (siehe hier) und fehlte selten bei katholisch-kirchlichen Gebäuden.

Darunter – im Tympanon des Giebels – findet man das Wappen des Prager Bistums. schön in Stuck gearbeitet und vergoldet in eine Rokoko-Kartusche gerahmt. Das weist es als Haus des Domkapitels, also als Kirchenbesitz aus. Zur Zeit Mozarts und der barocken Umgestaltung des Hauses war Anton Peter Graf Příchowský von Příchowitz der Erzbischof von Prag. Er rüstete den Burgbezirk im großen Stil mit kirchlichen Administrativbauten auf, in dem er zum Beispiel das ebenfalls am Burgplatz befindliche Erzbischöfliche Palais (wo übrigens auch Szenen für „Amadeus“ gedreht wurden) bauen ließ. Der Ausbau des Domkapitels war ein Teil dieses Projekts.

Und über der Tür befindet sich eine kleine Kartusche, in denen sich gleich zwei christliche Symbole aus der Bibel finden. Das eine ist der Anker, der in Hebräer 6:19 als Symbol der Hoffnung („Hoffnungsanker“) verwendet wird. Darüber befindet sich die Taube, die in der Bibel u.a. in Johannes 1:32 als Symbol des Heiligen Geistes dient. In den Filmeinstellungen bei „Amadeus“ wird dieser klerikale Aspekt des Hauses nicht so recht deutlich gemacht – verständlich angesichts der freigeistigen und freimaurerischen Ansichten des großen Komponisten. (DD)

Wo Mozart residierte und komponierte

Das ist der eigentliche Mozart-Ort in Prag. Hier vollendete der Komponist seine große Oper Don Giovanni. Prag war überhaupt Mozarts Lieblingsstadt. Hier liebte ihn auch das Publikum weit mehr als im schnöden Wien. „Meine Prager verstehen mich“, soll er einmal frohlockt haben. Und hier in der Bertramka fand er Muße für seine Kompositionen bei Menschen, die ihn verstanden und schätzten.

Das schmucke Landhaus im Stadtteil Smíchov wurde im 17. Jahrhundert als Anwesen eines Weinguts erbaut, das etwas später einem gewissen František Bertramský gehörte – was dem Haus den Namen gab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde es in dem italienisch geprägten klassizistischen Stil umgebaut, in dem Mozart es kennenlernte und in dem wir es im Kern heute noch bewundern können. 1784 kaufte der mit Mozart befreundete Komponist František Xaver Dušek zusammen mit seiner Frau, der Opernsängerin Josefina, das Anwesen. Wenn sich Mozart in Prag aufhielt, tat er es fortan meist im Hause des Ehepaars, das erste Mal 1786.

Im Herbst 1787 bereitete hier dann Mozart die erste Aufführung des Don Giovanni vor, die dann im Ständetheater stattfand. Auch die erste Prager Aufführung der Oper La clemenza di Tito wurde hier 1791 von Mozart vorbereitet. Und für Josefina Dušek komponierte er im Hause sogar persönlich eine auf sie maßgeschneiderte Konzertarie.

1824 verkaufte die bereits verwitwete Josefina Dušek das Haus. Es folgten noch etliche Besitzerwechsel bis dann 1925 die österreichische Stiftung Mozarteum das Haus übernahm. 1929 ging es in die Verwaltung der lokalen Mozartgemeinde über, die hier ein Museum zu Ehren des Komponisten einrichtete. Zum 200. Geburtstag Mozarts wurde das Haus 1956 gründlich restauriert. Ansonsten wurde es aber in den Zeiten des Kommunismus ein wenig vernachlässigt. Bei der Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus gab es jahrelange Rechtsstreitigkeiten zwischen rivaliserenden Eigentümerinteressen. Lange blieb das Haus geschlossen. Immerhin gibt es jetzt wieder ein Museum im ersten Stock, in dem es wechselnde Ausstellungen zum Leben und Werk Mozarts und seiner Zeitgenossen zu sehen gibt.

