Die besondere Metrostation

Die Metrostation Vyšehrad weist mindestens zwei Besonderheiten auf. Die eine beeindruckt zunächst einmal wenig: Im Gegensatz zu den meisten anderen Stationen gibt es keinen mittleren Bahnsteig für beide Gleise, sondern je zwei Bahnsteige links und rechts, die mit einem kleinen Tunnel verbunden sind. Die andere Besonderheit hängt damit zusammen. Station Vyšehrad ist nämlich die einzige Station mit schöner Aussicht.

Ein Grund, warum die Bahnsteige nach außen verlegt wurden, ist genau der: Man kann nun hinausschauen. Deshalb ist die Station Vyšehrad die einzige in Prag, in der man nicht durch düsterte Gänge aus Beton und Kacheln laufen muss, sondern durch eine helle und luftige Konstruktion mit großen Außenfenstern.

Verantwortlich war dabei der Architekt Stanislav Hubička, der dabei geschickt die umgebende Landschaft und Architektur einband. Die Station steht direkt am Rande des steil abfallenden Tals des kleinen Flusses Botič im Nusle-Tal. Auf der anderen Seite geht es zum Stadtteil Vinohrady wieder ebenso steil hinauf. Das erlaubt eine herrliche Aussicht unter anderem auf eine der schönsten Barockkirchen der Stadt, der Kirche St. Marien und Karl der Große (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a sv. Karla Velikého na Karlově), die gegenüber emporragt.

Nicht nur wegen ihrer Steillage, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Metro von der Station direkt und unmittelbar in den Tunnel unterhalb der hohen Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier) führt, musste sie als einzige Station oberirdisch gebaut werden. Brücke und Station gehen quasi fließend ineinander über. Das gelang so, weil beide „in einem Guss“ zusammen von Hubička entworfen und in den Jahren 1973/74 erbaut wurden.

Obwohl dem brutalistischen Stil der Zeit verpflichtet (also Geschmacksache), hat Hubička – auch mit einigen Aussichtsplattformen – dafür gesorgt, dass der Kontrast zwischen der Orgie von Stahl, Beton und Glas und der sie umgebenden alten Stadt interessant und spannungsreich bleibt. Architektonisch gehört Station Vyšehrad jedenfalls zu den interessantesten des Prager Metro-Systems. (DD)

Kommunistische Symbolik im Überfluss

429 Soldaten der Roten Armee liegen hier begraben. Die Sowjets waren am 9. Mai 1945 – heute vor 75 Jahren – in Prag einmarschiert. Der 9. Mai war deshalb während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei der offizielle Tag der Befreiung. Dabei hatten die deutschen Militärs schon am Tag zuvor vor den Anführern des Prager Aufstands kapituliert, der am 5. Mai begonnen hatte, und den die Bürger der Stadt mit Todesmut unternommen hatten, um sich Unabhängigkeit und Demokratie zu erkämpfen (früherer Beitrag hier).

Deshalb ist heute auch der 8. Mai, der Tag des Sieges, offizieller Feiertag in der Tschechischen Republik. Dennoch bleibt unbestritten, dass die Rote Armee im Vorfeld des Kriegsende vor Prag schwere Verluste im Kampf gegen SS und Wehrmacht hinnehmen musste. Und deshalb wurde schon bald nach dem Krieg ein Teil des großen Olšany Friedhofs (auch hier) zu einem Ehrenfriedhof (vojenské pohřebiště) der gefallenen Rotarmisten umgewandelt. Man betritt ihn am leichtesten über den Eingang in der U Nákladového nádraží 1949/2 (Prag 3).

Das Areal ist völlig im Sinne stalinistischer Ästhetik gestaltet. In Reih und Glied stehen die Gräber der Soldaten. Alle sind bauidentisch als Obelisken gestaltet, auf denen in kyrillisch der jeweilige Name des gefallenen Soldaten steht über dem wiederum ein standardisiertes Ornament mit Siegesflaggen, Kalaschnikows und Rotem Stern angebracht ist (Bild rechts).

