Panzer auf der Brücke: Filmstadt Prag

Hilfe, ein sowjetisches Panzerfahrzeug rollt über die Mánesbrücke in die Altstadt ein! Prag wird besetzt? Ist es schon wieder soweit? Einen Moment bitte, aber die Sowjetunion gibt es doch schon seit 1991 nicht mehr! Nun, die Szene, die man da vom Burgberg sehen kann, ist auch nicht echt. Es handelt sich um die Dreharbeiten im August 2017 zu dem Mitte 2018 erschienenen tschechischen Film Jan Palach, über jenen Studenten, der sich im Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannt hatte.

Womit wir beim Thema Prag als Filmstadt ist. Der Mozartfilm Amadeus (1984), der Horrorfilm Van Helsing, eine ganze Reihe von Agentenfilmen wie Mission Impossible I, Mission Impossible IV wurden hier gedreht, ja und James Bond läuft in dem Film Casino Royale keineswegs durch den Kreml, sondern durch den Innenhof der Prager Burg. Gérard Depardieu mimte in der Serie Les Misérables nur, dass er in Frankreich sei. In Wirklichkeit war er natürlich in Prag. Und das sind nur einige von unzähligen Beispielen. Der internationale Film ist präsent in Prag. Immer wieder sieht man Filmteams in den engen Gassen der Stadt.

Das hat natürlich auch seinen Grund darin, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Land (noch eher geringe Kosten, funktionierende Infrastruktur) gut sind, und dass keine Stadt der Welt soviel schöne und malerische Originalkulissen für historisch angehauchte Filme bietet. Wichtiger ist aber, dass Prag schon seit jeher ein tschechisches Filmzentrum war und damit aller Fazilitäten für erfolgreiche und professionelle Drehorten bereitstellt.

Das begann schon in der Ersten Republik, in der Film als neue und avantgardistische Kunstform ganz dem modernistischen Zeitgeist entsprach. 1933 wurden die Barrandov Studios gegründet, die bis heute existieren, und damals in Prag in die Liga der großen Filmzentren Europas katapultierten. Schauspieler und Schauspielerinnen wie  Anny OndraHugo Haas oder Adina Mandlová waren Weltstars. Kinos florierten überall in Prag (Beispiel hier).

Unter den Kommunisten war das Zensurregiment ein wenig weniger harsch als anderswo im Ostblock – jedenfalls so, dass der tschechoslowakische Film einen Teil seiner künstlerischen Reputation auch im Westen erhalten konnte – so etwa die phantasievollen Filme von Karel Zeman (früherer Beitrag hier). Es kam sogar vor, dass gemeinsame Produktionen mit westlichen Filmgesellschaften in oder bei Prag gedreht wurden, etwas der Deutsch-Western Die Goldsucher von Arkansas (gedreht hier) von 1964 oder auch der oben erwähnte US-FIlm Amadeus von 1984, bei dem sogar ein Exil-Tscheche – Miloš Forman – Regie führte..

Heute ist der tschechische Film wieder frei wie früher der westliche. Hollywood dominiert zwar die Kinos, aber der landeseigene Film ist weiterhin vital, wie nicht nur der Film über Jan Palach beweist, dessen Dreharbeiten wir beobachten konnten. (DD)

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