Imposant über der Moldau

Über 190 Meter erstreckt sich die imposante Front von Schloss Chvatěruby (Zámek Chvatěruby) hoch über dem Ufer der Moldau. Für die Spaziergänger auf dem schönen Uferwanderweg einige Kilometer flussabwärts von Prag ist sie eine echte Sehenwürdigkeit.

Die Ursprünge des Schlosses, das oberhalb des gleichnamigen kleinen Dorfes thront, liegen ein wenig im Dunklen. Man findet für das 13. Jahrhundert in Urkunden die Erwähnung eines befestigten Hofes mit Turm, der einem gewissen Rüdiger von Chvatěruby gehörte. Erst 1366 wird sie als richtige Burgbefestigung wieder erwähnt, die im Besitz eines Prager Patriziers war.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ging sie in den Besitz der Familie Zajíc von Hasenburg über, die sich aber unklugerweise einem katholischen Aufstand gegen König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) anschloss, dem einzigen Hussiten auf dem böhmischen Königsthron (wir berichteten u.a. hier). Der ließ die Burg 1467 stürmen und übereignete sie dem befreundeten Staatsmann und humanistischen Schriftsteller Georg von Heimburg. Als der König starb 1471 starb, musste Heimburg allerdings Burg und Land verlassen, da er vom katholischen Nachfolger als ein wegen papstkritischer Pamphlete Exkommunizierter in Böhmen keinen Schutz mehr genoss.

Es folgten in recht rascher Abfolge etliche Besitzerwechsel. Einer der Besitzer war der Landrichter Johann von Waldstein (Wallenstein), der es 1567 erwarb. Er baute die stattliche Vorderfront, die noch mittelalterlichen Ursprungs war, im Stil der Renaissance um – so, wie wir es heute (allerdings als Ruine) noch sehen. Johann von Waldstein war noch ein gemäßigter Hussit. Später schlug sich die Familie auf die katholische Seite und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die kaiserlich-katholischen Truppen des durch Schillers Drama Wallenstein berühmt gewordenen Heerführers Albrecht von Wallenstein (wir berichteten u.a. hier) die Burg im Dreissigjährigen Krieg eroberten und ausplünderten.

Nach dem Krieg kam das Gebäude in die Hände des adligen Geschlechts Voračičtí z Paběnic. Unter der Familie wurde aus der Burg ein barockes Schloss, das den veränderten Wohnbedürfnissen des Adels der Zeit entsprach. Oder genauer ausgedrückt: An die alte Vorderfont wurde im rechten Winkel ein neues Barockschloss gesetzt, sodass der heute noch bestehende Eindruck zweier aneinandergefügter Bauwerke entstand.

Offensichtlich hätte die Familie gerne das ganze Schloss konsequent barockisiert, aber wahrscheinlich ging das Geld aus. Jedenfalls blieb das Projekt halb vollendet. Das war kein gutes Omen. Das Schloss verfiel allmählich. 1752 wurde das Dach des alten Teils bei einem Sturm zerstört. Ein neuer Besitzer montierte 1816 die schönen Außenverkleidungen von Türen und Fenstern ab, um sie einem anderen seiner Anwesen einzuverleiben. Darob nutzte auch dei Bevölkerung im Ort das Schloss zunehmen als eine Art Steinbruch. 1817 stürzte der noch erhaltene Teil des Daches im östlichen Bauteil ein.

Und schließlich ließ man 1891 einen Teil des Gebäudes abreißen, weil er einsturzgefährdet war. Nur der barocke Teil blieb einigermaßen erhalten – allem voran das schöne Eingangstor. Wieder folgten etliche Wechsel der Eigentümer. 1918 erwarb der damals bekannte Schaupieler František Matějovský das Schloss. 1947 fiel es dann in Staatsbesitz. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Schloss Chvatěruby 1991 privatisiert. Die neue Besitzerfamilie renoviert zurzeit den bewohnbaren Teil sehr sorgfältig – eine geradezu titanische Aufgabe.

Es lohnt sich, vom Uferweg aus, einmal hoch zum Schloss zu wandern und es zu umrunden. Man kann dann das Gebäude in seinem schönen Umfeld bewundern. Das Dorf ist nämlich recht hübsch und direkt neben dem Schloss liegt die Kirche der Heiligen Peter und Paul (kostel sv. Petra a Pavla), deren Ursprünge sich auf das Jahr 1222 zurückdatieren lassen, und die um 1715 im Zuge des Schlossumbaus ordentlich barockisiert wurde.

Wer beim Anblick der Vorderfront vom anderen anderen Moldauufer bereits von der Imposanz der Anlage beeindruckt ist, wird bei der Perspektive vom Dorfinneren her noch mehr überwältigt sein. Über die Jahrhunderte hat sich das Dorf in die unter der Burg gelegenen zusätzlichen Bastion integriert. Die Häuser des Ortes sind zum Teil regelrecht eingebaut. Trotzdem erkennt man die Bastion noch deutlich und sie zeigt, dass die Gesamtanlage der Burg dereinst viel größer war als man es von der Ferne sieht. (DD)

Eklektik für Rudolf nach der Pest

An dieser Kirche könnte man das Fremdwort eklektisch erklären, was in der Kunst so viel bedeutet wie die Verwendung von Elementen verschiedener, möglicherweise nicht zusammenpassenden Stilepochen. Nicht nur das macht die Kirche des Heiligen Rochus (kostel sv. Rocha) interessant.