Zentral in der Mitte steht ein Denkmal (großes Bild oben), bestehend aus einem großen Steinsockel mit Sowjetstern, Hammer und Sichel, eingerahmt von zwei bronzenen Rotarmisten, die heldhaft ihre Kalaschnikow bzw. ein Gewehr mit Bajonett in den Händen tragen. Unweit davon ist ein riesiger Roter Stern in den Boden eingelassen.

Auch drumherum fehlt es nicht an kommunistischer Symbolik und Erinnerungskultur. Ringsum finden sich zusätzliche Denkmäler, so unter anderem (Bild rechts) eines für die tschechischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit der Habsburger Armee brachen, um 1917-22 auf Seiten der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Mit der Herausstellung dieser relativ kleinen militärischen Einheit wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu der in der Tschechoslowakei verbreiteten Heldenverehrung aufbauen, die der sogenannten Tschechischen Legion (frühere Beiträge hier und hier) bis dato entgegengebracht wurde. Die Legionen hatten auf Seite der Entente, d.h. der Westmächte, für eine unabhängige und westlich-demokratische Tschechoslowakei und im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft. Für die Kommunisten waren die Legionen und ihr Mythos naturgemäß ein rotes Tuch. Deshalb dieses Denkmal (Bild oberhalb rechts). Allerdings schafften es die pro-bolschewistischen Tschechen von 1917ff nie wirklich, die Herzen der Tschechen so zu erobern wie es die Legionäre taten.

Daneben gibt es noch monumentale Denkmäler für Julius Fučík, einem populären kommunistischen Schriftsteller, der 1944 von den Nazis hingerichtet worden war und darob in den Heldenkult der Kommunisten einbezogen wurde, oder für Jan Šverma (Bild links), einem kommunistischen Politiker, der 1944 beim slowakischen Nationalaufstand sein Leben verlor und ebenfalls zur Märtyrergestalt wurde. Und es gibt noch etliche Beispiele mehr. Man schaut um sich und denkt man habe eine Zeitreise in die finstere Vergangenheit vor 1989 gemacht.

Kurzum: Soviel Sowjet- und Kommunismuskult kann in einem Land, das sich dereinst mit soviel Freude aus den Fängen dieser Ideologie und ihrer Schreckensherrschaft befreit hatte, nicht ganz unumstritten sein. Aber der Friedhof ist durch einen tschechisch-russischen Vertrag geschützt, der beide Länder verpflichtet, Soldatengräber mit den Toten der jeweiligen Länder zu sichern und in Stand zu halten. Angesichts der Tatsache, dass die hier beerdigten Rotarmisten als Opfer eines grauenvollen Krieges die Respektierung ihrer Totenruhe und den Respekt vor dem Leid, das sie einst erlitten hatten, verdient haben, ist das auch völlig recht und billig.

In diesem Sinne ist es traurig, dass ihr Schicksal bisweilen politisch missbraucht wird. 2014 musste die örtliche Friedhofsverwaltung ein neues Denkmal entfernen, das russische Veteranen des Krieges in Afghanistan auf dem Areal hatten aufstellen lassen. Darauf befand sich eine zweisprachige Plakette, die auf Tschechisch dem Gedenken von russischen Soldaten gewidmet war, die bei Friedensmissionen gefallen waren. Der Haken war nur, dass beim russischen Text nicht nur von Friedensmissionaren, sondern auch von „Internationalisten“ die Rede war, was bei der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oft der Terminus war, mit dem die Sowjets die Invasion gerechtfertigt hatten. Es hagelte Proteste und die Plakette musste verschwinden.

