Wein unterhalb des Klosters

Prag ist, wie in diesem Blog schon öfters erwähnt wurde, nicht nur eine Bier-, sondern auch eine Weinstadt. Kaum eine Hauptstadt kann sich rühmen, soviele Weinberge innerhalb ihres Stadtgebietes zu beherbergen. Und einige haben eine lange Geschichte aufzuweisen. Das gilt vor allem für die Klöster, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit Landwirtschaft und Weinbau im großen Stil betrieben. Ein paar kleine Überreste davon kann man heute noch unterhalb des Klosters Strahov beobachten.

Heute ist der größte Teil des Areals, das sich von der Kleinseite hoch zum Burgviertel mit dem Kloster hinzieht, mehr oder minder eine öffentliche Parkanlage, von der aus man hoch zu den Aussichtspunkten des Petřínberges wandern kann. Sie erstreckt sich weit bis zur Hungermauer , einem von Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert erbauten Abschnitt der Stadtbefestigung. Das halbrunde Tal direkt unter dem Kloster hat jedoch ein wenig den Charakter der großen alten Nutzgartenanlage bewahrt und wird von kleinen Obstbäumen geziert.

Nähert man sich dem Kloster, dann sieht man zwei winzige kleine Weinberge, die nur noch einen schwachen, aber doch lebhaften Eindruck davon geben, was hier einst an Weinbau betrieben wurde. Das ist zum einen der direkt unter den Klosterterrassen gelegene Vinice pod Strahovským klášterem (Weinberg unter dem Kloster Strahov). Der ist so winzig wie idyllisch gelegen (großes Bild oben). Deshalb befindet sich auch mittendrin (vom Klosterhof oder von unten über die Úvoz-Straße erreichbar) eine Aussichtplattform, die einen grandiosen Blick auf Burg, Kleinseite und Altstadt erlaubt. 1143 begannen die im Kloster ansässigen Prämonstratensermönche mit dem Weinbau auf dem damals viel größeren Weinberg. Die Weinsorte, die hier heute angebaut wird ist die weiße Traube Hibernal.

Etwas weiter unten befindet sich parallel zur Außenmauer an der von der Kleinseite hochführenden Úvoz der Svatojánská vinice – zu Deutsch: Weinberg des Heiligen Johann; benannt nach dem böhmischen Heiligen Johannes Nepomuk. Er war ursprünglich Teil der großen Anlage von 1143 und seine Reben wachsen um das Gebäude herum, in dem ursprünglich die große Weinpresse stand. Das Prager Stadtgrünamt hat Weinberg und Gebäude 2011 restaurieren lassen, womit uns ein schönes Stück Geschichte erhalten geblieben ist. Schließlich haben die Mönche damals den Weinbau mit Eifer und großer Unermüdlichkeit betrieben. Immer wieder gab es Kriege – die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert, der Dreissigjährige Krieg im 17. Jahrhundert, der Österreichische Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert -, die mit der fast vollständigen Zerstörung des Klosterweinbergs endeten. Und immer wieder bauten die Mönche ihn wieder auf. Als im 19. und 20. Jahrhundert das Areal unterhalb des Klosters immer mehr zum öffentlichen Park wurde, schrumpfte der Weinbau auf die Größe zusammen, die man heute sehen und bewundern kann.

Der Ausstoß der beiden sehr kleinen Weinberge dürfte sehr gering sein und man kann den Wein nirgendwo öffentlich in Flaschen erwerben. Ab und an soll es Verköstigungen geben – wo und wann wissen die Eingeweihten. Wir bleiben dran! Aber es gibt ja noch mehr Weinberge in der Stadt, wo man gut bedient wird (frühere Beispiel u.a. hier, hier und hier). Und sonst kann man ja wieder auf das gute Prager Bier umschwenken, denn das liefert das Kloster bekanntlich auch vom Feinsten, wie wir schon einmal hier zu berichten wussten. (DD)

Wein de luxe

Prag – die Stadt der Weinberge. Das ist für die meisten Nicht-Prager, die bei der Erwähnung des Namens gleich an Bier denken, ein ungewohnter Gedanke. Aber, wie wir schon andernorts bemerkten, ist es gerade die reiche Weinkultur, die das Leben in dieser Stadt so lebenswert macht. Und wenn man die größte Luxusvariante davon sucht, muss man nur ein wenig aus der Stadtmitte herausfahren in den schönen Stadtteil Troja. Dort liegen Weinberg und Restaurant Salabka – ein wahrer Feinschmeckertempel.