Vor allem steht die alte Gemeindekirche innerhalb der Mauern des Klosters Strahov, das ja mit der großen Basilika Mariä Himmelfahrt (Bazilika Nanebevzetí Panny Marie na Strahově) bereits über eine Kirche verfügt. Die Standortentscheidung fiel kurz nach der großen Pest in Prag von 1599. Der Hausherr der benachbarten Burg, Kaiser Rudolf II., zog sich währenddessen nach Pilsen zurück, um der Seuche nicht nicht zum Opfer zu fallen. Als er gesund zurückkam, beschloss er aus Dank mit dem Strahover Abt Jan Lohelius, eine Kirche bauen zu lassen, die dem Heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen schlimme Krankheiten, gewidmet werden sollte. 1603 wurde sie geweiht und diente fortan nicht etwa den Mönchen, sondern den Pfarrmitgliedern der umliegenden Gemeinde als Gotteshaus.

Das ging so bis 1784. Dann setzten die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. ein, die in der Schließung und Enteignung vieler Klöster und Kirchen endete. Das Argument war die Sparsamkeit und er meinte, dass man auch dem Klostergrund keine Gemeindekirche brauche, wo doch schon eine große Klosterkirche existierte und die Aufgabe mit übernehmen könnte. Aus der Kirche wurde erst eine Leichenhalle, dann eine Schmiede. 1882 weihte dann aber doch der Abt von Strahov, Zikmund Antonín Starý, die Kirche für die Gemeinde neu. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Lande im Jahr 1948 wurde sie allerdings wieder enteignet und zu einer Lagerhalle umfunktioniert.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde die Kirche aber nicht wieder Kirche, sondern es zog 1994 die Miro Galerie hier ein. Die war bis dato eine hochkarätige Exil-Galerie im fernen (West-) Berlin, aber Dank der finanziellen Hilfe von Gott – gemeint ist in diesem Fall Karel Gott – konnte Betreiber Miro Smolák nach Prag umsiedeln und nun hier in dem frisch renovierten Gebäude in wechselnden und hochwertigen Ausstellungen Klassiker der modernen Kunst ausstellen. Auch kleine Musikabende gibt es hier ab und an. Die Kirche hat natürlich Dank der Enteignungen seit langer Zeit ohne ihre ursprünglichen Kirchenausschmückung verloren. Das hat aber auch seine Vorteile, denn so kommt die interessante Architektur optisch klarer und reiner zum Vorschein.

Und so sieht man die seltsame Mischung von (damals völlig unmoderner) Gotik- und Renaissancestil, die sich der unbekannt gebliebene Architekt erlaubt hat. Innen stehen die klassischen Pilaster in Kontrast zu den gotischen Spitzfenstern. Der Grundriss, der im Kern rechteckig ist, aber durch abgeflachte Ecken fast oval wirkt, sowie die im Vergleich zum Grundriss unglaubliche Höhe. Drinnen gibt es drei gleich große Altarnischen, in denen früher je ein Altar des Heiligen Rochus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Antonius standen (die alle auch Patrone gegen Krankheiten sind). Die sind nicht mehr da. Aber die moderne Kunst kommt heute in ihnen hervorragend zur Geltung. (DD)

Das große Rathaus auf der Kleinseite

Prag hat vier alte Rathäuser. Das hier ist das Kleinseitner Rathaus, das im Tschechischen Malostranská Beseda genannt wird. Das „Beseda“ bedeutet soviel wie Gespräch, Plauderei oder gemütliches Beisammensein und wird in Tschechien häufig im Zusammenhang mit Rathäusern verwendet. Idealerweise soll ja der Rat auch der Platz sein, wo man die Angelegenheiten der Stadt friedlich miteinander im Gespräch regelt.

Warum es vier Rathäuser im alten Prag gibt, wurde bereits andernorts gesagt. Prag im eigentlichen Sinne entstand erst durch die Zusammenlegung von der zuvor eigenständigen Städte Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt) im Jahre 1784. Die Kleinseite, die auf dem westlichen Moldauufer liegt, wurde von König Ottokar II., Přemysl im Jahre 1257. Da brauchte man natürlich ein Rathaus. Der Rat tagte zunächst in der heutigen Nikolauskirche. 1407 baute man ein neues Rathaus mitten auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), das aber bereits 1420 im Zuge der Hussitenkriege restlos zerstört wurde. Ein Gebäude, diesmal am heutigen Malostranské náměstí. 271/2, wurde in der Folge erworben und bis 1478 genutzt (Bild oberhalb links, das allerdings das Gebäude im heutigen Zustand mit einer Fassade aus dem 19. Jahrhundert zeigt).

In diesem Jahr wurde ein neues Rathaus errichtet und zwar am Malostranské náměstí 35/21, wo noch immer die Malostranská beseda steht. Sie sieht heute natürlich anders aus als damals. Der ursprüngliche Bau war im gotischen Stil erbaut worden. In diesem Bau wurde immerhin ein Stück großer Geschichte geschrieben, als am 14. Mai 1575 sich hier protestantische und utraquistische (moderat hussitische) Ständemitglieder und Stadtvertreter versammelten und dem Habsburger Rudolf II. erfolgreich drohten, ihn nicht zum böhmischen König zu wählen, wenn er nicht religiöse Toleranz gewähre. Die Confessio Bohemica (Böhmische Konfession) wurde die Grundlage der Religionsfreiheit in Böhmen bis zum Dreissigjährigen Krieg. Am heutigen Gebäude erinnert eine Gedenktafel aus dem Jahr 1931 daran.

