Auserwählte Sgraffiti auf der Schulfassade

Repräsentativ und in der künstlerischen Gestaltung zum Gegenstand passend: Die Höhere Schule für Mädchen (Vyšší dívčí škola) auf der Vodičkova 683/22 in der Neustadt macht was her! Und richtig fleißig scheinen die Mädchen hier zu lesen und lernen.

Das Neorenaissancegebäude wurde im Jahre 1867 von dem auf diesen Stil spezialisierten Architekten Vojtěch Ignác Ullmann erbaut, den wir u.a. schon hier und hier kennengelernt hatten. An der Stelle befand sich im Mittelalter eine Schmiede, später wohl ein Gericht. Jetzt war Bildung für das weibliche Geschlecht angesagt – und zwar höhere Bildung! Das war damals ein progressives Unterfangen, dem sich die frühe Frauenbewegung und die liberale tschechische Nationalbewegung gleichermaßen widmeten. Prominente Fortschrittsgeister wie Vojtěch Náprstek (Gründer des Prager Ethnologischen Museums, siehe früheren Beitrag hier) und Marie Riegrová-Palacká förderten die Gründung der Schule. Das Gebäude erfüllte seine ursprüngliche Funktion bis 1945, dann wurde sie zu einer Grundschule umfunktioniert, die bis heute in Betrieb ist.

Das Gebäude in seinem streng klassischen Aufbau unterstreicht aber immer noch den ursprünglichen Bildungszweck mit architektonischen Mitteln. Das hat vor allem etwas mit dem für den Baustil typischen Sgraffiti (Kratzputztechnik über verschiedenfarbigen Stuckschichten) zu tun, die die Fassade rundum verzieren. Sie zeigen hauptsächliche junge weibliche Gestalten, die sich durch Lesen bilden oder einem nützlichen Handwerk nachgehen, das – nach damaligen Vorstellungen – für Frauen geeignet ist (etwa Garn spinnen).

Die Sgraffiti sind das Werk des Malers und Illustrators Josef Scheiwl, der sich mit der authentischen Nachempfindung historischer Kunststile so gut auskannte, dass ihm 1857 das Privileg zuteil wurde, die böhmischen Kronjuwelen zu dokumentarischen Zwecken abmalen zu dürfen. Die waren für Normalsterbliche bis zum Ende der Monarchie unerreichbar und auch er durfte sich ihnen beim Malen nur im schwarzen Festanzug nähern. Auch durfte er sie nicht berühren, sondern musste dafür feine Handschuhe anziehen, denn nur der Kaiser/König durfte sie anfassen. Dass ein solch auserwählter Kronjuwelenmaler nun die Fassaden gestalten durfte, dürfte die Gründer der Schule damals mit Stolz erfüllt haben. (DD)

Ein Hauch von anarchischem Individualismus

Der weithin sichtbare Zeppelin über dem Dach kündigt bereits ein ganz besonderes Museum mit Avantgardeanspruch an. Das hölzerne Gulliver Airship ist das Werk des Architekten Martin Rajniš. Bei dem Museum, dessen zwei Gebäudeteile es in schwindelerregender Höhe verbindet, handelt es sich um das Zentrum für zeitgenössische Kunst DOX (Centrum současného umění DOX) in der Poupětova 1 im Stadtteil Holešovice.

Der Name DOX leitet sich von dem altgriechischen Wort δόξα (dóxa) ab, was soviel wie „Meinung“ oder „Dafürhalten“ bedeutet. Das Wort bedeutet wohl Ansporn für die Betreiber – nicht im Sinne von orthodox, sondern von unorthodox (um nicht zu sagen: heterodox). In der Tat: Das Unorthodoxe und Unkonventionelle ist hier nicht nur Pose (wie in vielen Museen für moderne Kunst), sondern gelebte Realität. Selten habe ich so ein geistig anregendes, aber aber Spaß machendes Museum gesehen, wie dieses Ausstellungszentrum.

Seit 2008 gibt es das Zentrum. Es handelt sich um eine private Gründung, die vor allem von Leoš Válka betrieben wurde, einem 1996 aus dem australischen Exil zurückgekehrter erfolgreicher Unternehmer. Das Gebäude war zuvor eine 1901 gegründete Maschinenbaufabrik, die vor allem in den 1920er und 1930er im konstruktivistischen Stil erweitert und umgebaut worden waren. Valká erwarb das Gebäude 2002 und ließ es von dem Architekten Ivan Kroupa künstlerisch umgestalten, der für das Resultat zahlreiche Architekturpreise einheimste.

