Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Robuster Maschinenraum

So hübsch kann Industriearchitektur sein. Dieses Gebäude befindet sich in der Pernerova 635/57 (Ecke Šaldova) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Karlín entstand im 19. Jahrhundert und wurde neben Smíchov zu einem der wichtigsten Industriezentren Prags.

Es handelt sich um den Heiz- und Maschinenraum der damaligen Maschinenbau-Aktiengesellschaft vorm. Breitfeld, Danek & Co. aus der nach einer größeren Fusion mit anderen Unternehmen (siehe z.B. hier) im jahre 1927 die Firma ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk) hervorging – der größte Maschinenbauer Mitteleuropas. Die Firma wurde natürlich 1948 von den Kommunisten verstaatlicht und geriet nach dem Ende des Kommunismus in den 1990er Jahren etwas ins Schlingern. Sie zerlegte sich in kleine Einzelunternehmen, die aber seit 2004 teilweise wieder unter dem Namen Skupina ČKD Praha (Gruppe ČKD Prag) zusammengeschlosse.

Im Zuge dieses Prozesses wurde die Nutzung der Maschinenhalle durch die Firma eingestellt. Die war im Jahre 1898 nach den Plänen von Josef Rixy und Viktor Beneš in einem robusten Neorenaissance-Stil erbaut worden, der den Geist industrieller Kraft atmen sollte. Der zeigte sich durch die schwere Rustifizierung und die soliden Rundbogenfenster. 2004 wurde das nun funktionslose Gebäude von dem italienischen Architekten Claudio Silvestrini innen völlig umgebaut und enthält nun auf 1200 Quadratmetern Büros und größere Studios, unter anderem für die avantgardistische Architektengruppe Quarta. Als Machine House repräsentiert es den neuen Charme Karlíns als nunmehr gentrifiziertes Hip-Viertel Prags. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Sparsam mit Eule

Beim Sparen und beim Geldleihen und -verleihen sollten Weisheit und ein Denken an das langfristige Wohl für kommende Zeiten und Generationen im Mittelpunkt stehen. So könnte man den tieferen Sinn dieser Eule (das Weisheitssymbol der Antike) über dem Geborgenheit suchenden Säugling deuten, der aber schon die Last der Welt (-kugel) zu spüren beginnt.

Diese Intepretation würde zumindest dem ursprünglichen Zweck des Gebäudes in der Dukelských Hr 471/29 in Holešovice (Prag 7) entsprechen. Wie die goldenen Lettern über dem ersten Stock es bereits ausdrücken, residierte hier dereinst die Erste Bürgerunion in Holešovice-Bubny (První občanská záložna v Holešovicích-Bubnech). Das war eine der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Böhmen aufkommenden Spar- und Kreditgenossenschaften, die helfen sollten, auch die ärmeren Mitmenschen in die Lage zu versetzen, langfristig für sich selbst und ihre Zukunfts sorgen zu können.

Purer Jugendstil ist dieses Gebäude. Es wurde im Jahre 1910 von dem Architekten Alois Potůček erbaut. Heute ist hier im Erdgeschoss ein Metzger und kein Sparverein zu finden. Das Innere wurde 1937 und dann noch einmal in der 1960er Jahren gründlich umgestaltet. Aber die wunderhübsche Fassadengestaltung außen erinnert immer noch an den löblichen Ursprungszweck, der von dem damaligen Bürgersinn in Prag zeugt. Neben der Eule und dem Baby in vergoldetem Stuck oben unter dem Dachgiebel finden sich daher auch zwei schöne Wandmalereien, die das unterstreichen. Rechts ist es eine weibliche Allegorie auf Industrie und Handwerk (mit kleinen Maschinenzahnrädern) und links eine männliche Allegorie, die vor segelnden Frachtschiffen den Handel versinnbildlicht. Der Blick nach oben lohnt sich bei diesem Haus. (DD)

Ringhoffers Schlösschen

Wie sehr der Stadtteil Smíchov dereinst im 19. und 20. Jahrhundert von den Ringhoffer Werken geprägt wurde, war Gegenstand unseres letzten Beitrags. Die Waggonfabrik war einer der größten Arbeitgeber im ganzen Habsburgerreich und eine der Grundlagen für den Reichtum Prags zur Jahrhundertwende.