Erst in den Jahren 1617 bis 1622 wurde im Zuge eines Totalumbaus das gotische Rathaus durch das heute sichtbare Rathaus im Spätrenaissancestil ersetzt, für dessen Pläne sich der österreichisch-italienische Architekt Giovanni Maria Philippi verantwortwortlich zeitigte. Es war damals eines der größeren Rathäuser – größer jedenfalls als das des Burgbezirks, das wir bereist hier vorstellten. Als gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 die Schweden die Kleinseite besetzten, wurde das Rathaus arg verwüstet. Um 1660 wurde es von einem Bürger namens Wilhelm Oppenrieder leicht barockisiert wieder aufgebaut. In dieser Zeit wurde das Wappen der Kleinseite über dem Eingang angebracht – ein Zeugnis des Barocks, einfasst in einer hübschen Kartusche.

Mit der Zusammenlegung der vier Städte 1784 verlor das Gebäude seine Funktion als Rathaus. Hintereinander diente es nun als Finanzamt, Archiv und Gefängnis. Jedes Mal wurde das Bebäude ein wenig angepasst und verlor dabei ein wenig von seinem ursprünglichen Charakter. 1820 kam es arg, als der Architekt Josef Kaur es an den klassizistischen Zeitgeist anpasste und die drei Türme mit ihren charakteristischen Kuppeln entfernen ließ, von denen der mittlere besonders hoch hinaufragte. Das ließ das Ganze etwas optisch verstümmelt zurück. Immerhin führte man es 1868 der Bestimmung zu, die es heute noch innehat, und die irgendwie auch angemessener ist als die Verwendung als Gefängnis. Seither ist das Haus eine Art Kulturzentrum, damals Vereinshaus genannt.

Und Kulturzentrum blieb es bis heute. Vor allem in den Zeiten des Kommunismus etablierte sich hier eine widerständige Kleintheaterszene. Berühmt wurde vor allem das 1967 gegründete Divadlo Járy Cimrmana (Jára-Cimrman-Theater), das allerdings 1992 in den Stadtteil Žižkov umzog. Es widmete sich dem Leben des bedeutendsten Tschechen überhaupt, Jára Cimrman. Der war Schriftsteller, Polarforscher, Wissenschafter, Dramatiker, also das Universalgenie schlechthin. Zu Lebzeiten unbekannt (er verschwand irgendwie um 1914), wurden seine Werke und Errungenschaften ab 1966 erst in Radiosendungen, dann im Theater präsentiert – etwa, dass er die moderne Gynäkologie in den Hochalpen entwickelt habe, oder dass er beinahe als erster Mensch den Nordpol erreicht hätte, wenn ihn nicht sieben Meter vor dem Ziel wilde Eskimos verfolgt hätten. Es gibt immer noch Menschen, die seine historische Existenz bezweifeln. Seine Fans, die in die Theatervorführungen gehen, ficht derartiger zweifel nicht an. Für sie ist er der archetypische Tscheche, der in Zeiten der Unfreiheit sein Genie trotz aller Widrigkeiten zu entfalten trachtet. In der Malostranská beseda gibt es in einem der oberen Stockwerke eine Ausstellung über ihn nebst einer Gedenktafel zur Gründung des legendären Theaters (Bild oberhalb links).

Zwischen 2006 und 2010 unterzog man das Gebäude einer gründlichen Renovierung. In deren Verlauf machte man die Verschandelungen von 1820 rückgängig. Die drei Türme wurden von dem Architekten und Restaurator Vít Mlázovský rekonstruiert, was eine schwierige Aufgabe war, da Originalpläne fehlten und sich die technische Seite des Kuppelbaus als sehr komplex erwies. Das Resultat kann sich sehen lassen. Im Kern sieht man zumindest außen wieder den Zustand, den es bei seiner Umgestaltung im frühen 17. Jahrhundert hatte – ganz im Stil der Renaaissance, wie man auch an den Karyatiden-Pilastern und anderen Elementen der Fassadengesaltung sehen kann.

Drinnen sieht man nur noch wenig, was an Renaissance erinnert, aber insbesondere der Dachboden unter den Türmen, der von großen Holzverstrebungen getragen ist, beeindruckt. Man kann sogar in den mittleren der Türme steigen und eine fabelhafte Aussicht auf die Burg genießen. Der Dachboden wird für Empfänge und Austellungen genutzt. Hier sieht man ein Bild aus einer Ausstellung im August/September 2017 über tschechische Ilustratoren der Werke von Karl May! Der Autor ist immer noch sehr beliebt bei den Tschechen und es gab unzählige großartige Illustratoren von Weltrang, wie etwa Zdeněk Burian

Wie dem auch sei, die Malostranská beseda lebt immer noch als Ort der Kultur. Wer von soviel Kultur erschöpft ist oder seinen Kulturbegriff weiter fasst, der kann im Erdgeschoss bzw. auch im Keller die sehr gemütliche Biergaststätte Malostranská beseda besuchen, wo es (leider kein selbstgebrautes, sondern urquelliges Industriebräu) Bier und recht guten mährischen Wein zu guter deftiger böhmischer Küche gibt. Das sollte man vielleicht außerhalb der härtesten Feriensaison tun, da sich in diesem Teil Prags die Touristen in Massen tummeln. Ob sie immer um die Bedeutung dieses Gebäudes wissen? (DD)

Das kleine Rathaus bei der Burg

Prag gibt es im eigentlichen Sinne erst seit 1784. Damals wurden vier eigenständige Städte zu einer Königlichen Hauptstadt Prag zusammengelegt. Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt oder Burgbezirk). Und jede von ihnen hatte zuvor ein eigenes Rathaus.

