Mit viel Groteskem vom Neobarock zum Jugendstil

Es war anscheinend die Zeit gekommen für Osvald Polívka, etwas Groteskes und Witziges, jedenfalls nichts Altes und Langweiliges zu machen. Das ist ihm bei der Gestaltung des Hauses Vojtěšská 230/19, Ecke Na struze, in der Prager Neustadt ohne Zweifel gelungen.

Denn irgendwie ist diese clowneske Gestalt im Narrenkostüm, die aus einem Loch in einer einen Erker tragenden Konsole wie eingemauert herauszugucken scheint, und die sich außen mit den Armen daran festzuklammern scheint, schon ebenso originell wie absurd. Daneben befindet sich eine zweite Konsole, in die aus unbekanntem Grunde auch ein Narr geraten zu sein scheint, der uns schelmisch einen Vogel zeigt. Der Architekt Osvald Polívka gilt heute zurecht vor allem als einer der architektonischen Großmeister des Prager Jugendstils (worüber wir u.a. hier, hier, hier und hier berichteten). Was wir hier sehen, ist aber eher ein Frühwerk. Der Jugendstil war ja primär eine Art Protest gegen den um die Jahrhundertwende von vielen Künstlern als steril wirkend empfundenen Historismus, der gerade in Prag vor allem in der Form von Neorenaissance oder Neobarock Jahrzehnte lang die bauliche Stadtentwicklung fast unangefochten dominiert hatte.

Als Polívka seine Architektenkarriere begann, lieferte er noch Entwürfe im – allerdings bereits recht unorthodox und verspielt daherkommenden – neobarocken Stil (Beispiele zeigten wir hier und hier). So hatte er es auch von seinem Lehrmeister Josef Zítek, dem die Welt mit dem Prager Nationaltheater eines der grandiosesten Werke des Historismus in Prag verdankt, erlernt. Das Haus in der Vojtěšská dürfte allerdings eines der letzten vom Barock bestimmten Werke Polívkas gewesen sein, Das dreistöckige (mit Mansarde sind es vier) Miets- und Wohnhaus wurde nach seinen Entwürfen in den Jahren 1900 bis 1902 für den Baumeister Antonín Novotný erbaut. Zumindest mir ist kein Haus aus der Zeit danach von ihm bekannt, das zunächst einmal, wenngleich nur auf den ersten Blick, klar dem Neobarock zuzuordnen zu sein scheint. Die einzelnen Elemente (die kleine Amorgestalt aus Stuck sei erwähnt, wenngleich das Laubwerk der Kartusche schon ein wenig jugendstilig daherkommt) und die Fassadenstruktur gehorchen noch fast vollständig den barocken Stilvorgaben.

Aber gerade die dekorativen Elemente der Fassade zeichnen sich durch eine überbordende Phantasie aus und transzendieren bereits die Formsprache des Neobarock. Im Grunde hat man es mit einem sich barock gebenden Vorläufer des bereits wenig später (genauer: 1904) durch Polívka vollendeten Jugendstil-Kaufhauses Dům U Nováků (Haus zu Novak) zu tun, über das wir schon hier berichteten, und das sich ebenfalls in der Neustadt befindet. Auch hier wimmelt es von sonderlichen Kreaturen und Tieren, die nicht unbedingt zum klassischen Kanon gehören. Auf der Seite zur Na struze ist es vor allem jene seltsame Kreatur, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Fledermaus oder Seepferdchen sein will oder möglicherweise ein (gefährlicher?) Drache.

Und manchmal brach es bei dem Haus doch schon vollumfänglich heraus, das Verlangen Polívkas nach etwas Neuem – eben dem Jugendstil. Man merkt es bei den Gittern des Erker-Balkons, aber vor allem auch bei den Schnitzarbeiten der Haupteingangstür auf der Seite der Vojtěšská . Bei der Türe wird der Jugendstil durch keine ersichtliche Anspielung auf den Barock verfälscht. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass sich Polívka vollständig dem neuen Stil zuwenden würde.

Bleibt noch zu erwähnen, dass das Haus, in sich heute auch Büros und Geschäfte befinden, zu Mitte der 1990er Jahre gründlich renoviert und seither gut in Schuss gehalten wurde. Nichts trübt also den Genuss.

Das Haus, dessen Autorenschaft durch Polívka auch erst 1985 in einer Untersuchung durch den Architektur- und Kunsthistoriker Rudolf Pošva definitiv zugeschrieben wurde, wurde nie so berühmt wie andere Werke von ihm, die einen reineren Jugendstil repräsentierten. Weniger hübsch und ansprechend macht dies das Gebäude nicht. Es gehört zu den Geheimtipps für Kenner unter den Polívka-Fans. (DD)

Ich habe den schwedischen König bekocht (und den norwegischen auch)

Das Haus zur blauen Ente (dům U Modré kachny) in der Nebovidská 460/6 auf der Kleinseite hat schon für sich genommen eine interessante Baugeschichte. Zu schätzen wissen es allerdings die meisten Kenner für die exzellente Kulinarik, die heute darinnen bei passendem Ambiente geboten wird.

Wo das heutige Gebäude steht, gab es früher zwei Renaissance-Häuser aus dem 16. Jahrhundert, von denen eines 1661 neu im barocken Stil errichtet wurde und wohl den markanten Entennamen trug. Das ganze stand am Rande des damaligen Lazarovgartens (Lazarovská zahrada), der zu einem Jesuitenpalast gehörte. Der Park ist aber seither so geschrumpft, dass sich das Gebäude in einiger Entfernung davon befindet. In den Jahren 1811 bis 1815 waren dann schließlich beide Häuser entgültig zusammengelegt und wurden zu Musterexemplaren des biedermeierlichen Klassizismus umgebaut, wobei innen im Erdgeschoss noch einiges von der barocken Struktur erhalten blieb. Umbauten in den (kommunistischen) 1970er Jahren, wie die Hinzufügen eines Dachgeschosses und der Abriss einiger Nebengebäude im Innenhof, veränderten außen den optischen Grundcharakter wenig.