Aber eine Fabrik war in diesen Zeiten nicht nur eine Fabrik. Wie viele der recht paternalistisch eingestellten Industriellen der Zeit sorgte auch der Gründer des Industriekomplexes, Franz III. Freiherr von Ringhoffer, 1870 dafür, dass zum Fabrikgelände auch Arbeiterwohnungen (Arbeiterkolonie) gehörten. Und auch sein eigener Wohnort sollte möglichst nahe bei der Fabrik sein, damit er jederzeit nachschauen konnte, ob seine Leute auch anständig arbeiteten. Heutige Unternehmer würden sich wohl eher weiter entfernt im Grünen ansiedeln, nicht aber Ringhoffer.

Und so finden wir die Villa in der Kartouzská 20/7, in Prag 5 dort, wo früher (bis zur Einstellung der Waggonproduktion 1996) der Lärm der Industriearbeit unüberhörbar gewesen sein muss. Nun ja, und seit dem die meisten Fabrikhallen der 2001 eröffneten Shopping Mall Nový Smíchov zum Opfer fielen, wurde die Lage des Hauses nicht besser. Es ist heute eng bedrängt von modernen Büroblöcken und führt direkt neben einer lärmigen Hochstraße (Zubringer) ein wahres Schattendasein. Man muss sich den Blickwinkel für ein schönes Photo (wie oben im großen Bild) sorgfältig aussuchen, damit es nicht ein wenig arg grauselig ausschaut (wie im Bild oberhalb rechts).

Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Industrieller, der etwas auf sich hält, hier noch wohnen möchte. Aber damals, als es erbaut wurde, war es sozuagen der­ni­er cri. Anstelle eines klassizistischen Gebäude, das um 1870 erbaut worden war, wurde auf Geheiß der Ehefrau des Besitzers, Freiin Franziska (genannt: Fanny) Elizabetha Karolina von Ringhoffer, geborene Freiin Klein von Wisenberg, im Jahre 1900 eine Villa erbaut, die fortan an als das Schlösschen der Baronin Ringhoffer (Zámeček Baronky Ringhofferové) in die Geschichte einging. Und wegen des hübschen Türmchens an der Nordseite sieht die Villa, die im Übrigen durchaus bescheiden und wohnlich dimensioniert ist, tatsächlich wie ein kleines Schloss aus.

Aber das ist nicht das Besondere daran. Es handelt sich nämlich um eines der allerersten Gebäude im Jugendstil, die überhaupt in gebaut wurden. Und entworfen wurde es von keinem geringeren als Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten), dem vermutlich bedeutendsten Architekten des Jugendstils in Prag. Typisch für die Frühphase des Jugendstils war die asymmetrische Struktur des Gebäudes, die immer noch besticht. Polívka wirkte wohl auch bei der Planung einiger der umgebenden Fabrikhallen mit, so dass zwischen Villa und Fabrik eine gewisse Stileinheit herrschte, die heute leider nicht mehr erkennbar ist.

Als die Ringhoffer Werke 1946 verstaatlicht wurden (unter anderem weil Hans, der Enkel von Franz III., sich unter den Nazis an jüdischem Eigentum bereichert hatte), begann der Niedergang des Schlösschens. Eine zeitlang existierte hier ein medizinisches Zentrum. Ansonsten vergfiel es langsam – so wie viele historische Denkmäler in den Zeiten des Kommunismus. In den Jahren 2005/06 wurde das inzwischen wieder privatisierte Gebäude grundlegend renoviert. Als Villa zum Wohnen für die Reichen und Schönen kann es aufgrund der lärmigen Lage wohl nicht mehr dienen, weshalb sich heute nur noch Büros darin befinden. Und als Arbeitsplatz kann man sich das Ganze schon gut vorstellen. (DD)

Ringhoffers Fabrikhalle (mit Gedenktafel)

Im 19. Jahrhundert wurde Böhmen das Kernland der Industriellen Revolution im Habsburgereich. Und Prag wurde einer der Motoren der Entwicklung. Mit kaum einem Namen verbindet man den Wirtschaftsaufschwung so sehr wie mit dem von Franz II. Ringhoffer.

