Habsburger Prunk

Passend zum Namen hat das Haus zur Goldenen Krone (Dům U Zlaté koruny) am Malé náměstí 457/13 inmitten des Trubels der Altstadt etwas überaus Majestätisches. Dazu trägt nicht zuletzt die imposante Barockfassade mit ihren monarchischen Insignien bei.

Das Haus als solches ist natürlich viel älter als es das barocke Aussehen suggeriert. Die Baugeschichte beginnt irgendwann im 12. Jahrhundert mit einem kleineren Haus im romanischen Stil. Davon findet man anscheinend noch Spuren in den Kellergewölben – ebenso wie Überbleibsel späterer gotische Bauphasen. Um 1600 wurde das Haus im Stil der Spätrenaissance nicht nur stilistisch überarbeitet, sondern auch vergrößert. Aber schon bald darauf begann die Barockisierung. Und so ist die Fassade, die wir so bewundern, irgendwann um das Jahr 1725 entstanden. Sie gehört zu den prachtvollsten des an prachtvollen Fassaden nicht armen Malé náměstí (wir berichteten zum Beispiel bereits hiervon).

Da es in späteren Zeiten (meist zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts oder Beginn des 20. Jahrhunderts) unter dem Prager Bürgertum eine gewisse Tendenz gab, bei der Fassadengestaltung einen bewusst anti-habsburgischen Nationalismus zur Schau zu tragen (wir zeigten u.a. hier und hier Beispiele), kann man leicht zu dem Eindruck gelangen, dass die Habsburger immer und von allen Bürgern als illegitime Fremdherrscher wahrgenommen wurden. In Wirklichkeit hatte man sich meist arrangiert oder war sogar recht zufrieden.

Und tatsächlich ist das Haus zur Goldenen Krone nicht das einzige Haus in der Prager Innenstadt, bei dem pro-habsburgische Gesinnung mit Wucht nach außen getragen wurde. Es gab offenbar auch immer wieder deutliche Zustimmung zum Kaiserhaus – zumindest in vor-nationalistischen Zeiten.

Es beginnt damit, dass die Kaiserkrone großformatig in Stuck über der Tür prangt. Es handelt sich um eine recht exakte Kopie jener Krone, die Kaiser Rudolf II. 1602 für sich herstellen ließ (und die 1804 das „Modell“ für die Kaiserkrone des neuen Österreichischen Kaiserreichs wurde). Rudolf war schon alleine deswegen, weil er tatsächlich sein Reich von Prag (und nicht Wien) aus regierte, tatsächlich in Böhmen beliebt gewesen. Und um das Ganze zu vervollständigen brachte man über dem mittleren Fenster des ersten Stocks einen in vergoldetem Stuck angefertigten Habsburger Doppeladler an – und zwar ohne das in Prag meist übliche Herzschild mit dem Böhmischen Löwen. Man präsentierte Habsburger Kaisertum pur und ohne regionale Zusätze. Und es handelte sich bei dem Haus um ein privates Wohngebäude mit Läden – nicht um ein offizielles Amtgebäude des Reiches. Wegen des Doppeladlers nennt man das Haus auch bisweilen Haus zum Goldenen Adler (U zlatého orla).

Auch wenn das Haus äußerlich immer noch weitgehend original so erhalten ist, wie es der Bauphase von 1725 entspricht, gab es natürlich immer wieder Umbauten. 1889 veränderte der Architekt František Kindl (wir hatten schon hier eines seiner Bauwerke vorgestellt) das gesamte Erdgeschoss radikal, so dass hier eine große Apotheke ihre Pforten öffnen konnte. Das klassische Apothekersymbol der Äskulapnatter an beiden Seiten neben dem von Hermen eingerahmten neo-barocken Eingang stammen aus dieser Zeit und zeugen davon, dass der Architekt seine Neuerungen geschmacklich gut einpasste. Vor allem beließ er die Habsburgerkrone unbeschadet dort, wo sie zuvor war. Zwischen 1910 und 1936 wurde das Innere des gesamten Hauses etappenweise nach den Plänen von Tomáš Šašek und Josef Blecha umgebaut, wovon man aber außen nichts sieht. Dort dominiert immer noch Habsburger-Prunk! (DD)

Patriotische Schriftsteller und der Großvater des Präsidenten

Ende des 19. Jahrhunderts war es im tschechischen Bürgertum Böhmens en vogue, Hausfassaden mit patriotischen historischen Motiven zu dekorieren, die ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem österreichischen Habsburgertum zur Schau stellten. Selbst in diesem Kontext ist das vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Na Zderaze 1947/3 herausragend.

