Wo der Wombat wohnt

Am 8. Januar 2022 wurde er den Besuchern vorgestellt: Cooper! Es handelt sich um einen Wombat, ein Säuger, der wie alle guten Australier zur Familie der Beuteltiere (Marsupialia) gehört. Und der putzig ist! Und eine Rarität! Und der ganze Stolz des Prager Zoos!

Und mit der Ankunft Coopers rückte wieder eine andere sensationelle Sehenswürdigkeit des Zoos in den Mittelpunkt. Die gibt es hier erst seit dem 27. Mai 2020: den Darwin Krater (Darwinův kráter). Das ist ein nach modernsten Methoden erbautes Areal, das – mit einiger Fantasie betrachtet – tatsächlich ein wenig kraterförmig angelegt ist. Links sieht man es von oben von einer der schönen Anhöhen des Zoos. Und im Darwin Krater geht es vor allem um australische Fauna und Flora.

Den Namen verdankt der menschengemachte Darwin Krater in Prag dem bekannten Darwin Krater auf der australischen Insel Tasmanien (der eigentlichen Heimat des Wombats), der ein echter Krater ist, der dereinst durch den Einschlag eines Meteoriten entstand. Auf seinem Gebiet befindet sich heute ein Naturschutzareal, in dem es ein überreiches und üppiges Maß an seltenen Tier- und Pflanzenarten gibt – die dem Prager Zoobesucher vorzustellen die oberste Aufgabe das neuen Prager Darwin Kraters ist.

Und hier nun zog Cooper der Wombat in sein nettes artgerechtes Gehege ein. Geboren war er im Juli des Vorjahres im Zoo Hannover. Es war dort die erste Geburt eines Wombats seit 1993, was unterstreicht, dass Wombats rar und gefährdet sind. Das haben sie nicht verdient, denn sie sind äußerst originelle Tiere. So ist zum Beispiel ihr Kot würfelförmig, und keiner weiß so recht, warum. Bevor er der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war Cooper erst mal in Quarantäne. Dabei wurde er umgestellt. Denn Wombats sind nachtaktiv, weshalb Cooper an das Leben am Tage gewöhnt werden musste – den Zuschauern zuliebe. Als er sich aber dem Publikum vorstellte, war der Jubel groß. Bei der Einweihung waren als Star-Präsentatoren der bekannte Sänger und Talkshow-Host Marek Eben und der weltweit berühmte Starkonditor Josef Maršálek zugegen (ob Cooper seither mit Törtchen gefüttert wird?). Das war schon ein prominentes Entrée. Nun ja, es gibt ja auch nur acht Zoos in Europa, die Wombats haben. Das muss man feiern. Zurzeit sucht der Zoo ein Weibchen – wenigstens leihweise aus einem anderen Zoo. Damit Cooper etwas zur Arterhaltung beitragen kann. Das ist in Covid-Zeiten nicht so leicht.

Über Cooper den Wombat darf man aber die anderen Bewohner nicht vergessen. Denn wer will bestreiten, dass der Tasmanische Beutelteufel zu den putzigsten Kreaturen dieses Erdballs gehört. Ist das Bild rechts mit einem der Teufelchen, das sich auf einem Stein sonnt, nicht süß? Die zur Familie der Raubbeutler (Dasyuridae) gehörenden Tiere, die nur noch auf Tasmanien in freier Natur leben, sind jedenfalls nicht die hässlichen Kreaturen, als die man sie früher im Trickfilm darstellte. Sie gehören jedenfalls zu den absoluten Publikumslieblingen – im harten Wettbewerb mit Wombat Cooper.

Wir reden hier von einem richtigen Publikumsmagneten, denn Wombat Cooper und die Tasmanischen Beutelteufel sind natürlich die Stars des Darwin Kraters, der wiederum das Star-Gehege im Zoo ist. Sie haben daher beim Marketing des (gesamten) Zoos einen besonders hohen Stellenwert inne. Das zeigt sich an den Merchandise-Artikeln, die in den Shops des Zoos angeboten werden. Der Wombat als Werbeikone findet sich unter anderem auf Wombat-T-Shirts und Wombat-Bechern. Es gibt ein Wombat Stofftier und vor allem Schokolade in Würfelform wie der Wombatkot (das ist derber, aber großartiger tschechischer Humor). Ich habe, wie man auf dem Bild oberhalb links sieht, eine Packung auf dem Geländer von Coopers Gehege photographiert.

