Iwans Höhle in den Felsen

Es handelt sich um eine kolossale, geradezu atemberaubende Aussicht. Wenn man oben vom Gipfelkreuz hinunter auf die alte Abtei und den kleinen Wallfahrtsort schaut, dann leuchtet der Name St. Johann unter dem Felsen (Svatý Jan pod Skalou) unmittelbar ein.

Die Felsen, die die Kirche und das etwa 20 Kilometer südwestlich von Prag gelegene Dorf überragen, sind in der Tat beeindruckend. Betritt man unten die Kirche selbst, kommt der Gedanke schnell auf, dass man sie auch Johannes im, statt unter dem Felsen hätte nennen können. Das Gebäude führt nämlich tief in eine – als Kapelle verwendete – Höhle in den Felsen hinein.

Die Höhle ist nämlich der Grund, weshalb hier überhaupt eine Wallfahrtskirche erbaut wurde. In ihr soll der Heilige Iwan, ein frommer Eremit aus dem 9. Jahrhundert, dem dort Johannes der Täufer (daher der Kirchenname) erschienen war, seinem Einsiedlerdasein nachgegangen sein.

Zum ersten Male in den Chroniken erwähnt werden Kirche und gleichnamiger Ort 1037. Damals schenkte Herzog Břetislav I. von Böhmen den Besitz an die Benediktiner aus dem Kloster Ostrov. 1517 wurde das Ganze zu einer eigenständigen Abtei.

Ab dem 17. Jahrhundert erfolgte im Zuge der Gegenreformation der immer prachtvollere Ausbau des Klosters, das durch die Schönheit der Felslandschaft noch prachtvoller wirkte. 1657–1661 barockisierte der italienische Architekt Carlo Lurago die Kirche, die dann 1710 von Christoph Dientzenhofer noch einmal erweitert wurde. Das quadratische Klostergebäude selbst wurde 1726–1731 durch Kilian Ignaz Dientzenhofer errichtet.

Mit der kirchlichen Prachtentfaltung war es aber 1785 zu Ende, als Kaiser Joseph II. das Kloster im Zuge seiner Reformen enteignete und säkularisierte. Es wurde zwischendurch als Industrieanlage (Papierfabrik, Spinnerei) zweckentfrendet, dann zu Anfang des 20. Jahrhundert als Kuranlage. 1914 geriet es wieder in kirchlichen Besitz. Das blieb so bis 1949, als die Kommunisten zuerst ein Zwangsarbeitslager, dann ein Gefängnis und zuletzt eine Polizeischule daraus machten. 1994 kehrte das Gebäude in den Schoß der Kirche zurück. Dadurch wurde es, was es bis heute ist: Eine Wallfahrtskirche zu Ehren des Heiligen Iwan.

Die überwältigt nicht nur von außen, weil sie auf zwei Seiten von hohen und malerischen Felsen umgeben ist, sondern auch von innen. Im Hauptschiff kann man feinsten Barock bewundern, wobei neben 1695 entstandenen dem riesigen Altarbild über die Begegnung des Heiligen Iwan mit Johannes dem Täufer des Malers Johann Georg Heinsch vor allem die von Waldgetier umgebende Holzskulptur des Heiligen auf einem Podest mitten im Raum auffällt.

Aber die Hauptattraktion ist jedoch zweifellos die Höhlenlandschaft, die man betritt, nachdem man das Hauptschiff durchquert hat. Hier ist auch das (später in Barock gestaltete) Grab des Heiligen zu finden – obwohl sich Wissenschaftler nicht so recht sicher sind, ob er dort überhaupt liegt. Nach draußen fließt eine Quelle, aus der er getrunken haben soll, weshalb sich unzählige Pilger dort in Flaschen einen Vorrat für alle Fälle anlegen und mit nach Hause nehmen.

