Neobarock für den Nuntius

Die Botschaft des Vatikans heißt nicht Botschaft, sondern Apostolische Nuntiatur (Nuntiatura Apostolica). Die hat in der Voršilská 140/12 mitten in der Neustadt (Prag 1) ihren Sitz. Die ruhig gelegene Straße befindet sich ganz in der Nähe des Nationaltheaters. Und auch das Gebäude kann sich sehen lassen.

Auf den ersten Blick sieht der Dietrichsteinský palác (Dietrichstein Palais) so aus, wie man es von einer katholischen Repräsenz in Prag erwartet, nämlich wie ein Gebäude aus der Zeit der Gegenreformation im Stil des Barock. Allerdings sieht es nur so aus, denn es wurde erst im Jahre 1891 gebaut und das auch nicht, um eine religiöse Botschaft zu verkörpern. Schon die Atlanten am Eingang erinnern eher an antik-heidnische und nicht an christliche Mythologie.

An der Stelle eines schon im Mittelalter errichteten Gebäudes im Besitz des Adelsgeschlechtes Dietrichstein errichtete hier der bekannte Architekt Friedrich Ohmann (wir berichteten u.a. hier) eine große Villa für den Zuckerindustriellen Matěj Valtera. Deshalb wird das Gebäude manchmal auch Valterův palác genannt. Valtera hatte 1907 eine konkurs gegangene Zuckerfabrik, bei der er zuvor gearbeitet hatte, aufgekauft und erfolgreich wieder groß auf Vordermann gebracht – was ihn zu einem reichen Mann machte, der sich solch einen Palast als Villa leisten konnte.

Ohmann war einer der Hauptvertreter des Historismus und Neobarocks in Böhmen zu Ende des 19. Jahrhunderts und orientierte sich bei dem Entwurf von Valteras Villa bewusst an den Werken des böhmischen Barockarchitekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier, hier und hier). Valtera lebte hier aber nur bis 1919. Dann verkaufte er Teile seiner Firma und zog in eine neue Villa im Statdtteil Bubeneč. Gerade war auch das alte Habsburgerreich durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden und es hatte sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet. Das hatte Konsequenzen für den Palais.

Mit dem Dreissigjährigen Krieg hatte Böhmen im Prinzip seine staatliche Unabhängigkeit verloren und wurde praktisch von Wien aus regiert. Das hatte zur Folge, dass im 17. Jahrhundert sich die Nuntiatur als diplomatische Vertretung des Vatikans aus Prag zurückzog. Die Aufgaben derselben erledigte man nun in Wien. Mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei brauchte der Vatikan aber wieder eine Botschaft. 1919 erwarb die Kirche den Valterův palác und die Nuntiatur zog im Jahr darauf ein. Mit Ausnahme der Nazizeit 1939 bis 1945, in der man die Tschechen von slowakischen Bratislava aus betreute, blieb sie dort auch – bis heute. So weht heute über dem Portal die Fahne mit dem Wappen des Vatikanstaates, bestehend aus der Tiara und den Schlüsseln Petri, das sich auch auf einer Bronzetafel neben dem Eingang befindet.

Das Gebäude wurde 2001 renoviert und modernisiert. Der hier residierende Nuntius ist seit 2018 der amerikanische Erzbischof Charles Daniel Balvo. Die Arbeit der Nuntiatur verläuft friktionslos und professionell. Nur einmal machte sie eine Negativschlagzeite. 2018 flog auf, dass ein prominenter Arzt, der akkreditiert war und freien Zugang zum Gebäude hatte, 2011 heimlich nachts in den Räumlichkeiten einen Porno gedreht (mit ihm selbst als Darsteller im Kardinalsgewand) hatte. Es stellte sich auch heraus, dass er sich bereits vorher gewalttätig an Frauen vergangen hatte. Da die Kirche unwissend und unbeteiligt war, und das Ganze nach dem Auffliegen auch scharf verurteilte, erwuchsen ihr dadurch aber kein Skandal und keine moralische Vertrauenkrise. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Hier komponierte Smetana die Verkaufte Braut

Bedřich Smetana war nicht nur ein begnadeter Komponist, dem wir die Moldau oder die Oper Die verkaufte Braut (Prodaná nevěsta) verdanken. Er war auch eine politische Persönlichkeit, die sich für die tschechische Nationalbewegung, an der Revolution von 1848 in Prag teilnahm und sich allgemein für Freiheitsrechte einsetzte.

