Besser als die Burg: Die Brauerei Braník

Hier wurde er dereinst in gigantischen Massen gebraut, der gute tschechische Gerstensaft. Heute verfallen Teile des imposanten Gebäudes, andere sind renoviert und harren einer neuen Nutzung oder haben sie bereits gefunden. Nur das alte Wappen der Firma thront noch triumphierend über dem Ganzen, so wie bei der Eröffnung im Jahr 1900.

In diesem Jahr wurde eine Gesellschaft kleiner Brauer gegründet, um gemeinsam eine große Braustätte ins Leben zu rufen. In dieser Zeit fand in Prag in der Bierbranche eine Unternehmens-Konzentration statt, die den unzähligen Kleinbrauern zum Verhängnis zu werden drohte. Durch ihren Zusammenschluss traten sie dieser Entwicklung energisch entgegen. Es wurden 3000 Aktien zu je 200 Kronen ausgegeben, um eine neue Braugesellschaft zu finanzieren. Der Kurs der Aktie stieg schnell an. Als Standort für die neue Brauerei wählten sie den heute etwas heruntergekommenen kleinen Ortsteil Braník im südlichen Teil Prags aus. Zwei Jahre, im Jahre 1900, später war das für damalige Zeiten riesige Brauereigebäude, das nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmers Václav Nekvasil (wir begegneten ihm bereits hier) erbaut worden war, fertiggestellt. Die Lage wurde gewählt, weil sich direkt neben der neuen Brauerei schon seit 1882 ein kleiner Bahnhof befand, dessen Kapazität nun von zwei auf vier Gleise erweitert wurde, damit das gute Nass auch schnell zum Kunden geliefert werden konnte. Das trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Brauerei als einem der „großen Spieler“ im böhmischen Biergeschäft bei.

Das von Nekvasil entworfene und errichtete Gebäude (in der Údolní 212/1 in Prag 4) war ein Riesenkomplex in einem mit Elementen des Jugendstils angereicherten Neo-Renaissance-Stil, der in einer Rekordzeit von nur 14 Monaten fertiggestellt wurde. Auf der Moldau-zugewandten Seite befand sich ein großes Verwaltungsgebäude (Bild rechts); dahinter – wie auf einer Leine aufgezogen – die Reihe der Fabrikgebäude der Brauerei. Die Frontseite, die in den nächsten Jahrzehnten durch neue Bauten ergänzt wurde, sieht schon grandios aus. Der Schriftsteller und Autor des berühmten Romans vom Guten Soldaten Švejk, Jaroslav Hašek, bemerkte einmal dazu, dass „der Blick auf das Panorama der Brauerei Braník weitaus aufregender … als der Blick auf das Panorama der Burgstadt“ sei. Gut gesagt, und auf jeden Fall sieht man heutzutage zurecht das Brauereigebäude von Braník als ein Industriedenkmal ersten Ranges an (das natürlich seit langem unter Denkmalschutz steht, der 1992 noch einmal auf eine strengere Stufe erhöht wurde).

Und der Blickfang des Komplexes ist zweifellos das große Wappen oder, modern ausgedrückt: Logo, der neuen Brauerei, den man im großen Bild oben sieht. Es ist in Stuck am südlichen Eckturm angebracht. Dort liest man auch die offizielle Bezeichnung der Brauerei: Společenský pivovar pražských sládků (Gesellschaftsbrauerei Prager Braumeister), was aber ein bisschen kompliziert und geschäftsmäßig klingt, weshalb sich bald der Begriff Braník Brauerei (Branický pivovar). Das Stuckwappen an der Fassade ist übrigens ein richtiges Kunstwerk. Kein Geringerer als der damals überaus bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) hatte den Entwurf dazu erstellt. Aleš war mit dem „Inner Circle“ der Brauer gut befreundet und hatte das Design bei einem kleinen Schwatz mit den Brauern eben einmal auf’s Papier gebracht. Er bekam dafür auch nur die rein symbolische Summe von 100 Kronen. Es war eher ein Freundschaftsdienst, aber es war auch gut gelungen und fortan der Stolz der Brauerei. Es zeigt ein gekröntes Wappen mit Brauutensilien, das gerahmt ist von zwei Engeln. Darüber thront der tschechische Nationalheilige Wenzel. Dem Stil der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, gab es dem überaus modernen Industriebetrieb einen Hauch von tradionalistischem Image, der in Böhmen einfach zur Bierkultur gehörte.

Im Zeichen des Heiligen Wenzel gedieh die Brauerei. Neben dem Hauptbestseller, einem hellen Lagerbier des Pilsener Typs, differenzierte man sich immer mehr aus, etwa durch die Produktion dunkler und heller Biere im bayerischen Stil. Sie überlebte selbst die dunklen Zeiten von 1938 bis 1945 einigermaßen unbeschadedt. Aber dann, im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Schon im Juli wurde die Brauerei der Inhabergemeinschaft weggenommen und verstaatlicht. Da die Tschechen gerne Bier trinken, ganz gleich, ob der Kommunismus herrscht oder nicht, lief die Produktion weiter. Man konnte sogar die Geschäftspalette erweitern. 1958 hatten nämlich Forscher der Brauerei die gesundheitsfördernde Wirkung des Hefekonzenrats Pangamsäure (in Deutschland meist als Bierhefe verkauft) entdeckt und daraus ein Produkt entwickelt, dass sich heute weltweit in Massen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Lange Zeit war die Braník Brauerei die einzige Brauerei, die so etwas vertrieb und eine Art Marktführer in Sachen Pangamsäure-Tabletten.