Wir haben es hier mit einem Gebäude zu tun, das nicht nur Kunst enthält, die zum Denken einlädt (wozu witzige Spruchtafeln animieren, Bild links), sondern dies bereits selbst tut. Um sich zurechtzufinden durchwandert man viele Gänge, die die beiden Hälften verbinden und immer irgendwo hin führen, wo man es nicht erwartet hat. Plötzlich sieht man plötzlich eine Ausstellung oder ein Teil davon, den mangerade dort nicht wähnte. Immer wieder eröffnen sich interessante architektonische Perspektiven. Man kann sich – im positiven Sinne – oft verlaufen.

Das wichtigste sind natürlich die Ausstellungen selbst. Die löcken wider den Stachel und teilen auf intelligente Art und Weise aus. Ein Hauch von anarchischem Individualismus liegt in der Luft, der ideologisch nicht doktrinär (links) ist. Zur Zeit unseres ersten Besuches (Januar 2019) gab es eine unter anderem eine Ausstellung des Designers Erik Kessels unter dem Titel Hard Times, die aussah wie ein Fitnessstudio. Die Frage, mit der sich der Besucher aktiv befassen sollte, war hierbei, warum sich so viele Menschen in sich selbst zurückziehen (etwa im Fitnessstudio), statt die Welt zu verbessern. Das könnte schnell in linkem Politkitsch enden. Hier hingegen konnte sich der Betrachter aktiv austoben, in dem er etwa Sandsäcke mit den Konterfeis verschiedener Diktatoren und Möchte-gern-Diktatoren wie Castro, Putin, Pinochet, Kim Jung un oder Maduro prügeln durfte.

Eine klare Freiheitsbotschaft, die sich auch in der Ausstellung #Data Maze forstetzte, die sich sehr interaktiv und diskursiv gestaltet mit den Gefahren für die Privatsphäre durch das Internet auseinandersetzte. Eines scheint aber allen Ausstellungen, die hier im engen Wechsel Einzug halten, gemeinsam. Der Betrachter wird aktiv einbezogen und zum nachdenken bewegt. Auch technisch ist man, was die Multimedialität aneght, voll auf der Höhe. Für den Fan moderner Kunst ist das DOX das wahre Mekka in Prag! Außerdem ist es ein ausgesprochen familienfreundlicher Ausstellungsort, wie die Unzahl von kleinen Kindern zeigt, die sich hier mit ihren Eltern sehr amüsieren.

Abgerundet wird das Gesamtkonzept dieses ungewöhnlichen Ausstellungszentrums durch die zahlreichen zusätzlichen Dauereinrichtungen, wozu eine Bibliothek/Archiv gehört, in dem man vor Ort schmökern kann (Bild rechts), ein Café und vor allem ein Museumsladen. Der verkauft nicht nur Postkarten und Kataloge, sondern ist ein hochwertiger Buch- und Kunstladen, in dem es speziell angefertigte Kunsthandwerksdesigns zu kaufen gibt. Ach ja, über 3000 Quadratmeter stehen alleine als Ausstellungsfläche zur Verfügung. Man sollte sich also viel Zeit nehmen. (DD)

Kafka näher gebracht

Bei Smetana war es so (hier) und bei Dvořák (hier) ebenfalls: Die Gebäude der Museen, die großen in Prag wirkenden Kulturschaffenden gewidmet sind, stehen oft mit dem dort Geehrten in keinerlei historischer Beziehung. Das gilt auch für das Kafka Museum in der Cihelná 635/2b in der Kleinseite. Franz Kafka, der wohl bekannteste Schriftsteller, den Prag hervorgebracht hat, ist in diesem Haus weder geboren noch gestorben und auch gelebt hat er darin nicht.

Das sollte einen aber nicht abhalten, das idyllisch an der Moldau gelegene Gebäude einer ehemaligen Ziegelei zu besuchen, um eine wirklich gut gemachte Ausstellung über Kafka zu sehen. Ursprünglich war es eine Wanderausstellung, die 1999 in Barcelona und 2002/2003 in New York präsentiert worden war, die hier in der alten Ziegelei 2005 ihr dauerhaftes Domizil aufschlug. Aus der Wanderausstellung wurde ein richtiges Museum.