Nach dem Scheitern der 1848er Revolution schlug er sich noch einige Zeit mehr schlecht als recht als Klavierlehrer herum, bis ihn 1856 die politische Repression im Habsburgerreich su sehr beengte, dass er nach Schweden auswanderte, um dort Karriere zu machen. Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, kehrte er 1861 zurück. Inzwischen war er so vermögend, dass er sich 1863 ein großes Domizil mit schöner Aussicht auf die von ihm vertonte Moldau und den Burgdistrikt leisten konnte. Er zog in eine große Wohnung im Lažanský Palast (Palác Lažanských) ein, der am heutigen Smetana-Ufer (Smetanovo nábřeží 1012/2) liegt, das damals natürlich noch nicht so hieß.

Das Haus war brandneu. In den Jahren 1839/40 hatte man begonnen, das bisher recht „wilde“ Ufer des Flusses mit der prachtvollen Uferpromenade zu versehen, die wir heute kennen.

Im Kern handelt es sich bei der Hausnummer 1012/2 um ein Doppelhaus, das für die Familie der Grafen Lažany 1861-1863 von dem Architekten Vojtěch Ignác Ullmann entworfen wurde, den wir u.a. schon hier und hier kennengelernt hatten. Der Teil an der Ecke zur Nationalallee (Národní) ist neobarock gestaltet. Heute residiert hier die berühmte Kavárna Slavia (früherer Beitrag hier), die 1884 hier einzog. Aber da war Smetana nicht nur schon lange ausgezogen, es war auch ausgerechnet sein Todesjahr. Smetana wohnte hier nämlich in den Jahren 1863-1869 und komponierte dort Werke wie zum Beispiel die Verkaufte Braut (1866) oder die weniger bekannte Oper Dalibor (1868). Eigentlich verbrachte er hier die Blüte seiner musikalischen Schaffenskraft

Die schiere Größe des Anwesens ermöglichte der Grafenfamilie, das Haus zu einem Teil als eigenen Palast (daher der Name), zum anderen Teil als Mietshaus nutzen zu können. Über dem Eingang des „Smetana-Baus“ kann man noch das Wappen der Grafenfamilie Lažany bewundern.

Smetana, daran besteht kein Zweifel, ist nun einmal neben  Antonín Dvořák einer der großen Nationalkomponisten der Tschechen. Und folglich brachte man 1924 – pünktlich zum 100sten Jahrestag seines Geburtstags – eine hübsche rechteckige Plakette aus Stuck wurde über dem ersten Stock des Hauses an, die mit Goldlettern daran erinnert, dass der Komponist dereinst hier wohnte und Großes schuf (großes Bild oben). Sie ist ein Werk des bekannten Malers und Grafikers František Kysela, der sie in einem sehr würdigen und traditionellen klassizistischen Vorgaben folgenden Stil gestaltete.

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Da im Hause selbst – schon wegen der bloßen Existenz des legendären Cafe Slavia – dafür kein Platz mehr war, hat man vor kurzem in dem klassizistischen Haus daneben, dem Smetanovo nábř. 334/4, ein recht annehmbares Café und Bistro eröffnet, das den Komponisten namentlich ehrt. Es ist das das SmetanaQ, wo man unter anderem ein sehr gutes Frühstück zu sich nehmen kann, was viele Prager auch gerne tun – nicht zuletzt, weil man von hier einen wunderschönen Blick auf die Moldau genießen kann. (DD)

Palast mit Opernsängerinnen

Auf der Kleinseite wimmelt es nur so von Palästen alter Adelsgeschlechter, die im Schatten der oben auf dem Berge thronenden Burg hofften, dass ein wenig vom Ruhm der dort herrschenden den Habsburger auf sie herabfiel. Der Kaiserstein Palast (Kaiserštejnský palác) ist eines dieser Bauwerke und es ist zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské nám. 23/37) gelegen.

Franz Helfried von Kaiserstein – dessen Familienwappen oberhalb des ersten Stocks an der Fassade prangt – ließ ihn sich an dieser prominenten Stelle 1714 auf der Stelle zweier älterer Häuser erbauen. Spuren der alten Häuser finden sich noch immer im Gebäude – so so soll es einige gotische Kellergewölbe im Keller und etliche bemalte Deckenbalken aus der Zeit der Spätrenaissance im hinteren Gebäudeteil geben.

