Ehre dem Schachmeister

Die Geschichte des Schachspiels lässt sich mindestens bis in das Indien des 5. Jahrhunderts zurückverfolgen. Trotzdem musste man bis 1886 warten, bis es die erste reguläre Weltmeisterschaft zu sehen gab. Und der erste Weltmeister war ein gebürtiger Prager!

Wilhelm Steinitz wurde 1836 als Kind einer jüdischen Familie in eher bescheidene Verhältnisse hineingeboren. Leicht gehbehindert, entwickelte er früh seine Neigung zu intensiver geistiger Betätigung und fiel schon als Kind als guter Schachspieler auf. 1858 begann er mit dem Studium der Mathematik und fing an, bei Schachwettbewerben mitzuspielen und durch seine erfolgreichen Strategien viel Geld dabei zu gewinnen.

Früher galt Schach als ein ritterliches Spiel, bei dem man vor allem überschwenglichen Angriffsgeist zeigen musste, wie das Ritter nun mal so tun. Kern aller strategischen Überlegungen war der direkte Angriff auf den König. Steinitz ging es aber um Eröffnungszüge und frühen Positionsaufbau, der strategischen und logischen Gesetzen gehorchte. Kurz: Steinitz entwarf eine moderne und mathematisch begründete Schachtheorie. Mit Erfolg. Heute steckt in jedem erfolgreichen Schachspieler ein wenig von Steinitz. Ohne Theorie geht es nicht. Und schon bald war die Welt des Habsburgerreichs viel zu klein für Steinitz. 1862 zog er nach London um, wo das damalige Zentrum des Schachspiels lag, und wo man mehr Geld damit verdienen konnte. Er gewann und gewann…

21 Jahre später fand man ihn in den Vereinigten Staaten, wo er mit seinem Spiel Schach zu einer regelrechten Popularität verhalf. Und hier fanden auch die ersten Weltmeisterschaften statt. Über 20 Spiele mussten in New York, St. Loius und Chicago absolviert werden, dann hatte sich Steinitz gegen aus Polen stammenden und in England lebenden Hermann Zukertort durchgesetzt, mit dem ihm eine schon lange bestehende Rivalität verband. Das Preisgeld von 1000 Dollar war für damalige Verhältnisse eine Riesensumme. Steinitz hatte den Höhepunkt seines Wirkens erreicht!

Steinitz hielt sich bis 1894 ungebrochen an der Spitze. Dann verlor er gegen den Deutschen Emanuel Lasker, ein Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Mehrere Comebacks misslangen. Er entwickelte seltsame Ideen, etwas, dass er eine Maschine entwickelt hätte, mit der er drahtlos stumme Gedanken in die Welt schicken konnte und auch ebensolche empfangen konnte. Es saß ab und an da und sprach ins Leere und wartete vergebens auf die Antwort. Mehrfach kam er in psychatrische Kliniken. Irgendwann schien er zu glauben, dass er Schachfiguren nur durch Gedanken bewegen könne. Das Ende war dementsprechend traurig. Im Jahr 1900 starb er veramt und geistig umnachtet in einer New Yorker Irrenanstalt.

Sein Ruhm als großer Pionier des Schachs überlebte ihn und sein tragisches Ende. In Prag hat man ihn jedenfalls ordentlich geehrt. Als im Jahre 2004 an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität an der Široká 1/2 nahe des ehemaligen jüdischen Ghettos eine Gedenkplakette mit Portraitrelief für ihn eingeweiht wurde, war sogar der damalige Präsident Václav Klaus mit anwesend. Die Plakette wurde von dem Medailleur und Bildhauer Vladimír Oppl gestaltet. Sie zeigt das Portrait von Steinitz. Eine Inschrift vermerkt kurz die Lebensdaten (natürlich mit Hinweis auf den Prager Geburtsort) und die Fläche ist mit den Quadraten eines Schachbretts überzogen. Eine Krone symbolisiert das königliche Spiel, das der erste Weltmeister so meisterlich beherrschte. (DD)

Ein Bier auf Eliška!

Keine anomyme Hotelkette. Nein, ein Hotel aus der guten alten Zeit. Plüschig und pompös, wie es sein soll. Und drinnen eine Top-Brauerei. Schon nach wenigen Schlucken des guten Gerstensafts verspürt man den Wunsch, sich bei voller Geschwindigkeit im Auto den Fahrtwind um die Nase zu wehen lassen!

Das sollte man sich im Interesse der Verkehrssicherheit natürlich verkneifen, um lieber gemütlich sitzend weiterzutrinken. Aber jetzt bedarf es vielleicht doch einer Erklärung, wie Hotel, Bier und Rennfahrerei zusammenhängen. Beginnen wir im Jahre 1908. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Jíloviště, rund 18 Kliometer vom Prager Stadtzentrum entfernt. In diesem Jahr wurde hier die große Autorennbahn Zbraslav–Jíloviště (Závod Zbraslav–Jíloviště) eröffnet. Und zwar in Gegenwart von Erzherzog Karl, der später von 1916 bis 1918 der letzte Kaiser des Habsburgerreichs werden sollte.

Die Rennbahn erstreckte sich über 5,6 zum nördlich benachbarten Zbraslav an der Moldau. Insbesondere in den 1920er Jahren war der Motorrennsport zu einer Massenmanie geworden, die riesige Volksmassen anlockte. Rennfahrer waren die Mega-Stars der Zeit. Und davon profitierte der Ausflugstourismus in Jíloviště. Und da die Besucher gut nächtigen wollten, entstanden ungewöhnliche Prachthotels. Dazu gehörte das 1921/22 erbaute Hotel Hubertus, aber vor allem das Hotel Palace Cinema aus dem Jahre 1926, das das erste Haus am Orte wurde. Eigentlich hieß es nur Hotel Palace, aber da es neben der Aussicht auf Wagenrennen auch noch ein Kino bot, was damals fast so sensationell war wie Rennwagen, bürgerte sich der Name Palace Cinema ein, dessen Schriftzug heute über dem Dach prangt.

Nun: Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Und auch auf der Rennbahn fand das letzte Autorennen im Jahr 1931 statt. Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola schaffte dabei auf seinem Mercedes-Benz SSKL den Streckenrekord von 2 Minuten und 42,73 Sekunden, was nie wieder eingeholt werden sollte. Danach wurde die Rennstrecke ins normale Straßennetz integriert und ist heute teilweise mit der Autobahn D4 identisch. Vom Hotelvorplatz kann man die Auffahrt auf die Autobahn gut erkennen (Bild links). Die Zeiten des großen Massenandrangs waren damit auch für das Hotel zu Ende.