Der Weinberg Salabka liegt in einem Areal, das auf eine lange Tradition des Weinbaus zurückblicken kann. Die meisten Weinberge in Böhmen entstanden im 14. Jahrhundert auf Anweisung Karls IV., der nicht zuletzt aus diesem Grunde im Lande noch als großer Herrscher verehrt wird. Der Weinbau in Troja (wo heute auch der Zoo liegt) wird allerdings schon im Jahre 1228 erstmals erwähnt, ist also mithin deutlich älter.

Der Weinberg Salabka (Adresse: K Bohnicím 2, 171 00 Praha 7) liegt ganz in der Nähe des anderen berühmten Weinbergs von Troja, dem von St. Klara (Vinice sv. Kláry). Einige der Gebäude darauf lassen sich bis ins 17. Jahrhundert datieren. Im 18. Jahrhundert gehörte das ganze Anwesen einem gewissen Jan Kašpar Salaba, der dem Weinberg letztlich bis heute seinen Namen gab.

Als 1948 die Kommunisten die Macht im Lande ergriffen, sah es erst so aus, als ob der Weinanbau auf der Salabka zerstört würde, aber Dank der Bemühungen des großen Önologen und Weinzüchters Vílem Kraus, der hier unter anderen eine ursprüngliche Riesling-Variante fand und wiederherstellte. In den Jahren 1953 bis 1955 wurde hier wieder der Weinbau vollumfänglich aufgenommen und es wurden neue Weinsorten – teilweise aus Frankreich – angesiedelt.

Und heute? Flächenmäßig ist Salabka mit 3,9 ha Anbaufläche der größte der Prager Weinberge, versehen mit einem reichen Blumenstrauß an verschiedenen Rebensorten. Schaut man von oben – das heißt dem modernen Stadtteil Bohnice – auf ihn herab, erschließt sich erst der Umfang. Umrahmt von Botanischem Garten und Moldau kann man von hier bis zur Burg auf dem anderen Moldauufer blicken.

Weinberge besucht man in Regel aber nicht nur zum Anschauen, sondern um darin einzukehren. Hier, so sei vorab gesagt, empfiehlt es sich (a) zu reservieren und (b) eine prall gefüllte Geldbörse bzw. reichlich gedeckte Kreditkarte mitzunehmen. Das Restaurant Salabka serviert nicht nur die feinen, von Winzer Tomáš Osička betreuten Weine des Anwesens, sondern gehört zu den Spitzenbetrieben der Prager Gastronmomie – inklusive lobender Empfehlung beim Guide Michelin. Chefkoch Petr Kunc sammelt internationale Auszeichnungen nur so. Es gibt nur eine kleine Speisekarte mit 2-3 Menus – ein Zeichen dafür, dass hier wirklich frisch gekocht wird.

Der Stil ist eher französisch, man erwarte hier also nicht typisch Tschechisches. Die Homepage macht auch klar, dass es kein Touristenlokal ist – auch in Sachen Dress Code: Ein Outfit in Smart Casual ist der Mindeststandard, den man von Gast erwartet. Und dass es nicht gerade billig ist, wurde bereits gesagt. Dafür entfachen die Menus, die in einem endlosen Strom kleiner Speisen serviert wird, ein wahres kulinarisches Feuerwerk. Alles ist raffiniert zubereitet und wird raffiniert präsentiert. Man erlebt einen Rundum-Sinnengenuss.

Dazu kann man sich eine passend ausgesuchte Weinfolge servieren – ob der Sylvaner von 2016, der Pinot noir rosé von 2016 (Bild links) oder der Neronet von 2013, es ist immer exzellenter Spitzenwein vom hauseigenen Weinberg. Ein besonderes Erlebnis ist auch der als Aperitiv genossene trockene Sekt von 2007, der fruchtig und doch spritzig daherkommt. Der „Hefebrand“ aus eigenen Trauben beschließt die Mahlzeit.

Das Gebäude des Restaurants wurde 2014 erbaut und schmiegt sich in Material (viel Holz und Naturstein) und Größendimension harmonisch in die bauliche und natürliche Umgebung des alten Weinguts ein. Die Inneneinrichtung kombiniert Modernität, Geschmack und die für ein Winzerrestaurant nötige Gemütlichkeit. Im Sommer sollte man es nich nicht nehmen lassen, draußen auf der Terrasse zu sitzen und am Abend den Sonnenuntergang über dem Weinberg zu genießen. Schöner kann das Leben kaum noch sein. (DD)

Wein – echt tschechisch!