Eine Grundrenovierung tut trotzdem dringend Not. Das, was man heute sieht, ist nämlich äußerst hübsch. Die bemalten Holzdecken und der schöne Keramikofen geben dem Haus ein authentisches Flair. Runherum liegt ein schöner Park – dort, wo einst der Weinberg war. Das alles muss einfach in Schuss gebracht werden. Und dann ist ja auch noch die Tatsache, dass Mozart den Kern des abendländischen Kulturerbes repräsentiert. Um die Sache zu beschleunigen, hat der tschechische Staat das Gebäude 2019 zum Nationalen Denkmal erhoben. Denn das Erbe Mozarts sollte der Welt doch einiges wert sein. (DD)

Kleines Museum im großen Studio

Prag ist eine Filmstadt (wir berichteten hier). Und zwar eine Filmstadt mit Tradition. Wo heute nicht nur tschechische, sondern auch internationale Filme (nicht alles, was wie Hollywood aussieht, ist auch aus Hollywood!) gedreht werden, gibt es schon seit den 1930er Jahren eines der größten Filmstudios Europas: Die berühmten Barrandov Studios.

Seine Entstehung verdankt der Studiokomplex nicht zuletzt dem Unternehmer Václav Havel, dem Vater des späteren Präsidenten gleichen Namens. In den mittlerweile 11 Ateliers wurden bereits über 2500 Filme gedreht.

Wie die meisten großen Filmstudios sind die in Barrandov nicht nur der Entstehungsort großer Filme, sondern auch selbst ein Touristenmagnet. Man geht doch gerne hin, wo die Stars zu Stars gemacht werden.

Dazu gibt es ein elaboriertes Besucherprogramm mit Touren durch die Ateliers, den Kostümfundus (mit rund 300.000 Kleidungsstücken!) oder der Requisitenkammer (rund 150.000 Stücke). Kern und absolutes Muss ist aber das kleine Museum, der Filmpoint, in der Kříženeckého nám. 322/5, Praha 5. Während man für die Touren meist (für Gruppen) vorbuchen muss, kann man das Museum ohne Buchung zu den Öffnungszeiten jederzeit besuchen.

Hier lernt man auf kleinem Raum alles über die Geschichte der Studios und der dort gedrehten Filme. Die Geschichte war in der Tat sehr von Höhen und Tiefen geprägt. Havel sen. hatte schon 1921 mit seinem Bruder Miloš einen Filmvertrieb gegründet, der 1931 mit dem Bau eines eigenen Studios begann. 1933 wurden die Barrandov Studios eröffnet. Noch im selben Jahr wurde der erste Film gedreht, der Krimi Vražda v Ostrovní ulici (Mord in der Ostrovní -Straße), der auch umgehend zum Riesenerfolg wurde. Es folgten unzählige weitere Filmhits. Unter den Nazis wurden die Studioanlagen noch einmal enorm vergrößert. Trotz der politischen Zensur gab es noch etliche passable Filme, aber die Spielräume wurden enger. Und natürlich nutzten die Nazis die Studios für ihre Zwecke. Etliche Szenen des berüchtigten antisemitischen Propagandafilms Jud Süß (1940) wurden in den Studios gefilmt.

Die Kommunisten verstaatlichten die Studios. Es wurde außerordentlich schwer, die Möglichkeiten auszunutzen, die die Zensur noch ließ. Mit dem Prager Frühling kam eine behutsame Öffnung und einige Regisseure produzierten Filme, die ungewöhnlich frech und unkonventionell waren, etwa die musikalische Westernparodie Limonádový Joe aneb Koňská opera (Limonaden Joe oder: eine Pferdeoper). Auf dem Bild rechts sieht man das Indianerkostüm der weiblichen Hauptdarstellerin Květa Fialová.

Auch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 versuchte man Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten. Man tat das erfolgreich mit unpolitischen Sujets wie Märchenfilmen (Beispiel: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, 1973) und durch Kooperationen mit westlichen Medien, wie etwa die Kinderserie Pan Tau (ab 1970), die mit dem westdeutschen WDR produziert wurde. Das überragende Beispiel internationaler Kooperation fand jedoch 1984 ausgerechnet mit einem Hollywoodregisseur statt, der in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik eigentlich persona non grata war, weil er 1969 das Land aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verlassen hatte und aus seiner Abneigung gegen den Kommunismus keinen Hehl machte. Ausgerechnet dieser Miloš Forman drehte hier den vielleicht größten Hollywood-Barrandov-Blockbuster überhaupt, den Mozartfilm Amadeus. Darauf ist man in Barrandov immer noch stolz und viele Requisiten und Kostüme (siehe großes Bild oben) werden im Museum ausgestellt.

Aber es verschwanden auch etliche Filme im Giftschrank der Zensur und durften erst nach der Samtenen Revolution 1989 gezeigt werden.