Mit der Planung des Palastes beauftragte Kaiserstein den Architekten Giovanni Battista Alliprandi, der auch den unmittelbar in der Nähe gelegenen Palais Sternberg entworfen hatte (früherer Beitrag hier). Ausgeführt wurde der Bau wahrscheinlich durch den Baumeister und Architekten Christoph Dientzenhofer (siehe u.a. früheren Beitrag hier). Beide gehörten zu den großen Meistern des böhmischen Barocks und der Barockstil prägt natürlich auch die Fassadenansicht des dreistöckigen Gebäudes.

Die Fassadenstruktur ist schlicht gehalten und nicht einmal ein Tympanon (Giebeldreieck) wurde auf dem Dachabschluss angebracht. Auf der Dachkante stehen allerdings Skulpturen, die möglicherweise ein Werk des Bildhauers Ottavio Mosto sind. Sie stellen in allegorischer Form die vier Jahrzeiten dar. Sie sind äußerlich die auffälligste Dekoration des Palastes.

Neue Besitzer kamen und vor allem drinnen wurde immer wieder umgebaut, um den Bedürfnissen der neuen Besitzer entgegenzukommen. So lebte hier unter anderem der berühmte österreichische Feldmarschall Radetzky, der seine Berühmtheit nicht nur seinen militärischen Leistungen, sondern auch der bekannten Melodie des Radetzky-Marsches verdankt.Er verbrachte seine Kindheit hier und man enthüllte später im Jahre 1859 zu seinen Ehren ein großes Denkmal, das vor dem Palast stand, aber mit der Gründung der Republik 1918 verschwand.

Vor der Denkmalseinweihung diente des Gebäude als Hotel und gehörte einem gewissen Václav Petzold, weshalb es eine zeitlang nicht mehr Kaiserstein Palast hieß, sondern U Petzoldů (Bei Petzold). Berühmter als Petzold selbst war aber seine Frau, Marie Petzold-Sitt. Die war ein Star der Opernbühne und durfte zum Beispiel bei der Uraufführung von Smetanas Oper Der Kuss die Hauptrolle singen. Danach ging es geschäftsmäßiger zu. 1845 zog hier für einige Zeit der Tschechische Sparkasse (Česká spořitelna) ein, die das bisher barocke Interieur in ein klassizistisches umwandeltn ließ – was dem damaligen Trend entsprach. Einige Spuren davon finden sich immer noch im Gebäude, etwa die bronzenen Statuen im Treppenhaus, die verschiedene Allegorien auf Gewerbe und Wissenschaft (kleines Bild links) darstellen.

In den Jahren 1908 bis 1914 kam aber wieder die Opernkunst zum Zuge. In dieser Zeit wohnte hier die damals bekannte Opernsängerin Ema Destinnová. Die war in ihrer Zeit ein solcher Weltstar, dass sie 1904 sogar mit dem legendären Enrico Caruso singen durfte, der sich angeblich in sie verliebte und (erfolglos allerdings) um ihre Hand anhielt. Eine bronzene Büste des Bildhauers Jan Simota aus dem Jahre 1978, die unten an der Fassade angebracht ist, erinnert an sie.

Zu dieser Zeit – genauer gesagt: bereits 1977 – hatten die Architekten Zdeněk Pokorný und Jaroslav Bělský einige der Änderungen der Sparkasse rückgängig gemacht und das Innere des Gebäudes, das 1964 unter Denkmalschutz gestellt worden war, wieder an seinen ursprünglichen barocken Zustand angenähert. Dazu gehört vor allem die Wiederherstellung der Arkaden vor dem Gebäude, deren Bögen im 19. Jahrhundert geschlossen worden waren.

Und neobarocke Stuckaturen prägen heute den allgemeinen Eindruck des Ganzen, der harmonisch durch einige Teile der klassizistischen Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert ergänzt wird. Dazu gehören insbesondere die etlichen wunderschönen Kachelöfen, von denen man ein Beispiel auf dem kleinen Bild rechts sehen kann.

Nach dem Ende des Kommunismus übernahm die Tschechoslowakische Industrie- und Handelskammer eine zeitlang den Palast. Heute fungiert es vor allem als stilvolles, aber modernes Konferenz- und Veranstaltungszentrum, das immer noch ein wenig den Geist des einstigen Adelspalastes atmet. In einer Konferenzpause kann man sich auf den kleinen von zierlichen Gittern geschmückten Balkon über dem Erdgeschoss begeben und den Ausblick über den schönen Platz des Kleinseitner Rings hinauf auf die Burg genießen. (DD)

Schriftsteller und Lehrer

Vinohrady (Prag 2) war vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie ein Literatenviertel. Jaroslav Hašek oder die Brüder Karel und Josef Čapek sind nur einige der großen Namen, die man mit diesem Stadtteil verbindet. Einer der heute weniger bekannten, aber damals sehr angesehenen Schriftsteller, der hier wohnte, war Karel Václav Rais.

