Geballtes Wissen und schöne Bücher

Sie ist die große Sensation innerhalb des bereits sensationellen Klosters Strahov: Die Bibliothek! Man träumt davon, hier einmal abends aus Versehen eingeschlossen zu werden, um nach Herzenlust in alten Büchern und Handschriften zu schmökern. Aber das darf man leider nicht…

Nun gehören Bücher und Klöster irgendwie zusammen, sind doch Klöster als Orte des kontemplativen Lebens und theologischer Gelehrsamkeit gedacht. Folglich verfügten die Mönche schon im Jahr 1143, als die Prämonstratenser das Kloster Strahov gründeten, über eine kleine Bibliothek mit Handschriften. Aber erst unter Abt Jan Lohelius, der zwischen 1586 und 1622 das Kloster leitete, wurde ein eigenes Bibliotheksgebäude im Stil der Renaisance erbaut. Allerdings nicht am heutigen Standort, sondern dort, wo heute die Küche und das Refektorium für die Mönche betrieben wird.

Der als bedeutender philosophischer und theologischer Schriftsteller bekannte bekannte Abt Hieronymus Hirnhaim errichtete dann in den jahren 1670 bis 1674 eine größere Bibliothek dort, wo sich der heutige Theologische Saal der Bibliothek befindet. Dieses Gebäude, das unter der architektonischen Leitung von Giovanni Domenico Orsi de Orsini erbaut wurde, wurde dann von dem böhmischen Freskomaler Franz Siard von Nossek in den Jahren von 1723 bis 1727 mit schönen, in Stuck eingefassten Decken-Fresken ausgeschmückt. Die Bibliothek wuchs unter dessen, so dass hier am Ende nur der theologische Teil der Gesamtsammlung (plus einiger alter Globen und Enzyklopädien) im darob so benannten Theologischen Saal (großes Bild oben) ausgestellt wurde.

Das Wachstum der Bibliothek, das zur Notwendigkeit der Errichtung eines zusätzlichen und größeren Büchersaals führte, hatte eine für die katholische Kirche eher unerfreuliche Ursache. Durch die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. kam es zu vielen Klosterauflösungen und Säkularisierungen. Das betraf auch das mährische Kloster Prämonstratenserkloster in Louka bei Znojmo, das 1782 aufgelöst und danach zuerst in eine Tabakfabrik, dann in eine Militärakademie verwandelt wurde. Der damalige Abt von Strahov, Wenzel Josef Mayer, beschloss, wenigstens die Bibliothek zu retten. Er ließ die Bücher und die dazu gehörenden prachtvollen Möbel (Regale etc.), die ein Werk des Holzschnitzers und Schreiners Johann Lahofer waren, ins Kloster Strahov bringen. Um beides unterzubringen, ließ er von 1783 bis 1785 den großen zweistöckigen Philosophischen Saal (kleines Bild oberhalb links) für die nicht-theologischen Bücher errichten.

Der neue Saal gehört zu dem Schönsten, was die Biblithekenbaukunst der Zeit hervorgebracht hat. Der Architekt Ignaz Palliardi verwandelte dazu den ehemaligen Getreidespeicher des Klosters, der sich sehr nahe des Theologischen Saals befand, in einen großen Lesesaal, der ganze 32 Meter lang, 10 Meter breit und 14 Meter hoch ist. Um die obersten Bücherregale zu erreichen, muss man eine Galerie emporsteigen. Palliardi passte das Gebäude somit an die vorgegebenen Maße der aus Nußbaumholz geschnitzten Möbel Lahofers an. Alles erstrahlte nun in feinsten Barockstil.

Über allem stehen die riesigen Deckenfresken des Malers Franz Anton Maulbertsch – eine Allegorie „Der Weg der Menschheit zur Weisheit“. Es war dem Deckenfresko nachempfunden, das der Künstler zuvor für das Kloster Louka angefertigt hatte. Das Gemälde passte zum Fortschrittsglauben der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Abt Mayer verstand sich wohl persönlich mit dem Kaiser gut, weshalb der Transfer der Bibliothek von Louka nach Strahov problemlos verlief (normalerweise wurden bei so etwas die Bücher versteigert und in alle Welt verstreut). Beide – Kaiser und Abt – waren sehr aufgeklärte Menschen. Deshalb repräsentierte der neue Philosophische Saal den damals neuesten Stand der Wissenschaft.

Das bezog sich nicht nur auf die Bücher. Es gab auch eine wissenschaftliche Objektsammlung, die die Bücher durch Anschuungsmaterial ergänzte. Einiges kann der Besucher davon heute noch sehen und bestaunen. In Vorraum des Philosophischen Saals gibt es Vitrinen – oder, um den zeitgenössischen Ausdruck zu verwenden: Kabinette – mit exotischen Muscheln und getrockneten pazifischen Fischen, die dem damaligen Betrachter wie Weltwunder vorgekommen müssen sein. Auch hier war man auf demStand der damaligen Wissenschaft.

Aber das Kernthema sind dann doch die Bücher. In dem Verbindungsgang zwischen Philosophischem und Theologischem Saal stehen heute Vitrinen, in denen der Besucher einige der wertvollsten Präziosen genauer anschauen kann, die die Bibliothek über die Jahre gesammelt hat. Das älteste Buch ist das Strahov Evangeliar aus dem Jahre 860, das aus dem karolingischen Frankreich seinen Weg hierher fand. Ein besonders schönes Buch ist das hier abgebildete Alte Testament aus dem Jahr 1416 – eines der ältesten Exemplar in tschechischer Sprache überhaupt.

Man würde so etwas gerne mal in den Händen halten, was sich natürlich aus Gründen der Sicherheit und Konservierung verbietet…. Über 200.000 Bücher (wie das rechts abgebildete Buch aus dem Jahr 1489 mit einer Grafik der Heiligen Katharina), 3000 handschriftliche Manuskripte und 1500 wertvolle Erstausgaben von gedruckten Bücher verzeichnet die Bibliothek in ihrer sichtbaren Sammlung in den Lesesälen und im Depot – ein Ort geballten Wissens und schöner Bücher. (DD)

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