Der Kommunismus ging 1989 unter und man überließ gottlob der Privatwirtschaft wieder die Initiative. 1993 baute man das Innere gründlich um, um da

raus ein Restaurant zu machen, für dessen Namen man den Diminutiv des alten Hausnamens, nämlich U Modré Kachničky – Zum Blauen Entchen – wählte. Dabei wollte Besitzer Otakar Metlička nicht irgendein Touristenlokal aufmachen, sondern qualitativ geradezu nach den Sternen greifen. Das fing schon bei der Innengestaltung an.

Die sollte künstllerisch kreativ, geschichtsbewusst, gemütlich und edel wirken. Die verschiedenen Gasträume sind daher opulent mit echten Antiquitäten und gut gestalteten antikisierenden Möbeln ausgestattet. Alles wirkt eng gedrängt. Dazu kommen Wandfresken, die einerseits sehr gute Nachempfindungen eines Barockinterieurs darstellen, andererseits schon modern de- und rekonstruiert, ja geradezu mit einem ironischen Augenzwinkern übertrieben neuformuliert wurden. Sind sind einerseits sehr akurat dem Barock nachempfunden, aber auch surreal (man sieht es im großen Bild oben). Das ist schon originell und witzig, aber trotzdem authentisch. Und jeder Raum ist stilistisch etwas anders gestaltet.

Dieses gediegen luxuriöse Ambiente (in dem sich auch überall Figurinen und Bilder von Enten befinden) wäre natürlich nichts ohne die passende Speisekarte. Obwohl es vereinzelte Stimmen unter Restaurantkritikern gibt, früher sei alles besser gewesen, wüsste ich kaum ein Restaurant, das mehr zu empfehlen ist, wenn man eine gepflegte Edelvariante tschechischer Küche mit internationalem Flair genießen will. Dafür sorgt Chefkoch Michael Váňa. Bei dem denkt man unwillkürlich an Bohumil Hrabals berühmten Roman Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971, denn Váňa hatte vor dem „Entchen“ im Laufe seiner Karriere schon unter anderem den schwedischen und den norwegischen König bekocht. Die Speisekarte wechselt oft mit der Saison, denn, wie Váňa in einem Interview sagte, „ich versuche, auf Traditionen aufzubauen und der Logik lokaler Zutaten und Bedingungen zu folgen. Deshalb machen wir viele saisonale Angebote, die sich an der jeweiligen Jahreszeit orientieren.“

Sogar das Brot wird im Hause selbst gebacken (gutes Brot ist in Prag schwierig zu bekommen) und man räuchert selbst. Neben vielen feinen Wildgerichten (wie der links abgebildete Hirschrücken – ein Teil des Degustationsmenüs) und anderen Leckereien serviert man hier natürlich auch in verschiedenen Varianten das, was dem Restaurant (und dem ursprünglichen Haus) den Namen gab: Ente! Ob gebraten am Stück, als klassisch tschechische Brust oder als Foie Gras zur Vorspeise – der Freund von Entenmenüs kommt voll auf seine Kosten. Dazu gibt es eine reichhaltige Weinliste, die sowohl internationale als auch tschechische Weine führt. Gerade letztere sind von hoher Qualität. Da nur wenigen Ausländern überhaupt die tschechische Weinkkultur bekannt ist, kann man hier eine positiv stimmende Einführung erleben. Bier ist zwar im höheren Segment selten so geschätzt wie Wein, aber – so ein kleiner Kritikpunkt – man hätte sich hier ein wenig soviel Mühe geben können, wie beim Wein. Es gibt leider nur eine Sorte recht handelsüblichen Urquellbieres. Da könnte man noch ein paar der berühmten Prager Kleinbrauereien ins Repertoire aufnehmen. Dafür kann sich allerdings die Liste der härteren Drinks (Rum, Whisky, tschechische Obstbrände, etc.) wiederum sehen lassen!

Ob es ein wenig nachgelassen haben mag oder auch nicht (ich habe jedenfalls über die Jahre nichts davon bemerkt): Das U Modré Kachničky wurde schnell ein Lokal, das von der (feinschmeckerischen) Prominenz gerne und oft frequentiert wurde und wird: Größen wie Helmut Kohl, Tom Cruise, Karel Gott, Roger Federer, die Scorpions, Sean Connery und vor allem Václav Havel sind hier schon eingekehrt. Damit macht man auch schon am Eingang stolz Werbung! Kurzum: Das Restaurant indem so passenden historischen Haus ist ein voller Erfolg geworden. So erfolgreich übrigens, dass man auf dem gegenüberliegenden Moldauufer, genauer: In der Michalská 434/16 inmitten der Altstadt eine Filiale gegründet hat, das U Modré Kachničky II. Das ist noch nicht ganz so bekannt wie das Mutterhaus, folgt ihm aber, was Angebot und Einrichtungsstil angeht, weitgehend. Aber ein Besuch im alten Stammhaus auf der Kleinseite gehört immer noch zum Pflichtprogramm aller Feinschmecker unter den Prag-Besuchern. (DD)

Blick aus dem Bürofenster…

Warum arbeitet man so gerne in Prag? Nun, man muss nur vom Bürofenster den Blick hinaus schweifen lassen. Man sieht nichts, was das Auge beleidigt. Einfach schön ist es. Wer dabei nicht motiviert den Tag beginnt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das fünfstöckige Mietshaus Nr. 1221/4 am Náměstí Míru (Friedensplatz) in Vinohrady (Prag 2), auf das man von meinem Schreibtisch aus schauen kann, ist ein Beispiel. Es ist kein bedeutendes Werk, aber eben hübsch anzusehen. Vinohrady wurde Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhundert auf gehobene Wohngegend auf dem Gebiet der alten königlichen Weinberge neu angelegt. Der innere Teil um den Friedensplatz ist daher recht ästhetisch geschlossen. Die großen Mietshäuser sind in der Regel mit historistischen Fassaden geschmückt, meist im Stil des Neobarock .