Auch die scheußlichen Dinge im Leben gehen einmal zu Ende. So gottlob auch der Kommunismus im Jahre 1989. Technologisch und in Sachen Marketing hatte die Brauerei in den trüben Zeit arg an wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und es bestand Modernisierungsbedarf. Bis ins Jahr 1995 gingen die Umbauarbeiten, dann hatte man eine wirklich moderne Brauerei gemäß höchsten. Inzwischen hatte die Privatiserung eingesetzt. Der Staat fasste zunächst mehrere Brauereien (neben Braník auch die Großbrauerei Staropramen nebst einigen kleineren Brauereien) zu einer zusammen und privatisierte das Ganze als Aktiengesellschaft Prager Brauereien AG (Pražské pivovary a.s). Die bekannten Biermarken produzierten trotzdem unter dem neuen Dach unter eigenem Namen weiter. Und so wurde weiterhin in Braník das Bier von Braník gebaut – und zwar in Rekorddimensionen. 1.124 Millionen Hektoliter Bier waren es alleine im Jahre 2006. Zudem holte man sich noch von der japanischen Großbrauerei Asahi (die übrigens – man glaubt es nicht! – älter ist als die von Braník) die Lizenz, deren Bier für den hiesigen Markt zu brauen. Das war schön, aber auch zuviel. Die Brauanlagen gaben das nicht mehr her. Und so wurde 2007 die Produktion des Braník-Biers in die Brauerei Staropramen (Pivovary Staropramen), die ihre riesigen Produktionsanlagen im Stadtteil Smíchov hat und die größte Brauerei in Prag und die zweitgrößte in Tschechien ist. Da sich das technisch leicht machen ließ und man sowieso geschäftlich unter einem Dach, nämlich dem der Prager Brauereien AG, war, ließ sich das leicht bewerkstelligen. Innerhalb des Aktienkonzerns behauptet sich Braník-Bier immer noch hervorragend im Mittelklassesegment und gehört zu den meistverkauften Bieren im Lande. Ach ja, die Form der Zusammenfassung mehrer Brauereien mit anschließender Privatisierung als Aktiengesellschaft sollte ursprünglich die Übernahme tschechischen Bieres (das ja Gegenstand besonderen Nationalstolzes ist) durch ausländische Unternehmen verhindern. Das klappte aber langfristig nicht, denn Pražské pivovary wurde 2012 an eine amerikanische Großbrauerei verkauft. Aber das Bier wird immer noch in Tschechien auf tschechische Art produziert, weshalb der Nationalstolz dadurch bisher kaum angekratzt wurde.

Soweit, so gut. Aber da war doch noch das eigentliche, sensationelle und demkmalgeschützte Gebäude der Brauerei, das nun ein wenig nutzlos in der Gegend herumstand. Dem sind alle diese Transaktionen zunächst einmal nicht gut bekommen. Das Gelände wurde 2007 von einem Investor übernommen, der auch mit den nötigen Umbauten für neue Nutzungen begann. Aber das geht sehr langsam voran. Ein Unternehmen des Maschinenbaus residiert im alten Verwaltungsgebäude, das sowie am besten in Schuss war. Einige andere Firmen (viel davon im Bereich Eventmanagement tätig) haben Teile der früheren Produtionsstätten angemietet. Andere Teile harren aber immer noch der Renovierung und sehen von außen zumindest recht bemitleidenswert aus. Man kann nur hoffen, dass eine nutzungs- und fachgerechte Renovierung auch dieser Bauteile bald erfolgt, und dass hier wieder Leben einzieht. Es sind wohl auch Wohnungen in dem Komplex geplant.

Eine gute Nachricht gibt es auf jeden Fall zu vermelden. Solch ein Gebäude sollte ja nicht zu sehr zweckentfremdet werden. Es wurde ja im Dienste des Bieres gebaut. Seit 2016 befindet sich die Mikrobrauerei Moucha (was soviel wie „Fliege“ heißt) auf dem Gelände, die interessante Biersorten biete. Denn der Trend läuft heute in eine andere Richtung als damals im Jahr 1900, als die große Brauerei hier ihre Pforten eröffnete. Exklusives aus kleiner hauseigener Brauerei ist in Sachen Bier wieder en vogue. Das ist gewiss keine schlechte Botschaft aus Braník. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks V: Švejk mit Hundeköttel

Ein wenig schwer tun sich die Tschechen manchmal schon damit, dass der gute Soldat Švejk ihr unangefochtener literarischer Nationalheld ist. Zugegeben, er ist eine urkomische Figur, aber auch Trinker, dubioser Hundehändler und schlaumeiernd-raffinierter Drückeberger. Keiner wird offen zugegeben, dass so einer sein Vorbild sein könne. Nun ja, alle außer den Bürgern von Kralupy.

Zudem hatte sich Autor Jaroslav Hašek, der sich die berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg) ausgedacht hatte, deren erster Band 1921 erschien, ausgedacht hatte, im Weltkrieg den Bolschewisten angeschlossen, weshalb ihn die Kommunisten stets als den ihren feierten. Mit denen wäre er als anarchischer Geist eigentlich nicht lange gut ausgekommen, aber er war ja 1923 am Suff gestorben und konnte sich gegen seine Vereinnahmung nicht wehren.

Was immer die Tschechen im allgemeinen von ihm auch halten mögen, die Bürger von Kralupy lieben ihren guten Soldaten Švejk und bekennen sich mit Vehemenz dazu. Die direkt hinter der nördlichen Stadtgrenze Prags liegende Kleinstadt an der Moldau hat ihm fröhlich-feierlich ein Denkmal gesetzt, das trefflicher nicht gestaltet hätte werden können. Bei der Einweihung im Mai 2017 versammelten sich hunderte Bürger, von denen viele in k.u.k.-Uniformen à la Švejk steckten. Die Einweihung erfolgte – anders geht es ja gar nicht! – durch Begießen der Statue mit Bier.

Schon 2012 hatten sich in den Kneipen und Straßen Kralupys Anzeichen einer Švejk-Manie bemerkbar gemacht, wie man diesem Video entnehmen kann. 2014 formierte sich ein Verein zur Förderung eines Švejk-Denkmals. Man sammelte ordentlich Geld und beauftragte den Bildhauer Albert Králiček mit der Ausfertigung der lebendgroßen Bronzefigur. Der portraitierte den guten Soldaten auf einer Bank sitzend mit einem kleinen Hund auf dem Schoß – was daran erinnert, dass Švejk im Zivilleben mit Hunden handelte, über deren Herkunft man besser schweigt. Das Gesicht des Švejk ist dem des Schauspielers Rudolf Hrušínský nachempfunden, der durch die Romanverfilmung von 1957 die wohl bekannteste Verkörperung des guten Soldaten im Lande wurde. Jedenfalls ist das hier ein Švejk, wie er sein sollte. Und die Bank, auf der er sitzt, ist so groß, dass man sich – so wie im Bild links meine Tochter und Lady Edith – gemütlich zu ihm setzen kann.

