Stephansdach aus Düsseldorf

Wenig erinnert daran, dass Prags Stadtteil Libeň dereinst eine der Wiegen der tschechischen Industrialisierung war. Unter dem Kommunismus zur Unwirtschaftlichkeit herabgesunken, wurden fast alle Fabrikareale am Moldauufer nach dem Ende der Planwirtschaft abgerissen. Seit einigen Jahren schießen moderne und schicke Büro- und Wohnkomplexe dort aus dem Boden. Nur wenige Erinnerungen an die große Zeit blieben als Kulturdenkmäler erhalten. Dazu gehört die Halle der früheren Firma Horák und Hlava (hala býv. firmy Horák a Hlava). Die war einmal so modern, dass sie selbst heute im Ensemble der Büroneubauten nicht als altes Kulturdenkmal auffällt.

Die Maschinenbau- und Reparaturwerkstatt Horák a Hlava wurde im Jahr 1920 von dem Automobilimporteur Karel Hlava und dem Ingenieur F. Horák gegründet. In diesem Jahr wurde wohl auch die große Industriehalle in der heutigen Voctářova 3651/1 bzw 3651/2 erbaut. Drumherum befanden sich andere Firmen in diesem Stadttteil, etwa die Textilfirma Brüder Perutz (erwähnten wir hier) und das unmittelbar benachbarte Sägewerk der Eisenbahnfirma des Großindustriellen Karl Adalbert von Lanna (wir berichteten u.a. über ihn hier). Die Firma Horák a Hlava wurde von 1938 und 1943 jeweils noch einmal um Zusatzbauten erweitert, was Archive im ersten Fall durch Luftaufnahmen und im zweiten Fall durch erhaltene Pläne herausgefunden haben. Davon ist aber heute nichts mehr erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs zwangen die Nazis den zuvor völlig zivilen Betrieb in die Rüstungsproduktion. Und drei Jahre nach dem Krieg war Schluss. Die Kommunisten hatten die Macht ergriffen und die Verstaatlichungen setzten ein. Horák a Hlava wurde 1948 in den bereits verstaatlichten Maschinenbaugroßkonzern ČKD eingegliedert.

1964 plante man die Halle als Busreparaturwerkstatt für die Prager Verkehrsbetrieben zu nutzen, was aber am Ende nicht realisiert wurde. Das Gebäude verfiel und wurde nicht mehr als Produktionsstätte genutzt. Immerhin erklärte man es 1981 zum geschützten Denkmal. Viel änderte da aber auch nicht mehr. In der Zeit nach dem Ende des Kommunismus 1989 setzte in den nunmehr unrentablen Industriearealen weiterer Verfall ein. Das große Hochwasser von 2002 zerstörteoder beschädigte Teile der Fabriken und auch der Wohnhäuser. 2013 gab es einen Plan der Stadt, hier ein völlig neues Büro- und Wohnzentrum der Luxusklasse aufzubauen. Die alten Gebäude verschawanden alle? Nein, die Halle der Firma Horák a Hala wollte man verschonen. Es wurde das Architekturbüro Aulík Fišer architekti 2016 damit beauftragt einen Umbau- und Renovierungsplan für eine post-industielle Neunutzung zu entwickeln. Heute befinden sich hier Büros,Veranstaltungsräume und vor allem ein großes Bistro-Restaurant, das wohl viele Mitarbeiter der umliegenden neuen Büros zum Mittagessen nutzen.

Aber warum hielt man das im Grundriss 83 x 21 Meter große Gebäude für so schützenswert? Nun, es handelt sich um ein Stück Industriearchitektur, das sehr typisch ist für die Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik ist. Das betrifft vor allem die Dachkonstruktion, die dem Backsteingebäude aufgesetzt wurde. Es handelt sich um ein sogenanntes Stephandach, das von der 1905 in Düsseldorf gegründeten »Gesellschaft für Ausführung freitragender Dachkonstruktionen in Holz – System Stephan GmbH« entwickelt wurde, die seit 1914 auch eine Filiale in Prag betrieb. 1916 wurde diese Art von Dachkonstruktion (dazu hier S. 16), die zunächst für den Bau von Luftschiffhallen entwickelt worden war, in Kakanien mit einem Patent versehen, das in der Tschechoslowakei nach 1918 natürlich noch gültig war.

Hauptmerkmal der Konstruktion des Stephan-Daches waren bei der Halle von Horák a Hlava die dreizehn gewölbten Dachstühle aus Holz, die fachwerkartig aus Dreiecksmodulen zusammengesetzt wurden, die dann oben Glasfenster rahmten. Das Ganze war wesentlich preisgünstiger als die sonst üblichen Stahlträger, dabei leichter und war trotzdem statisch sehr stabil. Die jeweils spitze Dachstuhlkonstruktion erlaubte zudem optimalen Lichteinfall. Das war für die System Stephan GmbH ein Bombengeschäft und die Konstruktion verbreitete sich auch hier unter den Tschechen schnell überall. Es heißt, dass Konstruktionen der Stephansdach-GmbH, 1920 (als diese Halle hier gebaut wurde) über 2 Millionen Quadratmeter Grundfläche in Lande überdeckt haben sollen. Aber es ist der Holzbauweise geschuldet, dass es leider trotzdem fast nirgends mehr erhaltene Exemplare dieses Dachtyps gibt. Die Halle von Horák a Hlava ist eines der ganz wenigen Vorhandenen Exemplare in ganz Tschechien. Eines der letzten anderen Exemplare in Prag, die Halle eines Transportunternehmens in Holešovice wurde im Jahr 2000 abgerissen. Es existiert sonst nur noch eine Autobusgarage in Dejvice (Prag 6) mit einem solchen Dach. Das ursprüngliche Massenprodukt wurde also zur historischen Rarität. Deshalb wurde der Denkmalschutz für das Gebäude von Horák a Hlava während der Planungen für die Umgestaltung des Viertels 2013 noch einmal deutlich verschärft.