Hier sehen wir das kleinste von ihnen, das Rathaus des Burgbezirks (Hradčanská radnice) in der idyllischen Loretánská ulice 173/1, wo man es inmitten der Unzahl prachtvoller Häuser und Paläste glatt übersehen könnte.

Nun ja, der Burgbezirk mag, so sagen manche Archäologen, der älteste besiedelte Raum hier gewesen sein, aber zu einer Stadt in einem rechtlichen Sinne wurde er erst spät und das irgendwie auch nicht so richtig.. Nur die von Kaiser Karl IV. ab 1348 angelegte Neustadt war, wie der Name besagt, neuer unter den vier Originalbestandteilen des späteren Prags.

Während die Burg selbst schon im 9. Jahrhundert besiedeltes Gebiet war, entstand die darum liegende städtisch anmutende Ansiedlung wohl erst um 1320 als Gründung des damaligen Burggrafen Hynek Berka z Dubé, der hier aber keine Bürgerstadt, sondern letztlich eine feudale Leibeigenensiedlung schuf. Das änderte sich erst im Jahre 1598. Kaiser Rudolf II., der gegenüber den Feudalherren, worunter auch Burggrafen fielen, einen eher absolutistisch motivierten Kurs fuhr. Er ernannte den Hradčany zur eigenständigen königlichen Stadt. Das war zwar nicht der Status einer freien Bürgerstadt mit voller Selbsverwaltung, war aber definitiv ein Up-grading.

Jedenfalls gab es soviel Selbstverwaltung, dass ein Rathaus her musste. Man nahm ein bestehendes Renaissancegebäude, dessen Existenz schon 1498 erwähnt wird, und Teil der von Karl IV. in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbauten Befestigungmauer des Bezirks war. Um es noch besser dem lokalgouvernmentalen Zweck anzupassen, baute man es aber gegen Ende des 16. Jahrhunderts noch einmal um- jetzt im Spätrenaissancestil. Die neue feine Adresse passte zu dem sozialen Wandel, den der Burgbezirk inzwischen durchgemacht hatte. Große teile der alten Leibeigenensiedlung verschwanden mit dem Feuer von 1541. Nun wurden hier plötzlich Paläste großer Adelsfamilien gebaut, die die Nähe des Königshofs für ihre Zwecke suchten, etwa das Palais Sternberg (Šternberský palác) oder der Palais Schwarzenberg.

Und so sehen wir hier an dem Rathaus nun eine recht ansehnliche Renaissance-Fassade mit feinen Sgrafitti, was ein typisches Merkmal der böhmischen Renaissance ist. Das Gebäude trägt noch alle Insignien eines Rathauses. Auf dem Schlussstein des Eingangsportals befindet sich noch das Wappen der Burgstadt mit seinem charakteristischen Burgturm Deutlich größer und darüber (unterhalt eines Fensters im zweiten Stock) werden jedoch die Grenzen der Selbstverwaltung deutlich. Der Burgbezirk war ja direkt dem König unterstellt, weshalb dort das gemalte Wappen mit dem Habsburger Doppeladler aus der Zeit Rudolfs prangt, wie man im großen Bild oben sieht.

Aber weshalb bedarf es überhaupt der Weisheit einer Stadtregierung – ganz gleich, ob königlich oder nicht. Man will, dass die Gerechtigkeit im Gemeinwesen walte. Damit die Verwalter daran erinnert werden, wurde noch auf Höhe des ersten Stocks eine Allegorie der Justitia mit ihren bekannten Attributen Schwert und Waage aufgemalt. Da man damals Gerechtigkeit immer als göttliche Gerechtigkeit sah, gab es zur Gemahnung drinnen dereinst auch eine Kapelle unterhalb der Ratszimmer. Mit der Zusammenlegung der vier Stadtteile 1784 unter Kaiser Joseph II. wurde das Rathaus als Rathaus allerdings obsolet. Seither ist es ein normales Wohnhaus. Gottlob hat man aber die einem Rathaus gemäße Fassade darob nicht verändert. (DD)

Barock für gehobene Frauenbildung

In unerwartete Höhen schaut man, wenn man den kleinen Raum betritt. Man befindet sich in der Kapelle der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria (Kaple Nejsvětější Trojice a Neposkvrněného početí Panny Marie) in einem Gebäude, das als das Rosenberg Palais – Institut für Edelfrauen (Rožmberský palác–Ústav šlechtičen) bekannt ist.

Und das wiederum befindet sich an bester Adresse, nämlich mitten der Burg, wo nur die nobelsten der noblen Familien Böhmen sich in des Königs Nähe einen Palais bauen durften – etwa die Lobkowiczs, die nebenan residierten, aber eben auch die Rožmberks, deren ehemaliger Palast heute fester Bestandteil jeder großen Burgtour ist. Und bei einem Besuch des riesigen Palais‘ (besser: des kleinen Teils, der der Öffentlichkeit zugänglich ist), ist die Kapelle das erste, was man zu Gesicht bekommt.