Der transformierte die von seinem Großvater gegründete Kupferschmiede 1852 in eine große Maschinen- und Wagonbaufabrik um. Die Werkanlagen der Ringhoffer Werke befanden sich nun in Smíchov, wo riesige Produktionshallen entstanden. In den 1870er Jahren wurden hier bis zu 3500 Wagons pro Jahr gebaut. Über 2000 Arbeitern ermöglichte er hier den Broterwerb. 1861 wurde er gar zum Bürgermeister von Smíchov (das erst 1909 Stadtteil von Prag wurde) und 1864 in den Böhmischen Landtag gewählt. Als er 1873 starb, kam posthum noch der erbliche Adelstitel eines Freiherrn dazu.

Von dem profitierte sein Sohn Franz III. Freiherr von Ringhoffer, der die Firma in dem Moment erbte, als die große Wirtschaftskrise von 1873 ausbrach. Mit einer Kombination von Einsparungen und strategischer Expansion schaffte es die Firma unter ihm, am Ende sogar größer als vorher zu werden. Und unter ihm entstand auch die einzige sichtbare Erinnerung an die Industrieanlagen, die einst in Smíchov standen. Zunächst einmal ging alles gut. Franz IV. Freiherr von Ringhoffer wandelte die Firma 1909 in eine Aktiengesellschaft um; 1935 fusionierte man mit den Tatra Autowerken und hieß nun Ringhoffer-Tatra-Werke. Aber dann beging sein Nachfolger Hans Freiherr von Ringhoffer die Schandtat, sich die von den Nazis 1939 zwangsenteignete Agrarmaschinen-Firma Bächer, die jüdischen Besitzern gehört hatte, anzueignen. Seine Verhaftung (er starb 1946 in einem sowjetischen Lager) und die Verstaatlichung der Firma waren die Folge. Unter dem Namen Tatra produzierte man in Smichov unter dem Kommunismus noch Straßenbahnen – wie etwa den oben im großen Bild gezeigten Typ Tatra T3, der ab den 1960er Jahren gebaut wurde. Nach dem Ende des Kommunismus und der Privatisierung (heute als Teil von Siemens) wurde die Produktion aus Prag wegverlegt. Die Gegend, wo die Fabrikhallen standen, verkam langsam aber sicher.

In den Jahren 1999-2001 begann das Areal wieder aufzublühen, weil es zum Einkaufzentrum wurde. Die Shopping Mall Nový Smíchov (mit 4D-Kino und allem Drum und Dran) gehört zu den größten in ganz Tschechien. Fast alle Werkgebäude wurden dafür abgerissen. Immerhin ließ man ein Gebäude stehen und integrierte es in den neuen Shopping-Komplex als Modegeschäft. Es macht sich dabei ganz schmuck.

Diese überlebende Halle entstand um 1906, als Franz III. Freiherr von Ringhoffer noch die Firma führte. Man erkennt genau, dass damals der Jugendstil dominierender Modetrend in der Architektur war. Möglicherweise wurde das Gebäude sogar von einem der ganz großen unter den Prager Architekten dieses Stils mit entworfen, nämlich Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten). Gesichert ist das aber nicht, aber Polívka war so etwas wie der Leib-und-Magen-Architekt der Ringhoffers, der auch den privaten Familiensitz in Prag gestaltet hatte. An vielen Plänen für Fabrikhallen war er zumindest beteiligt. Das Gebäude ist nur noch von außen so erhalten, wie es 1906 aussah. Innen wurde es entkernt, um dem Bedarf des Ladengeschäfts zu entsprechen, der nun einmal keine Eisenbahnen mehr baut. Immerhin hat sich der Innenarchitekt bemüht, ein wenig Industriehallenathmosphäre aufkommen zu lassen.