So auch das Haus 1221/4, das in den Jahren 1902/03 entstand. Die prunkvolle Fassade mit Stuckskulpturen und vielen floralen Ausschmückungen wurde von dem Architekten Josef Pospíšil entworfen, der sich für die Außengestaltung vieler der umliegenden Häuser veranwortlich zeichnete (wir sahen es bereits hier und hier).

Gebaut wurde es von dem Bürgermeister und Bauunternehmer Alois Bureš. Besitzer war Bohumil Staněk, seines Zeichens Ratsherr in Vinohrady. Überhaupt fällt immer wieder auf, dass kommunalpolitische Ämter, großer Immobilienbesitz und Bauunternehmertum bei der Anlegung von Vinohrady recht oft zusammenfielen (anderes Beispiel hier). Darüber könnte man auch mal nachforschen, wenn man Zeit dazu hätte. Ist sicher eine interessante Geschichte…

Heute befindet sich im Erdgeschoss keine Baufirma und auch kein Bürgermeister, sondern eine Kneipe der gehobenen Qualitätslage. Seit drei oder vier Jahren gibt es hier The Craft. Das ist, wie der Name korrekt suggeriert, ein Bierlokal, das nicht nur eine Marke urquelligen Industriebiers ausschänkt, sondern ein ständig wechselndes und großes Angebot von Bieren tschechischer Kleinbrauereien.

Habsburger Prunk

Passend zum Namen hat das Haus zur Goldenen Krone (Dům U Zlaté koruny) am Malé náměstí 457/13 inmitten des Trubels der Altstadt etwas überaus Majestätisches. Dazu trägt nicht zuletzt die imposante Barockfassade mit ihren monarchischen Insignien bei.

Das Haus als solches ist natürlich viel älter als es das barocke Aussehen suggeriert. Die Baugeschichte beginnt irgendwann im 12. Jahrhundert mit einem kleineren Haus im romanischen Stil. Davon findet man anscheinend noch Spuren in den Kellergewölben – ebenso wie Überbleibsel späterer gotische Bauphasen. Um 1600 wurde das Haus im Stil der Spätrenaissance nicht nur stilistisch überarbeitet, sondern auch vergrößert. Aber schon bald darauf begann die Barockisierung. Und so ist die Fassade, die wir so bewundern, irgendwann um das Jahr 1725 entstanden. Sie gehört zu den prachtvollsten des an prachtvollen Fassaden nicht armen Malé náměstí (wir berichteten zum Beispiel bereits hiervon).

Da es in späteren Zeiten (meist zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts oder Beginn des 20. Jahrhunderts) unter dem Prager Bürgertum eine gewisse Tendenz gab, bei der Fassadengestaltung einen bewusst anti-habsburgischen Nationalismus zur Schau zu tragen (wir zeigten u.a. hier und hier Beispiele), kann man leicht zu dem Eindruck gelangen, dass die Habsburger immer und von allen Bürgern als illegitime Fremdherrscher wahrgenommen wurden. In Wirklichkeit hatte man sich meist arrangiert oder war sogar recht zufrieden.

Und tatsächlich ist das Haus zur Goldenen Krone nicht das einzige Haus in der Prager Innenstadt, bei dem pro-habsburgische Gesinnung mit Wucht nach außen getragen wurde. Es gab offenbar auch immer wieder deutliche Zustimmung zum Kaiserhaus – zumindest in vor-nationalistischen Zeiten.

Es beginnt damit, dass die Kaiserkrone großformatig in Stuck über der Tür prangt. Es handelt sich um eine recht exakte Kopie jener Krone, die Kaiser Rudolf II. 1602 für sich herstellen ließ (und die 1804 das „Modell“ für die Kaiserkrone des neuen Österreichischen Kaiserreichs wurde). Rudolf war schon alleine deswegen, weil er tatsächlich sein Reich von Prag (und nicht Wien) aus regierte, tatsächlich in Böhmen beliebt gewesen. Und um das Ganze zu vervollständigen brachte man über dem mittleren Fenster des ersten Stocks einen in vergoldetem Stuck angefertigten Habsburger Doppeladler an – und zwar ohne das in Prag meist übliche Herzschild mit dem Böhmischen Löwen. Man präsentierte Habsburger Kaisertum pur und ohne regionale Zusätze. Und es handelte sich bei dem Haus um ein privates Wohngebäude mit Läden – nicht um ein offizielles Amtgebäude des Reiches. Wegen des Doppeladlers nennt man das Haus auch bisweilen Haus zum Goldenen Adler (U zlatého orla).

Auch wenn das Haus äußerlich immer noch weitgehend original so erhalten ist, wie es der Bauphase von 1725 entspricht, gab es natürlich immer wieder Umbauten. 1889 veränderte der Architekt František Kindl (wir hatten schon hier eines seiner Bauwerke vorgestellt) das gesamte Erdgeschoss radikal, so dass hier eine große Apotheke ihre Pforten öffnen konnte. Das klassische Apothekersymbol der Äskulapnatter an beiden Seiten neben dem von Hermen eingerahmten neo-barocken Eingang stammen aus dieser Zeit und zeugen davon, dass der Architekt seine Neuerungen geschmacklich gut einpasste. Vor allem beließ er die Habsburgerkrone unbeschadet dort, wo sie zuvor war. Zwischen 1910 und 1936 wurde das Innere des gesamten Hauses etappenweise nach den Plänen von Tomáš Šašek und Josef Blecha umgebaut, wovon man aber außen nichts sieht. Dort dominiert immer noch Habsburger-Prunk! (DD)

Patriotische Schriftsteller und der Großvater des Präsidenten

Ende des 19. Jahrhunderts war es im tschechischen Bürgertum Böhmens en vogue, Hausfassaden mit patriotischen historischen Motiven zu dekorieren, die ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem österreichischen Habsburgertum zur Schau stellten. Selbst in diesem Kontext ist das vierstöckige Wohn- und Mietshaus in der Na Zderaze 1947/3 herausragend.

