Barock für gehobene Frauenbildung

In unerwartete Höhen schaut man, wenn man den kleinen Raum betritt. Man befindet sich in der Kapelle der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria (Kaple Nejsvětější Trojice a Neposkvrněného početí Panny Marie) in einem Gebäude, das als das Rosenberg Palais – Institut für Edelfrauen (Rožmberský palác–Ústav šlechtičen) bekannt ist.

Und das wiederum befindet sich an bester Adresse, nämlich mitten der Burg, wo nur die nobelsten der noblen Familien Böhmen sich in des Königs Nähe einen Palais bauen durften – etwa die Lobkowiczs, die nebenan residierten, aber eben auch die Rožmberks, deren ehemaliger Palast heute fester Bestandteil jeder großen Burgtour ist. Und bei einem Besuch des riesigen Palais‘ (besser: des kleinen Teils, der der Öffentlichkeit zugänglich ist), ist die Kapelle das erste, was man zu Gesicht bekommt.

Zur der Empfindung von Höhe trägt bei der Kapelle des Palais‘ nicht nur deren tatsächlichen Höhe bei, die sich über drei Stockwerke erstreckt, sondern auf die Malereien an Wänden und Decken. Dazu wurden 1754/55 zwei der damals bedeutendsten Barockmaler Böhmens verpflichtet, nämlich Josef Hager, der die Wände verzierte und Johann Peter Molitor, dem man das prachtvolle Deckengemälde der Dreifaltigkeit verdankt, das man oben im großen Bild sieht. Beide Maler waren Meister des Illusionismus. Und tatsächlich erweckt die Himmelsdarstellung Molitors Tiefeneffekt, der den Raum noch höher erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Und dann sind da zwei kleine Balkone, die mit schmuckvollen Metallgittern übereinander ins Bild ragen. Mit ihnen sind wir auch schon bei dem Zweck, dem das Gebäude lange Zeit diente. 1753 hatte Kaiserin Maria Theresia (zugleich einzige Frau, die je auf dem böhmischen Thron saß) als Ausdruck ihrer aufklärerischen Überzeugung, dass Frauenbildung gestärkt werden müsse, das Institut für Edelfrauen gegründet, mit dem Auftrag, 30 Adelstöchtern im Alter von 24 Jahren und älter Erziehung angedeihen zu lassen (für Waisenkinder war das schon im Alter von 18 Jahren möglich). Geleitet werden konnte das Institut nur von unverheirateten Erzherzoginnen aus der Familie Maria Theresias, dem Geschlecht Habsburg-Lothringen – weshalb die erste Leiterin erste von Ihnen wurde die Tochter von Maria Theresia – die Erzherzogin Maria Anna, die nicht nur wegen ihres Geblüts geeignet war, sondern auch wegen ihrer für Damen von Stand ungewöhnlich großen wissenschaftlichen Bildung.

Nun, um auf die Balkone zurückzukommen: Die dienten dazu, die Damen von eventuell zu weltlichem Treiben fernzuhalten, dem die Gottesdienstbesucher weiter unten frönen könnten. Tugend war schließlich ein wichtiger Teil der Ausbildung, was erklärt, warum die Kapelle der unbefleckten Empfängnis geweiht ist. So ging es natürlich hier nicht immer zu. Als die Familie Rožmberk das Areal erwarb, baute sie hier schrittweise einen normalen Adelssitz im Renaissancestil auf. 1600 erwarb Kaiser Rudolf II. diesen Palast, womit er in Habsburger Hände geriet (aber immer noch den alten Namen trug).

So konnte dann Maria Theresia als Eignerin auch den Auftrag an den italienisch-schweizerischen Architekten Anselmo Lurago (dessen privates Wohnhaus auf der Kleinseite wir schon hier vorgestellt haben) zu geben, das Anwesen nach den Plänen von Nicolò Pacassi für den neuen Zweck als Institut für Edelfrauen im modernsten Barockstil umzubauen. Diese Arbeit wurde Anfang 1756 vollendet. Trotz einiger kleinerer Umbauten ist das Gebäude seither so erhalten geblieben. Umbauten 1787/88 brachten nämlich nur kleinere Veränderungen und Anpassungen.

Der Bedarf an der Sondererziehung adliger Damen sank mit der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 dramatisch auf Null. 1919 wurde das Institut aufgelöst. Der Bau war von nun an kaum der Öffentlichkeit zugänglich. Eine zeitlang residierte hier das Innenministerium. Dass in den Zeiten des Kommunismus die Vernachlässigung traurige Ausmaße annahm, versteht sich von selbst. 1996 bis 2008 führte man daher umfangreiche Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten durch und seit 2010 kann man einen Teil des Gebäudes besichtigen. Die Ausstellung zeigt, wie die Räumlichkeiten für die jungen Damen zu verschiedenen Zeiten im späten 18. und frühen 19. Jahrundert eingerichtet waren – erwartungsgemäß sehr nobel und geschmackvoll. Dazu konnte man immer den atemberaubend schönen Blick auf Altstadt und Kleinseite genießen!