An zwei Orten erinnert man sich bis heute seiner. In der Čermákova 1154/3 befindet sich das Haus, in dem er im Juli 1926 starb. Eine Plakette mit Büste, die von dem Maler und Bildhauer Antonín Bílek, dem Bruder des ungleich bekannteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichtet haben, im November 1928 geschaffen wurde, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks. Das Haus selbst, in dem Rais seine letzten Jahre verbrachte, wurde 1901/02 von dem Architekten Antonín Polívka im Neo-Barockstil erbaut und wird Dům U Matky Boží (Haus der Gottesmutter) genannt.

Eine Marienstatue mit Jesuskind in einer mit einem Baldachin überdeckten Nische ist auf Höhe des 2. Stocks über der Büste von Rais angebracht. Sie hat dem Haus wohl den Namen eingebracht. Sie ist passend zum neobarocken Stil des Hauses gehalten. Der Bildhauer ist nicht bekannt.

Und noch ein Gebäude erinnert an Rais, nämlich eine Schule. Rais gehörte nämlich zur literarischen Schule des Realismus. Seine manchmal hoch dramatischen Romane und Geschichten, drehten sich oft um familiäre und und soziale Spannungen. Viele spielen im böhmischen Bergland. Gleichzeitig hatte er eine Ader für das Didaktische, das sich in einigen lehrreichen Jugendbüchern niederschlug.

Das verwundert nicht, denn Rais war auch Lehrer in Vinohrady. Von 1887 bis 1899 arbeitete er am Mädchen-Gymnasium an der Šumavská 920/37, das heute ein Kindergarten ist. Das Gebäude wurde 1896/97 von dem Architekten  Antonín Turek (siehe auch hier) im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Plakette, die den Schriftsteller im Seitenprofil zeigt, wurde dort 1929 angebracht. Sie wurde vom Bildhauer Karel Pokorný gestaltet (siehe auch hier) und trägt den seinem realistischen Anliegen entsprechenden Wahlspruch Rais‘: Já vždycky s lidem – Ich bin immer mit den Menschen. (DD)

Dramatische Stunden im Grünen Salon

Unterhalb der Burg findet man auf der Kleinseite eine Reihe von Palästen und Gärten (früheres Beispiel hier). Sie finden bei den Besuchern der Stadt meist nicht so viel Beachtung wie die Paläste oben im Burgviertel. Sie sind aber nicht minder sehenswert. Einer davon ist der Kolowrat Palast (Kolovratský palác) in der Valdštejnská 154/10 ein Gebäude, in dem dramatisch Geschichte geschrieben wurde. Der Palast wurde 1776 an der Stelle mehrerer Stadthäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance im Auftrag von Herman Jakob Czernin von Chudenitz als barockes Schloss erbaut. Als Architekten konnte man dafür den damaligen Star-Baumeister Johann Ignaz Palliardi gewinnen.

Vieles an dem Bau sieht tatsächlich sehr original „barockig“ nach der Handschrift Palliardis aus, aber vor allem innen hat man es in Wirklichkeit weitgehend mit einem Werk des Neo-Barock aus dem 19. Jahrhundert zu tun. 1886 war der Palast nämlich in den Besitz von Zdeněk von Kolowrat-Krakowský übergegangen, der den ihn rigoros neugestalten ließ – so rigoros, dass er am Ende sogar seinen Namen trug. Durch den Anbau von Pferdeställen und anderen Nutzgebäuden veränderte sein Sohn Hanuš das Gebäude später auch äußerlich.

Neben seiner kunsthistorischen hat der Palast aber vor allem auch eine geschichtliche Bedeutung. 1918 pachtete die junge Tschechoslowakische Republik den Palast und quartierte zunächste einmal das Sozialministerium hier ein. 1920 kaufte der Staat es schließlich und nach einigen Umbauarbeiten hielt fortan der Minsterrat in dem Gebäude seine Kabinettssitzungen ab.

