Trauben – hoch, nicht sauer

Das Problem dieser Trauben ist wohl wirklich, dass sie zu hoch wachsen – und nicht, dass sie zu sauer sind. Man kommt ja gar nicht an sie ran, um den Geschmack herauszufinden. So wie beim Fuchs in Aesops Fabel….

Auf den Namen U Modrého Hroznu (Zur Blauen Traube) hört dieses Haus am Ovocný trh 580/2 (Ecke Havířská) in der Altstadt. Das erst im Jahr 1900 vollendete Gebäude des Architekten František Schlaffer (der sich manchmal tschechisch Šlafer schreiben ließ) unterstreicht auf archetypische Weise, was in dieser Zeit – kurz bevor der Jugendstil eine Neuerungswelle auslöste – in Sachen Architektur angesagt war: Der Rückgriff auf alte Zeiten; auch Historismus genannt. Zu den Häusern früherer Zeiten gehörten auch Hauszeichen aus Stuck, die als Erkennungsmerkmal von Häusern diente als es noch keine amtlichen Hausnummern gab.

Hausnummern gab es aber schon als dieses Gebäude entstand. Und das Haus ist lediglich Neobarock und bedient sich nur äußerlich barocker Formelemente. Drinnen ist ein modernes zweistöckiges Büro- und Mietshaus. Und ein Winzer wohnt hier auch nicht, was das nachempfundene Hauszeichen oben auf dem Giebel des Eckerkers mit den Trauben ja suggerieren könnte. Es ist hier mehr oder weniger hübsche Staffage. Stilistisch jedoch hat der Architekt sein Bauwerk gut in die zum Teil echt barocke Umgebung des benachbarten Ständetheater (wir berichteten hier) in der Altstadt eingepasst. (DD)

Gefälliger Spätjugendstil

Jugendstil – das bedeutete ursprünglich Protest gegen die historisierende Wiederholung des Immergleichen. Man sprach von Secession, der Trennnung von alten Konventionen.

Ein Beispiel dafür, wie sehr sich dieser revolutionäre Elan am Ende abnutzte und wie man wieder zu mehr konservativer Gefälligkeit fand, bietet dieses Doppelhaus in der Londýnská 575/48. Das Mietshaus verbindet eine zurückhaltenden Jugendstilornamentik mit einer an den französischen Barock angelehnten Architektur – insbesondere der Mansarde. Ursprünglich stand hier ein 1876 erbautes Haus im Stil der Neorenaissance. In den Jahren 1912/13 ließ der neue Besitzer, ein Hotelier namens Josef Beránek, das Haus durch den Architekten Jaroslav Pelc völlig neugestalten. Dadurch wurde es das, was es heute ist: Eine Mischung von Jugendstil (der damals gerade vom Kubismus als Modetrend abgelöst wurde) und Neobarock.

Nicht mehr so avantgardistisch wie sich die Pioniere der Secession des Jugendstils gedacht haben, aber durchaus originell und hübsch anzusehen, ist ds Haus. Beránek hatte übrigens gleichzeitig das Haus daneben (576/46) erworben, das er 1924 bei einer Neugestaltung des Inneren mit dem anderen Haus verband. Allerdings nahm er hier keinen grundlegenden Umbau vor, so dass Haus 576 heute einen Eindruck davon vermittelt, wie Haus 575 ursprünglich ausgesehen mag, denn beide Häuser waren ursprünglich aus „einem Guss“ gebaut worden. (DD)

Beim besten König

Die Tschechen halten ihn in gutem Andenken, ihren guten alten König Jiří z Poděbrad, auf Deutsch Georg von Podiebrad genannt. Wo sonst sollte man dafür Beweise sammeln als an jenem großen Platz in Prag Vinohrady, der nach ihm benannt ist, dem Náměstí Jiřího z Poděbrad?

Der König, der von 1458 bis 1471 Böhmen regierte, war der letzte Tscheche auf dem Thron. Zudem war er der einzige Hussit, der es zum Könistitel brachte, und damit – rund 100 Jahre vor der Reformation – der erste Herrscher, der sich von der katholischen Kirche abwandte. Zudem gilt er mit seinem Friedensmanifest von 1462 als der erste große Visionär eines vereinten Europas. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Tschechen auf ihn besonders stolz sind.

