Kinderhaus – dem Namen nach

Es war ursprünglich nicht als Spielzeugladen konzipiert und inzwischen ist auch keiner mehr drinnen. Trotzdem hat sich der Name Dětský dům (Kinderhaus) irgendwie gehalten. Daran, dass es sich um eines der bedeutenden Bauwerke des Funktionalismus aus der Zeit der Ersten Republik handelt, ändert das aber sowieso nichts.

Nahe des Wenzelsplatzes in der schicken Einkaufstraße Na Příkopě 583/15 steht das in den Jahren 1925 bis 1929 von dem renommierten Architekten Ludvík Kysela erbaute fünfstöckige Haus – eines von mehreren Projekten, die der Architekt in der näheren Umgebung realisierte (wie z.B. das Baťa-Haus am Wenzelsplatz). Besonders dem Erdgeschoss und dem ersten Stock sieht man an, wie sehr Kysela damals modernen amerikanischen Beispielen nacheiferte, die man zuvor nur von New York kannte.

Ursprünglich hieß das Gebäude Palác vzájemné pojišťovny Praha (Palast des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit). So eine Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ( vzájemná pojišťovna) ist eine Art genossenschaftliches Unternehmen, bei dem die investierenden Inhaber zugleich Versicherungsnehmer sind. Neben dem Versicherungsverein, der dem Haus bzw. Palast, wie man ihn „bescheiden“ nannte, den Namen gab, residierten hier noch einige andere Geschäfte und ein Café. Es gliederte sich dadurch ums besser in die umgebende Einkaufsmeile ein.

Die modernen Schiebefenster, die abgerundeten Scheiben an den Ecken und Eingängen (eine technische Neuerung!) und die metallisch gleißenden Geländer und Verkleidungen strahlten ein in Prag zuvor so kaum je gesehene Modernität aus. 1950 zog der Versicherungsverein aus und ein großes Kinderspielwarenhaus ein. Damit änderte sich der Namen in „Kinderhaus“.

Gleichzeitig gab es vor allem im Inneren etliche Umbauten zur Anpassung an den neuen Zweck, die stilistisch passend und einfühlsam durch den Architekten František Cubr ausgeführt wurden, der später durch das von ihm entworfene Tschechoslowakische Pavillon bei der Weltausstellung (Expo) in Brüssel 1958 Berühmtheit erlangen sollte. Das Kaufhaus wurde im Mai 1950 eröffnet.

Nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 geriet das Geschäft in eine wirtschaftliche Schieflage. Nach 2000 stand das Haus sogar eine Weile leer. Seit einiger Zeit ist es in Besitz eines Schweizer Immobilieninvestors, der es anscheinendend recht gut in Schuss hält. Im Erdgschoss befinden sich einige Modegeschäfte, in den Stockwerken darüber zahlreiche Kanzleien und Büros. Und kein Spielwarengeschäft für Kinder… Aber den Namen hat man dennoch nicht wieder geändert, weil er sich inzwischen einfach zu sehr eingebürgert hat. (DD)

Der Büropalast von Škoda

Škoda ist wahrscheinlich der weltweit bekannteste Industriekonzern Tschechiens und vor allem als Automobilhersteller bekannt. Dabei ist die Produktpalette viel breiter. Tatsächlich begann die von Emil von Škoda 1859 geründete Firma als Maschinenbauer. Autos kamen erst ins Spiel als Škoda 1925 die 1895 gegründete Firma Laurin & Klement aufkaufte, die schon 1905 erstmals ein Auto auf den Markt gebracht hatte, aber nun wirtschaftlich schwächelte.

Überhaupt waren die 1920er Jahre eine solche Blütezeit, dass sich der in Plzeň residierende Maschinenkonzern mit seiner Autofabrik in Mladá Boleslav ein großes Firmengebäude in der Hauptstadt Prag leisten konnte, das nicht ohne Grund Palast der Škoda-Werke (palác Škodových závodů) genannt wurde. Jedenfalls ist das Gebäude in der Charvátova 35/4 (Ecke Jungmannova) in der Neustadt geradezu protzig groß geraten. Er wurde auf rund 5000 Quadratmeter Grundfläche gebaut und bietet mit seinen 7 Stockwerken (mit zweistöckiger Mansarde für die Vorstandsetagen) rund 28.000 Quadratmeter Nutzfläche. Es gibt sieben Treppenhäuser und 14 Aufzüge.

Erbaut wurde der Palast (ein Bürokomplex mit Verkaufsräumen) in den Jahren 1925/26 von dem berühmten kubistischen Architekten Pavel Janák (siehe frühere Beiträge hier und hier), der es 1937 im gleichen Stil noch einmal erweiterte. Es handelt sich um ein typisches Werk des Spätkubismus, der den modernistischen Anspruch des Kubismus, durch reine geometrische Formen alle klassisch-traditionellen Ansätze in der Architektur aufzulösen, etwas relativiert. Die Fassaden sind durch Pilaster in einem klassizistischen „Rhythmus“ strukturiert, die vage an dorische Säulen erinnern (ohne ebensolche zu sein). Dieser klassizistische Rückgriff kontrastiert wiederum mit den modernen halbrunden Fensterstrukturen an der Westseite und natürlich mit der Stahlbetonkonstruktion des gesamten Gebäudes.

