Mit Sixpacks Richtung Kubismus

Der Typ mit seinen kräftigen Sixpacks und den Windelhosen wirkt schon recht bombastisch. Zusammen mit zwei seiner Kumpel steht er für die zunehmende Revolutionierung der Architektur in Prag in der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg.

Zu sehen ist das Ganze auf der Fassade des großen vierstöckigen Mietshauses in der Šmeralova 390/15 im Stadtteil Bubeneč (Prag 7). Das Haus wurde nach dem Entwurf des Architekten Bohuslav Homoláč (1883-1962) in den Jahren 1911-13 durch den Baumeister Václav Hortlík erbaut. Homoláč hatte in dieser Zeit zahlreiche sehr avantgardistische Wohnhäuser in Prag in einem ähnlichen Stil entworfen.

Dieses Haus in der Šmeralova steht ganz besonders deutlich für einen Zeitenwandel in der Architektur, der sich damals abzuzeichnen begann.

Vieles an diesem Haus entspricht noch den Geschmacksvorstellungen des späten Jugendstils, auch „geometrischer Jugendstil“ genannt, der in dieser Zeit seinen Aufschwung nahm. Statt der asymmetrischen und floralen Gestaltungselemente, die frühere Spielarten des Jugendstils bestimmten (früherer Beitrag hier), dominierten nun immer mehr abstrakte Formen. Die sieht man auch hier besonders drei großen männlichen Statuen, den Balkongittern und den Wandornamenten. Diese Ausrichtung des Jugendstils war bereits eine revolutionäre Neuerung in Richtung funktionalistischer Abstraktheit in der Architektur.

Aber sie war kurzlebig, denn der Trend setzte fast zugleich in deutlicherer Form fort. Gerade in Tschechien wurde der Kubismus in dieser Zeit zum führenden Trend in der Architektur. Die Gestaltung der abgerundeten Erker mit ihren Fenstern (kleines Bild rechts) und die geometrischen Formen rund um die in Pilaster eingebetteten Gesichterskulpturen auf Höhe des dritten Stocks (Bild links) würden in jedem anderen baulichen Kontext wahrscheinlich als rein kubistisch wahrgenommen.

Aber der Hingucker sind doch die großen männlichen Skulpturen auf Höhe des ersten Stocks, die dem Haus konsequenterweise den Namen Bei den drei Atlanten (U tří Atlantů) eingetragen haben. Sie wurden wohl in ihrer Gestaltung bewusst an die der Atlanten im Portikus der Neuen Eremitage in St. Petersburg angelehnt, die der aus Bayern stammende klassizistische Architekt Leo von Klenze zwischen 1839 und 1852 entworfen hatte, die wiederum auf antikem Vorbild basierten. Aber eben ein wenig „jugendstilig“ ausgeführt im Stile des damals berühmten Bildhauers Franz Metzner. Recht archaisch sehen sie dadurch aus; und doch modern.

Wem das Haus gefällt, der kann auch dort verweilen. Im Erdgeschoss befindet sich nämlich ein sehr gepflegtes Café. (DD)

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