Es fängt schon mit der Wenzelskrone, dem wichtigsten Stück der böhmischen Kronjuwelen im Veitsdom, die gleich zweimal an den Erkern auf Höhe des ersten Stocks über einer Stuckkartusche prangt (großes Bild oben). So wie sie hier dargestellt wird, wurde sie vom Nationalheiligen Wenzel nie getragen. Vielmehr entstand sie in dieser Form als phantasiereiche Nachempfindung in der Zeit Karls IV. im 14. Jahrhundert. Ihre patriotische Symbolkraft schmälerte das nicht. In der Kartusche befinden sich die Wappen der drei Länder der böhmischen Krome – der zweischwänzige Löwe Böhmens (wir berichteten hier), der rot-weiß karierte mährische und der mit Silbermond versehene schlesische Adler. Über den Fenstern neben den Erkern befinden sich nochmals Nachbildungen der gesamten Kronjuwelen (Krone, Schwert und Szepter auf einem Kissen umrahmt von einem Lorbeerkranz; Bild oberhalb links).

Und als ob es nicht genug wäre, finden sich ebenfalls auf Höhe des ersten Stocks die Büsten zweier Schriftsteller, die so direkt nichts miteinander zu tun haben, aber beide für tschechisch-nationalistische Ideen standen. Karel Havlíček Borovský (Bild rechts; wir berichteten u.a. hier) ist von beiden in Tschechien zweifellos der bekanntere. Der von den habsburgischen Behörden mehrfach ins Exil verbannte Schriftsteller war Teilnehmer der Revolution von 1848 in Prag. Er profilierte sich als Begründer des modernen Journalismus in Böhmen, eckte mit satirischen Schriften bei der Obrigkeit an und galt bis zu seinem frühen Tode 1856 als der Wortführer des radikalen demokratischen Nationalismus der Tschechen.

Der Dichter Josef Václav Sládek gehörte der folgenden Generation an, die keine Revolution mehr betrieb, aber einem tschechischen Kulturnationalismus frönte, der den Tschechen einen besseren Platz innerhalb des Gefüges des Habsburgerreichs sichern sollte. Sládek hatte sich 1868 bis 1870 einige Zeit als Lehrer und Eisenbahn- und Landarbeiter in Amerika verdingt und schrieb nach seiner Rückkehr einige Stücke und zahlreiche Gedichte, die meist das ländliche Tschechentum verherrlichten, aber ab und an auch eine direkte politische und sozialkritische Botschaft vermittelten, wie etwa die 1892 erschienenen, sehr populären České písně (Tschechische Lieder). Im Gegensatz zu dem ständig verfolgten Karel Havlíček Borovský konnte Sádek jedoch dabei ganz friedlich seinem Beruf als Englischlehrer ander Handelsschule nachgehen.

Das neobarocke Haus, an dem sich beide Büsten befinden, wurde übrigens 1897 nach Plänen des Architekten Václav Vítězslav Chytrý auf Geheiß des recht vielseitigen Bauunternehmers, Industriellen, Okkultisten (der unter em Pseudonym Atom spiritistische Bücher verfasste) und Kulturmäzens Vácslav Havel gebaut. Der Nachname kommt einem ja irgendwie recht bekannt vor, oder? Und richtig: Es handelt sich tatsächlich um den Großvater des späteren Schriftstellers, Dissidenten und Präsidenten Václav Havel! An dem Zderaz genannten Ortsteil der Prager Neustadt, wo sich das Gebäude befindet, war dereinst das Gelände einer kleinen Burg aus der Zeit König Wenzels IV. im 14. Jahrhundert, deren letzte Reste 1892 bei der Erneuerung des Stadtteils entgültig verschwanden, nachdem sie schon Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch als eine Ruine beschrieben worden war.

Auf Höhe des Erdgeschosses befindet sich neben dem Eingang eine bronzene, mit dem tschechoslowakischen Staatswappen geschmückte Gedenkplakette. Sie gedenkt des Publizisten und Journalisten Václav Vích, der zusammen mit seiner Frau Josefa aktiv am Widerstand gegen die Nazis teilnahm und, genau wie sie, einige Monate nach seiner Verhaftung im September 1942 in Berlin-Plötzensee in den sogenannten Blutnächten hingerichtet wurde. Das Schicksal der beiden wurde von später Zdeňka Víchová in dem Buch Za světlem svobody (Zum Licht der Freiheit) verewigt. (DD)

Die Sonne scheint seit 1394

Über dem Eingang dieses fünfstöckigen Wohn- und Mietshaus in der Gorazdova 333/18 scheint immer die Sonne. Unerschütterlich und fest in Stuck geformt. Und das tat sie im übertragenen Sinne schon als das Haus in der heutigen Form noch nicht existierte.