Auch heute nutzen Teile der offiziösen oder nicht offiziösen russischen Community in Prag den Ehrenfriedhof, um politische Zeichen zu setzen. Zum Jahrestag des Kriegsendes ist das Denkmal mit Blumen und Kränzen in den russischen Nationalfarben (vereinzelt auch die der tschechischen Kommunisten) geradezu überschüttet – aber natürlich ist das dann nicht der 8., sondern der 9. Mai (die Photos entstanden 2019 einen Tag später). Das Verdienst der Befreiung will man wohl weiterhin für sich und die Rote Armee reklamieren. (DD)

Burg auf dem Felsen – unbezwingbar

Die Aussicht auf die Fluss- und Felslandschaft ist von hier aus einfach fabelhaft. Das dürfte aber nicht der Grund gewesen sein, warum hier schon früh Menschen siedelten und eine kleine Burganlage bauten. In 40 Meter Höhe und von drei Seiten von schroffen Felswänden umgeben, war die Burg Kazín (Hrad Kazín) oberhalb des kleinen Ortsteils Lipence ein geradezu uneinnehmbares Refugium in gefährlichen Zeiten.

Spärliche archäologische Funde belegen, dass hier schon in der Steinzeit und vor allem in der Hallsteinkultur (frühe Eisenzeit) Menschen siedelten. Wandert man heute von Prag aus südwestlich die Berounka entlang, sieht man schon von weitem aus, wie die flache Flusslandschaft plötzlich in eine Berglandschaft übergehen. Und die wird immer pittoresker.

Schon bald sieht man steile Felsen in die Höhe ragen. Und diese Felsen (Bild rechts), die von einer Seite auch noch durch den Fluss gesichert waren, boten eine strategische Position, von der aus man das Areal gut beobachten konnte.

Das Ganze war wie geschaffen für eine geradezu uneinnehmbare Festungsanlage.

Die kann man, wenn man von hinten sich dem Felsen nähert, immer noch gut erkennen. Sie war offensichtlich in zwei Teile gegliedert. Zunächst geht man durch die als Landschaftserhebungen noch erkennbaren Reste der Wallgrabenanlage zur Vorburg (Bild links). Es handelte sich also eindeutig nicht um eine mit Steinmauern befestigte Burg, sondern um eine wahrcheinlich mit Holzpalisaden versehene Erdwallanlage.

Man geht weiter un die Landzunge zum Felsen verengt sich. Dort ist die zweite Wallgrabenanlage, die zur inneren Burg führt (Bild rechts). Das entspricht dem typischen Aufbau der meisten hiesigen Wallburgen. Dann ist man auf dem kleinen eingeebneten Hochplateau über dem Felsen. Solche oder ähnliche Burgen gab es schon in frühslawischer Zeit seit dem 6. Jahrhundert. Genau das bewog wohl im Jahre 1868 den örtlichen Gastwirt (damals wie heute lud der schöne Fluss hier viele Ausflügler ein), den malerischen Felsen mit seiner Burganlage Kazín zu nennen. Kazi oder Kazín war in der alten böhmischen Sagenwelt die heilkundige Schwester von Libuše, der Begründerin der Herrschaft der Přemysliden-Dynastie.

Damit hatte man den Ort mit einem populären Nationalmythos verbunden, was die Besucherzahl bis heute steigerte. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass der Ort auch nur das Geringste mit der Sage zu tun hat. Die Befestigung mit Wall und Graben dürfte wesentlich späteren Datums sein. Die Archäologen sind sich noch nicht ganz sicher und forschen noch. Frühere Grabungen und Bebauung am Rande haben die Beweislage schwieriger gemacht. Aber auf jeden Fall die Idee des Gastwirts aus touristischer Sicht eine hervorragnde. Der Ort ist für Ausflügler, Angler, Schwimmer, Schlauchbootfahrer ein Paradies und die Aussicht ist umwerfend. Felsen beschützen die Burg oben nicht mehr vor anrückenden Feinden, sondern vor Kletterern. Die sollten sich nicht hinauf wagen. Mit gutem Grund hat die Gemeinde das Klettern verboten, denn der Felsen ist nicht nur senkrecht steil, sondern aus bröckelig und es gab schon Tote. Aber auch ohne den Adrenalinkick des Kletterns ist das Ganze einen Besuch wert. (DD)