Es wurde ruhiger. Das Hotel an der Všenorská 45/0 verfiel in einen Dornröschenschlaf. Immerhin findet seit 1967 an jedem Wochenende vor Ende der Schulsommer eine Oldtimer-Rallye auf Teilen der alten Rennstrecke statt, die vom Veteran Car Club Praha organisert wird. Das ist eine Mordgaudi und bringt seither auch für einen Tag Gäste nach Jíloviště. Aber um ein solches Hotel am Leben zu erhalten, bedarf es mehr. Es begann in den 1990ern, als der Kommunismus beendet war. Da wurde erst einmal der Verfall, den die Planwirtschaft produziert hatte, gestoppt und es wurde renoviert. Die Inneneinrichtung strahlt seither, wie das Photo der Rezeption oberhalb rechts zeigt, eine Atmosphäre von Rennfahrernostalgie aus, die das Herz höher schlagen lässt.

Aber die echte Knüller-Idee wurde erst 2017 realisiert, nämlich die Eröffnung der Kleinbrauerei Ettore (Minipivovar Ettore Jíloviště). Ettore? Aber das klingt nicht sonderlich Tschechisch. Ist ja auch ein italienischer Name, genauer: der Vorname von Ettore Bugatti. Der war in den 1920er/1930er Jahren der große Rennwagenbauer schlechthin. Da es sich eigentlich um ein Hotel handelt, kann man natürlich auch sein Abendessen mit feinen Speisen mit Cocktails oder Wein genießen.

Wer aber als Ausflügler vorbeikommt, findet in dem wohl später angebauten, aber sehr authentisch wirkenden Wintergarten genau das Ambiente für alle, die Bier und Rennfahrerei gleichermaßen lieben. Man sieht es oben im großen Bild. Zu dem ausgezeichneten Bier kann man sich dann auch die etwas kruderen, aber passenden Klassiker der tschechischen Brauküche gönnen, wie etwa der eingelegte Hermelin (kein Nagetier, sondern die tschechische Variante des Camemberts), den wir im Bild rechts sehen, zusammen mit einem eigengebrauten milden Lagerbier mit Namen Ettore.

Da ist er wieder, der Bugatti. Alle vier angeboteten Biere haben nämlich einen Bezug zum Rennfahren. Etwa das halbdunkle Lagerbier Royale, das nach dem berühmten Bugatti 41 Royale benannt ist. Oder das ungefilterte Dunkelbier Black Bess, das dem legendären Bugatti 18 Black Bess seinen Namen verdankt. Passend dazu hängen an den Wänden und Säulen alte Plakate der Autorennen, die hier einst stattfinden, sowie allerlei passende Gerätschaften (etwa Zapfsäulen). Im Mittelpunkt stehen dabei aber die Rennfahrer der damaligen Zeit selbst. Sie werden ausführlich dargestellt und zieren in Rahmen das Etablissement.

Aber eine Person steht dabei unerreichbar über allen. Sie ist der der absolute Star und nach ihr ist auch das Bier benannt, auf das die Brauerei am meisten stolz ist, das mild-kräftige Pale Ale Eliška. Die Rede ist von Eliška Junková. 1926 hängte sie in ihrem Bugatti 35 alle männlichen Rivalen ab und gewann das Rennen Zbraslav–Jíloviště souverän. Unter den Unterlegenen befand sich übrigens auch ihr Ehemann Čeněk Junek, der damals zu den renommiertesten Rennfahrern des Landes gehörte. Junková stieg als nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch international als eine der ersten Frauen, in dem damals absolut männerdominierten Rennsport zu Weltliga auf. Ihr Mann nahm die Niederlage gelassen hin. Beide fuhren – auch zusammen – noch viele Rennen. 1928 beendete eine Tragödie die glückliche Ehe, denn Čeněk Junek wurde im Juli des Jahres der erste Rennfahrer, der am Nürburgring sein Leben ließ, während seine Frau auf der Tribüne saß. Die gab den Rennsport danach auf, gehörte aber zum Verkaufsteam von Bugatti und wurde Aushängeschild der Firma. Es folgten etliche andere internationale Geschäftstätigkeiten, bis die Kommunisten ihr umgehend nach der Machtergreifung 1948 ein internationales Reiseverbot auferlegten, das erst 1964 aufgehoben wurde. 1967 spendet sie übrigens den Preis für das heutige Oldtimer-Rennen hier. In Tschechien blieb sie auch nach ihrem Tod 1994 (im stolzen Alter von 94) eine Ikone und ein bewundertes Idol für alle emamzipierten Frauen.

Man kann stundenlang umhergehen, um an den Wänden die Geschichte dieser unbeugsamen und höchst bemerkenswerten Frau zu studieren, die hier groß in Ehren gehalten wird. Wer also hier in der Braugaststätte des Hotel Palace Cinema in Jíloviště einkehrt, sollte daher sein Glas mit dem guten Eliška erheben, um mit dem Eliška auf die große Eliška oben im Rennfahrer(innen)-Himmel zu trinken. (DD)

Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

Bildhauer des Sports

Das Areal am Moldauufer beim Stadtteil Libeň (Prag 9) war früher ein verfallenes und verlassenes Industriegebiet, das heute mit Luxuswohnungen und -büros heftig „gentrifiziert“ (also aufgewertet) wird. Nur am westlichen Teil, der Libeň Insel (Libeňský ostrov), sieht man noch zwischen kleinen Schrebergärten Spuren von Verfall. Umso erstaunter ist man, wenn man bei Spazieren plötzlich und unwerwartet vor einer Wiese mit vielen Skulpturen steht.

Wir befinden uns beim ehemaligen Bildhaueratelier Zdeněk Němeček (Sochařský ateliér Zdeňka Němečka), dessen Gelände heute so etwas wie ein Skulpturenpark ist. Er dient dem Andenken des Bildhauers Zdeněk Němeček, von dessen Werk man hier eine recht repräsentative Auswahl bewundern kann. Němeček hatte nicht nur ein profunde Töpferausbildung genossen, sondern hatte in den 1950er Jahren auch ein Studium an der Prager Akademie der Bildenden Künste unter anderem bei keinem Geringeren als Professor Jan Lauda absolviert. Der war in der Zeit der Ersten Republik zwischen den Weltkriegen einer der Begründer der modernen Bildhauerei im Lande und verfolgte zudem mit seiner Kunst immer auch soziale Anliegen. Und damit inspirierte er auch seinen Schüler.