Belege findet man (nicht nur) hier an seinem“ Platz genug und wir haben hier und hier schon Beispiele genannt. Aber zu den gelungensten gehört zweifellos das vierstöckige Wohnhaus Jiřího z Poděbrad 1552/3 (Ecke Mánesova). Das Gebäude wurde in den Jahren 1909/10 durch den Baumeister und späteren stellvertretenden Bürgermeister von Vinohrady, Jindřich Břeněk, erbaut. Es trägt den passenden Namen „U naseho nejlepšího krále“ – Zu unserem besten König! Das passte zu dem damals unter Tschechen aufkommenden Nationalpatriotismus, der mehr Autonomie und Freiheit gegenüber den Habsburgern einforderte, die eben irgendwie im Gegensatz zu König Georg Fremdherrscher waren. Die entsprechende Aufschrift mit dem Hausnamen ist leider irgendwann verloren gegangen.

Während des Baus wurden anscheinend die Pläne geändert und dem Wechsel des Zeitgeist angepasst. Jedenfalls zeugt das Haus von einem ungewöhnlichen Stilmix aus Historismus (Neorenaissance) und dem damals neu aufkommenden Jugendstil. Letzterer macht sich vor allem bei den Stuckaturen bemerkbar. Die Malereien sind jedoch ganz und gar der Kunst der böhmischen Renaissance nachempfunden. Auch das war unter den Nationalbewegten der Zeit zu dieser Zeit sehr populär.

Auch ein wenig patriotisch kommt der steinerne Adler daher, der den auch im Stil der Neorenaissance gestalteten Dachgiebel schmückt. Man sieht, dass der Architekt auch an öffentlicher Architektur mit Präsentationscharakter geschult war – was man übrigen an seinen anderen Gebäuden sehen kann, etwas das Bürgerhaus (1896) in seinem Heimatort Vanovice in Südmähren.

Die optische Besonderheit, die von weitem zuerst auffällt, sind jedoch die beiden zum Platz ausgerichteten Balkone auf Höhe des dritten Stocks. Sie sind als aus Holz konstruierte Altane konzipiert, die wiederum auf dem Erker des Stockwerks darunter ruhen. Die ungewöhnliche Materialwahl und der feingliedrige Jugendstil macht die Balkone in ihren architektonischen Umfeld schon zu etwas Besonderem. Und von oben hat man eine schöne Aussicht auf den Platz. Sieht man die Blumenpracht auf dem Balkon, hat man das Gefühl, dass hier ein wahrhaft heimeliges Wohngefühl geschaffen wurde.

Aber es sind ist natürlich nicht die Balkone, die dem Haus den Namen gegeben haben, sonder der gute König Georg von Podiebrad. Seine, auf einem kunstvollen Jugendstilpodest stehende Büste befindet sich über dem ersten Stock in der Mitte der Platzfassade. Das „Portrait“ folgt – vor allem bei der Kopfbedeckung – der Darstellung auf dem Reiterdenkmal des Königs in seiner Heimalstadt Poděbrady, das 1896 von dem Bildhauer Bohuslav Schnirch errichtet wurde. Vertrauenerweckend schaut der gute Herrscher auf die Passanten herab, die unter ihm vorbeigehen. (DD)

Rüde Rudé Právo

Als der Palais gebaut wurde, befand man sich hier im Grünen. Die Stadt wuchs und wuchs. Heute hat der Palais Desfour (Desfourský palác) an der Na Florenci 1023/21 (Neustadt) das Pech, dass er ein wenig arg von Eisenbahnschienen und Autobahnzubringern eingekesselt ist. Was schade ist, denn so wurde ein architektonisches Juwel dem Vergessen und dem allmählichen Verfall überantwortet.

Es ist ein Gebäude der Kontraste. Von außen sieht man eine klassizistische Fassade, die wegen ihrer feinen Strenge wenig von dem verrät, was sich dahinter verbirgt. Die klassizistische Klarheit der Form beeindruckt um so mehr, wenn man weiß, dass sie das Werk des Architekten Josef Kranner ist. Der war als Dombaumeister des Veitsdoms bekannt und galt deshalb als Spezialist für eher verspielte Gotik (Beispiel hier). Erst bei näherem Hinschauen erkennt man die Schönheit der Fassade.