Natürlich hat im Lauf der Jahre der Vernachlässigung auch der Zahn der Zeit oder gar des Holzwurms an der alten Struktur genagt. Im Zuge der Neukonstruktion wurde fast jedes Teil durch ein neues ersetzt. Aber im Vergleich zu alten Photos erkennt man, dass die 2020 vollendete Rekonstruktion trotz der Zweckentfremdung doch sehr authentisch und einfühlsam erfolgte. Und heute findet man die recht raffiniert und subtil gestaltete Dachkonstruktion der Firma aus Düsseldorf, die ja eigentlich nur preiswert und funktional sein sollte, sogar ästhetisch ansprechend. Sie hat ihre Modernität bis heute bewahrt. Von außen (anders ging es in den Zeiten des Covid-Lockdowns nicht, als ich dies hier photographierte) sieht das Bistro jedenfalls erfrischend einladend aus. Irgendwann wird man mal darin sitzen und neben Speisen und Getränken ein mittlerweile rares Stück Industriekultur genmießen. (DD)

Erinnerung an den Aufbruch

Er ist eines der letzten sichtbaren Zeugnisse des großen Aufbruchs, den der heutige Prager Stadtteil Libeň im 19. Jahrhundert durchlebte: Der Schornstein der ehemaligen Fabrik der Brüder Perutz, der nunmehr einsam auf einer kleinen Grünfläche an der Libeňský most, Ecke Voctářova steht.

In Libeň, das erst 1901 Teil von Prag wurde (mehr dazu hier), hatte sich im 19. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde entwickelt, über deren Erbe wir hier berichteten. Im Laufe der Zeit entstanden hier deshalb auch viele Industriebetriebe mit jüdischen Besitzern, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geradezu eine lokale Industrielle Revolution entfachten (eines von vielen Beispielen war die Leinwandfabrik Grab, worüber wir hier berichteten).

Vor allem in den Uferarealen nahe der Moldau gegenüber von Holešovice entstand ein regelrechtes Industrigebiet mit unzähligen Fabriken, die der Bevölkerung Lohn und Brot verschafften.

Der Schornstein, den wir hier sehen, gehörte zu der Firma Spinn- und Webwarenfabriken Brüder Perutz , die hier im Jahre 1875 errichtet wurde. Gegründet wurde sie von dem sehr säkularen jüdischen Unternehmer Benedikt Perutz, dem Vater des berühmten Schriftstellers Leo Perutz (dessen Roman Nachts unter der steinernen Brücke zur Pflichtlektüre für jeden Freund der Prager deutsch-jüdischen Literatur gehören sollte), zusammen mit seinem Bruder und Co-Chef Siegmund Perutz. Die Textilfirma expandierte schnell. Es gab bald mehrere Ableger der Fabrik in Böhmen (der größte in Varnsdorf) und später in Ungarn. 1899 verlegte die Familie ihren Wohnsitz von Libeň nach Wien, wo eine neue Firmenzentrale aufgebaut wurde. Die Fabrik in Libeň blieb aber in Betrieb.

Die Firma der Brüder Perutz überlebte die Wirren von Nationalsozialismus (der Teile der Erben ins Exil in die USA zwang) und des Kommunismus nicht. 1949 wurde die Anlage von der staatlichen Weberei Henap (ab 1958 Hedva) übernommen. Das ganze Industrieareal von Libeň war nach dem Ende des Kommunismus 1989 völlig heruntergekommen und die Produktionsstätten nicht mehr im entferntesten wettbewerbsfähig. Nach einer längeren Zeit der Brache wurde das Ganze Gebiet ab 2013 völlig neu für Büro- und Wohnblocks erschlossen. Alles wurde recht nobel und luxuriös. Gentrifizierung nennt man das wohl heute. Man könnte auch von einem zweiten Aufbruch des Stadtteils sprechen. Die alten Anlagen verschwanden. Aber der Schornstein der Firma Brüder Perutz blieb als Erinnerung an frühere Zeiten stehen. Seit dem Jahr 2020 ist er sogar offiziell zum Kulturdenkmal erklärt worden. Niemand hätte wohl 1875 den Schornstein für ein Kulturgut gehalten, aber im Kontrast zu den heutigen modernen Bürogebäuden strahlt er heute ein irgendwie fast schon behaglich altertümliches Flair aus.

Nun ist ein solcher Schornstein sicher nicht einzigartig. Aber er zeigt gerade dadurch, dass er jetzt als Solitär sein Dasein fristet, besonders anschaulich, dass man sich Ende des 19. Jahrhunderts selbst bei profanen Wirtschaftsgebäuden Mühe bei der ästhetischen Ausgestaltung gab. Der Kamin im Sockel ist achteckig gestaltet und schließt oben mit einer kreisförmigen Struktur ab. Aus dem verwendeten Ziegel wurden auch künstlerische Elemente eingebaut. Insgesamt erreicht der Schornstein eine Höhe von 57 Metern. Ursprünglich konnte man ihn zur Wartungszwecken mit an außen angebrachten kleinen Metallleiterstufen erklimmen. Das wäre für leichtsinnige Jugendliche oder potentielle Selbstmörder nun, da der Turm frei steht, eine zu große Verlockung. Deshalb hat man sie im unteren Bereich abgenommen. Auch der an einer Seite dereinst offene Kamineingang unten ist verschlossen. Es handelt sich ja um ein Kulturdenkmal und nicht um einen Spielplatz. (DD)

Rondokubismus mit modernem Kontrapunkt

Industriearchitektur kann originell and ansprechend sein. Und wenn diese Industriearchitektur im Laufe der Zeit einmal kräftig renoviert wird, kann sie sogar noch origineller und ansprechender werden. So geschehen mit der Zátka’schen Sodafabrik (Zátkova sodovkárna) in der Přívozní 1064/2a im Stadteil Holešovice. Dahinter steckt nicht zuletzt auch ein interessantes Stück böhmisch/tschechischer Wirtschaftsgeschichte.