Der bekannte sich aber darob klar und eindeutig zu den kommunistischen Machthabern, die 1948 die Tschechoslowakei übernahmen. Es war offenbar kein Opportunismus, sondern Überzeugung. Und tatsächlich gibt es eine Menge Werke von ihm, die klar der politisch-ideologischen Parteilinie dienten, darunter etliche Denkmäler für den von den Nazis ermordeten kommunistischen Schriftsteller Julius Fučík (über den wir u.a. hier berichteten), von denen übrigens das in (Ost-) Berlin eines der größten ist. Als im Herbst 1989 das Ende des Kommunismus nahte, empfand er das (aus für uns wohl schwer nachvollziehbaren Gründen) als eine menschliche Tragödie. Am 17. November 1989 – also jenem Tag, der heute als Tag der Freiheit und Demokratie ein nationaler Feiertag ist – begannen die großen Demonstrationen, die die Samtene Revolution und damit das Ende der roten Tyrannei einläuteten. Und am nächsten Tag beging Zdeněk Němeček Selbstmord. Ob politische Gründe alleine entscheidend waren, ist nicht klar, aber sie schienen eine Rolle gespielt zu haben. Zumindest verbirgt sich eine persönliche Tragödie dahinter. Vereinzelt gibt es den Verdacht, dass Němeček wegen seiner kommunistischen Überzeugungen hinterher nicht die posthume Anerkennung fand, die er als Künstler verdiente. So fehlt etwa sein Name in einem der Standardlexika zur bildenden Kunst in Tschechien. Andererseits sind in der Regel andere Künstler, die regimetreue Kunst machten, nie der damnatio memoriae anheimgefallen. Wer weiß? Jedenfalls ist seine völlig zurecht anerkannte Kunst nie aus dem öffentlichen Raum entfernt worden. Ich werde mich also nicht in Verschwörungstheorien ergehen. Wer weiß? Man kann sogar sagen, dass etliche seiner Skulpturen zeitlos populär blieben.

Das hat auch etwas mit seinem offenkundigen Lieblingsgenre in Sachen Bildhauerei zu tun. Die Darstellung von kommunistischen Heldfiguren wie Fučík machte realiter nur einen sehr kleinen Teil seines Oeuvres aus. Seine Leib- und Magenspezialität war das Thema Sport bzw. Sportler in allen Arten und Ausführungen, das er mit viel Lebensnähe, Witz und auch ohne allzu plumpen sozialistischen Körperkult behandelte. Im Kontext des stalinistischen Kunstverständnisses hätte sich das meiste davon als ausgesprochener Fremdkörper ausgenommen.

Das bekannteste Werk dieser Art sehen wir im großen Bild oben, die Skulptur Kouzelník s míčem (Ein Zauberer mit Ball), die er 1983 für den Vorplatz des Stadions von Hradec Králové schuf. Wir stellten bereits hier seine Statue eines Basketballspielers vor der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka) vor. Kaum weniger bekannt ist seine schon sehr viel mehr abstrahierende Skulptur Cyklisti (Radfahrer), die (wie wir im Bild oberhalb links erkennen) ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zu zeigen scheint. Oder auch die nur als Torsos erkennbaren Läufer im Bild links unter dem Titel Zvítězím (Ich werde gewinnen), die der Künstler 1973 kreierte. Und nicht zu vergessen die Olympijská lípa v Libni (Olympische Linde von Libeň) aus dem Jahre 1966, eine baumförmige Metallskulptur, die wir im Bild oberhalb rechts sehen.

Ein ähnliches Thema hat er vier Jahre später, im Jahre 1977, mit seiner Skulpturengruppe Závod (Das Rennen) noch einmal aufgenommen. Im Titel steht schon weniger individueller Siegeswille im Mittelpunkt wie bei Zvítězím. Vielleicht ist das der Grund, warum die nunmehr drei (nicht vier, wie im anderen Werk) mit weniger eckigen Formen gestaltete wurde.

Warum findet man den Skulpturenpark hier in Libeň? Nun, der Künstler hatte hier von seinem Lehrer Jan Lauda nach dessen Tod im Jahr 1959 dessen Atelier übernommen, das sich heute am Rande deeses Parks befindet, auf dem wiederum heute eben eine Auswahl von Němečeks Werken zu sehen ist.

Wie etwa – um noch ein Beispiel zu präsentieren – die seltsame Bodenturnerin, die sehr abstrakt gestaltet nur ein Bein zu haben scheint (Bild links). Genaueres habe ich aber nicht herausfinden können. Es fehlen in der Regel Informationsschilder; wie das Ganze sowieso etwas spontan improvisiert aussieht (was irgendwie auch seinen Charme ausmacht).

Heute residieren in dem Atelier übrigens die Designstudios Olgoj Chorchoj. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von Kunsthandwerkern und Designern, die sich um keinen Geringeren als den Bildhauer Jan Němeček geschart hat – dem Sohn von Zdeněk Němeček. Der hat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus neue Standards in der Designkultur des Landes gesetzt und wurde unter anderem mit seinen Designs für Gläser der Biermarke Pilsner Urquell 2006 weltbekannt. Das Kunsttalent liegt also in der Familie. Und dieses Familienerbe pflegt der Sohn mit dem seinem Vater, dem großen Bildhauer des Sports, gewidmeten Skulpturenpark. (DD)

Avantgardistische Sportarchitektur

Nein, zu den schönsten Bauwerken Prags würde ich es vielleicht nicht zählen: Das Sokol-Gebäude (Sokolovna) in Vinohrady (Prag 2). Aber Architekturhistoriker zählen es zu Recht zu den bedeutenderen Großbauten des tschechoslowakischen Funktionalismus der Ersten Republik. Und es sagt etwas über die Bedeutung des Auftraggebers aus.

Das Gebäude an der Polská 2400/1a, direkt am Rande des Rieger-Parks (Riegrovy sady), gehörte bzw. gehört heute (nach Unterbrechung in den Zeiten von Nationalsozialismus und Kommunismus) immer noch dem Turnerbund Sokol (Falke). Die 1862 von Miroslav Tyrš gegründete Massenorganisation hatte zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur die allgemeine Leibesertüchtigung zum Ziel. Vielmehr war es die mitgliederstärkste Organisation der tschechischen Nationalbewegung, die sich u.a. mit spektakulären Massenveranstaltungen im 19. Jahrhundert für die Rechte und die Selbstbestimmung der Tschechen im österreichischen Habsburgerreich einsetzte. Fast alle Väter der tschechoslowakischen Unabhängigkeit – Tomáš Garrigue Masaryk, Edvard Beneš, Alois Rašín, Karel Kramář u.v.v.a. – waren Mitglieder gewesen. In der Ersten Republik war der Sokol daher eine der tragenden Säulen des Gemeinwesens.