Es fängt schon mit der Wenzelskrone, dem wichtigsten Stück der böhmischen Kronjuwelen im Veitsdom, die gleich zweimal an den Erkern auf Höhe des ersten Stocks über einer Stuckkartusche prangt (großes Bild oben). So wie sie hier dargestellt wird, wurde sie vom Nationalheiligen Wenzel nie getragen. Vielmehr entstand sie in dieser Form als phantasiereiche Nachempfindung in der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Ihre patriotische Symbolkraft schmälerte das nicht. In der Kartusche befinden sich die Wappen der drei Länder der böhmischen Krome – der zweischwänzige Löwe Böhmens (wir berichteten hier), der rot-weiß karierte mährische und der mit Silbermond versehene schlesische Adler. Über den Fenstern neben den Erkern befinden sich nochmals Nachbildungen der gesamten Kronjuwelen (Krone, Schwert und Szepter auf einem Kissen umrahmt von einem Lorbeerkranz; Bild oberhalb links).

Und als ob es nicht genug wäre, finden sich ebenfalls auf Höhe des ersten Stocks die Büsten zweier Schriftsteller, die so direkt nichts miteinander zu tun haben, aber beide für tschechisch-nationalistische Ideen standen. Karel Havlíček Borovský (Bild rechts; wir berichteten u.a. hier) ist von beiden in Tschechien zweifellos der bekanntere. Der von den habsburgischen Behörden mehrfach ins Exil verbannte Schriftsteller war Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag. Er profilierte sich als Begründer des modernen Journalismus in Böhmen, eckte mit satirischen Schriften bei der Obrigkeit an und galt bis zu seinem frühen Tode 1856 als der Wortführer des radikalen demokratischen Nationalismus der Tschechen.

Der Dichter Josef Václav Sládek gehörte der folgenden Generation an, die keine Revolution mehr betrieb, aber einem tschechischen Kulturnationalismus frönte, der den Tschechen einen besseren Platz innerhalb des Gefüges des Habsburgerreichs sichern sollte. Sládek hatte sich 1868 bis 1870 einige Zeit als Lehrer und Eisenbahn- und Landarbeiter in Amerika verdingt und schrieb nach seiner Rückkehr einige Stücke und zahlreiche Gedichte, die meist das ländliche Tschechentum verherrlichten, aber ab und an auch eine direkte politische und sozialkritische Botschaft vermittelten, wie etwa die 1892 erschienenen, sehr populären České písně (Tschechische Lieder). Im Gegensatz zu dem ständig verfolgten Karel Havlíček Borovský konnte Sádek jedoch dabei ganz friedlich seinem Beruf als Englischlehrer ander Handelsschule nachgehen.

Das neobarocke Haus, an dem sich beide Büsten befinden, wurde übrigens 1897 nach Plänen des Architekten Václav Vítězslav Chytrý auf Geheiß des recht vielseitigen Bauunternehmers, Industriellen, Okkultisten (der unter em Pseudonym Atom spiritistische Bücher verfasste) und Kulturmäzens Vácslav Havel gebaut. Der Nachname kommt einem ja irgendwie recht bekannt vor, oder? Und richtig: Es handelt sich tatsächlich um den Großvater des späteren Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel! An dem Zderaz genannten Ortsteil der Prager Neustadt, wo sich das Gebäude befindet, war dereinst das Gelände einer kleinen Burg aus der Zeit König Wenzels IV. im 14. Jahrhundert, deren letzte Reste 1892 bei der Erneuerung des Stadtteils entgültig verschwanden, nachdem sie schon Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch als eine Ruine beschrieben worden war.

Auf Höhe des Erdgeschosses befindet sich neben dem Eingang eine bronzene, mit dem tschechoslowakischen Staatswappen geschmückte Gedenkplakette. Sie gedenkt des Publizisten und Journalisten Václav Vích, der zusammen mit seiner Frau Josefa aktiv am Widerstand gegen die Nazis teilnahm und, genau wie sie, einige Monate nach seiner Verhaftung im September 1942 in Berlin-Plötzensee in den sogenannten Blutnächten hingerichtet wurde. Das Schicksal der beiden wurde von später Zdeňka Víchová in dem Buch Za světlem svobody (Zum Licht der Freiheit) verewigt. (DD)

Die Sonne scheint seit 1394

Über dem Eingang dieses fünfstöckigen Wohn- und Mietshaus in der Gorazdova 333/18 scheint immer die Sonne. Unerschütterlich und fest in Stuck geformt. Und das tat sie im übertragenen Sinne schon als das Haus in der heutigen Form noch nicht existierte.