Vereinnahmte Aufständische bei der Metro

Heute vor 75 Jahren, am 5. Mai 1945, begann in der Stadt der Prager Aufstand (Pražské povstání) gegen die deutschen Besetzer. Unter den Kommunisten war es Teil der offiziellen Geschichtsschreibung, Prag sei von der Roten Armee am 9. Mai befreit worden, aber tatsächlich erfolgte die Kapitulation nach heftigen Kämpfen schon einen Tag zuvor gegenüber Anführer der aufständigen Prager Bürger, General Karel Kutlvašr. Da den meisten Aufständischen der Stalinismus nicht die beste Alternative zu Hitlers Gewaltherrschaft zu sein schien, und es auch ein Ziel des Aufstands war, den Sowjets zuvorzukommen, unterdrückten die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 zunächst das Andenken an die mutigen Freiheitskämpfer.

Das funktionierte nie so recht und der Aufstand behielt seinen Platz im Herzen der Prager. Deshalb versuchten es die Kommunisten in den 1970er Jahren mit einer anderen Taktik. Sie vereinnahmten den Aufstand für sich – sozusagen als Hilfsmaßnahme der Prager für die anrückenden Rotarmisten.

Es entstanden etliche Denkmäler (siehe z.B. früherer Beitrag hier), aber vor allem wurde einer der Bahnhöfe der neuen Metro nach dem Ereignis benannt – die Station Pražského povstání im Stadtteil Pankrác (Prag 4). Die liegt sicher nicht in der schönsten Ecke von Prag, aber immerhin. Hier in der Nähe hatten blutige Barrikadenkämpfe zwischen den Aufständischen und Teilen der SS-Division „Wallenstein“ stattgefunden. Die Station, die nach den Entwürfen des Architekten Vladimír Uhlíř gebaut wurde, wurde 1974 eröffnet, und zwar gemäß den ideologischen Vorgaben am 9. Mai, der nach offizieller Lesart der Tag der Befreiung und des Endes des Aufstands, aber realiter der Tag des Einmarsches der Roten Armee war.

Vor der Metro-Station wurde im Jahre 1977 ein relief-förmiges Denkmal angebracht, das dem Gedenken an den Aufstandes dient. Das Werk stammt von dem Bildhauer Stanislav Hanzík. Das Denkmal am Ausgang an der Děkanská Vinice I zeigt eine aus Steinquadern bestehende Barrikade – ganz im Stil der brutalistischen Variante des Sozialistischen Realismus, so wie er sich in den 1970er/1980er Jahren gerne in grauem Stahl und Beton präsentierte. Das passt sich harmonisch in die ebenfalls etwas brutalistische Architektur der Station und ihrer Umgebung (siehe kleines Bild oberhalb links). Über die Barrikade ist ein großes Tuch ausgebreitet, das an eine Fahne erinnert. Hierbei wurde auf jede Vereinnahmung durch kommunistische Symbolik verzichtet. Es könnte sich durchaus um die tschechoslowakische Fahne handeln.

Ebenfalls auf kommunistische Agitation verzichtet hat man bei den Inschriften für das Denkmal, die sich auf …. befinden. Dort werden auf einer Bronzetafel die folgenden Zeilen des Dichters František Halas zitiert: „Jen dedička května barikáda Praha strmět bude do bezčasí“ (in Deutsch etwa: Das Erbe der Mai-Barrikade von Prag wird zeitlos sein)

Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass Halas während der Nazi-Besetzung ein Mitglied des bürgerlichen Widerstandes war und nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Regime machte, indem er sich zum Beispiel weigerte, dem kommunistisch gesteuerten nationalen Schriftstellerverband beizutreten.