Und der Rat des Stadtteils von Smíchov hat die Gelegenheit,die dieses Gebäude bietet, immerhin genutzt, um den Firmengründer Franz II. Ringhofer zu ehren. Seit dem Mai 2018 befindet sich nämlich auf der Fassade der Halle eine Gedenktafel, die feierlich vom Stadtteil-Bürgermeister eingeweiht wurde.

Deren Text fasst (hier in Übersetzung) zusammen, warum man den großen Unternehmer heute noch als einen Gründervater der Prosperität Prags im allgemeinen und Smíchovs im speziellen feiert: „Franz II. Ringhoffer, 18.4.1817 -23.3.1873 Bürgermeister von Smíchov (1861-1865) und Mitglied des Tschechischen Landrates. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gründete und erbaute er an diesem Ort ein weltbekanntes Fabrikgelände für die Herstellung von Eisenbahnwagons.“

Der Künstler, der die Tafel entworfen hat, ist der Maler und Bildhauer Jakub Grec. Das Design lässt die Technik, deren Pionier Ringhoffer war, wieder optisch aufleben, sieht das Ganze doch aus wie eine Werkbeschriftung aus dem 19. Jahrhundert, die sich zwischen zwei Eisenbahnpuffern befindet. (DD)

Hilferuf aus Halle 19

Normalerweise freut man sich, wenn einem verzweifelten Hilferuf die Hilfe schnell folgt. Als am 30. Juli 1968 – heute vor 52 Jahren – in der Moskauer Prawda der „Hilferuf“ von 99 Arbeitern der Halle 19 der Maschinen- und Automobilbaufirma Praga im Stadtteil Vysočany (Prag 9) erschien, wünschten sich wohl nur wenige Bürger der Tschechoslowakei die „Hilfe“, die dann keine drei Wochen später tatsächlich kam. Am 20. August marschierten Truppen des Warschauer Paktes in das Land ein, um den Prager Frühling und die damit verbundene Liberalisierungspolitik im Lande zu beenden. Mit der gerade errungenen Freiheit war es Dank dieser „brüderlichen Hilfe“ erst einmal für viele Jahre vorbei.

Die neuen Machthaber feierten die 99 Arbeiter der Halle 19 (Hala č. 19) als Helden. Eine große Plakette zu ihren Ehren wurde am Firmentor angebracht – die allerdings 1989 zusammen mit dem Kommunismus verständlicherweise wieder verschwand. Den Brief umgeben viele Mythen. Die Initiatoren hatten ihn wohl gar nicht an die Prawda nach Moskau, sondern an das Zentralkommittee tschechoslowakischen Kommunistischen Partei schicken wollen, um ihre Ablehnung jedweder Aufweichung der bisherigen streng sowjetkommunistischen Linie auszudrücken. Insbesondere äußerten sie ihre Besorgnis, darüber dass die Reformer darüber diskutierten, ob man in der Tschechoslowakei noch sowjetische Truppen und den Warschauer Pakt brauche.

Aber der Brief war genau das, was man in Moskau hören wollte: Die Arbeiterklasse schien weiterhin vom großen Bruder in Moskau vor jeglicher bürgerlichen Tendenz beschützt werden wollen. Das war eindeutig Unsinn. Die 99 repräsentierten schon rein numerisch nicht einmal ansatzweise die 4500 Arbeiter der Firma, geschweige denn, die gesamte Arbeiterklasse. Meist waren es kleinere Kader der Partei. Aber in den gleichgeschalteten Sowjetmedien wurde es als der langersehnte Ruf des Volkes verbreitet, dass eine militärische Intervention von der arbeitenden Klasse in der Tschechoslowakei sehnlichst herbeigewünscht wurde. Der Vorwand war da, die Tat folgte.