Nicht umsonst entdeckt man weiter oben den ebenfalls in einer Stuck-Kartusche gerahmten Namenszug „U Slunce“, was soviel heißt wie „Zur Sonne“. Das hat etwas mit Geschichts- bewusstsein zu tun. Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts wurden große Teile der mittelalterlichen Stadt in Prag abgerissen und durch moderne Wohnhäuser ersetzt. Dabei hatte man oft schlechtes Gewissen, weil damals gerade unter Tschechen ein geschichtsbewusster Nationalismus im Schwange war. Deshalb wurde zum Beispiel 1900 der erste Prager Denkmalschutzverein gegründet, der Klub Za starou Prahu (Verein für das Alte Prag). Da aber aus Gründen des Bevölkerungswachstums und der sanitären Verhältnisse Stadterneuerungen nötig und angebracht waren, versuchte man bisweilen, bei neuen Häusern die Erinnerungen an die alten wachzuhalten (Beispiele zeigten wir bereits hier und hier).

Als im Jahre 1905 der Architekt Antonín Souček und der Bauunternehmer Josef Hercík dieses Haus hier erbauten, wussten sie um die Geschichte des für den Bau abgerissenen Hauses. Als das frühere Haus im Jahre 1394 erstmals erwähnt wurde, hieß es bereits U Slunce. Damals gehörte es dem Rektor der Altstädter Schule bei der St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše) am Staroměstské náměstí. Der Abriss und Neubau im neobarocken Stil war Teil einer Städteplanung, bei der das umliegende Viertel im Süden der Neustadt „gentrifiziert“ wurde, wie man das wohl heute nennt (wir berichteten bereits hier und hier). Die Gegend in der Nähe des Moldauufers, in der sich im Mittelalter der Rektor niedergelassen hatte, war früher das Viertel der Fischer und Flößer, und daher eher recht arm. Der Bau der Uferpromenade (fortan konnten richtige Dampfer passieren, wo früher nur armselige Flöße trieben) sorgte für sozialen Wandel und es entstanden durchaus luxuriöse und große Wohnhäuser wie das hier beschriebene. Und dabei brachte man eben eine Art Hausschild an, das an das ursprüngliche Haus erinnerte.

Die heutige Gorazdova, wo es steht, hieß im Jahre 1905 noch Podskalská. Sie wurde erst zwei Jahre nach dem Krieg nach dem tschechisch-orthodoxen Bischof Gorazd benannt, einem von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer. Das Haus war bei 1952 in Privatbesitz bis es von den Kommunisten enteignet wurde. Danach zog hier auf dem zweiten Stockwerk für eine Weile die Geschäftstelle der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Československa). Die zog aber im März 1959 wieder aus, um sich größere Räumlichkeiten zu suchen. Die Büroräume wurde darob wieder in Apartments verwandelt. Nach dem Fall des Kommunismus wurde das Gebäude in den frühen 1990ern wieder privatisiert und immer wieder renoviert – zuletzt 2016/17 durch den Einbau neuer Lifte und der Erneuerung von Wasserrohren und Stromleitungen. Man findet dort heute Apartments des gehobenen Preissegmentes, wo es sich gut leben lässt. Und dazu passt es ja, wenn stets die Sonne scheint. (DD)

Zum Valentinstag

Heute ist Valentinstag. Der 14. Februar gilt seit je als der Tag der Liebenden. Ein schöneres Motiv als diesen kleinen, zugegebenermaßen der vorchristlichen Mythologie entsprungenen Amor auf dem Mittelerker des Hauses in der Slezska 1297/3 in Prag Vinohrady kam man sich für diesen Tag kaum vorstellen.

Benannt wurde der Tag nämlich nach dem Heiligen Valentin. Der gute Valentin soll im 3. Jahrhundert bei Rom unter Kaiser Claudius II. Gothicus heimlich Liebende christlich getraut haben, obwohl der Kaiser das streng verboten hatte. Dafür ließ ihn der Kaiser am 14. Februar 269 durch Enthaupten hinrichten. In vielen europäischen Gegenden entstanden seit dem späten Mittelalter Traditionen, bei denen sich Liebespaare kleine Geschenke oder Liebesbriefe übergaben. 1969 wurde der Heilige allerdings bedauerlicherweise aus dem Liturgischen Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen, weil man seine reale historische Existenz auf einmal für unbewiesen hielt. Das war irgendwie schon kleinlich. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte bereits das segensreiche Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes dafür gesorgt, dass der Valentinstag auch ohne Protektion der Kirche überlebte. Insbesondere die Blumenhändler freuen sich daran, dass an diesem Tag überall die Umsätze steigen und halten das Brauchtum am Leben. Überall in der Welt. Selbst im nicht-christlichen Japan scheint man seit den 1930er Jahren den Tag mit Inbrunst zu feiern.

Aber darum geht es hier ja nicht. Das Ganze war nur ein „Aufhänger“ zum eigentlichen Thema. Nach unserer Abschweifung zurück zu dem Haus in der Slezska, das ja außer der allgemeinen Assoziation mit Liebessymbolik tatsächlich eigentlich nichts mit dem Heiligen Valentin zu tun hat. Das vierstöckige Miets- und Wohnhaus mit dem Amor wurde im Jahre 1904 erbaut. Es ist eines der ersten Häuser in 1889 der angelegten Slezska (Schlesische Straße), die allerdings damals noch (bis 1928) Chocholouškova hieß – benannt nach dem damals bekannten, heute wohl vergessenen Schriftsteller und Journalisten Prokop Chocholoušek. Und das Haus zeichnet sich durch reichhaltige Stuckverzierungen aus, wie man nicht zuletzt an der Einfassung des Türrahmens sehen kann.