Das Dorf mit der Kirche liegt inmitten eines Naturschutzgebiets, das sich für herrliche Wanderungen eignet. Nur rund 20 Kilometer südöstlich des Prager Stadtzentrums gelegen, ist es ein überaus beliebter Ort für Wochenendausflüge. An einem sonnigen Sonntag kann es manchmal nur so von Touristen wimmeln. Aber auch das sollte einen nicht vom Besuch dieses wundervollen Ortes abhalten. (DD)

Kosmonauten in Háje

Oha! Sind Außerirdische bei der Metrostation Háje im Süden der Stadt gelandet? Mitnichten, denn die beiden zum Gruß winkenden Herren sind nicht vom Weltraum zu uns vorgestoßen, sondern von der Erde in den Weltraum. Was da seit dem Jahr 1978 vor der Station steht, ist die Skulptur der Kosmonauten (sousoší kosmonautů).

Die Raumflüge der Kosmonauten dieser Zeit dienten zwar auch der Propaganda für den real existierenden Sowjetsozialismus, aber sie waren dennoch so sehr wissenschaftlich verdienstvoll und es umgab sie schließlich auch so eine große Aura von Heldenmut und Pioniergeist, dass man sie immer noch in gutem Andenken hält. Deshalb steht das Denkmal hier, trotz seiner realsozialistischen Ästhetik. Und außerdem – so muss man hinzufügen – ist einer der beiden Kosmonauten kein geringerer als Vladimír Remek. Der war vom 2. bis zum 10. März 1978 in einer sowjetischen Sojus-Kapsel ins All gestartet und hatte einen Großteil des Fluges in der Raumstation Saljut 6 verbracht. Er war nicht nur der erste Tschechoslowake, der dies tat, sondern überhaupt der erst Nicht-Sowjetbürger und Nicht-Amerikaner im Weltraum. Bei den Tschechen genießt er daher einen ähnlichen Kultstatus wie bei uns „DDR“-Kosmonaut Sigmund Jähn, der im August des selben Jahres in den weiten Raum flog.

Wie in der Sojus-Kapsel teilt sich Remek auf dem Sockel des Denkmals den Raum mit dem Russen Alexei Gubarew. Schon kurz nach der Rückkehr der beiden Kosmonauten aus dem All schuf der Bildhauer Jan Bartoš die Bronzestatuen der beiden Raumfahrer in ihren Raumanzügen, die wir heute sehen. Remek steht links und winkt den Menschen zu, während er den anderen Arm auf die Schulter Gubarews legt, der wiederum die seine Hand dem an der Haltestelle wartenden Volk reicht. So muss sozialistische Brudervolkromantik aussehen.

Das Ganze gefiel den Tschechen nach dem Fall des Kommunismus immerhin noch so sehr, dass sie das Denkmal der beiden freundlich blickenden Kosmonauten am Orte stehen ließen, aber nicht so sehr, dass die die Metrostation weiterhin „Kosmonauten“ nannten. Sie heißt heute nach dem sie umgebenden Stadtteil Háje. (DD)

Kirche mit zwei Heiligen von Rang

Wie kaum eine andere Kirche prägt sie das Stadtbild von Vinohrady. Sie ist schon von weitem Dank städteplanerisch sorgfältig erdachter Sichtachsen in all ihrer Pracht zu sehen: Die Kirche der Heiligen Ludmilla (Kostel sv. Ludmily). Stattliche 60 Meter ragen die beiden Türme in den Himmel. Der vor ihr liegende Náměstí Míru (Friedensplatz) trägt mit seiner offenen Gestaltung mit zu dieser Wirkung bei.

Es handelt sich ein veritables Stück neogotischer Architektur. Der Architekt Josef Mocker war zu Ende des 19. Jahrhundert der „Star“ unter den Vertretern dieses Stils. Er wurde bestellt, wenn es darum ging, Gebäude der großen Zeit Karls IV. im Mittelalter zu restaurieren oder einfühlsam zu rekonstruieren – der Veitsdom oder Burg Karlštejn seien genannt. Dabei gab er – willentlich oder unwillentlich – den betreffenden Gebäuden meist eine eigene künstlerische Note. Das, was wir heute als das mittelalterliche Prag bewundern, ist in Wirklichkeit oft mehr das Werk Mockers als originales Mittelalter.