Janák ging hier also nicht ganz so weit wie in seinem direkt benachbarten Adria Palast (früherer Beitrag hier), der eine ganze eigene und nur in Tschechien existierende Sonderform des Kubismus repräsentiert, den Rondokubismus (ein anderes Beispiel hier), der mit kubistischen Elementen auf eine völlige Nachempfindung traditioneller Stile (im Falle des Adria Palasts die Architektur venezianischer Renaisancepaläste) abzielte. Der Škoda-Palast ist aber noch viel klarer als rein kubistisches Werk erkennbar.

Das Erdgeschoss, wo sich früher auf der Seite der Jungmannova die Schauräume für die Automobile befanden, kontrastiert mit seiner rötlichen Steinverkleidung der grauen Verputzung der restlichen Fassade. Erst dadurch gewinnt das im Kern auch ganz bewusst ein wenig an die Industriearchitektur der Zeit angelehnte Gebäude seine ästhetische Dramatik. Dieser Effekt wird durch die wuchtigen Eingänge mit ihren Portalen (von denen wiederum das an der Jungmannova das imposanteste ist) noch einmal verstärkt. Man sieht es im Bild oberhalb rechts).

Dieser Eindruck verstärkt sich noch einmal, wenn man durch das Portal geht. Hier wird der kubistische Geometrismus noch einmal in Reinkultur sichtbar. Allerdings bemerkt man bei der Aufschrift über dem Portal, dass man heute nicht mehr eine Zentrale der Firma Škoda betritt. Zwischen 1994 und 2004 residierte hier der Energiekonzern ČEZ (České energetické závody/Tschechische Energetische Werke). Seither hat die Eignergesellschaft die Stadtverwaltung der Stadt Prag eingemietet, die hier u.a. ihre Abteilungen für Kultur, Umwelt und Verkehr betreibt. Überhaupt ist das Gebäude immer noch vorzüglich für große administrative Einheiten nutzbar.

Auch die Nebeneingänge (Beispiel Bild rechts) spiegeln – in kleinerem Umfang – dieses kubistische Grundidee wieder.

Sollte die Stadt ein Interesse daran haben, dieses beeindruckende Gebäude noch schöner in seinem alten Glanze zu präsentieren, könnte sie bei der Dekoration oben auf dem Dach über dem Mittelrisaliten anfangen. Dort gab es anfänglich eine große Skulptur des kubistischen Bildhauers Otto Gutfreund mit zwei Statuen, die das Logo von Škoda (ein Pfeil mit Adlerflügel) umrahmten. Sie wurde leider bei Renovierungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Versehen verschrottet. Die Pläne des Künstlers existieren noch, so dass eine Wiederherstellung jederzeit möglich wäre. (DD)

Vom Schlachthof zum Kulturtreffpunkt

Betritt man die Prager Markthallen (Pražská tržnice) muss man an dieser Skulptur eines kräftigen Bullen, dem sich ein alter Slawe beigesellt hat, vorbei. Und darunter prangt das Wappen der Hauptstadt Prag. Das erinnert daran, dass der friedliche Markt dereinst einem anderen und blutigeren Zweck diente.

Die beiden Bullen, die von den berühmten Bildhauern Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hier und hier) und Čeněk Vosmík (hier und hier) geschaffen wurden, führen uns nämlich in das Areal des ehemaligen Zentralschlachthofes der Königlichen Stadt Prag (Ústřední jatka královského města Prahy). Deshalb auch das in Stein gemeißelte offizielle Wappen der Stadt auf dem Sockel der Statuen….

Ende des 19. Jahrhunderts brachte die Industrielle Revolution ein ungeheueres Wachstum der Bevölkerung – vor allem in den Städten – mit sich. Immer stärker professionalisierte Stadtverwaltungen versuchten, den neuen Gegebenheiten durch den Aufbau von Infrastruktur gerecht zu werden. Um die in Großstädten schon aus hygienischen Gründen problematischen Hausschlachtung der Vergangenheit einzudämmen, wurden Schlachthöfe angelegt; eine Idee, die aus Amerika kam. Hier konnte Fleischproduktion und -verkauf in industriellem Ausmaß betrieben werden.

So geschah es auch in Prag in den Jahren 1893 bis 1895 als die Bauunternehmer und Architekten Alois Elhenický und Josef Srdínko am Bubenské nábřeží, dem Moldauufer bei Holešovice (heute Prag 7), im Auftrag der Stadt das heute noch zu sehende Areal im damals modernen Stil der Neorenaissance bauten. Fast 30 Gebäude umfasst der Komplex, wobei einige davon mehrere Hallen umfassen. Dem wirtschaftlichen Zweck diente, dass sich hier zugleich Schlachthäuser und Großmarkthallen befanden. Für sie gab es Entladerampen. Um den Transport zu erleichtern, waren diese wiederum mit dem Eisenbahnsystem verbunden. Vom Bahnhof des nahen Ortsteils Bubeny führten Gleise in das Areal.