Prag – die Stadt der Weinberge. Einer davon liegt schon weit außerhalb der abgenutzten Touristenpfade. Die recht idyllischen Ortskerne der beiden umgebenden nördlichen Prager Stadtteile Vysočany und Prosek (Prag 9) sind von vielen Plattenbauten aus kommunistischer Zeit überlagert. Um so authentischer und genuin tschechischer ist der Weingenuss, der einen hier ganz überraschend im Weinberg Máchalka (Vinice Máchalka) erwartet.

Hier geht es gemütlich nach einheimischer Art zu. Das hat etwas mit der Geschichte des Weinbergs zu tun. „Zu den Himmlischen Bergen“ (Na nebeských horách) nennt man den Hügel, an dem schon seit dem 12. Jahrhundert Wein angebaut wurde, und der damals mit der in der Nähe gelegenen romanischen Kirche des Heiligen Wenzel von Prosek (Kostel sv. Václava na Proseku) verbunden war.

Das ist vorbei, denn in den Jahren des Kommunismus wurde der Weinberg enteignet. Da Wein ja irgendwie ein nicht-proletarisches Getränk zu sein scheint, beschlossen die Kommunisten auch gleich noch, den Weinberg zu zerstören und stattdessen Obstbäume zu pflanzen. Die rote Barbarei hatte 1989 ihr Ende. Und 1996 regte sich bei den Bewohnern der Umgebung wieder Bürgersinn und Weinliebe. Sie gründeten – ganz traditionell unter dem Namen des Heiligen Wenzel – eine freiwillige Winzergenossenschaft als Bürgerverein (Vinařské družstvo sv. Václav).

Dann beschlossen sie, den Weinberg wiederherzustellen und nach dem letzten Besitzer, einem gewissen Josef Máchal, zu benennen. Die Verwaltung des Stadtteils 9 half mit, so dass seit dem Jahr 2000 hier wieder Weinreben wachsen und sich ein eigener Genpool gebildet hat. 1,9 Hektar beträgt die Fläche des Areals. Zur Zeit wird sie gerade noch erweitert.

Für die nur selten von Touristen heimgesuchten Einheimischen ist der durch Bürgertugend wiedererstandene Weinberg zugleich eine Art sozialer und geselliger Treffpunkt. Hier trifft man sich zum Weinschoppen (der Ausschank im Weinberg ist an mehreren Tagen der Woche geöffnet) und immer wieder finden Weinfeste, Unterhaltungs- und Kulturveranstaltungen statt.

Es werden mehrere Weinsorten hier angebaut und angeboten – vom Riesling über den Ruhländer zum Blauportugieser. Im Herbst gibt es herrlichen Burčák, wie man den Federweißen bzw. -roten hier nennt. Und das ist auch die Zeit der Weinfeste in ganz Prag (frühere Beiträge hier und hier). Während die überall sonst in de Stadt einen Tag lang dauern, feiern die Leute hier in Prosek gleich drei Tage lang mit Wein, Bratwurst und (meist lokalen) Musikbands. Die Stimmung ist relaxed. Es ist wie ein großes Familienfest. Als wir im letzten September hier waren, waren wir wahrscheinlich die einzigen Nicht-Tschechen. Solche Orte entdeckt man wohl nur, wenn man schon länger in Prag lebt. Und sie sind es, die die Stadt so unglaublich liebenswert machen. (DD)

Martinsgans und Martinswein

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Das Sankt Martins-Fest ist eigentlich ein Brauchtum, das aus dem Traditionsfundus des altfränkischen Kulturkreis stammt. Dort, in den Grenzgebieten des heutigen Rheinlands, Frankreichs und Belgiens wirkte der gute Martin zunächst als Soldat, der einem Bettler einen halben Mantel schenkte. Später wurde er der Bischof von Tours, obwohl er sich aus Bescheidenheit vor der Wahl zu diesem Amt in einem Stall versteckt hatte. Die Gänse, die ihn dann aber verrieten, ließ er abends als Festmahl servieren – der Beginn des schönen Brauchtums der IMG_5523Martinsgans. Aber wieso feiert man hier in an der Moldau zwar anders, aber dennoch wild-begeistert den Rheinländer Sankt Martin?