In den Jahren 1888 bis 1892 konnte er mit der Ludmilla-Kirche erstmals ein vollständig eigenes Projekt realisieren. Der Prager Bischof Franziskus von Schönborn weihte sie noch im Jahr der Fertigstellung. Es handelte sich um ein Ereignis von besonderer Bedeutung, denn der Bau der Kirche sprach auch die nationalen Gefühle der Tschechen in Vinohrady an, denn es war mit der Heiligen Ludmilla nicht nur eine böhmische Nationalheilige Namenspatronin geworden. Die Kirche birgt zugleich auch Reliquien von ihr. Mehr noch: Es befinden sich dort auch noch zusätzlich die Reliquien ihres Enkels, des Heilige Wenzel, der einen noch größeren Status als tschechischer Nationalheiliger innehat. Für die Tschechen war St. Ludmilla nun so etwas wie „ihre“ Kirche.

Das hat mich zunächst ins Grübeln versetzt. Beide Heilige liegen doch komplett in der Burg begraben – Ludmilla in der Georgsbasilika und Wenzel im Veitsdom. Wie könne sie denn dann gleichzeitig hier sein? Pater Leitgöb von der Deutschsprachigen Katholischen Pfarrei in Prag (siehe auch hier) klärte mich inzwischen auf. Wenn eine dem/der betreffenden Heiligen besonders wichtige neue Kirche gewidmet wird, kann der Kirche, in der er oder sie ursprünglich beerdigt wurde, erlaubt werden, das jeweilige Grab zu öffnen. Dann kann ein kleines (aber wirklich nur kleines) Stückchen des heiligen Körpers entnommen werden, das dann meist beim Altar der neuen Kirche eingemauert wird. So wird es bei der Ludmilla-Kirche gewesen sein. Und dass es gleich zwei Heilige dieses Ranges waren, unterstreicht die Bedeutung, die man damals dieser Kirche beigemessen hat.

Bei der Kirche selbst handelt es sich um eine typisch gotische dreischiffe Konstruktion mit Querschiff. Erwähnenswert ist noch das Portal, über dem sich das kunstvolle Relief der Heiligen Ludmilla und des Heiligen Wenzel, die neben einer Darstellung des Christus Pantokrator knieen – eine Skulptur des berühmten Bildhauers Josef Václav Myslbek, der bekanntlich auch die große Reiterstatue des Wenzel auf dem Wenzelsplatz geschaffen hat.

Die Gemeinde Vinohrady (die erst 1922 Teil Prags wurde) war reich und konnte sich einen Architekten und einen Bildhauer der Spitzenklasse leisten.

Und obwohl das Äußere Erscheinungsbild eher schlicht und wenig überladen gestaltet ist, lohnt es sich, einige Details anzuschauen, etwa die lustigen Wasserspeier neben dem Portal. Das links abgebildete Exemplar hat die Gestalt einer Eule, die gerade loszufliegen scheint – eine originelle Variante.

Auch das Innere besticht dadurch, das Mocker und seine Mitkünstler sich nicht den in neogotischen Gotteshäusern manchmal deutlich werdenden Hang zum überbordenden Pomp einließen. Beim Betreten wirkt zunächst einmal nur die feingliedrige architektonische Struktur der gotischen Spitzbögen. Erst auf den zweiten entdeckt man die Fülle an Ornamentik und Ausstattung in der Kirche.

Darüber hinaus beeindrucken die (dem gotischen Gesamtbild der Kirche sehr gut angepassten) Wandmalereien im Jugendstil, die von dem Maler Jan Jobst stammen. Und dann sind da noch die bunten Kirchenfenster, zu denen damals berühmte Maler wie Adolf Liebscher oder František Ženíšek die Entwürfe beigesteuert hatten (etwa die Darstellung der Namenspatronin Ludmilla im großen Bild oben), oder die neogotischen Schnitzereien der Seitenaltäre des Bildhauers Jan Kastner, dessen Darstellung der Heiligen Kyrill und Methodius wir links sehen.