Mit der Wende von 1989 kam die Privatisierung, die sich anfänglich als schwierig erwies, weil der heimische Filmmarkt und die heimischen Produktionen keine hinreichende Profitabilität zur Aufrechterhaltung des riesigen Studiobetriebs erreichten. Man entsann sich, dass man ja schon in kommunistischen Zeiten international kooperiert hatte. Wie gesagt: von Mission Impossible über Van Helsing bis James Bond – die Liste amerikanischer und anderer internationaler Produktionen, die hier gedreht wurden ist lang. Und sie machte die Studios wieder berühmt und profitabel.

Und so werden hier die heimischen, aber auch die internationalen Produktionen im Museum zelebriert – mit einer Dauerausstellung, aber ab und an auch mit kleinen Wechselausstellungen. Die kleine, aber sehr kompakt und didaktisch klar aufgebaute Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss des ersten historischen Gebäudes des Studiogeländes. Die Havel-Brüder ließen es in einem für die Zeit typischen Funktionalismus durch den damaligen Stararchitekten Max Urban erbauen, der auch als Regisseur und Bühnenbildner wirkte und daher für die Ausfertigung besondere Qualifikationen mitbrachte.

Was noch besonders erwähnt werden sollte, ist die ausgesprochene Freundlichkeit des Personals. Zumindest wir bekamen von der freundlichen Dame an der Kasse viele Dinge besonders erläutert, etwa die rechts abgebildete Kamera aus den 1960er Jahren, die damals neue Maßstäbe setzte, weil fast ohne Eigengeräusche auskam. Kurz: Ein wirklich lehrreiche und unterhaltsame Angelegenheit! (DD)

Rauchender Hund und Mozarts Handschrift

Es ist das einzige große nicht-staatliche Museum innerhalb der Burg. Tripadvisor bewertete es 2015 und 2016 als bestes Museum in Prag. Die Rede ist vom Lobkowicz Palais und seinem Museum. Der riesige Palast befindet sich an der östlichen Seite des Burgkomplexes und ist sein Eintrittsgeld mehr als wert!

Das Fürstengeschlecht der Lobkowicz gehörte über 700 Jahre zum höchsten tschechischen Hochadel, hatte sich stets mit den Habsburgern und der katholischen Kirche verbunden (mithin über Jahrhunderte auf der Siegerseite) und brachte immer wieder Familienmitglieder mit ausgeprägtem Kunstsinn hervor. Was mehr braucht man, um der Welt eine Kunstsammlung zu hinterlassen, die ihresgleichen sucht?

Aber die Familie hat auch Rückschläge hinnehmen müssen. Die Nazis konfiszierten die Schlösser der Familie (u.a. jenes, über das wir hier berichteten) und damit auch den schönen Palais in der Burg. Die Familie war republiktreu und diente da schon im Exil der Sache des Widerstands. Nach der Niederlage der Nazis gab die demokratische Regierung den Lobkowiczs 1946 ihre Besitztümer wieder. Doch 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht und die Familie wurde wieder enteignet und floh ins amerikanische Exil. Erst nachdem die Kommunisten wieder vertrieben waren, wurde ihnen der Besitz 1990 wieder rückerstattet. Wie die meisten ihrer Sammlungen machten sie auch die im Palais nun der Öffentlichkeit zugänglich.

Die bekommt wirklich etwas zu sehen! Seit Jahrhunderten ließen sich die Mitglieder des Geschlechts nur von den größten, berühmtesten und besten europäischen Malern portraitieren – etwa Velasquez und van Dyck. Schon die Familienportraits alleine könnten andernorts eine repräsenativ ausgestattete Nationalgalerie würdig ausfüllen. Was sie nicht selbst für die Familie in Auftrag gaben, erwarben sie als gekonnte Kunstsammler. Einige Familienmitglieder malten sogar selber – und das mit durchaus beträchtlichem Talent!

Ein besonderer Raum ist den wichtigsten Familienmitgliedern gewidmet, mit denen sich die Lobkowicz schon früher als andere Adelsfamilien portraitieren ließen, nämlich ihren Hunden. Wie alle guten Tschechen – siehe hier – waren die Lobkowiczs immer Hundenarren. Jeder Hundefreund wird sofort das oben als großes Bild gezeigte, Ende des 17. Jahrhundert entstandene Portrait der familieneigenen Möpse Asinus (links) and Kokrle (rechts) lieben, die mit zu den ersten namentlich bekannten Hunden auf Bilddarstellungen gehören.