Das verdankt man möglicherweise nicht dem Heiligen selbst, sondern Kaiser Joseph II., der um 1780 einen Erlass mit Nebenwirkung erließ. Am 11.11., dem Martinstag (für Kölsche auch Karnevalsbeginn!), sollten die Weinbergbesitzer die neue Weinernte kosten, um dann den Vertrag mit ihren (Pacht-) Winzern zu verlängern oder nicht zu verlängern. So wurde es festgelegt  – auch weil es naheliegend war, da in vielen Regionen des Reiches um diese Zeit der erste Wein verkostet wurde. Deshalb ist für die Tschechen dieser Tag zunächst einmal der Tag des jungen Weines. In Prag gibt es folglich keine großen Martinsumzüge mit Fackeln (die gibt es nur in einigen Ortschaften im katholischeren Mähren), sondern Weinfeste. Zu denen hat sich, weil kulinarisch passend, der Brauch des Martinsgansessens hinzugeschlichen, dem die Tschechen nunmehr begeistert frönen.

Das, was man auch in Deutschland manchmal Martinswein oder in Frankreich Beaujolais nennt, heißt hier Svatomartinské. Ob sich ein neuer Wein auch so nennen darf, ist seit 2005 in Tschechien genau geregelt. Die Jury des tschechischen Weinfonds (Vinařský fond), der seit diesem Jahr die Rechte für den Begriff Svatomartinské besitzt, IMG_5517entscheidet darüber nach einem komplizierten Kriterienkatalog, den aber über 300 tschechische Weinsorten bestehen. Die Flaschen der Weine, die den Test bestehen, dürfen auf dem Label das Symbol des Martins auf dem Pferd tragen (siehe großes Bild oben).

Die Auswahl ist also reich. Ergo lohnt es sich, am 11.11. die Weinfeste der Stadt (oder auch in den Weinregionen in Mähren) zu besuchen. In Prag galt lange Zeit der schöne Markt am Náměstí Jiřího z Poděbrad (Georg-von-Podiebrad-Platz) in Vinohrady (früherer Bericht hier) als das Martins-Weinfest schlechthin. Inzwischen hat das ungleich größere und opulentere Fest am Moldauufer (Náplavka, nahe der Smíchover Eisenbahnbrücke), das IMG_5515Svatomartinské Slavnosti, ihm ein wenig den Rang abgelaufen.

Hier bekommt man nicht nur einen überragenden Überblick über die Schaffenskraft der Winzer in ganz Böhmen und Mähren geboten, es gibt auch unzählige herrliche „Fressstände“ (auffallend oft, aber nicht nur mit Gänsespezialitäten). Dazu kommt noch ein abwechslungsreiches Musikprogramm (Bild links). Nimmt man dann noch die Aussicht auf die gegenüberliegende Burg und die Kleinseite hinzu, die sich besondern nachts gut macht, wenn alles beleuchtet ist, dann ist das Glück auf Erden nahe.

Sollte dann noch Platz im Magen sein, sollte man sich ein schönes Restaurant suchen, das eine gut zubereitete Martinsgans bietet. Dafür haben wir einen Tipp: Das U Kroka (Bei Krok) in der Vratislavova 20/28 in Prag 2. Seit 1895 gibt es hier schon das Restaurant, das IMG_5532nach Krok, einer der großen Sagengestalten Böhmens benannt ist. Die Namenswahl passt, denn wir befinden uns hier direkt am Fuße des Vyšehrad, dem legendären alten Burgberg, wo er residiert haben soll. Krok war – neben seiner Funktion als besonders weiser frühmittelalterlicher Richter – unter anderem der Vater von Libuše, der eigentlichen Begründerin der böhmischen Herrscherdynastie der Přemysliden, über die wir schon hier, hier, hier, hier und hier berichteten. Sie war es, die dereinst prophezeite, das Prag das werden werde, was es auch tatsächlich wurde, nämlich eine großartige Stadt.