Und das sind nur einige der berühmten Künstler, die an der Ludmilla-Kirche mitgewirkt haben.

Als in kommunistischen Zeiten die Metro genau unter der Kirche entlang erbaut wurde, schloss man die Kirche übrigens im Jahre 1974. Als man mit der Metro fertig war, ließ man sie 1980 gleich geschlossen, um sie zu renovieren. Nur einen kleinen Teil öffnete man 1984 für die Abhaltung von Gottesdiensten. Erst 1992 – der Kommunismus war seit drei Jahren bereits Geschichte – wurde sie wieder vollständig und feinstens restauriert den Gläubigen zur Verfügung gestellt, wobei man dabei gleich einen neuen Hauptaltar bewundern konnte. (DD)

Schwimmen in der Wilden Šárka – nichts für Warmduscher

Mitten im wildromantischen Tal der Divoká Šárka liegt ein schmuckes kleines Schwimmbad aus der Zeit der Ersten Republik unterhalb einer eindrucksvollen Felsenkulisse. Schon der Weg zum Badevergnügen ist ein Naturerlebnis, muss man doch von der Straßenbahn- bzw. Bushaltestelle an McDonalds vorbei (s. Beitrag hier) mindestens 10, eher 15 Minuten durch die tiefen Schluchten der wunderschöne Naturlandschaft entlang des plätschernden Baches auf einem breit geteerten Weg, der auch von Radfahrern genutzt werden kann, wandern bis man zum schlichten kleinen Freibad kommt.

An zwei Seiten begrenzt und geschützt vor zu neugierigen Blicken der Wanderer wird es durch eine Reihe von schmalen abschließbaren Kabinen, die man für den Aufenthalt oder sogar die ganze Saison mieten kann. Wer das nicht möchte, kann die Damen – oder Herrenumkleide benutzen, die, frisch lackiert und am Eingang mit Balkonblumen geschmückt, recht einladend wirkt. Ergänzt wird die Umrahmung von modernen Toilettenanlagen und zwei Imbissbüdchen mit Biergarten. Alles ist einstöckig, schlicht, funktional, sauber und liebevoll gepflegt.

Drinnen befinden sich zwei größere Becken von maximal 1,70 m Tiefe und ein kleines Schwimmbecken für Kinder. Die größeren Becken sind durch ein Mäuerchen getrennt und verschieden kalt – warm kann man hier wirklich nicht sagen, stammt das Wasser doch aus dem Bach. Immerhin warnt einen eine schön altmodische Temperaturanzeige vor dem Kälteschock.

Diese natürliche Quelle sorgt für die besondere Qualität des klaren und sauberen Wassers, das wohl nicht oder nur kaum gechlort ist. Kalte Freiduschen, ein Fußbecken, und eine Kinderrutsche runden das Bild ab. Alles ist einfach, praktisch, nicht luxuriös, aber sauber. Zum Wald hin erstrecken sich die Liegewiesen hangauf, durch die der Bach fließt. Wer sich sonst noch sportlich betätigen will, kann auf einem abgegrenzten Feld Beach-Volleyball spielen oder eine der Tischtennisplatten mieten. Kinder werden am Trampolin ihre Freude haben. Liegestühle und Sonnenschirme werden am Eingang vermietet.

Das Freibad wird heute noch von derselben Familie betrieben, die es in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erbauen ließ. Das erklärt vielleicht auch die vielen liebevollen Details in der Ausstattung.