Gebaut wurde der Palais (oder besser: die Stadtvilla) in den Jahren 1845 bis 1847 von dem in den Adelsstand erhobenen Industriellen Ritter Albert Freiherr Klein von Wisenberg, der es aber noch während der Bauarbeiten an seinen Ko-Unternehmer in diesem Projekt verkaufte, dem Landbesitzer und Politiker Franz Vincenz Graf Des Fours Walderode zu Mont und Athienville. Der gab dem Haus dann auch den Namen – jedenfalls in Kurzfassung…

Ein Teil des dreistöckigen Hauses diente fortan als gräfliche Wohnung, der Rest wurde vermietet. 1878, neun Jahre nach dem Tod des namensgebenden Grafen, verkaufte dessen Witwe das gesamte Anwesen – Palais samt dem dazu gehörenden Garten. Damit begann der Abstieg des Hauses, das nunmehr ausschließlich Mietshaus war und auch bald nicht mehr so recht im Grünen lag, sondern neben lauten Eisenbahngleisen. Aber irgendwie ging es weiter. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen die Kommunisten an die Macht. Das bedeutete selten etwas Gutes für architektonische Kulturschätze. Und so war es auch in diesem Fall. Langsamer Verfall setzte ein.

Der wurde noch einmal beschleunigt, als 1951 der neue Inhaber erst einmal das hübsche Gewächshaus im Garten abriss. Es handelte sich bei dem Besitzer um die Redaktion und Verwaltung des kommunistischen Zentralorgans Rudé Právo (Rotes Recht). Mit der Inneneinrichtung ging Rudé Právo recht rüde um. Leitungen wurden durch Stuck gebrochen, Kabel verdrahteten die Räume und die Hässlichkeit der Einrichtungsgegenstände, die wahllos eingebaut wurden, besticht schon irgendwie auf eigene Art – hier ein Ofen und ein Telefon (beides vermutlich aus den 1970er Jahren) als Beispiele.

1983 wurde gar der ganze Westflügel abgerissen, um Platz für die Druckerei von Rudé Právo zu machen. Die wurde übrigens 1989 fertiggestellt und konnte eine Ausgabe des Blatts drucken. Dann kam das Ende des Kommunismus und damit das Ende der Rudé Pravo. Die Zeitung existiert – losgelöst von der Kommunistischen Partei – als unabhängiges linkes Presseorgan unter dem Namen Právo weiter, aber wesentlich kleiner als das Vorgängerblatt. Deshalb war der Palais Desfour zu groß und man residiert heute etwas außerhalb in kleineren Räumlichkeiten. Aber die Schäden im alten Gebäude blieben – bis heute.

Und seit den 1990er Jahren steht das Gebäude leer. Der alte Park hinter dem Haus wurde gestalterisch den luxuriösen neuen Gebäude- und Bürokomplexen der Umgebung zugeschlagen. Er wurde rundum erneuert, aber eben nicht mehr passend zum Stil des Palais‘. Immerhin – eine kleine Ruhezone inmitten der Stadt ist hier entstanden. Aber für das Haus schienen sich weder Käufer noch Nutzungsmöglichkeiten finden. 1995 erbarmte sich die Stadt selbst und das Gebäude wurde in deren Besitz überführt. Zu einem Aufleben der alten Pracht hat das aber seither noch nicht so recht geführt.

Wie traurig das ist, kann nur erahnen, wer einmal drinnen war. Das Haus wird leider nur selten für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Gelegenheit zur Besichtigung bietet sich bisweilen bei dem Tag der offenen Tür für historische Gebäude, hier Open House Praha genannt. Bei der Gelegenheit wurden im September 2020 die Photos hier geknipst. Trotz des Verfalls und den kommunistischen Verunstaltungen kann man dann ein immer noch zutiefst beeindruckendes Bauwerk sehen. Das liegt vor allem an den farbenfohen Wand- und Deckenmalereien des Malers Karel Nacovský, die wundervoll von dem Stuckateur Ferdinand Pischelt in Stuck eingefasst wurden. In dieser Qualität sieht man selbst im schönen Prag so etwas selten.