Den Abschluss nach der Besichtigung der kleinen Museumsräume bildet der große Renaissancesaal, auch Rosenberg-Saal genannt. Der ist sozusagen noch ein Erinnerungsstück an die ursprünglichen Besitzer, die Rožmberks. Die Halle mit ihren schönen Gewölben wird heute ab und an für kleine Wechselausstellungen genutzt. Und wenn man damit fertig ist, kann man im Innenhof im Café des Gebäudes noch das Leben bei ein wenig Kaffee und Kuchen genießen. (DD)

Comenius und die Bildung

Am 15. November 1670, also genau vor 350 Jahren, starb in seinem Amsterdamer Exil Jan Amos Komenský, der den meisten Nicht-Tschechen als Johann Amos Comenius bekannt ist. Dessen historische Verdienste um die Entwicklung der modernen europäischen Pädagogik sind so enorm, dass es in keiner Weise verwundert, dass das Nationale Pädagogische Museum und Bibliothek (voller Name: Národní pedagogické muzeum a knihovna J. A. Komenského) in Prag nach ihm benannt ist.

Das Museum (zur Zeit ein Corona-Opfer) befindet sich in der Valdštejnská 18/20 auf der Kleinseite in einem um 1541 entstanden Renaissancehaus, genannt Haus zur Goldenen Sonne (dům U Zlatého slunce). Es präsentiert die geschichtliche Entwicklung der Erziehungswissenschaft in den böhmischen Ländern von den Anfängen bis heute. Und dem großen Comenius wird dabei ein besonderer Platz eingeräumt. Zu seinem Todesjahr wurde sogar eine Ausstellung mit seinem Leben als Comic eröffnet (Bild oberhalb links).

Das mit vielen Schautafeln in Tschechisch und Englisch, aber auch etlichen Ausstellungstücken ausgestattete Museum ist – wie man es bei dem Thema erwarten sollte – didaktisch sorgfältig gestaltet. Auf überbordende Digitalisierung wird noch nicht gesetzt, aber die Nachbildung originaler historischer Klassenräume (großes Bild oben) ist am Ende auch irgendwie interessanter als die virtuelle Nachbildung derselben.

Die Dauerausstellung folgt den Weg der Bildung und Bildungsideen durch die Jahrhunderte. Vom Mittelalter mit der Kirche als einziges Zentrum für Bildung über die Modernisierung im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung bishin zur Moderne. Auch die Erziehung (oder besser: Indoktrination) in den Zeiten des Kommunismus wird detailliert einbezogen, wie dieses Plakat zeigt, dass die Schüler auffordert, den Jahrestag der „Befreiung“ durch die Sowjetarmee am 9. Mai 1945 zu feiern hätten (die Kapitulation der Nazis erfolgte realiter einen Tag zuvor vor den nicht-kommunistischen tschechischen Truppen des Prager Aufstands, siehe auch hier, was man unter den Kommunisten aber nicht beigebracht bekam).

Das Museum wurde schon 1892 gegründet, ist also weltweit eines der ältesten seiner Art. Es war als Quelle von Information (deshalb die große Bibliothek) und Inspiration für tschechische Lehrer in den Zeiten der österreichisch geprägten Habsburgerzeit gedacht. Es hatte daher eine stark nationale Komponente, die man dem Ganzen auch heute noch ein wenig anmerkt. Das Museum legt den thematischen Schwerpunkt immer noch stark auf Aspekte wie tschechische Sprachentwicklung oder Ausformung eines parallel zum deutschen entstehenden tschechischen Bildungswesens.

Und da kommt Comenius ins Spiel, der als Tscheche (genauer: Mähre) im 17. Jahrhundert der große Pädagoge der Tschechen schlechthin wurde, aber – und das ermöglicht eine Brücke zu post-nationalistischeren, europäischen Bildungsideen – schon damals die europäische Bildungswelt inspirierte. Das tat er möglicherweise nicht freiwillig. Als Pfarrer und Theologe der Unität der Böhmischen Brüder (Vorgänger der heutigen evangelischen Kirche im Lande) konzipierte er ein Bildungskonzept, das nicht bloßes Einpauken des tradieren Kanons, sondern Lebenstauglichkeit und Anpassung an die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt stellte. Mit dem Orbis sensualium pictus schrieb er das erste Kinder- und Jugendbuch – ein lehrreiches, natürlich.

Seine Zeit in Mähren endete 1620 mit der Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier), die die katholischen Habsburger an die Macht brachte, die der religiösen Freiheit ein Ende setzten. Comenius floh ins Exil – erst in Polen, dann nach Deutschland, Schweden und Holland. Überall hinterließ er Schüler und begeisterte Nachahmer. In England wollte Oliver Cromwell die universitäre Bildung mit Hilfe von Comenius‘ Schüler Samuel Hartlib ausweiten. Das, was heute in Europa als moderne Bildung gilt, hat größtenteils seine Wurzeln in den Ideen von Comenius.