In Sachen Tasmanische Beutelteufel scheint die Werbung eher auf erwachsene Tschechen abzuzielen, um sie dort abzuholen, wo sie traditionell am liebsten sind – beim Bier! Zur Einweihung des Darwin Kraters gab man bei der in Pilsen ansässigen Kleinbrauerei Raven einen Viererset (Bild rechts im Laden nahe der Hauptkasse) an verschiedenen Bieren unter dem Titel Ďáblovo pivo (Teufelsbier) in Auftrag. Die Sorten tragen die Namen der vier Prager Beutelteufel Sumac, Aniseed, Laurel und Nutmeg, wobei der Typ Nutmeg vorgibt, ein Kölsch zu sein. Aber das gibt es nur vor, weil es ein obergäriges Bier ist wie das Kölsch. Es ist auch definitiv lecker, schmeckt aber nicht einmal entfernt wie richtiges kölsches Kölsch. Auf jeden Fall gönnt man sich etwas richtig Gutes, wenn man den Set zu sich nimmt. Und man tut auch etwas Gutes für den Zoo, der ja immer Geld braucht, um den Tieren ein gutes Zuhause zu bieten.

Natürlich gibt es – in Übereinstimmung mit der normalen Erwartungshaltung in Sachen australische Fauna – auch Kängurus. Die zweifellos bekanntesten Beuteltiere befinden sich in einem großzügig angelegten Freigehege im nördlichen Teil des Darwin Kraters. Dort haben sie genügend Auslauffläche für ihre eigentümliche Fortbewegungsart, dem Hüpfen. Das gilt aber vor allem für die Großkängurus.

Für kleinere Tiere, die den geschützten Raum lieben, gibt es natürlich ein eigenes Gebäude, dass man beim Besuch des Darwin Kraters zentral durchqueren muss. Das Ganze ist ein wenig so wie eine künstliche Höhle gestaltet, die ein wenig die Atmosphäre einer echten Höhle im echten Darwin Krater ausstrahlt. Die Dunkelheit mag es vielen eigentlich nachtaktiven Tieren erleichtern, auch tagsüber den Besucher zu erfreuen. Überall finden sich drinnen beleuchtete Infotafeln, die didaktisch sehr gut gemacht sind (in Tschechisch und Englisch).

Bewundern kann man dort Kuriositäten des Tierreichs, wie den Kurzschnabel-Ameisenigel (Tachyglossus aculeatus) oder Schlangen, wie die Todesotter (Acanthophis antarcticus), die uns daran erinnert, dass Australien nicht nur dass Land mit den putzigsten Tieren, sondern auch das Land mit den meisten giftigen Tieren ist. Aber auch völlig ungiftige Kleinkängururs, wie das etwa rattengroße Parmakänguru oder auch Parmawallaby (Notamacropus parma) sind innen untergebracht (siehe Bild links).

Und draußen um Gehege und Gebäude herum sind große Volieren für die Artenvielfalt an australischen Vögeln reserviert, von denen man rechts im Bild Goldschultersittiche (Psephotus chrysopterygius) im vollen Flug bewundern kann. Es gibt auch ein richtiges Vogelhaus für Vögel, denen das tschechische Klima zu kalt ist. Kurz: Auf rund 4000 Quadratmetern bietet der Darwin Krater extrem viel Interessantes für den Besucher – für Kinder und Erwachsene ebenso. Der Prager Zoo hat damit eine recht einzigartige Anlage geschaffen, die Maßstäbe setzt. Jetzt muss für Wombat Cooper nur noch ein Weibchen gefunden werden, dann ist alles perfekt! (DD)

Der Luftschutzkeller, der einmal ein Bergwerk werden sollte

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Prager Zoo eine Herausforderung. Die Stadt blieb – mit einer schrecklichen Ausnahme – von Bombemangriffen weitgehend verschont. Aber es herrschte Not und niemand wusste, wie man die Tiere ernähren sollte. Und die ständige Angst vor dem Bombenangriff war real und begründet.