Das galt für alle Ebenen des Staates, so auch für die kommunale. Und unter den Kommunen war das erst ab 1922 zu Prag gehörende Vinohrady eine der aufstrebendsten und reichsten. Folglich war der örtliche Sokol auch besonders finanzstark. Deshalb ist das dortige Sokol-Gebäude eines der größten unter den in der Republikzeit gebauten.

1936 beschloss man eine Ausschreibung mit Wettbewerb um den besten Entwurf für ein multidisziplinäres Sportzentrum. Den Wettbewerb gwannen die Architekten František Marek und Václav Vejrych (beide Schüler des kubistischen Architekten Josef Gočár) sowie Zbyněk Jirsák für ihren gemeinsamen Entwurf. Der setzte Maßstäbe in der modernen Sportarchitektur, ja, war geradezu avantgardistisch und passte somit zu dem progressiven Image des Sokol. 1938 begann man mit der Umsetzung durch den Bauunternehmer Karel Skorkovský, der ein Pionier der Stahlbeton-Technik war. Doch die Umsetzung stand aus politischen Gründen unter einem unglücklichen Stern .

Im selben Jahr begann mit dem Münchner Abkommen die Demontage der Tschechoslowakei und Anfang 1939 marschierten die Nazis in Prag ein. Für den liberal und demokratisch ausgerichteten Sokol begannen schwere Zeiten. Ursprünglich hätte der Bau noch größer werden sollen, aber das Geld wurde knapper, so dass man auf ein Stockwerk verzichtete. Als das Gebäude fertig war, beschlagnahmten es die Deutschen (die u.a. den großen Treppenaufgang im typischen Nazi-Brutalklassizismus anfügten) und 1941 wurde es in ein Lazarett für SS-Leute umgewandelt. Im Juni 1946 konnte der örtliche Sokol endlich für sich die Einweihung des Gebäudes für sich feiern. Doch auch dieses Glück währte nur kurz. 1948 übernahmen die Kommunisten im Lande die Macht, die ebenfalls wenig von der liberaldemokratischen Ausrichtung des Vereins hielten, und im Jahr darauf wurde der Komplex Sportabteilungen der Maschinenbaufabrik ČKD übertragen. Erst 1991, zwei Jahre nach dem Fall des Kommunismus, bekam der Sokol sein Eigentum zurückerstattet.

Ansonsten gilt immer noch das Motto: Think big! Das im Stil der damaligen Zeit von außen von Keramikkacheln überzogene Gebäude verfügt mehrere Turnhallen, zwei Hallenfußballfelder, ein großes Schwimmbad, einen Parkettsaal (für den Tanzsport), Saunen, sowie Sitzungs- und Konferenzräume Davor ist noch ein recht großer Sportplatz für alle, die Sport am liebsten an der frischen Luft treiben. Auch nach heutigen Maßstäben ist das ein allen Standards genügendes, modernes Großzentrum des Sports.

Und eines mit Geschichte! Die feiert man drinnen wie draußen. Drinnen befindet sich in der Eingangshalle eine Statue von Miroslav Tyrš, und zwar die Kopie der 1926 von dem berühmten Bildhauer Ladislav Šaloun geschaffene Bronzefigur, die im Original vor dem nationalen Sokol-Hauptquartier, dem Tyršův dům (Tyrš-Haus) auf der Kleinseite steht. Drumherum gibt es eine kleine Ausstellung über die Geschichte, die den Beitrag des Sokol zur Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, zur Stützung der Ersten Republik und zum Widerstand gegen Nazis und Kommunisten zum Thema hat.

Und draußen vor dem Eingang steht seit 2012 ein Denkmal zum 150. Jahrestag der Gründung des Sokol im Jahre 1862. Gestaltet wurde es von der Bildhauern Karel Holub und Petr Holub (Vater und Sohn). Drei Betonstufen, die den Weg des Sokol durch die Geschichte symbolisieren sollen, führen zu einer Metallplatte, aus der die Silhouette eines kurz-behosten Sokol-Turners in Grundpositiongeschnitten ist, Der Betonsockel wird hinter der Statue noch ein wenig weitergeführt, so wie der Fortschrittsweg des Sokol weitergeführt werden wird. Der nationale Pathos, der den Sokol umgibt, hat hier einen modernen Ausdruck gefunden.

Bevor man es vergisst: Es gibt auch eine kleine Gastronomie, die sich modisch-keck SoKool Bar & Restaurant nennt, und deren Außenbereich mit ihrem irgndwie sehr traditionell wirkenden Blumenschmuck einen lustigen Kontrast zu dem kalten Funktionalismus des Gebäudes bildet. Das ist natürlich wichtig, denn ohne ein frisch gezapftes Bier danach ist ja die sportliche Betätigung kaum zu bewältigen. (DD)

Vom Schützenprivileg zum Freizeitparadies

Sie hat sich inzwischen zu einem kleinen Freizeitparadies für einheimische Prager, aber auch Touristen enwickelt: Die Schützeninsel (Střelecký ostrov). Vor der Altstadt liegend, ist sie heute zu Fuß über die Most Legii (Brücke der Legionen) erreichbar. Die wurde aber als die zweite Prager Moldaubrücke überhaupt in den Jahren 1898 bis 1901 (wir berichteten hier) erbaut. Sie ersetzte wiederum eine 1839-41 entstandene Kettenbrücke. Vorher musste man per Boot hinüberschippern.

Das war natürlich der Exklusivität der „Location“ angemessen. Die Flussinsel, die im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, war im 14. Jahrhundert im Besitz des Johanniterordens, der hier sogar eine kleine Festung errichtete. Als befestigter Standort spielte die Insel noch im Dreissigjährigen Krieg eine Rolle bei der Verteidigung der Stadt gegen die 1648 einfallenden Schweden. Aber schon 1562 hatte König Ferdinand I. den größten Teil der Insel den Stadtschützen der Altstadt gegeben.