Nicht weniger putzig sind die Photos aus dem späten 19. Jahrhundert, die den Familienhund Nero zeigen. Dem hatte man zur Unterhaltung von Gästen beigebracht, Pfeife zu rauchen. In der heutigen Zeit strikter Rauchverbote ist das natürlich politisch inkorrekt. Die Familie stellt daher im Audiokommentar zu den Photographien im Album klar, dass sie das heute mit ihren Hunden nicht mehr mache, sondern diese gesund und wohlschmeckend ernähre. Es ist vermutlich nicht das schlechteste Leben, das man als Hund der Lobkowiczs führt.

Daneben gibt es eine Austellung mit Porzellan, eine mit Waffen und Rüstungen (großes Bild oben) und eine über die Jagdleidenschaft. Auch hier hat sich (vor allem im 17. und 18. Jahrhundert) viel Wertvolles und Schönes zusammengetragen, da es unter den Mitgliedern der Familie immer wieder große Feldherren (etwa den k.k. Feldmarschall Joseph Maria Karl von Lobkowitz, 1725-1802, der sich im Österreichischen Erbfolgekrieg besonders heldenhaft hervorgetan hatte) und noch mehr begeisterte Jäger gab.

Mit besonderem Stolz erfüllt die Familie allerdings ihre Musiksammlung. Sie beinhaltet nicht nur wertvolle alte Instrumente. Die Familie förderte einige der großen Musikgenies des Abendlandes, allen voran Mozart und Beethoven. Von beiden kann man daher in der Sammlung im Familienbesitz befindliche Originalhandschriften von Musikstücken bewundern. Das Bild rechts zeigt Mozarts eigenhändige Bearbeitung und Neuorchestrierung von Händels Messias aus dem Jahre 1789. So etwas kann man nur mit Ehrfurcht anschauen!

Darüber hinaus sollte man nicht den Palast selbst vergessen. Teile der Inneneinrichtung sind noch vorhanden, aber vor allem auch die barocken Stuckaturen und Deckengemälde. Bei letzteren handelt es sich um Fresken mit Szenen antiker Sagen, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem Maler Fabián Václav Harovník gemalt wurden.

Seien noch zwei Dinge erwähnt, die den Besuch endgültig zum „Muss“ machen: Erstens: Die Aussicht. Es ist möglich, den Balkon zur Moldauseite hoch über der Stadt zu betreten, um eine der atemberaubendsten Panoramaaussichten auf Prag genießen zu könne. Nicht nur, aber vor allem bei Nacht ist das ein unvergessliches Erlebnis. Zweitens: Das ist ein privates Museum und daher außerordentlich professionell gemacht. Es gibt lange Öffnungszeiten, eine Audioführung, die nichts zu wünschen übrig lässt, einen hochwertigen Museumsshop und alles ist in blitzblanken Zustand. Und die Ausstellung ist sowieso einmalig. Also, wer noch nicht da war: Nix wie hin! (DD)

Erfolgreichstes Theater

Unter einem Nationaltheater stellt man sich normalerweise einen riesigen Prachtbau vor. Dieses hier ist jedoch recht klein geraten. Da die Akteure Marionettenpuppen sind, wäre ein größeres Theater allerdings der guten Sicht auf die Bühne abträglich. Dafür kann das Nationale Marionettentheater (Národní divadlo marionet) sich rühmen, das wohl erfolgreichste Theater der Stadt zu sein.

Sein größter Bühnenheld, Mozarts Frauenverführer Don Giovanni, hat es immerhin schon auf fast 5000 Aufführungen gebracht. Draußen vor der Tür des Theaters steht er schon bereit, um Besucher anzulocken und dann auf der Bühne zu begeistern. Das gelingt ihm in der Vorführung nach der Regie des leider 2014 verstorbenen Karel Brožek, dessen Erbe somit weiter fortlebt, geradezu spielend. Überhaupt fokussiert sich das Theater primär auf Opernaufführungen. Dem Don Giovanni folgt meist die Zauberflöte (großes Bild oben, Regie: Alois Tománek), aber ab und an stehen auch andere Opern auf dem Programm.