Und das Museum ist didaktisch voll auf der Höhe und dem (schwierigen) Gegenstand gewachsen. Die Sammlung enthält Dokumente, Photos, Originalhandschriften, Originalausgaben und vor allem multimediale Elemente, die atmosphärisch dicht verbunden sind. Die passend zu der düsteren Weltsicht Kafkas sehr dunklen Räume des einstöckigen Gebäudes führen zunächst einmal in das Umfeld Kafka in seiner Zeit ein – was bedeutete das Leben eines deutschsprachigen Juden in einer hauptsächlich tschechischen Stadt? Man erfährt etwas über den Antisemitismus, der in der Zeit immer mehr Verbreitung fand. Dann kommen Abteilungen zu Berufsweg (er liebte den Job bei einer Versicherung nicht, sie inspirierte ihn aber anscheinend zu einer finsteren literarischen Bürokratiekritik), Lebensweg, Beziehungen, Tod, Rezeption u.v.a..

Für den Kenner bietet das Museum eine wahre Fundgrube an neuen Informationen. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Multimedia und einem nicht immer linearen Aufbau der Exponatfolge bringen aber selbst dem Unkundigen – oder demjenigen, dem wie dem Schreiber dieser Zeilen, Kafka im Deutschunterricht dereinst eher fern-, denn nahegebracht wurde – die Person des Schriftstellers in seiner Zerrissenheit und seiner Sensibilität näher. Vielleicht sollte man doch mal wieder etwas von ihm lesen. (DD)

Kafkas kubistisches Grab

Das am häufigsten besuchte Grab auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (über den wir im letzten Beitrag berichteten) ist ohne Zweifel das des großen Schriftstellers Franz Kafka. Schon am Eingang ist es als einziges Grab mit Hinweisschildern versehen. Man findet es nahe der Friedhofsmauer (Grabstein Nummer 21 – 14 – 21).

Kafka wurde hier am 11. Juni 1924 beerdigt – acht Tage nach seinem Tod in einem Sanatorium im österreichischen Kierling. Sein Sarg war mit einem Zug nach Prag geschafft worden. Weniger als 100 Menschen nahmen an der Beerdigung teil – Freunde und Verwandte, aber kein großer amtlicher Würdenträger. Während der für seine düsteren existentialistischen Werke bekannte Schriftsteller heute zu den bedeutendsten Autoren der Weltliteratur gehört, war er unter den Zeitgenossen eher ein unbekannter Außenseiter. Heute würde eine Gedenkfeier für ihn anders aussehen.

Der Grabstein selbst wurde vom dem Architekten Leopold Ehrmann gestaltet. Es handelt sich um ein Werk in einem sehr strikten kubistischen Stil, basierend auf der Geometrie eines Kristalls, was häufig das zentrale Kernelement der Frühform des Kubismus bildete.

Unter dem Namen des Schriftstellers steht eine hebräische Inschrift, die dem jüdischen Grabinschriftenkanon mit seinen Segenswünschen weitgehend entspricht (Erläuterung hier) Es handelt sich um ein Familiengrab, in dem auch Kafkas Eltern ihre letzte Ruhestätte fanden, wobei Franz Kafkas Name oben steht. Seine Eltern überlebten ihn ja um Jahre und so war er der erste der Familie, der hier an dieser Stelle beerdigt wurde. (DD)

Ein Ort zum Gedenken und Nachdenken

Nachdem der Friedhof im jüdischen Ghetto zu eng und überfüllt geworden war, hatte Kaiser Joseph II. 1785 per Dekret veranlasst, einen jüdischen Friedhof außerhalb der Altstadt in Žižkov anlegen lassen. Der erwies sich Ende des 19. Jahrhunderts auch als zu klein.

1890 wurde deshalb neben dem alten (nicht-jüdischen) Olšany-Friedhof in Žižkov der Neue Jüdische Friedhof (Nový židovský hřbitov) eröffnet – der größte und bekannteste aller jüdischen Friedhöfe Prags. Ganze 100.000 Quadratmeter misst er an Fläche (das ist 10 mal mehr als der Friedhof im Ghetto hatte) und ist für 100.000 Gräber ausgelegt. 25.000 sind es bisher.

Der neue Friedhof wurde nach den damals modernsten Standards angelegt, inklusive einer klar geplanten Parzellenaufteilung. Die wesentlichen Infrastrukturgebäude – Mauer, Torbogen am Eingang, Zeremonienhalle mit Synagoge – wurden kohärent im damals modernen Neorenaissance-Stil entworfen. Hervorzuheben ist dabei die Zeremonienhalle (Bild rechts, großes Bild oben), die von dem Architekten Bedřich Münzberger entworfen wurde. Im Gegensatz zu vielen der Synagogen in der Stadt hat der Architekt hier auf jede Form von „Orientalismus“ verzichtet. Neorenaissance war ein Konfessionen übergreifender modischer Stil in der Zeit als der Friedhof angelegt wurde. Man darf annehmen, dass diese Modernität beabsichtigt war, denn die Juden sahen sich gerade in Prag als gleichberechtigte Bürger (was sie rechtlich seit 1848 auch waren) und wurden auch so generell von Nicht-Juden gesehen. Insbesondere in der Tschechoslowakischen Republik nach 1918 war die Akzeptanz hoch. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, stand dem Zionismus mit Sympathie gegenüber.