Und daher hat die Insel auch ihren heutigen Namen. Hier praktizierten im Sinne des ihnen vom König verliehenen Privilegs zunächst die Schützen zur Verteidigung der Stadt, wobei sich das Ganze nach und nach zu einem gepflegten Hobby für Adel und auch das reiche Bürgertum entwickelte. Es bildeten sich Schützenvereine mit schicken Uniformen. Zunächst schoss man mit Pfeil und Bogen auf einen hölzernen Vogel, der auf einer Stange saß (was der Usprung der Redensart den Vogel abschießen ist), später auch mir Armbrüsten und Gewehren auf Zielscheiben. Dafür gab es am südlichen Ufer auch eine kleine hölzerne Schießhalle.

Die Halle brannte Anfang des 19. Jahrhunderts ab und wurde 1812 durch ein prächtigeres Gebäude im klassizistischen Stil ersetzt, für dessen Pläne sich der Architekt Josef Zobel verantwortlich zeigte. Dieses nunmehr steinerne und somit feuerfeste Gebäude, das eher einem schönen fürstlichen Palais gleicht, kann man heute noch fast unverändert bewundern, wenngleich es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg um einen Restaurantanbau ergänzt wurde. Und immer noch war die Insel der Ort, wo sich die adligen und großbürgerlichen Schützen mehr oder minder exklusiv trafen. Deshalb wurd unter anderem ein Ballsaal eingerichtet. Der elitäre Anspruch änderte sich fast schon notgedrungen ein wenig mit der Fertigstellung der ersten Brücke 1841.

Mit ihr kam das Zeitalter der Veranstaltungen für die großen Massen. Meisterschaften für Bogenschützen gibt es hier zwar noch bis heute, aber der große erste Hit für die Massen im 19. Jahrhundert war die Industriemesse von 1872. Schon 10 Jahre später, am 18. Juli 1892, kam es noch dicker. Da führte nämlich der von von Miroslav Tyrš 1862 gegründete Turnerverband Sokol (Falke) sein 1. Sport-und Turnfest durch, an dem über 1600 Sportler teilnahmen. Dabei ging es weniger um Leibesertüchtigung, denn der Sokol verstand sich als politische Organisation zur Erkämpfung von Rechten für die Tschechen im Habsburgerreich. Mit dem Fest gelang ihm eine politische Demonstration der Stärke. Eine Gedenkplatte findet sich seit 1932 am Gebäude. Noch mehrmals fanden in der Folge hier Sokol-Feste statt.

Die nächste bemerkenswerte große Politveranstaltung war erste Arbeiter-Feier am 1. Mai 1890. Der Tag der Arbeit wird heute noch gerne von Kommunisten und Sozialisten gefeiert, obwohl er als offizieller und arbeitsfreier Feiertag – wie auch in Deutschland – erst von den Nazis während der Protektoratszeit (während derer die Insel bedauerlicherweise wieder exklusiv genutzt wurde, diesmal von der örtlichen Hitlerjugend) eingeführt wurde. Wie dem auch sei, auch dieses Schlüsselereignis der Geschichte fand hier statt und wird ebenfalls mit einer Gedenkplatte mit einem Relief voller wehender roter Fahnen in historischen Ehren gehalten. Die Gedenkplatte dürfte in den Zeiten des Kommunismus, wahrscheinlich in den 1960er Jahren angebracht worden sein.

Die 1901 eingeweihte neue Brücke zeichnete sich durch eine besonders prachtvolle Treppe im neobarocken Stil aus. Damit war die Entwicklung hin zu einem der nachgefragtesten Teil des öffentlichen Raums in Prag festgeschrieben. Sport wird hier – vor allem im südlichen Teil – weiter getrieben, meist Bogenschießen (Geschichte verpflichtet!), aber auch seltenere Sportarten. 2007 fand auf der Insel zum Beispiel die Weltmeisterschaft im Murmelspielen (Schussern) statt.

Aber die Insel ist mehr. Sie ist ein Freizeitparadies schlechthin. Der südliche Teil, der durch Schießhalle bzw. Restaurant vom Rest der Insel separiert ist, kann für geschlossene Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden. Nicht nur Sportveranstaltungen fallen darunter, sondern auch Rock-Konzerte und ähnliches. 1997 wurde sogar ein Open-Air-Kino eröffnet, das allerdings mit dem schrecklichen Hochwasser von 2002 wieder verschwand.

Das wahre Leben tobt jedoch im öffentlich frei zugänglichen Bereich nördlich des Gebäudes und der Brücke – also dem größten Teil des Inselareals. Ein herrlicher uralter Baumbestand, dessen Urspünge teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, lädt vor allem im Sommer zum Verweilen ein. Überall sieht man Menschen, die auf dem Rasen Picknicks abhalten und es sich gut gehen lassen. Es handelt sich um eine der schönsten Parkanlagen der Stadt.

Dazu gibt es die passende Infrastruktur – kleine Imbiss- und Kaffeestände, schwimmende Restaurants, die hier vertäut sind, Bootsverleihe und anderes sorgen dafür, das es dem Rast suchenden an nichts fehlt. Ab und an gibt es auch Großveranstaltungen. Regelmässig findet hier zum Beispiel der unterhaltsame Teil (Konzerte etc.) des Gay Pride Festivals mit Partystimmung statt. Es ist immer etwas los auf der Insel.

Meist ist es dann doch ein wenig ruhiger auf der Insel – trotz der vielen Besucher. Die kommen auch, um von der Nordspitze der Insel eine atemberaubende Aussicht zu genießen. Die Nordspitze ist einer der Orte, von dem aus man die Karlsbrücke (Karlův most) – die große Attraktion Prags – in voller Länge sehen kann. man sollte es sich nicht entgehen lassen. (DD)

Känguruverein

Ein Känguru als Vereinslogo? Die hüpfenden Beuteltiere leben doch gar nicht in Tschechiens Wäldern! Und dann der Namen Bohemians statt „Die Böhmen“ oder „Češi“? Für einen lokalen Fußballverein? Zurecht vermutet man dahinter eine interessante Geschichte.