Die Bürger von Kralupy, die das Denkmal wohl zurecht die größte Kulturattraktion der Stadt halten, wollten den Švejk auch nicht würdevoller erscheinen lassen, als er war. Deshalb ist das wichtigste Detail der Statue der kleine Hundeköttel, den der kleine Hund wohl hinterließ, und zwar neben dem linken Fuß des Švejk. Und auf dem Häufchen sitzt eine dicke Fliege, die sich dort gemütlich niedergelassen hat. Das ist derber Humor! Das ist was für Fans von Hašek und des guten Soldaten Švejk!

Aber wieso Kralupy? Nun, irgendwer, der das Buch genau gelesen hatte, stellte fest, dass Kralupy dort siebenmal beiläufig erwähnt wird und zwar in Zusammenhang mit einem von Švejks Kumpanen im Regiment. Am bekanntesten ist die Stelle, wo sich dem Švejk sein neuer Regimentskamerad Jan Vaněk mit den Worten vorstellt: “Já jsem takto drogista Vaněk z Kralup.“ Auf Deutsch: „Ich bin der Drogist Vaněk aus Kralupy.“ Vaněk gab es úbrigens wirklich und er hat auch mit Hašek im Regiment gedient. Er war wohl nicht der Drückeberger, wie es im Roman geschildert wird. Und die Apotheke in Kralupy, wo er tats§chlich arbeitete, gibt es sogar heute noch an jenem Palacký-Platz (Palackého náměstí), auf dem sich heute das Denkmal befindet. Deshalb ist die Selbstvorstellung des Rechnungsfeldwebels Vaněk auch auf der Plakette zu finden, die neben dem Denkmal im Boden eingelassen ist. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenso: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Und natürlich: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Krippenland Tschechien

Wie in Deutschland, so ist auch in Tschechien die Krippe ein unerlässlicher Teil des Weihnachtsfestes. Und tatsächlich kommt die Bezeichnung von Böhmen als Land der Krippen nicht von ungefähr. Die Krippenkultur ist reich und vielseitig.

Es heißt, die erste Krippe in Böhmen sei 1562 von den Jesuiten in einer Kirche aufgestellt worden – eine Idee, die bald in katholischen Gemeinden nur so um sich griff. Zur Weihnachtszeit wurde die Geburt Jesu in der Krippe zu Bethlehem (weshalb sie in Tschechien gleich schon Betlém genannt wird) mit Figuren nachgestellt, so wie sie in der Bibel bei Lukas 2.1ff dargestellt ist. Das war dann die etwas abgespeckte Version der ersten Krippe, die angeblich der Heilige Franziscus von Assisi 1233 im Kloster von Greccio noch mit lebenden Darstellern und Tieren präsentiert hatte.

Das so entstehende Brauchtum war populär, aber der Habsburgischen Obrigkeit in den Zeiten der Aufklärung ein Relikt des Aberglauben und daher zutiefst suspekt. Im Zuge seiner Kirchenreformen in den 1780er Jahren ließ es sich Kaiser Josef II. nicht nehmen, neben der Auflösung von Klöstern und der dekretierten Neuordnung des Gottesdienstwesens auch das Verbot der Aufstellung von Krippen in Kirchen durchzusetzen. Das war ein vergebenes Unterfangen, denn es es führte nur dazu, dass sich die böhmischen Bürger nun zuhause Krippen für ihre Weihnachtsfeiern bastelten. Als das Verbot nach dem Tod des Monarchen aufgehoben wurde, hatte man neben den Krippen in den Gotteshäusern auch noch eine breite Volkskultur von Krippen etabliert – Josephs Schuss war nach hinten losgegangen.

Einen wahren Boom erlebte die Hauskrippe ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo sie – nunmehr neben dem Weihnachtsbaum – zur Standardrequisite jedes bürgerlichen Weihnachtsfestes (mittlerweile sogar Konfessionen übergreifend) wurde. Seither ist die Krippe Weltkultur. 1950 bildete sich sogar eine Universalis Foederatio Praesepistica, der Weltverband der Krippenfreunde. Damals herrschte der Kalte Krieg und unter den Kommunisten war nicht daran zu denken, dass es eine tschechoslowakische Sektion geben dürfe.

Aber die Liebe zur Krippe war unaufhaltbar und unzerstörbar. Die Bilder, die in diesem Beitrag gezeigt werden, stammen aus der jährlichen Krippenausstellung in den Kellergewölben der Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt (früherer Beitrag hier). Die fand erstmals im Jahre 1980 statt, also eben doch noch in den Zeiten des Kommunismus. Sie zeigte damals, wie man selbst unter schwierigen Bedingungen mit geradezu šveijkschem Hintersinn der Krippe zum Durchbruch verhelfen kann. Für antiklerikale Kommunisten gänzlich unverfänglich war der Organisator, nämlich der Bonsai Klub Prag (heute Bonsai Servis Praha genannt) und auch der Name der Ausstellung war so gehalten, dass es vor revolutionären Pathos nur so triefte, wie die immer noch bei jeder Ausstellung stolz präsentierte erste Einladung (siehe das Werbeblatt oberhalb rechts) zeigt: lidové vánočí ozdoby, auf Deutsch: Volksweihnachtsverzierungen. So konnten es selbst die Kommunisten nicht verbieten. Und so war auch der Boden für die glückliche Krippenzeit nach der Samtenen Revolution von 1989 bereitet – und diese Zeit hält bis heute an und zieht immer mehr Zuschauer in ihren Bann.

Derart gut vorbereitet wurde die tschechische Sektion des Weltverbandes der Krippenfreunde schon im November 1990 gegründet und gehört mit über 550 Mitgliedern und 15 lokalen Sektionen zu den aktivsten Gruppen des Weltverbandes. 2001 wurde mit Vladimir Vaclik, dem Autor des Standardwerkes Tschechische Krippen als Spiegelbild des Lebens, sogar ein Tscheche Vorsitzender des Weltverbandes.

Ja, irgendwie ist die Krippe in Tschechien ein Symbol der Vielfalt und der sanften Widerständigkeit. Um die Vielfalt zu würdigen, sollte man sich die adventliche Ausstellung in der Bethlehem Kapelle nicht entgehen lassen. Die Bilder hier geben nur einen schwachen Eindruck von der Vielfalt der Materialien, Techniken und Ideen wieder. Hier seien sie kurz beschrieben.