Zivilistische Ärzte

An der südöstlichen Ecke des Senovážné náměstí (früher: Heuwaagsplatz) in der Neustadt findet sich ein besonders auffälliges Haus, dessen Zweck sich schon an den schönen Reliefs oberhalb des Erdgeschosses erschließt. Bei dem Gebäude 980/22 handelt es sich um das dům nemocenské pokladny, zu Deutsch: Haus der Krankenkasse.

Das fünfstöckige, mit leichten klassizistischen Anspielungen versehene Haus im Art-Déco-Stil beherbergt heute zwar nicht mehr die Tschechische Krankenkasse, aber etliche Arztpraktiken und Kleinkliniken. Der Zweck und die Gestaltung stimmen also immer noch gut überein.

Erbaut wurde das Haus im Jahre 1923 von dem eher unbekannt gebliebenen Architekten Rudolf Jonáš. Wer die vier Reliefs, die das Auffälligste am ganzen Gebäude sind, erstellt hat, ließ sich von mir (noch?) nicht herausfinden. Sie zeigen verantwortungsvolle Ärzte, die auf verschiedene Art und Weise hilfebedürftigen Kindern und Erwachsenen medizinisch beistehen oder Trost spenden. Es ist der Ethos des Medizinerstandes in Reinkultur, was hier gezeigt wird.

Man könnte ganz vage an Darstellungen aus der Zeit des Sozialistischen Realismus, der Propagandakunst der Sowjetkommunisten denken. Damit läge man aber falsch. Darstellungen des Fortschritts im Arbeitslebens (auch für die nicht Privilegierten) innerhalb der Demokratie waren auch in der Ersten Republik en vogue. Sie waren nicht von oben verordnete Ideologie, sondern entsprachen dem optimistischen Zeitgeist. Amerika, nicht die Sowjetunion lieferte die stilistische Vorlage dafür.

In der Tschechoslowakei nannte man den Stil Zivilismus. Den gab es so – zumindest in der Bildhauerei – unter diesem Namen in Amerika zu dieser Zeit anscheinend nicht, aber die tschechoslowakischen Künstler des 20. Jahrhunderts, die diesen Namen benutzten, betrachteten ihre Werke als bildliche Umsetzungen der demokratischen Dichtung der Amerikaner des 19. Jahrhunderts, allen voran Walt Whitman. Man steht also vor einer künstlerischen Besonderheit der damaligen Tschechoslowakei. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Er hat es geschafft, einen saumseligen Trinker, der einen dubiosen Hundehandel betreibt, die Disziplin der Armee untergräbt und bei dem man nie weiß, ob er dumm oder raffiniert oder beides ist, zum literarischen Nationalhelden der Tschechen zu machen: Jaroslav Hašek, der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), deren erste rBand 1921 erschien, ist zweifellos der weltweit bekannteste Literat des Landes. Es dauerte dennoch lange, bis man ihm in Prag ein Denkmal setzte.

Denn: Nicht jeder Tscheche konnte sich mit diesem Soldaten Švejk so recht identifizieren. Das gleiche galt für den Autor Hašek, der ebenfalls ein Trinker war, und der ein unstetes Berufsleben am Rande der Armutsgrenze führte, weil er die erforderliche Regelmäßigkeit der Arbeitswelt als für sich unangemessen hielt. Als Freunde ihm 1910 die Stelle als Chefredakteur der renommierten Tierzeitschrift Svět zvířat (Welt der Tiere) beschafften, fand er schnell echte zoologische Erkenntnisse langweilig und beschrieb in scheinbar ernstem Ton erfundene Tiere, wie noch lebende Urzeitflöhe oder zum Alkoholismus neigende Papageienarten. Er wurde gefeuert und wurde sogar für kurze Zeit tatsächlich – wie sein Švejk – Hundehändler, der gestohlene Hunde umfärbte und wiederverkaufte.