Zur der Empfindung von Höhe trägt bei der Kapelle des Palais‘ nicht nur deren tatsächlichen Höhe bei, die sich über drei Stockwerke erstreckt, sondern auf die Malereien an Wänden und Decken. Dazu wurden 1754/55 zwei der damals bedeutendsten Barockmaler Böhmens verpflichtet, nämlich Josef Hager, der die Wände verzierte und Johann Peter Molitor, dem man das prachtvolle Deckengemälde der Dreifaltigkeit verdankt, das man oben im großen Bild sieht. Beide Maler waren Meister des Illusionismus. Und tatsächlich erweckt die Himmelsdarstellung Molitors Tiefeneffekt, der den Raum noch höher erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Und dann sind da zwei kleine Balkone, die mit schmuckvollen Metallgittern übereinander ins Bild ragen. Mit ihnen sind wir auch schon bei dem Zweck, dem das Gebäude lange Zeit diente. 1753 hatte Kaiserin Maria Theresia (zugleich einzige Frau, die je auf dem böhmischen Thron saß) als Ausdruck ihrer aufklärerischen Überzeugung, dass Frauenbildung gestärkt werden müsse, das Institut für Edelfrauen gegründet, mit dem Auftrag, 30 Adelstöchtern im Alter von 24 Jahren und älter Erziehung angedeihen zu lassen (für Waisenkinder war das schon im Alter von 18 Jahren möglich). Geleitet werden konnte das Institut nur von unverheirateten Erzherzoginnen aus der Familie Maria Theresias, dem Geschlecht Habsburg-Lothringen – weshalb die erste Leiterin erste von Ihnen wurde die Tochter von Maria Theresia – die Erzherzogin Maria Anna, die nicht nur wegen ihres Geblüts geeignet war, sondern auch wegen ihrer für Damen von Stand ungewöhnlich großen wissenschaftlichen Bildung.

Nun, um auf die Balkone zurückzukommen: Die dienten dazu, die Damen von eventuell zu weltlichem Treiben fernzuhalten, dem die Gottesdienstbesucher weiter unten frönen könnten. Tugend war schließlich ein wichtiger Teil der Ausbildung, was erklärt, warum die Kapelle der unbefleckten Empfängnis geweiht ist. So ging es natürlich hier nicht immer zu. Als die Familie Rožmberk das Areal erwarb, baute sie hier schrittweise einen normalen Adelssitz im Renaissancestil auf. 1600 erwarb Kaiser Rudolf II. diesen Palast, womit er in Habsburger Hände geriet (aber immer noch den alten Namen trug).

So konnte dann Maria Theresia als Eignerin auch den Auftrag an den italienisch-schweizerischen Architekten Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) zu geben, das Anwesen nach den Plänen von Nicolò Pacassi für den neuen Zweck als Institut für Edelfrauen im modernsten Barockstil umzubauen. Diese Arbeit wurde Anfang 1756 vollendet. Trotz einiger kleinerer Umbauten ist das Gebäude seither so erhalten geblieben. Umbauten 1787/88 brachten nämlich nur kleinere Veränderungen und Anpassungen.

Der Bedarf an der Sondererziehung adliger Damen sank mit der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 dramatisch auf Null. 1919 wurde das Institut aufgelöst. Der Bau war von nun an kaum der Öffentlichkeit zugänglich. Eine zeitlang residierte hier das Innenministerium. Dass in den Zeiten des Kommunismus die Vernachlässigung traurige Ausmaße annahm, versteht sich von selbst. 1996 bis 2008 führte man daher umfangreiche Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten durch und seit 2010 kann man einen Teil des Gebäudes besichtigen. Die Ausstellung zeigt, wie die Räumlichkeiten für die jungen Damen zu verschiedenen Zeiten im späten 18. und frühen 19. Jahrundert eingerichtet waren – erwartungsgemäß sehr nobel und geschmackvoll. Dazu konnte man immer den atemberaubend schönen Blick auf Altstadt und Kleinseite genießen!

Den Abschluss nach der Besichtigung der kleinen Museumsräume bildet der große Renaissancesaal, auch Rosenberg-Saal genannt. Der ist sozusagen noch ein Erinnerungsstück an die ursprünglichen Besitzer, die Rožmberks. Die Halle mit ihren schönen Gewölben wird heute ab und an für kleine Wechselausstellungen genutzt. Und wenn man damit fertig ist, kann man im Innenhof im Café des Gebäudes noch das Leben bei ein wenig Kaffee und Kuchen genießen. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Renaissance mit Hammer und Sichel (gut versteckt)

Das Hammer- und Sichelsymbol täuscht. Es handelt sich keineswegs um ein Gebäude aus der Zeit des Stalinismus. Oben in den Königsgärten neben der Prager Burg befindet sich der berühmte Ballsaal (Míčovna). Neben dem ebenfalls in den Gärten gelegenen Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny, siehe auch hier) gehört er zu den bedeutendsten Gebäuden der böhmischen Renaissance überhaupt.

Nun ja, die Gärten wurden ja auch 1534 – zur Blütezeit der Renaissance – von Kaiser Ferdinand I. angelegt und daher erstaunt die hohe Konzentration dieser Architektur an diesem Orte wenig. Das Gebäude wurde von den Architekten Bonifaz Wohlmut (siehe u.a. auch früheren Beitrag hier) und Ulrico Aostallis 1567 bis 1569 für Kaiser Maximilian II. erbaut. 68 Meter lang ist der Ballsaal, die Front mit ionischen Halbsäulen und Sgraffiti (bis in 14 Meter Höhe!) prächtig ausgeschmückt.