Obwohl sie in der Zeit des Reichsprotektorats, wie die Nazibesetzung genannt wurde, unter Schwierigkeiten den Betrieb aufrechterhalten mussten, gelangen den Mitarbeitern unter dem Direktor Jan Vlasák sogar einige außergewöhnliche zoologische Leistungen. Der Zoo schaffte es zum Beispiel als erster der Welt, einen Eisbären außerhalb der freien Natur zu züchten. Nebenbei unterstützte Vlasák noch Widerstandskämpfer unter seinen Mitarbeitern und organsierte im Mai 1945 die Bewaffnung der Aufständischen im Stadtteil Troja beim Prager Aufstand gegen die Nazis.

Und dann war da immer noch die Gefahr der Bombenangriffe, gegen die man wenigstens Besucher und Mitarbeiter schützen musste. Seit 2014 ist ein Teil dieser Bemühungen wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen. Im Jahre 1945 wurde in einem kleinem Stollen des an Felsenabhängen gebauten Zoos ein kleiner Lufschutzbunker eingerichtet. Er wurde nach den Erinnerungen von noch lebenden Augenzeugen rekonstruiert. Drinnen sieht man eine als Luftschutzhelfer verkleidete Schaufensterpuppe vor einer handbetrieben Alarmsirene (siehe großes Bild oben). Die Einrichtung des beengten Stollens besteht aus einfachen Holzbänken. Utensilien wie kleine Packungen mit Kaffee-Ersatz dürfen im Dunkel des Bunkers nicht fehlen.

Für den Luftschutzraum hatte man praktischerweise einen damals schon bestehenden Stollen nutzen können. Der war schon lange bekannt und es rankten sich Legenden um ihn – etwa, dass es sich um einen langen Geheimtunnel zum (gar nicht so) nahe gelegenen Schloss Troja oder zur noch entfernteren Kapelle des Weinbergs St. Klara handelte. Aber das waren nur Märchengeschichten. Indes, der Stollen ist in Wirklichkeit nur wenig mehr als 10 Meter tief. Im Ernstfall hätte er nur sehr wenigen Menschen Schutz geboten. Man kann froh sein, das hier kein Bombemangriff stattfand. Aber warum gab es da überhaupt einen alten Stollen?

Dokumente belegen, dass das Areal, auf dem 1931 der Zoo errichtet wurde, früher als eisenreiches Bergbaugebiet ins Auge gefasst wurde. Tatsächlich sind die Felsen hier außerordentlich eisen- und mineralhaltig. Um das Jahr 1856 ließen die damaligen Eigner, die Minenbesitzer Jan Bendelmayer und Florian Kubeška, den Stollen in den Fels treiben. Man fand dabei wohl aus rein wissenschaftlicher Sicht interessante Dinge, etwa ein nur hier vorkommendes Mineral namens Paracomquimbit. Das scheint aber nicht dazu getaugt zu haben, wirtschaftlich große Wellen zu schlagen. Das Projekt wurde aufgegeben. Und so blieb es letztlich bei einem kleinen Stollenansatz, über den sich dann später der Zoo ausbreitete. Den kann man nun betreten und/oder sich davor einige gut gemachte multimediale Schautafeln anschauen, die die kleine, aber interessante Geschichte des Luftschutzkellers, der einmal ein Bergwerk werden sollte, erzählen. (DD)

Erdmännchen und Hollywoodsterne

Erdmännchen gehören zu den großen Sympathieträgern und Publikumslieblingen in jedem Zoo. Die im südlichen Afrika lebenden und zu der Familie der Mangusten gehörenden Kleintierchen leben gesellig in Kolonien. Immer halten einer oder mehrere von ihnen Wache, um die Gruppe zu beschützen. Dabei stehen sie aufrecht und haben tatsächlich etwas von kleinen putzigen Männchen an sich.