Nicht umsonst entdeckt man weiter oben den ebenfalls in einer Stuck-Kartusche gerahmten Namenszug „U Slunce“, was soviel heißt wie „Zur Sonne“. Das hat etwas mit Geschichts- bewusstsein zu tun. Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts wurden große Teile der mittelalterlichen Stadt in Prag abgerissen und durch moderne Wohnhäuser ersetzt. Dabei hatte man oft schlechtes Gewissen, weil damals gerade unter Tschechen ein geschichtsbewusster Nationalismus im Schwange war. Deshalb wurde zum Beispiel 1900 der erste Prager Denkmalschutzverein gegründet, der Klub Za starou Prahu (Verein für das Alte Prag). Da aber aus Gründen des Bevölkerungswachstums und der sanitären Verhältnisse Stadterneuerungen nötig und angebracht waren, versuchte man bisweilen, bei neuen Häusern die Erinnerungen an die alten wachzuhalten (Beispiele zeigten wir bereits hier und hier).

Als im Jahre 1905 der Architekt Antonín Souček und der Bauunternehmer Josef Hercík dieses Haus hier erbauten, wussten sie um die Geschichte des für den Bau abgerissenen Hauses. Als das frühere Haus im Jahre 1394 erstmals erwähnt wurde, hieß es bereits U Slunce. Damals gehörte es dem Rektor der Altstädter Schule bei der St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše) am Staroměstské náměstí. Der Abriss und Neubau im neobarocken Stil war Teil einer Städteplanung, bei der das umliegende Viertel im Süden der Neustadt „gentrifiziert“ wurde, wie man das wohl heute nennt (wir berichteten bereits hier und hier). Die Gegend in der Nähe des Moldauufers, in der sich im Mittelalter der Rektor niedergelassen hatte, war früher das Viertel der Fischer und Flößer, und daher eher recht arm. Der Bau der Uferpromenade (fortan konnten richtige Dampfer passieren, wo früher nur armselige Flöße trieben) sorgte für sozialen Wandel und es entstanden durchaus luxuriöse und große Wohnhäuser wie das hier beschriebene. Und dabei brachte man eben eine Art Hausschild an, das an das ursprüngliche Haus erinnerte.

Die heutige Gorazdova, wo es steht, hieß im Jahre 1905 noch Podskalská. Sie wurde erst zwei Jahre nach dem Krieg nach dem tschechisch-orthodoxen Bischof Gorazd benannt, einem von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer. Das Haus war bei 1952 in Privatbesitz bis es von den Kommunisten enteignet wurde. Danach zog hier auf dem zweiten Stockwerk für eine Weile die Geschäftstelle der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Československa). Die zog aber im März 1959 wieder aus, um sich größere Räumlichkeiten zu suchen. Die Büroräume wurde darob wieder in Apartments verwandelt. Nach dem Fall des Kommunismus wurde das Gebäude in den frühen 1990ern wieder privatisiert und immer wieder renoviert – zuletzt 2016/17 durch den Einbau neuer Lifte und der Erneuerung von Wasserrohren und Stromleitungen. Man findet dort heute Apartments des gehobenen Preissegmentes, wo es sich gut leben lässt. Und dazu passt es ja, wenn stets die Sonne scheint. (DD)

Zum Valentinstag

Heute ist Valentinstag. Der 14. Februar gilt seit je als der Tag der Liebenden. Ein schöneres Motiv als diesen kleinen, zugegebenermaßen der vorchristlichen Mythologie entsprungenen Amor auf dem Mittelerker des Hauses in der Slezska 1297/3 in Prag Vinohrady kam man sich für diesen Tag kaum vorstellen.

Benannt wurde der Tag nämlich nach dem Heiligen Valentin. Der gute Valentin soll im 3. Jahrhundert bei Rom unter Kaiser Claudius II. Gothicus heimlich Liebende christlich getraut haben, obwohl der Kaiser das streng verboten hatte. Dafür ließ ihn der Kaiser am 14. Februar 269 durch Enthaupten hinrichten. In vielen europäischen Gegenden entstanden seit dem späten Mittelalter Traditionen, bei denen sich Liebespaare kleine Geschenke oder Liebesbriefe übergaben. 1969 wurde der Heilige allerdings bedauerlicherweise aus dem Liturgischen Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen, weil man seine reale historische Existenz auf einmal für unbewiesen hielt. Das war irgendwie schon kleinlich. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte bereits das segensreiche Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes dafür gesorgt, dass der Valentinstag auch ohne Protektion der Kirche überlebte. Insbesondere die Blumenhändler freuen sich daran, dass an diesem Tag überall die Umsätze steigen und halten das Brauchtum am Leben. Überall in der Welt. Selbst im nicht-christlichen Japan scheint man seit den 1930er Jahren den Tag mit Inbrunst zu feiern.