Großes Bild oben: Eine Krippe aus Lebkuchen der Künstlerin Božena Marcínová. Diese Art kunstvoll gestalteter Lebkuchen sind ursprünglich eine Spezialität aus Pardubice. Darunter kleines Bild links: Aus Spänen angefertigte Krippe, angefertigt von Jarmila Horná. Darunter rechts: Krippe aus blau-weiß gefärbtem Leinen von Jana Myšáková. Unterhalb links: Holzkrippe in eine Steinlandschaft mit fahrender Elektrolok eingebettet, erstellt vom Atelier Miliarda. Darunter rechts: Einladung der Ausstellung von 1980. Unterhalb links: Krippe aus bemalten Papierschnitten von Jiří Knapovský (Jahrgang 1930 und Veteran der Szene) und darunter die als Krippe gestaltete Ansicht der Prager Burg und Kleinseite in Holz erarbeitet vom Bildhauer Jiří Lain.

Und last, but not least, die darunter links gezeigte gewaltige Holzkrippe des Künstlers Pavel Střítezský, bei der nicht nur eine Hirten und drei Könige das Jesuskindlein im Stall besuchen kommen, sondern unzählige historische Figuren aus der tschechisch/böhmischen, aber auch internationalen Geschichte. Ein wahres Wimmelbild! Und da steht sie auch, die Figur, die für jene Eigenheiten steht, die es vielleicht den Tschechen ermöglichte, dass ihre Liebe zu Krippen zu pflegen – trotz der Bemühungen von Kaiser Joseph und den Kommunisten, die Figur des guten Soldaten Švejk! Die Krippe hat hat sich mit Hilfe von Hintersinn und List, aber auch mit Charme und Witz ihren Platz in den Herzen der Tschechen erhalten. (DD)

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Er hat es geschafft, einen saumseligen Trinker, der einen dubiosen Hundehandel betreibt, die Disziplin der Armee untergräbt und bei dem man nie weiß, ob er dumm oder raffiniert oder beides ist, zum literarischen Nationalhelden der Tschechen zu machen: Jaroslav Hašek, der Autor der berühmten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (Die Erlebnisse des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg), deren erster Band 1921 erschien, ist zweifellos der weltweit bekannteste Literat des Landes. Es dauerte dennoch lange, bis man ihm in Prag ein Denkmal setzte.

Denn: Nicht jeder Tscheche konnte sich mit diesem Soldaten Švejk so recht identifizieren. Das gleiche galt für den Autor Hašek, der ebenfalls ein Trinker war, und der ein unstetes Berufsleben am Rande der Armutsgrenze führte, weil er die erforderliche Regelmäßigkeit der Arbeitswelt als für sich unangemessen hielt. Als Freunde ihm 1910 die Stelle als Chefredakteur der renommierten Tierzeitschrift Svět zvířat (Welt der Tiere) beschafften, fand er schnell echte zoologische Erkenntnisse langweilig und beschrieb in scheinbar ernstem Ton erfundene Tiere, wie noch lebende Urzeitflöhe oder zum Alkoholismus neigende Papageienarten. Er wurde gefeuert und wurde sogar für kurze Zeit tatsächlich – wie sein Švejk – Hundehändler, der gestohlene Hunde umfärbte und wiederverkaufte.

Im Ersten Weltkrieg wurde er nach russischer Kriegsgefangenschaft und dem Eintritt in die Tschechoslowakische Legion (was ihm, wäre er da geblieben, Nationalheldenstatus garantiert hätte) und einer Desertation am Ende 1918 zum Politischem Kommissar der Bolschewiki in Bugulma, wo er zwar die autoritären Tendenzen der Kommunisten mit Ironie in einigen wunderbar komischen Kurzgeschichten beargwöhnte, sich aber dann doch 1920 mit seiner neuen russischen Frau in die neu gegründete Tschechoslowakei schicken ließ, um dort die Weltrevolution voranzutreiben. Die fand nicht statt, aber man fand heraus, das er bereits vor dem Krieg mit einer Tschechin verheiratet (mit einem gemeinsamen Sohn) und folglich Bigamist war. Seine Alkoholsucht führte 1923 dazu, dass er im Alter von nur 39 Jahren starb.

Obwohl er im realen Sozialismus mit Sicherheit wegen seines anarchischen Charakters und seiner antiautoritären Grundhaltung schnell gründlich bei den Machthabern angeeckt wäre, reklamierten ihn die Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948 stets für sich. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Das wiederum stärkte bei manchen Tschechen eine gewisse Abneigung gegen ihn und sein Werk.

Aber das nutzte letztlich nichts. Der gute Soldat Švejk und sein genial-chaotischer Autor sind nicht totzukriegen. Irgendwann musste man ihm vergeben und inzwischen scheint man beide wieder zu lieben oder sich zumindest mit der Tatsache abzufinden, dass er der erfolgreichste aller tschechischen Autoren war. Zurecht! Denn der Švejk ist und bleibt einer der größten Schelmenromane aller Zeiten und Hašeks Talent war so enorm, dass es die möglichen Charakterfehler, die er gehabt haben mag, nebensächlich erscheinen ließ. Ob man es will oder nicht: Er bleibt der große Nationalschriftsteller des Landes, wenngleich ihn ein solch pompöser Titel zum Stirnrunzeln gebracht hätte.

2001 beschloss man nach langem hin und her und vielen Anläufen schließlich, dass in Prag ein Denkmal für ihn her müsse. Es scheint den Stadtvätern nicht ganz leicht gefallen zu sein. So hatte man etwa 1993 ein noch unter den Kommunisten begonnenenes Denkmalsprojekt erst einmal beendet. Doch jetzt raffte man sich auf und warf allen Kleingeist über Bord. Man fand einen geeigneten Ort, den Prokop-Platz (Prokopovo náměstí ) im Stadtteil Žižkov (Prag 3), was nicht gerade der prominenteste Platz ist, aber wo der Schriftsteller immerhin eine zeitlang gewohnt hatte. Und man fand in Karel Nepraš auch einen genialen Künstler, der den hintergründigen Humor Hašeks in eine Skulptur umsetzen konnte.