Der Prager Zoo (wir berichteten schon hier und hier) hat deshalb gut daran getan, sie als Kunst- und Werbeattraktion an vorderster Stelle zu präsentieren, um die Besucher richtig einzustimmen. Seit 2003 steht mitten auf dem Vorplatz der Bushaltestelle, wo alle Zoobesucher ankommen, eine große Skulptur. Bei dem Werk Sedm Surikat (Sieben Erdmännchen) handelt es sich um sieben kleine bronzene Erdmännchen, die sich auf einem hohen Felsblock tummeln – die meisten davon arttypisch Wache haltend. Der Fels, auf dem sie sich befinden ist über 3 Meter hoch, während die Erdmännchen in wenig mehr als in Lebendgröße dargestellt werden. Sonst hätten sie sicher auch nicht so niedlich gewirkt.

Erschaffen wurde die Skulpturengruppe von der Bildhauerin Veronika Richterová. Die hat seither die klassische Bildhauerei künstlerisch an den Nagel gehängt. Stein meißeln und Bronze gießen sei körperlich zu anstrengend, meinte sie, und beschloss, fortan Kunst aus recycelten Pet-Flaschen herzustellen. Das ist originell – und im übrigen gibt es dafür auch von anderen Künstlern sehr witzige Beispiele in Prag, die sich großer Popularität erfreuen (wir berichteten hier).

Hat man sich an den Erdmännchen sattgesehen, kann man ja Richtung Eingang zur Kasse gehen. Auf dem Wege tritt man auf ein andere Kunstwerk von Veronika Richterová. Zusammen mit dem Designer Michal Cihlář schuf sie 2001 den berühmten Walk of Fame (chodník slávy) 2002, der so etwas wie die animalische Fassung des berühmten Walk of Fame auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles ist. In Hollywood sind es – von einigen Ausnahmen wie Lassie abgesehen – vor humanoide Filmstar, die ihren Handabdruck auf einem Zementstern auf dem Bürgersteig hinterließen. Hier im Zoo sind es ausgewählte Tiere desselben.

Die Herstellung der Abdrücke war wohl in einigen Fällen schwierig, da es möglicherweise einen Unterschied in der Kooperationskultur von Zootieren und Hollywoodstars gibt. Zugegeben: Einige der Tiere, die hier verewigt sind, machten es den Künstlern leicht – etwa Ameisenbärin Linda und Leguan Pepino. Bei anderen traute man sich aber nur heran, wenn sie schliefen. Man kann sich den Nervenkitzel vorstellen, den die Künstler bei der Anfertigung des hier abgebildeten Sterns mit dem Prankenabdruck der Löwin Josefina verspürten. Große Tiere wurden durch einen stabilen Rahmen über feuchten Zement geführt, um das Ganze sicher zu gestalten.

Lässt man den Walk of Fame hinter sich und betritt den Zoo, kann man sich ja in das große Afrika-Areal des Zoologischen Gartens begeben, um Kunstwerk und Original zu vergleichen. Dort befinden sich nämlich die lebendigen und nicht aus Bronze erstellten Erdmännchen. Man weiß dann, warum sie Dank Richterová zum Werbeträger des Zoos erkoren wurden. Sie sind und bleiben einfach putzig! (DD)

En kölsch Mädche op däm Wäch vun Prag zor Mongolei

Kölsche Mädche sin jefährlich, diese Weisheit des karnevalistischen Liedguts wird mittlerweile auch in Prag zumindest unter Przewalski-Pferden kaum mehr in Frage gestellt. Denn der Prager Zoo (unser Bericht hier) mag eines der wichtigsten Zuchtprogramme für die wilden Pferde betreiben, die Chefin der Herde, die im April 2021 im neu eröffneten großen Freigehege ausgewildert wurde, ist jedoch unumstritten Lana aus Köln.