Das Marionettentheater hat in Tschechien eine große und lange Tradition. Schöne, aus Holz geschnitzte Marionetten gehören in das Angebot jedes Souvenirshops in Prag (wobei man vielleicht erst einmal den theatereigenen Shop ausprobieren sollte, der ein natürlich ein besonders hochwertiges Angebot bietet). Und es gibt viele gute Theater in der Stadt. Aber dass es hierzulande sogar ein richtiges Nationaltheater der Marionetten gibt, ist sowohl konsequent als auch weltweit einzigartig.

Offiziell gibt es das Nationaltheater unter diesem Namen erst seit 1991, aber es kann natürlich auf eine längere Vorgeschichte zurückblicken. Man sieht es an dem eleganten Art Déco-Stil des Gebäudes inmitten der Altstadt in der Žatecká 1 an, dass hier schon in den Zeiten der Ersten Republik die Puppen auf der Bühne tanzten.

Říše loutek (Reich der Puppen) hieß das 1928 gegründete Theater damals und schon im Jahre 1929 sollte es einen besonderen Platz in der Geschichte des Marionettentheaterwesens zugewiesen bekommen. Als der französische Puppenspieler Jacques Félix Ende der 1920er Jahre einen internationalen Verband der Puppenkünstler gründen wollte, um dem Marionettenspiel die weltweite künstlerische Anerkennung zu erkämpfen, das es verdiente, war Prag vielleicht der naheliegendste Ort überhaupt für die Gründung. Und so wurde genau an jenem Ort, an dem sich heute das Nationaltheater befindet, im Jahre 1929 die UNIMA (Union Internationale de la Marionnette) ins Leben gerufen, die bis heute besteht. Die lustige Metalltafel an der Außenwand des Theaters mit den in einer Reihe sitzenden Marionetten im Stil des Kasperletheaters erinnern an dieses historische Ereignis.

Für den Pragbesucher ist das Theater natürlich ein Muss. Die Musik bei den Opern entstammt zwar meist einem Tonträger (für ein Orchester reicht der Platz drinnen nicht), aber die Vorführungen sind lustiger und unterhaltsamer als das Meiste, was „echte“ Operntheater manchmal bieten. Die Puppen und das Bühnenbild sind liebevoll gestaltet, die Puppenspieler agieren mit Spielfreude – wofür sie am Ende, wenn sie sich endlich einmal selbst zeigen können, viel Applaus bekommen.

Ein kleines Museum ergänzt das Angebot. Für Kinder (die an Einführungsworkshops teilnehmen können) ist das Nationaltheater sowieso die beste Art und Weise, in die Welt der Oper eingeführt zu werden. Und natürlich haben auch Erwachsene einen Riesenspaß daran. Dass das Theater das erfolgreichste in Prag ist, kommt schließlich nicht von ungefähr. (DD)

Wo Wallenstein weilte

Man kennt ihn von Schiller: Wallenstein, den kaiserlichen Heerführer des Dreissigjährigen Krieges, der seinem Kaiser zu eigenmächtig wurde und deshalb in Cheb ermordet wurde. Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (wie er mit vollem Namen hieß) hatte von den Enteignungen der böhmischen Adligen, die bei Ständeaufstand für die böhmische Freiheit gekämpft und bei der Schlacht am Weißen Berg (hier) verloren hatten, unglaublich profitiert. Auch der Krieg selbst war für ihn ein gutes Geschäft. Folglich war er einer der reichsten Männer im Reiche. Deshalb konnte er sich auch mitten im Herzen der Prager Kleinseite einen Palast sondergleichen erbauen lassen.

Der Valdštejnský palác (Waldstein Palast) wurde in den Jahren 1623 bis 1630 nach Entwürfen des italienischen Architekten Andrea Spezza erbaut. Da sich Wallenstein/Waldstein noch eine riesige Gartenanlage dazu anlegen lassen wollte, musste er ein Grundstück erwerben, dass an Größe innerhalb des Stadtgebietes schon einzigartig ist. Insgesamt 26 dort vorher stehende Häuser und zwei Ziegeleien soll er dafür gekauft und abgerissen haben. Deshalb kann man heute eine einzigartig große grüne Insel der Ruhe (wenn nicht zuviele Touristen da sind), umgeben von feinster Barockarchitektur und hohen Mauern. Vom Park aus kann man über der Reithalle des Palastes die Burg sehen (großes Bild oben) oder, wenn man sich umdreht, die schöne Dächerlandschaft der Kleinseite (Bild links).