In der Tat hieß der Verein, als er 1905 gegründet wurde, noch AFK Vršovice und war, wie der Name sagt, nur ein Stadtteil-Sportverein in Prag Vršovice (heute Prag 10). Man spielte in den untersten Fußball-Ligen. Aber 1926 hatte man eine witzige Idee. Warum nicht mal nach Australien fahren und dort Fußball spielen? Das tat man im nächsten Jahr. Die Schiffsreise dauerte von Neapel aus 23 Tage. Unterwegs stoppte man in Colombo (damals Ceylon, heute Sri Lanka), um eine Auswahl britischer Kolonialsoldaten 4:2 zu schlagen. In Australien zog man durch alle Provinzen. Als erstes schlug man am 5. Mai die Mannschaft von Perth 11:3. Am Ende schaffte man am 25. Juni sogar gegen die Nationalmannschaft des Landes ein ehrenhaftes 4:4. Die Australier fanden das extrem exotisch und machten zweierlei: (1) Da sie ein Wort wie „Vršovice“ nicht aussprechen konnten, nannten sie die Mannschaft einfach Bohemians, und (2) gaben sie der Mannschaft zum Abschied ein niedliches Kängurupaar mit auf den Weg als Geschenk für Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk (der es dann dem Zoo spendete). Die Bohemians und ihr Logo waren geboren.

Mit dem durch den Erfolg der Tour gestärkten Selbstbewusstsein wuchs auch die Spielleistung. Man stieg in die erste Liga des Landes auf und blieb seither die meiste Zeit dort. 1983 wurde man sogar tschechoslowakischer Meister! Auch im Ausland reüssierte man immer wieder. Nur gegen eine wirkliche Gigantenmannschaft verlor man einmal 1986 beim UEFA-Pokal schlapp mit 2:8. Aber man kann ja auch von den Leuten nichts Unmögliches verlangen. Vielleicht hat man damals danach diskutiert, ob nun Kängurus oder Geißböcke die besseren Vereins-Maskottchen sind. Vielleicht auch nicht.

Ja, und 2005 kam die dunkle Zeit, da der Verein insolvent war. Danach zankten sich zwei aus der Konkursmasse hervorgegangene Mannschaften darum, wer sich denn nun Bohemians nennen dürfe. Das hat man inzwischen gelöst und heute spielt man wieder in der ersten Liga. Die Vršovicer lieben jedenfalls ihren Verein innig.

Zurück zur Geschichte: Mit dem Erfolg kam auch die Notwendigkeit eines Stadions. Bei der Gründung 1905 spielte man auf irgendwelchen Spielfeldern, die gerade frei waren. 1914 legte man auf einem Feld in der Nähe einer Fabrik einen kleinen Platz an, der wegen seiner Muldenform Ďolíček (kleine Grube) genannt wurde. Als man dann aufgestiegen war und 1932 ein richtiges Stadion bauen ließ, behielt es diesen Namen, den es heute noch trägt. Der Architekt A. Vejvoda gestaltete das Stadion im funktionalistischen Stil mit dem Känguru-Logo am Eingang (großes Bild). Ursprünglich fasste das Stadion, das mit einem Spiel der Bohemians gegen Slavia Prag eingeweiht wurde, rund 18.000 Zuschauer – fast alle auf Stehplätzen. Heute passen rund 6.300 hinein, was unter anderem mit der Umwandlung der meisten Steh- in Sitzplätze bei der Renovierung 2007 zu tun hatte. Immer wieder wurde das Stadion im Laufe der Zeit modernisiert (1955 wurde zum Beispiel das Flutlicht eingeführt). Inzwischen wird es nicht nur für den Fußball, sondern auch für Rockkonzerte (das mit Tina Turner 1996 blieb in besonders guter Erinnerung) genutzt. Ach ja, gegen australische Mannschaften scheinen die Bohemians schon lange nicht mehr gespielt zu haben. (DD)

Gigantomanie für Massenturnen

Noch im allmählichen Verfall strotzt dieses Gebäude nur so von dem gigantomanen Selbstbewusstsein, das zu seiner Entstehung beitrug. Geht man die Fassade entlang, so sieht man rohen Beton und Stahl in brutalistischer Manier kühn geformt. Das zunehmend zerbröselnde Material verleiht dem Ganzen den Eindruck eines Relikt einer längst vergangenen sozialistischen Zukunft.

Dieser erste Eindruck stimmt zwar, aber doch eben nicht ganz. Das große Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov kann auf eine Geschichte zurückschauen, die lange vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 begann. Der nach außen getragene Eindruck sozialistischen Brutalismus ist das Ergebnis von größeren Umbauten in den Jahren 1962 bis 1972, die von den Architekten Zdeněk Kuna, Zdeněk Stupka und Oliver Honke-Houfek durchgeführt wurden, aber nicht das ganze Gebäude betrafen. In dieser Zeit war Brutalismus allerdings auch im Westen der letzte Schrei. Man muss diesen Stil nicht mögen, aber zumindest ist es schwer, von den aberwitzigen Treppenkonstruktionen der Ostseite nicht fasziniert zu sein.

Allerdings sind größere Teile des Stadions älter und lassen sich nicht in diese Kategorie pressen, was man erst bei genauerem Hinsehen bemerkt. Die südliche und die nördliche Seite wurden zum Beispiel in dieser Form in den Jahren 1938/39 (nach der Kriegsunterbrechung 1947/48 fortgesetzt) erbaut und basieren auf den Plänen der Architekten Ferdinand Balcárek und Karel Kopp. Man kann schön erkennen, dass es sich hier eindeutig um frühe funktionalistische Gebäude handelt.

Im Grunde sind Süd- und Nordflügel sogar recht konventionell gebaut, denn man behielt bei den Stützpfeilern für die großen Tribünen sogar den klassizistischen Säulenrhythmus bei. Alles ist geradlinig strukturiert; kein Experiment in Formbarkeit von Materie. Das war in den 1930er Jahren gerade bei Stadionbauten ein allgemein zu beobachtender Trend. Die Tatsache, dass aber auch hier schon Stahl und Beton verwendet wurden, sorgt dafür, dass die Unterschiedlichkeit der Stile nicht unmittelbar auffällt. Allerdings war auch diese Materialwahl nicht die ursprüngliche, denn die Bauspase von 1938/39 war nicht die erste gewesen.

Schon 1926 hatten die Planungen für das Stadion begonnen, für die sich der damalige Stararchitekt Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier) verantwortlich zeigte. Der Originalbau hatte an der Süd- und Nordseite noch Holztribünen, die dann eben in den 1930er Jahren durch die heute sichtbaren Betonbauten ersetzt wurden. An der Westseite kann man immer noch sehen, dass die Höhendimensionen des ersten Stadions deutlich geringer sind als die neueren Bauteile.

Auch die Ziegelbauweise deutete noch auf eine bescheidenere Außendarstellung hin. Was nicht heißen soll, dass das Stadion damals bescheiden in seinen Ausmaßen war. Im Gegenteil: Die Fläche des Stadions war damals wie heute gigantisch. Die Fläche umfasst in ihren Maßen mehr als sieben konventionelle Fußballfelder. In seiner Blütezeit konnte das Stadion fast 250.000 Zuschauer fassen.