Besonders im ersten Stock wechseln sich nachempfingen von Renaissance- und Barockmalereien ab. Die Decken sind in der Regel besser erhalten als die Wandgemälde – wohl aber nur deshalb weil sie sich möglicherweise etwas mehr außerhalb der Reichweite der Kulturschänder befanden, die hier dereinst hausten. Aber auch hier ist hoher Reparaturbedarf sichtbar. Immerhin hat die Stadt in den letzten Jahren mit der Restauration einiger Malereien angefangen. Stützgerüste sichern auch einige Deckenstrukturen vor dem Absturz. Aber das ersetzt nicht eine Vollrenovierung mit anschließender sinnvoller Nutzung.

Die sollte auch die verschiedenen Nutzungsphasen (nur bitte nicht zuviel von der kommunistischen!) präsentieren. Denn im zweiten Stock wollte man Anfang des 20. Jahrhunderts dem Neobarock bzw. der Neorenaissance des ersten Stocks eine damals moderne Note hinzuzufügen. So findet man hier auch Spuren einer hübschen Einrichtung im Jugendstil (Art Nouveau). Dazu gehört der außerordentlich hübsche von Holz und Marmor umfasste Kamin mit Spiegel auf dem Bild rechts mit seinen metallenen Schmuckgittern. Anscheinend war ein großer Teil dieser Etage völlig stimmig dazu gestaltet worden.

Das ästhetische Kernstück ist jedoch das große Treppenhaus. Es ist durch alle Stockwerke hindurch mit Marmor verkleidet. Ein Deckengemälde mit Stuck schließt es oberhalb ab. Klassische Säulen und kunstvoll geschmiedete Gußeisengeländer zieren das Ganze. Aber auch hier sind zurzeit Teile nicht begehbar und werden restauriert. Es wird Zeit, dass sich etwas tut. Immerhin: Seit 2016 diskutiert man, ob hier nicht ein Prager Archäologiemuseum als Abteilung des Museums der Hauptstadt Prag (wir berichteten) eingerichtet werden soll.

Die Planungen für den Ausbau des Hauptstadtmuseums sind allerdings gegenwärtig großen, politisch aufgeladenen Schwankungen ausgesetzt. Aber die Chancen, dass dieses sinnvolle und passende Projekt realisiert werden kann, sind durchaus gestiegen.

Man sollte sich aber beeilen. Denn es ist schade um jeden Tag, an dem der Verfall und die Vernachlässigung dieses doch recht außergewöhnlichen Gebäudes weiter voranschreitet. (DD)

Bunte Maria

Darstellungen der Heiligen Jungfrau Maria an Häuserfassaden waren in Prag um die Jahrhundertwende recht populär. Unter den vielen, die es in zu sehen gibt, ragt diese allerdings als besonders farbenfroh heraus.

Man findet sie auf dem Giebel des vierstöckigen Miets- und Wohnhaus in der Nad štolou 950/12 im Stadtteil Holešovice. Der war damals ein im Wachsen begriffener Industriestandort, an dessen Stadtrand (abseits der Fabriken) sich wohlhabende Bürger gerne niederließen. Auf jeden Fall wuchsen damals ganze Straßenzüge mit äußerst prachtvollen Wohnhäusern für das gehobene Bürgertum empor.

Dieses Haus entstand im Jahre 1906 und basiert auf den Plänen des Architekten Antonín Zámek, über den ich sonst nicht viel herausfinden konnte. Die Fassade im Jugendstil (voller barocker Zitate) ist mit vielen skulpturalen Details wie Putten, Maskaronen und floralem Girlandenschmuck versehen. Das bunte Mosaik der Jungfrau mit dem Kinde (umgeben von kleinen Engeln in den Wolken) ist jedoch zweifellos der „Hingucker“. Wer der Künstler war, der sie so liebevoll anfertigte, ließ sich bisher nicht herausfinden. (DD)

Neobarock für den Nuntius

Die Botschaft des Vatikans heißt nicht Botschaft, sondern Apostolische Nuntiatur (Nuntiatura Apostolica). Die hat in der Voršilská 140/12 mitten in der Neustadt (Prag 1) ihren Sitz. Die ruhig gelegene Straße befindet sich ganz in der Nähe des Nationaltheaters. Und auch das Gebäude kann sich sehen lassen.

Auf den ersten Blick sieht der Dietrichsteinský palác (Dietrichstein Palais) so aus, wie man es von einer katholischen Repräsenz in Prag erwartet, nämlich wie ein Gebäude aus der Zeit der Gegenreformation im Stil des Barock. Allerdings sieht es nur so aus, denn es wurde erst im Jahre 1891 gebaut und das auch nicht, um eine religiöse Botschaft zu verkörpern. Schon die Atlanten am Eingang erinnern eher an antik-heidnische und nicht an christliche Mythologie.