Die beginnt im südböhmischen České Budějovice (Budweis). Die Familie Zátka gehörte dort schon früh zu den Honoratioren der Stadt – Mäzene, Politiker und Unternehmer. Etwa Hýnek Zátka, der es als überzeugter tschechischer Nationalist zum böhmischen Landtagsabgeordneten und sogar zum ausgespochen oppositionellen Mitglied des österreichischen Abgeordnetenhauses (1861-63) gebracht hatte. Gleichzeitig betrieb er erfolgreich einen Handel mit Salz und landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Diesen Sinn für Gemeinwohl und Geschäft vererbte er an seinen Sohn August Zátka, ebenfalls ein langjähriger Landtagsabgeordneter und „nebenbei“ Mitgründer der Böhmische Aktienbrauerei (Český akciový pivovar), aus der eine der heute bekanntesten Brauereien Tschechien, Budvar (Budweiser), hervorging. Dann kam dessen Sohn Ferdinand Zátka, der richtig Nägel mit Köpfen machte. Erst gründete er in Budweis eine Zuckerfabrik (1872), dann expandierte er 1878 nach Prag, wo er im Stadttteil Karlín eine Großbäckerei aufbaute und schließlich ein Jahr als eine Familien-Aktiengesellschaft die Dr. F. Zátka AG Nahrungsmittelfabriken (Dr. F. Zátka Akc. Spol. Továrny Pozivatin), eine der ersten Soda-Getränkefabriken Europas und auf Jahrzehnte die größte in ganz Mitteleuropa. Die neuen Sprudelgtränke waren der Renner. Aber auch andere Lebensmittel wurden von der Firma angeboten, etwa französischer Senf, Sekt oder Kaffeeersatz. Als er 1901 starb (und sein Bruder Vlastimil übernahm) war die Firma ein wahrer Gigant der böhmischen Wirtschaft.

Das blieb auch so in den folgenden Generationen. 1925 stellte man fest, dass die Fabriken in Karlín nicht mehr bedarfdeckend produzieren können. Platz zum Ausbau gab es nicht und so beschloss man, die Sodafabrik nach Holešovice zu verlegen, war großzügig gebaute Straßen und die Hafennähe zusätzliche Vorteile boten. Und so baute der Architekt Oldřich Brabec in den Jahren 1927-1929 zu einem Gesamtpreis von 2.439.136 Kronen dort eine moderne Fabrik. Während des Baus musste die Firma mit einem der größten Absatzzuwächse fertig werden. 1928 war ein so heißer Sommer mit 11 Tagen im Juli, an denen die Temperatur 40 Grad betrug, dass locker 8 Millionen Flaschen verkauft wurden und man Probleme hatte, die geeignete Menge an Transportmitteln zu finden. Eine Lastautoflotte wurde eilig aufgebaut. In dieser Zeit musste man sich auch gegen Fälscher wehren, die falsche Limo in echte alte Zátka-Flaschen füllten. Dafür erfand man das heute noch gebräuchliche Papiersiegel, das über den Korken (mit Registriernummer) geklebt wurde. Nebenbei machte man noch eine Erfindung, nämlich den Mehrweg-Verschluss für Flaschen, der deshalb von den Tschechen immer noch Zátka genannt wird. Die guten Zeiten gingen 1939 zu Ende. Die Nazis enteigneten und „germanisierten“ die gesamte Firma, deren Eigner sowieso politisch als zu tschechisch-national eingestuft wurden. 1945 kriegte die Familie den Besitz zurück, nur um 1948 von den Kommunisten wieder enteignet zu werden.

Die verschiedenen Bestandteile des Unternehmens – etwa die Bäckerei und die Sodafabrik – wurden auf verschiedene staatliche Großunternehmen verteilt. 1989 ging es mit dem Kommunismus gottlob zu Ende. Der Staat behielt die Unternehmen erst einmal, um sie für die Privatisierung zu restrukturieren. Die Erben der Zátkas bekamen sie dann erst verpachtet, dann wurde privatisiert. Inzwischen war wohl die Konkurrenz in Sachen Sprudelgetränke zu groß (vorher hatte man fast ein Monopol inne). Im Jahr 2000 ging die Sodafirma pleite. Auch andere Teile des früheren Konzerns gingen verloren. Immerhin gehört die Firma Bratři Zátkové noch zu den größten Nudel- und Mehlherstellern Tschechiens. Aber die alte Sodafabrik in Holešovice stand leer. Im Jahr 2003 wurde sie von der weltweit operierenden amerikanischen Werbeagetur Ogilvy & Mather gekauft und aufwendig renoviert und umgebaut.

Alleine der neue Außenanstrich wurde dabei zum „Hingucker“. Er „dekonstruiert“ geradezu die Fassadenstruktur des Gebäudes aus den 1920er Jahren. Die hatte Architekt Brabec damals im Stil des Rondokubismus gestaltet. Der Kubismus versuchte in seiner Frühphase vor dem Ersten Weltkrieg, durch die Verwendung geometrischer Formen einen Bruck mit den früheren historisierenden Baustilen zu bewirken. In der Zwischenkriegszeit versuchte man hingegen, die geometrischen Formen des Kubismus zu einer Art freien Nachempfindung traditioneller Baustile zu nutzen. So war es auch bei der Sodafabrik. Der Turm mutet recht mittelalterlich an und die Säulen erinnern vage an klassische antike Vorbilder, ohne sie wirklich zu imitieren. Es handelt sich also um ein typisches Beispiel rondokubistischer Industriearchitektur. Andere Beispiele zeigten wir u.a. hier, hier und hier.

Die Architekten des Umbaus von 2003, Zdeněk Jiran, Michal Kohout und Patrik Hocke vom Prager Architekten-Büro Jiran a partner, die das Innere der Sodafabrik an die Bedürfnisse einer modernen erbeagentur anpassten, ließen die Fassade so bemalen, dass sie einen Kontrapunkt zur alten Architekur setzten. Wieder wurden geometrische Formen (in schwarz-rot-weiß) verwendet, aber in einer so unregelmäßigen Art und Weise, dass sie die sachliche und regelmäßige Konzeption der rondokubistischen Architektur mit ihren klassischen Anleihen konterkarieren. Ein interessanter ästhetischer Konflikt wird hier geradezu dramatisch auf der Bühne präsentiert. Keine Frage, dass das den Kreativitätsanspruch einer Werbeagentur unterstreicht. Und, so könnte man hinzufügen, es wird auch dem Andenken an einstige Kreativität und dem Erfindungsreichtum der Firma Zátka und ihrer Sodafabrik gerecht. (DD)

M wie Materna

Die eigentliche architektonische Spezialität Prags ist der (sonst meist als Malereistil bekannte) Kubismus, den man in dieser Form und Fülle fast nirgends auf der Welt findet. Und im ehemaligen Arbeiterviertel Holešovice findet man ein geradezu einmaliges Beispiel kubistischer Industriearchitektur, das zudem in den letzten Jahren ein Beispiel dafür wurde, wie gut man ein solches Kunstdenkmal in eine neue Baustruktur einfügen kann. Die Rede ist von dem Verwaltungsgebäude der Farbenfabrik J. Materna (Administrativní budova továrny na barvy J. Materny) in der Dělnická 313/20 (Ecke Osadní).