Der berühmte neobarocke Grüne Salon wurde nun der Ort, wo die Republik einige ihrer dramatischsten Stunden erlebte. Am 30. September 1938 waren Präsident Edvard Beneš und das Kabinett von ihren „befreundeten“ Alliierten Frankreich und Großbritannien über das Münchner Abkommen informiert worden, das die Tschechoslowakei zwang, große Teile des Landes an Hitlers Deutschland abzutreten. Gegen Hitler und die Großmächte sich durchzusetzen, erschien dem Kabinett hier im Grünen Salon am Ende aussichtslos und man beschloss voller Verzweiflung, das Diktat anzunehmen.

Es kam noch schlimmer: Am 15. März 1939 saß das Kabinett wieder im Grünen Salon, um das von Hitler an Präsident Emil Hácha gerichtete Ultimatum zu beratschlagen, dass die Rest-Tschechei sich als „Protektorat Böhmen und Mähren“ mehr oder minder unter die Herrschaft der Deutschen stellen oder das Land bombardiert und mit Krieg überzogen werden solle. Um ein möglicherweise am Ende sinnloses Blutbad zu vermeiden, akzeptierte die Regierung das schreckliche Los, das ihr und dem Land auferlegt wurde. Deutsche Truppen marschierten ein und die Menschen waren den Nazis ausgeliefert.

Und am 27. September 1941 wurde hier der (nur noch nominell unter den Deutschen) regierende Ministerpräsident Alois Eliáš verhaftet, der seine Position mutig genutzt hatte, um heimlich Kontakte zur Exilregierung und zum organisierten Widerstand aufzubauen, um das Naziregime von innen zu bekämpfen. Er wurde im Juni des folgenden Jahres auf dem berüchtigten Schießplatz Kobylisy (früherer Beitrag hier) in Prag hingerichtet. Eine Gedenkplakette neben dem Eingang zum Gebäude erinnert an ihn und seinen Heldenmut.

In den Zeiten des Kommunismus residierte hier u.a. das Kulturministerium. Die Zeiten des Grauens sind nun vorbei. Seit 1996 hat der Senat der Tschechischen Republik, der das Gebäude von 2003 bis 2006 noch einmal renovierte, hier einen seiner Sitze. Hier befinden sich Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros (das Plenum ist allerdings im Wallensteinpalast gegenüber). Hat man die Gelegenheit, das Gebäude mal von innen zu sehen, ist man erfreut, wie blitzblank und proper die Einrichtung heute im restaurierten Zustand aussieht. Besonders der Rosa Salon mit seinem Keramikofen beeindruckt. Desgleichen gilt für das Kowratsche Treppenhaus.

Der Senat sorgt als frei gewählte Kammer dafür, das von Regierung und Abgeordnetenhaus vorgeschlagene verfassungsändernde Gesetze oder Änderungen des Wahlrechts noch einmal gründlich erwogen werden – zum Wohl des Landes. Die demokratische Tradition des Landes wird hier noch (gegen allerlei populistische Anfechtungen) hochgehalten. Man sieht es schon an der Ausstattung. Im Bild links sieht man mich im Büro von Senator Pavel Fischer, über dessen Kamin das Portrait des Begründers der tschechoslowakischen Demokratie und ersten Präsidenten des Landes, Tomáš Garrigue Masaryk, hängt – als Inspiration und Ansporn. (DD)

Neobarock im goldenen Glanz

Der heutige Stadtteil Vinohrady (Prag 2) wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt. Die Gebäude sind daher in der Regel modern und folgen modernen Zweckbestimmungen – entweder als Mietshausblock oder Bürogebäude. Allerdings diktierte der Zeitgeist, dass man bei der Fassadengestaltung einem opulenten Historismus frönte. Vor allem rund um den Náměstí Míru (Friedensplatz) dominieren Rückgriffe auf Renaissance und Barock.

Ein besonders herausragendes Beispiel für Neobarock ist dabei das fünfstöckige Mietshaus Nr. 1234/6, das der damals sehr bekannte Architekt Josef Pospíšil 1903 für die Bauherren Jan Heberle und Matěj Bílek entwarf. Pospíšil hatte eine Reputation für besonders elaborierte und überbordend ausgeschmückte Fassaden, von denen man viele in Vinohrady bewundern kann. Aber bei diesem Haus hat er sich ganz besonders ins Zeug gelegt.