Im Ersten Weltkrieg wurde er nach russischer Kriegsgefangenschaft und dem Eintritt in die Tschechoslowakische Legion (was ihm, wäre er da geblieben, Nationalheldenstatus garantiert hätte) und einer Desertation am Ende 1918 zum Politischem Kommissar der Bolschewiki in Bugulma, wo er zwar die autoritären Tendenzen der Kommunisten mit Ironie in einigen wunderbar komischen Kurzgeschichten beargwöhnte, sich aber dann doch 1920 mit seiner neuen russischen Frau in die neu gegründete Tschechoslowakei schicken ließ, um dort die Weltrevolution voranzutreiben. Die fand nicht statt, aber man fand heraus, das er bereits vor dem Krieg mit einer Tschechin verheiratet (mit einem gemeinsamen Sohn) und folglich Bigamist war. Seine Alkoholsucht führte 1923 dazu, dass er im Alter von nur 39 Jahren starb.

Obwohl er im realen Sozialismus mit Sicherheit wegen seines anarchischen Charakters und seiner antiautoritären Grundhaltung schnell gründlich bei den Machthabern angeeckt wäre, reklamierten ihn die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 stets für sich. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Das wiederum stärkte bei manchen Tschechen eine gewisse Abneigung gegen ihn und sein Werk.

Aber das nutzte letztlich nichts. Der gute Soldat Švejk und sein genial-chaotischer Autor sind nicht totzukriegen. Irgendwann musste man ihm vergeben und inzwischen scheint man beide wieder zu lieben oder sich zmindest mit der Tatsache abzufinden, dass er der erfolgreichste aller tschechischen Autoren war. Zurecht! Denn der Švejk ist und bleibt einer der größten Schelmenromane aller Zeiten und Hašeks Talent war so enorm, dass es die möglichen Charakterfehler, die er gehabt haben mag, nebensächlich erscheinen ließ. Ob man es will oder nicht: Er bleibt der große Nationalschriftsteller des Landes, wenngleich ihn ein solch pompöser Titel zum Stirnrunzeln gebracht hätte.

2001 beschloss man nach langem hin und her und vielen Anläufen schließlich, dass in Prag ein Denkmal für ihn her müsse. Es scheint den Stadtvätern nicht ganz leicht gefallen zu sein. So hatte man etwa 1993 ein noch unter den Kommunisten begonnenenes Denkmalsprojekt erst einmal beendet. Doch jetzt raffte man sich auf und warf allen Kleingeist über Bord. Man fand einen geeigneten Ort, den Prokop-Platz (Prokopovo náměstí ) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), was nicht gerade der prominenteste Platz ist, aber wo der Schriftsteller immerhin eine zeitlang gewohnt hatte. Und man fand in Karel Nepraš auch einen genialen Künstler, der den hintergründigen Humor Hašeks in eine Skulptur umsetzen konnte.

Der entwickelte eine kongenial schräge Idee, nämlich Hašek mit Pferd darzustellen. Der Schriftsteller war weder Reiter, noch ist eine besondere Neigung zu Pferden bekannt. Man muss eben ein wenig abwegiger, um nicht zu sagen: šveikscher denken, um das zu verstehen. Das Denkmal steht nämlich unterhalb der großen Reiterstatue des Hussitenheerführers Jan Žižka, der ja irgendwie für Macht und Militär stand – genau das, was der gute Hašek in seinem Buch durch den Kakao gezogen hatte. Oder wie Bildhauer Nepraš kommentierte: „Jan Žižka sitzt auf dem Hügel über dem Platz, Hašek ist der zweite tschechische Kommandant“. Und tatsächlich kann man vom Prokop-Platz aus Žižka auf seinem Pferd sitzen sehen, dessen Pose das Hašeksche Pferde etwas stakselig nachahmt.

Und so steht die bronzene Büste des trinkfesten Hašeks nun auf einem steinernen Sockel, der einen Wirtshaustresen durchsticht, der mit dem Pferd eine Einheit bildet, dessen Beine wiederum wie die Zulieferröhren zum Zapfhahn aussehen. Das ist hintergründig und Hašek hätte wohl seinen Spaß an der Idee, ihn als Parodie des Helden Žižka und Biertrinker zugleich darzustellen.