Der entwickelte eine kongenial schräge Idee, nämlich Hašek mit Pferd darzustellen. Der Schriftsteller war weder Reiter, noch ist eine besondere Neigung zu Pferden bekannt. Man muss eben ein wenig abwegiger, um nicht zu sagen: šveikscher denken, um das zu verstehen. Das Denkmal steht nämlich unterhalb der großen Reiterstatue des Hussitenheerführers Jan Žižka, der ja irgendwie für Macht und Militär stand – genau das, was der gute Hašek in seinem Buch durch den Kakao gezogen hatte. Oder wie Bildhauer Nepraš kommentierte: „Jan Žižka sitzt auf dem Hügel über dem Platz, Hašek ist der zweite tschechische Kommandant“. Und tatsächlich kann man vom Prokop-Platz aus Žižka auf seinem Pferd sitzen sehen, dessen Pose das Hašeksche Pferde etwas stakselig nachahmt.

Und so steht die bronzene Büste des trinkfesten Hašeks nun auf einem steinernen Sockel, der einen Wirtshaustresen durchsticht, der mit dem Pferd eine Einheit bildet, dessen Beine wiederum wie die Zulieferröhren zum Zapfhahn aussehen. Das ist hintergründig und Hašek hätte wohl seinen Spaß an der Idee, ihn als Parodie des Helden Žižka und Biertrinker zugleich darzustellen.

Nepraš verstarb schon 2002 – ein Jahr nachdem das Denkmal in Auftrag gegeben worden war und er den Entwurf gemacht hatte. Die Fertigstellung stand in Gefahr, aber die Tochter des Künstlers, Karolína Neprašová, die ebenfalls eine Bildhauerin ist, vollendete das Werk. 2005 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Und zahlreiche Prager tauchten dabei in Uniformen der alten österreichischen Armee auf – wie sie der Švejk dereinst trug. Ob sie es zugeben oder nicht: Die Prager lieben ihren Hašek. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

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Hier soll er also eingekehrt sein, der brave Soldat Švejk, in der Gaststätte zum Kelch (Hostinec U Kalicha). Etwas abgelegen liegt sie in einer ansonsten ausgesprochen unbelebten Straße, der Na Bojišti 12-14 in Prag 2 – fernab der Touristenpfade. Doch die Touristen finden natürlich trotzdem den Weg zum „Kelch“, denn keine Gaststätte in Prag kann einen derartigen literarischen Ruhm beanspruchen wie diese.

IMG_3805Man sieht kaum je einen Tschechen dort (außer beim Bedienungspersonal), dafür aber (neben auffallend vielen asiatischen Touristen) immer wieder Fernsehteams, die Dokumentationen über den „Originalschauplatz“ filmen. Auch als wir das erste Mal dort waren, drehte dort ein japanisches Fernsehteam.

„Nach dem Krieg um sechs im Kelch!“ Dieser Ausruf des Švejk ist sprichwörtlich geworden – ja, für viele Švejkianer der bekannteste Spruch aus Jaroslav Hašeks berühmten Schelmenroman schlechthin und sie zitieren ihn gerne, wenn vom „Kelch“ die Rede ist. In dieser Form findet man den Ausruf wörtlich allerdings nur in späteren Theaterbearbeitungen. Da passt es auch hin, weil bei den Theaterfassungen das Stück nicht unvollendet bleibt (wie der Roman es aufgrund des IMG_3793Todes seines Autors im Jahre 1923 tat), sondern mit dem Wiedersehen des Švejk mit seinem Freund, dem Sappeur (Militärhandwerker) Vodička, genau um 6 Uhr nach dem Krieg. Das Hašeksche Original lässt den Švejk weniger präzise hellseherisch erscheinen und die Abschlusspointe der meisten Stücke, die im Buch nie kam, ist nicht so klar vorhersehbar: „Als Schwejk und Woditschka Abschied nahmen, weil jeder von ihnen zu seinem Truppenteil abgehen sollte, sagte Schwejk: »Bis der Krieg vorbei sein wird, so komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr beim ›Kelch‹…«“ (2. Teil, Kap. 22).

Wie dem auch sei, der „Kelch“ ist in Hašeks Roman allgegenwärtig und, obwohl der Švejk ja „nur“ eine Romanfigur ist (und daher nicht wirklich dort sein Bier getrunken haben kann), hat er wohl realiter dem Autor zu vielen Inspirationen verholfen. Denn der „Kelch“ war (und ist immer noch) eine reale Kneipe und Hašek kehrte dort auch tatsächlich ab und zu mit seinen Kumpanen aus der Prager Bohème ein. Einige Figuren des Romans – möglicherweise der Švejk selbst – sollen reale Vorbilder unter den Gästen des „Kelchs“ gehabt haben. Zumindest die Namen hat Hašek aber meist verändert. So hieß der Wirt anscheinend nicht Palivec, sondern Schmied. Der tschechische Name passte aber natürlich besser in die Romanhandlung, wo jeder Mensch mit tschechischem Namen für den in der Kneipe einkehrenden österreichischen Geheimpolizisten Bretschneider subversiver Umtriebe verdächtig ist. Dessen erinnert man sich natürlich im „Kelch“ heutzutage und deshalb hängt auch das im Roman vorkommende IMG_3800Portrait Kaiser Franz Josefs an der Wand, wenngleich nicht ganz im zeitgenössischen Stil gehalten, sondern eher als Karikatur. Denn Palivec entfernt es im Roman ja – mit der Ausrede, es hätten Fliegen darauf geschissen und er wollte es als guter Untertan davor schützen. Das bringt ihm am Ende eine Gefängnisstrafe ein.

Der „Kelch“ war allerdings zu Zeiten Hašeks ein billiger Schuppen, eine drittrangige und schmuddelige Kaschemme. Nebenan stand wohl ein Bordell. Ein stets an Geldmangel leidender, aber enorm trinkfester Schriftsteller wie Hašek konnte sich hier preisgünstigst volllaufen lassen.