Die Infotafel am Zaun des neuen Riesengeländes informiert darüber, dass sie eine „občas náladová klisna“ (zu Deutsch: eine gelegentlich launische Stute) sei und am 21. August 2016 im Kölner Zoo geboren wurde. Aber wer sind diese Pferde, deren rheinisch-kapriziöse Anführerin sie ist? Nun, die Przewalski-Pferde gelten als die „letzten echten Wildpferde“. Die Pferderasse wurde 1881 erstmals in der Mongolei entdeckt und in der Folge immer mehr durch den Menschen dezimiert. Um 1967 starb das letzte freilebende Pferd dieser Art. Aber es gab immerhin noch einige Exemplare in europäischen Zoos. Doch auch hier gab es Probleme, da die Tiere sich in Gefangenschaft nur schlecht vermehrten. 1956 gab es nur noch 41 Pferde in menschlicher Obhut. Es sah gar nicht gut für die Przewalski-Pferde aus. Etliche Zuchtlinien endeten. nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur noch in den Zoos von München und Prag größere Bestände. Bei Zuchtlinien kamen aber in den 1960er Jahren – der Zeit des Kalten Krieges – kaum zusammen. Inzucht in den einzelnen Herden war die Folge.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Prager Zoo bereits Initiativen ergriffen, um die Przewalski-Pferde zu retten. Hier hatte man schon in den 1930er Jahren mit der Zucht begonnen (als es noch wildlebende Pferde gab). 1959 lud der Zoo erstmals zu einem Internationalen Symposion zur Rettung der wackeren Equiden ein. Dort wurde beschlossen, dass der Prager Zoo das Weltzuchtbuch führen und damit Koordination der Zuchtmaßnahmen übernehmen solle. Was man auch brav tat. Und so erreichte die Weltpopulation in Zoos 1983 erstmals die Marke 500 und im Jahre 1990 waren es bereits 1000. Schön und gut, aber es war egal, wieviele es waren, solange das Leben der Tiere nur hinter Zoogittern verlief. Ein Wildpferd muss wild und frei leben dürfen! Auch internationale Initiative wurde darob das 1975 gegründete Große Gobi-B-Schutzgebiet in der Heimat der Przewalskis 1992 zu einem Auswilderungsgebiet unter strengem Schutz erklärt. Schon 1988 hatte man bereits Pferde von Prag in dieses Gebiet organisiert. Seither hat sich das Zusammenspiel von internationalen Naturschutzorganisation und der Tschechischen Luftwaffe (die die Transportmaschinen stellt) hervorragend entwickelt.

Zwischen 2011 und 2019 wurden alleine 34 Pferde aus dem Prager Zoo in die Mongolei geflogen. Das führte nach einiger Zeit zu einer markanten Vermehrung wildlebender Przewalskis in Gobi-B. 2020 waren es erstmals über 300 Exemplare. In dieser Zeit gab es bereits andere Schutzparks in der Monoglei mit ebenfalls hunderten Pferden. Im Nationalpark Chustain Nuruu waren es 2020 sogar 380. . Aber an das Auswildern muss man sich als Pferd auch gewöhnen. Erst lebt man in einem Zoo unter liebevoller Fürsorge und wird im Trog gefüttert und von den Wärtern gestriegelt und dann befindet man sich nach langem Flug auf einmal in einer semi-ariden Landschaft, wo man sich sein Fressen selbst zu suchen hat. Darauf sollte man vorbereitet werden. Das tat man so gut es die Fazilitäten des Zoos erlaubten. Das war, so sah man irgendwann ein, nicht genug.

Es musste ein größeres Stück Land her, in dem sich die Pferde so naturnah und frei, wie es in Prag nur möglich ist, ausleben können. 2011 begann man mit ersten Planungen und 2019 fing man an, im Südwesten Prags bei Dívčí hrady (Prag 5), rund acht Kilometer Luftlinie südlich des Zoos und hoch über dem Naturschutzgebiet des Prokoptals (Prokopské údolí) und neben dem denkmalgeschützten Areal der altslawischen Wallburg von Děvín (hrad Děvín) – über die wir bereits hier berichteten – ein großes Freigehege einzurichten. Das hat etwas über 500×500 Meter Ausmaße. Im Bild rechts sieht man den durch Zaun separierten Stall, der aber nur genutzt wird, wenn Fohlen geboren werden oder es einen Notfall gibt. Ansonsten hat man sich als Pferd draußen auszutoben. Das ist ja der Zweck der Sache.