Auch sonst war man technisch up-to-date. Um gewisse Hygienestandards zu wahren, gab es ein eigenes, großzügig eingerichtetes Wasserversorgungssystem. Dessen Kernstück kann man immer noch bewundern, nämlich den quais zu mWahrzeichen der Anlage gewordenen Wasserturm des Prager Schlachthofs (Vodárenská věž Pražských jatek), ein Neorenaissance-Gebäude, das ebenfalls von Srdínko entworfen wurde. Da der Schlachthof 1920 an die normale öffentliche Wasserversorgung angeschlossen wurde, wird er seither auch nicht mehr für seien Ursprungszweck genutzt, sondern beherbergt heute Büros.

1932 wurden die Dampfheizungen durch ein zentrales Heizungssystem (das sich aus einem nahem Kraftwerk speiste) und die Gasbeleuchtung durch elektrisches Licht ersetzt. Moderne Ammoniak-Kühlhäuser sorgten dafür, dass das Fleisch auch frisch und gekühlt blieb. Auch der Zahlungsverkehr wurde 1919 modernisiert. Die Metzger- und Wurstwarengenossenschaft gründete dazu eine eigene Bank, die Řeznicko – uzenářská Banka, die bis 1942 existierte. Anhand ihrer Umsatzzahlen kann man sich ein Bild von der Größe des Schlachthofgeschäfts machen. Für das Jahr 1929 alleine konnten 73 Millionen Kilo Fleisch und 85 Millionen lebende Rinder zu einem Preis von 1.870.000.000 CZK verkauft werden.

Und so funktionierte es über lange Zeit. Erst 1983 wurde der Schlachtbetrieb beendet und beschlossen, die Anlage in Markthallen umzuwandeln. Ursprünglich sollte hier nur der Großhandel angesiedelt werden, aber inzwischen ist die Nutzung vielfältiger. Neben dem Großhandel findet man auch kleine Geschäfte, etwa ein Schuhgeschäft und eines für Gartengeräte.

Eine gewisse Attraktion ist der Asienmarkt, dessen Eingang man links sieht, und wo hauptsächlich Geschäftsleute der in Prag recht großen vietnamesischen Community ihre Waren anbieten.

Auch viele Firmenbüros haben sich hier angesiedelt. Einer der größten Online-Shops für Haushaltselektronik und Medien, alza.cz, hat hier seine Hauptgeschäftsstelle. Dienstleister wie eine Autowaschanlage finden hier ebenfalls. Auch Restaurants haben hier mittlerweile Einzug gehalten, was auf eine neuere Entwicklung hindeutet, nämlich der Markt als sozialer und kultureller Treffpunkt.

Schon etliche Jahre gibt es regelmäßig Bauernmärkte auf dem Areal. Andere öffentliche Veranstaltungen kamen dazu. 2020 fand hier zum ersten Mal großes Fest der tschechischen Kleinbrauereien Pivo v Tržnici statt; man sieht es rechts. Ein Spektakel! Und immer mehr reine Kulturveranstaltungen kommen dazu.

Der Trend verfestigt sich im wahrsten Sinne des Wortes in dem seit 1993 als Kulturdenkmal registrierten Areal. Es gibt nicht nur einen Tanzclub, sondern mit dem Rock Opera Theater hat sich auch ein großer und innovativer Spieler der Prager Kulturszene hier nunmehr angesiedelt. Das kommt nicht von ungefähr, denn trotz des ursprünglich so blutigen Zwecks des Gebäudekomplexes, ist die Architektur sehr geschmackvoll und ansprechend.

Das Gebäude der Verwaltung (kleines Bild rechts) sei erwähnt, an dem sich auch die oberhalb gezeigte klassische Büste befindet. So nett ist das Ganze, dass es 2012 sogar eine Diskussion unter den Stadträten von Prag 7 gab, ob man nicht hier ein neues Rathaus für den Stadtteil einziehen lassen könnte. Die Idee wurde aber am Ende fallengelassen. Am Boom des Ortes hat das nichts geändert. (DD)

Dem großen Ökonomen gewidmet

Wenn der Staat etwas Gutes tun will und zum Beispiel die Grundsteuer für reiche Wohnungsbesitzer erhöht, kann es sein, dass der Vermieter die Erhöhung auf die (möglicherweise armen) Mieter umschichtet, die nun eine höhere Miete zahlen. Gute Absicht, schlechtes Resultat! Steuerüberwälzung nennt der Volkswirt so etwas. Josef Kaizl hat alleine dafür, dass er dieses Phänomen erstmals systematisch erforschte und als Lösung ein möglichst für alle gleiches und einfaches Steuersystem vorschlug, verdient, dass man nach ihm in in Prag einen Park benannte.

Seine Ideen über Steuerüberwälzung legte er 1882 in seinem Buch Die Lehre von der Überwälzung der Steuern dar. Kaizl war ein höchst anerkannter Ökonom. Seit 1879 hatte er eine Professur an der Karlsuniversität inne. Sein zweibändiges Handbuch Finanční věda (Finanzwissenschaft) von 1888 blieb in den böhmischen Ländern lange ein Standardwerk. Darüber hinaus war er auch eine politisch bedeutende Figur im Lande. Als Mitglied der Jungtschechischen Partei (Mladočeši) – bisweilen auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt – wurde er 1885 Mitglied im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) der östereichischen Reichshälfte (Cisleithanien) des Habsburgerreiches. Über lange Zeit blieb er eine unumgehbare blieb Größe in der böhmischen Politik. Schließlich, in den Jahren 1898 bis 1899 war er sogar Finanzminister in der Regierung unter Franz von Thun und Hohenstein – ein Amt, das vor und nach ihm im Habsburgerreich kein Tscheche innehaben sollte! Mit seinem realistischen und gemäßigten Einsatz für mehr Rechte für die Tschechen im Reich wurde er zum Lehrmeister von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten der Ersten Tschechoslowakischen Republik, dessen Ideen Kaizls liberalem und demokratischem Nationalismus sehr ähnelten.