Dass eine derartige Gaststätte heute noch – zweifellos auf höherem Niveau – besteht, mutet wie ein Wunder an, ist es aber nicht. Denn Hašeks Roman erlangte einige Jahre nach dem Ableben des Autors seinen heutigen Status als tschechischer Kultklassiker. Das verhalf auch dem „Kelch“ zu neuem Ruhm. Dafür waren vor allem die Theaterfassungen verantwortlich, von denen es schon 1927 eine erste gab, die von Hans Reimann und Max Brod geschrieben worden war. Der Durchbruch kam aber 1928 durch Erwin Piscators Inszenierung auf der Berliner Piscator-Bühne, die durch ihre IMG_3819multimediale Aufführungstechnik dem Švejk zu internationaler Prominenz verhalf und so gleichsam Buch und Kneipe unsterblich machten. Der Umsatz, die Qualität und die Internationalität des Ortes stieg. Schriftsteller und Publizisten aus der Tschechoslowakei, aber auch vielfach aus Deutschland pilgerten zur Lieblingsstätte ihres literarischen Helden. An der Popularität des „Kelchs“ änderte sich auch in der Nachkriegszeit und unter den Kommunisten (die, obwohl sie den „Kelch“ 1957 verstaatlichten, den Švejk und Hašek irgendwie für sich vereinnahmten) nicht viel. In den 1950er Jahren wurde der „Kelch“ sogar renoviert, vergrößert und qualitativ verfeinert, weil die Standards, die der Platz zu Hašeks Zeiten erreichte, selbst in kommunistischen Zeiten inakzeptabel erschienen. 1992 wurde der „Kelch“ den Nachfahren der Eigner, den Brüdern Pavel und Tomáš IMG_3810Töpfer, restituiert, die ihn seither betreiben.

Ja, so werden penible Restaurantkritiker einwenden, der „Kelch“ sei ja inzwischen ein reines Touristenlokal geworden. Das stimmt natürlich. Aber es ist kein Nepp, der geboten wird. Es gibt zwei Sorten Bier (Pilsner und Dunkles, großes Bild oben) und eine kräftig-tschechische Küche auf der Speisekarte, die sogar einige Überraschungen, wie z.B. eine köstliche und kräftige Suppe mit Gänseinnereien (siehe Bild oberhalb links) bietet. Dazu sei bemerkt, dass die Töpfers wahre Gänseexperten sind und sogar neben dem „Kelch“ einen eigenen hochwertigen und florierenden Spezialitätenhandel für Gänseleber und -pasteten betreiben.

Die Einrichtung der geräumigen Gaststube spielt IMG_3808natürlich stark auf den Švejk an, der als Puppe neben einem über 100 Jahre alten Musikautomaten sitzt, den der Kellner – so er die Gäste sympathisch findet – gerne ab und an vorspielen lässt. Es gibt Švejk-Zitate und Karikaturen an der Wand und Švejk-Souvenirs zu kaufen.

Im Rahmen dessen, was man legitimerweise von einer Touristengaststätte erwarten kann, ist das alles ausgesprochen solide, preisgünstig und wirklich in Ordnung. Man bekommt, was man erwarten darf! Und wenn man erst einmal drin sitzt, wird jede Konversation durch die Umgebung und den historischen Flair mit jedem Glas Bier oder Slivowitz ein wenig mehr švejkisch eingefärbt in Ton und Inhalt. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

Und: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Auf den Spuren Jaroslav Hašeks I: Die Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes

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Sie halten mit ihrem absurden Auftritt oft der „großen“ Politik den Spiegel vor das (manchmal nicht so schöne) Gesicht. In vielen Ländern gehören sie irgendwie fest zur politischen Kultur: die sogenannten Spassparteien. In Deutschland ist es seit 2004 Die Partei. In Großbritannien beglückt uns schon seit 1983 die Official Monster Raving Loony Party des inzwischen verstorbenen Lord Sutch. Und in Ungarn gibt es seit einiger Zeit die Magyar Kétfarkú Kutya Párt (Ungarische Partei des zweischwänzigen Hundes). Aber wer weiß schon, dass die Urmutter aller Spaßparteien schon 1904 in Prag – genauer: im Stadtteil Vinohrady – entstand? Gründet wurde sie von keinem Geringeren als Jaroslav Hašek, dem Autoren des berühmten Braven Soldaten Schwejk: die Partei des gemäßigten IMG_3346Fortschritts im Rahmen des Gesetzes – auf Tschechisch: Strana mírného pokroku v mezích zákona (griffig abgekürzt: SMPVMZ).

Richtig in Erscheinung trat die Partei erst 1911 bei den österreichischen Reichstagswahlen. Da kandidierte Hašek als Wahlkreiskandidat der Partei fúr den Wahlkreis in Vinohrady. Um ihn hatte sich der eher anarchische Teil der Bohème des Stadtteils geschart und sicher ist, dass alle dabei wirklich Spaß hatten. Der Name der Partei spielte dabei auf eine Rede Kaiser Franz Josefs an, in der er betont hatte, er sei ja nicht gegen Fortschritt, aber er müsse in den geordneten Bahnen der Habsburgermonarchie stattfinden. In ihren Reden und Pamphleten parodierten oder verhöhnten die Mitglieder – allen voran Hašek – Politiker jeglicher Coleur und arbeiten an ihrer eigenen parodistischen Selbstüberhöhung: „Als Anführer der Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes und als ihr Kandidat“, tönte er, “ muss ich mein Tun und Lassen auf das Objektivste und zugleich übersichtlich beurteilen, damit niemandem auch nur ein glänzender Punkt meines Charakters entgeht. Es gibt Augenblicke in meinem Leben, da ich, von meiner eigenen Tat begeistert, vor mich hinflüstere: ‚Mein Gott, bin ich ein Mordskerl!'“

Man stellte Forderungen auf, wie die Verstaatlichung der Hausmeister oder, dass jeder Bürger ein Taschenaquarium besitzen solle. Am Ende kamen 36 Stimmen dabei heraus. Man ist sich nicht einmal sicher, ob die Partei wirklich registriert war. Aber das war egal. Denn die Partei hatte die Lacher auf ihrer Seite und blieb bis heute Teil der politischen Folklore Tschechiens. Kurz nach der Samtenen Revolution, die den Kommunismus (der solchen Spässen abgeneigt war) im Jahre 1989 beendete, gab es sogar den Versuch einer Neugründung unter gleichem Namen.