Der Park oder Garten war einer der ersten strikt formal angelegen Barockgärten in Prag überhaupt. Überall sind gerade Sichtachsen, teils umrahmt von Hecken, teils von Statuengruppen des niederländischen Bildhauers Adriaen de Vries. Von ihm stammt auch die große bronzene Statue des keulenschwingenden Herkules im Zentrum des großen Brunnens vor dem Hauptpalast. Die ist allerdings eine Kopie, denn das Original hatten die Schweden, die in der Endphase des Dreissigjährigen Krieges 1648 in Prag einfielen, geraubt.

Neben dem Palast selbst, der innen reich an Fresken und Stuckarbeiten ist, die Wallenstein als Feldherren preisen, ist vor allem noch die groteske Tropfsteinmauer am Südende des Gartens (deren Architekt unbekannt ist) mit ihren Höhlen und ihrer Ausschmückung durch Skulpturen (Bild rechts) bemerkenswert. Die einzigartigen dunklen Steinformationen sind nicht echt, sondern nur sehr kunstvoll nachgebildet.

Und dann ist da noch die 1627 von Andrea Spezza erbaute große Loggia mit ihren drei Arkadenbögen. Betritt man die Arkaden, wird man von den Fresken im Gewölbe überwältigt, die wiederum das Werk des Malers Baccio di Bianco sind (Bild ganz unten).

Wer beim Zuschauen gut aufgepasst hat, wird sich erinnern, das dies auch ein Drehort für den Mozart-Film Amadeus von 1984 war.Dort lässt Kaiser Joseph II. für sich und seinen Hofstaat unter den Arkaden ein Konzert vorführen. Auch heute ist dies ein beliebter Ort für Konzerte (nicht nur Mozart), wenngleich nicht mehr nur für einen Hofstaat, sondern für die breite Öffentlichkeit.

Hinter den Arkaden tagt heute der Senat der Tschechischen Republik, wie überhaupt das Gebäude dem tschechischen Staat gehört. Damit ist man wieder bei  der Geschichte des Palastes und des Anwesens angelangt. Wallenstein weilte hier ja nur kurz. Nach seiner Ermordung wurde das Eigentum 1634 sofort konfisziert, aber schon nach kurzer Zeit von der Familie wieder gekauft. Die ließ hier unter anderem 1859 erstmals Schillers Stück über ihren illustren Vorfahren aufführen. 1945 wurde die Familie jedoch enteignet, weil der damalige Erbe der NSDAP beigetreten war und die deutsche Reichsbürgerschaft angenommen hatte. Seither ist das Ganze öffentlicher Park, öffentliches Museum (mit anspruchsvollen Wechselausstellungen) und ein Zentrum tschechischer Politik. Und einfach schön anzuschauen. (DD)

Das Haus des göttlichen Böhmen

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28 Opern (darunter Il Belleroferonte aus dem Jahre 1767), 21 Symphonien und unzählige andere Werke machten ihn zum europäischen Musikstar seiner Zeit. Der Komponist Josef Mysliveček, der Mozart zu seinen Freunden zählte, gehört zu den Großen der klassischen Musik im Böhmen des 18. Jahrhunderts. Und er gehörte zu den wenigen ausländischen Komponisten, die auch in Italien, dem Musikland der Zeit schlechthin, bahnbrechende Erfolge feierten. In Italien verbrachte er auch seine letzten Lebensjahre.

IMG_4164Der Name Mysliveček bedeutet auf Deutsch „kleiner Jäger“ oder „Jägerchen“, weshalb er sich (so die Legende) den Italienern, die sich mit der tschechischen Aussprache etwas schwer taten, meist mit dem Namen „Venatorino“ präsentiert haben soll, was dasselbe in Italienisch bedeutet. Vor allem aber nannten die Italiener ihn „Il divino Boemo“ – den „göttlichen Böhmen“.

Einen solch bedeutenden Komponisten feiert man natürlich auch in Prag. Kommt man vom Wenzelsplatz in die Altstadt, so findet man kurz vor dem Altstädter Ring links das Dům U modré lodi (Haus zum blauen Schiff) in der Melantrichova 464/13 – sein Elternhaus. Dort hat er seine Kindheits- und Jugendjahre verbracht.