Die Halle 19 und ihr Umfeld sehen heute recht verfallen aus. Die Praga-Werke wurden privatisiert und 2006 an eine britische Firma verkauft. Sie schrumpften sich erst einmal halbwegs gesund. Die Autoproduktion wurde vorläufig eingestellt, man fokussierte sich auf die Zulieferung von Flugzeugteilen. Immer mehr Hallen des riesigen Komplexes – darunter eben auch Halle 19 – standen leer und verfielen langsam. Wenige Menschen, die an die Zeit der Repression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zurückdenken, werden darüber allzu sehr trauern. Und die 99 Helden von damals stehen heute eher als Verräter da.

Trotzdem wurde Halle 19 im Jahre 2005 unter Denkmalschutz gestellt, denn das Gebäude hat neben dem zeithistorischen auch einen architektonischen Wert. Es wurde 1942 von den Architekten Franz Anton Dischinger und Ulrich Finsterwalder für die Flugzeugfirma Junkers erbaut. Beide waren die Pioniere der Spannbetonweise, die neue Formen von Tonnengewölben und Kuppelschalen ermöglichten und für die leichte Kombination von Glas, Stahl und Beton berühmt wurden. Das, was man bei Halle 19 als Oberlichtkonstruktion sieht (großes Bild oben), ist heute fast schon gewöhnlicher Standard, damals bedeutete es eine Innovation ersten Ranges. Dass das Gebäude so der deutschen Kriegswirtschaft diente, macht sein historisches Erbe nicht leichter – vor allem wenn man dann das des Briefes der 99 Arbeiter von 1968 dazurechnet. Aber es ist eben auch ein Denkmal der Industriearchitektur und als solches durchaus erhaltenswert. Öffentlich zugänglich ist das Innere zur Zeit nicht. Ab und zu finden dort Dreharbeiten für Filme statt. Eine Infotafel an dem am Gebäude vorbei führenden Wanderweg macht auf die am Ende doch zumindest spannende Geschichte der Halle 19 aufmerksam. (DD)

Preisgekrönter Bankpalast

Es ist eines der ersten Gebäude in Prag mit Stahlbetondecken und Flachdach. Und nicht nur innovativ, sondern auch ein wenig protzig-monumental wollte der Wiener Bankverein seine Filiale hier haben. Deshalb heißt das riesige vierstöckige Haus der Bank in der Na Příkopě 390/3 (Altstadt in der Nähe des Wenzelsplatzes) auch Palast des Wiener Bankvereins (Palác Vídeňské bankovní jednoty).

Erbauen ließ man es von dem Architekten Josef Zasche in den Jahren 1906-1908. Im Jahre 1910 erhielt der Architekt für seinen Entwurf des Bankhauses den Preis für das beste und modernste Gebäude in ganz Österreich-Ungarn im Zeitraum 1900-1910. Das ist gewiss eine Ehre, vor allem wenn man sieht, wieviele bedeutende Werke der modernen Architektur in dieser Zeit in Prag alleine erbaut wurden

Mit Granit ist die Fassade überzogen und dahinter befindet sich eine Stahlkonstruktion, die mit Ziegeln ausgefüllt ist. Das war Technik auf neuestem Stand.

Entsprechend modern war auch der künstlerische Stil, ein in Art Dèco und Expressionismus übergehender Spätjugendstil. Heutzutage fällt das Gebäude vielleicht dem normalen, an die strenge Funktionalität von Architektur gewöhnten Betrachter nicht mehr als etwas so Besonderes auf, aber damals betrat man in Prag hier echtes Neuland in Sachen moderner Architektur..

Und dann ist da noch die skulpturale Ausschmückung. Oben auf dem Tympanon des Daches stehen zwei Statuenpaare mit je zwei Männergestalten, die jeweils das Logo der Bank tragen. Sie sind aus Bronze und nehmen ein wenig den Brutalklassizismus der späten 1920er und 1930er Jahre vorweg.

Direkt darunter sind die Fenster des obersten Stockwerks von einer bronzenen Relieffläche umgeben, die allegorische Szenen aus dem Wirtschaftsleben zeigen. Der untere Teil des Gebäudes ist hingegen sehr schlicht gehalten; nur die Platten und die angedeuteten Pilaster strukturieren die Fassade.