Dieser Versuch selbst hinterließ jedoch keinen tiefen Eindruck. Die Idee der Spaßpartei lebt in Tschechien aber weiter. Das merkt man, wenn man heute in Vinohrady auf den Spuren von Hašeks Partei wandelt. Von denen gibt es wenige, die noch sichtbar sind, denn seit 1911 hat sich auch in Vinohrady viel verändert. Aber in der Balbínova 323/6 (zu Hašeks Zeiten noch als 323/15 nummeriert) findet man dann doch an der Wand eines Gebäudes eine kleine Tafel. Man sieht sie oben im großen Bild. Die Inschrift lautet auf Deutsch: „In diesem Haus, in der ehemaligen Kneipe in U Zlatého Litru (Zum Goldenen Liter), wurde die Partei des gemäßigten Fortschritts innerhalb der Grenzen des Gesetzes von Jaroslav Hašek und seinen Kumpanen gegründet.“

In dem Gebäude befindet sich eine schon von außen leicht skurril wirkende Kneipe, die zugleich ein politisches Kabarett beherbergt, IMG_3546die Balbínova poetická hospůdka (Die poetische Balbínova-Kneipe). In der Kabarettkneipe wurde 2002 die Balbínova poetická strana (Die poetische Balbínova-Partei) gegründet – eine würdige Nachfolgepartei der SMPVMZ. Kneipenbesitzer und Parteigründer Jiří Hrdina, der sich bei seinen Kandidaturen gerne als „geniální guvernér“ (genialer Gouverneur) bezeichnet, hat bei seiner Kampagne zu den nationalen Parlamentswahlen 2006 sich nach Kräften über die undurchsichtige Politik des Landes lustig gemacht und dabei am Ende landesweit 6896 Stimmen oder, anders gesagt, 0,12 Prozent geholt. Zum Parlamentseinzug reichte das nicht, hinterließ aber das segensreiche Gefühl, dass es doch noch viele Tschechen mit Humor geben muss. Das Markenzeichen Hrdinas ist übrigens der von ihm ständig getragene Bowlerhut, der dann auch in vergrößerter Form das Portal seiner Kneipe schmückt.

Aber der Ort, den der Leser der wilden Schilderungen Hašeks, die er später als Buch (das in einer sehr schönen Edition auch in Deutsch erhältlich ist)  veröffentlichte, am ehesten mit seiner Partei verbindet, ist zweifellos der Kravín (Kuhstall). Wer am Náměstí Míru, IMG_3559dem Hauptplatz von Vinohrady, entlangschlendert, der wird schnell ein Restaurant dieses Namens entdecken. Das ist zwar ein nettes und preiswertes Restaurant, ist aber nicht mit dem Kravín identisch, das als der zentrale Versammlungsort der Partei des gemäßigten Fortschritts in die Geschichte einging und liegt auch nicht an der selben Stelle.

Um die zu finden, muss man vom Náměstí Míru einige hundert Meter die Korunní hochgehen. Von dem originalen Kravín sieht man dort heute nichts mehr. Der Ort, wo sich das Wirtshaus befand, war am Ende des 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein wenig außerhalb der Stadt gelegen, quasi im Grünen. Auf vielen alten Bildern sieht man das Gebäude direkt neben einem hölzernen IMG_3548Theaterbau, der 1893 erbauten Pištěkova Arena (Pištěksches Arena Theater), stehen, der aber 1932 abgerissen wurde. Theater und Kravín befanden sich in der Budečska nur wenige Meter südlich der Kreuzung zur Korunní. Heute sind dort nur noch große Wohnhäuser und man kann nur ahnen, wo sie sich dereinst befanden. Auf dem Bild rechts könnte das vordere Gebäude der Standort des Theaters gesehen sein, dahinter der des Kravín.

Der ursprüngliche Kravín an diesem Ort war aber nicht die Gaststätte, in der die Wahlversammlungen der SMPVMZ stattfanden, denn dieses alte Gebäude, das noch einem richtigen Landgasthaus glich, wurde schon 1896 abgerissen. Das Kravín entstand danach allerdings sofort wieder neu und IMG_3547zwar nur wenige Meter entfernt an der nördlichen Ecke der Kreuzung; genauer: an der Budečska 781/25. Hier müssen also die recht turbulenten Versammlungen stattgefunden haben. Dieses neue Gebäude existiert auch tatsächlich  noch (Bild links), ist aber schon seit ewig langen Zeiten keine Kneipe mehr. Zur Zeit residiert im Erdgeschoss ein Yogastudio und es fehlt ihm dadurch die etwas anarchische Ausstrahlung, die man gerne erwarten würde.

img_6510Immerhin kann man über dem Eingang des Hauses immer noch den in neobarock gestaltetem Stuck gefassten Schriftzug „Kravín“ sehen, über dem – ganz passend – ein Rinderkopf (ebenfalls in Stuck) angebracht ist. Das sieht eigentlich schon fast zu vornehm aus, wenn man bedenkt, welch raues Kneipenleben hinter den Türen dereinst herrschte.

Genaueres kann man über die Geschichte des Wirtshauses hier (auf den Absatz über den Kravín herunterscrollen!) nachlesen. Auf der Seite findet man übrigens sämtliche nachgewiesenen (!) Kneipen und Wirtshäuser, die Jaroslav Hašek im Laufe seines Lebens frequentiert haben soll. Da der Mann so trinkfest war wie sein berühmter Soldat Švejk, kam da ganz schön was zusammen. (DD)

Siehe auch: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks II: Im U Kalicha

Und: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks III: Das Denkmal

Ebenfalls: Auf den Spuren Jaroslav Hašeks IV: Geburtsort in der Gendarmeriewache

Bierlokal mit Dissidenten

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Obwohl an einer hektisch befahrenen Straßenkreuzung (/Anglická, in Prag 2) gelegen, strahlt das Demínka schon von außen klassische Gediegenheit aus. Es handelt Deminka3sich einfach um ein klassisches Bierlokal, in dem auch viele Tschechen gerne einkehren. Es ist keine Braugaststätte, d.h. man bekommt normale Markenbiere, aber die authentische Atmosphäre stimmt. Zum Bier gibt es Deftig-Tschechisches. Die klassizistische und sehr großräumige Architektur tut ihr Übriges – nicht spektakulär, aber irgendwie gleichzeitig elegant und grundsolide. In ihrer Raumgestaltung könnte sie auch zu einem Kaffeehaus passen.