Das ganze Areal umgibt ein riesiger, hoher und unüberwindbarer (für Mensch und Tier) Zaun. Einige Meter hinter dem Zaun ist n ein kleiner Drahtzaun, der dafür sorgt, dass der Abstand von Mensch und Pferd genügend weit ist, und dass niemand auch nur auf die Idee kommen kann, die Pferde zu füttern – was auch streng verboten ist. Das Areal ist so groß, dass man schon manchmal ein Stück drumherum spazieren kann, ohne auch nur ein einziges Pferd zu sehen. Ein wenig helfen einem die drei hölzernen Beobachtungsplattformen, von denen man im Bild links eine in der Ferne sieht, zusammen mit ebenfalls weit entfernten Przewalskis. Seit der Eröffnung des Großgeheges im April strömen die Besucher aus der Stadt nur so hierhin, um die Tiere zu bestaunen.

Zunächst waren es nur eine handvoll Stuten, die hier freigelassen wurden. Nach und nach sollen auch Hengste kommen, sodass hier nicht nur ausgewildert, sondern auch gezüchtet wird. Die Fohlen werden dann unter naturnäheren und realistischeren Bedingungen geboren und aufwachsen als es im Zoo selbst der Fall gewesen wäre.

Und in nicht allzu langer Zeit wird es für viele der Pferde hier oben heißen, Abschied vom schönen Prag zu nehmen. Dann geht es in die Mongolei, wo schon viele andere Przewalski-Pferde warten. Lana, die Chefin der Herde, wird dann in der Ferne führungsstark den rheinischen Frohsinn unter den Equiden verbreiten. Am kölschen Wesen kann die Welt ja nur genesen! (DD)

PS: Für Nicht-Kölner: Der Titel dieses Beitrags lautet auf Hochdeutsch „Ein kölnisches Mädchen auf dem Weg von Prag zur Mongolei“.

Känguruverein

Ein Känguru als Vereinslogo? Die hüpfenden Beuteltiere leben doch gar nicht in Tschechiens Wäldern! Und dann der Namen Bohemians statt „Die Böhmen“ oder „Češi“? Für einen lokalen Fußballverein? Zurecht vermutet man dahinter eine interessante Geschichte.

In der Tat hieß der Verein, als er 1905 gegründet wurde, noch AFK Vršovice und war, wie der Name sagt, nur ein Stadtteil-Sportverein in Prag Vršovice (heute Prag 10). Man spielte in den untersten Fußball-Ligen. Aber 1926 hatte man eine witzige Idee. Warum nicht mal nach Australien fahren und dort Fußball spielen? Das tat man im nächsten Jahr. Die Schiffsreise dauerte von Neapel aus 23 Tage. Unterwegs stoppte man in Colombo (damals Ceylon, heute Sri Lanka), um eine Auswahl britischer Kolonialsoldaten 4:2 zu schlagen. In Australien zog man durch alle Provinzen. Als erstes schlug man am 5. Mai die Mannschaft von Perth 11:3. Am Ende schaffte man am 25. Juni sogar gegen die Nationalmannschaft des Landes ein ehrenhaftes 4:4. Die Australier fanden das extrem exotisch und machten zweierlei: (1) Da sie ein Wort wie „Vršovice“ nicht aussprechen konnten, nannten sie die Mannschaft einfach Bohemians, und (2) gaben sie der Mannschaft zum Abschied ein niedliches Kängurupaar mit auf den Weg als Geschenk für Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk (der es dann dem Zoo spendete). Die Bohemians und ihr Logo waren geboren.

Mit dem durch den Erfolg der Tour gestärkten Selbstbewusstsein wuchs auch die Spielleistung. Man stieg in die erste Liga des Landes auf und blieb seither die meiste Zeit dort. 1983 wurde man sogar tschechoslowakischer Meister! Auch im Ausland reüssierte man immer wieder. Nur gegen eine wirkliche Gigantenmannschaft verlor man einmal 1986 beim UEFA-Pokal schlapp mit 2:8. Aber man kann ja auch von den Leuten nichts Unmögliches verlangen. Vielleicht hat man damals danach diskutiert, ob nun Kängurus oder Geißböcke die besseren Vereins-Maskottchen sind. Vielleicht auch nicht.