In den 1970er Jahren scheuten sich die Kommunisten also nicht, auch Teilnehmer des Aufstandes für sich zu einzuvernehmen, die sich das wahrscheinlich deutlich verbeten hätten, aber sich nicht mehr wehren konnten – wie etwa František Halas, der bereits 1949 gestorben war. Die positive Kehrseite des Ganzen war jedoch, dass man dieses Denkmal nach der Samtenen Revolution und dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht entfernen brauchte wie andere politische Denkmäler der Zeit. Im Kern hat Hanzlik hier ein Mahnmal für die gefallenen Freiheitskämpfer des Mais 1945 geschaffen, das zeitlos bleiben sollte. (DD)

PS: Da das ganze Areal um die heutige Metrostation im Mai 1945 war heftig umkämpft. Deshalb gibt es neben dem Park gegenüber der Station noch ein kleines Denkmal aus den 1970er Jahren, und zwar am Gebäude des Hohen Gerichts am Heldenpark (náměstí Hrdinů) 1300/11 (siehe kleines Bild unten rechts).

Dort wird der Satz über die Zeitlosigkeit des Erbes der Mai-Barrikade des Aufstands fortgesetzt: „Za ní její mrtví a mrtví z koncentráků a mrtví z káznic rozestaví hlídky k střežení budoucnosti“ (dt.: Hinter ihr werden ihre Toten und die Toten der Konzentrationslager und die Toten der der Gefängnisse Wache halten, um die Zukunft zu schützen). (DD)

Verlassene Burg

Man kann sie noch erkennen, die alten, nunmehr von alten Bäumen bewachsenen Erdwälle. Und auch die heute freie Fläche, wo einst die Siedlung stand. Alles das erinnert daran, dass hier seit Urzeiten Menschen siedelten. Die Hradiště Vinoř, die Burgwallanlage beim nördlichen Prager Ortsteil Vinoř, liegt in einem Gebiet, in dem – wie archäologische Grabungen zeigten – vor 700.000 Jahren einer unserer Vorfahren, der Homo Erectus, jagte und sammelte. Aus Steinzeit, Bronzezeit und Aunjetitzer Kultur (siehe auch hier) hat man hier Funde geborgen.

Die Wallanlage scheint allerdings jüngeren Ursprungs zu sein. Sie liegt in dem alten Garten- und Parkareal des nahegelegenen barocken Schlosses von Vinoř. Sie misst stattliche 3,7 Hektar an Fläche und die Wälle, die auf das Siedlungsplateau führen, ragen unter Nutzung der natürlichen Hügellage rund 16 Meter in die Höhe. Während die meisten Wallanlagen dieser Art in der Umgebung Prags keltischen Ursprungs (ca. 1. und 2. Jahrhundert vor Christus) sind, und Jahrhunderte später von den ersten einwandernden Slawen um das 6. Jahrhundert nach Christus wieder in Stand gesetzt und besiedelt wurden, scheint diese Anlage hier wohl ausschließlich slawischen Ursprungs zu sein.

Funde suggerieren, dass die Burganlage im 10. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. In dieser Zeit konsolidierte das Geschlecht der Přemysliden seine Macht in der Gegend und es begann so etwas wie eine eigene böhmische Staatlichkeit in größerem Umfang. Dass dies mit einem vermehrten Bau von Festungsanlagen verbunden war, erstaunt nicht. Die Anlage dürfte im 12. Jahrhundert aufgehört haben, als Festung zu dienen.

Auf dem inneren Areal gab es aber noch lange Zeit eine kleine Siedlung, die Ende des 14. Jahrhundert in örtlichen Chroniken erwähnt wird. Bis zum 16. Jahrhundert sind dann mehrere Besitzerwechsel verzeichnet. Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges, genauer: 1627, wird das kleine Dorf als öde und verlassen beschrieben. Und die früheren Bewohner kamen nie mehr zurück. Nichts von dieser Besiedlung ist heute mehr zu sehen.