Dass das Haus 1904 für seinen Besitzer, einem gewissen Jan Novotný, gebaut wurde, kann man der hübschen Kartusche entnehmen, die sich unterhalb des Daches befindet: „Zbudováno 1904“ steht da in recht schnörkeliger Schrift; also „Gebaut 1904“. Sie ist ebenso hübsch neo-barock eingefasst wie der Amor. Die Fassade ist Werk des Architekten Josef Pospíšil, den wir schon hier und hier erwähnten, und der das Stadtbild des Kerns von Vinohrady mit seinem Stil stark geprägt hat. Das Haus passte sich mit seinem neobarocken Dekor dem architektonischen Stil der Umgebung im neu und städteplanerisch recht kohärent angelegten Vinohrady (das erst 1922 Teil von Prag wurde) harmonisch an. Mit der niedlichen Amor-Figur hebt es sich allerdings schon ein wenig von den anderen dort im gleichen Stil erbauten Häusern erbauten. Man fragt sich unwillkürlich, was für eine romantische Geschichte wohl hinter diesem putzigen Stück Stuck gesteckt haben mag. (DD)

Fische, Gewehre und ein Mord

Die großmäuligen Fische als Erkerstützen, die seltsamen Echsen und die Grimassen der Maskaronen auf der Fassade der unteren Geschosse wirken so putzig, dass man beim Anblick des großen vierstöckigen Wohn- und Geschäftshauses in der Spálená 284/1, Ecke Myslíkova, nichts Böses zu denken vermag. Gewehre oder gar ein Mord kommen einem nicht in den Sinn.

Es begann harmlos. Ursprünglich standen hier seit 1383 zwei gotische Häuser, die im Jahre 1808 von Wilhelm I. Fürst von Auersperg erworben wurden, der an ihrer Stelle ein großes Gebäude errichten ließ, das auch gewerblich und öffentlich nutzbar war, und dessen Fassade reich mit den Insignien der Adelsfamilie Auersperg geschmückt war. Zu den gewerblichen Mietern gehörte die Waffen- und Gewehrfabrik A.V. Lebeda. Immerhin baute die Firma kein Kriegsgerät, sondern Prunk- und Jagdwaffen im obersten Preissegment.

Anton Vinzenz Lebeda, der die Firma im Jahre 1820 gegründet hatte, belieferte sogar den kaiserlichen Hof. Kaiser Franz Josef war von den Lebeda’schen Gewehren so begeistert, dass er nach einer Vorführung 1852 gleich 21 Schießeisen verschiedenen Typs bei ihm kaufte. Lebeda achtete auch auf Ästhetik. Bedeutende Künstler der Zeit, etwa Josef Mánes, gestalteten die Gewehrschafte und -kolben. Antiquitätenhändler können heute riesige Geldsummen für ein altes Lebedagewehr verlangen. Lebeda selbst war übrigens mit der Neuadelsfamilie von Starck verwandt, deren Wappen er führte. Das kann man heute noch oben an der Ecke des Hauses unter dem Dach bewundern.

Später (Lebedas Firma, die nach seinem Tod von den anscheinend weniger geschäftsbegabten Erben betrieben wurde, schloss 1888 ihre Pforten) zog in das Haus noch das Institut für Chemie der Tschechischen Universität und das Labor für Pharmazeutische Chemie ein. Dann kam in den Jahren der Abriss und Neubau 1905 bis 1906. Das neue Gebäude nahm die Traditionen des neobarocken Vorgängerbaus auf und kombinierte sie vorsichtig mit dem damals ganz neuen und modernen Jugendstil.

Als Architekt zeichnete sich der Bauunternehmer František Buldra aus, dem wir unter anderem auch das Gebäudes des berühmten Café Louvre (wir berichteten hier) verdanken. Es gibt wohl Anhaltspunkte dafür, dass auch der renommierte Jugendstilarchitekt Osvald Polívka (über den wir u.a. hier, hier und hier berichteten) an den Plänen mitwirkte. Dafür spräche, dass in seinen früheren Werken Polívka gerne Barock und Jugendstil kombinierte (ein Beispiel zeigten wir bereits hier). Man sieht es unter anderen hier an dem wunderschönen Eingangsportal an der Myslíkova (Bild rechts).

In dem neuen Wohn- und Mietshaus gab es im Erdgeschoss einige Geschäfte, darunter das des Goldschmieds Václav Havrda. Am 12. Juni 1930 drang hier ein unbekannter Mann mit einer Pistole in der Hand ein. Im Laden war nur der Sohn des Inhabers, Rudolf Havrda, der sich zu wehren versuchte. Der Täter erschoss ihn kaltblütig und floh. Havrda starb noch bevor der Arzt kam, den vorbeikommende Passanten herbeiriefen. Der Fall erregte Aufsehen in den Medien ob seiner Brutalität. Mit Regierungsrat Josef Vaňásek nahm sich allerdings einer der berühmtesten tschechoslowakischen Kriminalpolizisten und Detektive seiner Zeit des Falles an. Er hatte zuvor die erste Drogenabteilung der tschechoslowakischen Polizei aufgebaut – eine Pionierleistung (auch wenn man der Drogenprohibiton skeptisch gegenüber steht). Er stand für die Einführung moderner wissenschaftlicher Methoden in die Kriminalistik.

Vaňásek, bekannt für sein methodisches Vorgehen, fand schnell heraus, dass sich der Verwalter des Hauses mit einem gewissen Anton Volovik zusammengetan hatte, der den Überfall ausführte. Beise Missetäter wurden der ihrer Strafe überantwortet. Das war einer der Fälle, die das Haus, aber vor allem auch Vaňásek berühmt machten. Vaňásek bekam 1968 in der populären (auf den Krimigeschichten von Jiří Marek basierenden) Fernsehserie Hrísní lidé mesta prazského (in Englisch: Sinful People of Prague; im Fernsehen der „DDR“ verkürzt: „Alte Kriminalfälle“) ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt, denn die Hauptfigur, der Kriminalrat Karel Vacátko, wurde wohl ihm nachempfunden.