Der nach ihm benannte Kaizl Park (Kaizlovy sady) mit einer Größe von 1,6 Hektar wurde bereits 1901, dem Jahr des Todes des Ökonomen und Staatsmannes durch den Architekten Julius Krýs angelegt – was zeigt, welchen Eindruck Kaizl auf die Zeitgenossen gemacht hatte. Der Park liegt im Stadtteil Karlín (Prag 8) in Sichtweite der alten barocken Invalidenanstalt (Invalidovna), über das wir bereits hier berichteten. Das Gebäude kann man durch die Bäume ganz in der Nähe sehen und es trägt zum Reiz des Ortes bei.

1952 waren die Kommunisten in der Tschechoslowakei schon vier Jahre an der Macht. Erst dann merkten sie anscheindend, dass Kaizl ein waschechter Markttliberaler war, der um der ideologischen Reinheit Willen unter Kommunisten nicht Namensgeber eines großen Parks sein durfte. Man nannte die Grünanlage also in Haken Park (Hakenovy sady) um. Der Namenspatron war nun Josef Haken, ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921) in der Zeit der Ersten Republik. Das war ein weltanschauliches Kontrastprogramm erster Güte. In der Zeit des Kommunismus wurden einige kleinere Veränderungen an der Parkanlage vorgenommen. Vor allem wurde 1964 die recht nett anzuschauende Statue eines sitzenden Mädchens in der Parkmitte aufgestellt. Sie ist das Werk des Bildhauers Břetislav Benda, einem Schüler von Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der großen Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz.

Auch ein kleiner Teich, der in Beton gefasst ist, wurde im Park angelegt. Aber über die Jahre wurde der Park (auch nach Ende des Kommunismus) ein wenig vernachlässigt. Immerhin benannte man ihn schon 1991 in Kaizl Park um, um den großen Ökonomen und Staatsmann zu ehren. 2010 und 2011 renovierte man dann den Park grundlegend und legte teilweise neuen Baumbestand an.

Der Park ist nun eine schöne Ruheoase für die Bürger der Umgebung. Er passt sich auch gut in das prachtvolle architektonische Umfeld ein. Dieser Teil von Karlín ist von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägt, die vom wirtschaftlichen Auftsieg der damals noch außerhalb Prags liegenden Gemeinde zeugt, der Anfang des 20. Jahrunderts zu beobachten war.

An Kaizl selbst erinnert fast nichts in dem Park – außer dem Namen. Vielleicht könnte ihm doch irgendwann ein kleines Denkmal in seinem Park gewidmet werden. Wer so etwas sehen will muss daher entweder die Böhmerwald gelegene Kleinstadt Volyně besuchen, wo er 1854 geboren wurde. Dort errichtete man ihm schon 1903 (zwei Jahre nach seinem Tode) eine Gedenkbüste.

Wer in Prag seiner gedenken will, kann immerhin sein Grab besuchen, auch dem sich allerdings ebenfalls kein Portrait Kaizls befindet. Es ist aber ein sehr kunstvolles Grab an einem bedeutenden Ort, der Promenadengalerie des Nationalfriedhofs auf dem Vyšehrad. Das Grab wurde von dem bedeutenden Bildhauer Bohumil Kafka (kein Verwandter von Franz Kafka!) in einem symbolistischen Jugendstil gestaltet. Es stellt eine auf einem Steinsockel befindliche bronzene Engelsgestalt als Umarmung der Liebe und des Todes (Objetí lásky a smrti) dar. Der Engel soll dem Ausehen der Tochter Kaizls nachempfunden sein. (DD)

Silo mit Zukunft

Der Stadtteil Holešovice (Prag 7) war dereinst das rauhe Arbeiterviertel der Stadt. Doch in den letzten Jahren hat er sich in rekordverdächtig schneller Weise „gentrifiziert“ und gilt größtenteils als „cooler“ Distrikt mit ausgesprochen hohem Mietniveau. Kein Wunder, dass man hier in Sachen Bausubstanz auf enorme Kontraste stößt – besonders an den alten, längst nicht mehr in Betrieb befindlichen Hafengebieten am Moldauufer – so wie hier bei den Ruinen dieses alten Silos, dessen Aufpolierung möglicherweise nicht mehr weit in der Ferne liegt.