IMG_4166An der Wand des Hauses findet man eine Büste des Komponisten. Genauere Angaben über den Künstler und die Entstehungszeit habe ich nicht gefunden, aber die Büste dürfte eher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert in Bronze gegossen worden sein. Darunter befindet sich eine Tafel mit einer Aufschrift, die in deutscher Übersetzung lautet: „In diesem Haus wohnte der tschechische Komponist Josef Mysliveček, genannt il divino Boemo. 9.3.1737 Praha-4.2.1781 Rom“.

Das Haus selbst ist natürlich viel älter. Es wurde 1360 erstmals urkundlich erwähnt und die Kellergewölbe sollen noch echt gotisch sein. Es gab Umbauten im Stil der Spätrenaissance Anfang des 17. Jahrhunderts und im 2. Viertel des 18. Jahrhundert erfolgte die spätbarocke Neugestaltung, die bis heute das Äußere des Hauses prägt, und die auch zu seiner Musik passt. (DD)

Skandal oder Humor?

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Viele Prager hatten früher das Gefühl, dass der Senovážné náměstí (früher auch: Heuwaagsplatz) hinter dem Heinrichsturm immer etwas hinter den anderen schönen Plätzen der Stadt zurückfiel, was die skulpturale Ausstattung der kleinen Grünfläche anging. Die war nämlich gestalterisches Ödland – bis sich die weltbekannte Malerin und Bildhauerin Anna Chromy ihrer erbarmte. Sie schenkte 2002 der Stadt einen Brunnen aus böhmischem Sandstein IMG_3379samt dazugehöriger Skulpturengruppe.

Jetzt steht sie da, die allgemein als Tschechische Musikanten (Čeští muzikanti) bekannte Gruppe von Bronzeskulpturen – vier wild herumtanzende Figuren, die mit durch Tuch überdeckten Augen je ein Instrument spielen. Warum das Ganze nun ausgerechnet „Tschechische Musikanten“ heißen soll, ist nicht so klar, denn jeder Musikant symbolisiert einen weltberühmten Fluß, von denen kein einziger durch Tschechien fließt: Die Geige die Donau, die Flöte den Amazonas, das Horn den Mississippi und die Mandoline den Ganges. Um es so richtig tschechisch wirken zu lassen, hätte man wenigstens einen Ziehharmonikaspieler als Moldau hinzufügen müssen – hat man aber nicht!.

Vielleicht steckt dahinter auch eine Prise Humor, wofür die Künstlerin allgemein bekannt ist (sie ist schließlich – obwohl sie in Italien arbeitet – gebürtige Tschechin, und die Tschechen verfügen oft über einen Hintersinnigen Humor). Dafür spricht auch, dass die Musiker ursprünglich in ausgesprochen schrillen Glitzerfarben coloriert waren, die IMG_3378inzwischen leider der wetterbedingten Erosion zum Opfer gefallen sind. Jedenfalls kann man das Werk durchaus als clevere Dekonstruktion antiker Formensprache oder als Anspielung auf das bekannte Klischee des böhmischen Musikantentums interpretieren. Zudem scheinen einige Instrumente funktionsuntüchtig zu sein – der Geige fehlen die Saiten und der Geigenbogen (Bild rechts) und die Mandoline hat ein Loch im Klangkörper, was doch recht schräge wirkt.

Wenn dem so ist, dann hatte es den erwarteten Effekt. Nichts bringt Humorlose so in Rage wie Humor, den sie nicht verstehen – also jedweder Humor. In der Akademie der Bildenden Künste standen plötzlich etliche seriöse Kunstprofessoren auf und machten ihrem Unmut Luft. Allein der Gedanke, dass die Skulpturen ein Geschenk an die Stadt waren, versetzte sie in IMG_3385Grauen. Und dass bei Chromy bereits zuvor regelmäßig Anfälle von Großzügigkeit auftraten, machte es noch schlimmer in ihren Augen, hatte doch die Künstlerin schon öfters Geschenke verteilt, etwa mit der Aufstellung der düsteren Figur des Commendatore aus Mozarts Oper Don Giovanni vor jenem Ständetheater, wo die Oper einst uraufgeführt wurde. Die Kritiker fanden nun, wenn eine weltbekannte Künstlerin ihre Werke an die Stadt verschenke, dann habe sie einen unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber weniger bekannten Künstlern, die ihre Werke der Stadt für Geld anbieten müssten. Schenken ginge auch deshalb schon gar nicht, führten sie moralisch entrüstet hinzu, weil dies den öffentlichen Diskurs aussetze, IMG_3381wie denn der öffentliche Raum überhaupt gestaltet werden solle.