Aber darum geht es hier ja nicht. Das Ganze war nur ein „Aufhänger“ zum eigentlichen Thema. Nach unserer Abschweifung zurück zu dem Haus in der Slezska, das ja außer der allgemeinen Assoziation mit Liebessymbolik tatsächlich eigentlich nichts mit dem Heiligen Valentin zu tun hat. Das vierstöckige Miets- und Wohnhaus mit dem Amor wurde im Jahre 1904 erbaut. Es ist eines der ersten Häuser in 1889 der angelegten Slezska (Schlesische Straße), die allerdings damals noch (bis 1928) Chocholouškova hieß – benannt nach dem damals bekannten, heute wohl vergessenen Schriftsteller und Journalisten Prokop Chocholoušek. Und das Haus zeichnet sich durch reichhaltige Stuckverzierungen aus, wie man nicht zuletzt an der Einfassung des Türrahmens sehen kann.

Dass das Haus 1904 für seinen Besitzer, einem gewissen Jan Novotný, gebaut wurde, kann man der hübschen Kartusche entnehmen, die sich unterhalb des Daches befindet: „Zbudováno 1904“ steht da in recht schnörkeliger Schrift; also „Gebaut 1904“. Sie ist ebenso hübsch neo-barock eingefasst wie der Amor. Die Fassade ist Werk des Architekten Josef Pospíšil, den wir schon hier und hier erwähnten, und der das Stadtbild des Kerns von Vinohrady mit seinem Stil stark geprägt hat. Das Haus passte sich mit seinem neobarocken Dekor dem architektonischen Stil der Umgebung im neu und städteplanerisch recht kohärent angelegten Vinohrady (das erst 1922 Teil von Prag wurde) harmonisch an. Mit der niedlichen Amor-Figur hebt es sich allerdings schon ein wenig von den anderen dort im gleichen Stil erbauten Häusern erbauten. Man fragt sich unwillkürlich, was für eine romantische Geschichte wohl hinter diesem putzigen Stück Stuck gesteckt haben mag. (DD)

Fische, Gewehre und ein Mord

Die großmäuligen Fische als Erkerstützen, die seltsamen Echsen und die Grimassen der Maskaronen auf der Fassade der unteren Geschosse wirken so putzig, dass man beim Anblick des großen vierstöckigen Wohn- und Geschäftshauses in der Spálená 284/1, Ecke Myslíkova, nichts Böses zu denken vermag. Gewehre oder gar ein Mord kommen einem nicht in den Sinn.

Es begann harmlos. Ursprünglich standen hier seit 1383 zwei gotische Häuser, die im Jahre 1808 von Wilhelm I. Fürst von Auersperg erworben wurden, der an ihrer Stelle ein großes Gebäude errichten ließ, das auch gewerblich und öffentlich nutzbar war, und dessen Fassade reich mit den Insignien der Adelsfamilie Auersperg geschmückt war. Zu den gewerblichen Mietern gehörte die Waffen- und Gewehrfabrik A.V. Lebeda. Immerhin baute die Firma kein Kriegsgerät, sondern Prunk- und Jagdwaffen im obersten Preissegment.

Anton Vinzenz Lebeda, der die Firma im Jahre 1820 gegründet hatte, belieferte sogar den kaiserlichen Hof. Kaiser Franz Josef war von den Lebeda’schen Gewehren so begeistert, dass er nach einer Vorführung 1852 gleich 21 Schießeisen verschiedenen Typs bei ihm kaufte. Lebeda achtete auch auf Ästhetik. Bedeutende Künstler der Zeit, etwa Josef Mánes, gestalteten die Gewehrschafte und -kolben. Antiquitätenhändler können heute riesige Geldsummen für ein altes Lebedagewehr verlangen. Lebeda selbst war übrigens mit der Neuadelsfamilie von Starck verwandt, deren Wappen er führte. Das kann man heute noch oben an der Ecke des Hauses unter dem Dach bewundern.

Später (Lebedas Firma, die nach seinem Tod von den anscheinend weniger geschäftsbegabten Erben betrieben wurde, schloss 1888 ihre Pforten) zog in das Haus noch das Institut für Chemie der Tschechischen Universität und das Labor für Pharmazeutische Chemie ein. Dann kam in den Jahren der Abriss und Neubau 1905 bis 1906. Das neue Gebäude nahm die Traditionen des neobarocken Vorgängerbaus auf und kombinierte sie vorsichtig mit dem damals ganz neuen und modernen Jugendstil.

Als Architekt zeichnete sich der Bauunternehmer František Buldra aus, dem wir unter anderem auch das Gebäudes des berühmten Café Louvre (wir berichteten hier) verdanken. Es gibt wohl Anhaltspunkte dafür, dass auch der renommierte Jugendstilarchitekt Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten) an den Plänen mitwirkte. Dafür spräche, dass in seinen früheren Werken Polívka gerne Barock und Jugendstil kombinierte (ein Beispiel zeigten wir bereits hier). Man sieht es unter anderen hier an dem wunderschönen Eingangsportal an der Myslíkova (Bild rechts).