Wenn man am Ufer entlang spaziert, könnte man fast meinen, man habe eine kleine alte Ritterburg vor sich. Wie bewehrte Türme sehen die vier auf quadratischem Grundriss gebündelten runden Betonsilos aus. Und gekrönt werden sie durch eine archaisch aussehende Holzkonstruktion mit Spitzdächern, die auf die vier Silos gesetzt wurde, und ihnen ein wenig das modernistisch-brutale Äußere nehmen, die solchen Nutzbauten normalerweise innewohnte. Aber der erste und nur aus der Ferne glaubwürdige Eindruck täuscht. Das seltsam anmutende Gebäude wurde wohl erst in den frühen1960er Jahren erbaut. Und damals gehörte das umgebende Areal zum äußersten Südzipfel des Moldau-Hafens. Der Silo selbst war für Kies bestimmt, der hier verladen wurde

Der Holešovicer Hafen (Holešovický přístav) wurde in den frühen 1890er Jahren erst als Winterhafen eingerichtet, dann aber zwischen 1896 und 1910 zu einem veritablen Handelshafen ausgebaut. In dieser Zeit wurde die Moldau durch Begradigungen und etliche Schleusen bis zur Elbe schiffbar gemacht, so dass man von Prag aus per Schiff bis nach Hamburg kam und von da aus in die ganze Welt. Der Hafen boomte. Eine Eisenbahnverbindung wurde gelegt, die das Ladegut aus ganz Böhmen heranschaffte, wenn es nicht im ebenfalls florierenden Holešovice selbst produziert wurde. Während im Nordteil des Hafens noch etliche schmucke und denkmalgeschützte Gebäude an die alte Pracht erinnern, sieht man hier fast nichts mehr vom alten. Im Bild oberhalb rechts sieht man einen kleinen Rest eines gemauerten Kais, während auf dem gegenüber liegenden Ufer noch die Ruine kleinen Lagergebäudes blieb.

Denn: Nach dem verdienten Untergang des Kommunismus im Jahre 1989 zeiget sich, dass der ganze Hafenbetrieb im Prinzip unrentabel war. Der Hafenbetrieb (und natürlich der Betrieb des Silos) wurde in den 1990er Jahren eingestellt und es begannen unschöne Zeiten für das Areal, das letztendlich vergammelte und verfiel. Aber eigentlich ist eine schöne Uferlage doch ein toller Wohn- und Bürostandort. Und (modern umgebaute) alte Industriearchitektur ist ja seit einigen Jahren ausgesprochen en vogue unter trendigen Start-up-Unternehmern. Kurz: Es war absehbar, dass der Dämmerzustand, in dem sich das Areal befand, bald enden würde. Und so ist es. Schaut man von gegenüber liegenden Ufer herüber, sieht man, wie riesige noble Büro- und Apartmentkomplexe gleichsam wie Pilze aus dem Boden schießen.

Nur das südliche Areal mit dem Silo befand sich längere Zeit noch ein wenig im Dornröschenschlaf. Aber auch dessen Ende ist abzusehen. Denn der Silo liegt auf einem – heute zugegebenermaßen noch nicht besonders gepflegten – Grünstreifen, hinter dem zur Zeit ebenfalls Neubauten mit Flusssicht entstehen. Einer davon sind die Lighthouse Vltava Waterfront Towers, ein 2001 bis 2004 errichteter Büroturm (Bild rechts). Errichtet wurde der Komplex von dem 2021 verstorbenen Großinvestor Tamir Winterstein, der zu den wichtigsten Stadtentwicklern des modernen Prags gehört und sich als großzügiger Mäzen in der Stadt einen guten Namen erworben hatte. Und in dieser Eigenschaft wurde er auch bald aktiv, was das Areal um den Silo angeht.

Winterstein traf eine Abmachung mit der Stadtregierung, dass er hier einen großen Park anlegen wolle. Der sollte Ladislav Park (Ladislavův park) heißen. Warum, das zeigt schon eine der ersten Investitionen in der neuen Grünanlage, nämlich ein kleines Denkmal mit einer Inschrifttafel. Die ist Ladislav Winterstein gewidmet, dem Namensgeber des Parks, und trägt die Inschrift: „Ladislavův Park – Dieser Park wurde am 8. Juni 2005 eröffnet. Der Park wurde von Lighthouse Vltava Waterfront Towers in Zusammenarbeit mit dem Vltava River Basin SP, Prag 7 und der Stadt Prag gebaut. Der Park ist nach Herrn Ladislav Winterstein (1913-2000) benannt, der den Holocaust und die kommunistische Repression überlebte und der erste Konsul der Tschechoslowakei in Israel war.“ Es handelt sich, wie man möglicherweise dann doch beim Lesen errät, um den Vater des Investors.

Nur einige Meter entfernt wurde bereits bei der Eröffnung des Parks 2005 ein Spielplatz eingerichtet. Das Ganze nimmt langsam sichtbar Gestalt an, obwohl der Park noch nicht so recht vollendet wirkt. Womit wir wieder bei dem alten und seit langem ungenutzten Kiessilo sind. Der wirkt zwar imposant und könnte ein krönendes Schmuckstück des Parks sein, ist aber noch immer mehr oder minder eine Ruine.

Und das stört nicht nur den Gesamteindruck des Parks, sondern ist auch sonst schade, weil es sich gestalterisch umein recht originelles Stück Industriearchitektur handelt. Anderersteits ist, wie gesagt, so etwas im Augenblick schick, und außerdem lässt sich die Gentrifizierung mit ihren Wohltaten in dieser Gegend eigentlich nicht mehr aufhalten. Und in der Tat gibt es seit 2020 konkrete Pläne für eine Neugestaltung und neue Nutzbarmachung des Silos. Sie wurden von einem Team der Architektur-Fakultät der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze) vorbereitet, und sollen den Silo geradezu zur Dominanten des Parks machen.