Es folgten noch etliche Tiraden, dass diese Skulpturengruppe doch irgendwie populärer Kitsch sei. Nun ja, das kann man so sehen, wenn man keine feine Ironie dahinter sehen kann (bei der Kunst des großen Jeff Koons hat es immer ähnliche Kritik gehagelt). Es gab also im Jahre 2003 eine Protestdemonstration der Lehrenden der Akademie gegen die Platzierung von Chromys Werken in der Stadt. Bewirkt hat die aber am Ende nichts. Die Stadt Prag war glücklich, den Platz ohne Zahlung größerer Geldsummen gestalten zu können. Und die Touristen, die sich in der Gegend in Scharen herumtreiben, lieben die Figuren und machen mit Begeisterung Selfies mit ihnen. Ihnen zumindest gefällt die Musikantengruppe und möglicherweise verstehen sie auch den Witz dahinter. (DD)

Außen Gotik, innen Barock

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Etwas eingeklemmt in die engen Straßen der Altstadt ist sie, die Kirche St. Ägidius (Kostel sv. Jiljí). Deshalb sollte man, wenn man die Husova heruntergeht, ab und an nach oben IMG_2850schauen, damit man sie in ihrer Pracht nicht übersieht. Mit ihrem beiden 58,5 bzw. 43,5 Metern hohen Türmen ragt sie fast unerreichbar hoch über den Köpfen der dort umherpromenierenden Touristen in den Himmel.

Ursprünglich stand hier ein romanischer Bau, der aber im Jahre 1371 durch einen gotischen ersetzt wurde. Kaiser Karl IV. selbst war bei der Einweihung dieses bis dato größten Kirchenbaus der Altstadt dabei. Nach den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert, in deren Verlauf sie schwer beschädigt wurde, war Böhmen ein religiös recht tolerantes und pluralistisches Land. Das Gebäude diente nun den gemäßigten Hussiten, auch Utraquisten genannt, als Gotteshaus. Das währte friedlich so bis zur Niederlage der böhmischen Stände gegen die katholischen Habsburger bei der Schlacht am Weißen Berg (siehe hier) im Jahre 1620. Die Sieger beendeten das vielfältige religiöse Miteinander im Lande und katholisierten es brutal von oben. 1625 wurde die Kirche folglich den Dominikanern vom Kaiser als Klosterkirche übereignet.

IMG_2837Langfristig hatte diese religiöse Neuorientierung auch eine architektonische zur Folge, denn mit der Gegenreformation zog statt der utraquistischen Bescheidenheit endgültig der barocke Pomp ein. 1731 gestalteten die Baumeister Ferdinand Špaček und František Maximilian Kaňka   den Innenraum der Kirche grundlegend um. So sieht die Kirche heute von außen noch mittelalterlich, von innen aber überwältigend barock aus, was im Laufe der Zeit mit vielen gotischen Kirchen in Prag geschah. Dazu gehört vor allem auch der vom dem Maler und Bildhauer Franz Ignaz Weiss, einem der Hauptvertreter des Böhmischen Barock, gestaltete Hauptaltar (Bild rechts). Aber auch die Deckenmalereien und vor allem die ungewöhnlich prall lebensfreudigen Skulpturen (großes Bild oben) auf den Nebenaltären machen die Kirche zu einem kleinen Juwel.

IMG_2843Immerhin haben Restauratoren in den 70er Jahren auch noch Reste von mittelalterlichen Fresken (Bild links) freigelegt, die man sich vor allem im Eingangsbereich anschaiuen kann. Das vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie die Kirche vor 1731 innen ausgesehen haben mag.

Das Kloster gehört zu den wenigen seiner Art, das nicht von Kaiser Josef II. in den 1780er Jahren enteignet wurde. Die Dominikaner sind hier – mit der unerfreulichen Unterbrechung durch den Kommunismus zwischen 1950 und 1990 – stets als Orden aktiv geblieben. Neben ihrer Funktion als Klosterkirche nutzt heutzutage noch die polnische katholische Gemeinde St. Ägidius für ihre Gottesdienste.

Ach ja, die Kirche diente auch als Drehort für den berühmten Mozart-Film Amadeus aus dem Jahre 1984, und zwar für die Szenen der Heirat mit Konstanze und der Totenmesse für den großen Komponisten. (DD)