Der Betrieb des nach Krok benannten Restaurants wurde nur in den Zeiten des Kommunismus unterbrochen, wo das Gebäude als Kindergarten fungierte. 2003 IMG_5530 - Kopieeröffnete man es wieder als Restaurant und seither ist es trotz seiner etwas versteckten Lage ein beliebter Ort nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische. Am Martinstag ist es jedenfalls selbst abends das von Tschechen besuchte Familienrestaurant schlechthin. Dazu trägt schon einmal die gemütliche Atmospäre bei. Die Einrichtung ist zwar seit einer Renovierung 2011 durchaus modern, hat aber trotzdem den altböhmischen Charme eines authentischen Gasthauses beibehalten. Und dann ist da natürlich der Martinsschmaus. Die Ganszubereitungen locken vor allem Einheimische an, die das Restaurant als Gehiemtipp betrachten. Die gebratene Gänsekeule, aber auch die besonders fein zubereitete Vorspeise aus geräuchertem Gänsefleisch (unteres Bild), die wir letztes Jahr probierten waren exzellent. Das U Kroka bietet eine moderne und darum nicht ganz so schwere Variante klassischer tschechischer/böhmischer Küche. Ja, und natürlich darf der oben abgebildete Svatomartinské (hier ein Blauer Portugieser) nicht fehlen. Und die Festfolge für das nächste Jahr (die auch die des letzten Jahres war, von dem die Photos stammen) steht damit auch fest: Zuerst das Weinfest in der Náplavka, dann das U Kroka. (DD)

Wein bei Henry

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Prag ist eine Weinstadt mit deutlich über einem Dutzend Weinbergen und einer unermesslichen und auch noch wachsenden Zahl von Weinlokalen und Enoteken. IMG_4394Und man darf dabei meist mit gutem Grund hohe Qualitätsmaßstäbe anlegen, die auch erfüllt werden. Nehmen wir doch gleich dasjenige Weinlokal, das gleich bei uns um die Ecke liegt – das 2017 von dem renommierten Sommelier Jakub Přibyl gegründete Wine & Degu in der Uruguayská 272/3.

Hier findet man auf der Weinkarte rund 35 ausgesuchte Weine aus aller Welt, vor allem aber auch einige Spitzenprodukte aus Tschechien, insbesondere IMG_4381aus Mähren. So wie jenen trockenen und samtigen Pinot Noir Tomáš -Čtvrtě 2016 von einem Weingut aus der südmährischen Ortschaft Bořetice, den man oben im Bild sehen kann. Viele der Weine kann man nicht nur in Flaschen (die auch verkauft werden), sondern im Glas probieren, so dass man sich seinen Genussabend vielseitig gestalten kann. Wir lieben auch den Modrý Portugal des Weinguts Johann W. aus Třebívlice. Das Gut heißt, wie man erahnt, nach Goethe. Dessen letzte große Liebe (die die den rund 50 Jahre älteren Greis verständlicherweise abwies) war Ulrike von Levetzow, die aus ebenjenem Třebívlice kam, das diesen Wein hervorbrachte.

IMG_4386Es handelt sich beim Wine & Degu nicht um ein Speiselokal, aber zum guten Wein gibt es immer ein paar ausgewählte kleine Delikatessen wie Käseteller, Wurstspezialitäten mit Wild, französische Gänseleber und ähnlichem. Sehr lecker, wie man im Bild links sieht. Die geschmackvolle moderne Einrichtung im Souterrain eines alten Wohnhauses in Vinohrady ist einfach, aber ausgesprochen gemütlich und einladend.

Ab und zu gibt es auch Weinproben mit renommierten tschechischen oder internationalen Winzern, die dort ihre Weine zum Probieren vorstellen. Das sind, wie wir bei der Vorstellung eines griechischen Weinguts (Ktima Kir-Yianni) vor kurzem sahen, keine bloßen Verkaufsshows, sondern unterhaltsame und interessante Abendveranstaltungen!

Herz und Seele des Geschäfts ist IMG_4392Henry, der Customs Relations Manager des Wine & Degu. Seine Vorfahren scheinen aus Mexiko (genauer: aus dem dortigen Bundesstaat Chihuahua) eingewandert zu sein. Sitzt er dem Gast erst einmal auf dem Schoß, überlegt der sich natürlich, ob er jetzt aufsteht und Henry damit des gemütlichen Sitzplatzes beraubt.

Lieber bleibt er dann noch ein Weilchen und trinkt noch ein zusätzliches kleines Glas Wein. Oder auch gleich zwei. Eine einfache, aber effektive Kundenbindungsstrategie, die sich für alle Seiten als eine ausgesprochene win-win-Situation entpuppt. (DD)

Tschechisch/Slowakisch auf feine Art

Auf der Suche nach lokaler Küche ohne standardisierte Gulasch-und-Knödel-Folklore für Touristen? Dann sollte man es vielleicht einmal im Czech Slovak in der Újezd 423/20 auf der Kleinseite versuchen. Warum der Name in Englisch ist, weiß ich nicht, aber hier findet man raffiniert zubereitete Gerichte aus Tschechien und der Slowakei (die ja bis 1993 einen gemeinsamen Staat bildeten…). Kurz: Das Beste, was die beiden Länder kulinarisch auffahren können.