Heute ist ein Besuch der verlassenen Anlage mit einem Spaziergang durch unbewohnte Natur und felsige Landschaft verbunden. Man kann den Verlauf des Erdwalls, der sich mit einer Länge von über 3 Kilometern (auf zwei Burgteile verteilt) recht stattlich ausnimmt, gut erkennen. Man sieht auch, wie teilweise die Sandsteinformationen des Areals in die Befestigung eingebunden wurden. Und oben auf dem Hügel lässt die als Acker genutzte Freifläche erahnen, dass hier vor langer Zeit eine tief in die Geschichte zurückreichende Besiedlungszeit unwiederbringlich Vergangenheit ist. (DD)

Brückenbauer am Busbahnhof

Heute ist der 1. Mai – der Tag der Arbeit. Das ist die Gelegenheit, mal wieder ein wenig gute alte Arbeiterromantik zu zelebrieren. Davon gibt es in Prag genügend künstlerische Rückstände aus früheren Zeiten.

Die hier gezeigte Skulptur Mostaři (Brückenbauer) gilt unter Liebhabern des Genres als ein Meisterwerk. Erschaffen hat diese Darstellung zweier hart und motiviert Arbeitenden der damals sehr renommierte Bildhauer Karel Hladík. Das war 1946, als die Kommunisten zwar bereits stark, aber noch nicht an der Macht waren. Hladík war kein Staatskünstler des Gottwald-Regimes. Der Realsozialismus lag aber schon künstlerisch in der Luft. Zudem knüpfte er an die realistischen Tendenzen an, die schon in der Zeit der Ersten Republik vor dem Zweiten Weltkrieg en vogue waren.

Aus Gründen, die sich nicht so recht erschließen, wurde das von Beton gerahmte Bronzewerk damals nicht öffentlich aufgestellt. Das geschah erst im Jahre 1982 (als tatsächlich noch die Kommunisten regierten), weswegen Hladík und sein Werk in Gefahr gerät, in eine ideologische Ecke gestellt zu werden, für die es nicht wirklich gedacht war (prinzipiell ist ja an der künstlerischen Würdigung von Arbeit nichts falsch).

Der Ort, den man für die Skulptur wählte, ist denkbar scheußlich, nämlich direkt vor dem Fernbus-Bahnhof im Stadtteil Florenc (Prag 8). Dort ist er von viel Beton, Asphalt und vor allemWerbung umgeben. Wenn man die optisch kaum erahnbare vor-kommunistische Geschichte des Werkes nicht kennt, könnte man vor allem letzteres für eine verdiente Ironie der Geschichte halten. Tatsächlich wird das Ganze aber vielleicht Hladík nicht wirklich gerecht. (DD)

Wo der Spargel gefeiert wird

Wie sehr die Spargelsaison in Deutschland mehr als eine jahreszeitliche Nahrungsergänzung, sondern ein tief verwurzelter kulturell-kulinarischer Traditionsbestand ist, merkt man erst, wenn man länger im Ausland lebt. Hier in Prag ist das eines der sehr wenigen Dinge, die man vermisst. Es ist daher auch schwierig, richtig guten weißen Spargel (tsch.: bílý chřest) auf den Märkten zu bekommen.

Schwierig, aber nicht unmöglich! Denn rund 25-30 Kilometer nördlich von Prag befindet sich im Kreis Mělník (okres Mělník) das große Spargelgebiet Tschechiens. Einer guten Empfehlung folgend, haben wir uns vor einigen Tagen mit dem Auto einmal nach Hostín u Vojkovic begeben. Das ist ein kleines Dorf, das einen etwas heruntergekommenen ersten Eindruck hinterlässt – mit vielen Rückständen kommunistischer Wüstenei. Auch der größte Verkaufort des Spargels, das Landwirtschaftsareal (Zemědělský areál), schien früher einmal so etwas wie eine Kolchose gewesen zu sein. Ein Mähdrescher der „DDR“-Marke Fortschritt ziert noch als Museumsstück den Hof (ansonsten hat man mit neueren Geräten aufgerüstet).

Aber hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich Nobles. Der kleine Stand, der wegen seiner Abgelegenheit keine Laufkundschaft haben kann, wird von Kulinarikern aus der ganzen Umgebung mit dem Auto angefahren. Es herrscht durchaus Andrang. Und der Ort pflegt auch seine Spargelkultur. Im Mai findet das große Spargelfest mit kleinen Ess- und Trinkständen statt, bei dem natürlich der Spargel in allerlei Zubereitungsarten im Mittelpunkt steht.