Das zeigt sich auch bei diesem Gebäude. Neben den unendlich vielen floralen Schmuckelementen fallen besonders die überlebensgroßen Putten in den Nischen des 4. Stocks und am Fußes des mansardenförmigen Dachgeschosses auf. Hinzu kommen wunderschöne Schmiedegitter bei Fenstern und Balkonen.

Das Haus wurde anscheinend auch in kommunistischer Zeit in Stand gehalten. Jedenfalls erfolgte 1980 eine grundlegende Renovierung, die vor allem das Dachgeschoss für die Bedürfnissse des Theaterclubs des nebenan gelegenen Theaters von Vinohrady anpasste (früherer Beitrag hier). Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Gefolgte der Samtenen Revolution erfolgte 1990 noch einmal eine sehr geglückte umfassende Renovierung. Im Erdgeschoss zog ein Café ein.

Heute residiert im Erdgeschoss das Aromi, ein mit positiver Michelin-Erwähnung gekröntes italienisches Restaurant der gehobenen Preis- und Qualitätslage, in das Tschechen gerne einladen, wenn sie Eindruck machen wollen. Insbesondere die Fischgerichte – eine im Prager Kontext eher weniger gepflegte Kulinarikkategorie – lassen Herz und Gaumen aufjauchzen.

Die hochwertige Nutzung des Gebäudes hatte wohl zur Folge, dass es auch von außen blitzblank und top in Schuss ist. Bei Sonnenschein glänzen die vergoldeten Ornamentierungen, insbesondere die sehr auffällige Vase auf den Dach mit ihrem güldenen Blumenschmuck, die dann mit ihrem Glanz den Platz überstrahlt. (DD)

Krankenhaus in Neobarock

Seit 1854 werden hier kranke Menschen gepflegt, womit es zu den ältesten noch in Betrieb befindlichen Krankenhäuser Prag gehört: Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Karl Borromäus (Nemocnice Milosrdných sester sv. Karla Boromejského). Das Gebäude in der Vlašská 36 (Kleinseite) passt sich ästhetisch perfekt der Umgebung an. Diese Umgebung, das ist die Kleinseite unterhalb des Strahov Kloster; ein Areal, das vor allem in den Zeiten des Hochbarocks erschlossen und bebaut wurde (das Lobkowicz Palais – heute die deutsche Botschaft – befindet sich ganz in der Nähe). Bevor die Kongregation der Barmherzigen Schwestern das Gelände im Jahre 1842 kaufte, standen hier vor allem Wirtschaftsgebäude der umliegenden Güter aus dem 16./17. Jahrhundert.

Der Architekt Adalbert Gudera legte 1851 die Pläne für das Gebäude vor, das dann drei Jahre später realisiert wurde. Der Bau mit der dazugehörigen Kirche wurde ein Beispiel für einen sehr zurückhaltenden und wenig ornamentalen Neo-Barockstil, der sich zugleich in das architektonische Umfeld einpasst und die Nüchterneheit von Krankenhausarchitektur ausstrahlt. Kommt man von unten die Vlašská hinauf (oder blickt von oben hinab), fällt einem gar nicht auf, dass das Gebäude, das 1893 noch einmal im gleichen Stil erweitert wurde, fast 200 Jahre jünger ist als die umliegenden.

Zu dem für ein Krankenhaus ungewöhnlich stattlichen Anblick trägt natürlich auch die zugehörige Kirche bei. Die Kirche des Heilgen Karl Borromäus (Kostel sv. Karla Boromejského) war von Anfang integraler Teil des ja schließlich von Ordensschwestern betriebenen Krankenhauses. Die Schwestern wurden allerdings im August 1952 auf Geheiß der herrschenden Kommunisten hinausgeworfen. Das Krankenhaus wurde verstaatlicht. 1962 wurde auch die Kirche desekriert und in einen Lagerraum verwandelt.

Dies geschah im Zuge von Modernisierungsmaßnahmen, die bis heute das im Vergleich zum Äußeren optisch recht karge Innere des Krankenhauses prägen. Das Krankenhaus selbst hat übrigens auch unter Medizinern einen guten Ruf und giltals eines der besseren in Prag.

1990 wurden Krankenhaus und Kirche dem Orden restituiert. Ein paar bleibende Schäden hat das Gebäude schon durch die lange Zeit kommunistischen Misswirtschaft genommen. Der Innenraum der Kirche strahlt keine barocke Pracht mehr aus. Aber auch ohne barocke Ornamentik wirkt der Raum sehr beeindruckend und hell, jedenfalls entspricht das Ganze wieder ganz und gar dem Zweck als Gotteshaus. Dazu trug auch die sorgfältige Renovierung Ende der 1990er Jahre bei.