Die Küche des Hauses, so vernimmt man auf der Website, stehe in der Tradition der großen böhmischen Nationalschriftstellerin Magdalena Dobromila Rettigová, die 1826 das erste große Standardkochbuch Domácí kuchařka (Die Hausköchin) geschrieben hatte, das bis heute in Gebrauch ist. Aber dieser historische Rückbezug ist mehr Ansporn als eine vollständige Beschreibung der Küche im Restaurant. Die baut zwar auf Rettigová auf, unterzieht sie aber einem gewissen Verschlankungsprozess, der ihr gut tut.

Schon die moderne und gepflegte Einrichtung zeigt, wes Geistes Kind die Betreiber sind. Gemütlich, aber ohne Bierhausstimmung. Folglich bekommt auch nicht langweilig Hausbackenes auf den Teller, sondern traditionelle Küche mit modernem Anstrich. Das schmeckt ausgezeichnet und füllt nicht lediglich den Magen bis zum Platzen.

Man kann aus einer kleinen, aber feinen Speisekarten wählen: Ob es die tschechische (genauer: aus dem Riesengebirge stammende) Kulajda, eine Pilzsuppe auf Saurer-Sahne-Basis (kleines Bild links), oder die slowakische Halušky, ein Kartoffelnockengericht, sind: Das Resultat – ein Gaumenschmaus! – ist verblüffend. So fein kann Landesküche schmecken.

Oder man nehme die übliche Entenbrust – eine Spezialität, die jedes Touristenlokal in Prag serviert. Sie wird im Czech Slovak zum Gesamtkunstwerk mit feinsten Zutaten. Es wird am Tisch flambiert und man ist schon fast (aber wirklich nur fast) geneigt, traurig zu sein, dass dafür ein hauseigener und somit exzellenter Obstler angezündet wird und einfach so in Luft aufgeht. Den hätte man gerne direkt zu sich genommen. Aber man merkt schnell, dass diese Flambierung noch das geschmackliche i-Tüpfelchen des Ganzen ist.

Womit wir bei den Getränken sind: Nicht nur die ungeheuer fruchtigen und kraftvollen Obstbrände wären schon für sich einen Besuch wert. Auf der Flasche des Birnenbrands sind sogar die Portraits des Besitzers und seines branddestillierenden Bruders gemalt. Und dann ist da noch das Bier. Mindestens zwei hausgemachte Sorten, die sich ständig abwechseln (eines davon sieht man oben auf dem großen Bild) gibt es. Die sollte man sich nicht entgehen lassen, denn sie sind – auch nach den bereits sehr hohen Prager Massstäben – schlicht exzellent.

Obwohl es heißt, man solle nie Wein nach Bier trinken sollte man nach dem Biergenuß auch einmal auf die Weinkarte umschalten. Im Keller kann man sich sogar eine Weinverköstigung (für kleine Gruppen) bestellen, die dann unten im Kellergewölbe (15. Jahrhundert!) stattfindet. Da wird aufgefahren, was Tschechien und die Slowakei an wirklichen Spitzenweinen bietet. Wer je an der Qualität der örtlichen Weine gezweifelt hat, wird hier kuriert. Hohe Erwartungen werden übertroffen.

Das von Jindřich Kratochvíl geführte Restaurant ist ein genuiner Familienbetrieb und es scheinen hauptsächlich er und seine Geschwister den Laden schmeißen. Und das tun sie mit Verve! Die bekannte Ruppigkeit mancher Prager Kellner findet man hier nicht. Selten haben wir uns als Kunden so sehr wie Könige gefühlt wie im Czech Slovak! Top-Empfehlung! (DD)

Der Wein des Kaisers

Nähert man sich unten von der Berounka her der großen Königsburg von Karlštejn, dann fallen die Weinberge auf, die über dem Fluss emporragen. Gerade jetzt im Winter sieht man die gemauerten Stufen der Terrassen, auf denen dann im Herbst die Reben gelesen werden, besonders deutlich.

Der Wein kam mit der Burg. Denn der Bauherr, Kaiser Karl IV., der die Burg 1348 anlegen ließ, ordnete zugleich die Errichtung von Weinbergen in der Nähe an. Da Wasser in jenen Zeiten meistens mit Krankheitserregern verseucht war, galt der Weingenuß (nebst der Biergenuss) als die gesunde Alternative – selbst bei Kindern.