Ja, und 2005 kam die dunkle Zeit, da der Verein insolvent war. Danach zankten sich zwei aus der Konkursmasse hervorgegangene Mannschaften darum, wer sich denn nun Bohemians nennen dürfe. Das hat man inzwischen gelöst und heute spielt man wieder in der ersten Liga. Die Vršovicer lieben jedenfalls ihren Verein innig.

Zurück zur Geschichte: Mit dem Erfolg kam auch die Notwendigkeit eines Stadions. Bei der Gründung 1905 spielte man auf irgendwelchen Spielfeldern, die gerade frei waren. 1914 legte man auf einem Feld in der Nähe einer Fabrik einen kleinen Platz an, der wegen seiner Muldenform Ďolíček (kleine Grube) genannt wurde. Als man dann aufgestiegen war und 1932 ein richtiges Stadion bauen ließ, behielt es diesen Namen, den es heute noch trägt. Der Architekt A. Vejvoda gestaltete das Stadion im funktionalistischen Stil mit dem Känguru-Logo am Eingang (großes Bild). Ursprünglich fasste das Stadion, das mit einem Spiel der Bohemians gegen Slavia Prag eingeweiht wurde, rund 18.000 Zuschauer – fast alle auf Stehplätzen. Heute passen rund 6.300 hinein, was unter anderem mit der Umwandlung der meisten Steh- in Sitzplätze bei der Renovierung 2007 zu tun hatte. Immer wieder wurde das Stadion im Laufe der Zeit modernisiert (1955 wurde zum Beispiel das Flutlicht eingeführt). Inzwischen wird es nicht nur für den Fußball, sondern auch für Rockkonzerte (das mit Tina Turner 1996 blieb in besonders guter Erinnerung) genutzt. Ach ja, gegen australische Mannschaften scheinen die Bohemians schon lange nicht mehr gespielt zu haben. (DD)

Noch einmal: Kuchen und Kubismus

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Eigentlich, so könnte man meinen, haben wir das Thema „Kuchen und Kubismus“ ja bereits hier ausgeschöpft. Aber es gibt dafür in Prag eben nicht nur das „Haus der Schwarzen Madonna“ in der Altstadt. Hier beherbergt das von  Josef Gočár, dem bedeutendsten Prager Kubisten unter den Architekten, gebaute zugleich das Kubismusmuseum und auch das entsprechende eingerichtete Cafe Oriental.

IMG_4253Wer den Kubismus studieren und dabei die frische Luft im Grünen (kleines Bild rechts) genießen will, hat allerdings eine unerwartete Alternative, nämlich den Zoo.

Als 1923 der Prager Flughafen (damals noch im Ortsteil Kbely, denn der heutige Flughafen weiter westlich in Ruzyně entstand erst im Jahre 1937) den Flugverkehr aufnahm, wurden dort auch ein Laden und ein Restaurant eröffnet. Architekt war Josef Gočár – und natürlich baute er die Häuser im kubistischen Stil.

2011 zerlegte man die beiden außen wie innen hölzernen Gebäude und baute sie im Zoo wieder originalgetreu auf. Da stehen sie nun, wieder als IMG_4182Laden und vor allem als Restaurant. Gočár entschied sich seinerzeit bei den beiden Gebäuden  für eine originelle Variante des Kubismus, die auf den ersten Blick traditionell bäuerlich-folkloristisch daherkommt, auf den zweiten Blick aber die typisch kubistische Spielerei mit modernen geometrischen Formen auf die Spitze treibt. „Rondokubismus“ nennt man diesen Stil.