Immerhin ist das barocker Kunst nachempfundene Deckengemälde mit der Jungfrau Maria erhalten und renoviert worden.

Und wenn man sich ein wenig vor dem Eingang umschaut, findet man dann im Vorhof auch tatsächlich ein Stück echter Barockkunst, das so aussieht, als ob es schon immer dazu gehört hätte.

Die Bildhauer Johann Brokoff und Ferdinand Maximilian Brokoff (Sohn des Erstgenannten) hatten die Skulptur der Schmerzensmadonna zu Beginn des 18. Jahrhunderts für die Karlsbrücke geschaffen. 1859 wurde sie aber in den Hof des Krankenhauses übergesiedelt, wo sie seither das harmonische Zusammenleben von echtem Barock und Neobarock vorleben. (DD)

Freimaurerei mit Jesus und Barock

Dieses Haus gibt Rätsel auf. Kaum ein Wohnhaus in Vinohrady (Prag 2) kann eine so üppig ausgestattete Fassade im Stil des Barock aufweisen – dem Baustil der katholischen Gegenreformation. Erst beim näheren Hinblicken fällt dem Betrachter die kleine Stucktafel mit Symbolen der Freimaurerei auf : Winkel, Zirkel, Dreieck (Symbol für Geometrie) und Zeichenlineal – und zwar geschmacklich passend in den Neo-Barockstil des Hauses eingepasst mit einem kleinen Putten in der Mitte (großes BIld oben).

Dann schwenkt der Blick nach oben. Dort steht in einer Nische unter einem Baldachin eine Statue von Jesus Christus, was nicht ganz zu dem pantheistischen Religionsverständnis und den Aufklärungsidealen der Freimaurer passt. Zumindest ist die Kombination ungewöhnlich.

Gerade die katholische Kirche steht den Freimaurern recht ungnädig gegenüber und hat 1983 die Mitgliedschaft in einer Loge zur schweren Sünde erklärt. Und auch umgekehrt haben viele Logen oft einen prononcierten Antiklerikalismus vertreten.

Wie es daher zu diesem Ringen der Weltanschauungen auf der Fassade kam, ist mir unbekannt und ließ sich auch noch nicht herausfinden. Aber gewiss ist, dass das vierstöckige Haus an der Šmilovského 1430/2 (Ecke Koperníkova) gerade deshalb ein echter „Hingucker“ ist. Dazu trägt vor allem auch die Fassade bei, die durch riesige durchgängige ionische Pilaster geradezu wuchtig strukturiert ist.

Florale Elemente, Kartuschen und Rocaillen aus weißem Stuck schmücken Zwischenflächen und Fensterumrahmungen. Über den Kapitellen der Pilaster befindet sich ein Stuckfries, das wieder Putten zeigt, die von Freimaurersymbolen umgeben sind oder damit hantieren.

Prag war schon früh ein Ort, an dem die Freimaurerei gedieh. Ja, amn kann fast von einer Hochburg sprechen. Angeblich soll die erste Loge schon 1726 durch Franz Anton Reichsgraf von Sporck gegründet worden sein (über dessen Prager Palais wir hier berichteten), aber das ist umstritten. Aber spätestens in den 1740er Jahren ist ein reges Freimaurerleben in der Stadt zu beobachten. Die habsburgische Zwangskatholisierung nach 1620 (hier) hat die widerwilligen Tschechen stets für konfessionslose, atheistische und agnostische Tendenzen geöffnet, so dass die Stärke der Freimaurerei (die nur durch die Verbote unter Nazis und Kommunisten unterbrochen wurde) im Lande nicht weiter erstaunt. Wichtige Gründungsväter der unabhängigen Tschechoslowakei nach 1918 – etwa Milan Ratislav Stefanik und Edvard Beneš – waren Freimaurer.

Bei vielen Prager Bauten des 18.,19. und beginnenden 20. Jahrhunderts findet man Freimaurersymbole auf der Fassade.

Das Haus in Vinohrady wurde 1906/7 auf dem Gelände eines ehemaligen Gutes von dem Baumeister Antonin Polivka erbaut. Das Haus und vor allem die grandiose Fassade in ihrem vom Jugendstil angehauchten Neobarock wurde von dem Architekten Josef Pospišil entworfen, der in seiner Zeit zu den gefragtesten Architekten in Europa gehörte. (DD)


Ministerium mit Skulpturenvielfalt

Im Norden der Altstadt, ganz nahe am Moldauufer überragt das Gebäude des Ministeriums für Industrie und Handel (Ministerstvo průmyslu a obchodu) das gesamte Umfeld. Das Ministerium hat sich zweifellos einen Prachtbau gegönnt.