Karl tat deshalb alles, um den Weinbau in Böhmen zu fördern. Da er im kultivierten Frankreich erzogen worden war, legte er dabei auch auf Qualität wert. 1358 erließ er sogar ein Edikt, dass Berge im Land systematisch darauf untersucht werden sollten, ob sie sich für Weinbau eigneten. Im Umkreis von 3 Meilen wurde in Prag jeder Berg zum Weinberg umgebaut. Sollten die Besitzer ihrer Weinbauverpflichtung nicht nachkommen, konnten sie sogar enteignet werden. 1373 verschärfte er diese recht illiberale Politik noch mit einem Einfuhrverbot von ausländischem Wein, um den heimischen Weinbau zu stärken.

Ob das am Ende die optimale Art war, die Weinversorgung des Volkes sicherzustellen, bleibt dahingestellt, aber ganz gewiss ist Karls Erbe heute noch sichtbar, nämlich in Form einer Unzahl von alten Weinbergen in der Umgebung Prags. So wie hier in Karlštejn unterhalb der Burg. In den unzähligen Souvernirläden wird der örtliche Wein, der durchaus von guter Qualität ist, überall verkauft. Qualitativ hat sich seit Karls Zeiten einiges geändert. Wein wird heute nach wissenschaftlichen Kriterien angebaut. Seit einigen Jahren gibt es ein Forschungszentrum für Weinkultur, das an der Verfeinerung der Reben und Neuzüchtungen arbeitet.

Und im Ort selbst gibt es unzählige Keller, die Führungen anbieten und im September sollte man auf keinen Fall das sensationelle Weinfest verpassen. Oben in der Burg wird eine Ausstellung auf Werbetafeln angekündigt, die sich im Brunnenturm befinden soll. Dort kann man in den 78 Meter tiefen Brunnen der Burg schauen, was interessant ist. Die Ausstellung entpuppt sich allerdings als Weinladen für Touristen, in dem mehr verkauft, denn ausgestellt werden soll. Die Erwartung wird also etwas enttäuscht, aber man sieht in den Regalen immerhin die Vielfalt der Weinsorten, die hier in dem Areal rund um die Burg heute immer noch angebaut werden. Das ist schon recht beeindruckend. Dem guten Karl sei gedankt. (DD)

Alter Weinberg, vornehmes Ambiente

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Er soll der älteste Weinberg der Stadt sein, der  Weinberg des Heiligen Wenzel (Svatováclavska vinice). 2008 feierte man das 1100jährige Jubiläum, was (wenn das Ganze stimmt) auf das Gründungsjahr 908 nach Christi Geburt hinausläuft. Das Alter ist schon für sich genommen beeindruckend. Was aber noch mehr zählt, ist die Qualität des IMG_3490Weines. Die kann sich sehen bzw. schmecken lassen. Und der Zusatzbonus ist dann die Lage am Hang der Burg mit Blick über die Kleinseite. Unweit der Metrostation Malostranská findet sich der berühmte Treppenaufstieg zur Burg und schon auf der Hälfte des Aufstieg erreicht man den Weinberg.

Serviert bekommt man den Wein nur vor Ort in der berühmten Villa Richter. Die Villa lag ursprünglich außerhalb des Burgbezirks und wurde 1832 von dem Architekten IMG_3925Josef Peschka für den Landrat Karl Richter im feinsten Biedermeierklassizismus-Stil erbaut.

Die Familie Richter wurde, weil deutschen Ursprungs, nach 1945 enteignet und vertrieben. Danach kam der Kommunismus. Durch ihn verlor das Gebäude den Status als Zentrum des Weinbaus. Es wurde erst zur kubanischen Botschaft, dann ein Besitztum des Staatssicherheitsdienstes. Der Weinberg verfiel. Die Villa verfiel. Immer mehr und immer mehr ..