Hinter „J. Materna“ verbirgt sich František Josef Materna. Der war ein wissenschaftlich ausgebildeter Chemiker, ein Tüftler und Erfinder und hatte Geschäftssinn. 1882 gründete er in der Prager Neustadt eine kleine Firma für Farben, Lacke und Firnisse. Als kluger Mann hatte er eine wohlhabende Frau geheiratet, die 10.000 Goldstücke als Mitgift in die Firma bzw. Ehe brachte. Außerdem kam er ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie eines Textilfabrikanten. Und dann kamen noch zahlreiche Patente, die der klevere Materna entwickelt hatte. Es konnte nichts schiefgehen. 1890 musste er – immer noch in der Neustadt – ein größeres Firmendomizil suchen, um der florierenden Nachfrage gerecht zu werden. Im Jahre 1893 kaufte er dann ein großes Grundstück in Holešovice, um im großen Stil weiterzumachen.

Als er dann 1920 für seine große und expandierende Firma ein neues Verwaltungsgebäude benötigte, wollte er sich nicht lumpen lassen. Es sollte nicht nur funktional sein, sondern auch künstlerisch wertvoll. Er engagierte den damals sehr berühmten Designer und Architekten Rudolf Stockar. Der galt als Meister des Kubismus und war Mitbegründer der Künstlergenossenschaft Artěl, die sich der Verbreitung und Förderung von moderner Ästhetik auch in der Alltagskultur widmete. Stockar strukturierte die Fassade des einstöckigen Gebäudes ganz im Sinne des geometrischen Kubismus durch klare, kantige Formen. Das machte er mit Hilfe von Zargen und dem Gesims. Das Gesims auf dem Dach knickt nach unten ein wenig ein. Dadurch sieht der Umriss ein wenig wie der Buchstabe „M“ aus. Es war wohl in keiner Weise ein Zufall, dass es sich dabei auch um die Initiale des Nachnamens von Materna handelte. Die dreieckigen Strukturen setzen sich an der Doppeltüre des Eingangs fort, die dem ganzen Gebäude einen fast schon historisierenden, fast archaischen Unterton verleihen. Es ist schon ohne Zweifel eine der witzigsten und originellsten Fassaden des modernen Prags.

Die Firma funktionierte auch nach Maternas Tod im Jahr 1929 nachdem sein Sohn Viktor die Unternehmsleitung übernommen hatte. Der errichtete sogar eine zweite Fabrik in Hostivař, die allmählich zum eigentlichen Sitz der Firma wurde. Erst 1948 kam das Ende – nicht weil es an Geschäftssinn und Erfindungsreichtum fehlte, sondern weil die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten den Betrieb enteigneten. In der Zeit nach dem Ende des Kommunismus wurde das Gebäude privatisiert. Die umliegenden Produktionsanlagen der Farbenfabrik verschwanden. In den 1990ern gehörte es zu einem Autohandel, dessen Verkaufswerbung dem alleinstehenden Gebäude etwas die optische Wirkung und den Charme nahm. Teile der Fassade waren von Werbung überdeckt. Nun ja, 2012 stellte man es jedenfalls unter Denkmalschutz. In dieser Zeit fing der einst arme Stadtteil Holešovice an, wirtschaftlich zu gedeihen und sich zu gentrifizieren. Schicke Wohnungen und Büros entstanden in ehemaligen Brachflächen. Und so erreichte das moderne Stadtleben auch die Dělnická. Hier sollte ein neuer Bürokomplex entstehen. In den integrierte man 2018 das alte Gebäude bzw. dessen Fassade in recht kunstvoller Form. Die ursprüngliche Gestaltung Stockars kommt nun wieder voll zum Tragen. Durch die neue Schwarz-Weiß-Kontrastierung kommen die kubistischen Formspielereien des Ganzen möglicherweise sogar besser zum Tragen als es bei der hellen Original-Colorierung der Fall war. Das Haus ist nun zu einer Art Eingangsportikus des neuen Hochhauses umfunktioniert worden. Und irgendwie muss man feststellen, dass die fast 100 Jahre Altersunterschied der nunmehr zusammengefügten Baueinheiten recht harmonisch überbrückt wurden. (DD)

Unter der Sparsamkeit werden Bücher verliehen

Hoch ragt die Allegorie auf die Sparsamkeit über dem Dach empor. Und das passt zum ursprünglichen Zweck des Gebäudes in der Nuselská 603/94 im Prager Stadtteil Michle. Es handelte sich um die örtliche Filiale der Bürger-Kreditgenossenschaft in Michle (Občanská záložna v Michli).

Die Genossenschaftsbanken waren in Böhmen erstmals in den 1860er Jahren entstanden, angeregt durch die Ideen des Volksaufklärers und Arztes František Cyril Kampelík, dessen Schaffen stark durch die liberalen bzw. christlichen Selbsthilfe- und Geneossenschaftsbewegungen von Hermann Schulze-Delitzsch oder Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Deutschland geprägt war. Kamepelik zu Ehren nannte man später die Genossenschaftsbanken liebevoll „Kampeličky“. Die für Genossenschaften typische Kombination von Eigenverantwortung und Gemeinschaftlichkeit sollte das sozialpolitische Gegenbild zum bevormundenden Etatismus des Sozialismus sein.

Als dieses Gebäude hier gebaut wurde, gab es in der gerade gegründeten Tschechoslowakei rund 5000 solcher Kreditgenossenschaften, die dem sogeannenten „Kleinen Mann“ Kleinkredite, Altersvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichten..

Die „Kampelička“ in der Nuselská-Straße wurde 1927 nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmer František Kočí erbaut. Schon 1931 kam es zu einer Erweiterung des Baus durch den Architekten Viktor Doubek.

Im selben Jahr wurde auf die markante Statue mit der Allegorie der Sparsamkeit. Die auf einer erhöhten eckigen Säule stehende Bronzeskulptur ist ein Werk des Bildhauers Bohumil Stehlík. Als Schüler des berühmten Josef Václav Myslbek, dem wir die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken, verstand der etwas von symbolträchtiger Versinnbildlichung in der Bildhauerei.

Stehlik wählte die Gestalt eines unbekleideten Mädchens, das gerade gesparte Münzen in ein Geldsäckel steckt. Hinter dem Mädchen sieht man ein kleines Zahnrad, was in der damaligen Ikonographie meist Gewerbefleiß symbolisieren sollte. Das alles war damals wohl Zeitgeschmack.