An der Stelle eines schon im Mittelalter errichteten Gebäudes im Besitz des Adelsgeschlechtes Dietrichstein errichtete hier der bekannte Architekt Friedrich Ohmann (wir berichteten u.a. hier) eine große Villa für den Zuckerindustriellen Matěj Valtera. Deshalb wird das Gebäude manchmal auch Valterův palác genannt. Valtera hatte 1907 eine konkurs gegangene Zuckerfabrik, bei der er zuvor gearbeitet hatte, aufgekauft und erfolgreich wieder groß auf Vordermann gebracht – was ihn zu einem reichen Mann machte, der sich solch einen Palast als Villa leisten konnte.

Ohmann war einer der Hauptvertreter des Historismus und Neobarocks in Böhmen zu Ende des 19. Jahrhunderts und orientierte sich bei dem Entwurf von Valteras Villa bewusst an den Werken des böhmischen Barockarchitekten Kilian Ignaz Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier, hier und hier). Valtera lebte hier aber nur bis 1919. Dann verkaufte er Teile seiner Firma und zog in eine neue Villa im Statdtteil Bubeneč. Gerade war auch das alte Habsburgerreich durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden und es hatte sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet. Das hatte Konsequenzen für den Palais.

Mit dem Dreissigjährigen Krieg hatte Böhmen im Prinzip seine staatliche Unabhängigkeit verloren und wurde praktisch von Wien aus regiert. Das hatte zur Folge, dass im 17. Jahrhundert sich die Nuntiatur als diplomatische Vertretung des Vatikans aus Prag zurückzog. Die Aufgaben derselben erledigte man nun in Wien. Mit der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei brauchte der Vatikan aber wieder eine Botschaft. 1919 erwarb die Kirche den Valterův palác und die Nuntiatur zog im Jahr darauf ein. Mit Ausnahme der Nazizeit 1939 bis 1945, in der man die Tschechen von slowakischen Bratislava aus betreute, blieb sie dort auch – bis heute. So weht heute über dem Portal die Fahne mit dem Wappen des Vatikanstaates, bestehend aus der Tiara und den Schlüsseln Petri, das sich auch auf einer Bronzetafel neben dem Eingang befindet.

Das Gebäude wurde 2001 renoviert und modernisiert. Der hier residierende Nuntius ist seit 2018 der amerikanische Erzbischof Charles Daniel Balvo. Die Arbeit der Nuntiatur verläuft friktionslos und professionell. Nur einmal machte sie eine Negativschlagzeite. 2018 flog auf, dass ein prominenter Arzt, der akkreditiert war und freien Zugang zum Gebäude hatte, 2011 heimlich nachts in den Räumlichkeiten einen Porno gedreht (mit ihm selbst als Darsteller im Kardinalsgewand) hatte. Es stellte sich auch heraus, dass er sich bereits vorher gewalttätig an Frauen vergangen hatte. Da die Kirche unwissend und unbeteiligt war, und das Ganze nach dem Auffliegen auch scharf verurteilte, erwuchsen ihr dadurch aber kein Skandal und keine moralische Vertrauenkrise. (DD)

Ehemalige Schulkirche

Die katholische Pfarrgemeinde im Stadtteil Nusle (Prag 4) erlangte erst 1903 ihre Selbständigkeit. Ab 1702 hatte sie noch zum benachbarten Michle, ab 1863 zur Pfarrei Vršovice gehört. Um diese Zeit war das kleine Dorf aber schon dabei, eine recht industrialisierte Stadt (erst seit 1922 ist man Teil Prags) zu werden, verbunden mit enormem Bevölkerungswachstum. Eine eigene Gemeinde mit eigener Kirche musste her.

Dazu bediente man sich einer bestehenden Kirche, der Kirche des Heiligen Wenzel (Kostel svatého Václava). Die war 1901 als Gotteshaus eines Gymnasiums im neobraocken Stil erbaut worden und wurde 1903 dann der Gemeinde übertragen. Deren Gemeindekirche im Bezirk ist sie – neben der älteren Kirche St. Pankraz (Kostel svatého Pankráce) – immer noch.