Die runden Betonsilos selbst wären Aufstiegsmöglichkeit und Pfeiler für ein Restaurant, das hoch oben über der Landschaft thronte und eine phantastische Aussicht erlaubte. Dazu würde der hölzerne Aufbau innen entsprechend radikal umgebaut, aber in seiner äußeren Form weiterhin in seinen bisherigen Charakteristika erhalten bleiben. Man kann sich schon vorstellen, dass so etwas funktionieren würde. Und obwohl es sich ja um einen doch eigentlich profanen Nutzbau handelt, wären wohl die meisten bewohner und Besucher des Areal froh, den Kiessilo so in neuer Pracht wieder auferstehen zu sehen.

Die Lage auf hohen Betonsockeln wäre dabei nicht nur wegen der Möglichkeit, von oben eine schöne Aussicht zu genießen, äußerst praktisch. Sie würde auch die Sicherheit eines allfälligen Restaurantbetriebs garantieren. Denn wir befinden uns in einem durch Hochwasser gefährdeten Teil Prags. Das Hochwasser von 2002, das Verwüstungen in der Stadt anrichtete, ist noch in schrecklicher Erinnerung. Seither wurden der Hochwassserschutz verbessert und (zum Teil hypermoderne hochfahrbare) Schutzmauern gebaut. Der Silo liegt jedoch außerhalb dieser Mauern.

Aber die Betonkonstuktion des unteren Teils, die übrigens auf einer interessanten Konstruktion von achteckigen Betonplatten auf Stützen ruht, scheint wohl allen Widrigkeiten widerstehen zu können. Der Silo hat also vielleicht eine Zukunft, wenn die Pläne hoffentlich bald realisiert werden, und der Park (für den auch eine Tretbootanlegestelle und ein Picknickplatz geplant ist) wird dadurch mit Sicherheit zu wirklichem Leben erweckt. (DD)

Besser als die Burg: Die Brauerei Braník

Hier wurde er dereinst in gigantischen Massen gebraut, der gute tschechische Gerstensaft. Heute verfallen Teile des imposanten Gebäudes, andere sind renoviert und harren einer neuen Nutzung oder haben sie bereits gefunden. Nur das alte Wappen der Firma thront noch triumphierend über dem Ganzen, so wie bei der Eröffnung im Jahr 1900.

In diesem Jahr wurde eine Gesellschaft kleiner Brauer gegründet, um gemeinsam eine große Braustätte ins Leben zu rufen. In dieser Zeit fand in Prag in der Bierbranche eine Unternehmens-Konzentration statt, die den unzähligen Kleinbrauern zum Verhängnis zu werden drohte. Durch ihren Zusammenschluss traten sie dieser Entwicklung energisch entgegen. Es wurden 3000 Aktien zu je 200 Kronen ausgegeben, um eine neue Braugesellschaft zu finanzieren. Der Kurs der Aktie stieg schnell an. Als Standort für die neue Brauerei wählten sie den heute etwas heruntergekommenen kleinen Ortsteil Braník im südlichen Teil Prags aus. Zwei Jahre, im Jahre 1900, später war das für damalige Zeiten riesige Brauereigebäude, das nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmers Václav Nekvasil (wir begegneten ihm bereits hier) erbaut worden war, fertiggestellt. Die Lage wurde gewählt, weil sich direkt neben der neuen Brauerei schon seit 1882 ein kleiner Bahnhof befand, dessen Kapazität nun von zwei auf vier Gleise erweitert wurde, damit das gute Nass auch schnell zum Kunden geliefert werden konnte. Das trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Brauerei als einem der „großen Spieler“ im böhmischen Biergeschäft bei.

Das von Nekvasil entworfene und errichtete Gebäude (in der Údolní 212/1 in Prag 4) war ein Riesenkomplex in einem mit Elementen des Jugendstils angereicherten Neo-Renaissance-Stil, der in einer Rekordzeit von nur 14 Monaten fertiggestellt wurde. Auf der Moldau-zugewandten Seite befand sich ein großes Verwaltungsgebäude (Bild rechts); dahinter – wie auf einer Leine aufgezogen – die Reihe der Fabrikgebäude der Brauerei. Die Frontseite, die in den nächsten Jahrzehnten durch neue Bauten ergänzt wurde, sieht schon grandios aus. Der Schriftsteller und Autor des berühmten Romans vom Guten Soldaten Švejk, Jaroslav Hašek, bemerkte einmal dazu, dass „der Blick auf das Panorama der Brauerei Braník weitaus aufregender … als der Blick auf das Panorama der Burgstadt“ sei. Gut gesagt, und auf jeden Fall sieht man heutzutage zurecht das Brauereigebäude von Braník als ein Industriedenkmal ersten Ranges an (das natürlich seit langem unter Denkmalschutz steht, der 1992 noch einmal auf eine strengere Stufe erhöht wurde).