In dem neuen Wohn- und Mietshaus gab es im Erdgeschoss einige Geschäfte, darunter das des Goldschmieds Václav Havrda. Am 12. Juni 1930 drang hier ein unbekannter Mann mit einer Pistole in der Hand ein. Im Laden war nur der Sohn des Inhabers, Rudolf Havrda, der sich zu wehren versuchte. Der Täter erschoss ihn kaltblütig und floh. Havrda starb noch bevor der Arzt kam, den vorbeikommende Passanten herbeiriefen. Der Fall erregte Aufsehen in den Medien ob seiner Brutalität. Mit Regierungsrat Josef Vaňásek nahm sich allerdings einer der berühmtesten tschechoslowakischen Kriminalpolizisten und Detektive seiner Zeit des Falles an. Er hatte zuvor die erste Drogenabteilung der tschechoslowakischen Polizei aufgebaut – eine Pionierleistung (auch wenn man der Drogenprohibiton skeptisch gegenüber steht). Er stand für die Einführung moderner wissenschaftlicher Methoden in die Kriminalistik.

Vaňásek, bekannt für sein methodisches Vorgehen, fand schnell heraus, dass sich der Verwalter des Hauses mit einem gewissen Anton Volovik zusammengetan hatte, der den Überfall ausführte. Beise Missetäter wurden der ihrer Strafe überantwortet. Das war einer der Fälle, die das Haus, aber vor allem auch Vaňásek berühmt machten. Vaňásek bekam 1968 in der populären (auf den Krimigeschichten von Jiří Marek basierenden) Fernsehserie Hrísní lidé mesta prazského (in Englisch: Sinful People of Prague; im Fernsehen der „DDR“ verkürzt: „Alte Kriminalfälle“) ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt, denn die Hauptfigur, der Kriminalrat Karel Vacátko, wurde wohl ihm nachempfunden.

Heute ist hier alles friedlich. Unten residiert unter anderem ein Friseursalon und ein Pfandleiher. Es ist weder von Gewehren, noch von Mord die Rede. Die meisten Passanten werden wohl am ehesten von den niedlichen Fischen aus Stuck beindruckt sein. (DD).

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Wenn man weiß, was hier geschah, beschleicht einen ein unheimliches Gefühl. Heute vor 25 Jahren, am 3. Februar 1997 um 14.30 Uhr schlug hier in der Zenklova 830/169 im Stadtteil Libeň einer der Großen der tschechischen Literatur auf dem Asphaltboden des Parkplatzes auf. Genau unter dem Fenster jenes Zimmers Nummer 11 im dritten Stock des Krankenhauses, in das er zwei Monate zuvor eingeliefert worden war. Die herbeieilenden Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Bohumil Hrabal war zu Tode gestürzt.

Eine polizeiliche Untersuchung, wie der 82jährige Schriftsteller denn aus dem Fenster hatte stürzen können, legte einen Unfall nahe, kam aber zu keinem beweiskräftigen Schluss. Möglicherweise habe er die Tauben dort oben füttern wollen und sei dabei abgestürzt. Das glaubten aber schon damals nicht alle Menschen. War es nicht doch Selbstmord? Oder gar schlimmeres? Hrabal war im Dezember nach einer Rückverletzung mit einer schweren Neuralgie eingeliefert worden. Schon kamen Vermutungen – Verschwörungstheorien, gar? – auf, er wäre gar nicht mehr fähig gewesen, auf das Fensterbrett zu klettern. Abgesehen davon, dass niemand ein Motiv für einen solchen Mord gehabt hatte, stimmt der zugrundeliegende Befund nicht. Er konnte sich wohl noch (wenngleich mühsam) bewegen und hatte sich aus den Büchern in seinem Zimmer eine kleine Treppe gebaut. Aber die Selbstmordtheorie ist allerdings nicht vom Tisch. Und dafür gibt es gute Gründe dafür, obwohl letzte Beweise wohl heute nicht mehr zu finden sind.

Eine Quelle, die die Selbstmordhypothese stützt, sind die Aussagen des betreuenden Arztes Pavel Dungl, der später über sein letztes Gespräch (von vielen) am Vortag berichtete, dass Hrabal ihm gesagt habe“: „Hlaváček winkt mir heute zu. – Was?! „Hlaváček winkt mir vom Friedhof zu, er lädt mich zu sich ein, wiederholte er.“ Und in der Tat ist die Sache schon ein wenig spukig, denn Hrabals Lieblingsdichter und Maler Karel Hlaváček, ein Vertreter eines recht düsteren und dekadenten Symbolismus, der 1898 jung, aber qualvoll an Tuberkulose gestorben war, liegt tatsächlich in Sichtweite des Krankenhauses begraben. Und Dungl fügte noch hinzu, wie sehr in seinen letzten Gesprächen Hrabal von dem russischen Volksdichter Sergei Jessenin beeindruckt war, der 1925 mit nur 30 Jahren sein Leben mit eigener Hand beendete: „Er bewunderte Sergei Jessenin. Er sagte immer: Jessenin, er war ein Riese, er schrieb alles, was er für nötig hielt, und warf auch alles weg, vertrank den Familienbesitz und ging dann auf den Hof und erhängte sich. Das war das Ende des würdigen großen Schriftstellers. Jeder, der eine solche Entscheidung für sich treffen konnte, war für ihn ein großartiger Mensch. Er war sehr beeindruckt. Wenn er sich also entschied, Selbstmord zu begehen, war es eine bewusste Handlung.“

