Auf der Fassade kreucht und fleucht es

Es gibt Häuser, vor denen kann man stundenlag stehen, um immer wieder interessante oder putzige Details zu entdecken. Das Dům U Nováků (Haus zu Novak) in der Vodičkova 699/30 in der Neustadt ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Als es 1878 für den Unternehmer Jan Novák gebaut wurde, war es eines der ersten Kaufhäuser in Prag überhaupt. Allerdings handelte es sich da noch um ein eher konventionelles Neorenaissancegebäude. 1901-04 baute dann der große Jugendstilarchitekt Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten) das Ganze noch einmal richtig um – so wie wir es heute sehen können.

Aber handelt sich nicht um „irgendeinen“ Polívka-Bau, sondern um einen, bei dem sich der Meister anscheinend richtig austoben konnte. In die Fassadengestaltung ließ er alles an Techniken und Motiven einfließen, was einfließen konnte. Es gehört zu den am reichsten dekorierten Jugendstilbauten in Prag überhaupt (was etwas heißen will!).

Es wird hier gar nicht der Versuch gemacht, alle Details zu beschreiben oder bildlich vorzuführen. Das zentrale Element ist das große Mosaik des Malers und Kunstprofessors Jan Preisler, ein Werk von riesigen Ausmaßen, das eine idyllische Allegorie von Handel und Fleiß darstellt. Es handelt sich um ein eher konventionelles Monumentalwerk.

Hat man sich daran sattgesehen, muss man den Blick schweifen lassen. Die Einheit von künstlerischem und (für das Kaufhaus wichtigen) kommerziellem Sinn verliert sich, wenn man auf die kleinen Details achtet, die das große Bild umgeben.

Da sind Nischen mit weiblichen Büsten im klassischen Stil. Möglicherweise gehören sie noch zu dem Vorgängerbau im Neorenaissancestil. Immer mehr sucht man vergebens ein kohärentes Thema, stattdessen gibt es viel Spielerisches. Was hatten sich Polívka und seine Mitkünstler dabei gedacht? Das weiß man nicht, aber wahrscheinlich hatten sie viel Spaß dabei.

So zum Beispiel die opulenten Metallgitterarbeiten, die zum Teil als Stützen für die kleinen Balkone, zum Teil nur als Ornament des Gebäudes dienen. Es handelt sich um die traditionellen floralen Gestaltungselemente, die für den frühen Jugendstil so typisch sind – nur, dass sie hier geradezu dschungelmäßig wuchern, wie sonst auf keinem Jugendstilgebäude der Stadt.

Um die Metallstrukturen herum kreucht und fleucht allerlei Getier auf der Fassade, mal selbst in Metall, mal in reinem Stuck, mal bemalt oder vergoldet. Darunter sind natürlich auch verschiedene Vögel wie Pfauen und Reiher. Aber nicht nur…

Es sind aber vermutlich die merkwürdig anmutenden Amphibien, die bei denjenigen, die sich das Haus genauer anschauen, der absolute Publikumsschlager sind. Über die Fassade krabbeln zum Beispiel seltsame Eidechsen (siehe kleines Bild rechts). Vor allem aber wimmelt es überall von Fröschen (wie dem Froschkönig im großen Bild oben). Man könnte fast meinen, die zweite Plage im 2. Buch Moses 7,1 – 11,10 hätte nicht im alten Ägypten, sondern im schönen Prag des frühen 20. Jahrhunderts stattgefunden.

Ja, und dann ist da noch der typische tschechische Humor, der ja oft recht schwarz sein kann. Dessen Opfer sind leider einige der Frösche. Mehrere der metallenen Stützstreben durchbohren an ihrem Ende kleine Frösche, die mit allen Gliedern ausgestreckt ihr Leben aushauchen. Arme Tiere! Wie es so mit schwarzem Humor ist: irgendwie muss man doch darüber lachen (so wie in Deutschland über Wilhelm Buschs Geschichte Die beiden Enten und der Frosch).

Ach ja, Jan Novák betreibt hier sein Warenhaus schon lange nicht mehr, aber in den Passagen findet man heute immer noch etliche Shoppinggelegenheiten im oberen Preissegment, ein Kasino und ein Kabaretttheater. (DD)

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