Deminka2Das Demínka gibt es übrigens schon seit 1886. Es kann also auf eine recht lange durchgehende Geschichte zurückblieben. Wie viele Biergaststätten in der Umgebung von Vinohrady und der Neustadt ist es stolz, dass Anfang des 20. Jahrhunderts der Autor des „Guten Soldaten Švejk„, Jaroslav Hašek, hier gerne Bier trank. Da der recht trinkfest war, und einkehrte, wo immer es etwas Prozenthaltiges zu trinken gab, Deminka4ist das aber kein Alleinstellungsmerkmal, um es milde auszudrücken. Fast jede ältere Gaststätte in der Umgebung rühmt sich damit, dass Hašek in ihren Räumlichkeiten gerne den ein oder anderen Schluck zu sich nahm. Allerdings galt das Restaurant schon von Anbeginn an als Verschwörertreff der anarchisch gesinnten Bohéme – was Hašek vielleicht ganz besonders schätzte und ihn besonders oft hierher führte. Wer weiß?

Dass der wichtigste Fußballverein Prags, Sparta, hier und wohl dokumentiert gegründet wurde, beindruckt aber dann doch. Desgleichen gilt für seine verdiente Reputation als Treffpunkt vieler Dissidenten unter dem Kommunismus – inklusive vieler Unterzeichner der Charta 77. Auf die kann man ja anstoßen, wenn man sich hier im gemütlichen Demínka ein Bierchen gönnt. (DD)

 

Früher Café, jetzt Bank.

IMG_7796Vinohrady ist der Stadtteil der unglaublichen historisierenden Stuckarbeiten des späten 19. Jahrhunderts oder frühen 20. Jahrhunderts. Der Eingang des Hauses an der Italská IMG_7797IMG_77961219/2, nahe beim Náměstí Míru (Friedensplatz), ist ein besonders auffallend pompöses Beispiel dafür. Das Haus wurde im Jahr 1903 von den Architekten Otakar Bureš (1875 – 1931) und Josef Pospíšil (1868 -1918) in kühnstem Neobarock gestaltet.

Damals beherbergte es das legendäre Hlavovka Café, das bei der Bohème und den Intellektuellen Vinohradys (darunter zum Beispiel Jaroslav Hašek, der Autor des berühmten „Soldaten Švejk“) sehr en vogue war. Heute befindet sich in dem Gebäude allerdings eine Bank. (DD)

 

Dem Legionär ist nichts zu schwär

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Ein wenig wie der brave Soldat Švejk sieht er aus mit seinem etwas verschmitzten Blick und dem schräg aufgesetzten Barett. Der war ja Hundehändler. Auf den ersten Blick denkt man bei dem Tier an der Leine auch an einen Hund – bis einem die dafür doch zu üppige Mähne auffällt.

Der Soldat, der hier in wohlmeinender, aber doch nicht unmittelbar einleuchtender Symbolik dargestellt einen (böhmischen) Löwen Gassi führt, ist ein Tschechischer Legionär. Die Legion ist ein Teil der Gründungslegende der Ersten Republik. Dieser legendäre Legionär wurde 1922 samt Löwen von dem Bildhauer Antonín Hloušek auf den Sockel gestellt.

img_3536Als der Erste Weltkrieg begann, mussten die wehrpflichtigen Tschechen in der k.u.k.-Armee dienen. Das taten sie teilweise mit Widerwillen. Zu stark verbreitet war bereits der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung. Die Alliierten nutzten diese Schwäche aus. Aus Deserteuren und Kriegsgefangenen formierten sie die sogenannte „Tschechische Legion“, die nunmehr gegen die Mittelmächte, d.h. auch gegen das Österreich-Ungarn, dessen Untertanen sie eigentlich waren, kämpften. Einige der Legionen kämpften als autonome Einheiten unter französischem, andere unter italienischem Kommando. Als Legionäre 1919 für die neue Tschechoslowakei den Ungarn große Teile  der Slowakei entrissen, standen sie zum Beispiel noch nominell unter italienischem Kommando.

Die wichtigste Rolle spielte jedoch die Tschechische Legion in Russland. 1917 übernahmen die Bolschewisten die Macht, die dann 1918 mit den Mittelmächten Frieden machten. In der Folge machten sich die Legionäre „selbständig“.

img_3543Sie kämpften nun für die tschechoslowakische Exilregierung gegen die Bolschewisten (um Russland wieder zum Kriegseintritt zu bringen). Trotz großer militärischer Erfolge seitens der Legion gelang das nicht. Am Ende kämpften sich die Legionäre auf gekaperten gepanzerten Zügen über den Ural bis nach Wladiwostok durch, wo alliierte Schiffe auf sie warteten. Die ursprüngliche Idee war, dass sie nun an der Westfront dienen sollten. Dazu kam es nicht, denn erst im September 1920 waren die letzten von ihnen evakuiert.

Dieser Einsatz lieferte der tschechoslowakischen Regierung einen Status unter den Alliierten, der es ihnen leicht machte, später ihre territorialen Ansprüche durchzusetzen und die nun errungene Unabhängigkeit diplomatisch abzusichern. Zudem war die Legion so etwas wie die erste souveräne Institution des Staates – bevor dieser überhaupt real existierte. Daraus leitet sich bis heute ihr Mythos ab.

most-legiiDie Legion wird nicht nur mit Denkmälern gefeiert. Auch eine der großen Brücken über die Moldau, die Brücke der Legionen (most legii), ist nach ihr benannt (kleines Bild rechts, Brücke im Vordergrund).

Zurück zu unserem Löwenbändiger unter den Legionären: Er steht als Denkmal vor der Kirche im Ortsteil Kunratice (siehe diesen früheren Beitrag). Sein Barett deutet darauf hin, dass dieser Legionär möglicherweise an der französischen Westfront kämpfte. Seit dem August 1922 steht er dort eben in recht švejkscher, das heißt nicht sonderlich martialischer Pose, bewaffnet nur mit einer Krücke und einem zahmen Löwen, dafür aber ohne Gewehr. Irgendwie sympathisch, der kleine Nationalheld. (DD)