Heute ist hier alles friedlich. Unten residiert unter anderem ein Friseursalon und ein Pfandleiher. Es ist weder von Gewehren, noch von Mord die Rede. Die meisten Passanten werden wohl am ehesten von den niedlichen Fischen aus Stuck beindruckt sein. (DD).

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal I: Rätselhafter Tod

Wenn man weiß, was hier geschah, beschleicht einen ein unheimliches Gefühl. Heute vor 25 Jahren, am 3. Februar 1997 um 14.30 Uhr schlug hier in der Zenklova 830/169 im Stadtteil Libeň einer der Großen der tschechischen Literatur auf dem Asphaltboden des Parkplatzes auf. Genau unter dem Fenster jenes Zimmers Nummer 11 im dritten Stock des Krankenhauses, in das er zwei Monate zuvor eingeliefert worden war. Die herbeieilenden Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Bohumil Hrabal war zu Tode gestürzt.

Eine polizeiliche Untersuchung, wie der 82jährige Schriftsteller denn aus dem Fenster hatte stürzen können, legte einen Unfall nahe, kam aber zu keinem beweiskräftigen Schluss. Möglicherweise habe er die Tauben dort oben füttern wollen und sei dabei abgestürzt. Das glaubten aber schon damals nicht alle Menschen. War es nicht doch Selbstmord? Oder gar schlimmeres? Hrabal war im Dezember nach einer Rückverletzung mit einer schweren Neuralgie eingeliefert worden. Schon kamen Vermutungen – Verschwörungstheorien, gar? – auf, er wäre gar nicht mehr fähig gewesen, auf das Fensterbrett zu klettern. Abgesehen davon, dass niemand ein Motiv für einen solchen Mord gehabt hatte, stimmt der zugrundeliegende Befund nicht. Er konnte sich wohl noch (wenngleich mühsam) bewegen und hatte sich aus den Büchern in seinem Zimmer eine kleine Treppe gebaut. Aber die Selbstmordtheorie ist allerdings nicht vom Tisch. Und dafür gibt es gute Gründe dafür, obwohl letzte Beweise wohl heute nicht mehr zu finden sind.

Eine Quelle, die die Selbstmordhypothese stützt, sind die Aussagen des betreuenden Arztes Pavel Dungl, der später über sein letztes Gespräch (von vielen) am Vortag berichtete, dass Hrabal ihm gesagt habe“: „Hlaváček winkt mir heute zu. – Was?! „Hlaváček winkt mir vom Friedhof zu, er lädt mich zu sich ein, wiederholte er.“ Und in der Tat ist die Sache schon ein wenig spukig, denn Hrabals Lieblingsdichter und Maler Karel Hlaváček, ein Vertreter eines recht düsteren und dekadenten Symbolismus, der 1898 jung, aber qualvoll an Tuberkulose gestorben war, liegt tatsächlich in Sichtweite des Krankenhauses begraben. Und Dungl fügte noch hinzu, wie sehr in seinen letzten Gesprächen Hrabal von dem russischen Volksdichter Sergei Jessenin beeindruckt war, der 1925 mit nur 30 Jahren sein Leben mit eigener Hand beendete: „Er bewunderte Sergei Jessenin. Er sagte immer: Jessenin, er war ein Riese, er schrieb alles, was er für nötig hielt, und warf auch alles weg, vertrank den Familienbesitz und ging dann auf den Hof und erhängte sich. Das war das Ende des würdigen großen Schriftstellers. Jeder, der eine solche Entscheidung für sich treffen konnte, war für ihn ein großartiger Mensch. Er war sehr beeindruckt. Wenn er sich also entschied, Selbstmord zu begehen, war es eine bewusste Handlung.“

Aber nicht nur die Auslassungen des Arztes über die letzten und düsteren Gespräche mit dem Schriftsteller beflügelten die Annahme, dass Hrabal Selbstmord begangen habe. Der Selbstmordgedanke zieht sich fast wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte und das Werk Hrabals. „Mein Schreiben ist eine Art Schutz vor dem Selbstmord“, soll er einmal gesagt haben. Schon in einem frühen Werk, der Geschichte Automat Svět von 1965, geht es um eine Frau, die sich bei einer Hochzeitsfeier im Nebenraum erhängt. Auch, wo es nicht in Selbstmord endete, schlingerten in seinen Romanen – etwa seinem bekanntesten Werk Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) von 1971 (unzensiert erst nach 1989 erschienen) oder der düsteren Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Ostře sledované vlaky) von 1966 – die Charaktere durch ein düsteres und nihilistisch anmutendes Leben. Schwarzer und sarkastischer Humor war das Markenzeichen des Schrifsteller, der eine pessimistische Weltsicht zu verbreiten suchte. Die Erfahrungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts prägten ihn zutiefst und er verarbeitete sie immer wieder thematisch. Obwohl kein Widerständler im eigentlichen Sinn wurde er von den Kommunisten als nicht sonderlich linientreu eingestuft. Er erhielt eine zeitlang ein Publikationsverbot, das erst ein wenig gelockert wurde, als er notgedrungen auf Druck des Regimes eine erniedrigende Selbstbezichtigung veröffentlichte. Lange musste er als Hilfsarbeiter sein Geld verdienen, eine Erfahrung, die er in seinem Roman Allzu laute Einsamkeit (Příliš hlučná samota) von 1976 verarbeitete, das von einem Intellektuellen handelt, der alleine in einer Müllsammelstelle mit einer Papierpresse im Keller Bücher zerstampfen muss.