Aber nicht nur die Auslassungen des Arztes über die letzten und düsteren Gespräche mit dem Schriftsteller beflügelten die Annahme, dass Hrabal Selbstmord begangen habe. Der Selbstmordgedanke zieht sich fast wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte und das Werk Hrabals. „Mein Schreiben ist eine Art Schutz vor dem Selbstmord“, soll er einmal gesagt haben. Schon in einem frühen Werk, der Geschichte Automat Svět von 1965, geht es um eine Frau, die sich bei einer Hochzeitsfeier im Nebenraum erhängt. Auch, wo es nicht in Selbstmord endete, schlingerten in seinen Romanen – etwa seinem bekanntesten Werk Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971 (unzensiert erst nach 1989 erschienen) oder der düsteren Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) von 1966 – die Charaktere durch ein düsteres und nihilistisch anmutendes Leben. Schwarzer und sarkastischer Humor war das Markenzeichen des Schrifsteller, der eine pessimistische Weltsicht zu verbreiten suchte. Die Erfahrungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts prägten ihn zutiefst und er verarbeitete sie immer wieder thematisch. Obwohl kein Widerständler im eigentlichen Sinn wurde er von den Kommunisten als nicht sonderlich linientreu eingestuft. Er erhielt eine zeitlang ein Publikationsverbot, das erst ein wenig gelockert wurde, als er notgedrungen auf Druck des Regimes eine erniedrigende Selbstbezichtigung veröffentlichte. Lange musste er als Hilfsarbeiter sein Geld verdienen, eine Erfahrung, die er in seinem Roman Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota) von 1976 verarbeitete, das von einem Intellektuellen handelt, der alleine in einer Müllsammelstelle mit einer Papierpresse im Keller Bücher zerstampfen muss.

Auch persönlich schien der Schriftsteller sich am Vorabend seines Todes einsam zu fühlen. Seine geliebte Frau, die Künstlerin Eliska Plevová (von ihm Pipsi genannt), war schon vor 10 Jahren gestorben. Viele seiner engeren Freunde waren von ihm gegangen. Zudem war ihm bewusst, dass sein Leiden, das ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, chronisch, wenn nicht tötlich sein werde. Und sowieso: Einem Grundpessimisten wie ihn verhalf selbst die Anerkennung, die ihm nach dem Fall des Kommunismus 1989 zuteil wurde, nicht zu einer weniger schwarzen Weltsicht, die sogar mit zunehmendem Alter immer schwärzer wurde. So ließ es sich etwa 1994 kein Geringerer als US-Präsident Bill Clinton nehmen, mit ihm und Vacláv Havel in einer Altstadtkneipe ein Bier zu trinken. Wie dem auch sei: Ein Selbstmord ist nicht mehr beweisbar (und auch nicht widerlegbar), aber ist psychologisch äußerst plausibel als Annahme. Aber zumindest hatte der Tod ihn an einem interessanten Platz heimgesucht. Das Krankenhausgebäude steht – von Bäumen und Büschen etwas von der an sich recht unattraktiven Umgebung abgeschirmt – einsam auf einem Hügel, von dem aus man die Stelle sehen kann, wo 1942 das Attentat auf den „Schlächter von Prag“ stattfand, wie man den von den Nazis berufenen „Stellvertetenden Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich nannte, und wo heute ein Denkmal für die tapferen Attentäter steht (Bild oberhalb links).

Das Gebäude ist ein kolossaler und in der Tat recht auffälliger Bau im Stil des Neobarock, der eher an eine Schloss erinnert. Es wurde in den Jahren 1905 bis 1907 nach den Plänen des Architekten Jan Kříženecký fertiggestellt. Ursprünglich war es nicht als Krankenhaus, in dem Neuralgiepatienten behandelt werden, geplant, sondern als eine Erziehungsanstalt (Vychovatelna). Hier sollten „moralisch gestörte Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren“ gepflegt und auf den rechten oder zumindest besseren Weg geführt werden. Das Ganze wurde auf Veranlassung der Stadt Prag gegründet, deren Wappen man auch auf der Fassade in schönem Stuck prangen sehen kann. Eine solche Einrichtung – übrigens die erste ihrer Art in Böhmen -war damals etwas völlig Neues und sozial Fortschrittliches.