Erst beim Eingang findet man wieder Skulpturen. Die beiden archaisch anmutenden steinernen Gestalten, die den Eingang als Karytiden rahmen, sind wahrscheinlich das, was den Passanten am ehesten an diesem Gebäude auffällt – für alles andere muss man sich den hals verrenken und weit nach oben schauen. Die beiden bärtigen Männer haben je zwei Greifvögel zwischen den Beinen stehen. Die tiefgründig daherkommende Symbolik dahinter bleibt ein wenig rätselhaft, aber das Ganze wirkt schon sehr bezwingend.

Die gesamte skulpturale Ausstattung stammt übrigens von dem damals sehr bekannten und prominenten Wiener Bildhauer Franz Metzner, dem die Welt unter anderem die Skulpturen am Völkerschlachtsdenkmal in Leipzig verdankt. (DD)

Das Leben in Jugendstil

Im Jahre 1905 eröffnete der Geschäftsmann Ondřej Dörfler hier in der Na Příkopě 391/7 in der Nähe des Wenzelsplatzes sein Kaufhaus. Das existiert schon lange nicht mehr, aber geblieben das passend U Dörflerů genannte Gebäude. Es ist ein kleines Meisterwerk des Jugendstils.

Erbaut wurde das Haus von dem Baumeister Matěj Blecha, der das Areal um den Wenzelplatz zu Beginn des 20. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmt hatte (siehe u.a.früherer Beitrag hier).

Die Entwürfe für das Haus stammten vom Architekten Jiří Justich, der wiederum ein Schüler des damals sehr berühmten österreichischen Architekten Friedrich Ohmann war (siehe u.a. früheren Beitrag hier), dem Prag etlich bedeutende Gebäude verdankt.

Der eigentliche Held im Stück war jedoch der Bildhauer Karel Novák. Ihm verdankt man die Stuckarbeiten der Fassade vom ersten Stock an. Seine thematisch und künstlerisch stringente Gestaltung kommt schon deshalb so schön zur Geltung, weil das Ganze nicht überladen wirkt, sondern geschmackvoll dezent – aber dennoch prunkvoll. Schon weil der Stuck fast ausschließlich in weiß und einem zurückhaltenden grau gehalten ist, können die Vergoldungen, die dazwischen eingefügt sind, sich besonders wirkungsvoll entfalten.

Das Leben ist das eigentliche (und im Jugendstil sehr beliebte) Thema. Oben auf dem Giebel symbolisiert eine Urne das Ende, aber darunter sind zwei Lebenssymbole miteinander verwoben. Da findet sich direkt unter dem Giebel gleich zweimal der Baum, als vom Wind gebeugter Lebensbaum gedacht. Das entsprach dem in dieser Zeit populären vorchristlich inspirierten Mystizismus (siehe großes Bild oben).

Darunter sieht man Pfauen, wobei deren Körper sich so um die Fensterrahmung winden, dass sie auf den ersten Blick schwer erkennbar sind, und anscheinend von oberflächlichen Betrachtern oft mit Fischen verwechselt werden. Der Pfau wiederum ist in der christlichen Mythologie ein Symbol der Unsterblichkeit. Die Pfauen sind sicher der auffälligste Teil der Stuckgestaltung.

Daneben gibt es noch einige typische Jugendstil-Ornamente wie Kränze oder Girlanden. Aber Dörfler wäre ja kein guter Geschäftsmann oder Warenhausleiter gewesen, hätte er sich nur um Lebensphilosophie und Mystik gekümmert. Ein bisschen Werbung für sein Kaufhaus musste schon sein. Und so sieht man auf dem Gitter des Balkons auf dem dritten Stock das geschmiedete und vergoldete Firmenlogo – ein zierlich gestaltetes D, das natürlich für den Namen Dörfler steht. (DD).