Dieser hohe Grad an Akzeptanz und Assimilierung der Juden in Prag Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wird bei einem Gang durch das schön von alten Bäumen bewachsenen Friedhofsgelände mehr als deutlich. Grabstellen, die spezifisch jüdische Religionssymbole (etwa den Davidstern) oder hebräische Beschriftungen tragen, gibt es zwar, sie sind aber deutlich in der Minderzahl.

Man merkt es streckenweise dem Friedhof kaum an, das er ein jüdischer Friedhof ist. Die Gestaltung der der Grabmäler (darunter einige prachtvolle Mausoleen) orientiert sich häufig am jeweiligen Zeitgeschmack, denn an jüdischen Kriterien. Die Stilbreite reicht von gotisch über antikisierend bis hin zu bisweilen avantgardistischen Modernismen, wie etwa das rechts oberhalb abgebildete Grab im Stil des Kubismus.

Auffallend ist, dass – weil sie in Friedhöfen Ende des 19. Jahrhunderts generell „im Trend“ lagen – viele Gräber mit gotischen Fialen geschmückt sind, die eigentlich als typisches Merkmal christlicher Architektur gelten. Insgesamt ist ein Gang durch den Friedhof somit auch ein kleiner Gang durch die Kunstgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. Bedeutende Künstler und Architekten gehörten zu den Gestaltern vieler Gräber.

Und was auffällt ist auch, dass die überwältigende Zahl der Gräber eindeutig deutsche Namen tragen. Deutsche und jüdische Kultur waren im kosmopolitischen Prag eng verwoben. Der Einmarsch der Deutschen 1939 und Hitlers Völkermord an den Juden, der die jüdische Gemeinschaft in Prag fast auslöschte, setzte dem ein grauenvolles Ende. Dem Schrecken der Nazizeit wird auf dem Friedhof angemessen gedacht. Es gibt ein Denkmal, das den Opfern gedenkt. Vor allem ist es aber das individuelle Opfer und sein Andenken, das menschlcih erschüttert. Da die Hinterbliebenen häufig die Opfer des Mordens nicht mehr dort beerdigen konnten, gibt es an der Friedhofsmauer viele Gedenktafeln, die an die Opfer der Konzentrationslager erinnern.

Der Neue Jüdische Friedhof ist daher ein Ort zum Gedenken und Nachdenken. (DD)


Heldenhafter Feuerwehrmann

Das Raffinierte an diesem Haus ist, dass es sich so harmonisch in die barocke Umgebung einfügt, dass man es auf den ersten Blick gar nicht so richtig als etwas Besonderes wahrnimmt. Dann schweift der Blick nach oben. Der wackere Feuerwehrmann, der die holde Dame heldenhaft vor dem grausamen Flammentod rettet, ist so ganz und gar nicht barock.

Das Gebäude, auf dem er sein edles Werk vollbringt, wurde nämlich erst 1901 gebaut und ironischerweise hatte man zwei Jahre zuvor zu diesem Zweck drei kleinere, aber echte Barockhäuser abgerissen. Aber das Haus der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft (Pražská městská pojišťovna) am Staroměstské náměstí 932/6 benötigte eben viel Platz. Erbaut wurde es von dem Architekten Osvald Polívka. Der gilt eigentlich – wir zeigten es u.a. schon hier, hier und hier – als der große Meister der Jugendstilarchitektur in Prag. Aber hier, genau zwischen zwei der wichtigsten Barockgebäuden am Altstädter Ring – dem Palais Kinsky und der Nikolaus-Kirche – war ein hohes Maß an stilsicherer Anpassungsfähigkeit gefordert und Polívka zeigte, dass er auch den Neobarock beherrschte.

Bei der Gestaltung der Außenfassade sparte man damals nicht und heuerte die bedeutendsten Bildhauer der Zeit an, von denen des Symbolist Ladislav Šaloun , der nebenan das große Hus-Denkmal geschaffen hatte, sicherlich der bekannteste ist. Er gestaltete die vier Allegorien auf die Fakultäten der Universität am linken Teil des Gebäudes, der theologischen, der juristischen (kleines Bild rechts), der medizinischen und der philosophischen. Auch hier zügelte der Künstler seinen Hang zum Symbolismus und passte sich der barocken Formensprache an. Dieser linke Bauteil sieht übrigens aus wie ein separates Gebäude (zartrosa bemalte Fassade, nicht gelb wie der Hauptteil), ist es aber nicht, sondern sollte gestalterisch an einen der Vorgängerbauten erinnern.