Die halbrunde, an eine Apsis erinnernde Form des Vorbaus entspricht diesem konservativen Design der Statue. Es bedient sich mit den regelmäßigen Halbsäulen noch ganz klar einer klassizistischen Formensprache. Die hinteren Erweiterungsbauten sind allerdings im funktionalistischen Stil gehalten. Aber diese Kombination von alt- und neumodisch wirkt hier in der Tat recht stimmig.Als Finanzinstitut für die Bürger wurde das Gebäude noch lange verwendet, wenngleich mit der Machtergreifung der Kommunisten 1948 die liberale Genossenschaftsidee nicht mehr überlebte. In den 1970er Jahren gab es innen kleinere Umbauten. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 übernahm in den 1990er Jahren die aus der Privatisierung der Staatsbank hervorgegangene Komerční banka (Kommerzbank) das Gebäude. Sie blieb dort bis 2013.

Dann stand das Gebäude leer. Ab und an fanden in de leeren Hallen Kulturveranstaltungen statt. Das war es aber auch. Der allmähliche Verfall des architektonisch doch recht ansprechenden Gebäudes drohte. Im Jahre 2018 begann der Architekt Tomáš Hořava mit einem völligen Umbau im Inneren. Inzwischen hatte nämlich die Stadtregierung von Prag 4 das Gebäude übernommen. Aus dem Bankgebäude sollte eine Stadtbücherei werden, in der sich bildungsbeflissene Bürger Literatur ausleihen können. Diese Bücherei, die vorher nur provisorisch in einem anderen Gebäude in der Nähe untergebracht war, konnte 2020 eröffnet werden. Das Gebäude hat sich dafür als ausgezeichnet geeignet erwiesen. Und irgendwie stimmt die Allegorie der Sparsamkeit, die darüber thront, immer noch dazu, denn eine öffentliche Buchausleihe ist schließlich eine sehr preisgünstige Art, sich literarisch zu bilden. (DD)

Symbolismus für das Gaswerk

Industrialisierung, Wohlstand und Technik. Darauf war man vor Zeiten noch stolz. Jedenfalls kann man sich in unseren heutigen, von Fortschrittspessimismus geprägten Zeiten kaum mehr vorstellen, dass man eine profane Industrieanlage so voller Pathos künstlerisch zelebriert wie damals das neue Gaswerk von Michle (Michelska plynarna).

Die Skulptur, die eine modern-funktionalistische Ummauerung abschließt, stammt von keinem Geringeren als dem Bildhauer Ladislav Šaloun. Der gehörte zu den Großen seines Fachs im Lande und hatte 1915 sein gigantisches Denkmal für Jan Hus auf dem Altstädter Ring aufgestellt, das so etwas wie einen Status als Nationalmonument in Tschechien innehat. Nur dieses Mal ehrte der Künstler keinen Religionsreformator und Nationalhelden, sondern eben ein Gaswerk. aber auf das war man eben damals auch stolz!

In Teilen von Prag wurde bereits in den 1840er Jahren Straßenbeleuchtung mit Gaslicht eingeführt (wir berichteten hier). Ab den 1860er Jahren begann man in Städten Žižkov, Holešovice und Smíchov, die damals noch nicht zu Prag gehörten, mit dem Bau von eigenen Gaswerken. In den 1920er Jahren waren diese – und andere! – Städte in die sich rapide vergrößernde Stadt Prag integriert, die ein enormes Bevölkerungswachstum erfuhr. Die bestehenden drei kleinen „Stadtteil-Gaswerke“ reichten nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken, zumal die Ansprüche an den Gaskonsum gewachsen waren. Es ging nicht mehr nur um Straßenbeleuchtung. Heizungen und Herde in den Wohnungen wurde zunehmend mit Gas betrieben und nicht mehr mit der luftverschmutzenden Kohle, die zu einem veritablem Problem für die Lebensqualität geworden war. Schon 1911 kaufte die Stadt Prag in Michle ein rund 190.000 m2 großes Areal zum Bau eines zentralen Gaswerks.

Der Erste Weltkrieg verhinderte erst einmal die Realisierung aller Pläne. Das alte Habsburgerreich ging, die Erste Republik kam. 1921 bis 1923 lief unter neuen Bedingen eine Ausschreibung, wer denn die Anlage auf dem Grundstück aufbauen und betreiben dürfe. Den Zuschlag bekamen am Ende das französische Unternehmen Compagnie des Compteurs und das englische Unternehmen West’s Gas Improvement Ltd, die beide für das recht aufwendige Projekt fusionierten. Die moderne Anlage wurde von dem Architekten Josef Kalous, der in den 1920er Jahren u.a. durch die hoch-avantgardistische Messehalle in Brno (Brünn) berühnt wurde – einem Meisterwerk des Funktionalismus. Die feierliche Eröffnung (zugegebenermaßen nur eines Teilstücks) erfolgte im März 1925. Die weiteren Bauabschnitte wurden 1927 bis1930 (was die Produktion auf 40 Millionen Kubikmeter pro Jahr steigerte) und 1941 bis 1944 eröffnet.

Die Eigentümer wechselten fortan öfters. Die französischen und britischen Investoren waren unter den Nazis nicht geduldet. Und unter den Kommunisten war alles Staatseigentum. Große kommunale Gaswerke wurden ab den 1960er Jahren überall – in Ost und West – immer mehr durch Verbundsysteme ersetzt. Diese Entwicklung ging auch an der Anlage in Prag nicht vorbei. Das Bewusstsein für die Problematik wurde unfreiwillig im Januar 1961 verstärkt, als ein 84 Meter hoher Gastank mit 147.000 Kubikmetern Gas Feuer fing und explodierte. Der Stadtteil musste wegen des ausbrechenden Feuers evakuiert werden. Nur dem Glück verdankte man, dass niemand ums Leben kam. Große Gastanks inmitten einer Stadt – nun ja… Auf jeden Fall: 1975 wurde hier in Michle die Gasproduktion eingestellt.