Nepraš verstarb schon 2002 – ein Jahr nachdem das Denkmal in Auftrag gegeben worden war und er den Entwurf gemacht hatte. Die Fertigstellung stand in Gefahr, aber die Tochter des Künstlers, Karolína Neprašová, die ebenfalls eine Bildhauerin ist, vollendete das Werk. 2005 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Und zahlreiche Prager tauchten dabei in Uniformen der alten österreichischen Armee auf – wie sie der Švejk dereinst trug. Ob sie es zugeben oder nicht: Die Prager lieben ihren Hašek. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Zwei Astronomen in Prag

Zu den großen historischen Persönlichkeiten, die eine Zeit lang in Prag verweilten, gehören auch zwei Astronomen. Zwischen 1599 und 1601 war der Däne Tycho Brahe Hofastronom und Hofmathematiker von Kaiser Rudolf II., der sich als Förderer der Wissenschaften und Künste verstand. Brahe war zu diesem Zeitpunkt schon ein Astronom von Rang. Sein Verdienst lag in der Verfeinerung von Messmethoden und -instrumenten, wie etwa Quadranten zur Messung von Entfernungen.

Sein Domizil suchte sich Brahe in einer heute als besonders idylisch empfunden kleinen Gasse in der Nähe der Burg, die Nový Svět genannt wird, was soviel wie „neue Welt“ bedeutet. Er bezog das Haus Nový Svět 76/1, an dem heute zwei Plaketten (eine in Deutsch, eine in Tschechisch) zu seinem Gedenken angebracht sind.

In dem Haus, so wie es heute an diesem Ort besteht, hat er allerdings nicht wirklich gewohnt, denn sein Wohnhaus, das genau an dieser Stelle stand, wich schon Mitte des 17.Jahrhundert einem Neubau im frühbarocken Stil, der allerdings durch umfassende Umbauten in den Jahren 1831, 1886 und 1912 noch einmal stark verändert wurde.

Dem Gedenken tut das allerdings keinen Abbruch, wie die vielen Touristen, die hier jeden Tag vorbeikommen, sehen können. In den Zeiten des Kommunismus war das sogenannte dům U Zlatého noha (Haus zum Goldenen Fuß) ein wenig verfallen, aber inzwischen ist es frisch restauriert wieder auferstanden.

Noch berühmter als Brahe ist wohl Johannes Kepler, der damals noch in die Kategorie des vielversprechenden Nachwuchstalents fiel. Beide hatten sich 1600 kennen und schätzen gelernt. Brahe hatte auf das richtige Pferd gesetzt. Als Brahe 1601 überraschend starb, wurde sein junger Schüler umgehend der Nachfolger als Hofastronom (was übrigens damals die Funktion es Astrologen mit beinhaltete). Als er nach dem Tode Rudolfs II. nach Linz weiterzog, verfügte er über einen enormen Ruhm. Dazu trugen natürlich seine wissenschaftlichen Arbeiten bei, wie das zwischen 1618 und 1621 Epitome Astronomiae Copernicae („Abriss der kopernikanischen Astronomie“), das neue Beweise für das heliozentrische Weltbild lieferte. Seither glauben nur noch wenige, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Ein wenig oberhalb des Hauses in der Nový Svět befindet sich seit 1984 ein Denkmal (großes Bild oben), auf dessen Sockel die beiden großen Astronomen wieder zusammengefunden haben. Die Doppelstatue ist das Werk des Bildhauers Josef Vajce und der Architekt Vladimír Pýcha entwarf den Sockel dazu. Die Astronomen stehen am Rande der Parléřova 118/2 im Burgbezirk (Prag 6) vor einer Bildungseinrichtung, die nach einem der beiden benannt ist, dem Gymnázium Jana Keplera (Johannes-Kepler-Gymnasium). Beide haben ihre Messgeräte gezückt, um weiter die unendlichen Weiten des Weltraums zu erkunden. (DD)