Neben dem internationalen „Star“ der tschechischen Pädagogik, Comenius, bilden die national-tschechischen Bildungsreformer den wohl größten Schwerpunkt, etwa die Sprachforscher Josef Dobrovský (auch hier) oder Josef Jungmann (hier), die sich um die Kodifizierung der tschechischen Sprache bemühten. Auf jeden Fall lernt man viel Neues in diesem sehr ansprechenden Museum, dessen Rundgang mit dem Wiederaufbau des Bildungssystems nach dem Fall des Kommunismus endet. (DD)

Renaissance mit Hammer und Sichel (gut versteckt)

Das Hammer- und Sichelsymbol täuscht. Es handelt sich keineswegs um ein Gebäude aus der Zeit des Stalinismus. Oben in den Königsgärten neben der Prager Burg befindet sich der berühmte Ballsaal (Míčovna). Neben dem ebenfalls in den Gärten gelegenen Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny, siehe auch hier) gehört er zu den bedeutendsten Gebäuden der böhmischen Renaissance überhaupt.

Nun ja, die Gärten wurden ja auch 1534 – zur Blütezeit der Renaissance – von Kaiser Ferdinand I. angelegt und daher erstaunt die hohe Konzentration dieser Architektur an diesem Orte wenig. Das Gebäude wurde von den Architekten Bonifaz Wohlmut (siehe u.a. auch früheren Beitrag hier) und Ulrico Aostallis 1567 bis 1569 für Kaiser Maximilian II. erbaut. 68 Meter lang ist der Ballsaal, die Front mit ionischen Halbsäulen und Sgraffiti (bis in 14 Meter Höhe!) prächtig ausgeschmückt.

Drinnen fanden nicht, wie man meinen könnte, Tanzbälle statt, sondern Ballspiele, genauer ein Ringspiel, das anscheinend so ein Zwischending von Tennis und Baseball war. Damit war es 1723 allerdings vorbei, denn in diesem Jahr verwandelte man den Ballsaal in einen Pferdestall. In den 1780er Jahren dekretierte Kaiser Joseph II., dass der Pferdestall nunmehr in eine Kaserne für seine Soldaten umgebaut werden müsse. Das blieb das Gebäude auch bis zum Mai 1945 als es während des Prager Aufstandes (früherer Beitrag hier) von Geschossen getroffen wurde und bis auf die Außenmauer zerstört wurde.

Auch die ab 1948 regierenden Kommunisten sahen ein, dass es einen Bedarf an Wiederaufbau gab, und ab 1952 renovierte der in der Zwischenkriegszeit durch seine avantgardistischen Gebäude bekannt gewordene Architekt  Pavel Janák  (siehe u.a. diesen früheren Beitrag) das Ballhaus. Innen wurde das entkernte Gebäude modernisiert, während die äußere Fassade erhalten blieb. Lediglich die bis dato offenen Bögen zwischen den Halbsäulen wurden verglast, was drinnen Innenräume schuf, die sich glänzend für Empfänge und Ausstellungen eignen. Dass die Verglasungen nicht original sind, bemerkt der Beobachter kaum.

In den Jahren 1971 bis 1973 restaurierten dann in aufwendigster Arbeit die beiden Bildhauer Miroslav Kolář und Dušan Kříčka die Sgraffiti. Sie hielten sich präzise an den originalen Stil und die originalen Vorlagen. Die zeigen Allegorien auf die Naturelemente, Wissenschaften und vor allem die Tugenden (oberhalb rechts die Tugend der Prudentia, d.h. der Klugheit).

Direkt gegenüber der von den von den Kommunisten so oft wie fälschlich für sich reklamierten Tugend der Gerechtgkeit direkt unter dem Dachsims malten bzw. kratzten sie die oben gezeigte pseudoallegorische Figur mit dem in eine Machinenzahnrad eingerahmtes Sowjetsymbol von Hammer und Sichel. Man fragt sich unwillkürlich, ob die beiden Künstler hier Politagitation betrieben oder sich einen augenzwinkernden Scherz mit Ironie erlaubt hatten. Man muss das Symbol auf jeden Fall suchen, bis man es versteckt findet – eine Aufgabe für den Kenner! Es ist in jedem Fall eine solche Kuriosität, das niemand auf die Idee käme, es zu entfernen.

Vor dem Gebäude steht sehr dekorativ die barocke Statue einer Allegorie auf die „Nacht“. Sie ist ein Werk des Bildhauers  Matthias Bernhard Braun, der sie 1734 schuf. Zurecht würde der Kunstkenner einwerfen, dass zu solchen Darstellungen der Nacht es eigentlich immer eine korrespondierende Allegorie auf den Tag geben müsse. Die gab es ursprünglich auch, aber sie wurde schon 1757 bei der Belagerung Prag während des Siebenjährigen Kriegs von den Preußen durch Artilleriebeschuss zerstört. Im Gegensatz zu den Sgraffiti hat man sie jedoch nicht wieder restauriert – weder mit Hammer und Sichel noch ohne dieselben… (DD)

Sgraffiti-Gewimmel

Es waren keine berühmten Persönlichkeiten der böhmischen Geschichte, die das Haus zur Minute (Dům U Minuty) am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 3/2) erbauten.

Das Haus, im heute täglich von Tausenden von Touristen besuchten Teil der Altstadt, ist auch viel zu klein für einen Sitz vornehmer Adliger oder reicher Patrizier. Trotz alledem gehört es mit seiner opulenten Fassaden-Ausstattung wohl zu den bekanntesten und auffälligsten Bürgerhäusern der Altstadt. Mit seinen hübschen schwarz-weißen Sgraffiti („Kratztechnik“) handelt sich um ein geradezu archetypisches Beispiel für ein bürgerliches Wohngebäude im böhmischen Renaissancestil.