Das Gebäude in der Vladimírova 333/2 (Prag 4) brannte 1962 bei einem Brand aus und wurde 1967/68 wieder renoviert. Das Innere mutet dadurch ein wenig spartanisch an. 1997 bekam der Kirchturm eine neue, 350 Kilogramm schwere Glocke, die von der deutschen Firma Rudolf Perner gegossen wurde. Die ursprüngliche Glocke war 1942 von den Nazis für ihre Kriegswirtschaft eingeschmolzen worden.

Da das alte Schulgebäude ja noch steht, sieht die Kirche ein wenig aus, als ob sie immer noch ein Teil davon wäre – was die Außenansicht übrigens eher reizvoller macht (großes Bild oben), da beides ja ursprünglich „in einem Guss“ entworfen worden war. Allerdings hat die Schule weiterhin formell nichts mit dem Kirchenbau zu tun. Heute residiert hier übrigens nicht mehr nur ein Gymnasium (Pražské humanitní gymnázium), sondern auch eine internationale Schule, die American Academy in Prague. (DD)

Hier komponierte Smetana die Verkaufte Braut

Bedřich Smetana war nicht nur ein begnadeter Komponist, dem wir die Moldau oder die Oper Die verkaufte Braut (Prodaná nevěsta) verdanken. Er war auch eine politische Persönlichkeit, die sich für die tschechische Nationalbewegung, an der Revolution von 1848 in Prag teilnahm und sich allgemein für Freiheitsrechte einsetzte.

Nach dem Scheitern der 1848er Revolution schlug er sich noch einige Zeit mehr schlecht als recht als Klavierlehrer herum, bis ihn 1856 die politische Repression im Habsburgerreich su sehr beengte, dass er nach Schweden auswanderte, um dort Karriere zu machen. Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, kehrte er 1861 zurück. Inzwischen war er so vermögend, dass er sich 1863 ein großes Domizil mit schöner Aussicht auf die von ihm vertonte Moldau und den Burgdistrikt leisten konnte. Er zog in eine große Wohnung im Lažanský Palast (Palác Lažanských) ein, der am heutigen Smetana-Ufer (Smetanovo nábřeží 1012/2) liegt, das damals natürlich noch nicht so hieß.

Das Haus war brandneu. In den Jahren 1839/40 hatte man begonnen, das bisher recht „wilde“ Ufer des Flusses mit der prachtvollen Uferpromenade zu versehen, die wir heute kennen.

Im Kern handelt es sich bei der Hausnummer 1012/2 um ein Doppelhaus, das für die Familie der Grafen Lažany 1861-1863 von dem Architekten Vojtěch Ignác Ullmann entworfen wurde, den wir u.a. schon hier und hier kennengelernt hatten. Der Teil an der Ecke zur Nationalallee (Národní) ist neobarock gestaltet. Heute residiert hier die berühmte Kavárna Slavia (früherer Beitrag hier), die 1884 hier einzog. Aber da war Smetana nicht nur schon lange ausgezogen, es war auch ausgerechnet sein Todesjahr. Smetana wohnte hier nämlich in den Jahren 1863-1869 und komponierte dort Werke wie zum Beispiel die Verkaufte Braut (1866) oder die weniger bekannte Oper Dalibor (1868). Eigentlich verbrachte er hier die Blüte seiner musikalischen Schaffenskraft

Die schiere Größe des Anwesens ermöglichte der Grafenfamilie, das Haus zu einem Teil als eigenen Palast (daher der Name), zum anderen Teil als Mietshaus nutzen zu können. Über dem Eingang des „Smetana-Baus“ kann man noch das Wappen der Grafenfamilie Lažany bewundern.

Smetana, daran besteht kein Zweifel, ist nun einmal neben  Antonín Dvořák einer der großen Nationalkomponisten der Tschechen. Und folglich brachte man 1924 – pünktlich zum 100sten Jahrestag seines Geburtstags – eine hübsche rechteckige Plakette aus Stuck wurde über dem ersten Stock des Hauses an, die mit Goldlettern daran erinnert, dass der Komponist dereinst hier wohnte und Großes schuf (großes Bild oben). Sie ist ein Werk des bekannten Malers und Grafikers František Kysela, der sie in einem sehr würdigen und traditionellen klassizistischen Vorgaben folgenden Stil gestaltete.