Als pädagogische Einrichtung bestand die Vychovatelna nur bis 1941. Dann wurde sie in das Fakultäts-Krankenhaus Bulovka (Fakultní Nemocnice Bulovka) eingegliedert, einem aus mehren Gebäuden, die über die Stadt verteilt sind, bestehenden Krankenhauskomplex. Von nun ab diente das Gebäude als „normales“ Krankenhaus. Schon ein Jahr nach dieser Umwandlung wurde hier kurz der gerade und nur Meter entfernt durch die Attentäter (letztlich tödlich) verletzte Naziverbrecher Heydrich als Notfall eingeliefert, der aber den tschechischen Ärzten nicht traute und sich umgehend in ein von deutschen Ärzten betriebenes Krankenhaus verlegen ließ.

Heute gehört der Krankenhausbau zu den bekanntesten der Stadt. Daran mag der es umfächelnde Atemhauch der Geschichte – der Anschlag auf Heydrich und vor allem der seltsam rätselhafte Tod Bohumil Hrabals – seinen Anteil haben. Und dass das Gebäude so prachtvoll ist, bleibt auch selten unbemerkt. Es wurde zurecht 2004 zum Kulturdenkmal erklärt. Alleine die oberhalb links abgebildete Vortreppe verfehlt selten seine Wirkung, den Besucher zu beeindrucken.

Und was Hrabal angeht, der auf dem Platz vor dem Krankenhaus sein Ende fand: War es Selbstmord? Oder doch der Unfall beim Füttern von Tauben? Hrabals Werk war düster und rätselhaft. Was soll man von den Todesvision und der Erzählung vom Erscheinen des toten Dichters Hlaváček halten? Mysteriös ist es. Alles ist möglich. Vielleicht ist es gut so und wird dem Schriftsteller besonders gerecht, wenn wir das nie wirklich herausfinden werden. (DD)

Trauben – hoch, nicht sauer

Das Problem dieser Trauben ist wohl wirklich, dass sie zu hoch wachsen – und nicht, dass sie zu sauer sind. Man kommt ja gar nicht an sie ran, um den Geschmack herauszufinden. So wie beim Fuchs in Aesops Fabel….

Auf den Namen U Modrého Hroznu (Zur Blauen Traube) hört dieses Haus am Ovocný trh 580/2 (Ecke Havířská) in der Altstadt. Das erst im Jahr 1900 vollendete Gebäude des Architekten František Schlaffer (der sich manchmal tschechisch Šlafer schreiben ließ) unterstreicht auf archetypische Weise, was in dieser Zeit – kurz bevor der Jugendstil eine Neuerungswelle auslöste – in Sachen Architektur angesagt war: Der Rückgriff auf alte Zeiten; auch Historismus genannt. Zu den Häusern früherer Zeiten gehörten auch Hauszeichen aus Stuck, die als Erkennungsmerkmal von Häusern diente als es noch keine amtlichen Hausnummern gab.

Hausnummern gab es aber schon als dieses Gebäude entstand. Und das Haus ist lediglich Neobarock und bedient sich nur äußerlich barocker Formelemente. Drinnen ist ein modernes zweistöckiges Büro- und Mietshaus. Und ein Winzer wohnt hier auch nicht, was das nachempfundene Hauszeichen oben auf dem Giebel des Eckerkers mit den Trauben ja suggerieren könnte. Es ist hier mehr oder weniger hübsche Staffage. Stilistisch jedoch hat der Architekt sein Bauwerk gut in die zum Teil echt barocke Umgebung des benachbarten Ständetheater (wir berichteten hier) in der Altstadt eingepasst. (DD)

Gefälliger Spätjugendstil

Jugendstil – das bedeutete ursprünglich Protest gegen die historisierende Wiederholung des Immergleichen. Man sprach von Secession, der Trennnung von alten Konventionen.

Ein Beispiel dafür, wie sehr sich dieser revolutionäre Elan am Ende abnutzte und wie man wieder zu mehr konservativer Gefälligkeit fand, bietet dieses Doppelhaus in der Londýnská 575/48. Das Mietshaus verbindet eine zurückhaltenden Jugendstilornamentik mit einer an den französischen Barock angelehnten Architektur – insbesondere der Mansarde. Ursprünglich stand hier ein 1876 erbautes Haus im Stil der Neorenaissance. In den Jahren 1912/13 ließ der neue Besitzer, ein Hotelier namens Josef Beránek, das Haus durch den Architekten Jaroslav Pelc völlig neugestalten. Dadurch wurde es das, was es heute ist: Eine Mischung von Jugendstil (der damals gerade vom Kubismus als Modetrend abgelöst wurde) und Neobarock.