Drinnen fanden nicht, wie man meinen könnte, Tanzbälle statt, sondern Ballspiele, genauer ein Ringspiel, das anscheinend so ein Zwischending von Tennis und Baseball war. Damit war es 1723 allerdings vorbei, denn in diesem Jahr verwandelte man den Ballsaal in einen Pferdestall. In den 1780er Jahren dekretierte Kaiser Joseph II., dass der Pferdestall nunmehr in eine Kaserne für seine Soldaten umgebaut werden müsse. Das blieb das Gebäude auch bis zum Mai 1945 als es während des Prager Aufstandes (früherer Beitrag hier) von Geschossen getroffen wurde und bis auf die Außenmauer zerstört wurde.

Auch die ab 1948 regierenden Kommunisten sahen ein, dass es einen Bedarf an Wiederaufbau gab, und ab 1952 renovierte der in der Zwischenkriegszeit durch seine avantgardistischen Gebäude bekannt gewordene Architekt  Pavel Janák  (siehe u.a. diesen früheren Beitrag) das Ballhaus. Innen wurde das entkernte Gebäude modernisiert, während die äußere Fassade erhalten blieb. Lediglich die bis dato offenen Bögen zwischen den Halbsäulen wurden verglast, was drinnen Innenräume schuf, die sich glänzend für Empfänge und Ausstellungen eignen. Dass die Verglasungen nicht original sind, bemerkt der Beobachter kaum.

In den Jahren 1971 bis 1973 restaurierten dann in aufwendigster Arbeit die beiden Bildhauer Miroslav Kolář und Dušan Kříčka die Sgraffiti. Sie hielten sich präzise an den originalen Stil und die originalen Vorlagen. Die zeigen Allegorien auf die Naturelemente, Wissenschaften und vor allem die Tugenden (oberhalb rechts die Tugend der Prudentia, d.h. der Klugheit).

Direkt gegenüber der von den von den Kommunisten so oft wie fälschlich für sich reklamierten Tugend der Gerechtgkeit direkt unter dem Dachsims malten bzw. kratzten sie die oben gezeigte pseudoallegorische Figur mit dem in eine Machinenzahnrad eingerahmtes Sowjetsymbol von Hammer und Sichel. Man fragt sich unwillkürlich, ob die beiden Künstler hier Politagitation betrieben oder sich einen augenzwinkernden Scherz mit Ironie erlaubt hatten. Man muss das Symbol auf jeden Fall suchen, bis man es versteckt findet – eine Aufgabe für den Kenner! Es ist in jedem Fall eine solche Kuriosität, das niemand auf die Idee käme, es zu entfernen.

Vor dem Gebäude steht sehr dekorativ die barocke Statue einer Allegorie auf die „Nacht“. Sie ist ein Werk des Bildhauers  Matthias Bernhard Braun, der sie 1734 schuf. Zurecht würde der Kunstkenner einwerfen, dass zu solchen Darstellungen der Nacht es eigentlich immer eine korrespondierende Allegorie auf den Tag geben müsse. Die gab es ursprünglich auch, aber sie wurde schon 1757 bei der Belagerung Prag während des Siebenjährigen Kriegs von den Preußen durch Artilleriebeschuss zerstört. Im Gegensatz zu den Sgraffiti hat man sie jedoch nicht wieder restauriert – weder mit Hammer und Sichel noch ohne dieselben… (DD)

Sgraffiti-Gewimmel

Es waren keine berühmten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte, die das Haus zur Minute (Dům U Minuty) am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 3/2) erbauten.

Das Haus, im heute täglich von Tausenden von Touristen besuchten Teil der Altstadt, ist auch viel zu klein für einen Sitz vornehmer Adliger oder reicher Patrizier. Trotz alledem gehört es mit seiner opulenten Fassaden-Ausstattung wohl zu den bekanntesten und auffälligsten Bürgerhäusern der Altstadt. Mit seinen hübschen schwarz-weißen Sgraffiti („Kratztechnik“) handelt sich um ein geradezu archetypisches Beispiel für ein bürgerliches Wohngebäude im böhmischen Renaissancestil.

Ursprünglich stand hier wohl ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das aber um 1564 grundlegend im Renaissancestil umgebaut wurde. Kurz darauf setzte man noch eine dritte Etage auf, die mit spitz zulaufenden Lünetten (gerahmte Wandfelder) über den Fenstern ausgestattet wurde. Im frühen 18. Jahrhundert befand sich hier eine Apotheke, deren Hauszeichen ein Löwe war, weshalb das Haus damals noch U Bílého lva (Zum Weißen Löwen) hieß. Das Hauszeichen – eine Löwenskulptur mit Kartusche im klassischen Stil – befindet sich noch immer in einer Ecknische im ersten Stock.

Nach der Apotheke kam ein Tabaksladen. Man muss etwas kompliziert denken, um herauszufinden, warum das Haus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nach dem Löwen benannt wurde, sondern als Haus zur Minute weitergeführt wurde. Das hat nichts mit Zeitmessungen oder Zeitabschnitten zu tun. Es leitet sich von dem Wort „minuziös“ ab und spielt darauf an, dass es hier sehr fein (und klein) geschnittenen Tabak gab.