Ursprünglich stand hier wohl ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das aber um 1564 grundlegend im Renaissancestil umgebaut wurde. Kurz darauf setzte man noch eine dritte Etage auf, die mit spitz zulaufenden Lünetten (gerahmte Wandfelder) über den Fenstern ausgestattet wurde. Im frühen 18. Jahrhundert befand sich hier eine Apotheke, deren Hauszeichen ein Löwe war, weshalb das Haus damals noch U Bílého lva (Zum Weißen Löwen) hieß. Das Hauszeichen – eine Löwenskulptur mit Kartusche im klassischen Stil – befindet sich noch immer in einer Ecknische im ersten Stock.

Nach der Apotheke kam ein Tabaksladen. Man muss etwas kompliziert denken, um herauszufinden, warum das Haus ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nach dem Löwen benannt wurde, sondern als Haus zur Minute weitergeführt wurde. Das hat nichts mit Zeitmessungen oder Zeitabschnitten zu tun. Es leitet sich von dem Wort „minuziös“ ab und spielt darauf an, dass es hier sehr fein (und klein) geschnittenen Tabak gab.

Anfang des 20. Jahrhundert wollte man das Areal um das Rathaus am Altstädter Ring städteplanerisch großzügiger gestalten und plante den Abriss des Hauses (und des Nachbarhauses). Denkmalschützer wehrten sich dagegen heftig und erreichten 1905 den Schutz des Gebäudes. Wie recht sie damit taten, zeigte sich 1919 als man beim Renovieren die obere Putzschicht abtrug und das entdeckte, was das Haus heute so sehr zu einer sensationellen Sehenswürdigkeit macht: Die Sgraffiti, die vom ersten Stock an aufwärts die ganze Fassade dicht bedecken.

Der Reichtum der Verzierung erstaunte die Forscher, weil das Haus ja keine Vergangenheit als Sitz hoher Herrschaften und großer Mäzene aufwies. Das Ganze ist schon fast ein wenig rätselhaft. Anscheinend wurde die äußerst feinen Sgraffiti in zwei Phasen aufgetragen – ein Teil um 1590/1600 und der Rest um 1615. Es ist im übrigen unbekannt geblieben, wer der Künstler oder die Künstler dieser kleinen Meisterwerke waren.

Auch muss man nach Erklärungen suchen, warum die Sgraffiti irgendwann überputzt wurden und völlig in Vergessenheit gerieten. Nachdem sie 1919 entdeckt worden waren, wurden sie übrigens umgehend von dem Bildhauer Jindřich Václav Čapek restauriert.

Es wimmelt von Szenen und Darstellungen, die alle den für die Renaissance-Zeit typischen Moral- und Kulturvorstellungen widerspiegeln. Das sind natürlich zum einen christliche Themen, wie zum Beispiel das Bild von Adam und Eva, die mit einem liegenden Hirschen unter dem verbotenen Baum der Erkenntnis stehen – den Apfel schon in bedrohlicher Nähe. Auch Darstellungen der klassischen Tugenden wie Weisheit und Gerechtigkeit (Bild rechts) finden sich – wie es überhaupt geradezu von realen, fiktiven und allegorischen Gestalten nur so wimmelt. Alles ist umrahmt von bildlich dargestellten klassisch-antiken Architekturelementen wir Nischen oder Pilaster.

Aber die Renaissance wäre nicht die Renaissance, ginge es nicht auch ganz spezifisch um die Wiederbelebung der römischen Antike und ihres Wertekanons. Altrömische Tapferkeit und Selbstaufopferung finden sich zum Beispiel durch Gaius Mucius Scaevola repräsentiert (Bild links). Der war während eines Krieges mit den Etruskern in Gefangenschaft geraten und beeindruckte deren König so sehr dadurch, dass er seine Hand ohne einen Schmerzenslaut in ein Feuer hielt, dass besagter König den Feldzug abbrach. Dabei kann man den schmerzunempfindlichen Helden heute noch auf der Fassade des Hauses hier in Prag beobachten.

Ein Highlight sind aber vor allem die Portraits zeitgenössischer Herrscher oben unter dem Dach zwischen den Lünetten. Da wimmelt es natürlich in erster Linie von Habsburgern, die ja zur Zeit der Anfertigung der Sgraffiti in Böhmen herrschten und dementsprechend verständlicherweise besonders herausgestellt werden mussten. Im Bild links sieht man als Beispiel den spanischen König Philipp II. (Bild links). Ebenfalls mit von der Partie sind unter anderem Maximilian II. und Rudof II., auch alles gute Habsburger der damaligen Zeit.

Nur ein Herrscher fällt ob seiner Turbantracht auf den ersten Blick etwas aus der Reihe, weil er weder Habsburger, noch Böhme, noch ein christlicher Herrscher ist: Sultan Selim II., der Beherrscher des Osmanischen Reiches (Bild rechts). Den hat man wohl dankbar einbezogen, weil er 1568 zusammen mit Maximilian II. den Frieden von Adrianopel unterzeichnet hatte, der für eine Weile erfolgreich den Frieden zwischen den beiden Großreichen garantierte. Dafür musste man ihm dann doch so dankbar sein, dass er auf der Fassade des Minutenhauses verewigt wurde.