Nicht mehr so avantgardistisch wie sich die Pioniere der Secession des Jugendstils gedacht haben, aber durchaus originell und hübsch anzusehen, ist ds Haus. Beránek hatte übrigens gleichzeitig das Haus daneben (576/46) erworben, das er 1924 bei einer Neugestaltung des Inneren mit dem anderen Haus verband. Allerdings nahm er hier keinen grundlegenden Umbau vor, so dass Haus 576 heute einen Eindruck davon vermittelt, wie Haus 575 ursprünglich ausgesehen mag, denn beide Häuser waren ursprünglich aus „einem Guss“ gebaut worden. (DD)

Beim besten König

Die Tschechen halten ihn in gutem Andenken, ihren guten alten König Jiří z Poděbrad, auf Deutsch Georg von Podiebrad genannt. Wo sonst sollte man dafür Beweise sammeln als an jenem großen Platz in Prag Vinohrady, der nach ihm benannt ist, dem Náměstí Jiřího z Poděbrad?

Der König, der von 1458 bis 1471 Böhmen regierte, war der letzte Tscheche auf dem Thron. Zudem war er der einzige Hussit, der es zum Könistitel brachte, und damit – rund 100 Jahre vor der Reformation – der erste Herrscher, der sich von der katholischen Kirche abwandte. Zudem gilt er mit seinem Friedensmanifest von 1462 als der erste große Visionär eines vereinten Europas. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Tschechen auf ihn besonders stolz sind.

Belege findet man (nicht nur) hier an seinem“ Platz genug und wir haben hier und hier schon Beispiele genannt. Aber zu den gelungensten gehört zweifellos das vierstöckige Wohnhaus Jiřího z Poděbrad 1552/3 (Ecke Mánesova). Das Gebäude wurde in den Jahren 1909/10 durch den Baumeister und späteren stellvertretenden Bürgermeister von Vinohrady, Jindřich Břeněk, erbaut. Es trägt den passenden Namen „U naseho nejlepšího krále“ – Zu unserem besten König! Das passte zu dem damals unter Tschechen aufkommenden Nationalpatriotismus, der mehr Autonomie und Freiheit gegenüber den Habsburgern einforderte, die eben irgendwie im Gegensatz zu König Georg Fremdherrscher waren. Die entsprechende Aufschrift mit dem Hausnamen ist leider irgendwann verloren gegangen.

Während des Baus wurden anscheinend die Pläne geändert und dem Wechsel des Zeitgeist angepasst. Jedenfalls zeugt das Haus von einem ungewöhnlichen Stilmix aus Historismus (Neorenaissance) und dem damals neu aufkommenden Jugendstil. Letzterer macht sich vor allem bei den Stuckaturen bemerkbar. Die Malereien sind jedoch ganz und gar der Kunst der böhmischen Renaissance nachempfunden. Auch das war unter den Nationalbewegten der Zeit zu dieser Zeit sehr populär.

Auch ein wenig patriotisch kommt der steinerne Adler daher, der den auch im Stil der Neorenaissance gestalteten Dachgiebel schmückt. Man sieht, dass der Architekt auch an öffentlicher Architektur mit Präsentationscharakter geschult war – was man übrigen an seinen anderen Gebäuden sehen kann, etwas das Bürgerhaus (1896) in seinem Heimatort Vanovice in Südmähren.

Die optische Besonderheit, die von weitem zuerst auffällt, sind jedoch die beiden zum Platz ausgerichteten Balkone auf Höhe des dritten Stocks. Sie sind als aus Holz konstruierte Altane konzipiert, die wiederum auf dem Erker des Stockwerks darunter ruhen. Die ungewöhnliche Materialwahl und der feingliedrige Jugendstil macht die Balkone in ihren architektonischen Umfeld schon zu etwas Besonderem. Und von oben hat man eine schöne Aussicht auf den Platz. Sieht man die Blumenpracht auf dem Balkon, hat man das Gefühl, dass hier ein wahrhaft heimeliges Wohngefühl geschaffen wurde.

Aber es sind ist natürlich nicht die Balkone, die dem Haus den Namen gegeben haben, sonder der gute König Georg von Podiebrad. Seine, auf einem kunstvollen Jugendstilpodest stehende Büste befindet sich über dem ersten Stock in der Mitte der Platzfassade. Das „Portrait“ folgt – vor allem bei der Kopfbedeckung – der Darstellung auf dem Reiterdenkmal des Königs in seiner Heimalstadt Poděbrady, das 1896 von dem Bildhauer Bohuslav Schnirch errichtet wurde. Vertrauenerweckend schaut der gute Herrscher auf die Passanten herab, die unter ihm vorbeigehen. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)