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Da im Hause selbst – schon wegen der bloßen Existenz des legendären Cafe Slavia – dafür kein Platz mehr war, hat man vor kurzem in dem klassizistischen Haus daneben, dem Smetanovo nábř. 334/4, ein recht annehmbares Café und Bistro eröffnet, das den Komponisten namentlich ehrt. Es ist das das SmetanaQ, wo man unter anderem ein sehr gutes Frühstück zu sich nehmen kann, was viele Prager auch gerne tun – nicht zuletzt, weil man von hier einen wunderschönen Blick auf die Moldau genießen kann. (DD)

Palast mit Opernsängerinnen

Auf der Kleinseite wimmelt es nur so von Palästen alter Adelsgeschlechter, die im Schatten der oben auf dem Berge thronenden Burg hofften, dass ein wenig vom Ruhm der dort herrschenden den Habsburger auf sie herabfiel. Der Kaiserstein Palast (Kaiserštejnský palác) ist eines dieser Bauwerke und es ist zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské nám. 23/37) gelegen.

Franz Helfried von Kaiserstein – dessen Familienwappen oberhalb des ersten Stocks an der Fassade prangt – ließ ihn sich an dieser prominenten Stelle 1714 auf der Stelle zweier älterer Häuser erbauen. Spuren der alten Häuser finden sich noch immer im Gebäude – so so soll es einige gotische Kellergewölbe im Keller und etliche bemalte Deckenbalken aus der Zeit der Spätrenaissance im hinteren Gebäudeteil geben.

Mit der Planung des Palastes beauftragte Kaiserstein den Architekten Giovanni Battista Alliprandi, der auch den unmittelbar in der Nähe gelegenen Palais Sternberg entworfen hatte (früherer Beitrag hier). Ausgeführt wurde der Bau wahrscheinlich durch den Baumeister und Architekten Christoph Dientzenhofer (siehe u.a. früheren Beitrag hier). Beide gehörten zu den großen Meistern des böhmischen Barocks und der Barockstil prägt natürlich auch die Fassadenansicht des dreistöckigen Gebäudes.

Die Fassadenstruktur ist schlicht gehalten und nicht einmal ein Tympanon (Giebeldreieck) wurde auf dem Dachabschluss angebracht. Auf der Dachkante stehen allerdings Skulpturen, die möglicherweise ein Werk des Bildhauers Ottavio Mosto sind. Sie stellen in allegorischer Form die vier Jahrzeiten dar. Sie sind äußerlich die auffälligste Dekoration des Palastes.

Neue Besitzer kamen und vor allem drinnen wurde immer wieder umgebaut, um den Bedürfnissen der neuen Besitzer entgegenzukommen. So lebte hier unter anderem der berühmte österreichische Feldmarschall Radetzky, der seine Berühmtheit nicht nur seinen militärischen Leistungen, sondern auch der bekannten Melodie des Radetzky-Marsches verdankt.Er verbrachte seine Kindheit hier und man enthüllte später im Jahre 1859 zu seinen Ehren ein großes Denkmal, das vor dem Palast stand, aber mit der Gründung der Republik 1918 verschwand.

Vor der Denkmalseinweihung diente des Gebäude als Hotel und gehörte einem gewissen Václav Petzold, weshalb es eine zeitlang nicht mehr Kaiserstein Palast hieß, sondern U Petzoldů (Bei Petzold). Berühmter als Petzold selbst war aber seine Frau, Marie Petzold-Sitt. Die war ein Star der Opernbühne und durfte zum Beispiel bei der Uraufführung von Smetanas Oper Der Kuss die Hauptrolle singen. Danach ging es geschäftsmäßiger zu. 1845 zog hier für einige Zeit der Tschechische Sparkasse (Česká spořitelna) ein, die das bisher barocke Interieur in ein klassizistisches umwandeltn ließ – was dem damaligen Trend entsprach. Einige Spuren davon finden sich immer noch im Gebäude, etwa die bronzenen Statuen im Treppenhaus, die verschiedene Allegorien auf Gewerbe und Wissenschaft (kleines Bild links) darstellen.