Ach ja, Franz Kafka war ja ein wenig unstet, was seine Wohnorte in Prag anging (frühere Beispiele u.a. hier und hier) und so gehört auch dieses Haus zu den Gebäuden, in denen er einen Teil seines Lebens verbrachte. Er lebte hier als Kind mit seinen Eltern von 1889 bis 1896 und seine drei Schwestern Gabriele, Valerie und Ottilie wurden hier geboren. (DD)

Saal mit Pferderampe

Wer eine ungewöhnliche Ausprägung des gotischen Stils in Böhmen kennenlernen will, der gehe in den Alten Königspalast in der Burg und sehe sich den Vladislav-Saal an. Schon die Ausmaße sind beeindruckend. Mit 62 Meter x 16 Meter x 13 Meter handelte es sich seinerzeit um die größte säkulare Gewölbestruktur Böhmens (möglicherweise sogar der Welt), d.h. sie kam ohne Stützpfeiler in der Mitte aus.

Aber die Größe ist nur das eine, das andere ist der Stil. Ursprünglich stand hier ein romanisches Gebäude aus der Regierungszeit von Soběslav II. im 11. Jahrhundert, wovon es im Untergeschoss noch Reste zu sehen gibt. Der Saal in seiner heutigen Form wurde jedoch unter Vladislav II. Jagiello, einem Sproß des polnischen Königsgeschlechts, in den Jahren 1493 bis 1500 gebaut.

Den Stil, der während seiner Regierung für kurze Zeit en vogue wurde, nennt man unter Kunsthistorikern sogar nach ihm Vladislav- oder
Jagiellonen-Gotik (Jagellonská gotika). Deren Blütezeit endete sehr schnell aus Gründen, die man dem Bau sofort ansieht. Es handelte sich nämlich um einen typischen Übergangsstil, in diesem Fall um ein letztes „Aufbäumen“ der Gotik und das erste Erscheinen der Renaissance, die dann die Gotik ablöste. In mancher Hinsicht erinnert dies an den Perpendicular Style im England der gleichen Zeit.

Wie man am Deckengewölbe des Vladislav-Saals sehen kann, markieren die Rippen des nicht mehr nur die architektonische Stützstruktur, sondern lösen sich spielerisch zu neuen Mustern auf. Das unterscheidet das Ganze zum Beispiel von der wesentlich strengeren Hochgotik zur Zeit Karls IV..

Erbaut wurde der Saal von dem Baumeister Benedikt Ried von Piesting, der sich anscheinend der Zeitenwende in der Architektur sehr bewusst war. Denn die verspielten gotischen Gewölbe werden bereits durch klassische Renaissanceportale und Fenster (die man von Außen schön erkennen kann) ergänzt, die an antike Vorbilder angelehnt sind.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts fanden in dem Saal Krönungsfeiern statt und auch heute wird er für wichtige Staatsfeste und -akte genutzt, etwa für die Vereidigung des Präsidenten. Vorher tagte hier auch der ständische Landtag, weshalb auch von einem Nebenraum aus im Mai 1618 im Zuge des Ständeaufstands der Zweite Prager Fenstersturz (unser Bericht hier) stattfand . Aber auch ohne politischen Ärger ging es hier eher etwas rauer zu. In den Zeiten König Vladislavs wurde im Saal vor allem gefeiert. Das konnte wüst werden, etwa wenn drinnen regelrechte Turniere mit Rittern auf Pferden veranstaltet wurden. Das erklärt auch, warum der sehr breite Treppenaufgang vom Hof eher eine abschüssige Rampe mit nur wenigen sehr niedrigen Stufen ist. Normal gebaute Treppen wären für Pferde ungeeignet gewesen. (DD)

Kisch bei den Bären

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Keine Frage, er wurde in einem schicken Haus in bester Touristenlage geboren: Egon Erwin Kisch gehört zu den (vielen!) großen literarischen Persönlichkeiten, die Prag hervorgebracht hat. Mit seinen lebensnahen Reportagen erhob er den Journalismus zur Literaturform. Er deckte darüber hinaus Skandale des Habsburgerreichs auf, etwa den berühmten Sebstmord Kisch2des Oberst Redl im Jahr 1913, der sich als Teil einer veritablen Spionageaffäre entpuppte. Über seinem Talent konnte man fast vergessen, dass er später allzu wohlwollend über die „Errungenschaften“ der Sowjetunion berichtete und dabei gerne störende Fakten (wie den Gulag) ausblendete. Er blieb den Menschen – ausnahmsweise Deutschen und Tschechen gleichermaßen – als der klassische „rasende Reporter“ oder auch als „Zuřivý reportér“ in Erinnerung, was dasselbe in Tschechisch ist.