Wir haben uns gleich mal an einem Wochenende ein paar Kilogramm vor Ort besorgt. Ja, die Qualität stimmt und muss sich in dieser Hinsicht keineswegs vor deutschen Spitzenprodukten – etwa dem Beelitzer Spargel – verstecken. Ganz simpel und klassisch mit Kartoffeln, heißer Butter, gekochtem und rohem Schinken zubereitet, mundete uns das Ganze vorzüglich! Wir haben jedenfalls unsere Spargelquelle bei Prag gefunden!

Drumherum befinden sich die großen Spargelfelder. Der Boden scheint recht sandig zu sein – für normale Landwirtschaft eher ein Nachteil, aber für Spargelbau schlichtweg ideal. In Deutschland wären solche Spargelzentren eher recht wohlhabende Gemeinden, aber in Hostín u Vojkovic scheint das leider noch nicht so zu sein. Anscheinend ist die lokale Spargelkultur noch nicht so weit ins Umfeld übergeschwappt, dass sie zum Riesengeschäft mit vielen konkurrierenden großen Anbietern wachsen konnte.

Ein Riesengeschäft war der Spargel (den man in Hostín auch als Pflanze kaufen kann; Bild links) in dieser Gegend dereinst. In der Zeit der Habsburger Monarchie und auch noch in der Ersten Republik war der Kreis Mělník ein international führender Exportstandort für Spitzenspargel. Man lieferte nach Frankreich und Deutschland. Der Spargel der Region wurde am k.u.k. Hof in Wien serviert. Die Kommunisten, die 1948 die Macht an sich rissen, verachteten Spargel und freien Welthandel gleichermaßen als bourgeoises Teufelswerk. Die Exportketten rissen, die mit dem Spargel verbundene Feinschmeckerkultur ging im sozialistischen Einheitsbrei unter. Nach dem Ende des Kommunismus musste die einstmals reiche Spargelkultur wieder langsam aufgebaut werden – ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, wie man am Zustand des Dorfes sehen kann.

Man kann den Bürgern von Hostín u Vojkovic nur wünschen, dass dereinst der große Spargelwohlstand kommen möge. Denn das Dorf verfügt über einen kulturellen Reichtum, den man Dank der kommunistischen Planungssünden zunächst einmal nicht erkennt. Der Ort war schon in der Steinzeit besiedelt und in den Urkunden wird er offiziell erstmals im Jahre 1088 – in der Zeit von Vratislav II. – erwähnt. Möglicherweise im Jahr 1271, auf jeden Fall bis zum Jahr 1290 wurde die außerordentlich hübsche Dorfkirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie) eingeweiht, die 1615 im späten Renaissancestil überarbeitet wurde. Das Gebäude befindet sich in einem herzzerreißend deplorablen Zustand. Schon deshalb sei der Gemeinde der Spargelwohlstand gegönnt, damit die Kirche endlich adäquat renoviert werden kann.

Eine andere, wahrhaft sensationelle Attraktion ist die Friedhofskapelle des Leibes Christi (Fronleichnam, tsch.: Hřbitovní kaple Božího těla). Sie wurde 1736 im Auftrag von Philipp Hyazint Fürst von Lobkowicz von dem aus Italien stammenden Architekten und Maler Girolamo Casto gestaltet – ein kolossales Meisterwerk des Barocks, das über Kilometer in der Landschaft sichtbar ist. Leider auch dies in erbärmlichem und baufälligem Zustand.

So ergehe hiermit der Appell: Naht die Spargelsaison, gehe nach Hostín u Vojkovic und decke Dich ordentlich mit Spargel ein! Man erlaubt sich damit nicht nur ein lukullisches Gaumenerlebnis, sondern tut etwas für die Kultur des Ortes. (DD)