Und der Blickfang des Komplexes ist zweifellos das große Wappen oder, modern ausgedrückt: Logo, der neuen Brauerei, den man im großen Bild oben sieht. Es ist in Stuck am südlichen Eckturm angebracht. Dort liest man auch die offizielle Bezeichnung der Brauerei: Společenský pivovar pražských sládků (Gesellschaftsbrauerei Prager Braumeister), was aber ein bisschen kompliziert und geschäftsmäßig klingt, weshalb sich bald der Begriff Braník Brauerei (Branický pivovar). Das Stuckwappen an der Fassade ist übrigens ein richtiges Kunstwerk. Kein Geringerer als der damals überaus bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) hatte den Entwurf dazu erstellt. Aleš war mit dem „Inner Circle“ der Brauer gut befreundet und hatte das Design bei einem kleinen Schwatz mit den Brauern eben einmal auf’s Papier gebracht. Er bekam dafür auch nur die rein symbolische Summe von 100 Kronen. Es war eher ein Freundschaftsdienst, aber es war auch gut gelungen und fortan der Stolz der Brauerei. Es zeigt ein gekröntes Wappen mit Brauutensilien, das gerahmt ist von zwei Engeln. Darüber thront der tschechische Nationalheilige Wenzel. Dem Stil der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, gab es dem überaus modernen Industriebetrieb einen Hauch von tradionalistischem Image, der in Böhmen einfach zur Bierkultur gehörte.

Im Zeichen des Heiligen Wenzel gedieh die Brauerei. Neben dem Hauptbestseller, einem hellen Lagerbier des Pilsener Typs, differenzierte man sich immer mehr aus, etwa durch die Produktion dunkler und heller Biere im bayerischen Stil. Sie überlebte selbst die dunklen Zeiten von 1938 bis 1945 einigermaßen unbeschadedt. Aber dann, im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Schon im Juli wurde die Brauerei der Inhabergemeinschaft weggenommen und verstaatlicht. Da die Tschechen gerne Bier trinken, ganz gleich, ob der Kommunismus herrscht oder nicht, lief die Produktion weiter. Man konnte sogar die Geschäftspalette erweitern. 1958 hatten nämlich Forscher der Brauerei die gesundheitsfördernde Wirkung des Hefekonzenrats Pangamsäure (in Deutschland meist als Bierhefe verkauft) entdeckt und daraus ein Produkt entwickelt, dass sich heute weltweit in Massen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Lange Zeit war die Braník Brauerei die einzige Brauerei, die so etwas vertrieb und eine Art Marktführer in Sachen Pangamsäure-Tabletten.

Auch die scheußlichen Dinge im Leben gehen einmal zu Ende. So gottlob auch der Kommunismus im Jahre 1989. Technologisch und in Sachen Marketing hatte die Brauerei in den trüben Zeit arg an wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und es bestand Modernisierungsbedarf. Bis ins Jahr 1995 gingen die Umbauarbeiten, dann hatte man eine wirklich moderne Brauerei gemäß höchsten. Inzwischen hatte die Privatiserung eingesetzt. Der Staat fasste zunächst mehrere Brauereien (neben Braník auch die Großbrauerei Staropramen nebst einigen kleineren Brauereien) zu einer zusammen und privatisierte das Ganze als Aktiengesellschaft Prager Brauereien AG (Pražské pivovary a.s). Die bekannten Biermarken produzierten trotzdem unter dem neuen Dach unter eigenem Namen weiter. Und so wurde weiterhin in Braník das Bier von Braník gebaut – und zwar in Rekorddimensionen. 1.124 Millionen Hektoliter Bier waren es alleine im Jahre 2006. Zudem holte man sich noch von der japanischen Großbrauerei Asahi (die übrigens – man glaubt es nicht! – älter ist als die von Braník) die Lizenz, deren Bier für den hiesigen Markt zu brauen. Das war schön, aber auch zuviel. Die Brauanlagen gaben das nicht mehr her. Und so wurde 2007 die Produktion des Braník-Biers in die Brauerei Staropramen (Pivovary Staropramen), die ihre riesigen Produktionsanlagen im Stadtteil Smíchov hat und die größte Brauerei in Prag und die zweitgrößte in Tschechien ist. Da sich das technisch leicht machen ließ und man sowieso geschäftlich unter einem Dach, nämlich dem der Prager Brauereien AG, war, ließ sich das leicht bewerkstelligen. Innerhalb des Aktienkonzerns behauptet sich Braník-Bier immer noch hervorragend im Mittelklassesegment und gehört zu den meistverkauften Bieren im Lande. Ach ja, die Form der Zusammenfassung mehrer Brauereien mit anschließender Privatisierung als Aktiengesellschaft sollte ursprünglich die Übernahme tschechischen Bieres (das ja Gegenstand besonderen Nationalstolzes ist) durch ausländische Unternehmen verhindern. Das klappte aber langfristig nicht, denn Pražské pivovary wurde 2012 an eine amerikanische Großbrauerei verkauft. Aber das Bier wird immer noch in Tschechien auf tschechische Art produziert, weshalb der Nationalstolz dadurch bisher kaum angekratzt wurde.