Warum so groß? Nun, das Sportfeld wurde in der Zeit der Ersten Republik (1918-1939) vor allem vom Turnerbund Sokol (Falke) genutzt. Der diente nicht nur der Körperertüchtigung, sondern war in den Zeiten des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert eine durchaus politische Organisation, die sich dem Ziel der Selbstbestimmung Böhmen und der Tschechen verschrieben hatte. Dazu organisierte der Sokol immer wieder Turnfeste mit Massenbeteiligung und synchroner Gymnastik, was als demokratische Demonstration der Stärke gedacht war.

In der Republik waren diese Turnerfeste, die immer gigantischere AUsmaße annahmen, ein Teil der Staatsfolklore. Präsident Masaryk besuchte die Feste regelmäßig. Eine zeitlang wurde das Stadion sogar bisweilen Masaryk Stadion (Masarykův stadion) genannt. Auch hier blieben die Spiele im republikanischen Sinne politisch. 1938 standen sie unter dem Motto, dass man sich dem drohenden Krieg und den Nazis entgegenstellen wollte; die Spiele 1948 waren ein letztes Aufbäumen gegen die Diktatur der Kommunisten, die gerade die Macht ergriffen hatten.

Die Kommunisten nahmen an dem republikanischen und bürgerlichen Geist der Sokolnationalfeste natürlich Anstoß und verboten sie einfach, nachdem sie in den ersten Jahren noch versucht hatten, sie zu „übernehmen“. Allerdings passte das Massenturnen und die Synchronisation von Menschen im gleichen Rhythmus doch irgendwie in die ästhetische Werbemasche der neuen roten Herren. Also führten sie stattdessen eine ideologisch kompatible Variante der Feste ein, die Spartakiaden. Die nochmalige Vergrößerung des Stadions im brutalistischen Stil passte hier klar ins Konzept. Die Feste fanden alle vier Jahre Fest und beim Fest von 1985 kündigte man bereits frohgemut die Spiele von 1989 an. Aber da kam schon das Ende des Kommunismus durch die Samtene Revolution. Da war es wieder vorbei mit den Spartakiaden.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, Václav Havel, ließ es sich 1994 nicht nehmen, das erste große Sokolfest zu eröffnen. Und nach dem Kommunismus gab es ja auch Grund zum großen Feiern. 1990 spielten hier die Rolling Stones vor 100.000 Menschen, darunter Václav Havel daselbst. Das Stadion war der Ort, wo man Spaß hatte.

Aber, schon damals bemerkte man das Abbröckeln des Betons. Es wurde immer riskanter, riesige Menschenmassen auf die Tribünen zu lassen. Die zugelassenen Sportevents (etwa Polo) wurden immer kleiner und es gab eine Diskussion, ob man das Stadion nicht abreißen sollte. Teile wurden immerhin 2003 mit Geldern der Stadt Prag für den Fußballverein AC Sparta Praha (Athletic Club Sparta Praha fotbal a.s.) renoviert, aber eben nur Teile. Es diente nun als Trainungszentrum. Seit 2014 gehört das Stadion der Stadt. Neben den Trainings gibt es dort nun einige Läden. Nur noch kleine Jugendsportveranstaltungen finden hier statt, meist mit nur wenigen hundert Zuschauern.

Vor dem Stadion steht ein Turm, den (wohl nicht nur) ich zunächst für einen organischen Teil des Ganzen hielt, weil er eine ebensolche Beton- und Stahl-Ausstrahlung hat wie das Stadion. Er hat aber nichts damit zu tun. Unter dem Stadion verläuft nämlich seit 1997 der Strahov Tunnel (Strahovský tunel), der eine schnelle Umfahrungsmöglichkeit für Autofahrer bietet, die sich nicht durch die enge Innenstadt quälen möchten. Der riesig dimensionierte Turm ist in Wirklichkeit nur ein Belüftungsschacht für den Tunnel – allerdings einer, der zu der Gigantomanie des Stadions passt. (DD)

Brutalismus und Sport

Dass der Brutalismus als Architekturstil gut zum Thema Sport passen könnte, hatte man schon in den Zeiten des Sportunterrichts in der Schule unterschwellig geahnt. Aber beim Anblick dieses Gebäudes wird es zur Gewissheit. Die Rede ist von der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka).

Und dann steht das Ding auch noch direkt bei einem anderen gigantomanischen Werk des Brutalismus, der 1973 eröffneten Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier), die damals noch nach dem stalinistischen Kommunistenchef Klement Gottwald benannt war. Kurz: Wer hier im Folimanka Park in Vinohrady am netten Flüsschen Botič ein wenig spazieren geht, kommt als Freund dieses Stils voll auf seine Kosten.

Der Brutalismus: Nachdem irgendwann der stalinistische Zuckerbäckerstil auch bei den Kommunisten „out“ war, fand man in den kommunistischen Ländern in den 1970er Jahren wieder zu einem architektonischen Formalismus zurück, der unter Stalin ein geradezu todeswürdiges Verbrechen war. Mit Beton, Stahl und Glas wollte man in abstrakter und funktionalistischer Manier den kühnen sozialistischen Gestaltungswillen ausdrücken, ohne die frühere Volkstümelei zu pflegen. So etwas gab es zu dieser Zeit auch im Westen, sollte der Fairness halber hinzugefügt werden.

In diesem Geist wurde in den Jahren 1972 bis 1976 die Folimanka-Sporthalle nach den Plänen des Architekten Jiří Siegel erbaut. Sie sollte primär der Pflege des Basketballsports dienen. Dafür war Spiegel der richtige Mann, denn er war nicht nur ein geschulter Architekt mit einem Hang zu sportbezogenen Gebäuden (z.B. das Skiresort Poustevnik in Pec pod Sněžkou, Riesengebirge), sondern auch selbst Basketballspieler der Weltklasse, gehörte er doch 1948 zur tschechoslowakischen Olympiamannschaft in diesem Sport.

Heraus kam dabei ein geradezu archetypischer Brutalismusbau mit quadratischem Grundriss (40x40m) und einer nach oben sich abschrägenden Fassade, die mit schwarzem Schiefer und in Stahl gefasstem verdunkeltem Glas besteht. Das Ganze wirkt schon ein wenig düster und eben brutal.