Anfang des 20. Jahrhundert wollte man das Areal um das Rathaus am Altstädter Ring städteplanerisch großzügiger gestalten und plante den Abriss des Hauses (und des Nachbarhauses). Denkmalschützer wehrten sich dagegen heftig und erreichten 1905 den Schutz des Gebäudes. Wie recht sie damit taten, zeigte sich 1919 als man beim Renovieren die obere Putzschicht abtrug und das entdeckte, was das Haus heute so sehr zu einer sensationellen Sehenswürdigkeit macht: Die Sgraffiti, die vom ersten Stock an aufwärts die ganze Fassade dicht bedecken.

Der Reichtum der Verzierung erstaunte die Forscher, weil das Haus ja keine Vergangenheit als Sitz hoher Herrschaften und großer Mäzene aufwies. Das Ganze ist schon fast ein wenig rätselhaft. Anscheinend wurde die äußerst feinen Sgraffiti in zwei Phasen aufgetragen – ein Teil um 1590/1600 und der Rest um 1615. Es ist im übrigen unbekannt geblieben, wer der Künstler oder die Künstler dieser kleinen Meisterwerke waren.

Auch muss man nach Erklärungen suchen, warum die Sgraffiti irgendwann überputzt wurden und völlig in Vergessenheit gerieten. Nachdem sie 1919 entdeckt worden waren, wurden sie übrigens umgehend von dem Bildhauer Jindřich Václav Čapek restauriert.

Es wimmelt von Szenen und Darstellungen, die alle den für die Renaissance-Zeit typischen Moral- und Kulturvorstellungen widerspiegeln. Das sind natürlich zum einen christliche Themen, wie zum Beispiel das Bild von Adam und Eva, die mit einem liegenden Hirschen unter dem verbotenen Baum der Erkenntnis stehen – den Apfel schon in bedrohlicher Nähe. Auch Darstellungen der klassischen Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit (Bild rechts) finden sich – wie es überhaupt geradezu von realen, fiktiven und allegorischen Gestalten nur so wimmelt. Alles ist umrahmt von bildlich dargestellten klassisch-antiken Architekturelementen wir Nischen oder Pilaster.

Aber die Renaissance wäre nicht die Renaissance, ginge es nicht auch ganz spezifisch um die Wiederbelebung der römischen Antike und ihres Wertekanons. Altrömische Tapferkeit und Selbstaufopferung finden sich zum Beispiel durch Gaius Mucius Scaevola repräsentiert (Bild links). Der war während eines Krieges mit den Etruskern in Gefangenschaft geraten und beeindruckte deren König so sehr dadurch, dass er seine Hand ohne einen Schmerzenslaut in ein Feuer hielt, dass besagter König den Feldzug abbrach. Dabei kann man den schmerzunempfindlichen Helden heute noch auf der Fassade des Hauses hier in Prag beobachten.

Ein Highlight sind aber vor allem die Portraits zeitgenössischer Herrscher oben unter dem Dach zwischen den Lünetten. Da wimmelt es natürlich in erster Linie von Habsburgern, die ja zur Zeit der Anfertigung der Sgraffiti in Böhmen herrschten und dementsprechend verständlicherweise besonders herausgestellt werden mussten. Im Bild links sieht man als Beispiel den spanischen König Philipp II. (Bild links). Ebenfalls mit von der Partie sind unter anderem Maximilian II. und Rudof II., auch alles gute Habsburger der damaligen Zeit.

Nur ein Herrscher fällt ob seiner Turbantracht auf den ersten Blick etwas aus der Reihe, weil er weder Habsburger, noch Böhme, noch ein christlicher Herrscher ist: Sultan Selim II., der Beherrscher des Osmanischen Reiches (Bild rechts). Den hat man wohl dankbar einbezogen, weil er 1568 zusammen mit Maximilian II. den Frieden von Adrianopel unterzeichnet hatte, der für eine Weile erfolgreich den Frieden zwischen den beiden Großreichen garantierte. Dafür musste man ihm dann doch so dankbar sein, dass er auf der Fassade des Minutenhauses verewigt wurde.

Ach ja, Franz Kafka war ja ein wenig unstet, was seine Wohnorte in Prag anging (frühere Beispiele u.a. hier und hier) und so gehört auch dieses Haus zu den Gebäuden, in denen er einen Teil seines Lebens verbrachte. Er lebte hier als Kind mit seinen Eltern von 1889 bis 1896 und seine drei Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie wurden hier geboren. (DD)

Saal mit Pferderampe

Wer eine ungewöhnliche Ausprägung des gotischen Stils in Böhmen kennenlernen will, der gehe in den Alten Königspalast in der Burg und sehe sich den Vladislav-Saal an. Schon die Ausmaße sind beeindruckend. Mit 62 Meter x 16 Meter x 13 Meter handelte es sich seinerzeit um die größte säkulare Gewölbestruktur Böhmens (möglicherweise sogar der Welt), d.h. sie kam ohne Stützpfeiler in der Mitte aus.

Aber die Größe ist nur das eine, das andere ist der Stil. Ursprünglich stand hier ein romanisches Gebäude aus der Regierungszeit von Soběslav II. im 11. Jahrhundert, wovon es im Untergeschoss noch Reste zu sehen gibt. Der Saal in seiner heutigen Form wurde jedoch unter Vladislav II. Jagiello, einem Sproß des polnischen Königsgeschlechts, in den Jahren 1493 bis 1500 gebaut.