Deshalb ist auch an jenem Haus mitten in der Altstadt (Kožná 475/1), in dem er am 29. April 1885 geboren wurde, eine große Plakette mit einem Portraitrelief angebracht, das Kisch im Profil zeigt. Sie wurde 1956 von dem Bildhauer Břetislav Benda angefertigt. Kisch3Aber auch ohne Plakette ist das Haus schon für sich genommen interessant und unter dem Namen Haus zu den zwei goldenen Bären (dům U Dvou zlatých medvěd) bekannt. Es handelt sich um ein Renaissancehaus, das an der Stelle zweier mittelalterlicher Bauten steht, die 1403 erstmals erwähnt wurden, und von denen eines eine Brauerei war (schade, dass es die nicht mehr gibt!). Zwischen 1567 und 1600 erfolgte dann in zwei Stufen der Bau des Renaissancegebäudes, das im 17. Jahrhundert nur behutsam barockisiert wurde, was aber den Gesamteindruck nicht veränderte. 1726 wurde der dritte Stock aufgesetzt.

Das äußerlich auffallendste Merkmal des Hauses ist jedoch das schöne Spätrenaissance-Portal aus dem Jahre 1590. Es ist das Werk Bonifaz Wohlmut, der immerhin von 1556 bis 1570 königliche Hofarchitekt gewesen war und dem Prag das berühmte Lustschlösschen in den Königlichen Gärten bei der Burg verdankt, das oft als das „schönste Renaissancegebäude außerhalb Italiens“ bezeichnet wird. Und man sieht es auch dem Portal an, dass hier ein Großmeister der Renaissance am Werke war. Das Portal zeigt dann schließlich auch die beiden Bären, die dem Haus seinen Namen gaben. Der Name suggeriert überzeugend, dass die beiden Bären immer noch leicht gelblich schimmernden dereinst sogar vergoldet waren.

Heute ist das Gebäude übrigens Sitz der Verwaltung des Nationalmuseums – ein angemessener Ort! (DD)

Drei Strauße und das erste Kaffeehaus

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Strauße in freier Natur sind in und um Prag eher selten. Das war auch schon Ende des 16. Jahrhundert so, als diese schönen drei Straußenvögel auf die Wand eines IMG_4031großen Hauses nahe der Karlsbrücke auf der Kleinseite (genauer: Míšeňská 76/9) gemalt wurden. Ihnen verdankt das Haus auch seinen Namen: Dům U Tří pštrosů (Haus zu den drei Straußen). Aber warum drei Strauße? Dazu gibt es eine Legende. Die Ehefrau des Besitzers Jan Fux (gelegentlich auch: Fuchs), der das Haus 1597 erbauen ließ, hatte die Neigung zu extravaganten und teuren Wünschen. Sie wünschte sich einen Straußen und bekam ihn. Sie wünschte sich einen zweiten und bekam ihn. Beim dritten mal platzte Fux der Kragen und wünschte sich, dass seine verschwendungssüchtige Frau einfach verschwände. Wie durch Magie war die Frau am nächsten Tage weg, aber statt der bisher zwei Straußen, die bis dato die Wand seines Hauses schmückten, waren dort nunmehr drei, von denen einer ein Weibchen war. Ein wenig spukig, nicht wahr?

IMG_4032Es ist aber wahrscheinlicher, dass der gute Fux die drei Straußen 1606 von dem Maler Daniel Alexius von Květná lediglich deshalb malen ließ, weil er nachweislich ein Händler für einen damals sehr beliebten Modeartikel war, nämlich Straußenfedern. Bilder oder Kartuschen außen am Hause anzubringen, die etwas über das im Hause betriebene Gewerbe aussagten (als Werbung sozusagen), war in jenen Zeiten schlichtweg üblich. Tatsächlich findet man auch noch die Aufschrift „Federschmucker“ auf einer der Fassaden.

IMG_4033Geschichte machte das Haus allerdings im Jahr 1714, als der Armenier Georgius Deodatus Damascenus hier das erste Kaffeehaus in Böhmen eröffnete. Bisher war die hygienische Alternative zu dem meist verseuchten Wasser in der Stadt der Alkohol (selbst Kinder tranken in der Regel leichtes Bier). Mit dem Kaffeehaus begann das Heißgetränk seinen Siegeszug und die Leute fingen an, ein wenig klarer im Kopf zu werden. Vielleicht ist das die Ursache, warum in dieser Zeit die europäische Aufklärung einsetzte….

Das Renaissancehaus, das auf gotischen Fundamenten steht, wurde nach Beschädigungen zu Ende des 30jährigen Krieges 1648 noch einmal ausgebaut, aber im Kern blieb es erhalten wie es war. Das neu aufgesetzte Obergeschoss mit seinen geschwungenen Dachgauben und die kleine, an der Wand angebrachte Nepomuk-Statue zeigen, dass Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts Barockarchitektur angesagt war. Im 19. Jahrhundert wurde innen eine IMG_4034klassizistische Treppe eingebaut. Schließlich legte eine Renovierung innen in den Jahren 1972 bis 1976 eine ungeheure Menge an Malereifragmenten und bemalten Holzdecken aus der Zeit der Spätrenaissance frei.