IMG_4184Auch die Inneneinrichtung ist konsequent im gleichen Stil mit der gleichen Formensprache gehalten. Irgendwie erinnert das Ganze an Holzbaukästen aus der Spielzeugkiste. Das blau-rote „Bauklötzchenmotiv“ findet sich bei Tischen, Stühlen, Schränken und Lampen wieder. Das sieht schon recht originell und geradezu niedlich aus.IMG_4183

Ach ja, und das Essen? Beim Gočár, wie man das Restaurant konsequenterweise benannt hat, handelt sich um ein Ausflugslokal. Das Café Oriental spielt in einer anderen Liga. Aber innerhalb dieser Kategorie können sich der Kuchen und der Kaffee in jeder Hinsicht sehen lassen. Da gibt es nichts zu beanstanden. Und wer es eher herzhaft mag und dazu ein frisch gezapftes Bier mag, kommt natürlich auch auf seine Kosten. (DD)

Ne Besuch im Zoo …

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Ne Besuch im Zoo, dat esu so schön, wissen wir nicht zuletzt durch das kölsche Liedgut. Aber auch ein Besuch im Prager Zoo überzeugt einen davon. Der wurde 2015 zum schönsten und besten Zoo Europas gekürt.

Es ist ein relativ neuer Zoo. Erst 1931 wurde er gegründet. Entsprechend modern war er von vornherein ausgestattet. Nach dem Ende des Kommunismus setzte in den 90er Jahren und zu Beginn des Jahrtausends eine neuerliche Modernisierungswelle ein. Dazu gehörten unter anderem das Pavillon „Indonesischer Dschungel“ (2004) oder der Kinderzoo (2005) oder das Raubkatzenhaus (2012) und vieles, vieles andere.

Dabei knüpft der Zoo gleichzeit an ältere Traditionen an. In den Zoos des 19. Jahrhunderts wurden die Tiergehege oft im „kolonialen“ oder „exotischen“ Stil gebaut, wozu die manchmal offen rassistische Völkerschauen (sogenannte „Eingeborene“ aus Kolonien führten in Freigehegen ihren Lebenstil vor) passten. Als Gegenreaktion baute man in den Zoos in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „wertfreie“, aber lieblose Betonanlagen.

IMG_4173Dass der Prager Zoo nun seit einigen Jahren wieder Gebäude eingeführt hat, die an die menschliche Kultur der Herkunftsländer vieler Tiere erinnert, ist allerdings kein Rückfall in schlimme Zeiten – und es sieht vor allem schöner aus als die Betonwüsten der vorigen Jahrzehnte.

Vielmehr dienen dienen Gebäude dazu, die Tierwelt in die kulturelle Perspektive einzubeziehen. Man lernt etwa in den indischen Tempelgebäuden (kleines Bild links) lernt viel über die Rolle des Elefanten in der Arbeitswelt, aber auch in Mythologie und Religion Indien. Das ist alles sehr ansprechend und lehrreich gemacht. IMG_4160

Diese kulturelle Sensibilität überträgt sich auch auf die Behandlung der Tiere. Nur noch wenige enge Käfige finden sich. Dafür haben einige der Freigehege so große Ausmaße, dass man die Tiere in der Ferne kaum noch erkennen kann (rechts das Straußengehege, in dem es im März allerdings tatsächlich keine Tiere zu sehen gibt).

Dabei wird die reale Natur des Geländes geschickt einbezogen. Davon profitieren vor allem auch die Bergbewohner unter den Tieren, wie Bergziegen und Gemsen. Die riesigen Felsen IMG_4190über der Moldau sind ein geeigneterer Lebensraum als die kleinen Kunstfelsen, die man sonst in Zoos sieht (siehe großes Bild oben).

Zudem ist der Zoo nicht nur Zoo, sondern auch echtes Naturschutzgebiet für frei lebende Tiere. Auf dem Gebiet des Zoos am Moldauufer gibt es freilebende  (nicht giftige!) Populationen seltener Schlangen.

Zudem gibt es eine tolle Auswahl von Restaurants, eine Seilbahn, Touristenzüge und vieles mehr, das den Besuch noch unterhaltsamer macht. IMG_4203Mir hat besonders der würdevolle Schuhschnabel gefallen (links).

Unsere Lady Edith (Hunde sind glücklicherweise erlaubt!) hingegen hatte es der freche kleine Humboldt-Pinguin angetan, der mit ihr heftig durch die Glasscheibe des Beckens kommunizierte. Beide schienen sich heftig zu amüsieren. Und das Publikum quittierte das minutenlange aufgeregte Spiel mit Lachen. (DD)