Den Stil, der während seiner Regierung für kurze Zeit en vogue wurde, nennt man unter Kunsthistorikern sogar nach ihm Vladislav- oder
Jagiellonen-Gotik (Jagellonská gotika). Deren Blütezeit endete sehr schnell aus Gründen, die man dem Bau sofort ansieht. Es handelte sich nämlich um einen typischen Übergangsstil, in diesem Fall um ein letztes „Aufbäumen“ der Gotik und das erste Erscheinen der Renaissance, die dann die Gotik ablöste. In mancher Hinsicht erinnert dies an den Perpendicular Style im England der gleichen Zeit.

Wie man am Deckengewölbe des Vladislav-Saals sehen kann, markieren die Rippen des nicht mehr nur die architektonische Stützstruktur, sondern lösen sich spielerisch zu neuen Mustern auf. Das unterscheidet das Ganze zum Beispiel von der wesentlich strengeren Hochgotik zur Zeit Karls IV..

Erbaut wurde der Saal von dem Baumeister Benedikt Ried von Piesting, der sich anscheinend der Zeitenwende in der Architektur sehr bewusst war. Denn die verspielten gotischen Gewölbe werden bereits durch klassische Renaissanceportale und Fenster (die man von Außen schön erkennen kann) ergänzt, die an antike Vorbilder angelehnt sind.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts fanden in dem Saal Krönungsfeiern statt und auch heute wird er für wichtige Staatsfeste und -akte genutzt, etwa für die Vereidigung des Präsidenten. Vorher tagte hier auch der ständische Landtag, weshalb auch von einem Nebenraum aus im Mai 1618 im Zuge des Ständeaufstands der Zweite Prager Fenstersturz (unser Bericht hier) stattfand . Aber auch ohne politischen Ärger ging es hier eher etwas rauer zu. In den Zeiten König Vladislavs wurde im Saal vor allem gefeiert. Das konnte wüst werden, etwa wenn drinnen regelrechte Turniere mit Rittern auf Pferden veranstaltet wurden. Das erklärt auch, warum der sehr breite Treppenaufgang vom Hof eher eine abschüssige Rampe mit nur wenigen sehr niedrigen Stufen ist. Normal gebaute Treppen wären für Pferde ungeeignet gewesen. (DD)

Kisch bei den Bären

Kisch1

Keine Frage, er wurde in einem schicken Haus in bester Touristenlage geboren: Egon Erwin Kisch gehört zu den (vielen!) großen literarischen Persönlichkeiten, die Prag hervorgebracht hat. Mit seinen lebensnahen Reportagen erhob er den Journalismus zur Literaturform. Er deckte darüber hinaus Skandale des Habsburgerreichs auf, etwa den berühmten Sebstmord Kisch2des Oberst Redl im Jahr 1913, der sich als Teil einer veritablen Spionageaffäre entpuppte. Über seinem Talent konnte man fast vergessen, dass er später allzu wohlwollend über die „Errungenschaften“ der Sowjetunion berichtete und dabei gerne störende Fakten (wie den Gulag) ausblendete. Er blieb den Menschen – ausnahmsweise Deutschen und Tschechen gleichermaßen – als der klassische „rasende Reporter“ oder auch als „Zuřivý reportér“ in Erinnerung, was dasselbe in Tschechisch ist.

Deshalb ist auch an jenem Haus mitten in der Altstadt (Kožná 475/1), in dem er am 29. April 1885 geboren wurde, eine große Plakette mit einem Portraitrelief angebracht, das Kisch im Profil zeigt. Sie wurde 1956 von dem Bildhauer Břetislav Benda angefertigt. Kisch3Aber auch ohne Plakette ist das Haus schon für sich genommen interessant und unter dem Namen Haus zu den zwei goldenen Bären (dům U Dvou zlatých medvěd) bekannt. Es handelt sich um ein Renaissancehaus, das an der Stelle zweier mittelalterlicher Bauten steht, die 1403 erstmals erwähnt wurden, und von denen eines eine Brauerei war (schade, dass es die nicht mehr gibt!). Zwischen 1567 und 1600 erfolgte dann in zwei Stufen der Bau des Renaissancegebäudes, das im 17. Jahrhundert nur behutsam barockisiert wurde, was aber den Gesamteindruck nicht veränderte. 1726 wurde der dritte Stock aufgesetzt.

Das äußerlich auffallendste Merkmal des Hauses ist jedoch das schöne Spätrenaissance-Portal aus dem Jahre 1590. Es ist das Werk Bonifaz Wohlmut, der immerhin von 1556 bis 1570 königliche Hofarchitekt gewesen war und dem Prag das berühmte Lustschlösschen in den Königlichen Gärten bei der Burg verdankt, das oft als das „schönste Renaissancegebäude außerhalb Italiens“ bezeichnet wird. Und man sieht es auch dem Portal an, dass hier ein Großmeister der Renaissance am Werke war. Das Portal zeigt dann schließlich auch die beiden Bären, die dem Haus seinen Namen gaben. Der Name suggeriert überzeugend, dass die beiden Bären immer noch leicht gelblich schimmernden dereinst sogar vergoldet waren.

Heute ist das Gebäude übrigens Sitz der Verwaltung des Nationalmuseums – ein angemessener Ort! (DD)