Die Bauarbeiten dafür wurden 1928 begonnen und der Bau war so aufwendig, dass man das für 1931 geplante Datum der Einweihung nicht einhielt, sondern erst 1934 damit fertig wurde. Das kümmert heute niemanden mehr, denn die Schönheit blieb. Hatte die Erste Republik bei ihren Repräsentationsbauten normalerweise einen Hang zum Modernismus, so wirkt das Gebäude, das der Architekt Josef Fanta, der vorher schon den Hauptbahnhof gestaltet hatte (früherer Beitrag hier), auf den ersten Blick eher konservativ. Im Kern handelt es sich um einen Neorenaissancebau, wie er Ende des 19. Jahrhunderts in Prag en vogue war, und man entdeckt erst beim näheren Hinsehen modernere Architekturelemente, etwa bei Fenstern im Erdgeschoss.

Aber dann schweift der Blick nach oben. über den noch konventionell mit Statuen beschmückten Mittelrisalit befindet sich die kuppelförmige Dachlaterne. Die hat Fanta stilistisch gut eingepasst, aber sie ist natürlich eine (nach damaligen Verständnis) hochmoderne Glas- und Stahlkonstruktion. Nachts wird sie innen beleuchtet und entfaltet – wie man auf dem großen Bild oben sieht – dann so richtig ihre optische Wirkung.

Die Grundform des Gebäude mit der Laterne war eigentlich gar keine so avantgardistische Idee mehr, denn Fanta hatte sich stark an den Entwurf
der berühmten Produktausstellungshalle im japanischen Hiroshima orientiert. Dieses Gebäude wurde 1915 von dem böhmischen Architekten Jan Letzel (früher Beitrag hier) erbaut. Heute nennt man es auch bisweilen die „Atombombenkuppel“, weil es das einzige Innenstadtgebäude war, das den Atombombenabwurf von 1945 strukturell überlebte, und heute eine Gedenkstätte ist. In gewisser Weise ist das Ministerium ein Abbild des japanisch-böhmischen Bauwerks in Hiroshima.

Wie dem auch sei: Auch bei der skulpturalen Ausgestaltung des Ministeriums ließ man sich nicht lumpen. Es sollen sich rund 120 Statuen am Gebäude befinden, die für ein äußerst dekoratives Erscheiningungsbild sorgen. Unzählige Bildhauer waren dabei am Werke, die bekanntesten von ihnen waren wohl Josef A. Paukert und Čeněk Vosmík.

Und man kann tatsächlich beträchtliche Stilunterschiede bei den Statuen bemerken. Eigentlich müsste man sich für die Skulpturen schon alleine ordentlich Zeit nehmen, wenn man sich das Ministerium genauer anschaut. Neben etwas süßlich daherkommenden Kinderfiguren oder Putten in Neobarock, die verspielt an kleinen Industrieanlagen hantieren, steht die streng klassizistisch konzipierte Weisheitsgöttin Athene, der wiederum jede Süßlichkeit (aber auch der Humor, der möglicherweise bei den Putten im Spiel war) fehlt. Und so entdeckt man immer wieder neue Dinge. Die meisten Skulpturen haben irgendeine thematische Nähe zu den Themen Industrie oder Handel, wie man es ja auch erwarten kann. Dazu gehört auf der Götterbote Hermes/Merkur am nördlichen Flügelder Vorderfront, der ja bekanntlich der griechische Gott der Händler und Diebe war.

2002 kam die große Moldaufllut, und weil das Ministerium so nahe am Fluss liegt, war es natürlich auch betroffen. Es gelang eine planvolle Evakuierung der Beamten, die sogar ohne großen Unterbruch in anderen Ministerien gemäß wohlorganisiertem Notfallplan weiterarbeiten konnten. Alle oberen Bauteile waren gut geschützt und blieben unbeschädigt, aber in den Keller brach das Wasser mit Wucht ein. Die Schadensbeseitigung dauerte zwei Jahre und es wurden zusätzliche Schutzmaßnahmen gegen künftige Hochwasser hinzugefügt. Hoffen wir, dass sie niemals benötigt werden. (DD)