Auch persönlich schien der Schriftsteller sich am Vorabend seines Todes einsam zu fühlen. Seine geliebte Frau, die Künstlerin Eliska Plevová (von ihm Pipsi genannt), war schon vor 10 Jahren gestorben. Viele seiner engeren Freunde waren von ihm gegangen. Zudem war ihm bewusst, dass sein Leiden, das ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, chronisch, wenn nicht tötlich sein werde. Und sowieso: Einem Grundpessimisten wie ihn verhalf selbst die Anerkennung, die ihm nach dem Fall des Kommunismus 1989 zuteil wurde, nicht zu einer weniger schwarzen Weltsicht, die sogar mit zunehmendem Alter immer schwärzer wurde. So ließ es sich etwa 1994 kein Geringerer als US-Präsident Bill Clinton nehmen, mit ihm und Vacláv Havel in einer Altstadtkneipe ein Bier zu trinken. Wie dem auch sei: Ein Selbstmord ist nicht mehr beweisbar (und auch nicht widerlegbar), aber ist psychologisch äußerst plausibel als Annahme. Aber zumindest hatte der Tod ihn an einem interessanten Platz heimgesucht. Das Krankenhausgebäude steht – von Bäumen und Büschen etwas von der an sich recht unattraktiven Umgebung abgeschirmt – einsam auf einem Hügel, von dem aus man die Stelle sehen kann, wo 1942 das Attentat auf den „Schlächter von Prag“ stattfand, wie man den von den Nazis berufenen „Stellvertetenden Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich nannte, und wo heute ein Denkmal für die tapferen Attentäter steht (Bild oberhalb links).

Das Gebäude ist ein kolossaler und in der Tat recht auffälliger Bau im Stil des Neobarock, der eher an eine Schloss erinnert. Es wurde in den Jahren 1905 bis 1907 nach den Plänen des Architekten Jan Kříženecký fertiggestellt. Ursprünglich war es nicht als Krankenhaus, in dem Neuralgiepatienten behandelt werden, geplant, sondern als eine Erziehungsanstalt (Vychovatelna). Hier sollten „moralisch gestörte Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren“ gepflegt und auf den rechten oder zumindest besseren Weg geführt werden. Das Ganze wurde auf Veranlassung der Stadt Prag gegründet, deren Wappen man auch auf der Fassade in schönem Stuck prangen sehen kann. Eine solche Einrichtung – übrigens die erste ihrer Art in Böhmen -war damals etwas völlig Neues und sozial Fortschrittliches.

Als pädagogische Einrichtung bestand die Vychovatelna nur bis 1941. Dann wurde sie in das Fakultäts-Krankenhaus Bulovka (Fakultní Nemocnice Bulovka) eingegliedert, einem aus mehren Gebäuden, die über die Stadt verteilt sind, bestehenden Krankenhauskomplex. Von nun ab diente das Gebäude als „normales“ Krankenhaus. Schon ein Jahr nach dieser Umwandlung wurde hier kurz der gerade und nur Meter entfernt durch die Attentäter (letztlich tödlich) verletzte Naziverbrecher Heydrich als Notfall eingeliefert, der aber den tschechischen Ärzten nicht traute und sich umgehend in ein von deutschen Ärzten betriebenes Krankenhaus verlegen ließ.

Heute gehört der Krankenhausbau zu den bekanntesten der Stadt. Daran mag der es umfächelnde Atemhauch der Geschichte – der Anschlag auf Heydrich und vor allem der seltsam rätselhafte Tod Bohumil Hrabals – seinen Anteil haben. Und dass das Gebäude so prachtvoll ist, bleibt auch selten unbemerkt. Es wurde zurecht 2004 zum Kulturdenkmal erklärt. Alleine die oberhalb links abgebildete Vortreppe verfehlt selten seine Wirkung, den Besucher zu beeindrucken.

Und was Hrabal angeht, der auf dem Platz vor dem Krankenhaus sein Ende fand: War es Selbstmord? Oder doch der Unfall beim Füttern von Tauben? Hrabals Werk war düster und rätselhaft. Was soll man von den Todesvision und der Erzählung vom Erscheinen des toten Dichters Hlaváček halten? Mysteriös ist es. Alles ist möglich. Vielleicht ist es gut so und wird dem Schriftsteller besonders gerecht, wenn wir das nie wirklich herausfinden werden. (DD)

Trauben – hoch, nicht sauer

Das Problem dieser Trauben ist wohl wirklich, dass sie zu hoch wachsen – und nicht, dass sie zu sauer sind. Man kommt ja gar nicht an sie ran, um den Geschmack herauszufinden. So wie beim Fuchs in Aesops Fabel….

Auf den Namen U Modrého Hroznu (Zur Blauen Traube) hört dieses Haus am Ovocný trh 580/2 (Ecke Havířská) in der Altstadt. Das erst im Jahr 1900 vollendete Gebäude des Architekten František Schlaffer (der sich manchmal tschechisch Šlafer schreiben ließ) unterstreicht auf archetypische Weise, was in dieser Zeit – kurz bevor der Jugendstil eine Neuerungswelle auslöste – in Sachen Architektur angesagt war: Der Rückgriff auf alte Zeiten; auch Historismus genannt. Zu den Häusern früherer Zeiten gehörten auch Hauszeichen aus Stuck, die als Erkennungsmerkmal von Häusern diente als es noch keine amtlichen Hausnummern gab.

Hausnummern gab es aber schon als dieses Gebäude entstand. Und das Haus ist lediglich Neobarock und bedient sich nur äußerlich barocker Formelemente. Drinnen ist ein modernes zweistöckiges Büro- und Mietshaus. Und ein Winzer wohnt hier auch nicht, was das nachempfundene Hauszeichen oben auf dem Giebel des Eckerkers mit den Trauben ja suggerieren könnte. Es ist hier mehr oder weniger hübsche Staffage. Stilistisch jedoch hat der Architekt sein Bauwerk gut in die zum Teil echt barocke Umgebung des benachbarten Ständetheater (wir berichteten hier) in der Altstadt eingepasst. (DD)