Die Tanks und Teile des Werks wurden nach und nach abgerissen. Verwaltungsgebäude blieben. Ein Teil des Gases für Prag kam nun aus einem Verbund. Ein kleineres Gaswerk wurde im etwas außerhalb gelegenen Horní Měcholupy erbaut. Das Areal gehört den seit Ende des Kommunismus wieder einem privaten Gasversorger, der Pražská plynárenská, die hier ihre Verwaltung für das Verbundnetz eingerichtet hat. Einige Bürogebäude sind auch an andere Firmen vermietet. Pražská plynárenská hat große Teile der Gebäude renoviert oder grundlegend umgebaut sowie neue Gebäude hinzugefügt. Behutsam hat man die neue Architektur an die funktionalistische Architektur der Ursprungszeit angepasst.

Und die wird immer noch durch die bronzene Skulptur am Eingang repräsentiert, die den sich über die Hauptstraße nähernden Besucher schon von weitem begrüßt. Das sehr pompös und ein wenig traditionalistisch daherkommende Kunstwerk wurde 1937 aufgestellt. Ladislav Šaloun war der wohl wichtigste Vertreter des Symbolismus und in der Tat handelt es sich hier um eines der Spätwerke dieses Kunststils. Wissenschaft und Arbeit (Věda a Práce), wie der Künstler das Werk betitelte, ist eine Allegorie, die eine Männergestalt mit nacktem Oberkörper (Arbeit) und eine Frauengestalt im Gewand (Wissenschaft) zeigt, die eine Fackel in der Hand hält. Letztere hielt nachts, wenn es dunkel war, einen besonderen optischen Effekt bereit. Aus der Fackel strömte nämlich eine helle Gasflamme, die die Umgebung erleuchtete. Das wird anscheinend nur noch selten vorgeführt.

Wie dieser Beitrag bereits andeutet, ist das Kapitel Gasversorgung durchaus eines der interessanteren in der Stadtgeschichte Prags. Es gibt seit 1999 ein kleines Museum, das über die Gasproduktion im allgemeinen und die Gasversorgung in Prag im speziellen aufklärt und unter anderem ein Modell der gesamten Anlage bereithält, wie sie im Jahre 1937 aussah, als Šalouns große Skulptur das erste Mal seine Gasflamme erleuchten ließ. Über das Museum werden wir vielleicht später berichten. Aber auch ohne das Museum ist das, was von der Anlage übrig blieb – zuvörderst die Allegorie! – schon eine veritable Erinnerung daran, wie sehr die Geschichte der Gasversorgung auch die Geschichte Prag geprägt hat, und dass die Prager einen gewissen Stolz für dieses Kapitel menschlichen Fortschritts in ihrer Stadt empfinden. Und so hat es sich Ladislav Šaloun auch nicht nehmen lassen, am Fuß der Säule mit der Skulptur das Stadtwappen Prags in Bronze zu verewigen. (DD)

Synomym für Luxus

Als es 1956 eröffnet wurde, galt es als das „Synomym für Luxus“ – was per se eine Seltenheit in den Zeiten des Kommunismus war. Und das Dům Módy (Haus der Mode) an der östlichen Hälfte des Wenzelsplatzes (Václavské náměstí 804/58) ist seither geblieben, was es war: Der Ort, wo man wertvolles Textil einkaufen kann.

Der Architekt Josef Hrubý hatte Glück gehabt. Ein Jahr vor dem Beginn der Planungen war Stalin gestorben. Das politische Tauwetter setzte allmählich ein. Kleine Freiräume im Bereich des Künstlerischen taten sich auf und niemand wurde mehr gezwungen, im realsozialistischen Zuckerbäckerstil (ein Beispiel dafür findet sich in Prag hier) zu bauen. Und so konnte Hrubý bei seinen Plänen wieder an der avantgardistischen Funktionalismus der Ersten Republik anknüpfen. So steht nun neben dem Pomp des alten Wenzelsdenkmals ein modernes Gebäude, dessen Fassade mit Panelen aus heimischem gelbem Granit und graubraunem Travertin klar strukturiert wird.

Drinnen gab es Technik vom Feinsten. Ein zentrales Ventilationssystem sorgte für gute Belüftung, eine automatische Feueralarmanlage und drei Hochgeschwindigkeits-Aufzüge für den Transport der Kunden zu den einzelnen Etagen. Dazu gab es noch ein Café. Ganz oben auf dem Dach wurde eine Dachterrasse eingerichtet, auf der bis heute Modeschauen veranstaltet werden. Vor allem, wenn man daran denkt, dass das Modehaus in kommunistsichen Zeiten entstanden ist, wirkt es auch heute noch ausgesprochen mondän.

Nun ja, ein wenig Realsozialismus musste man 1956 natürlich schon vorgeben. Dazu brachte man über dem Eckeingang ein Relief des Bildhauers Vladimír Janoušek an. Der dürfte möglicherweise darunter geltten haben, dass er das so machen musste. Janoušek war nämlich ein moderner Avantgardist und beeinflusst von Henry Moore. Er liebte die abstrakte Kunst definitiv mehr als den Brutalklassizismus des Stalinismus. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 galt er sogar als verfemter Künstler, der nicht mehr öffentlich ausstellen durfte.

Aber bei diesem Relief wird das glückliche Leben der (Textil-) Arbeiterklasse in naturalistischer Weise idealisiert, wie das damals halt so üblich sein musste. Trotzdem ist das Ganze irgendwie putziger (vielleicht sogar ironischer) als das sonst bei diesem Genre der Fall ist. Der Schäfer, der das blökende Schaf in den Armen trägt, konstrastiert in seiner Pastoralität mit einer modernen Textilverarbeitungsmaschine. Die wird wiederum von einer Frau mit Schutzbrille bedient. Die für „Realsoz“ so typische Verbindung von ideologischem Modernismus und reaktionärer Ästhetik wirkt hier so seltsam wie sie ja eigentlich auch grundsätzlich ist.

2019 wurde das Gebäude innen modernisiert. Wie es sich für ein Modehaus gehört, bleibt man modern. Der Kommunismus, unter dem es entstanden war, ist inzwischen passé. Und zur neuen, kapitalistischen Welt passt das Modehaus heute auch wesentlich besser. (DD)

Avantgarde für die Expo

Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: Das Tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel. Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat (Beispiele zeigten wir u.a. hier und hier).

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr (wir erwähnten ihn bereits hier), Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

Das Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungeschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist).Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat im das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln, wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen.