In den Jahren 1908 bis 1914 kam aber wieder die Opernkunst zum Zuge. In dieser Zeit wohnte hier die damals bekannte Opernsängerin Ema Destinnová. Die war in ihrer Zeit ein solcher Weltstar, dass sie 1904 sogar mit dem legendären Enrico Caruso singen durfte, der sich angeblich in sie verliebte und (erfolglos allerdings) um ihre Hand anhielt. Eine bronzene Büste des Bildhauers Jan Simota aus dem Jahre 1978, die unten an der Fassade angebracht ist, erinnert an sie.

Zu dieser Zeit – genauer gesagt: bereits 1977 – hatten die Architekten Zdeněk Pokorný und Jaroslav Bělský einige der Änderungen der Sparkasse rückgängig gemacht und das Innere des Gebäudes, das 1964 unter Denkmalschutz gestellt worden war, wieder an seinen ursprünglichen barocken Zustand angenähert. Dazu gehört vor allem die Wiederherstellung der Arkaden vor dem Gebäude, deren Bögen im 19. Jahrhundert geschlossen worden waren.

Und neobarocke Stuckaturen prägen heute den allgemeinen Eindruck des Ganzen, der harmonisch durch einige Teile der klassizistischen Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert ergänzt wird. Dazu gehören insbesondere die etlichen wunderschönen Kachelöfen, von denen man ein Beispiel auf dem kleinen Bild rechts sehen kann.

Nach dem Ende des Kommunismus übernahm die Tschechoslowakische Industrie- und Handelskammer eine zeitlang den Palast. Heute fungiert es vor allem als stilvolles, aber modernes Konferenz- und Veranstaltungszentrum, das immer noch ein wenig den Geist des einstigen Adelspalastes atmet. In einer Konferenzpause kann man sich auf den kleinen von zierlichen Gittern geschmückten Balkon über dem Erdgeschoss begeben und den Ausblick über den schönen Platz des Kleinseitner Rings hinauf auf die Burg genießen. (DD)

Schriftsteller und Lehrer

Vinohrady (Prag 2) war vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie ein Literatenviertel. Jaroslav Hašek oder die Brüder Karel und Josef Čapek sind nur einige der großen Namen, die man mit diesem Stadtteil verbindet. Einer der heute weniger bekannten, aber damals sehr angesehenen Schriftsteller, der hier wohnte, war Karel Václav Rais.

An zwei Orten erinnert man sich bis heute seiner. In der Čermákova 1154/3 befindet sich das Haus, in dem er im Juli 1926 starb. Eine Plakette mit Büste, die von dem Maler und Bildhauer Antonín Bílek, dem Bruder des ungleich bekannteren Bildhauers František Bílek, über den wir bereits hier berichtet haben, im November 1928 geschaffen wurde, befindet sich auf Höhe des ersten Stocks. Das Haus selbst, in dem Rais seine letzten Jahre verbrachte, wurde 1901/02 von dem Architekten Antonín Polívka im Neo-Barockstil erbaut und wird Dům U Matky Boží (Haus der Gottesmutter) genannt.

Eine Marienstatue mit Jesuskind in einer mit einem Baldachin überdeckten Nische ist auf Höhe des 2. Stocks über der Büste von Rais angebracht. Sie hat dem Haus wohl den Namen eingebracht. Sie ist passend zum neobarocken Stil des Hauses gehalten. Der Bildhauer ist nicht bekannt.

Und noch ein Gebäude erinnert an Rais, nämlich eine Schule. Rais gehörte nämlich zur literarischen Schule des Realismus. Seine manchmal hoch dramatischen Romane und Geschichten, drehten sich oft um familiäre und und soziale Spannungen. Viele spielen im böhmischen Bergland. Gleichzeitig hatte er eine Ader für das Didaktische, das sich in einigen lehrreichen Jugendbüchern niederschlug.

Das verwundert nicht, denn Rais war auch Lehrer in Vinohrady. Von 1887 bis 1899 arbeitete er am Mädchen-Gymnasium an der Šumavská 920/37, das heute ein Kindergarten ist. Das Gebäude wurde 1896/97 von dem Architekten  Antonín Turek (siehe auch hier) im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Plakette, die den Schriftsteller im Seitenprofil zeigt, wurde dort 1929 angebracht. Sie wurde vom Bildhauer Karel Pokorný gestaltet (siehe auch hier) und trägt den seinem realistischen Anliegen entsprechenden Wahlspruch Rais‘: Já vždycky s lidem – Ich bin immer mit den Menschen. (DD)