Selbst der nicht unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsene Mensch wird bei näherem Hinschauen dann doch gemeinsamkeiten mit dem eigenen, westlichen Erfahrungshorizont finden. Denn wir befinden uns ja stilistisch in den 1970er Jahren. Und in dieser Zeit galt in Ost und West gleichermaßen, dass guter Geschmack in Sachen Farbe ein bürgerliches Vorurteil sei und der emanzipatorischen Entwicklung der Menschen im Wege stünde. Gerade als Kontrast zu dem grau-schwarzen Schiefer der Fassade konnte das eulenförmige Logo, dass sich der Designer Karel Pekárek für das Gebäude ausdachte nur in der systemübergreifenden Modefarbe der Zeit gehalten sein, einem quietschfarbenen Orange.

Das setzt sich auch andernorts fort. Etwa an der Beschriftung oberhalb der Eingangstore oder an deren Öffnungsgriffen. Auch im Inneren soll das ganze Wegweisersystem in dieser geschmackvollen Farbe gestaltet sein – ein wahres Retrovergnügen für jeden, der dieses Zeit erlebt hat. Innen ist das seit 1992 als Denkmal registrierte Gebäude zahlreichen Änderungen und Modernisierungen unterzogen worden, aber immerhin ist wohl die eigentliche Halle im Originalzustand.

Aber auch außen hat man sich um Kunstsinn bemüht. Vor dem Haupteingang steht zum Beispiel – wenngleich zum Schutz vor Vandalismus (der unter Sportfans im Bannkreis des Brutalismus möglicherweise besonders gedeiht) ein wenig eingezäunt, eine Skulptur. Die Statue eines Basketballspielers ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Němeček. Sie wurde im Jahr 1977 hier aufgestellt, also ein Jahr nach Eröffnung der Halle. Obwohl der Schluss naheläge, handelt es sich bei der schlaksigen Gestalt wohl nicht um ein Portrait des Erbauers Jiří Siegel aus der Zeit als Spieler in der Nationalmannschaft.

Die Sporthalle dient vor allem als Heimspielstätte des USK Praha (Univerzitní Sportovní Klub Praha), einem der erfolgreichsten tschechischen Basketballteams. 14 Mal gewann er den Meistertitel des Landes; einmal sogar den FIBA Europapokal der Pokalsieger. Aber auch Judo oder Gymnastik werden hier betrieben. Deshalb steht eine kleine Bronzeskulptur mit dem Titel Gymnastka (Gymnastin) neben dem Gebäude auf dem Folimanka Park. Sie ist das Werk des Bildhauers Václav Frydecký. Das sich grazil verrenkende Mädchen steht hier seit 1981. (DD)

Wanderungen in der Umgebung von Prag: Von den Höhen der Moldau zur Berounka: (I) Von Baně über Jíloviště nach Všenory

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Es kann nicht schaden, 16 Jahre in Berlin gelebt zu haben,  um  die kernige Atmosphäre rund um den Bahnhof Smíchov besser ertragen zu können. Prag ist nicht überall schön und diese Ecke ist besonders ungepflegt und heruntergekommen, aber der Ausgangspunkt für viele schöne Ausflüge in die südwestliche Umgebung von Prag, starten hier doch viele Züge und Busse in die touristischen Hochburgen Karlstejn und die anderen hübschen Städtchen an der Berounka und Vltava wie z.B.  Mníšek pod Brdy.

Unsere Wanderung nimmt also ihren Ausgang an oben genannten Bahnhof. Mit dem Bus Linie 129 geht es zur Endhaltestelle Baně, direkt am Stadtrand des  Prager Stadtteils Zbraslav. Hier, im Wald oberhalb des gleichnamigen, größten Steinbruchs Mittelböhmens beginnt der Rot gekennzeichnete Wanderweg nach Skalka oberhalb von Bane4Mníšek pod Brdy, bestens dokumentiert bei mapy.cz .An einer Kapelle (großes Bild oben) und ehemaligen Fernsehstation vorbei geht es im Wald der Höhe über die Vltava, die man immer wieder durch die Bäume hindurch sehen kann, bis zu einem wunderschönen Aussichtspunkt unterhalb eines großen Pylons einer elektrischen Überlandleitung (Bild links) entlang. Von hier hat man einen weiten Blick auf die Moldaubiegung bei Vrané. Weiter geht der Weg durch den pilz- und wildreichen Wald bis Pod Cukrákem, von wo aus man mit einem kleinen Abstecher zu  dem großen, in den 60er Jahren erbauten  Bane3Fernsehturm Cukrák wandern kann. Bei gutem Wetter kann man den weiß-rot gestreiften Turm schon Kilometer vorher über den Wald ragen sehen.  Von Zbraslav nach Jílovište ging in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein berühmtes Bergrennen,  das erste Automobilrennen der Welt, das von einer Frau gewonnen wurde, nämlich  im Jahre 1926  von Eliška Junková. Nach dem Abstecher folgt man weiter der roten Markierung und kommt durch Jiloviste, wo es sich lohnt im modernen Restaurace Pod Lesem einzukehren. Wir waren IMG_8941überrascht von der ambitionierten Küche. Der Thunfisch im gleichnamigen Salat kam zwar aus der Dose, dafür war er aber  mit einem exotischen Zwetschken-Chutney und grünem Pfeffer garniert. Dazu gab es ein köstliches, selbst gebackenes Kürbiskernbrot. Das hatten wir hier nicht erwartet!

Aus dem Ort heraus der roten Markierung  kurz an der Schnellstraße entlang über Felder in den Wald hinein folgen. Bane2Bei der Wegkreuzung Pod Kamenem auf die blaue Markierung Richtung Všenory wechselnen, wo man nach kurzem Weg schon die Hügel entlang  der Berounka durch die Bäume blitzen sehen kann. Dann folgt der Abstieg in den beliebten Ausflugs- und Wochenendsaufenthaltsort herab an Schafweiden und vielen Häusern aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zur etwas heruntergekommen Bahnstation von Všenory. Von dort fährt im 30 Minuten-Takt der City Elefant der S 7 nach Prag zurück. Auch hier lohnt es sich noch einen Blick aus dem Zugfenster zu werfen. Kein Wunder, dass so viele Prager hier ihre Wochenendhäuser haben.

Länge der Tour: knapp 10 km hauptsächlich angenehme Waldwege. Kaum Steigungen, da man bei Bane schon auf der Höhe über der Moldau ist. Nur ein  bequemer  Abstieg nach Všenory. (LSD)