Aber die schöne Aussicht in eine Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich im dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden. (DD)

Wassermühle – auf die Renovierung wartend

Bevor mit Dampfkraft und Elektrizität die Industrielle Revolution auch in Böhmen vorangetrieben wurde, gehörte Wasser zu den hauptsächlichen Energieträgern im Wirtschaftsleben. Davon findet man auch in Prag noch viele Spuren – etwa die Löwitsche Wassermühle (Löwitův vodní mlýn) im Stadtteil Libeň (Prag 8)

Sie liegt unterhalb des barocken Schlosses von Libeň mit seinem Schlossgarten, von dem aus man das Gebäude gut sehen kann. Angetrieben wurde die Mühle einst von dem kleinen Fluss Rokytka, der nicht weit entfernt in die Moldau mündet. Der Fluss ist heute durch gerade Mauern kanalisiert und gebändigt. Als die Mühle noch in Betrieb war, gab es hier ein Wehr an einer künstlichen Insel, das das Wasser auf die Räder lenkte. Reste des Wehrs fand man im 19. Jahrhundert beim Bau des nahegelegenen Flushafens von Libeň. Die früheste Erwähnung der Mühle, die als Velký mlýn (Große Mühe) bekannt war, stammt aus dem späten 13. Jahrhundert, aber von dem mittelalterlichen Gebäude finden sich heute bedauerlicherweise keine Überreste mehr. Damals diente die Mühle wohl als Sägewerk.

Die ältesten Reste, die man noch im Untergeschoss finden kann, stammen aus dem späten 16. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Mühle von ihrem Besitzer Petr Vosovský zusätzlich um eine Lappenmühle zum Zerkleinern von Fasern für die Papierherstellung ergänzt. Außerdem versorgte sie als „Pumpstation“ das oberhalb gelegene Schloss mit Wasser. Die Mühle wurde im Dreissigjährigen Krieg fast völlig zerstört und 1651/52 wieder aufgebaut. 1662 kam die Mühle in den Besitz der Prager Altstadt. Während des Österreichischen Erbfolgekriegs wurde die Mühle abermals schwer beschädigt. Ihre heutige barocke Form verdankt sie im wesentlichen dem Wiederaufbau im Jahr 1747. Im Jahr darauf überließ die Stadt unter Auflagen die inzwischen mit sechs Rädern ausgestattete Mühle wieder einem privaten Besitzer namens Jan Souš. Bis tief ins 19. Jahrhundert gab es in der Folge unzählige Besitzerwechsel, die hier nicht aufgezählt werden. Zwischendurch betrieben die Mühlräder hier auch eine Kupfermühle.

Der große Wandel kam 1872, als man den Fluss kanalisierte. Der abgeleitete Mühlenarm wurde unterbrochen und die Mühlräder, von denen man heute nichts mehr sieht, abmontiert. 1883 ging das Gebäude in den Besitz des jüdischen Kaufmanns und geachteten Stadthonoratioren Joachim Löwit über, der hier eine Bäckerei aufmachte. Nach ihm ist die Löwitsche Mühle heute benannt, die ulkigerweise zu dieser Zeit schon gar keine Mühle im eigentlichen Sinne mehr war.

Löwits Erben verkauften die Mühle 1906 wieder an die Stadt. Das leitete einen langsamen Verfall ein,der sich unter kommunistischer Herrschaft 1950 beschleunigte, als man sie in ein Kartoffellager umwandelte. In den 1960er Jahren wurde es zum Requisitenlager des in der Nähe befindlichen Divadlo S. K. Neumanna (S.K. Neumann Theater), aus dem das heutige Divadlo pod Palmovkou (Palmovka Theater) hervorging, über das wir bereits hier berichteten.

2001 renovierte die Stadtregierung von Prag 8 das Gebäude gründlich, damit es einem Theaterverein für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden konnte. Daraus wurde nichts. Denn im nächsten Jahr kam die große das große Hochwasser von 2002, das die frisch renovierte Mühle völlig verwüstete. Der Stadtrat hat seither keine Mittel für die abermalige Renovierung aufbringen können. Trotz des Drucks, den ein engagierter Freundeskreis der Mühle, der sich für eine öffentliche Nutzung einsetzt, ist seither nichts geschehen. Pläne für eine neuerliche Elektrifizierung in Innenbereich wurden 2020 diskutiert, aber noch nicht realisiert. Immerhin wird es keine neue Flutkatastrophe geben, denn das Areal ist nun durch hohe flexible Staumauern, die bei Bedarf in Betonpfeiler (Bild rechts) eingehängt werden können, gesichert.

Von außen beitet die Mühle immer noch einen stattlichen Eindruck. Das Gemäuer wurde wohl im 18. Jahrhundert so stabil gebaut, das es weniger Schaden genommen hat als das Innere. Besonders der Eingangsbereich mit seinem auf zwei tuskischen Säulen ruhenden Balkon ist auffallend prachtvoll für ein solches Nutzgebäude. Der Eingang liegt heute unterhalb des Weglevels, was eine Folge der erwähnten Kanalisierung des Flusses durch hohe Deichmauern ist. Man kann das Gebäude teilweise umgehen. Besonders an der flussabgewandten Seite erkennt man, dass es sich im Grunde um zwei Gebäude handelt, die durch einen kleinen Innenhof getrennt sind – die große Mühle und ein kleineres Wohngebäude, das man im Bild oberhalb links gut erkennen kann. Man kann die doch recht abenteuerliche Geschichte dieses Gebäude, das ein schönes Stück Prager Wirtschaftshistorie repräsentiert, noch erahnen, wenn man den Ort besichtigt – hoffentlich irgendwann auch einmal von innen und im renovierten Zustand. (DD)

Moderne Schuhe, modernes Gebäude

Dass man auf den ersten Blick denkt, das sei lediglich ein relativ kommunes Gebäude aus den 1970er oder 1980er Jahren, bestätigt nur, dass es sich um ein echtes Stück Avantgarde-Architektur handelt. Denn das große Schuhgeschäft von Baťa (Obchodní dům Baťa) wurde bereits in den Jahren 1928/29 erbaut.

Heute kommt es einem angesichts der nüchternen funktionalistischen Architektur etwas fehlplatziert vor, aber damals nannte man das Gebäude sogar liebevoll Baťův palác – auf Deutsch: Baťa Palast. Neben dem Autobauer Škoda dürfte die Schuhfirma Baťa wohl weltweit die bekannteste Industriemarke der Tschechoslowakei bzw. Tschechiens sein. Die 1894 von Tomáš Baťa in der mährischen Stadt Zlín (damals noch Österreich-Ungarn) gegründete Firma weitete 1909 das Geschäft international aus. Die Idee, die ausländischen Filialen autonom zu organisieren, half dem Großunternehmen, den Ersten Weltkrieg (in dem man durch Militärstiefel viel Geld verdiente) und auch die Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg zu überstehen.