Als der Kommunismusspuk zu Ende ging, übernahm im Jahr 1992 die Burgverwaltung Weinberg und Villa, die dadurch sozusagen zum Teil des IMG_3497Burgareals wurden. Es begann eine sorgfältige Restauration der Villa und vor allem auch des Weinbergs. Man ließ die Weinsorten wieder erstehen, IMG_3494die hier vorher wuchsen (Pinot Noir/Riesling). Dann schrieb man einen Pächter für den Gastbetrieb aus. Es wäre schade gewesen, wenn der hervorragende, aber auch nur in kleinen Exklusivmengen verfügbare Wein nunmehr den (wegen des guten Bieres in der Stadt nicht seltenen) Sauftouristen vorgeworfen worden wäre. Deshalb wurde es an einen Gastbetrieb der höheren Preis- und Qualitätsstufe verpachtet, was auch dem Vornehmen Ambiente der Villa entspricht. Der Pächter betreibt in der Villa drei Restaurants mit ähnlichem Angebot an besserer internationaler und modern interpretierter tschechischer Küche – und natürlich die beiden exklusiven/limitierten Weine, den roten Pinot Noir und den weißen Riesling. Die Preislage des Restaurants ist zwar im höheren Gefilde (im Vergleich zu anderen Prager Restaurants), aber letztlich angemessen. An einem schönen Sommertag sollte man sch den Weinberg und Villa auf jeden Fall einmal gönnen. (DD)

Wein in uriger Gemütlichkeit

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Guter mährischer Wein gefällig? Das Weinrestaurant Blatnice könnte für den Einstieg genau der richtige Tipp sein. Denn Tschechien ist eben nicht nur ein Bier-, sondern auch IMG_9273ein Weinland. Und im Blatnice kann man ihn zugleich hochwertig und auch bodenständig genießen. Schon seit 1969 kombiniert das Restaurant feinen Wein mit traditioneller tschechischer Küche (in der Regel schwere Kost!). Die umfangreiche Weinkarte besteht ausschließlich aus Weinen der Winzerei Blatel in der Region Blatnicko in Südmähren. IMG_9272Von dort schaffte man schon seit dem 14. Jahrhundert Wein nach Prag, heißt es. Dafür, dass das Blatnice mitten in der Altstadt gelegen ist und mit seiner urigen Gemütlichkeit die Touristen als Zielgruppe fest im Auge hat, ist das Gebotene recht preiswert. Der rote Modrý Portugal und der weiße Rulandské šedé, die wir hier probierten, waren ausgezeichnete Qualitätsweine. Da konnte man wirklich nicht meckern! Wie gesagt: Genau der richtige Einstieg für Neulinge in die tschechische Weinkultur. (DD)

PS: Wer trotzdem lieber tschechisches Bier trinken will, findet hier immerhin auch fünf Sorten.

St. Martinswein und Gänsesandwich

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Wir hatten ja schon letztes Jahr gezeigt, dass man hier in Tschechien zu St. Martin (sprich: heute) keine Fackelzüge für Kinder organisiert, sondern im großen Stil die Ankunft des neuen Weins feiert. Dieses Jahr fiel das Ganze sogar auf den Samstag, so dass bei den Weinmärkten ein noch größerer Andrang herrschte als das letzte Mal. WIr IMG_9232sind zum Svato Martinské Markt am Moldauufer (genauer: Rašinovo nábřeži) gegangen, um uns am Svato Martinské Wein zu ergötzen.

Das ist eine Mordsgaudi – ein Volksfest, das Massen anlockt! Man kann sich am Eingang ein Weinglas kaufen, um dann an unzähligen Ständen sich Proben von Weinständen aus ganz Böhmen und Mähren zu erwerben. Dazu gibt es große Menge an abwechslungsreichen „Fressständen“ und IMG_9214musikalischen Folklorevoreführungen.

IMG_9237Ja, es gibt weniger St. Martin und mehr Wein, aber eine Sache haben heute Tschechien und Deutschland gemeinsam: Für die Gänse wird es brenzlig. Der Gänsebraten ist das Gericht des Tages. Wir konnten nach einigen guten jungen Blaufränkischen und Blauportugiesern auch nicht umhin, uns an gebratener Ganz gütlich zu halten. Ein Grillwagen warb damit, dass er in einem nationalen Hamburger- und Sandwichwettbewerb den IMG_9239dritten Platz gewonnen hatte. Er verkaufte ein riesiges und recht raffiniert gemachtes Gänsesandwich „Goostav Husa“ (Husa = Gans, aber eigentlich eine Verballhornung des Namens von Gustáv Husák), das mit frischem Apfel, Camembert, Zwiebelmarmelade, belgischem Weißbrot und natürlich viel Gans zubereitet wurde. Die Ingredenzienliste sieht man – leider nur in Tschechisch – auf dem kleinen Bild rechts; das fertige Endprodukt auf dem großen Bild oben zusammen mit einem guten Glas tschechischen Weines. Konnte man da widerstehen? Nun ja, diese Frage ist natürlich rein rhetorisch zu verstehen … (DD)