Seit 1921 wurde im Haus ein gediegenes Hotel betrieben, das allerdings im Jahr 1949 von den Kommunisten enteignet (und darob ein wenig herunterkam), aber nach der Samtenen Revolution von 1989 gottlob wieder den Besitzern, der Familie Dundr, zurückerstattet wurde. Die Familie darf sich darüber freuen, nun nicht nur ein lukratives Haus in allerbester Lage am Fuße der Karlsbrücke zu haben, sondern auch noch ein sehr schönes und historisch bedeutsames dazu. (DD)

Das schönste Renaissancegebäude außerhalb Italiens

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In den Jahren 1538–1560 ließ Kaiser Ferdinand I. für seine aus dem polnischen Königshause stammende Ehefrau Anna von Böhmen und Ungarn einen kleinen Sommerpalast bei den königlichen Gärten bei der Burg bauen. Sie selbst erlebte die Fertigstellung nicht mehr, da sie bei der Geburt einer ihrer Töchter am Kindbettfieber starb. Auch Ferdinand selbst sah das Gebäude nie in fertiggestellter Form, da er nach 1541 Prag als Residenz verließ und nach Wien zog. Aber er hat Prag etwas Bedeutendes IMG_3946hinterlassen. Das sogenannte Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny) steht im Rufe, der schönste Renaissance-Palast außerhalb Italiens zu sein.

Nun ja, ganz unitalienisch ist er natürlich nicht, denn der Entwurf und die Form des Gebäudes in eines umgekehrten Schiffes stammen von dem italienischen Architekten Paolo della Stella, der das Ganze von seinem Landsmann Giovanni de Spatio realisieren ließ.

Das Schlösschen wurde dabei von einer großen Arkade mit Säulen umgeben, über der ein Fries mit 114 Reliefen mit vielen Jagdmotiven und den IMG_3960Portraits von Ferdinand und seiner Frau Anna. Im Jahre 1563 wurde dem Gebäude durch den Architekten Bonifaz Wohlmut noch die heutige Dachetage aufgesetzt. Vor dem Schloss wurde 1564-1568 in den Königlichen Gärten ein schöner Brunnen durch den Glockengießer Tomáš Jaroš gegossen, der sogenannte Singende Brunnen (weil die Tropfen, die auf die Metallränder fallen, lustige Klänge ergeben), der von einer Figur des Hirtengottes Pan verziert ist.

Ferdinands Nachfolger Rudolf II. nutzte den Bau als Observatorium, danach stand es meist leer und zu Ende des Dreissigjährigen Kriegesrichteten die Schweden noch einmal arge Verwüstungen an. Vom ursprünglichen Zweck, ein Lustschlösschen für eine Königin zu sein, war auch die Verwendung weit entfernt, die im 18. Jahrhundert ihm Kaiser Joseph II. zudachte. IMG_3944Unter ihm wurde es ein Labor für die kaiserliche Artillerie, die dort Schießpulver herstellte.

Erst 1836 sorgte Graf Karl Chotek von Chotkow dafür, dass die Artillerie auszog und das Schlösschen einem kultursinnigeren Nutzen zugeführt wurde. Er ließ zwischen 1841 und 1855 ein großes klassizistisches Treppenhaus und im ersten Stock eine Kunstgalerie mit von dem Maler Christian Ruben entworfenen Motiven aus der reichen böhmischen Geschichte einrichten – von denen man im Bild links die Ermordung des Heiligen Wenzel durch seinen bösen Bruder sieht.

IMG_3934Zudem ließ Graf Chotek unterhalb des Schlösschens den Chotek Park (Chotkovy sady) anlegen, den ersten öffentlichen Park für die Prager Bürger anlegen, von dem man einen schönen Blick auf die Burg genießen kann. Aus den Fenstern des Schlösschens kann man wiederum die Aussicht auf den Park genießen. Chotek hat hier fast so etwas wie ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Seit 1950, als man das Gebäude nochmals renovierte, wird es auch für Wechselausstellungen genutzt. 1962 registrierte man es endgültig als nationales Kulturdenkmal und Anfang der 90er Jahre erfolgte eine abermalige Renovierung. Seither erstrahlt es in jenem Glanze, den sich Kaiser Ferdinand dereinst wohl von Herzen gewünscht hat. (DD)

Der Glockenturm

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Man könnte meinen, es handle sich um einen Teil der alten Stadtbefestigung. Aber nein, der Heinrichsturm (Jindřišská věž) war ursprünglich der Glockenturm einer Kirche, genauer: der auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden Kirche St. Heinrich und Kunigunde, die mittlerweile aber selbst einen Glockenturm mit Glocken hat. Benannt ist er übrigens IMG_3320nach dem deutschen Kaiser Heinrich II. (973–1024) und seiner Frau, der viel fürdie Anbindung Böhmens an des Reich geleistet hatte.

Der Heinrichsturm an der Jindřišská 909/14 in der Prager Neustadt überragt mit seinen 67,7 Metern an Höhe die daneben schon fast zwergenhaft wirkende Kirche bei weitem. Es handelt sich um den größten Glockenturm Prags überhaupt. Der Turm wurde in den Jahren 1472-75 errichtet, allerdings nur als Holzkonstruktion. Einen steinernen Turm kann man erst um 1600 nachweisen..