Unter dem Kommunismus wurde Baťa sogar in Svit umbenannt, genau wie die Stadt Zlín nach dem Statthalter Stalins Klement Gottwald in Gottwaldov umgetauft wurde. Außerhalb der Tschechoslowakei existierte die Firma aber weiter und wurde unter ihrem Originalnamen von aus Kanada gesteuert. Sie war weiterhin als die Marke bekannt und beliebt, die zu den ersten gehörte, die erschwingliche Qualitätsschuhe für die Massen produziert, und blieb wohl deshalb ein international erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen, das aber in der Wahrnehmung vieler Kunden immer noch als tschechoslowakisches Produkt war.

Ein Teil des tschechechoslowakischen Besitzes wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 restituiert und seither gibt es auch wieder das Familienunternehmen Baťa mit Hauptsitz im heimischen Zlín – wenngleich nicht mehr als Produzent, sondern als Vertrieb. Insgesamt gibt es aber 40 Produktionsstätten der Firma in 26 Ländern (nur eben nicht Tschechien, das kein Billiglohnland mehr ist). Dazu gehören 4600 Läden und 30.000 Mitarbeiter – ein tschechischer Weltkonzern!

In seiner tschechoslowakischen Blütezeit zwischen den Weltkriegen sah sich die Firma als Motor des Fortschritts. Der schicke Schuh in Industrieproduktion war eine soziale Tat, die mit Henry Fords Popularisierung des Autos für die Massen vergleichbar war. Dazu führte der Betrieb viele soziale Leistungen ein und die Arbeitsplätze waren auch in der Zeit der Wirtschaftskrise 1929, in der die Firma sogar wuchs, sicher. Dazu passte auch, dass repräsentative Bauten der Firma, die man in den Zeiten der Ersten Republik errichtete, ultra-modern und fortschrittlich gestaltet sein mussten – eine Frage des Images! Das strikt funktionalistische Hauptgebäude in Zlín, das Baťa-Hochhaus, das von 1936 bis 1938 von dem Architekten Vladimír Karfík gebaut wurde, ist das Primärbeispiel. Dank der Sozialwerke, der Arbeiterwohnungen und vielem anderen gestaltete Bat’a am Ende Zlín zur „ersten amerikanischen Stadt“ im Lande um, wie man stolz verkündte.

Und genauso modern sollte auch die wichtigste Verkaufsfiliale in der Hauptstadt der jungen Republik sein. Am unteren Teil des Wenzelsplatzes (Václavské nám. 774/6), der seit der Jahrhundertwende einen ungeheueren Modernisierungsprozess durchlief, entstand schon in den Jahren 1928/29 das von dem Architekten Ludvík Kysela entworfene siebenstöckige Großkaufhaus für Schuhe – ein Gebäude, das es in dieser Art zuvor im ganzen Lande noch nicht gegeben hatte, ja man rühmte es als eines der fortschrittlichsten Kaufhäuser in ganz Europa überhaupt.

Für das neue Gebäude wurde ein dreistöckiges klassizistisches Haus aus den 1830er Jahren abgerissen, in dem sich zunächst ein bekanntes Café („Boulevard“) befand, dem 1919 für eine Weile eine Kosmetikfirma folgte – bis dann die Firma Bat’a das Grundstück kaufte.

Kysela war in 1920ern viel damit beschäftigt, den Prachtboulevards der Umgebung einen modernistischen Anstrich zu geben. Zu seinen anderen Werken hier gehört unter anderen das 1929 fertiggestellte Dětský dům (Kinderhaus; ursprünglich ein Versicherungsgebäude) in der nahen Na Příkopě 583/15. Und dann ist das das unmittelbare Nachbargebäude, das Warenhaus des Schweizer Chocolatiers Lindt (Obchodní dům Lindt), das er schon 1927 fertiggestellt hatte. Das Bat’a-Haus wurde der Fassadenstruktur das Lindt-Hauses intelligent angepasst, was sich vor allem an den beiden obersten Stockwerken zeigt, die fast terrassenförmig nach hinten zurückversetzt wurden. So entsteht eine gewissen bauliche Harmonie in Vielfalt.

Das lockert die schon so streng wirkende riesige Stahl- und Glasfläche des Gebäudes geschickt auf. Durch die durchlaufende Glasfassade sieht man nur freischwebende Deckenstrukturen – eine Bautechnik, die zuvor nicht umsetzbar gewesen wäre. Auch innen kam man mit vergleichsweise wenig Stützpfeilern aus, was die werbewirkasame Sicht auf die Verkaufsflächen begünstigte. Das Stahlskelett macht es möglich. Der Funkionalismus in Kyselas Zeiten verdankte seine Entstehung neben ästhetischen Erwägungen auch den neuen technischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen. Drinnen war das Gebäude hypermodern eingerichtet, mit Rolltreppen und Aufzügen.

In den Zeiten des Kommunismus, als es Bat’a im Lande nicht mehr wirklich gab, erging es auch dem einst als Prunkstück des unteren Teils des Wenzelsplatzes gefeierten Bauwerks nicht gut. Im Erdgeschoss wurde 1978 auf der Seite zum Lindt-Haus ein Eingang der gerade eröffneten Metro Station Mustek durchgebrochen – und das, obwohl das Gebäude noch 1971 zum Baudenkmal erklärt worden war. Als der kommunistische Spuk vorbei war, begann man aber umgehend mit einer sorgfältigen Renovierung des nunmehr wieder dem Bat’a-Konzern gehörenden Gebäudes. Schon prangte wieder das originale 1920er-Jahre-Logo auf dem Dach und den Eingang (bzw. den Aufzug der Metro) verlegte man vor den „Palast“. So kann man heute wieder ein historisches Gebäude – links sieht man die Rückseite zum Jungmann Platz (Jungmannovo náměstí) – in fast originalem Zustand sehen, das überhaupt nicht „historisch“ aussieht, sondern so, als ob es ganz und gar neu sei. Das Bat’a Haus ist irgendwie jung geblieben. (DD)