Soweit, so gut. Aber da war doch noch das eigentliche, sensationelle und demkmalgeschützte Gebäude der Brauerei, das nun ein wenig nutzlos in der Gegend herumstand. Dem sind alle diese Transaktionen zunächst einmal nicht gut bekommen. Das Gelände wurde 2007 von einem Investor übernommen, der auch mit den nötigen Umbauten für neue Nutzungen begann. Aber das geht sehr langsam voran. Ein Unternehmen des Maschinenbaus residiert im alten Verwaltungsgebäude, das sowie am besten in Schuss war. Einige andere Firmen (viel davon im Bereich Eventmanagement tätig) haben Teile der früheren Produtionsstätten angemietet. Andere Teile harren aber immer noch der Renovierung und sehen von außen zumindest recht bemitleidenswert aus. Man kann nur hoffen, dass eine nutzungs- und fachgerechte Renovierung auch dieser Bauteile bald erfolgt, und dass hier wieder Leben einzieht. Es sind wohl auch Wohnungen in dem Komplex geplant.

Eine gute Nachricht gibt es auf jeden Fall zu vermelden. Solch ein Gebäude sollte ja nicht zu sehr zweckentfremdet werden. Es wurde ja im Dienste des Bieres gebaut. Seit 2016 befindet sich die Mikrobrauerei Moucha (was soviel wie „Fliege“ heißt) auf dem Gelände, die interessante Biersorten biete. Denn der Trend läuft heute in eine andere Richtung als damals im Jahr 1900, als die große Brauerei hier ihre Pforten eröffnete. Exklusives aus kleiner hauseigener Brauerei ist in Sachen Bier wieder en vogue. Das ist gewiss keine schlechte Botschaft aus Braník. (DD)

Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

Robuster Maschinenraum

So hübsch kann Industriearchitektur sein. Dieses Gebäude befindet sich in der Pernerova 635/57 (Ecke Šaldova) im Stadtteil Karlín (Prag 8). Karlín entstand im 19. Jahrhundert und wurde neben Smíchov zu einem der wichtigsten Industriezentren Prags.

Es handelt sich um den Heiz- und Maschinenraum der damaligen Maschinenbau-Aktiengesellschaft vorm. Breitfeld, Danek & Co. aus der nach einer größeren Fusion mit anderen Unternehmen (siehe z.B. hier) im jahre 1927 die Firma ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk) hervorging – der größte Maschinenbauer Mitteleuropas. Die Firma wurde natürlich 1948 von den Kommunisten verstaatlicht und geriet nach dem Ende des Kommunismus in den 1990er Jahren etwas ins Schlingern. Sie zerlegte sich in kleine Einzelunternehmen, die aber seit 2004 teilweise wieder unter dem Namen Skupina ČKD Praha (Gruppe ČKD Prag) zusammengeschlosse.

Im Zuge dieses Prozesses wurde die Nutzung der Maschinenhalle durch die Firma eingestellt. Die war im Jahre 1898 nach den Plänen von Josef Rixy und Viktor Beneš in einem robusten Neorenaissance-Stil erbaut worden, der den Geist industrieller Kraft atmen sollte. Der zeigte sich durch die schwere Rustifizierung und die soliden Rundbogenfenster. 2004 wurde das nun funktionslose Gebäude von dem italienischen Architekten Claudio Silvestrini innen völlig umgebaut und enthält nun auf 1200 Quadratmetern Büros und größere Studios, unter anderem für die avantgardistische Architektengruppe Quarta. Als Machine House repräsentiert es den neuen Charme Karlíns als nunmehr gentrifiziertes Hip-Viertel Prags. (DD)

Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

Sparsam mit Eule

Beim Sparen und beim Geldleihen und -verleihen sollten Weisheit und ein Denken an das langfristige Wohl für kommende Zeiten und Generationen im Mittelpunkt stehen. So könnte man den tieferen Sinn dieser Eule (das Weisheitssymbol der Antike) über dem Geborgenheit suchenden Säugling deuten, der aber schon die Last der Welt (-kugel) zu spüren beginnt.

Diese Intepretation würde zumindest dem ursprünglichen Zweck des Gebäudes in der Dukelských Hr 471/29 in Holešovice (Prag 7) entsprechen. Wie die goldenen Lettern über dem ersten Stock es bereits ausdrücken, residierte hier dereinst die Erste Bürgerunion in Holešovice-Bubny (První občanská záložna v Holešovicích-Bubnech). Das war eine der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Böhmen aufkommenden Spar- und Kreditgenossenschaften, die helfen sollten, auch die ärmeren Mitmenschen in die Lage zu versetzen, langfristig für sich selbst und ihre Zukunfts sorgen zu können.

Purer Jugendstil ist dieses Gebäude. Es wurde im Jahre 1910 von dem Architekten Alois Potůček erbaut. Heute ist hier im Erdgeschoss ein Metzger und kein Sparverein zu finden. Das Innere wurde 1937 und dann noch einmal in der 1960er Jahren gründlich umgestaltet. Aber die wunderhübsche Fassadengestaltung außen erinnert immer noch an den löblichen Ursprungszweck, der von dem damaligen Bürgersinn in Prag zeugt. Neben der Eule und dem Baby in vergoldetem Stuck oben unter dem Dachgiebel finden sich daher auch zwei schöne Wandmalereien, die das unterstreichen. Rechts ist es eine weibliche Allegorie auf Industrie und Handwerk (mit kleinen Maschinenzahnrädern) und links eine männliche Allegorie, die vor segelnden Frachtschiffen den Handel versinnbildlicht. Der Blick nach oben lohnt sich bei diesem Haus. (DD)