Immer wieder wurde der Turm im Laufe seiner Geschichte beschädigt – 1648 von den Schweden im Dreissigjährigen Krieg, 1757 von den Preußen im Siebenjährigen Krieg und 1801 durch einen heftigen Sturm. Immer wieder wurde er repariert, wennggleich nach dem Orkan von 1801 lange Zeit das Dach fehlte. Das gestaltete 1878 der Architekt und Neogotik-Spezialist  Josef Mocker – und zwar so opulent, dass der Turm erst dadurch nicht nur richtig mittelalterlicher-als-mittelalterlich aussah, sondern überhaupt erst seine enorme Höhe erreichte. Ganze 32,6 Meter ist die Dachkonstruktion hoch (großes Bild). Außerdem ähnelt er dadurch mehr einem der mittelalterlichen Stadtbefestigungstürme und nicht einem Glockenturm.

IMG_3317Die Glocken, die darin hingen, fielen den Weltkriegen zum Opfer. Sie wurden für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Nur die älteste erhaltene von ihnen, die 723 Kilogramm schwere Marienglocke aus dem Jahre 1518, existiert noch.

Ach ja, es ist müssig zu sagen, dass die Verwahrlosung in kommunistischen Zeiten ihm auch zusetzte. Nach der glücklichen Beendigung dieses finsteren Kapitels der Geschichte ging man im Jahre 2001 daran, ihn kräftig zu reparien und rekonstruieren, vor allem innen. Dabei wollte man die alte Bausubstanz nicht beschädigen. Es entstand quasi ein Turm IMG_3549im Turm, eine neue Stahl- und Betonkonstruktion, die frei im alten Turm steht und einen geringstmöglichen Abstand zu den alten Wänden hält. Das wurde so geschickt gemacht, dass man es optisch innen gar nicht mehr bemerkt. Ein Modell im 6. Stock veranschaulicht die Konstruktion sehr schön (Bild links).

Und drinnen gibt so allerlei zu sehen und erleben. Da ist die Aussichtsplattform ganz oben im 10. Stock (zu Fuß oder per Aufzug erreichbar) und ein sehr feines Restaurant mit schöner Aussicht in den Stockwerken 7 bis 9., das nicht billig, aber sein Geld wert ist. Es gibt gehoben tschechische Küche und man sitzt inmitten der hölzernen Dachbalken IMG_3553des Mockerschen Turmaufsatzes. Durch die Lammellen der großen Fenster kann man den Blick auf die Neustadt oder – vor allem – auf die Türme der Teynkirche am Altstädterring und die Burg auf der anderen Seite der Moldau genießen. Vor allem bei Sonnenuntergang ist das ein unvergesslicher Anblick.

Darunter gibt es einen Whiskyladen, eine sehr wohlsortierte und gemütliche Whiskybar, eine Austellung zu den Glocken und der neuen Turmkonstruktion, eine andere Ausstellung IMG_3319über die schönsten und höchsten Türme der Stadt (mit kleinen Modellen nebst historisch/technischen Beschreibungen) und eine kleine Kunstgalerie. Und Glocken kann man auch hören, nur nicht wie früher, draußen auf der Straße. Die Gäste des Restaurants (das angemessermaßen auch Zvonice – Glocken – heißt) können drinnen aber ab und an dem Glockenspiel lauschen, das der Glockengießer Petr Rudolf Manoušek 2003 hier installierte. Es besteht aus 10 kleineren Glocken, die die Namen jener Glocken tragen, die im Verlauf der Geschichte im Turm hingen, aber inzwischen verloren gingen. Eine Unzahl von Melodien erklingen nun im Heinrichsturm und erfreuen die Zuhörer. (DD)

Der Brunnen auf dem Kleinen Platz

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Bevor Ende des 19. Jahrhhunderts eine moderne Kanalisation mit Wasserleitungen in Prag eingeführt wurde, musste man sich das saubere Wasser mühsam aus tiefen Brunnen holen. Den ältesten noch existierenden dieser Brunnen findet man gleich neben dem berühmten Altstädter Ring auf dem wegen der vielen Renaissancebauten, die ihn säumen, recht beeindruckenden Malé náměstí (Kleinen Platz).

IMG_2852Bis in das Jahr 1560 lässt sich der Brunnen zurückdatieren. Die Gitteraufbauten und die steinernen Löwen, aus deren Mund der Wasserausfluss ragt, stammen wahrscheinlich von dem damaligen Hofschmied der Burg, Jörg Schmidhammer. Der Brunnen wurde seitdem immer weiter ausgebaut. Im 17. Jahrhundert setzte man eine Schmiedekunstdarstellung des böhmischen Löwen darauf.

Um das nunmehr recht beeindruckende kleine Kunstwerk zu schützen, beschloss man im IMG_285119. Jahrhundert, das Ganze noch einmal durch ein übergestülptes kunstvolles Eisengitter zu schützen. Die neogotische Struktur, die der Architekt und Bildhauer Josef Mocker (früherer Beitrag hier) entworfen hatte, prägt heute zumindest von weitem den Gesamteindruck des Brunnens, der dadurch schon so etwas wie eine kleine Einführung in die Geschichte des Prager Kunstschmiedehandwerks von der Renaissance über den Barock bis zur Neogotik wurde. Das große Bild oben wurde durch das Mockersche Gitter geknipst und zeigt den ursprünglichen Bauzustand.

Der Brunnen funktioniert übrigens noch immer. Bedient man einen der beiden Schwengel an den Seiten, fließt schon nach recht erstaunlich kurzer Zeit klares Wasser. (DD)