Aber der Clou ist natürlich der todesmutige Feuerwehrmann, der links oben auf dem Dach sein nobles Rettungswerk vollbringt, den Schlauch noch in der Hand, während um ihn herum güldene Flammen lodern. Und auf der rechten Dachseite ist noch ein Paar (Bild links), das um Hilfe fleht und sie mit Sicherheit von dem behelmten Helden bekommen wird. Das Ganze ist das Werk des Bildhauers Bohuslav Schnirch, der dem Neorenaissancestil verpflichtet war, und über den wir schon hier und hier berichteten.

Der mit Helm und Schlauch (die gummierte Variante gab es erst ab 1865) für damalige Verhältnis hypermodern ausgestattete Feuerwehrmann soll wohl das für eine Versicherung so essentielle Gefühl der Sicherheit verbreiten und zugleich auf deren Kerngeschäft, die Feuerversicherung, verweisen. Müssen müsste der Feuerwehrmann das heute nicht mehr, denn drinnen im Gebäude residiert keine Versicherung mehr, sondern das tschechische Ministerium für Regionalentwicklung. (DD)

Bier: Authentisch und modern

Zu den Gegentrends zu der einförmigen Massen-Verpilsenerung von Bierlokalen in Prag gehört nicht nur das Entstehen origineller neuer Kleinbrauereien (von denen wir bereits einige etwa hier, hier hier, hier und hier vorstellten), sondern auch die Eröffnung von Prager „Filialen“ kleiner ländlicher Traditionsbrauereien.

Eine von diesen Traditionsbrauereien ist die Klosterbrauerei Osseg in der nordböhmischen Ortschaft Osek (die auf Deutsch früher Ossegg hieß), die bereits im Jahre 1241 von Zisterziensermönchen gegründet wurde. 1946 wurde die Brauerei zwar geschlossen, aber 2015 erstand sie wieder auf. Man hat also Anteil an einem echten Stück böhmischer Brau- und Biergeschichte!

Die weltlichen Nachfahren der Mönche haben nunmehr Ende 2018 in der Římská 45 in Prag 2 das Ossegg Praha aufgemacht! Das ist allerdings nicht nur eine einfache Kopie des Originals im Kloster Osek! Dafür sorgt schon Braumeister Filip Žaba, der dem bekannten Originallagerbier vor Ort neue Varianten an Bier hinzufügt, die dem städtischen Geschmack angepasst, aber doch höchst authentisch sind. Das Bier Ruthard 11 ist z.B. einem American Red Ale nachempfunden.

Mindesten fünf frisch gebraute und frisch gezapfte Biere nach Art des Hauses darf der Gast erwarten. Helle, halbdunkle, dunkle Biere – man sollte sie alle probieren. Die Getränkekarte erhält zudem sachkundige Erläuterungen über den Gehalt des Biere, etwa Stammwürze, Ingredenzien und Alkoholgehalt. Und kein Bier enttäuscht!

Chefkoch Vladimír Schnappel serviert dazu eine leichte (und „ehrliche“, wie die Homepage besagt) Variante traditioneller böhmischer Küche: Gut zur Stimulation des Biergenusses (und als „Unterlage“ zu selbigem), aber nicht zu arg schwer im Magen liegend. Das ist wohl im Augenblick der Trend bei neuen Bierlokalen in Prag.

Dazu passt auch die moderne Einrichtung mit schlichtem Schick, die vor allem ein etwas jüngeres Publikum anlockt. Die Speisekarte ist ausschließlich auf Tschechisch, was ein positives Anzeichen dafür ist, dass es sich nicht um eine Touristenkaschemme handelt (was man aber auch so merkt). Die Kellner sind aber des Englischen fehlerfrei mächtig und wir sind sowieso froh, dass unser Tschechisch mittlerweile immerhin hinreicht, das richtige Bier und das richtige Essen herauszufinden und zu bestellen.

In Osek sehen die Brauer das Prager Haus nur als einen ersten Versuch, das Ossegg in lokalen Varianten über die Klostermauern hinaus zu verbreiten, heißt es. Andere Filialen in Tschechien sind geplant, vielleicht expandiert man irgendwann auch mal ins Ausland. Wenn die Qualität so erhalten bleibt, kann man dem Projekt nur alles Gute wünschen. Authentisch tschechisch und modern – das Ossegg ist jedenfalls eine Bereicherung der Prager Bierszene! (DD)