Von der Seidenfabrik zum Schlösschen

Im Volksmund nennt man das Gebäude nur Vršovický zámeček, das „Schlösschen“ von Vršovice. Abgesehen davon, dass die bloßen Ausmaße die Verkleinerungsform nicht rechtfertigen, weil es die Proportionen eines ausgewachsenen Schlosses hat, stimmt es sowieso nicht. Dieses Gebäude diente nie als Herrensitz, sondern ist vielmehr der Beweis, dass im 19. Jahrhundert funktionale Produktionsstätten oft schmucker daherkamen als heute wichtige Repräsentationsbauten.

Das offiziell Rangherka genannte Gebäude, das majestätisch über dem Hauptplatz des Stadtteils (heute in Prag 10), dem Vršovické náměstí, thront, war ursprünglich nämlich eine bloße Seidenfabrik. Ende des 18. Jahrhunderts fand der aus der Lombardei eingewanderte Händler Giuseppe Rangheri, dass das Gelände außerhalb der damaligen Prager Stadtmauern, wo Wein- und Obstanbau betrieben wurde, sich dafür eigente, aus seinem bisherigen Hobby einen Beruf zu machen: die Seidenspinnerei. Er pflanzte zahlreiche Maulbeerbäume an und begann die Produktion.

Nach seinem Tod im Jahre 1832 übernahm sein Sohn Enrico das Geschäft und baute es nach neuen industriellen Maßstäben aus. Dazu erwarb er u.a. oberhalb der örtlichen Kirche des Heiligen Nikolaus (früherer Beitrag hier) und neben der Maulbeerbaum-Plantage seines Vaters ein Grundstück und baute dort 1842 ein großes zweistöckiges Fabrikgebäude auf, das der Seidenweberei und der Zucht von Maulbeerspinnern dienen sollte. Es ist leicht zu erraten, dass sich bei der Bezeichnung „Rangherka“ für das Gebäude um eine tschechisierte Benennung nach dem Erbauer handelt.

Enrico Rangheri starb jedoch 1857 und die Besitzer des Betriebs wechselten häufig. Es ging bergab und 1882 war dann Schluss. Die damals noch nicht zu Prag gehörende Gemeinde Vršovice (die Eingemeindung erfolgte erst 1922) kaufte Fabrik und Plantage. Der um Kultur und Stadtbild eifrig bemühte Bürgermeister Josef Herold ließ nach seiner Wahl im Jahre 1884 erst einmal die Maulbeerbaum-Plantage fällen und legte einen Park zur Erholung der Bürger dort an, der bis heute seinen Namen trägt, den Herold-Parks (Heroldovy sady). Der Park ist immer noch die „grüne Lunge“ von Vršovice.

1899/1900 kam dann das Fabrikgebäude an die Reihe. Etliche grundlegende Veränderungen gab es, zum Beispiel wurden die Türme an der Westseite abgerissen, die Fassade im Stil der Neorenaissance etwas vereinheitlicht und über dem Mittelrisalit ein sechseckiger Turm mit einem Altan errichtet. Dadurch sah die ehemalige Fabrik endgültig wie ein Schloss. Dieses diente nun öffentlichen Zwecken. Lange gab es drinnen eine Schule und auch zahlreiche Büros der Stadtverwaltung fanden hier ihren Platz. Ab 1974 wurde es Sitz des örtlichen Nationalkomitees, wie unter den Kommunisten die im Sowjetstil organisierte städtische „Selbstverwaltung“ hieß.

Nach dem Ende des Kommunismus suchte man nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Das Gebäude stand lange leer und verkam ein wenig. Aus dem Plan des Jahres 2002, dort ein Hotel einzurichten, wurde nichts. Die Stadt blieb darauf sitzen und beschloss, es dann selbst sinnvoll zu nutzen. 2010 bis 2013 erfolgte eine gründliche Sanierung mit Umbau. Seit 2014 dient es hauptsächlich als Altenpflegeheim. Daneben gibt es noch kleinere Büros für kleinere Verwaltungseinheiten und einen hübschen Hochzeitssaal. Das Altenheim trägt übrigens auch offiziell den Namen Vršovický zámeček… (DD)